lob der wildsau!

Mai 22, 2008 | 12 Comments

wohin auch immer ich heute trat: ich suhlte mich in herumliegenden gratiszeitungen. nicht nur 20 minuten lang. nicht nur zur besten news-zeit. und auch nicht nur, um in der schweiz mal einen punkt zu setzten. und alle hatten sie ähnliche titel. von wildsäuen war die rede. doch wie lieblos wurde da berichtet. wie kenntnisschwach waren die texte! gerade so, dass ich mich zu einem exkurs in der soziobiologie der wildschweine-wildsäue veranlasst sehe.

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migrationshintergründe

was oft verschwiegen wird: viele der heutigen wildschweine-wildsäue haben migrationshintergrund. früher einmal, da waren die urchigen tiere in fast ganz eurasien verbreitet. dann kam es überall zur verstädterung der gegenden, zur intensiviereung der landschaften, und die verbreitung der wildschweine-wildsäue ging fast überall zurück. nicht zuletzt weil auch andere grosstiere ihren lebensrau zu bedrängen begannen.

was nun alle wissen: die tiere sind intelligent und standhaft! wildschweine-wildsäue können sich wehren, denn auch sie sind gross und stark. wer sie ernsthaft bedroht, kann schon mal ihre hufe zu spüren bekommen.heute erobern sie verloren geglaubte territorien auf dem ganzen kontinent zurück: bis in die hauptstädte europas dringen sie vor!

man hat wildschweine-wildsäue jüngst in berlin gesichtet, und neuerdings trifft man sie regelmässig auch in bern an. in zahlreichen städten entdeckt man dieser tage ihre spuren. die wildschweine-wildsäue-zählerInnen gehen schon von einigen tausend exemplaren – nur im deutschsprachigen raum – aus. verunsicherten stadtregierungen diskutieren denn auch schon intensiv, ein striktes fütterungsverbot für die wildschweine-wildsäue zu erlassen.

in den weltoffenen vereinigten staaten werden wildschweine-wildsäue gar aktiv eingebürgert. sie sollen andere, vom ausstreben bedrohte tierarten stärken! sie mischen sich schon ganz toll, und neuartige rassen entstehen, sodass die wildschwein-wildsäue-hüterInnen immer wieder unterarten entdecken und registrieren müssen. ein buntes treiben ist das!

man stelle sich nur vor, das würde auch hierzulande schule machen: mischlinge, die sich verbreiten würden, gingen ja noch. doch könnten auch abartige wesen entstehen, verunglückte wildschweine-wildsäue-klone, die alles traditionelle berohen würden wehret den anfängen, höre ich da schon lauthals rufen!

gegen schlammschlachten gefeit

man vergesse nicht: wildschweine-wildsäue sind ausgesprochen überlebensfähig. selbst dort, wo die erde karg ist, finden sie nahrung. denn sie können, besser als alle anderen tiere, selbst härteste böden knacken. mit ihrem kräftigen gebiss sind sie sogar in der lage, kokosnüsse aufzubrechen. kein widerstand ist ihrer ungebändigten kraft zu hart. und wenn es um wildschweine-wildsäue mal so richtig kalt wird, stellen sie ihr fell, und legen sie ein wenig schutzspeck an. bis dass der sturm vorbei ist!

schlammschlachten jeglicher art können wildschweinen-wildsäuen nichts mehr antun. denn sie haben gelernt, damit umzugehen: je mehr schlamm, desto hartnäckiger werden sie! sie suhlen sich darin, sie lassen ihn trocken werden, denn dann schützt er am besten vor unliebsamen sticheleien lästiger insekten. und wenn deren saison dann wieder vorbei ist, reiben sich die wildschweine-wildsäue an bäumen, um den dreck zu entfernen. frisch geputzt machen sie sich dann zu neuen taten auf.

unterschiede zwischen wildschweinen und wildsäuen

wildschweine – und jetzt spreche ich ganz bewusst nur von ihnen – lieben männchenkämpfe. wo auch immer sie beute wittern, ergeben sich ausgiebige hierarchiekämpfe. denn wildschwein kennen überläufer. das sind solche, die meinen, zum zuge zu kommen, bevor sie etwas für die gemeinschaft geleistet haben. verhindert werden muss solches in der wildschwein-gesellschaft!

das imponiergehabe der männchen ist schon fast ein ritual. man scharrt mit den hinterbeinen, und man wetzt den kiefer! eckzähne werden gezeigt, ober- und unterkiefer werden zugeschlagen, sodass es fürchterlich kracht. und es werden die borsten am kamm gestellt, bis sich jeder im weiteren umkreis vor dem angreifer fürchtet. wenn zwei spitzen-männchen miteinander rivalisieren, kann nur einer überleben. ihr schulterkampf ist unerbitterlich. selbst vor blutigen verlusten schrecken sie nicht zurück. denn die schlacht setzt sich solange kompromisslos fort, bis einer aufgibt, freiwillig flüchtet oder ausgestossen werden kann!

wildsäue – und auch da sprechen ich bewusst nur von ihnen – sind da besonnener. sie denken weniger an sich. vielmehr ist ihnen die zukunft ihrer art wichtig. sie bauen sorgfältig ihr nest und schauen darauf, dass die sonne es wärmt. wenn wildsäue werfen, gibt’s gleich viele. sieben ist die regel! die aufzucht erfolgt dann in mutterfamilien. bisweilen bleiben die wildsau-töchter bei der mutter, auch wenn sie selber nachwuchs haben. in dieser einzigartigen form des aufkommenden wildsau-matriarchats haben wildschweine nichts mehr zu suchen. begegnen sich verschieden wildsau-mutterfamilien, wahren sie respekt voreinander! denn ihr gemeinsames fortkommen ist ihr lebensziel. und genau das lob ich mir hier!

stadtwanderer


Comments

12 Comments so far

  1. stadtwanderer on April 13, 2007 08:53

    ein onomastiker oder namensdeuter bin ich nicht! in fragen der ethymologie bin ich einfach zu wenig bewandert …
    jürgen udolph, der leipziger professor hierfür, hat da die massstäbe gesetzt, und er ist auch ganz populär geworden damit. siehe google.
    ich habe da nur begriffen, dass im wort „ethymologie“ die „lehre des wahren“ steckt, ethymologen demnach eigentliche „wahr-sager“ sind! und das bin ich ja auch nicht!
    was in ihrem falle wahr ist, weiss ich also nicht. ich weiss nur, wie payerne zum namen peterlingen kam. seine bedeutung als regionalzentrum erhielt payerne im 10. jahrhundert durch die klostergründung, die von kaiserin adelheid und könig konrad von burgund ausging. wer das gebiet zwischen lausanne und solothurn, aare und lac léman sowie alpen und jura beherrschen wollte, der musste in der folge payerne haben. das wusste auch kaiser konrad II., der erste aus dem hause der salier, der nach dem aussterben der rudolfinger das königreich burgund formell erbte, faktisch aber annektierte. das geschah in einem krieg, der 1032 ausbrach und bis mitte des 11. jahrhunderts mottete, und der die seeland-region arg verwüstete. payerne avancierte, nachdem neuenburg, murten und avenches weitgehend zerstört worden waren, zum eigentlichen statthalter des kaisers im transjuranischen hochburgund. kaiser konrad II. liess sich das auch was kosten: er wurde nicht nur in payerne zum träger der burgundischen krone erhoben; er liess auch die heute noch stehende, romanische kirche payernes nach dem vorbild von speyer bauen.
    und er nannte, als vertreter der ersten „deutschen2 kaiserdynastie payerne fortan peterlingen.
    das ist, wortmässig, der ort, wo die leute des peters wohnen.
    wie man aber im 11. jahrhundert auf peter kam, und ob die leute, die da wohnten, bald alle peterlinger waren, weiss ich, wie gesagt, nicht. und freihändlig zitieren kann ich im moment auch nichts. ich werde mich aber bemühen, ein wenig umherwandern in der onomastischen literatur …

  2. Herr von Bern on Mai 22, 2008 13:55

    Eine schöne Geschichte ist das, die sie uns da erzählen, Herr von Stadtwanderer.
    Darf man sie weiterreichen?
    HvB

  3. stadtwanderer on Mai 22, 2008 16:27

    klaro, blogs sind doch dafür da!

  4. bidu on Mai 23, 2008 00:30

    stärnsmoore verrockt beni gsi woni das ghöört han. u das söu e ma us gottes cheuche si. es grosses froogezeiche mach i do. am beste wörde me dä typ grad ir waldau abgää. deet chönt er dä ämu niemertem mee schade.
    dömmer goots nömmer herr pfarrer.

  5. Honigbaerli on Mai 23, 2008 12:13

    für den Herr Pfarrer ist die Waldau nicht zuständig da muss er schon in die Klinik Rheinau oder ins Burghölzli eingelifert werden..ist mir auch lieber dafür möchte ich ja nicht bezahlen und den dann noch immer anschauen zu müssen(ich wohne in Bolligen) das muss ich auch nicht haben!!

  6. litscher on Mai 23, 2008 12:34

    Danke für diese sehr schöne Aufarbeitung des Themenkreises. Chapeau. Nach der Lektüre könnte man gerade den Eindruck gewinnen, der Pfarrer Geri mache Frau EWS das grösste Kompliment…

    Viele Grüsse

  7. stadtwanderer on Mai 23, 2008 17:33

    liebe leute
    herzlichen dank für eure worte! die geschichte hatte mir ja auch ein wenig spass gemacht.
    habe da in meine bibliothek gekramt und ein spannendes buch gefunden, das ich schon wieder vergessen hatte; hier noch der hinweis.
    Lutz Heck: Die Wildsauen. Verlag Paul Parey, 1980.
    schönes wochenende.

  8. Annett on Mai 23, 2008 17:47

    Bemerkenswert: Brenno Martignoni, der Stadtpräsident von Bellinzona, ist heute aus der SVP ausgetreten. Er könne sich nicht mehr mit der rechtslastigen Ideologie der SVP identifizieren, begründete er seinen Schritt. Statt eine einseitige Parteiraison vertreten zu müssen, wolle er „die Interessen des Volkes“ in der Politik wahrnehmen können. Wirklich bemerkenswert.

  9. Lisa N. on Mai 25, 2008 16:00

    Nun macht sich auch Gerhard Blocher Gedanken über seinem „Wildsau“-Vergleich. Dabei nimmt er ähnliche Beobachtungen wahr wie der Stadtwanderer, deutet sich aber umgekehrt. Das Tier (Wildsau und Eveline Widmer-Schlumpf) sei „darauf aus, sich und seine Nachkommen zu ernähren“, sagt Gerhard Blocher, und zwar „ohne Rücksicht auf Verluste“. – Wenn jemand rücksichtslos ist, dann Gerhard Blocher, erwidere ich. Im st. gallischen Flawil als Pfarrer vertrieben, wirkte er bis zur Pensionierung im schaffhausischen Hallau. Nun strengt die Kirchenratspräsidentin des Kantons, Silvia Pfeiffer, den Ausschluss Blochers aus kirchlichen Ueberwachungsorganen an. Und Gerhard Blocher greift weiter munter an: Seine Widersacherin habe „wildsauähnliche Züge“.
    Mir bleibt ob solcher Provokation die Spuke im Hals stecken.

  10. stadtwanderer on Mai 25, 2008 20:52

    um ein haar hätte ich heute einen beitrag geschrieben, über „entrüpelung“, als aktion wider den zeitgeist, aber eher allgemein gehalten, als speziell auf den ehemaligen hallauer pfarrer. in der sache denke ich: gsaar esch gsaat, ohne dass es weiterer kommentare bedarf.

  11. die masern des stadtwanderers : stadtwanderer on Juni 27, 2008 11:44

    […] lob der wildsau […]

  12. U.S. on Juli 1, 2008 15:12

    Die Geschichte ist wirklich gut, auch wenn man nicht immer so souverän mit den Beschimpfungstiraden bestimmter Leute umgehen kann. Trotzdem stellt „Lob der Wildsau!“ ein guter Ansatz dar, wie man sich nicht unnötig ärgert, sich nicht ev. gar auf das Niveau von Herrn Blocher und Co. runterziehen lässt etc. Und wie Frau Widmer mit diesen SVP-Haudegen umgeht, fand ich bisher ziemlich souverän. Ich könnte das so nicht, nicht auszuschliessen, dass auch ich mal quasi ausfällig würde in der Wut.

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