ich war diese woche sehr viel unterwegs. stadtwandern, berufsreisen, präsentationen und tagungen lösten einander nahtlos ab. eine wortvariation ist mir dabei an den verschiedenen orten immer wieder begegnet. ein semantischer und historischer wochenrückblick!

schlacht von geltwil im sonderbundeskrieg von 1847: ausdruck des radikalen politikverständnisses und voraussetzung für den heutigen sonderbund

schlacht von geltwil im sonderbundeskrieg von 1847: ausdruck des radikalen politikverständnisses und voraussetzung für den heutigen sonderbund

radikal
den deutschen intellektuellen sei der diskurs der berner liberalen ungenügend gewesen, habe ich am dienstag während der stadtführung gesagt. gemeint war die weiterentwicklung des liberalen gedankenguts in den 1830er und 1840er jahren durch die deutschen professoren an der neu gegründeten berner universität. ihnen ging es nicht nur um handels- und gewerbefreiheit. ihnen genügte es auch nicht, der reaktionären elite eine liberale gegenüber zu stellen. radikal nannten sie ihr programm, weil sie einen umbau der gesellschaft wollten. der soziale wandel, schnell und abrupt, war ihr ziel. denn aus der feudal-aristokratischen gesellschaft sollte endlich eine bürgerlich-demokratische werden. die kleinräumigkeit des handelns sollte durch die grosszügigkeit des wissens abgelöst werden. der diskurs der politik sollte nicht für das volk, sondern mit dem volk geführt werden.
dieses programm war anspruchsvoll, und seine umsetzung war nicht ohne hefitgen widerstand. selbst wenn sie nicht vollständig gelang und der freisinn von 1848 ein mix aus liberalen und radikalen ideen war: die radikale bewegung in der schweiz war es, die entscheidendes zum werden des bundesstaates beitrug. sie war es, welche die einzig erfolgreiche staatsgründung während des revolutionsjahres 1848 vorbereitet, den sonderfall schweiz begründete. das hat dazu geführt, dass der begriff „radical“ bis heute akzeptiert ist. die welschen freisinnigen (les radiacaux“) wollen bis nicht darauf verzichten, selbst wenn sich die fdp schweiz von ihrer eigenen geschichte distanziert.

radikalisierung
dem wortstamm bin ich diese woche in einem workshop begegnet. es ging nicht um geschichte, sondern um zukunft. verhandelt wurde die frage, was für globale entwicklungen experten erwarten und wie sich das auf die schweiz auswirken könnte. bisher unbekannte migrationen und neue religionen waren beispielhafte stichworte dazu. ein teilnehmer meinte, er gehe davon aus, dass sich angesichts solcher veränderungen des politische diskurs noch mehr als bisher radikalisieren werde.
was war damit gemeint? symptomatische veränderungen sind heute schon, das der der respekt vor dem gegenüber schweindet. vorstellungen des andern dominieren, nicht selbstbilder. die vorurteile legitimieren nicht selten verbale gewalt. gewisse medien (auch blogs) multiplizieren diese tendenzen, ohne dass ein ende der entwicklung bereits jetzt sichtbar wird. das löst zukunftsängste aus!
bemerkbar macht sich, dass der scwheizerische pragamatismus an bedeutung verliert, dafür die klar bekundete überzeugung wichtiger wird. polarisierungen waren seit der ewr-debatte angesagt, und sie haben unversöhnliche ideologische ausrichtungen wie den nationalkonservatismus oder den linksliberalismus zum ausdruck gebracht.

radikalismus
diese woche war in meinem umfeld auch von radikalismus die rede. es war wieder auf meiner stadtführung für medienschaffende. unsere teilnehmenden aus taiwan hatten schwierigkeiten, sich vorzustellen, was in der schweiz des 19. jahrhunderts geschah. radikal, wie oben besprochen, bedeutet efür sie unmittelbar gewalttätig.
das ist auch nicht ganz falsch. denn radikalismus wird häufig mit extremismus gleichgesetzt. und für den extremismus ist konstitutiv, dass er gewalt befürwortet oder seine anwendung auf bestimmte ob- oder subjekte toleriert. die juristische grenzen, die im rechtstaat gewalt von bürgern untersagen und ein gewaltmonopol des staates stipulieren, gelten dabei nicht mehr trennscharf. es werden auch die moralischen standards, welche die meisten gesellschaften hierzu haben, abgebaut. die enttäuschung, die wut, die angst sind die emotionalen basen der politik, welche den extremismus begründen, bei dem die physische gewaltanwendung möglich wird.

die radikale wurzel des schweizerischen bundesstaates
auch der liberale radikalimus aus der mitte des 19. jahrhunderts kannte seine zu gewalt als politischem mittel. die antworten blieben durchaus verschieden. ein teil befürwortete gewalt, um überkommende gesellschaftliche verhältnisse abzuschaffen. andere waren friedlicher eingestellt, wollten keinen militärischen sieg, sondern einen politischen.
ausgangspunkt hierfür waren die auseinandersetzungen nach der liberalen französischen revolution von 1830, während der die bourbonen gestützt und durch den bürgerkönig abgelöst wurden. den gemässigtere genügten in der folge die neuen verfassungsrechte und das zensuswahlrecht. die radikaleren wiederum kritisierten genau das, denn für sie ging es um die ablösung der feudallasten und die einführung eines allgemeinen (männer)wahlrechtes.
genau diese diskussion fand in der schweiz nach den 1830er umstürzen in den regenerierten kantonen statt. der sich radikalisierende diskurs in den 1840er jahren führten schliesslich in den freischarenzügen zu unkontrollierter gewaltanwendungen mit politischen zielen, zu antiliberalen reaktionen im katholischen milieu und schliesslich zum sonderbundeskrieg.
so werflich dieser bürgerkrieg war: er war der befreiungsschlag, der den freisinnigen bundesstaat erst ermöglichte! das ist mir diese woche bei den begriffsrekonstruktionen wieder klar geworden.

stadtwanderer


Comments

7 Comments so far

  1. mischa on Oktober 3, 2008 12:48

    @ stadtwanderer

    wie war das mit dem zensuswahlrecht in frankreich. wer durfte stimmen und wer nicht. wie wurden die stimmen gewichtet gab es da unterschiede?

    spricht man in der schweiz auch von einem zensuswahlrecht bis zu der zeit wo dann auch die frauen das stimmrecht erlangten?

    danke

  2. stadtwanderer on Oktober 3, 2008 19:51

    zensuswahlrecht bedeutete, dass nur bürger, die steuern (zensus) bezahlten, zur wahl zugelassen wurden. faktisch schloss das die arbeiterschichten vom wahlrecht aus. zu den radikalen forderungen der damaligen zeit gehörte, was wir heute noch als slogan kennen: ein mann – eine stimme.
    in der schweiz gab es zwar das zensuswahlrecht nicht, doch waren die armengenössigen von der wahl ausgeschlossen. bis der wirtschaftliche aufschwung mit der industrialisierung kam, konnte das beträchtliche anteile der bevölkerung betreffen, sodass nicht die schweizerInnen, auch nicht die männer unter ihnen, sondern nur die nicht armengenössige politisch entscheiden durften.
    1848 beispielsweise hatten rund 440000 das wahlrecht, weniger als die hälfte der erwachsenen männer mit bürgerrecht.

  3. Mischa on Oktober 3, 2008 22:19

    zählst Du das alls faktisch zu einer demokratie? was hiess damals armengenössig, ohne job und ohne familie? hättest Du mir vielleicht ein literaturhinweis? letzte frage, wo waren die frauen als erstes wahlberechtigt?

    entschuldige aber da habe ich ein thema wo ich wohl in der schule geschlafen habe oder welches nie zur sprache kam! danke Dir.

  4. Titus on Oktober 3, 2008 23:03

    Die Frei-sinnigen und les radicaux geben zusammen doch die freien Radikalen, oder? 😉

    Spass beiseite: Jetzt hat mir endlich jemand erklärt, weshalb die Romands immer noch diesen Begriff verwendet, der 1:1 übersetzt so gar keinen Sinn mehr machte mit der heutigen Politik. Danke, lieber Stadtwanderer.

  5. walko on Oktober 5, 2008 21:58

    „Jeder weitere Tag mit Schmid an der VBS-Spitze ist ein verlorener Tag“.

    diese radikale aussage an der svp-versammlung in lenzburg von ulrich schlüer (nr/zh)geäussert, zeugt von intoleranz gegenüber andersdenkenden, respektlosikeit und „personen bezogenem politstil“.

  6. stadtwanderer on Oktober 5, 2008 22:50

    ein wenig kenne ich schmid ja, und er sagt zu solchen situationen immer das gleiche.
    das ist nicht mehr die schweiz. ich muss das deshalb ablehnen.

  7. walko on Oktober 6, 2008 16:12

    innere distanz zu äusseren konflikten, eine wichtige voraussetzung, krisen bewältigen zu können.

    p.s.
    u. schlüer (ex-nationalrat)

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