Bern hat neuerdings ein Medienzentrum. Dank der Nähe zur Politik. Entstanden ist es als zentraler Ort für BundeshausjournalistInnen. Früher waren auch sie im Bundeshaus. Nahe bei den Politikerinnen – zu nahe, mahnten viele.
Gleichzeitig verliert Bern gegenwärtig die Hohheit über eigene Zeitungen. “Der Bund” für die Stadt, die “Bernerzeitung” für den Kanton werden gerade in den Tamedia-Mantel Deutschschweiz integriert, deren Chefs die Schweiz von Zürich aus sehen.

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Der Historiker und Medienwissenschafter Roger Blum beschreibt den aktuellen Uebergang als Transforamtion von einem Mediensystem, das auf PublicService-Leistungen wie in Grossbritannien ausgerichtet war, zu einem liberal geprägten, wie man es in den USA kennt. Massenmedien als öffentliche Institutionen verschwinden tendenziell, rein kommerzielle Produkte sind im Kommen.
Polarisierung ist die vorherrschende Darstellungsform. Schwarz-Weiss bestimmt, grau verschwindet. Das bringt auch eine Politisierung der Medien mit sich. Grenzen von Bericht und Kommentar tauen auf. Hinzu kommt die Vermischung von Journalismus und PublicRelation. Der Medienbesitz wird zunehmend privat. Das klassische Verlegertum eordiert, es bestimmt der Medienunternehmer, teils mit, teils ohne politische Absichten. Journalismus bleibt aber gefragt, ein willkommene Bereicherung werden Medien sein, die ganz von Journalistinnen geführt werden.
Entstehen wird ein hybrides oder gemischtes Mediensystem, ganz auf Digitalisierung ausgerichtet, das Unterhaltung und Information anbietet, Internationales und Lokales, Lineares und Unterbrochenes. Aber keine sicheren AbonnentInnen mehr, nur noch flexible NutzerInnen. Optimisten sehen das als Chance für die pluralistische Demokratie, Pessimisten neigen dazu, neue Herrschaftsformen zu betonen. Denn das Netz ist nicht ohne Macht.

Nicht wenig in der Medien-Branche meinen, in 5 Jahre werde man überhaupt kein Geld mehr mit Printjournalismus verdienen können. Wir werden sehen, ob es wirklich ein dead business ist.
In 5 Monaten stimmt die Schweiz über die NoBillg-Initiative ab. Wenn ich von meiner Weltreise zurück sein werde, kennen wir das Ergebnis bereits – und damit die Zukunft der SRG als Kern des ServicePublic-Angebotes!

Stadtwanderer

Im Berner Volkshaus entstand 1888 die Sozialdemokratische Partei der Schweiz. Sie war kein Dach über Kantonalparteien, sondern eine Sektion der sozialistischen Internationalen.

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Zu Beginn war sie eine reine Oppositionspartei, welche die bürgerliche Demokratie überwinden wollte. Nach dem ersten Weltkrieg entschied sie sich gegen die Revolution, für Reformen. Die Lage der Arbeiter war ihr zentrales Thema im Landesstreik von 1918, die Schaffung des Sozialstaates das vordringliche Ziel.
In der Stadt Bern wurde die SP 1895 erstmals Regierungspartei. Im Kanton Bern rückte sie 1937 in die Regierung auf. Den ersten Bundesrat stellte die SP 1943. Seit 1959 ist sie fest mit zwei von sieben BundesrätInnen in der Bundesregierung vertreten.

Ihre Leistung ist die Integration der schweizerischen Arbeiterschaft in den Bundesstaat. Nur will diese Arbeiterschaft heute kaum mehr SP wählen. Zu viel Gleichstellungspolitik, zu viel Umweltschutz und zu viel EU lautet die Kritik. Denn die SP hat sich zu einer Anti-Diskrimierungs-Partei gemausert, gegen Ausgrenzung von Frauen und Ausländern.

SP-Parteipräsident, Christian Levrat, taktiert hervorragend unter der Bundeskuppel. Die Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat war eine Meisterleistung. Mit den Wahlen 2015 setzte jedoch der bürgerliche Wideraufbau von rechts her ein. Die SP ist seither meist in der Defensive. Sie bestimmte 2016 ihre Politik neu: konstruktive Oppositionspolitik nennt sie das. Mit dem Referendum gegen die Unternehmenssteuerreform 3 zeigte sie, was sie damit meint. Die Rechte revanchierte sich und bodigte die Rentenreform von Mitte/Links in der Volksabstimmung.

Stadtwanderer

Das Bürgerhaus in Bern ist Sitz der FDP Schweiz. Der Freisinn war eine Volksbewegung, die ihre Ursprünge in den 1830er Jahre hatte, liberale und radikale Züge annahm und den Bundesstaat von 1848 schuf. Die FDP als politische Partei entstand erst 1894 als Zusammenschluss kantonaler Parteien mit verwandter Weltanschauung.

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Bis 1919 regierte die FDP die Schweiz fast nach Belieben. Die Mehrheit im Parlament sicherte man sich mit dem Majorzwahlrecht und der Festlegung von Wahlkreise von Fall zu Fall. Die Katholisch-Konservative Partei, heute CVP, hatte stets das Nachsehen. 1918 wich das Majorzwahlrecht für die Wahl des Nationalrates dem Proporzwahlrecht. Damit verlor die FDP die Mehrheit in der grossen Kammer. Auftrieb erhielten die BGB, heute SVP, und die SP.
Im Bundesrat sackte die FDP von anfänglich sieben Mitgliedern aus ihren Reihen auf heute zwei. Dennoch ist das Weltrekord! Denn keine andere Partei der Welt war 169 Jahre ununterbrochen in der Regierung – nicht einmal die schwedischen Sozialdemokraten oder die irischen Nationalisten schafften das!

Seit dem Ende der 70er Jahre verlor die FDP Parlamentswahl für Parlamentswahl. Die neuen Mittelschichten ziehen die SP, die Grünen und die Grünliberalen vor. Die Staatskritischen wiederum präferieren die SVP. Das hat die FDP namentlich in der deutschsprachigen Schweiz geschwächt.
2015 gewann die FDP erstmals wieder bei der Nationalratswahl. Seither ist die bei Abstimmungen die erfolgreichste Partei. Sie gewann am 24. September 2017 auch die Volksentscheidung um die Rentenreform. Allerdings aus der Opposition heraus!

Stadtwanderer

Das Bundesratshaus wurde nach der Gründung des Bundesstaates als Sitz des Bundesrates erstellt. Damals nahmen alle sieben Mitglieder des Bundesregierung darin Platz. Heute beherbergt es noch die Büros des Aussenministers und der Justizministerin und es heisst Bundeshaus West.

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Vor dem Bundeshaus West steht der mächtige Berna-Brunnen aus dem Jahre 1858. Im Grundriss hat er die Form eines Schweizer Kreuzes. Darüber sind vier Schwäne, die Wasser speien. Sie symbolisieren Rhein, Reuss, Rhone und Ticino, die um den Gotthard herum entspringen. Darüber sind die vier Jahreszeiten, die für eine regelmässige Erneuerung der Natur und Landwirtschaft sorgen. Schliesslich Berna, die Frauengestalt, die die Stadt Bern, die Gastgeberin des Bundes, darstellt.

Der Bau des Bundesratshauses in den 1850er Jahren veränderte das Stadtbild nachhaltig. Die alte Zähringerstadt im Osten war definitiv zu klein geworden. Für die neue Stadt mit dem Bahnhof musste Bern nach Westen erweitert werden. Dafür musste man die Stadtmauer schleifen, den Stadtgraben zuschütten und den Christoffel-Turm abtragen. In den 1860er Jahren wurde Eisenbahnverbindungen für den Personen- und Güterverkehr entscheidend. Die erste Linie, von Olten herkommend, endete noch im Wankdorf in einem Kartoffelacker. Denn man konnte die Aare nicht überqueren. Den Rest musste man zu Fuss oder mit der Kutsche gehen. Es brauchte Fortschritte im Brückenbau, bis man die Stadt effektiv ans Schienennetz anschliessen konnte.

Mit dem Eisenbahnbau verkürzten sich die Wegen von Ost nach West und von Nord nach Süd. Die Schweiz begann zusammen zu wachsen. Das Ganze war aber nicht ohne Probleme. Konservative Kreise stemmten sich gegen die technische Neuerung. Sie sammelten Unterschriften gegen die neuen Eisenbahnverbindungen. Doch die Petitionen nützten nichts. Es kam die Idee auf, über Parlamentsbeschlüsse Nachentscheidungen in Form von Volksabstimmungen treffen zu können. Das Referendum entstand. 1874 wird es als erstes Volksrecht auf nationaler Bühne eingeführt. Dem Eisenbahnbau hat es übrigens nicht geschadet. Es wird vorsichtiger geplant und einmal realisiert, sind wir Fans der neuen Eisenbahnlinien.
Das Referendum wirkt nicht nur als Opposition gegen ein Projekt, sondern auch als Auftrag, volksverträglich zu planen.

Stadtwanderer

Zwar entstand das Bundeshaus erst anfangs des 20.Jahrhunderts. Doch symbolisiert es wie kein anderes den Bundesstaat von 1848.
Dieser entstand aus den bürgerlichen Revolutionen Mitte des 19. Jahrhunderts. Er ist das einzige, dauerhaft erfolgreiche Projekt seiner Zeit. Die Schweiz befand sich in jungen Jahren mitten und Monarchien. Frankreich wurde 1870 eine Republik. Deutschland und Oesterreich erst 1918 und Italien wechselte nur 1947 zu dieser Staatsform.

Der Bundesstaat schuf fünf schweizerische Institutionen: Volk und Stände, die bei Wahlen und Abstimmungen wichtig sind, sowie Parlament mit zwei Kammern, Regierung mit sieben Bundesräten und ein Bundesgericht, die von einander geteilt arbeiten. Von den Bürgern gewählt wird nur das Parlament, die Regierung und die Richter bestimmen das Parlament.

Die Schweiz etablierte damit eine frühe Form der (Männer)Demokratie. Mit der Einführung der Volksrechte schuf sie auch als erster Staat die (halb)direkte Demokratie. Damit änderte sich der Charakter der repräsentativen Demokratie, wie sie heute vielerorts besteht. Denn mit ihr ist das Volk, sind die Kantone die Opposition in Sachfragen, während die grossen Parteien gemeinsam ein regierungsfähiges System sichern.

Man nennt es auch Konsensdemokratie, die auf Verhandlung unter Konfliktparteien basiert. Vom Ideal haben wir uns aber entfernt. Eigentlich sind wir einen Konkordanzdemokratie mit beschränktem Konsens.

Stadtwanderer

In diesem Haus lebten nacheinander die Universalgelehrten Albrecht von Haller und Georg Friedrich Hegel.

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Hegel kam als Doktorand nach Bern. Er war Hauslehrer bei der Familie von Steiger. Die hatte eine der besten Privatbibliotheken. Hier kam der studierte Theologe mit philosophischen Schriften in Berührung. Später entwickelte er das Entwicklungsgesetz der Moderne: These, Antithese und Synthese. Das erläuterte er beispielsweise so: Die Aufklärung sei die These, die französische Revolution die Antithese und der Liberalismus die Synthese. Er vereinige die idealistischen Ansichten der Aufklärer mit dem Bruch mit der Tradition durch die Revolution. Die schöpferische Kraft der Zerstörung nennen man das heute noch in liberalen Kreise.

Albrecht von Haller war der berühmteste Aufklärer Berns. Der Naturforscher hielt Adelsrepubliken für die beste Staatsform, wenn sie sich wie die Hirten an die guten Sitten halte. Jean-Jacques Rousseau, der Aufklärer aus Genf, kritisierte ebenso das selbstsüchtige Leben seiner Zeitgenossen. Anders als Haller suchte er aber das Paradies in kleinen Republiken mit Pädagogen an der Spitze. Sie sollten den Menschen schaffen, der sich am Gemeinwohl ausrichtete.

Nach der französischen Revolution kritisierte Karl Ludwig von Haller, der Enkel von Albrecht, die ganzen aufklärerischen Ansichten. Ihr Ja zu Menschenrechten und Verfassungsdenken widerspreche der göttlichen Ordnung. Nur die Souveränität des Monarchen, des Generals und des Gottesmannes zählten.
Den Meister zeigte dem Vordenker der Restauration kein geringerer als Hegel. In Berlin lehrte der Professor Philosophie und bildete er auch junge Schweizer aus. Beispielsweise Henry Druey, der als Waadtländer Regierungsrat die ersten Volksabstimmungen einführte, wie wir sie heute kennen, und Mitglied des ersten Bundesrats im jungen Bundesstaat von 1848 wurde.

Stadtwanderer

Der Kornhausplatz versteckt bis heute die Geheimnisse der Helvetischen Republik von 1798. Auf allen Strassenschildern rund um den Ort steht „Kornhausplatz“. Doch die Schilder haben verschiedene Farben. Diese wurden während der Franzosenzeit angefertigt. Man zeigte den nicht immer nüchternen Soldaten so, wo ungefähr ihr Quartier sein würde.

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Die Helvetische Republik dauerte nur sechs Jahre, und trotzdem markiert sie einen tiefen Einschnitte in der Stadtgeschichte. Sie zerstörte die gross und träge gewordene Republic Bernensis. Stadt und Kanton wurden getrennt. Der Kanton verlor die Waadt und den Aargau endgültig, das Oberland vorübergehend. Erste Hauptstadt der Helvetischen Republik wurde ausgerechnet das Munizipalstädtchen Aarau. Bern kämpfte sich erst nach und nach zurück an die Spitze des Staates. Dieser blieb ungeliebt. Eigentlich erinnert nichts an ihn.

Die Jahre Franzosenzeit teilt man in drei Teile. Die ersten zwei Jahre dienten der Revolutionierung der alten Republik. Die zweiten zwei Jahre waren durch innere Umstürze und Stagnation gekennzeichnet. Während den beiden letzten Jahren zerfiel die neue Republik.
Oft erinnert man sich nur an die Kriege während der Franzosenzeit Diese brachte uns aber auch Schulen, den Franken und den Bundeskanzler an der Spitze der Verwaltung. Die Revolutionierung scheiterte, weil der Zehnten nicht abgelöst wurde. So wandten sich die Bauern von den Franzosen und Republikanern ab, hin zu den früheren Herren.

Während der Helvetischen Republik wurde erstmals in der ganzen Schweiz angestimmt. 70000 Ja-Stimmen unterlagen 90000 Nein-Stimmen. Dennoch wurde die Verfassung angenommen. Denn die Franzosen kannten nur das Veto. Dabei zählten die 150000 Abwesenden als Helfer der Franzosen und sorgten so für die Mehrheit.
Der Bundesrat würde das bisweilen gerne auch so haben!

Stadtwanderer

Das Kornhaus symbolisiert wie kein anderes Gebäude das Ancien Régime des 18. Jahrhunderts, die Zeit nach den Konfessionskriegen und vor dem Franzoseneinmarsch. Gezeigt wird unter dem Dachgibel die Spitze der Bernischen Republik mit dem aufsteigenden Bären, nur noch Gott über sich. Im Kornhaus selber lagerte man Korn und Wein. Damit bezahlte man in guten Zeiten die Gehälter der Stadtangestellten.

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Im Ancien Regime entstand die Idee der Milizarmee. Sowohl Patrizier als Offiziere als auch Untertanen in der Uniform von Soldaten sollten einen Teil ihrer Zeit dem Staat zur Verfügung stellen, um ihn im Ernstfall zu beschützen. Das verband. Und so sparte man Geld, sodass man bis auf den Zehnten auf Steuern verzichten konnte. Die reichen Stadtgeschlechter wiederum investierten ihre Einnahmen aus den Ländereien an den Börsen in London und Amsterdam und half so, die neue Welt in Amerika aufzubauen. Wer sich nicht verspekulierte, wurde noch reicher – ohne zu arbeiten. Die Regierungsweise war der Berner Patrizier paternalistisch. Sie sagten den Untertanen, was für sie gut sei. Gehorchten sie, liessen sie väterliche Milde walten. Muckten sie wie im Bauernkrieg auf, mache man sie einen Kopf kürzer.

Die Historiker kritisieren heute die Gesellschaftsform des Ancien Régimes. Denn sie entwickelte kein unternehmerisches Bürgertum. Bern verpasste denn auch den Anschluss an die Industrialisierung weitgehend. Es brauchte die Franzosen, damit die Stadt den Anschluss an die politische Moderne schaffte.

Stadtwanderer

Gebaut wurde der Gerechtigkeitsbrunnen 1543. Er symbolisiert das Denken der Reformierten, obwohl man für den Bau einen katholischen Bildhauer aus Freiburg bestellen musste.

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Zuoberst auf dem Brunnen steht die Iustitia. Ihre Augen sind verbunden. Denn Gerechtigkeit ist nur, wenn man unabhängig von Konfession entscheidet. Unter ihr sind die Mächte der damaligen Zeit: der Kaiser in der Monarchie, der Papst in der Theokratie, der Sultan in der Despotie und der König, der über Bern gebietet. Sie alle sollen das Recht unabhängig von ihren konfessionellen Hintergründen sprechen. Das verlangten die Reformierten, denn sie waren in der Minderheit.

Die Intellektuellen von damals, die Humanisten, entdeckten fast gleichzeitig die Helvetier als unsere Vorfahren in keltischen Zeiten. 1578 erfand Josias Simler gar eine neue Staatsform: De Republica Helvetiorium – die Republik der Helvetier. Nur die katholische Kirche brauche die Monarchie. Die anderen Helvetier würden mit Vorteil von Stadtadeligen und Landdemokraten regiert, so Simlers Feststellung.

1648 machte der Westfälische Friede Ernst. Der Corpus Helvetiorum wurde aus dem Kaiserreich entlassen. Er bildete jetzt den Staat der Helvetier. Die Republic Bernensis war der mächtigste Teilstaat der Helvetier. Regiert wurde er von Burgern, den abgesonderten Bernern mit einem Stammbaum und langer Ortsansässigkeit.

Stadtwanderer

Das Rathaus ist bis heute Sitz von Parlament und Regierung des Kantons Bern. Erbaut wurde es zu Beginn des 15. Jahrhunderts aus den Trümmern des grossen Stadtbrandes. 1417 wurde es formell eingeweiht, deshalb ist es genau 600 Jahre alt.

Rathaus

Bern wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts ein mächtiger Stadtstaat. Er löste Kyburger und Savoyer als Landesherren im Osten und Westen ab. Nun war man ein Vorbild. Das zeigt die Fassade des Rathauses. Sie ist nach christlicher Vorstellungen in eine linke gute und eine rechte schlechte Seite geteilt. Ganz oben sind zwei Frauen, links die Wahrheit, rechts die Lüge. An den Treppengeländern hat es sechs Tugenden: Links die Unschuld, Demut und Keuschheit. Wer so lebt, kann Barmherzigkeit erwarten. Rechts die Verführung, der Hochmut und die Ungerechtigkeit, die allesamt in Feigheit enden.

Nur zwei der sechs Tugenden gelten heute noch: erstens die Demut oder Dienstbeflissenheit – in einer Beamtenstadt keine Ueberraschung, und zweitens die Ablehnung der Hochmut. Wer herausragt, bekommt hier eines an den Kopf.

Bis in die 1870er Jahre vollzog man in Bern die Todesstrafe. Wer hierzu verurteilt wurde, bekam im Erdgeschoss des Rathauses die Henkersmalzeit. Etwa dort, wo man diese früher einnahm, habe ich 1986 die erste Hochrechnung von Regierungsratswahlen vorgenommen. Die Bürgerlichen wollten hoch hinaus. Doch die beiden Freisinnigen wurden angewählt. Es kam die erste rotgrüne Regierung ans Ruder.
Hochmut kommt eben vor dem Fall.

Stadtwanderer

Berchtold V., Herzog von Zähringen, gründete die Stadt Bern der Legende nach 1191. Die Zähringer, ein süddeutsches Adelsgeschlecht, hatten vom Kaiser den Auftrag, das burgundische Königreich im Rhonetal an das Kaiserreich nördlich der Alpen zu binden. Dazu bauten sie eine Strasse von Freiburg im Breisgau nach Lausanne. Aus der Raststätte am Aareübergang entstand das mittelalterliche Bern.

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Nach dem Aussterben der Zähringer in der Manneslinie 1218 wurde Bern Königsstadt. Später verstand sie sich als Reichsstadt. 1415 wurde sie Reichsstand. Damit war man im Kaiserreich ganz oben angekommen. Das blieb Bern formell bis 1648, als die Eidgenossenschaft aus dem Kaiserreich ausgenommen wurde.

Drei Einschnitte prägen die Entwicklung der Stadt:
Zuerst die Pest Mitte des 14. Jahrhunderts; Bern profitierte von der gesellschaftlichen Krise und schwang sich zu der Territorialmacht im Aaretal auf.
Dann die Reformation von 1528; Bern brach die Macht der katholischen Kirche und regierte mit Landvögten und Pfarrherren das Umland. Doch Bern isolierte sich, den die Nachbarsstädte blieben katholisch.
Schliesslich die Helvetische Republik 1798; die Franzosen ordneten den riesigen Stadtstatt neu. Stadt und Kanton wurden getrennt. Der Kanton verlor seine Eroberungen in der Waadt und im Aargau.

Ihre heutige Bestimmung bekam die Stadt mit dem Bundesstaat von 1848. Bern wurde Sitz von Parlament, Regierung und Verwaltung. Der berühmtester Berner ist ein Beamter. Albert Einstein machte aus seinem Büro im Patentamt ein Studierstube für theoretische Physik. Für eine seiner herausragenden Leistungen bekam er den Nobelpreis. “Times Magazin” kürte ihn zum Mann des 20. Jahrhunderts.

Stadtwanderer

Der Start der lang ersehnten, wegen mehrfachem Unbill verschobenen Weltreise naht. Bald lasse ich Bern hinter mir, um ganz neue Städte in China, Vietman, Singapur, Australien, Neuseeland zu entdecken. 5 Monate soll die Reise dauern; Höhepunkt soll die Spurensuche der Südpolreisenden auf der Antarktis werden.

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Der Einschnitt hat mich motiviert, eine kleine Serie von „Hinter mir …“ zu schreiben. Es sind Stationen meiner Stadtwanderungen zur Republik und Demokratie der Schweiz, die ich in jüngster Zeit entwickelt habe. Hinter mir ist immer ein geschichtsträchtiger Ort in Bern, dessen Symbolik ich zu entziffern versuche. Jedes Mal entsteht so eine in sich geschlossene Geschichte. Zusammen ergeben sie auch eine Geschichte!

Start der 10teiligen Serie ist morgen um 0900.

Ich freue mich, im Frühling 2018 meine Stadtwanderungen in Bern wieder aufnehmen zu können.

Stadtwanderer

Nein, Bundesrepublik Schweiz nennen wir uns nicht! Denn seit der Gründung des liberalen Bundesstaates ging die Republik als staatstragendes Konzept hierzulande weitgehend vergessen.
Und doch hat die Schweiz einen ausgesprochen republikanischen Grundzug. Historiker und Medienwissenschafter Roger Blum beispielsweise kennzeichnet unser Land als föderalistische, republikanische Demokratie. Genau dieser Idee geht meine ausnahmsweise offene Stadtwanderung Ende August nach.
Republik wird heute als Gegenstück zu Monarchie betrachtet. Vor der Französischen Revolution war das jedoch nicht der Fall. Republik war bei den Römern die öffentliche Sache, die im Gegensatz zur privaten stand. Zwischen der Königs- und Kaiserzeit war es der freie Staat der Stadt Rom. Im Mittelalter war die Republik ein Gemeinwesen im Dienste des Gemeinwohls. Mit der Neuzeit näherte sich der Begriff dem heutigen Verständnis an: Es ist die souveräne, durch Verfassung beschränkte, mittels Gewaltenteilung und Menschenrechten kontrollierte Machtausübung durch das Volk – zum Wohl des Volkes!
Meine Führung folgt den Orten Berns mit heute noch sichtbarer republikanischer Symbolik: dem Gerechtigkeits-Brunnen, dem Kornhaus, den Strassenschildern aus der Zeit der Helvetik und dem Bundeshaus. Eingeleitet wird sie durch einen Crash-Kurs in Berner Geschichte vor dem Stadtgründer Berchtold V. von Zähringen, umrahmt von einen Hauch Bildung aus der der Stadt- und Universitätsbibliothek und dem Blick auf das Medienzentrum. Denn auch das sind Republiken des Geistes und der Kommunikation.
Grundgedanke dabei ist, dass Republikaner seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts als politische Bewegung von rechts, als Künstlerstaaten aus der Alternativszene, als neuartige Medienprojekte und als Bundesratskandidaten aus Genf einfach nicht unterzukriegen sind.

Stadtwanderer

Je nach Teilnehmerzahl 1 oder 2 Führungen
25. resp. 29. August, jeweils 1815 bis 2000, Beginn beim Zähringerbrunnen in der Altstadt
Anmeldung erforderlich bis Sonntag, 18. August an stadtwanderer@stadtwanderer.net (mit Angabe des bevorzugten Termins)
(Gratis, da Teil meines Fitnessprogramms nach dem Fussbruch und vor der Weltreise …)

Hier das Programm
1. Station: Zähringerbrunnen: Crash-Kurs in Berner Geschichte
2. Station: Stadt- und Universitätsbibliothek: Republik: Was die Wissenschaft alles darunter subsummiert
3. Station: Haller-Haus Junkerngasse: Familie von Haller, zwischen Aufklärung und Restauration
4. Station: Gerechtigkeitsbrunnen: Reformierte Souveränität
5. Station: Kornhaus/Kornhausplatz: Souveräne Republik Bernensis
6. Station: Kornhausplatz: Helvetische SchwesterRepublik
7. Station: Bundeshaus: liberaler Bundesstaat, nicht Bundesrepublik
8. Station: Medienzentrum: Republikaner der Gegenwart: Konservative, Alternative, Utopisten …

Der Blick des Historikers resp. des Politikwissenschafters

Der Historiker in mir hatte Freude, als er das neue Buch zur schweizerischen Demokratiegeschichte von Rolf Graber las. Denn es macht deutlich, dass die frühe Demokratisierung der Schweiz nicht vom Himmel fiel, sondern die Folge einer Geschichte von Konflikten war. Letztlich war die Aenderung der Sozialstruktur massgeblich, welche die im späten Mittelalter herausgebildete, durch die Reformation kulturell divers geformte, in souveränen Ständen mit eigentümlicher Ausprägung geteilte Gesellschaft veränderte.

Der Politikwissenschafter in mir war nach der Lektüre dennoch etwas erstaunt, wie die Monografie ziemlich unbekümmert alternative Interpretationen der historischen Sozialwissenschaften auch im Ansatz auslässt. Eine erste Systematisierung der demokratischen Frühformen hat Grabers Historikerkollege Andreas Suter 2005 formuliert; sie findet sich im Historischen Lexikon der Schweiz einfach nachschlagbar. Aber auch die global ausgerichteten Arbeiten von Samuel P. Huntington und seinen zahlreichen Schülern zur Demokratisierung der Welt, wären der Ansatzpunkt einer Nachbetrachtung des reichhaltigen Materials gewesen.

Der politologische Interpretationsrahmen geht davon aus, dass sich Demokratien in mehreren Wellen über den Erdball ausgebreitet haben: Im 19. Jahrhundert von den Vereinigten Staaten von Amerika inspiriert, im 20. Jahrhundert von Europa angeführt, mit weitreichenden Folgen für Lateinamerika, Teilen Asien resp. Nordafrikas. Etabliert hat sich so ein liberales Demokratiemodell mit (sozialer) Marktwirtschaft und repräsentativer Demokratie. Voraussetzungen waren die wirtschaftliche Entwicklung, namentlich die Industrialisierung, aber auch die gesellschaftliche, mit der Etablierung der Bürgergesellschaft als Alternative zur ständischen Ordnung.

Das Spezifische und das Allgemeine an der Schweizer Demokratiegeschichte

Mit Huntington gesprochen, hätte Graber die ökonomische Basis der Demokratiebildung klarer herausarbeiten müssen. Die vom Autor skizzierte gesellschaftliche Symptomatik ist dafür auch typisch: Denn es waren in der Schweiz wie anderswo unzufriedene Mittelschichtler, welche neue Bewegungen zu organisieren begannen; meist hatten sie die nötige Ausbildung, um sich an der werdenden, medialen Oeffentlichkeit aktiv zu beteiligen. Sie machten das aber nicht nur für sich, sondern auch für Unterschichten, die ganz von der Politik ferngehalten worden waren.

Die Schweiz ist ein frühes Beispiel für Demokratisierung. Dafür gibt es mehrere Gründe. Anders als die USA musste sie sich nicht erst von einer mütterlichen Krone absetzen. Das hatten die Reformation und der Westfälische Frieden längst geleistet. Die Schweiz war in der frühen Neuzeit anders als Frankreich auch kein absolutistischer Staat. Wo es hierarchische Unterordnungen gab, bestimmte der Paternalismus die Herrschaft, weniger mächtig, denn ohne stehendes Heer und zentralisierter Verwaltung. Schliesslich etwas politische Kultur, denn die frühen Demokraten konnten sich auf politische Ausdrucksformen berufen, die auch ohne Demokratie funktionierten.

Die Politikwissenschaft betont darüber hinaus, dass die Demokratisierungswellen stets von einem überstaatlichen Rahmen mit führenden Ideen geprägt waren. Für die erste Welle, zu der die Schweiz gehört, war dies zweifelsfrei die USA. Sie beeinflusste die Staatsbildung der Schweiz mit ihrem antimonarchistischen, republikanischen und föderalistischen Institutionen. Für die Schweiz typisch war, dass sie mit der Gründung des liberalen Bundesstaates auf einen starken Präsidenten wie in den USA verzichtete, dafür eine Kollektivregierung nach französischem Vorbild schaffte.

Mit der Postulierung der allgemeinen Männerwahlrechts ging die Schweiz den damaligen Vorstellungen der Demokratisierung einen entscheidenden Schritt voraus. Sicher, in der reinen Form etablierte sich das universelle Männerwahlrecht auch hier nicht sofort, denn zahlreiche Ausschliessungsgründe verhinderten eine umfassende Beteiligung der Bürgerschaftik. Die Schweizer Demokratie ging aber auch in einem zweiten Punkt eigene Wege: Genannt sei die vom repräsentativ-demokratischen Muster klar abweichende Form der halbdirekten – oder wie man hierzulande meist sagt – direkten Demokratie.

Entstanden ist so eine eigene Mischung, die weder zum präsidentiellen noch zu parlamentarischen Demokratie im heutigen Sinne passt. Die historische Forschung hat hier schon vor Graber Wichtiges erhellt. Denn nach dem Wiener Kongress gab es auf der einen Seite die alten Kantone mit ihren konservativen Aristokratien, die sich bis zur Gründung des Bundesstaates gegen liberale Ideen wehrten. Auf der anderen Seite gab es die von Napoléon inspirierten, offenen, aber wenig etablierten Kantone. Sie werden in der Regenrationszeit zu den innovativen Laboratorien der Demokratisierung.

St. Gallen begründete 1831 mit dem Veto die Vorform der Volksrechte, blieb aber beim kollektiven Einspruch zu Parlamentsentscheidungen. Das Prinzip der Volksbeschlüssen mit individuellen Entscheidungen legte erst der Kanton Waadt mit seinen Gemeindeversammlungen von 1845, bei denen die wahlberechtigten Männer einzeln abstimmen konnten und ein kantonales Gesamtergebnis ermittelt wurde. In der deutschen Schweiz dominierte damit die demokratische Kritik an den Liberalen, in der Suisse romande entwickelten die Radikalen die liberale Demokratie weiter. Die Liberalen wiederum kritisierten wiederum die Konservativen mit ihren Landsgemeinden, welche die Wahl von Regierungen ursprünglich nicht vorsahen.

Man kann es auch so sagen: Revolutionäres und Traditionelles verschmelzen in der Schweizer Demokratieform zu ihrer unverkennbaren Eigentümlichkeit. Lange hat man das als Einzel- oder Sonderfall verschrien. Erst in den letzten 20 Jahren beginnt man die Vorteile der direkten Bürgerbeteiligung an Regierungsentscheidungen aus einer ganz anderen Warte zu schätzen. Denn sie verhindert in vielem die Spaltung in das Volk und einer politische Klasse – dem zentralen Vorwurf der Populisten an das liberale Demokratiemodell.


Meine Würdigung

Zu den Schwächen des Buches von Graber zählt, dass es sich weitgehend auf die kantonale Ebene beschränkt. Grund hierfür sind die zahlreichen, lokal bestimmten Initiativen, die zum heutigen Demokratiesystem führten. Folge davon ist allerdings, dass die nationale Dimension der Demokratiedurchsetzung zu stark ausgeblendet bleibt. So wurde die Abstimmungsdemokratie in der Schweiz nicht erst 1848 oder 1874 eingeführt, wie das die Lehre will. Mit ihr probte schon die Helvetische Republik 1802, vielleicht dem ersten nationalen Staatsakt, der die heute so wichtigen Institutionen der Confoederatio Helvetica in Vielem vorwegnahm. Das spricht eindeutig für den revolutionären Charakter von Volksentscheidungen, deren Ursprung in der Direktorialverfassung Frankreichs von 1795 liegt.

Wie die Demokratisierungswellen der Politologie, kennt auch die Schweiz keine lineare Entwicklung zur Demokratie. Vielmehr wechseln sich Phasen des Demokratieaufbaus mit solchen der –rückbildung ab. Daran erinnert auch die Klassierung von Huntington, denn die Jahre zwischen 1922 und 1943 bilden mit aufkommenden autoritären Regimes eine eigentliche Gegenbewegung zur Demokratisierung. Aber auch die Jahre zwischen 1962 und 1974 waren durch eine Stagnation in der Demokratisierung der Welt gekennzeichnet (und auch gegenwärtig kann von man ebenso einen Stilstand in der globalen Demokratieentwicklung postulieren). In der Schweiz findet sich ähnliches: Die liberale Demokratie von 1874 musste 1918 zur sozialen umgestaltet werden, um zu bestehen. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg erschütterten beide Demokratievorstellungen. Erst deren Verschmelzung zur Konkordanzdemokratie der Nachkriegszeit etablierte das erfolgreiche Modell und breiter Bürgerbeteiligung einerseits, eingeschränktem Wettbewerb unter den Parteien anderseits.

Grabers Buch ist hier vorbildlich. Es verschweigt nicht, dass die direkte Demokratie in Krisenzeiten schon mal arg gestutzt wurde. Ohne das Drängen konservativ gewordener Waadtländer Föderalisten wäre es vielleicht gar nicht zur Rückkehr gekommen. Graber verweist auch auf das lange Ausbleiben des Erwachsenenwahlrechts, um die Unvollkommenheit der Schweizer Demokratie aufzuzeigen. Und der Perfektionierung der Demokratie im heutigen Sinne widerspricht, dass das Stimm- und Wahlrecht eng an des kommunal ausgestaltete Bürgerrecht gebunden bleibt.

Die allgemeine Lehre aus dem neuen Geschichtsbuch lautet: Ausgeschlossensein in autokratisch geführten Regimes ist der wichtigste von Demokratisierungsforderung. Je grössere die Exklusion ist, desto heftiger fällt die Opposition aus, wenn sie einmal erwacht. Und desto stärker werden die Forderungen nach Inklusion, denn deren Sinn besteht darin, den Widerspruch zu mässigen. Politische Partizipation ist stets Forderung der Unterprivilegierten. Nach Graber wird diese umso klarer vertreten, wenn es auch um materielle Besserstellung und soziale Gerechtigkeit geht.

Genau das sollte man nicht vergessen, wenn man heutige Oppositionsbewegungen beurteilt, selbst wenn sie einem noch so fremd vorkommen. Revolten selber sind nicht demokratisch, doch die Rebellion die auf Partizipation und Emanzipation zielt, nimmt den Kern einer jeden Demokratisierung auf.

Rezension von Rolf Graber: Demokratie und Revolten. Die Entstehung der direkten Demokratie in der Schweiz. Chronos Verlag, Zürich 2017.

978-3-0340-1384-0

Im internationalen Vergleich führte die Schweiz Formen der demokratischen Mitbestimmung früh ein. Klare Vorbilder gab es noch nicht. Die Mitgestaltung durch das Volk entwickelte auf der Basis der vordemokratischer Traditionen, aber auch aufklärerischer Ideal, erweiterte diese mit der Verbindung von Demokratie und Gewaltenteilung resp. Grundrechten entscheidend. Ein neues Buch zeichnet die der Schweizer Demokratie Entwicklungslinien nach.


Das Veto: St. Gallen geht vor

Im Kanton St. Gallen brach, wie auch andernorts in der Deutschschweiz, ein Streit zwischen Anhängern der repräsentativen und der “reinen” Demokratie aus. Letztere nannten sich Demokraten und traten für Bürgerversammlungen als Organ der Gesetzgebung ein. Erstere hiess man Liberale, ihnen reichte es, wenn eine verantwortungsvoll handelnde Elite im Namen des Volks handeln könne.

Am 13. Januar 1831 hatte der St. Galler Grosse Rat über einen Antrag zu entscheiden. Dieser sah vor, dass ein vom Volk gewählter Bürgerausschuss verabschiedete Gesetze ablehnen konnte, wenn er diese als “volkswidrig” empfand. Auge in Auge mit 600 Landleuten, die mit Knütteln und Knebeln angerückt waren, sagte das Parlament Ja.

Es war dies die Geburtsstunde des Vetos – einer Vorstufe der Volksrechte. Das Veto war eine Einschränkung der Macht des Parlaments, die rasch die Runde machen sollte: Basel, Wallis, Luzern, Bern, Schaffhausen und Thurgau führten das Instrument in den folgenden Jahren nach dem St. Galler Vorbild ein.

Volksabstimmungen: Durchbruch in der Waadt

Volksrechte, wie wir sie heute kennen, erlebten ihre Feuertaufe im Kanton Waadt. 1845 entstand dort eine Volksbewegung, die sich gegen die Jesuiten richtete. Führend waren hier die von der Französischen Revolution inspirierten Radikalen. Zu ihren Forderungen gehörte die Einführung von Referendum und Initiative.

Demnach sollte die Mehrheit der Aktivbürger im ganzen Kanton über Gesetzvorschläge oder über einen Vorschlag, den 8000 Bürger machen konnten, abschliessend entscheiden. Am 10. August 1845 nahmen die Waadtländer das erste Volksrecht auf der Basis von Personenscheidungen mit deutlichem Mehr an.

Der Waadtländer Volksbewegung gelang es so, in Sachen Volksrechte alle Deutschschweizer Kantone zu überholen, ohne einen antiliberalen Preis zu bezahlen wie beim Veto. Massgeblich war die wache Erinnerung an die Helvetische Revolution von 1798. Damals führte man die eingeschlafenen Ständeversammlungen wieder ein, allerdings nicht mehr unter adeliger Führung, sondern als Gemeinde der Aktivbürger.

Zwischen Kontinuität und Diskontinuität

Die Debatte zur Geburt der direkten Demokratie in der Schweiz wird durch zwei gegensätzliche Auffassungen bestimmt.

Alfred Kölz, Zürcher Verfassungsrechtler, spricht von einem Bruch mit der Tradition. Denn trotz vordemokratischer Formen der Mitsprache fehlte allen Beispielen das Bewusstsein für Gewaltenteilung und Menschenrechte.

Der Berner Historiker Peter Blickle betont dagegen die Kontinuität. Demokratie habe sich in der Schweiz wegen des verbreiteten Kommunalismus früh durchgesetzt. Gemeint sind damit die Stadtrepubliken und Landsgemeinden, die es seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert gab.

Eine originelle Zwischenposition nimmt das neue Geschichtsbuch des Zürcher Historikers Rolf Graber “Demokratie und Revolte” ein. Der Untertitel lautet “Die Geschichte der direkten Demokratie in der Schweiz”. Zwar steht der Autor Kölz’ Bruch-These näher als Blickle und dessen These der Kontinuität. Die Regenerationspolitiker schafften etwas Neues. Doch griffen sie, so Graber, auf Traditionen und Mythen zurück, die eindeutig vorhelvetischer Natur waren.

Erste Spuren in den 1760er Jahren

Um zu verstehen, was geschah, muss nach Graber die Geschichte des Protests in der Schweiz neu geschrieben werden. Denn Demokratie, insbesondere direkte Demokratie, musste stets erstritten und erkämpft werden.

Frühe Spuren dieses Protests finden sich in den 1760er-Jahren; 70 Jahre bevor es zum Veto kam, 90 Jahre vor der ersten Volkabstimmung im Bundesstaat und ein ganzes Jahrhundert bevor sich die Abstimmungsdemokratie in den Kantonen und im Bund ausbreitete.

Um diese langsame Entwicklung nachvollziehbar zu machen, bedient sich Graber des Begriffs der “Sattelzeit”. Sie beschreibt den Übergang von der Stände- zur Bürgergesellschaft, speziell die Französische Revolution mit ihrer Vor- und Nachgeschichte.

Aufmüpfige Jugend als altes Phänomen

Zur Vorgeschichte des grossen Umbruchs am Ende des 18. Jahrhunderts in der Eidgenossenschaft gehören beispielsweise Jugendrevolten und Zunftkonflikte. Mit der Krise der alten Ordnung entstanden zahlreiche freie Gemeinden. Selbst die Geschlechterfrage wurde zum Thema, denn besonders die Fischweiber und Prügelknaben trieben die revolutionären Forderungen voran. Diese Politisierung hatte einen Zweck: den klassischen Republikanismus des Ancien Regimes zu dynamisieren.

Das alles ist für Graber der eidgenössische Beitrag zur Demokratiegeschichte. Den Impuls von aussen gaben aber Revolutionäre, die zu Beginn der Helvetischen Republik ganz im französischen Sinne handelten. Und sie waren es, die als allererste Volksrechte propagierten.

Autor Rolf Graber unterscheidet vier Formen des Protests : den legalen Protest des Bittens und Begehrens der Untertanen gegenüber der Obrigkeit; die Kommunen, mit denen sich speziell die Landbevölkerung traditionell verwaltete; den volkskulturellen Protest, der den Herrschenden bisweilen mit bäuerlicher Gewalt drohte; sowie die Geselligkeit aufgeklärter Clubs, die Probleme des Gemeinwesens im Sinne der Aufklärung verhandelten.

Mobilisiert wurden so vor allem die ländlichen Untertanen, aber auch städtische Einwohner, die von der politischen Mitsprache ausgeschlossen geblieben waren. Nicht selten stellten sich charismatischen Persönlichkeiten etwa aus dem Gastwirtschaftsgewerbe an die Spitze der Proteste. Legitimiert wurde dies bisweilen durch den Rückgriff auf traditionsreiche Figuren wie Wilhelm Tell, der sich als Manifestant gegen das Ausland, aber auch die eigenen Herrschaften eignete.


Ausschluss als eigentliche Triebfeder der Demokratisierung

In seiner Demokratie-Geschichte ergreift Graber Partei. Er nimmt zugunsten der unteren und mittleren Schichten Stellung im grossen Umbruch von der Stände- zur Bürgergesellschaft Stellung. Zahlreichen Deutungen der Zeitgenossen, aus der Bürgerherrschaft werde eine Pöbelherrschaft entstehen, widerspricht er klar.

Erkennen könne man die Logik des entstehenden Volkes nur, wenn man seinen Standpunkt teile. Denn dieser sei beseelt von der Forderung nach politischer Partizipation, um soziale Verbesserungen zu erreichen.

Der Historiker nennt den Ausschluss breiter Bevölkerungskreise von der politischen Macht als die Triebfeder aller Demokratisierungsbestrebungen. “Das Bewusstsein von politischer und sozialer Ausgrenzung erzeugt ein weiterführendes Emanzipationspotenzial und eine weiterreichende Dynamik. (…) Das Ausgeschlossensein wird zum Ausgangspunkt des Widerstands und zum zentralen Antriebsmoment der Demokratieentwicklung.”

Grabers These, im Schlusswort nachgerecht, ist deutlich: “Die Untersuchungen haben gezeigt, dass die Forderungen nach mehr Partizipation immer auch an soziale und materielle Anliegen gekoppelt sind, die von der Hoffnung auf eine menschenwürdige Existenz befeuert werden und eine beträchtliche Dynamik entfalten.”

Claude Longchamp

Etwas erweitert erstmals erschienen bei swissinfo.ch

Die männliche Fassung der Stadtlegende ist weit bekannter. Und undramatischer.
Sie geht so:
“Als Herzog Berchtold entschieden hatte, in der Aareschlaufe seine neue Stadt zu bauen, sandte er seine Dienstmann aus, in dem Eichenwälder ein Tier zu erlegen. Das erste, das man ihm bringen sollte, würde der Stadt der Namen geben. Als die Dienstmannen zurück kamen, hatten sie einen erlegten Bären dabei. Deshalb bekam die Stadt den Namen Bern.”

Bär im Eriz
Nach über 100 Jahren ist der Bär im Kanton Bern zurück. Er wurde im Eriz gesichtet.

Die weibliche Fassung ist viel dramatisch. Sie geht so:
“Unweit von der Stelle, an der der Herzog den Bären erlegt hatte, irrte eine junge Edelfrau, Mechtildis genannt, mit einem Töchterlein im Arm durch das dornige Dickicht des Waldes. Ein schwerer Schlag hatte sie heimatlos gemacht.
Plötzlich krachte es im Unterholz. Frau und Kind erschraken bis ins Mark, denn eine grosse Bärin tappte daher. Das Tier zog aber freundlich brummend an ihnen vorbei und tat ihnen nichts.
Kaum hatten sich die beiden erholt, stand ein zähnefletschender Wolf vor ihnen. Kein Zweifel, er würde sie verschlingen. Als sie vor Entsetzen schrieen, erschien die Bärin wieder.
Wer weiss, vielleicht hatte der Isegrim einmal eines ihrer Jungen gerissen, auf jeden Fall stürzte sich die Bärin auf den Wolf. Diese fügt ihr gefährliche Bisswunden zu. Schliesslich gelang es der Bärin, ihm mit einem Prankenschlag das Genick zu brechen.
Das Schreien, Knurren und Brüllen lockte die Jäger aus der Burg Nydeck herbei. Beim Anblick der noch lebenden Bärin legte einer der Schützen einen Pfeil in den Bogen. Doch Mechtildis sprang dazwischen.
“Schonet den Bären, meinen Retter!”, rief sie.
Die Bärin, aus vielen Wunden blutend, schleppt sich fort. Wiederholt blieb sie stehen, richteten den Blick auf Mechtildis und brummte. Endlich verstand die Edelfrau, Die Bärin wollte, dass man ihr folge. Bald darauf kamen sie an einer Bärenhöhle an. Zwei niedliche Junge, die die Heimkehr ihrer Mutter erwarteten, stürzten sich auf die Bärin. Sie konnten ihnen gerade nicht einmal das Gesicht lecken und Mechtildis zum aller letzten Mal in die Augen blicken. Dann verschied sie.
Die erstaunten Jäger fanden die beiden Bärchen und nahmen sie zusammen mit der Frau und ihrem Töchterlein mit zur Burg. Als Herzog Berchtold vernahm, was geschehen war, war er zutiefst besorgt. Sofort liess er sein Pferd satteln und ritt zur Höhle. Beim Anblick der tapferen Bärin, die da in einer Blutlache lag, hielt er einen Moment inne. Dann gelobt er: “Du stabst, weil du Wehrlose mit deinem Leben verteidigt hast. Ich will dein Erbe sein! Hier will ich eine Stadt bauen zur Zuflucht der Bedrängten. Bern soll sie heisst, und ein schwarzer Bär soll ihr Wappen sein!”
Der Bau der Stadt mit dem Bären auf dem Wappen ging zügig voran. Ueber der Bärenhöhle wurde das Rathaus gebaut. Die Höhle selber wurde zur Schatzkammer der neuen Stadt. Die beiden Bärenwelpen wurde in der Burg aufgezogen und immer gut behandelt. Die Stadtbäckerei wurde damit beauftragt, ihnen besonders schmackhaftes Brot zu backen. Junge Ritter machten es sich zum Vergnügen, mit ihnen zu ringen und ihre Kräfte und ihren Mut an ihnen zu messen.”

Stadtwanderer

Republikanische Rede zur Taufe der «Republik», dem möglicherweise nächsten Kind in der Schweizer Medienlandschaft
PROGR, Bern 12. April 2017

Meine sehr verehrten Damen und Herren Neugierige!
Am Morgen des 12. April 1798, heute vor 219 Jahren, erklärte der Basler Oberzunftmeister Peter Ochs vor dem Aarauer Rathaus, «Es lebe die Helvetische Republik!». Gleichentags wurde die Verfassung des jungen Staates in Kraft gesetzt, das erste nationale Schriftstück dieser Art.
Vorangegangen war eine Revolution in Europa. 9 Jahre zuvor riefen die Franzosen «Liberté, Egalité et Fraternité» aus, mit dem sie die französische Revolution proklamierten. 3 Jahre später köpften sie den König und liessen die République francaise hochleben. Das provoziert den Kaiser von Österreich so, dass er mit dem König von Preussen das republikanische Frankreich militärisch angriff. Unser Peter Ochs vermittelte 3 Jahre danach einen Separatfrieden mit Preussen, während Frankreich 1797 den Frieden mit Österreich mit Truppensiegen erzwang. Im Vertrag von Campo Formio wurde im wesentlichen das Gebiet der damaligen Eidgenossenschaft vereinbart, denn in den rechtsrheinischen Gebieten sollten die Österreicher das Sagen haben, in den linksrheinischen, also bei uns, Frankreich frei walten können.
Das republikanische Frankreich begann sofort mit der Revolutionierung der Schweiz. Schwierig war das nicht, denn seit 1513 regierten 13 Orte aufgrund ihrer Vorrechte die Eidgenossenschaft. Alles andere waren Untertanengebiete oder Untertanen der privilegierten Herren. Sie alle stellten die Verbündeten der Franzosen dar und wurden Patrioten genannt, was gleich viel bedeutete wie Franzosen. Am 5. März 1798 besetzten die Franzosen Bern, den wichtigsten Ort der damaligen Eidgenossenschaft. Bald merkten sie, dass ihre Aufnahme sehr unterschiedlich ausfiel. General Brune zeichnete schon Pläne für die Dreiteilung der Eidgenossenschaft in Rhodanien, der heutigen Romandie, mit vielen Patrioten, in Helvetien, weiten Teilen der heutigen Deutschschweiz, mit einer Art unrevolutionären Republikanern und dem Tellgau, der heutigen Innerschweiz, mit ganz viel eigensinnigen Föderalisten.
In Paris hatte man für solchen Firlefanz keine Geduld. Vielmehr erliess man die Losung, das ganze Gebiete der vormaligen Eidgenossenschaft heisse ab nun die eine und unteilbare Helvetische Republik. Diese Geschicke dieser Republik sollten knapp 6 Jahre dauern. Gemeinhin wird sie in drei Phasen eingeteilt: In die patriotische Revolutionierung der alten Eidgenossenschaft, in die eigentliche Republik mit einer etablierten Führungsschicht und in die Rebellion mit Aufständischen aus der Bauernschaft. Letzteres mündete in einen Bürgerkrieg, bei dem sich moderne Revolutionäre und konservative Bewahrer gegenüberstanden und durch den das republikanische Zentrum förmlich unterging. Napoléon Bonaparte, nun Consul der französischen Republik, intervenierte noch einmal, diesmal als Vermittler. Die Mediationsakte oktroyiert er den Helvetiern auf. Auf diesem Weg gelang es im, ihren Staat vor dem Chaos zu retten.
Wir wissen, wie die Geschichte weiterging. Der zum Kaiser aufgestiegene Napoléon I. scheiterte schliesslich auf den europäischen Schlachtfeldern. Die Verhältnisse, die er geschaffen hatte, wurden unter Fürst Metternich restauriert. Das System des Wiener Kongresses sollte bis 1848 halten. Dann brachen europaweit neue Revolutionen aus, die einzige dauerhafte Verwirklichung war der Schweizerische Bundesstaat, der bis heute seine Gültigkeit hat. Allerdings, man nannte ihn nie mit viel Pathos Bundesrepublik, sondern profan Bundesstaat. Denn er war nicht mehr von republikanischem Geiste, sondern von liberalem.

Meine Damen und Herren Republikaner und Republikanerinnen!
Was nun ist eine Republik? Die antike Staatstheorie kennt zwei Bedeutungen: das Gemeinwohl, das über dem Privaten steht und welches es zu mehren gilt, und die Abwehr einer übergeordneten Herrschaft, welche eben diese Gemeinschaft in Frage stellt.
Der berühmteste Redner in der Antike war der Römer Cicero, der in seinen republikanischen Reden vor der aufkommenden Macht von Gaius Iulius Caesar warnte. Der aufstrebende Militärherrscher sah sich als Gott, riss die politische Macht an sich und leitete so zur Monarchie unter Augustus über. Die Republik ging unter. Die griechischen Philosophen dachten noch nicht so weit. Für sie war die Republik, deren Begrifflichkeit sie noch nicht verwendeten, das Gemeinwohl. Platon meinte, es könne zum Guten wie zum Schlechten verwaltet werden. Sein Schüler Aristoteles entwickelte auf dieser Basis seine Staatsformenlehre: Wenn einer regiert, ist es eine Monarchie, wenn wenige das Tun eine Aristokratie, und wenn es viele sind, eine Demokratie. Das alles sind die guten Staatsformen. Die schlechten sind die Tyrannis, die Oligarchie und die Ochlokratie, die Pöbelherrschaft. Auch da gilt, der Tyrann ist alleine, die Oligarchie schmal und die Pöbelherrschaft so zahlreich wie die Kommentatoren im Netz.
1870 ging Frankreich definitiv zur Republik über. Deutschland und Österreich machten den Schritt 1918, Italien 1946. Im heutigen Sinne ist die Republik das Gegenstück zur Monarchie. Die ehemaligen Monarchien zeigen ihren Stolz, dass sie sie diese Phase überwunden haben, mit einem Platz der Republik. Paris hat ihn, Berlin auch, Wien ebenso und auch in Rom gibt es ihn.
Die Schweiz hat keinen Platz der Republik! Die Schweiz kennt diese Ortsbezeichnung nicht, weil sie sich längst von der Monarchie verabschiedet hat. Vor der Helvetischen Republik kannte sie Landsgemeinden in der Innerschweiz, Zunftregimes wie in Zürich, Schaffhausen, St. Gallen und Basel, wo die städtischen Gewerbler und Händler das politische Sagen hatten, und die Patriziate, wo ein städtisch gewordener Landadel wie in Bern, Freiburg, Solothurn oder Luzern regierte. Vor der Helvetischen Revolution war jede Politik konfessionell gebunden. Zuerst christlich, dann mit der Reformation aufgeteilt in Katholische und Reformierte. Wegen der konfessionellen Teilung stagnierte die aufstrebende Eidgenossenschaft ab den 1530er Jahren territorial. Bis 1648 gehörten wir mindestens formell alle dem Kaiserreich an, das katholisch war. Der Begriff der Republik taucht hierzulande in diesem Zusammenhang auf. Der Zürcher Theologe Josias Simler veröffentlich 1576 ein Buch unter dem Titel «Respublica Helvetiorum», die Republik der Helvetier. In der französischen Übersetzung hiess die Landeskunde «République des Suisses» im Plural. In der deutschen Fassung nannte man das Werk simpel «Eidgenössisches Regiment». Entscheidend war, dass sich die reformierten Eidgenossen als erste als Republikaner verstanden, während die katholischen Brüder sich als autonomer Teil der Monarchie sahen. Republik meinte, dass man auf dem Wege war, einen eigenen souveränen Staats zu schaffen, auf die konfessionsneutrale Gerechtigkeit anspielte. Leitbild der reformierten Orte wurde der Justitia-Brunnen, der Brunnen der Gerechtigkeit, des Rechts der Republik, das über den religiösen Bekenntnissen stehen sollte.
Der Berner Albrecht von Haller wird den Faden aufnehmen und weiterspinnen, denn er wird als Freund des Aufklärers Montesquieu darüber nachdenken, wie der Geist des Gesetzes am besten zum Ausdruck kommt. Die Teilung der Gewalten wird er zum staatstheoretischen Prinzip erheben und damit in seiner Vaterstadt Bern, die dieses Prinzip nicht kannte und auch nicht realisieren wollte, in Opposition geraten. Von Haller war auch in Opposition zu Jean-Jacques Rousseau, dem anderen Theoretiker der Republik aus unseren Bereitengraden. Dieser sinnierte über die Verwerflichkeit der Gesellschaft und forderte keinen Rechtsstaat, sondern die Rückkehr zum Urzustand in der Natur. Statt aufgeklärten Adelsrepubliken propagierte er eine frühe Art von Öko-Oasen, kleinen Kommunen unter der Führung eines Reformpädagogen, in denen die Arbeitsteilung und damit die Herrschaft aufgehoben werden sollte. Das hat ihm bis heute den Vorwurf eingebracht, eine Art totalitärer Herrschaft vorausgedacht zu haben. Auch Rousseau erhielt einen Gegenspieler. Das Gegenkonzept zur alten Republik wird in der neuen Republik entstehen: Der Franzose Alexis de Tocqueville wird die amerikanischen Verfassung studieren und an ihr herausfinden, wie die demokratische Republik in den USA funktionieren konnte. Denn diese waren ein Zusammenschluss als Bundesstaat, der nach dem Prinzip des Rechts, der Gewaltenteilung und des Wettbewerbs funktionieren sollte. Checks & Balances im Staat sollten hier die Herrschaft überwinden.
Kantone wie Genf verstehen sich bis heute als Republiken im Geiste Rousseaus. Die Schweiz imitierte 1848 jedoch den amerikanischen Bundesstaat. Stärker noch als dieser betonte man damals aber die liberale Seite der Republik. Die Stärke, die daraus entstand, zeigt sich in der bürgerlichen Befreiung der Männer von tradierten Zwängen der Kirchen, sie findet sich im grandiosen Aufstieg der Wirtschaft und sie hat den demokratischen Charakter der hiesigen Politik gestärkt. Aber sie hat einen fundamentalen Mangel: Es ist der Verlust der Gemeinschaft. Sie brauchte die sozialen Kräfte, welche eben diese verloren gegangene Gemeinschaft wiederentdeckten, die Solidarität und die Gleichheit pflegten. Die Schwäche der Republikaner und der Liberalen ist nämlich, dass sie die Rechte an Herkunft oder an die Nationalität banden. Ihre Referenzen sind die Gemeinschaften und Nationalstaaten. Doch genau das gilt es im Digitalzeitalter zu überwinden. Es braucht Rechte, die kosmopolitisch egalitär sind.
Die Geschichte lehrt: Der Liberalismus hat einen Pferdefuss. Es ist der Verlust des Strebens nach Gemeinwohl in der Gemeinschaft. Das merkten die zeitgenössischen Republikaner in den 70er Jahren. James Schwarzenbach schuf die erste antiliberale Gegenbewegung, die heute in verwandelter Form weiterlebt und von den Vorrechten der Herkunft, insbesondere der Männer, träumt. Man kann dem auch ein Gegenmodell gegenübersetzen: Zeitgemässer Republikanismus unterschätzt die Stärke der Gemeinschaften nicht. Er arbeitet am Gemeinwohl. Er ist kosmopolitisch und egalitär. Die Politologin Ulrike Guérot propagiert unerschütterlich ein neues Europa, eine Republik ohne Nationalstaaten – offen, sozial und gemeinschaftlich.

Meine Damen und Herren Medien-NutzerInnen!
Was nun ist die Rolle der Medien in dieser kleinen Staatstheorie? Der Baselbieter Medienwissenschafter Roger Blum hat vor zwei Jahren sein eigentliches Lebenswerk unter dem Titel «Lautsprecher und Widersprecher» veröffentlicht. Dabei hat er eine Typologie von nationalen Mediensystemen entwickelt. Er unterscheidet sechs charakteristische Erscheinungsformen. Drei müssen wir hier nicht behandeln, denn sie gehen von staatlichen oder staatlich kontrollierten Medien aus. Mit typischen Formen für freiheitliche Mediensysteme müssen wir uns aber beschäftigen. Nach Blum gleicht das Mediensystem der Schweiz am stärksten dem in Grossbritannien. Unterschieden wird zwischen Qualitätsmedien und Boulevardpresse. Typisch ist aber, dass alle Medien einen ausgesprochenen öffentlichen Auftrag für sich reklamieren. Den Typ nennt Blum «Public Service», vorbildlich ist für ihn die BBC. Vereinfachend will mir scheinen, dass dieser Typ vor allem in der Suisse Romandie vorherrscht. In der italienischsprachigen Schweiz gibt es laut Blum eher ein Klientelmediensystem. Die Medien gehören einem Padrone aus Gesellschaft oder Wirtschaft, der letztlich bestimmt, was veröffentlicht wird. Alles, was der Klientel des Padrone nützt, gilt als gut, alles andere als schlecht. In der Deutschsprachigen Schweiz tendieren wir stark zu dem, was Blum das liberale Mediensystem nennt. Die Medien sind zum reinen Geschäft geworden, das betrieben wird, solange es rentiert und sonst auch aufgegeben werden kann. Die Verlegerinteressen sind gewahrt, der Padrone hat (noch) nichts zu sagen, aber der öffentliche Auftrag verflacht.
Was heisst das für die neue «Republik»? Zuerst muss sie unabhängig sein, unabhängig von der grossen Einflussnahme, genauso wie es Cicero in seinen republikanischen Reden beschrieb. Der Padrone ist der natürliche Feind der Unabhängigkeit. Dann muss sie der Gemeinschaft verpflichtet sein, dem öffentlichen Wohl, nicht den privaten Interessen. Genauso, wie es die antiken Griechen nannten. In der heutigen Zeit müssen sie aber auch ökonomischen Erfolg haben, ohne in die Macht von Verlagen oder Oligarchen zu geraten. Das ist die grösste Herausforderung!
Die Helvetische Republik ging nach weniger als sechs Jahren ein. Hoffen wir, das geschehe mit der neuen Republik nicht genau so! Die Helvetische Republik hat aber auch Bleibendes geschaffen, von dem wir heute noch profitieren: Allem voran hat sie den Staat von der Kirche getrennt. Und sie hat die Menschen- und Grundrechte eingeführt. Personenunabhängige Gesetze, die im ganzen Land gleich gelten, gehen auf sie zurück. Gemischt ist die Bilanz, wenn es um die Gewaltenteilung, das Schulwesen und den Schweizer Franken geht. Sie alle haben ihren Ursprung in der Helvetischen Republik. Sie alle gingen mit ihr auch unter, um in gewandelter Form mit der liberalen und sozialen Revolution in diesem Land neu zu erstehen.
Wenn ich ein Bild verwenden darf, das zu unserer Stadt passt. Die Helvetischen Republikaner kamen vom Land und aus den Kleinstädten. Sie waren Burgdorfer. Als sie in die Stadt Bern kamen, merkten sie, wie klein sie waren. Letztlich Ameisen! Als sie bleiben wollten, wurden sie brutal vom tonnenschweren Tram überfahren.
Was meine ich damit? Gescheitert ist die Helvetische Republik europapolitisch am grossen Krieg. Auch das muss den heutigen Republikanern eine Lehre sein. Gescheitert ist sie aber auch am Geld. Das ist die wichtigste Lehre für unsere Neu-Republikaner zwischen Freiheitskampf, Unternehmertum und Journalismus.

Claude Longchamp

21. Jahrhundert
2017 Alec von Graffenried (GFL) wird neuer Stadtpräsident. Seine unterlegene Herausfordererin, Ursula Wyss wäre die erste Stadtpräsidentin aller Zeiten gewesen.

20. Jahrhundert
1992 Rotgrüne Mehrheit im Berner Gemeinderat, Stadtpräsidium geht an SP
1986 Wahl von Leni Robert, erste Frau im Regierungsrat
1979 Jura wird eigener Kanton, Berner Jura bleibt
1971 Einführung des Frauenstimm- und –wahlrechts auf Bundesebene
1970 Einführung des Frauenstimm- und –wahlrechts auf Kantonsebene
1937 Wahl von Robert Grimm, erstem Sozialdemokratien im Regierungsrat
1920 Proporzwahlrecht für den Berner Gemeinderat
1918 Landesstreik, Robert Grimm als Streikführer
1916/7 Lenin in Bern, internationale sozialistische Konferenzen in Zimmerwald und Kiental
1905 Albert Einstein, Einwohner Berns, schreibt seine berühmten 5 Abhandlungen zur theoretischen Physik in Bern

19. Jahrhundert
1895 erster Sozialdemokrat in Berner Stadtregierung
1894 Gründung der Freisinnig-demokratischen Partei in Bern
1893 Käfigturmkrawall gegen Verhaftung Schweizer Arbeiter, die gegen ausländische Lohndrücker protestierten, Militärbesetzung Berns
1888 Gründung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz in Bern
1874 Revision der Bundesverfassung, Einführung des Referendums
1869 Einführung des obligatorischen Referendums auf Kantonseben
1848 Bern wird Bundesstadt, Sitz von Regierung und Parlament der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Repräsentative Demokratie, Gewaltenteilung der Behörden, der Berner Ueli Ochsenbein wird erster Berner Bundesrat
1846/7 Erste Volkswahl des bernischen Grossen Rates, radikale Mehrheit, Sonderbund des katholisch-konservativen Orte militärisch beendet
1834 Gründung der (liberalen) Berner Universität
1831 Liberale Revolution und Bern, Patriziat dankt ab, repräsentative Demokratie
1815 Die Schweizerische Eidgenossenschaft findet auf dem Wiener Kongress ihre völkerrechtliche Anerkennung mit den heutigen Grenzen, Bern verliert Waadt und Aargau definitiv, bekommt dafür Jura
1803 Mediationsverfassung, Trennung von Stadt und Kanton Bern, Regierungspräsident des Kantons als Nachfolger des Berner Schultheissen

18. Jahrhundert
1798 Besetzung durch französischen Truppen, Ende des Ancien Régimes, Ausrufung der Helvetischen Republik, Säkularisierung der Kirchengüter, bürgerlichen Freiheiten
1792 Sturz der Monarchie in Frankreich, Radikalisierung der französischen Revolution
1777 Albrecht von Haller, Berner Universalgelehrter, Verfechter der Adelsrepublik, aber Kritiker der Berner Verhältnisse, stirbt
1712 2. Toggenburgerkrieg, Sieg mit Zürich in der 2. Schlacht von Villmergen, Friede von Aarau bringt voll Parität der Konfessionen
1702 (verspätete) Einführung des gregorianischen (katholischen) Kalenders

17. Jahrhundert
1682 Allegorische Darstellung der Berner Republik durch Maler Jan Werner
1668 Staatsvertrag mit Frankreich wird erneuert
1654 Beginn der Abkapselung der Berner Burgergemeinde, Bildung des regimentsfähigen Patriziates
1653 Bauernkrieg, Aufstand der Untertanen wird militärisch beendet
1648 Mit dem westfälischen Frieden wird die Eidgenossenschaft unabhängig von Kaiserreich

16. Jahrhundert

1576 Der Theologe Josias Simler veröffentlicht “Republica Helvetiorum” und begründet die Staatslehre der Schweizer Reformierten
1537 Erster Buchdruck in Bern, Mandate der Regierung werden gedruckt
1536 Eroberung der Waadt, Jean Calvin mit Berner Hilfe nach Genf, calvinistische Reformation mit Ausstrahlung in die neue Welt
1528 Reformation in Bern, inspiriert von Huldrich Zwingli, militärische Durchsetzung im Oberland, Beginn der Berner Akademie
1516 Bern unterzeichnet mit allen anderen eidgenössischen Orten den Staatsvertrag ersten Staatsvertrag mit Frankreich, erhält Wirtschaftsleistungen, gibt Söldner
1513 Sieg in der Schlacht von Novara (Oberitalien), Bern bringt den Bären als Trophäe mit nach Hause

15. Jahrhundert
1499 Schwabenkrieg, Sieg über den Kaiseranwärter Maximilian, Autonomie im Kaiserreich im Frieden von Basel bestätigt
1484 Chorherrenstift für das Münster, Beginn der bernischen Staatskirche
1481 Stanser Verkommnis regelt die Eidgenossenschaft neu
1476 Burgunderkrieg, Eidgenossen siegen in der Schlacht von Murten
1470 Wahl des Metzgermeisters Peter Kistler zum Schultheissen, erster Bürgerlicher
1450 Zürichkrieg, erste Aufstände auf dem Land, Krieg endet mit dem Sieg Berns, mit dem Frieden von Einsiedeln wird Mitgliedschaft in der Eidgenossenschaft exklusiv
1415 Bern wird Reichsstand im Heiligen Römischen Reich, Bau des Rathauses, Eroberung des Aargaus
1405 Grosses Stadtbrand, 550 Häuser brennen in einer Nacht ab

14. Jahrhundert
1393 Bern unterzeichnet den Sempacherbrief der Eidgenossenschaft, vermutlicher Beginn der Tagsatzung
1384 Burgdorferkrieg als des Städtekrieges gegen den Adel , Bern kauft den Grafen von Kyburg Burgdorf und Thun ab
1379 Privileg des Kaufs und Verkaufs von kaiserlicher Lehen
1365 Kaiserbesuch, Rückkehr der Junker, kaiserliches Handelsprivileg
1353 Bündnis Berns mit der Innerschweizer Eidgenossenschaft
1348/9 Grosse Pest in Bern, Vertreibung der Junker

13. Jahrhundert
1298 Bern wählt wie eine Reichsstadt den Schultheissen selbständig
1295 Bündnis Berns mit Solothurn, Beginn der «Burgundischen Eidgenossenschaft»
1292/4 Stadtverfassung, durch König Adolf von Nassau anerkannt, Einführung des Grossen Rates
1254 Ende der Staufferdynastie, vermutliches Datum der Handfeste, Savoyischer Schutz

12. Jahrhundert und vorher
1191 Legendäre Stadtgründung durch Herzog Berchtold IV. von Zähringen
962/1032 ganzes Gebiet der heutigen Schweiz kommt zum Kaiserreich
843 Aare als Grenze bei der karolingischen Reichsteilung
617 Sieg der Alemannen über Burgunder
497 Einwanderung der Alemannen im Aaretal bis Burgdorf
443 Eiwanderung der Burgunder links der Aare

77 Stunden hat er die letzte Woche gearbeitet; im Schnitt sind es 55, verteilt auf 6 Tage und Abende. Das ist mehr als das Mittel der Berner. Dafür verdient er auch mehr, und er macht auch etwas mehr Ferien als der Schnitt. Der Berner Justizminister Christoph Neuhaus hat heute Ferien. Im lockeren Outfit spricht er vor einer Gruppe junger Asylsuchenden. Eine Lektion in Berner Staatskunde soll es werden.

neuhaus
Regierungsrat Neuhaus und die Bibel im Regierungszimmer

Der Berner Politiker begrüsst die Interessierten aus vielen Ländern auf der linken Treppe vor dem Berner Rathaus. Eine Stunde lang wird er ihnen zeigen, wo das Gesetz des Kantons und der Stadt entsteht, und wo die Berner Synode tagt. Politik wird er nicht betreiben, aber so gut wie möglich erklären. Der Empfangssaal im Untergeschoss, die Wandelhalle oben, der Tagungssaal des Parlaments resp. der Regierung und die Kapelle sind die Stationen.

Das Parlament
Im grossen Saal des Parlaments geht es um die politischen Parteien.
Die FDP, die liberal ist und wenig Gesetze will.
Die SVP, eine konservative Partei, die wenig Flüchtlinge will.
Die BDP, für die die SVP unanständig ist.
Die religiösen Parteien, christlich und/oder sozial.
Die GLP und die Grünen, beide für die Umwelt.
Und die Sozialisten, für die Gleichheit der Menschen.
Das Wandbild, auf das derweil alle schauen, stammt aus dem letzten Krieg. Links ist das Nationale, sagt der Referent, der Zeit als die Schweiz sich angesichts des Krieges zwischen den Nachbar eingeigelt hat; rechts geht es um die damalige Gesellschaft, noch klar aufgeteilt in arbeitende Männer und fürsorgliche Frauen. Wenig später wird der Politiker erklären, es sei nicht gut, wenn Männer oder Frauen nur unter sich politisieren. Alle sind Menschen, und sie alle haben gute Ideen. Man müsse sie nur zusammenbringen.
Als fast alle aus dem Saal sind, postiert sich eine der Frauen vor dem Rednerpult. Ihre Haarbedeckung verweist auf die Tradition in ihrem Land. Doch Augen funkeln, als sie den Blick in den Rat wirft, als wollte sie zeigen, wie gerne sie Politikerin wäre.

Die Regierung

Die Sitzordnung im Regierungsrat ist hierarchisch: vorne der Präsident, daneben die Stabschefs für das Juristische resp. für die Kommunikation. Dann der Stellvertreter des Präsidenten, und dessen Stellvertreter. Nach einem Jahr wird automatisch gewechselt. Das amtsälteste Mitglied sitzt dem Präsidium nahe, denn es bringt am meisten Erfahrung ein, dann geht es dem Amtsalter nach. Die Novizen haben die hintersten Ränge
Wie lange man regieren könne, will ein Junge wissen. Ein Regierungsrat der SP oder der SVP könne maximal 16 Jahre in der Exekutive bleiben. Das bestimmt seine Partei. Die Vertreter der andern können unbeschränkt bleiben.
Nach 10 bis 12 Jahre habe man anstrengenden Job jedoch meist satt, sagt Neuhaus. Medien und Handy haben die Gangart der Politik beschleunigt, was mehr anstrengt als früher.
Parlamentarierinnen haben vier Möglichkeiten beim Abstimmen: Ja, Nein, weiss nicht. Oder man verlasse noch rechtzeitig der Raum, um ein scheinbar dringendes Telefonat zu machen. Die Gruppe kichert. In der Regierung muss man Farbe bekennen. Da gibt es nur Ja oder Nein. Man kommt, selbst wenn man krank ist. Denn die Mehrheitsverhältnisse sind 4 zu 3 so oder anders herum.
Bevor man abstimmt, wird diskutiert. Untereinander sprechen sich die Regierungsmitglieder mit ihrem Titel an: “Frau Regierungspräsidentin”, “Herr Justizminister”. Das verschafft Respekt – gerade wenn es einmal hitzig zu und her gehen sollte.

Politische Kulturen
Für Sittlichkeit sorgt im karg ausgestatteten Raum auch eine Bibel. Einmal, weiss der Kirchendirektor zu berichten, habe ein Pfarrer etwas gepredigt, das der Regierung nicht gepasst habe. Die Rüge, die man ihm erteilt wollte, quittierte der Gottesmann mit dem Hinweis, er zitiere nur die Bibel. Das habe man nachprüfen wollen, ohne jedoch das geschriebene Wort Gottes im Haus zu finden. Seither gibt es in Bern immer eine Bibel, wenn regiert wird.
Die Begrüssung hatte der Regierungsmann so begonnen: “Gott ist Burger zu Bern”, und wer will schon gegen Gott Krieg führen. Der Stolz der Berner hat lange genützt, bis die moderne Zeit und die französische Besatzung kamen. Die Staatskirche gibt es heute nicht mehr, aber drei Landeskirchen hat der Kanton Bern. Keine kann heute für sich beanspruchen, alleine die Wahrheit zu vertreten. Ein Viertel der Einwohnerinnen ist in keiner Kirche. Es sei es angezeigt, religiöse Neutralität zu wahren. Bald werde man auch in Bern die Kirche und den Staat besser trennen – so wie man es im Schulbuch gelernt habe.
7 Prozent im Kanton Bern sprechen französisch. Die anderen reden in ihre Dialekt, aus dem Seeland, dem Emmital, dem Oberland oder aus der Stadt. Im Grossen Rat wird übersetzt. Die Uebersetzung der Politikersprache für die Bevölkerung machen Zeitungen und Radio. Seit 1831 sind die Verhandlungen der VolksvertreterInnen öffentlich. Das ist Demokratie.

Generationen über Generationen
Am Anfang der Führung hatte Neuhaus einen Sprachtest gemacht. Das Rathaus sei vor 600 Jahren gebaut worden. Wie alt es sei, wollte er bald danach wissen. Die Antworten waren durchwegs richtig. Er müsse zugeben, er könne schlechter arabisch als die Asylsuchenden deutsch, war der ehrliche Kommentar.
Am Schluss lobt der sympathische Justizminister die jungen Leute. Für Menscehn wie sie würde man heute Gesetze machen. Wenn sie sich anstrengen würden, könnten auch sie ins Parlament gewählt werden, und die Gesetze für die nächste Generation beschliessen. Einige sind gerührt. An dieses Politikerwort erinnern sie sich bestimmt lange.
Als alle gegangen sind und wir zu zweit vor der Rathaus stehen, frage ich den Regierungsmann, ob er auch die Symbolik der Fassade kenne. Er verneint, sodass ich nachhelfe. Ueber Treppe geht es um Wahrheit und Lüge, der guten und der schlechten Seite der Politik. Darunter finden sich Samson, der Löwenbändiger, und Diogenes, der Hund. Das sind die guten und schlechten Menschen. Schlecht seien Tugenden wie die Feigheit, die Ungerechtigkeit, der Hochmut und die Verführung. Das zeigt die Treppe rechts. Das Gute aus den Generationen, als das Rathaus gebaut wurde, steht auf der linken Treppenseite: die Unschuld, die Demut, die Keuschheit und die Wohltat.
Letztere Figur befindet sich genau dort. wo der Regierungsrat eine Stunde zuvor seine Schützlinge begrüsst hatte.

Stadtwanderer

Hier der Hinweis auf meine republikanische Stadtwanderung, der ersten dieser Art, extra am 12. April, dem Jahrestag der Verfassung der Helvetischen Republik!

Am Mittwoch um 17 Uhr 15 startet meine neueste und gleichzeitig letzte Stadtwanderung, speziell für das Projekt R.. 2018 will diese Gruppe von Journalisten, Unternehmerinnen und Technikerinnen eine neue Online-Zeitung herausgeben.

Warum hat Bern (noch) keinen Platz der Republik?

Vor-Station 1: (für gar Nicht-Ortskundige): Zähringer-Denkmal: Craskurs in Berner Geschichte (speziell für Zürcher)
Vor-Station 2: (für gar Nicht-Kenner der Republiken): Gerechtigkeitsbrunnen: Politische Philosophie: Was uns die Denkväter und -mütter der Republiken von Aristoteles, Cicero, Niccolo Machiavelli, Baron de Montesquieu, Jean-Jacques Rousseau, Alexis de Tocqueville bis Ulrike Guerot zu sagen haben!

1. Station: Junkerngasse (gleichzeitig Vorschlag 1 für den Platz der Republik): Republikaner vs. Liberale oder Albrecht von Haller vs. Georg F. Hegel in einem Haus
2. Station: Station: Rathaus (gleichzeitig Vorschlag 2): Gemeindebildung als Basis des Republikanismus – Variante Bern
3. Station: Kornhaus (gleichzeitig Vorschlag 3): Respublica Bernensis – die traditionsbewusste Stadtelite
4. Station: Tramschienen vor dem Zytgloggeturm (gleichzeitig Vorschlag 4): Helvetische Republik – vom Scheitern der modernen republikanischen Revolution
5. Station: Bundeshaus (gleichzeitig Vorschlag 5): Der liberale Bundesstaat als ideologischer Gegner des Republikanismus
6. Station: Medienzentrum (gleichzeitig Vorschlag 6): Republikanische Oeffentlichkeit gegen die Dominanz der click-Medien

Abstimmung über den neuen Platz der Republik in der Stadt Bern

Ich bin gespannt,

Stadtwanderer


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