reprise wegen spam-belastungen der alten version

eigentlich wollte ich auf eine stange ins berner bierhübeli. ich war schon seit jahren nicht mehr in dieser quartierbeiz an einer ausfallstrasse richtung mittellandautobahn.


das bierhübeli 2007: von aussen teil der alternativkultur in der berner länggasse, von innen ein feines musiklokal (foto: stadtwanderer, anclickbar)

rat statt tat

gerne hätte ich im bierhübeli in meinen vergangenen erlebnissen geschwelgt. zum beispiel in jenen zu den einladungen von jürg steiner, berner politikwissenschafter, der nach chapel hill ausgewandert war, um dort als professor für european politics zu lehren, im sommer aber an der berner uni die studentInnen des gleichen metiers fachlich unterhielt. denn wenn seine seminare abgeschlossen waren, ging er mit seinem schützlingen am liebsten ins bierhübeli, sass mit ihnen im biergarten, erzählte über gott und die welt sowie über konflikt und konkordanz: mit einer arbeit über das gütliche einvernehmen in der schweiz war er seinerzeit in mannheim habilitiert worde. gnägi ruedi, der berner bundesrat aus den reihen der svp, schrieb, als er noch jungpolitiker war, das vorwort zu jürgs studien. sich zuerst beraten, bevor man handelt, war und ist das motto des angesehenen wissenschafters gewesen und geblieben.

doch mit meiner stange im bierhübeli war heute nichts. in der gartenbeiz konnte man der kälte wegen nicht sitzen. und man wäre auch nicht bedient worden. denn das bierhübeli ist heute kein normales gasthaus mehr; es ist ein konzertlokal. bier gibts nur noch für die clubmitglieder, welche die jazz- rockkonzerte im umgebauten haus besuchen.

von der bgb- zur svp-hochburg

oder für jene spitzenpolitiker, die hier am 24. november 2007 den 90. geburtstag ihrer politischen partei feierten. denn im bierhübeli gründete ruedi minger in den kalten kriegstagen des november 1917 seine berner bauern- und bürgerpartei. gegen die kapitalistische rechte sollte sie sich wenden, genau so wie gegen die sozialistische linke. eine zentrumspartei sollte sie sein, welche die interessen und das weltbild des mittelstandes in die politik einbringen sollte.

und wie sie das machte! bald schon war man regierungspartei im kanton bern und wenig später sass minger rüedu, wie er hierzulande genannt wird, im bundesrat. bis heute ist für für zwei sachen bekannt: die wehranleihe zur aufrüstung der schweiz zum 2. weltkrieg, die er durchbrachte, und die witze, die er über sich selber erzählte und die bis heute noch kursieren.

1971 fusionierte man die deutschschweizerisch gewordene bgb mit den bündner und glarner demokraten zur svp. in den 80er jahren stieg dann der zürcher flügel mächtig auf und machte dem berner konkurrenz. geführt wurde er vom milliardär christoph blocher, als fähiger industrieller bewundert, als querulant in der wirtschafts- und politikelite geachtet und geächtet.

doch dessen politik war das gegenteil von dem der bgb-ler von altem schrot und korn.

. man ist nicht mehr in der mitte, aber ganz rechts.
. man kümmert sich nicht mehr um wechselwähler, aber um neuwählende.
. man verdeckt keine probleme mehr, man benannte sie. man bemühte sich nicht mehr ausgewogenheit, sondern um vereinfachung.
. man hat keine politischen partner mehr, sondern feindbilder.
. man geht nicht mehr mit würde mit den instititionen um, sondern verhöhnte sie.

und man hatte damit erfolg. zur wählerstärksten partei des landes ist man so von 1991 bis 2003 avanciert, und 2007 legte man gleich nochmals zu.

an der jüngsten geburtstagfeier hatte die svp noch zwei bundesräte: christoph blocher aus zürich, justiz- und polizei bestimmend, sowie samuel schmid, der herr der schweizer generäle. beide lauschten im bierhübeli den worten von parteipräsident ueli maurer. sein sekretär fasste diese für die öffentlichkeit pointiert zusammen: man habe die svp als lebendige volksbewegung gelobt, die damals wie heute gegen das marode gewordene politsystem kämpfe, speziell gegen die sich liberal gebärdenden machtparteien. und daraus habe sich das parteiverständnis von heute ergeben:

. programm vor posten,
. prestige vor privilegien.

wer das aufgeben würde, verrate die partei und verliere seine wählerInnen. und die seien das mass aller dinge: „Ein Sitz im Bundesrat hat keinen Wert an sich; er ist eine Möglichkeit, unsere Politik besser umzusetzen. Das aber ist nur mit den richtigen Personen möglich. Und genau diese richtigen Personen haben wir nominiert. Wird unseren Kandidaten die Wahl in die Landesregierung verweigert, geht die SVP in die Opposition.“

von der regierungs- zur oppositionspartei

62 nationalräte zählt die svp heute, 7 ständeräte kommen dazu. diese hat die partei nun auf den oppositionskurs eingeschworen. allerdings unter zahlreichen kompromissen wie es scheint: man darf in den kommission bleiben, in denen man war, als man nicht opposition war. man darf sie sogar präsidieren, und man darf auch den nationalratspräsidenten in seinen reihen wissen. aber man muss oppositionell denken. in den zentralen fragen gibt es kein pardon mehr:

. die steuern müssen gesenkt werden, gebühren und abgaben soll, wo möglich, verschwinden; die sanierung der öffentlichen finanzen soll nur ausgabenseitig erfolgen;

. für eine neutral, unabhängige und souveräne schweiz muss man einstehen, die eigenen volksrechte dürfen durch kein völkerrecht beschnitten werden;

. mehr sicherheit muss man schaffen, indem man asyl- und sozialmissbrauch konsequent bekämpft, kriminielle ausländer ausschafft und schweizer wertvorstellung verteidigt.

mit diesem kompromiss zwischen ämtern und positionen hat man die parteispaltung, die selbst ueli maurer vor einigen tagen für möglich hielt, vermieden. nicht vermieden hat man dagegen den bruch mit dem bundesrat: von den beiden eigenen regierungsmitgliedern, samuel schmid und eveline widmer-schlumpf, glaubt man in den svp-reihen zu wissen, dass sie das nicht lupenrein tun. deshalb hat man das scherbengericht über sie eröffnet und sie in die neue fraktion gar nicht erst aufgenommen. und folgert daraus munter: da die svp-fraktion im bundesrat nicht mehr vertreten ist, muss man den wählerauftrag in der opposition erfüllen. man wird das geschlossen als partei und fraktion tun; untergruppierungen, die zu den bundesrätInnen kontakte aufrecht erhalten oder knüpfen, braucht man nicht.

60 der 63 fraktionsmitglieder sind heute dieser neuen stossrichtung gefolgt. bis am 1. märz will man die 85’000 mitglieder schrittweise auf die neue strategie einschwören. keine zweifelt, dass das nicht gelingt.


hier und heute kein bier: rückkehr in die stadt mit bernmobil … (foto: stadtwanderer, anclickbar)

tat statt rat

eigentlich wollt ich heute nur auf eine stange ins bierhübeli. ich wollte mich ein wenig an die atmosphäre der konkordanzseminare von jürg steiner erinnern. doch die kommt nicht mehr so schnell auf. musik statt politik, ist das motto im bierhübeli. und: tat statt rat, heisst es im generalsekretariat der svp, zweimal um die ecke des bierhübeli.

da habe ich heute gar nicht gefragt, ob ich eine stange bekomme. ich beschliesse, den 11er bus von bernmobil zu nehmen und in der stadt meinen durst zu löschen.

stadtwanderer


Comments

No Comment

  1. honigbaerli on Februar 15, 2008 15:39

    Ja so is es heute leider…so richtige beizen wo man eine stange trinken kann gibts nur noch wenige!
    Aber ich glaube die zeiten kommen auch wieder!
    honigbaerli.blogspot.com

Name (required)

Email (required)

Website

Speak your mind