sie sei eben 18 geworden, wolle politikerin werden, und ich könne ihr dabei sicher helfen. das schrieb mir 1996 pascale bruderer – heute zur nationalratspräsidentin und damit höchsten schweizer politikerin gewählt.

b_gebaerdensprache
die sportliche pascale bruderer, neue nationalratspräsidentin, unterhält sich in der gebärdensprache mit gehörlosen
.

eine weile lange war pascale so etwas wie meine brief-freundin im email-format. denn so habe ich sie kennen gelernt. allerhand wissen wollte sie auf diesem weg von mir wissen, bevor wir uns ein erstes im restaurant trafen, um tee zu trinken, ansichten zu vergleichen und tipps für wahlkämpfe auszutauschen.

fast sicher war das nur eine symbolische unterstützung, denn die selbstbewusste junge frau wurde schon 1998 badener einwohnerrätin, schaffte 2001 auf anhieb die wahl in den aargauischen grossen rat und rückte nur ein jahr später im nationalrat nach. jüngste nationalrätin war sie damals und avancierte so schnell zur guten kommunikatorin in den medien. einzig die kandidatur als aargauer ständerätin misslang ihr vor zwei jahren, ohne sie zu knicken. für ihr fortgesetztes engagement, jugendliche für die politik zu gewinnen, erhielt die nationalrätin 2008 den „prix jeunesse“.

ihr politisches selbstverständnis entwickelte die junge pascale in der familie. verschiedene ihrer verwandten hören schlecht oder gar nichts und sind auf hilfe angewiesen. mit weltanschauungen kann die sp-vizepräsidentin nicht viel anfangen. praktische fortschritte wie die einführung der gebärdensprache im fernsehen sind der moderat links politisierenden politikerin wichtiger als die reinheit der ideologie.

rasch gelernt hat pascale, dass man als politische minderheit nur dann zu erfolgen kommt, wenn man sich nicht überall abgrenzt, sondern so für seine überzeugungen eintritt, dass sie von anderen verstanden und geteilt werden können. das hat sie in den parlamenten zur kommunikativen brückenbauerin gegenüber anderen fraktionen werden lassen. insbesondere in fdp-kreisen ist die sp-frau anerkannt, trotz oder gerade wegen ihren sozialpolitischen vorstellungen.

handball war lange pascales spezielles ding; berufspielerin und mitglied der nationalmannschaft wollte sie werden. doch dann verletzte sie sich, und sie entschied sich für ein studium. politologie schloss sie vor einigen jahren mit einer lizenziatarbeit über lobbying, das sie aus der seite der fordernden und der geforderten kennt. denn heute wirkt sie sowohl als teilzeitpolitikerin, wie auch als geschäftsführerin der aargauischen krebsliga.

natürlich darf schweden nicht fehlen, wenn ich über pascale berichte. denn bevor sie sich der politik verschrieb, ging die studentin für ein jahr nach schweden, lebte auf dem campus der universität växjö, lernte sie fliessend schwedisch sprechen, und erkundete sie die schwedische gesellschaft mit ihren zahlreichen integrationsbemühungen und ihrer weitreichenden gleichstellungspolitik.

wenn mich dann beim jährlichen swiss award jemand mit einem herzhaften „heja“ begrüsst, weiss ich sofort, wer es ist. mal spielt pascale bei der fernsehkür wichtiger schweizerInnen des jahres die unbeschwerte glücksfee, die das millionenlos bestimmt, mal hält sie die laudatio für den oder die schweizer politikerIn des jahres, und immer sie sie in der kleinen jury dabei, die auswählt, wer für eine ehrung überhaupt in frage kommt. keine leichte aufgabe, weiss ich als einer, der dann mitentscheidet, wer dann ganz oben steht.

und nun sitzt pascale ganz oben! aber nicht im tv, sondern in der politik. als neue nationalratspräsidentin wacht die 32jährige über die verhandlungen der volksvertretung. 173 der 184 gültigen stimmen machte sie heute. ein versprechen!

stadtwanderer


Comments

5 Comments so far

  1. Eisvogel on November 26, 2009 10:02

    Lieber Stadtwanderer – da taucht der Eisvogel ganz unvermittelt aus der Versenkung auf mit einer Frage (um wahrscheinlich gleich wieder zu verschwinden – aber irgendwann finde er wieder mehr Musse… irgendwann). Für den Moment mit der Frage: Die höchste Schweizerin… Kannst du uns dazu mehr erzählen? Warum das Nationalratspräsidium das höchste Amt gennant wird, obwohl faktisch ohne Macht ausgestattet? Die Leitung der Sitzungen ist klar. Und damit drückt das Amt dem Parlament sicher auch einen Stempel auf. Aber und ansonsten? Was macht der Titel „höchste Schweizerin“ für einen Sinn? Sorry, vielleicht ist es eine Kindergartenfrage, aber bisher habe ich darauf keine befriedigende Antwort gefunden.
    Mit freundlichem Geflatter…..

  2. stadtwanderer on November 26, 2009 18:46

    lieber eisvogel, schön vin dir zu lesen.
    in der tat. die frage ist berechtigt.
    vor 1848 hatte die schweiz einen präsidenten der tagsatzung. der wurde in einem turnus von den vororten – die wichtigsten kantonen gestellt – bei ihm „zuhause“ tagte man, und als hausherr hatte er den vorsitz.
    nach 1848 kam der nationalratspräsident dazu, und weil er nich seinen und die gesamtheit der kantone repräsentierte, war er der präsident der schweizer und galt, mehr zu sein.
    das parlament von 1848 war in seinem selbstverständnis der gründerzeit mehr als der bundesrat. es wählte diesen quasi als „ausschuss“. das hatte damals noch nicht eine negativ konnotation, sondern wurde im sinne von „delegierte“ verstanden. an der spitze stand der „bundesratspräsident“, vorsitzender des politischen departementes, das für die beziehungen nach aussen zuständig war. nach traditioneller manier wollte man diesen posten nicht zu stark werden lassen, und man die person deshalb jährlich gewechsel. das ist bis heute geblieben, ausser das man recht rasch den präsidenten rotiert hat, nicht aber den vorsitz im politischen departement, aus dem das departement für auswärtige angelegenheiten entstand, dem heutigen eda, mit einem bundesrat an der spitze.
    in der hierarchie kann man sagen, war der nationalratspräsident der höchste, und das hat sich letztlich bis heute behalten. es ist heute aber weitgehend eine repräsentationsfunktion.

    die bedeutung des bundesrates ist zwischenzeitlich massiv aufgewertet worden. die exekutive führt die verwaltung, die mit der zentralisierung von entscheidbefugnissen stets gestärkt wurde. der bundesrat vertritt zudem die geschäfte, die er – nicht das parlament – führt nicht nur gegenüber dem parlament, sondern seit rund einem viertel jahrhundert auch gegenüber der öffentlichkeit. das kommt zb in der veränderten rolle des bundesrates in abstimmungskämpfen zum ausdruck, aber auch bei der kommunikation im krisenfall und der kommunikation von zukunftsfragen.

    die real politische macht hat sich damit weitgehend in den exekutiven, administrativen und kommunikativen bereich verlagert, der durch den bundesrat gesteuert wird. das parlamentspräsidium ist dagegen etwa noch gleich ausgestattet wie 1848.

    geblieben ist der höchste rang, mit unverändert geringem einfluss.
    soviel in der eile – aus dem zug …

  3. Eisvogel on November 26, 2009 23:29

    …schnell aus dem Zug/
    schnell auf dem flug/
    gedankt sei es trotzdem/
    dem schultheiss zu bern/

    mit codein im kopf/
    hängt eisvogel am tropf/
    der husten der rüttelt/
    das fieber das schüttelt/

    ganz so schlimm ist es nicht wirklich (oder doch?;-)))) – jedenfalls danke für deine Ausführungen. und seid gegruesst!

  4. stadtwanderer on November 26, 2009 23:34

    wir hoffen, der durchgeschüttelten eisvogel hat ein warmes nest, damit es ihm bald möglichst besser gehe …

  5. bärbi on November 27, 2009 20:28

    diesen wünschen schliesse ich mich an! Häb sorg, eisvogel :-)) !!!

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