um es gleich zu sagen, den begriff der „nacht der langen messer“ mag ich nicht. vielleicht ist das der grund, warum ich nach einem neuen terminus für den letzten moment vor bundesratswahlen suche.

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einsteins formel für energie – die berühmteste aller formeln der welt. mark balsiger macht sich auf den weg, eine solche für schweizer bundesratswahlen zu entwickeln – auch wenn es etwas länger dauert und sie etwas länger ausfällt.

die wortbedeutung der „nächtlich langen messer“ ist in deutschland tod-ernst: denn 1934 liess hitler die sa-spitze ausschalten. anlass war die unterstellung, ernst röhm plane einen putsch gegen ihn. 200 menschen starben, als hitler seine vermeintlichen feinde des nachts kaltschneuzig ermorden liess.

was in der schweizer ausgabe der „nacht der langen messer“ geschieht, nimmt sich demgegenüber gerade zu harmlos aus. denn es geht darum, ob die offiziellen bundesratskandidatInnen im letzten moment noch gestürzt werden, durch wilde bewerberInnen, durch herausforderer oder durch konkurrentinnen, die schliesslich obsiegen.

legendär ist vorwahlnacht des jahres 1983. damals lancierte der baselbieter freisinnige felix auer die wahl des solothurner sp-vertreters otto stich in den bundesrat. auf der strecke blieb lilian uchtenhagen, die favoritin der partei. die düpierte führungsriege der sp erwog, in die opposition zu gehen. helmut hubacher versprach, schampar unbequem zu werden. die parteibasis folgt ihm nicht, denn für sie war der direkte zugang zu entscheidungen wichtiger als der kampf um grosse worte.

unbestrittenes epizentrum ist seither die bellevue-bar. das fernsehen ist da, das radio auch. spekuliert wird in allen landessprachen. wer den tarif durchgeben oder ihn mit gerüchten einnebeln will, trifft gegen halb zehn ein. denn in der sendung 10vor10 ist man life mit der fernsehnation verbunden, und was dann nicht gesagt ist, dreht in der nacht nicht weiter. wer das richtig zu interpretieren weiss, kommt der sache schon nahe.

doch bei weitem nicht jedes mal kommt es zum sichtbaren coup: insbesondere in der nacht vor der abwahl von christoph blocher blieb fast alles ruhig in der bundesstadt. in keine bar tat sich was. bis es am anderen morgen in windeseile aus dem welschen radio drang, es gäbe einen plan gegen christoph blocher.

hochspannend war die nacht vor der bundesratswahl 2008. damals ging es um die frage, wer nach der selbstgewählte opposition neuer vertreter der svp werden würde. die spekulationen schossen mächtig ins kraut, bis sich hansjörg walther als möglicher wilder kandidat gegen die parteikandidaten maurer und blocher outete. natürlich wusste er, dass er die stimmen weitgehend aus den anderen reihen bekommen würde, sodass er sich am ende nicht getraute, für sich selber zu wählen. schliesslich fehlte ihm genaus (s)eine stimme. bundesrat wurde ueli maurer.

wer morgen schon wissen will, ob rime chancen hat, zweiter svp-bundesrat zu werden, oder wen es wunder nimmt, ob sich sp und grüne wirklich in den haaren liegen, beginnt die nachtwanderung in den hochburgen der parteien. die svp ist traditionellerweise im hotel kreuz oder im hotel bären. die fdp zieht das café fédéral vor, während die cvp gleich nebenan bei chez edy gastiert, allenfalls auch einen flügel in der casa di’italia hat. rotgrün wiederum tummelt sich am liebsten im café diagonal. erst dann geht zur schönen aussicht ins bellevue.

einen wird man dort kaum sehen. wahlkampfforscher und pr-berater mark balsiger verzichtet ganz auf das stimmungsbild vor ort. dafür lässt er seinen computer rechnen. den füttert er zu 17 faktoren, die den wahlausgang bestimmen sollen, mit daten zu allen kandidatInnen. die macht seiner langen formel übertrifft alles, was man in der nacht der langen messer erfahren kann: denn gewählt sind gemäss wahlkampfblog jacqueline fehr und johannes schneider-ammann …

stadtwanderer


Comments

7 Comments so far

  1. rittiner & gomez on September 21, 2010 09:04

    „die nacht der langen messer“ damit konnten wir nie was anfangen, da gefällt mir die „macht der langen formel“ schon besser.
    letztlich geht es aber nur um macht, die formel ist ein mittel sie zu festigen.

  2. Röstigraber on September 21, 2010 12:26

    Morgen erleben wir die letzte Wahl live.
    Anschliessend wird der Computer nach der MBBC-Formel, ergänzt mit dem Faktor 18 (Grad des Föhns (gemessen am Luftdruck an selbigen morgen) geteilt durch die mittelere Tagestemperatur am Vortag. Mit dieser Faktor kann die Zurechenungsfähigkeit errechnet werden(fehlt noch in Balsiger Cross-Formel).

  3. Titus on September 21, 2010 16:18

    Was ich nie mitbekommen habe, ist, wie lang denn «die Nacht der langen Messer ist». Ich vermute allerdings, dass sie lang sein kann. Darum plädiere ich für «die Nacht des kurzen Schlafes» 😉

  4. Ernst on September 21, 2010 17:15

    Tag der vielen Fragezeichen, wäre auch nicht schlecht. Denn wichtiger als das Messerstechen wäre es zu fragen, was uns die Zukunft bringt, und wer sie am besten bewältigen könnte.

  5. stadtwanderer on September 21, 2010 19:28

    der blick am abend getraut sich auch nicht mehr von der nacht der langen messer zu sprechen.
    dafür von der kurzen nacht für die ewigkeit …

  6. Mark Balsiger on September 22, 2010 08:44

    @ Titus

    Genau, genug Schlaf vor Bundesratswahlen liegt nicht drin. Jänu. Der gestrige Abend war es wert.

    @ Röstigraber

    Danke für den Input. Ich werde dieses 18. Kriterium den sozialwissenschaftlich Hochdekorierten zur Beurteilung vorlegen. On verra.

  7. Röstigraber on September 22, 2010 13:18

    vielleicht hilft die gotthelfsche Bener Formel doch immer noch am besten: erstes kommt es so und zweitens wie man glaubt, hofft oder gott will.

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