am 20. april 1942 sollte adolph hiltler seinen 53. geburtstag feiern. nur 6 tage später würde der führer nicht nur parteichef, reichskanzler und staatschef sein, sondern auch als oberster gerichtsherr über recht und unrecht sprechen. wahrlich, an diesen tagen strebte die diktatur im deutschen reich ihrem höhepunkt zu.

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carnaval in payerne, wo 1942 der mord an einem jüdischen viehhändler geschah, und gegen den heute der einheimische schriftsteller jacques chessex, der den fall aufnahm, gehetzt wurde.

das blieb selbst im schweizerischen payerne nicht ohne auswirkungen, denn am 16. april 1942 wird im waadtländischen provinzstädtcher arthur bloch ermordet. bloch, eine viehhändler aus bern jüdischen glaubens, wird nach dem markt in einen stall gelotst, wo ihm weitere tiere angeboten werden sollen. doch dazu kommt es nicht, denn bloch wird im stall umgehend niedergeschlagen, gevierteilt, und in milchkannen abgepackt im neuenburgersee versenkt.

der brutale mord wird bald geklärt. die mörder sind alles leute aus payerne, die meisten von ihnen gescheiterte existenzen. sie gehören zur lokalen organisation der frontisten. angeführt werden sie von philippe lugrin, einem abtrünnigen pfarrer. unterstützung bekommen die gruppe auch durch die deutsche gesandtschaft in bern. 1943 werden die mörder verurteilt. lange haftstrafen werden ausgesprochen, derweil der pfarrer unbehelligt bleibt und nach deutschland fliehen kann. eine verarbeitung der schandtat findet aber nicht statt.

nun hat sich jacques chessex, der wortgewaltigste unter den welschen schriftstellern der gegenwart, die geschichte aufgenommen, und daraus einen roman gemacht. das ist nicht ohne, denn chessex wurde in payerne geboren. als der mord geschah, war jacques 8 jahre alt. fernand ischi, einer der verurteilten mörder, war der nachbar der familie chessex. vater chessex hatte bei ihm autofahren gelernt.

das buch, erst wenige wochen alte, ist umgehend zum umstrittenen bestseller geworden. 40’000 exemplare sind bereits über den ladentisch gegangen. die mehrheit davon in frankreich, ein teil aber auch in payerne. der stadtpräsident von payerne hat umgehend in die debatte eingegriffen. die geschichte sei passiert, man wisse darum. doch heute wolle man ruhe haben. das gelte auch für den versuch von chessex, die geschichte wieder aufleben zu lassen.

der vorschlag des schriftstellers, eine strasse payerns nach arthur bloch zu benennen, hat der gemeinderat bereits abgelehnt. während dem diesjährigen carnaval, der fasnacht in payerne, hat das „comite du devoir de mémoire“ in anspielung darauf alle plätze in der kleinstadt nach dem einheimischen schriftsteller benannt, und auf einem wagen im umzug wurde eine milchkanne mit der aufschrift chessex mitgeführt, bei der die beiden ss als „ss“ runen geschrieben waren.

ist chessex nun ein nestbeschmutzer? wer das buch liesst, merkt, dass die anklage gar nicht im zentrum steht. vielmehr beschreibt der roman das leben in der schweiz während dem krieg. nicht verschwiegen werden die wirtschaftlich schwierigen umstände. die arbeitslosigkeit grassierte in payerne wie anderswo auch; sie bildete den nährboden für den frontismus in payerne. doch dann kommt chessex auf den punkt: der umgang damit, die aufweichung von recht und unrecht, ist es, was er anklagt. denn die radikale gruppe in payerne steigert das mass an provokation. zuerst machte sie mit schiessereien auf jüdische hausbesitzer aufmerksam – un blieb unbehelligt. sie fühlte sich bestätigt, als die untersuchungen hierzu verschleppt werden. bis man auf den unglaublichen gedanken kam, dem führer in berlin zu seinem geburts einen mord an einem jüdischen viehhändler zu schenken.

keine zwei wochen später sprach eben dieser führer von höchster warte aus über recht und unrecht in seinem reich. vorübergehend.

stadtwanderer

jacques chessex: un juif pour l’exemple. paris 2009.


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