ich weiss, es ist ein heikles thema. gerade heute, wo der kanton thurgau das frühfranzösisch strich. aber sie muss erzählt werden, die geschichte, wie der röstigraben entstand!

fortifikation
grafik bernerzeitung; anclicken, um sie zu vergrössern

die gestrige “bernerzeitung” berichtete im rahmen der reihe zur “festung schweiz” über die westliche verteidigungslinie der schweiz im ersten weltkrieg. eigentlich sollte sie das land einigen. der titel über dem artikel machte aber schnell klar, dass dem nicht so war: “Als die Schweiz ihre Sprachgrenze bebfestigte”, lautete er. und es ging um spaltung der schweiz in Landesteile.

jon mettler erzählte darin die geschichte der fortifikation murten. gemeint ist damit ein eine kilometer lange verteidigungslinie, von der saane zum murtensee, über den mont vuilly an den neuenburgersee und dem zihlkanal entlang an den bielersee. begonnen wurde mit dem bau damit 1914, auf geheiss der schweizer armee. beendet wurde das bauwerk 1917.

zielsetzung des verteidigungsbaus war es, einen angriff der franzosen auf die bundesstadt bern aufzuhalten. brisanz erhielt er wegen seinem der verlauf – genau entlang der sprachgrenze. zwar würden historiker bestreiten, die kulturelle grenze hätte bei der planung den ausschlag gegeben; vielmehr sei die topografie massgeblich gewesen.

die spannungen, durch die umsetzung des plans erzeugt wurden, wirken bis heute nach. denn aus diesem kontext sei der begriff des “röschtigrabens” entstanden, dem gefühl der romands, von dem alemaniques vernachlässigt zu werden, schreibt die bernerzeitung. und genau dieses gefühl prägt in zyklischen schüben das zusammenleben in der schweiz. nach abstimmungen, bei grossinvesititionen. beim umgang mit relevanten Symbolen.

nun ist bekannt, dass der erste weltkrieg einen tiefen graben in den beziehungen zwischen den landesteilen riss. soziale divergenzen zwischen reich und arm spalteten die gesellschaft. sprache wurde zum konstituierenden merkmal der kulturellen identitäten. und der freisinn, die staatsgründer-bewegung von 1848, verlor die alleinherrschaft über das land.

um die sozialen spannungen zu beseitigen, setzte der bundesrat militär ein. der kulturelle graben verdichtete sich, weil in der folge immer mehr organisationen entstanden, die nicht kantonal, sondern sprachregional konstituiert wurden. und der politische stil änderte sich hin zur parteiübergreifenden Konkordanz. letzteres bröckelt, und die polarisierungen gerade zwischen den landesteilen werden wieder heikler.

bis heute ist das ende der ersten weltkrieges das sinnbild der schweizer spaltung geblieben. zwar konnte sie dank weisen leute und Staatskunst verhindert werden, aber die hinweise darauf flackern immer wieder auf. was mir gestern abend beim fischessen im la sauge, genau auf der sprachgrenze, bei der lektüre des artikels in der bernerzeitung erstmals richtig aufgegangen ist, will ich nicht verheimlichen: der verteidigungsplan der schweiz im ersten weltkrieg, für den die fortifikation murten bis heute steht, nützte zwar Bern, der bundesstadt und damit der schweiz. er richtete sich aber gegen die sprachminderheit im westen, die bei einem angriff frankreichs oder england wohl kampflos abgegeben worden wäre. denn murten war der befestigte hauptort.

das war, wie man weiss, 438 jahre früher, schon in den burgunderkriegen so. und auch im stäcklikrieg 1802 spielte murten einen entscheidende rolle. 1914/18 kam es gottseidank nicht dazu. den anders als früher, griffen im ersten Weltkrieg weder die burgunder noch die franzosen die schweiz an. dass man in diesem krieg die deutsch-, nicht aber die französischsprachige schweiz verteidigt hätte, entbehrt nicht der Ironie der geschichte. denn der moderne Bundesstaat von 1848, den man 1914 verteidigen wollte, wäre nie so geworden, wie er war, ohne dass es die helvetische republik von frankreichs gnaden gegeben hätte.

stadtwanderer

die herbstsaison des stadtwanderers steht vor der tür. illustre gäste sind angesagt.

bernfall
bern im herbst – wundervoll!

im herbst 2014 finden insgesamt sieben führungen mit schweizerische und ausländische gruppen statt.

22.8.2014 schweizerische bankiervereinigung:
Berns Geschichte – verkehrt herum erzählt

4.9.2014 gesellschaft für gerontologie:
historisch-kulturell-politischer stadtrundgang

15.9.2014 referentInnen der abgeordnetenbüros des deutschen bundestages:
konkordanz woher – konkordanz wohin?

26.9.2014 armenische osze-delegation:
wie die schweizer politik demokratisiert wurde

5.10.2014 staffers des us-kongresses:
konkordanz woher – konkordanz wohin?

13.(oder 27.)10.2014 wohnbaugenossenschaften bern:
bern im mittelalter

5.12.2014 verwaltung der stadt zürich, Behörde für kindes- und jugendschutz :
historisch-kulturell-politischer stadtrundgang

12.12.2014 executive mpa lehrgang am kpm, universität bern:
konkordanz woher – konkordanz wohin?

ich freue mich auf spannende begegnungen!

stadtwanderer

geschichte sei die lüge auf die man sich geeinigt habe, soll napoléon bonaparte gesagt haben. genau deshalb brauche es geschichte als kritische wissenschaft, schrieb friedrich nietzsche. das dürfte sich georges andrey gedacht haben, als er das buch “la suisse romande” schrieb, ebenso wie ich mich daran erinnerte, als ich es las.

romandieeigentlich erscsheint alles ganz einfach. von der suisse romande kann man erst seit der helvetischen republik sprechen. 1798 übernahmen unverbrauchte politiker aus dem waadtland verantwortung in der ersten regierung der helvetik. mt ihr begründeten sie einen neuen staat, dessen politik erstmals für die schweiz auf der mehrsprachigkeit basierte. abgelöst wurde damit das ancien régime, das ausschliesslich aufgrund deutschsprachiger verhandlungen über das gute entschied. beendet wurde damit auch der losen bund von staaten durch den strengen zentralismus à la française, ohne dass das von dauer gewesen wäre. 1803 setzte sich mit der mediation der gescheiterten helvetik zwar der gedanke der erneuerten, plurikulturellen schweiz vermittelt fort. louis d’affry, vormals freiburger avoyer (schultheiss), übernahm als erster landammann der schweiz die regierungsgewalt alleine, wenn auch auf zeit, gestützt von einem ständigen eidgenössischen kanzler, der symptomatischerweise aus der waadt stammte. doch entsagtedie mediationsakte dem zentralismus und der militärischen intervention, was der entwicklung der schweiz gedeihlich war.

so klar man den beginn der suisse romande identifizieren könnte, so kritisch geht der autor der geschichte der suisse romande mit ihm um. georges andrey, freiburger historiker welscher zunge, widerspricht in seinem buch „La Suisse Romande. Une histoire à nulle autre pareille“ in vielem, was man aus der geschichte zu kennen glaubt. So meint, diese traditionelle sichtweise derdinge basiere einzig auf einer ethnischen definition der sprachkulturen. demgegenüber verteidigt er eine historische bestimmung der suisse romande, die von herrschaft über territorien mit einer mehrheitlich geteilten sprache ausgehe. deshalb gehörten die rein französischsprachigen kantone vaud, genève, neuchatel und jura , genauso wie die zweisprachigen fribourg und valais zur suisse romande.

sein voluminöses buch über die geschichte dieser kantone teilt der ehemalige bundesbeamte, der erfolgreich einige bücher zur geschichte der schweiz resp. freiburgs verfasst hat, in fünf umfangreiche teile:
. in die mittelalterlichen allianzen des 13. bis 15. Jahrhunderts (deren einbezug noch begründet werden muss),
. in die zerstückelte suisse romande von 1481 bis 1798,
. in die befreite und geeinte suisse romande von 1798 bis 1815
. in die suisse romande der fünf kantone von 1815 bis 1914/19 und
. in die romandie, tochter der helvetias seither.

verbunden ist damit der wegleitende gedanke einer evolution der selbstwerdung. denn die suisse romande entstand selbstredend auf lateinischer basis, vermittelt durch burgundische kultur, geprägt durch lokal verankerte adelsdyanstien. doch sie näherte sich, so der autor, schritt für schritt resp. teil für teil der deutschsprachigen eidgenossenschaft an, in sie nicht ohne konflikte aufgenommen wurde, woraus der heutige staat auf plurikultureller grundlage entstanden sei.

am umstrittensten sei der begriff der „romandie“, schreibt der autor andrey. denn er gehe von einer territorium ohne schweiz aus, während in seinem verständnis die suisse romande eine schweiz in der schweiz sei. entstanden in der tiefen krise nach dem ersten weltkrieges, genau genommen am 10. märz 1919, ausgedrückt durch maurice porta, dem eigentlichen vater der romandie, sei er durch die umstände geprägt. diese äusserten sich in der bedrohlichen spaltung des landes entlang der sprachgrenze, am besten ausgedrückt im beitritt des landes zum völkerbund. denn bei dieser volksabstimmung entschied die geschlossen votierende minderheit mit der minderheit in der gespaltenen mehrheit, nicht ohne damit eine staatskrise zu riskieren.

kinder dieser teilung sind das radio romande, heute mit dem französischsprachigen fernsehen teil der srg, aber auch die tour de romandie, bis in die gegenwart ein teil à part der tour de suisse. höhepunkt der romandie-bewegung erscheint dem autor die expo 64 mit der die romandie teil helvetiens geworden sei. Das neue selbstbewusstsein haben auch auf andere gegenden ausgestrahlt. denn die geburt des kantons jura, 1978 mittels volksabstimmungen entschieden, gehöre in die linie der lange linie der selbstbestimmungen von minderheiten in der schweiz. einige seiten lang spekuliert der autor selbst darüber, dass mit dem südjura, wie er es nennt, dereinst ein vierunzwanzigster kanton der schweiz und ein weiterer der suisse romande entstehen könnte.

dennoch, georges andrey beleibt schweizer realist und schreibt in seinem buch konsequent von der suisse romande, dem historisch gewachsenen, anderen teil der schweiz. ganz in der tradition des welschen föderalismusverständnisses sieht er die in souveränen, aber kooperativen kantonen begründet. deren startschuss war der wiener kongress, mit dem die tagsatzung als wichtigster eidgenössischer behörde der damaligen zeit auf neuer basis belebt wurde. entwickelt habe sich damit der gedanke, die kantone seien eigenständig, indessen über konkordate verbunden. in der suisse romande habe man das nach dem ende des einheitlichen frankens mit der einführung einer gemeinsamen währung zwischen freiburg und der waadt im jahre 1825 sinnbildlich zum gebracht.
konstitutiv für dieses staatsverständnis sei, dass sich die fünf welschen kantone von 1815 auf fünf verschiedenen identitäten berufen, die sich nicht zuletzt im sonderbundeskrieg heftig begegnet seien, danach habe man sich aber aneinander gewöhnt. autor andrey spricht davon, die suisse romande habe seither genügend bewiesen, dass man bei aller unterschiedlichkeit als gemeinschaft existiere. typisch dafür ist das wortspiel vieler zeitgenossen, verbunden mit der frage, ob die suisse romande ein körper sei, der nach einem geist suche, oder ein geist, den seinen körper erst finden müsse. klar ist für andrey, dass die suisse romande ein körper ist, in dem ein gemeinsamer geist wirkt. besonders hervorgehoben wird in diesem zusammenhang die überragende rolle des genfers guillaume-henri dufour, der im sonderbundskrieg mit weitsicht die eidgenössische armee führte und in freiburg eine kapitulation ohne blutvergiessen erwirkte, was viel zur bildung einer einheit in der vielfalt beigetragen habe.

zentral ist dem autor selbstredend die phase rund die helvetische republik. vorbereitet worden sei sie von historikern und geographen, die im 18. Jahrhundert erstmals eine gemeinsame geschichte resp. eine gemeinsame karte des denkbaren territoriums konzipiert und realisiert hätten. beschleunigt worden sei dies alles 1792 durch die revolutionen in den bergen des juras und neuenburgs. gezündet habe der funke aber in der waadt, die bereits 1723 mit der begründung, in den villmergen kriegen vollwertige militärische dienste geleistet zu haben, zum selbständigen kanton avancieren wollte, dafür aber mit der öffentlichen hinrichtung von major davel bestraft wordensei. während den verhandlungen zur mediationsakte sei dann mit hilfe frankreichs und gegen den willen berns der kanton waadt auf bürgerlicher basis entstanden, gleich wie die fünf anderen kantonen aargau, thurgau, st. allen, graubünden und tessin, die 1803 die schweiz erneuert hätten. andrey widerspricht auch hier dezidiert vorherrschenden auffassungen, wonach die helvetische republik ein schweizerisches trauma sei. denn, so der autor, ohne 1803 sei mit der gründung der waadt resp. 1815 mit dem beitritt genfs, neueburgs und des wallis, hätte es die föderale grundlage der modernen schweiz nicht gegeben, mit der sowohl die gleichheit aller kantone als auch die mehrsprachigkeit die schweiz begründet worden sei. denn die alten schichten aus dem ancien régime hätte eine schweiz der vorrechte unter führung der der deutschsprachigen kantone gewollt, wie man das in vorrevolutionärer zeit gehabt habe.

der streitbare andrey lässt es aber nicht damit bewenden. denn der autor zeichnet in seinem voluminösen werk, 2012 in den éditions du belvédère entstanden, die spuren der suisse romande auch in der früheren jahrhundert nach. dies geschieht insbesondere am beispiel freiburgs, von den deutschsprachigen zähringer aus dem südschwäbischen adel gegründet, von den ebenso konstituierten kyburgern übernommen und von den verwandten habsburgern von wien aus lange zeiten geführt. Trotz dieser deutschen oberhoheit sei freiburg bis in die moderne hinein von einem lateinisch geprägten patriziat streng hierarchisch geführt worden, weshalb man es zurecht zur romandie zählte. dass freiburg 1481 deutsch als amtssprache gewählt habe, schlägt er mit dem hinweis aus dem wind, man sei damit der vorherrschenden kultur der eidgenossenschaft entgegen gekommen. Ganz ohne belang ist für ihn, dass damals eine mehrheit der freiburger deutsch sprach, sich und sich in wien oder bern wohler fühlte als bei den savoyern.

noch abendteuerlicher, wenn auch noch spannender werden die ausführungen andrey gleich im ersten buchteil, der sich mit den mittelalterlichen bündnissen beschäftigt. in der frühen geschichte der schweiz sind sie zentral gewesen, den traditionellerweise wird ihre begründung auf das jahr 1291 datiert, hervorgegangen aus einem bündnis in der innerschweiz. auch dem widerspricht andrey, denn das sei bloss die geschichte der landbündnisse, mit der man jene der städtebündnisse übersehe, die älter und wichtiger seien – und ihren ursprung in freiburg gehabt hätten. denn in seiner präkeren lage an der sprachgrenze habe die stadt den zerfall der schützenden kaiserlichen macht im 13. jahrhundert auf eine neue art absichern müssen und das bündnissystem erfunden, das für die schweiz wegweisend werden sollte.

die lektüre dieses buches ist ausser zweifel anregend. denn mit ihr vollzieht man die konsequente arbeit eines historikers nach, der den spuren und folgen der suisse romande nachgeht und zahlreiche bekannte ereignisse neu interpretiert, aber auch persönlichkeiten der geschichte wie rene payot oder gilberte de courgenay begegnet, die namentlich in der deutschsprachigen literatur regelmässig untergehen. dennoch, es entstehen wegen des plans, den andrey hierfür gewählt hat, neue zweifel. sie entspringen der definition des gegenstandes. meines erachtens besteht die idee der romandie mehr als es andrey meint auf sprache und ethnie. ihre besonderheit ist es aber, dass sie staatlich nicht eindeutig verortbar ist, wie es der französische gedanke der nation nahelegen würde. deshalb ist die suisse romande genauso wie die suisse alémanique und die suisse italienne ein gemenge, indem die staatlichen subeinheiten, die grundlage bilden. ihre besonderheit ist aber mitunter, dass sie selber zwischen der einheitlichkeit und diversität von sprache und kulturen oszillieren.

richtig an andrey interpretation ist meines erachtens, dass die kantone der französischsprachigen schweiz genauso wie die der italienischen ihre eigenständigkeit aus der befreiung erhalten haben. täuschend ist allerdings die vorstellung, ihre staatlichen und kulturellen grenzen seine deshalb identisch resp. wo dies nicht der fall sei, seien die staatlichen wichtiger. vielmehr gibt es seit 1798 nicht nur eine plurikulturelle schweiz; nein, es gibt auch plurikulturelle kantone, die für das funktionieren der schweiz von höchster bedeutung sind, aber nicht ohne not eindeutig einer sprachlich begründeten gemeinschaft zugeordnet werden sollten. denn die problematik der mehr- und minderheit in der schweiz, die in diesem buch aus der sicht der nationalen minderheit behandelt wird, müsste eigentlich auch aus der optik der minderheiten in den kantonen thematisiert werden. insbesondere auch im kanton freiburg, aus dem der provokative und ebenso produktive autor stammt – genauso wie ich.

stadtwanderer

es ist bekannt, ich bin ein grosser fan historischer übersichten. seit kurzem angetan bin ich von der “chronologie de la suisse” von xavier deboffles und yves bisch, erschienen in der französischen collection TABLEAUX SYNOPTIQUES DE L`HISTOIRE (auf dem webleider nur kryptisch vorhanden).

was von aussen wie ein buch aussieht, ist im innern ein falzprospekt. 20 seiten lang, auf denen sich, ausgeklappt, die zeit ausbreitet. vereinfacht gesagt, eine seite für ein jahrhundert – insgesamt 2000 jahre, von gaius julius caesar bis betrand picard.

das ist schon der erste vorteil. denn die meisten geschichtsbücher kennen eine exponentielle zeitvorstellung, wonach sich die vergangenheit mit der zeit beschleunigt. geschichte verdichtet sich dann quasi soweit, dass sie sich im augenblick der gegenwart auflöst. genau das passiert nicht, wenn man einen lineal mit zeitlichen aequivalenzen anlegt, um vergangenes auszubreiten. oder anders gesagt: die jetzt-zeit schrumpft, womit die vergangenheit ihren platz wieder findet.

der zweite vorteil der übersicht besteht darin, dass man die 20 seiten von vorne nach hinten, aber auch von hinten nach vorne durchblättern kann. erstes leistet jedes geschichtsbuch auch, denn die chronologische ordnung gehört zum a und o einer jeden historik. für zweitere braucht es übersichten, die chronologien besser leisten als erzählungen. genau das hat auch vorteile: denn die geschichte “vim ende her gedacht” setzt beim ergebnis an und fragt, wie dieses geworden ist. das mag zwar nicht die ganze geschichte sein, wenden historikerInnen regelmässig ein. aber es ist die geschichte, die in der gegenwart verankert und damit ihr immer währender, aber auch sich stets ändernder ausgangsunkt ist.

reiht man die gegenwart historisch in perlenform auf, besteht die letzte perle zweifelsfrei aus der periode seit dem wiener kongress – profis würden sagen, die phase der zeitgeschichte. denn die grosse versammlung der diplomatie an der donaumetropole ordnete 1815 das europa der nachnapoleonischen phase neu. der wiener kongress war es auch, der die völkerrechtliche souveränität der schweiz erneurte, die neutralität des landes bestimmte, die grenzen des landes festlegte und unsere heutigen kantone (bis auf den jura) verfestigte. sicher, die schweiz hat sich seither gewandelt; aus der agrargesellschaft wurde die industriegesellschaft und die mündete in die dienstleitungs-, ja kommunikationsgesellschaft. treiber geworden sind einerseits die oekonomie und ihre industriellen, anderseits die wissenschaft und die erfindungen. auch die staatliche organisation hat sich seither entwickelt. entstanden ist der bundesstaat von 1848, gefolgt sind die bundesverfassungen von 1874 und 1999 sowie die damit verbundenen zentralisierungen insbesondere lebenswichtiger politikbereiche. sie haten anfänglich eher repräsentativen charakter, heute werden sie stark durch die institutionen der direkten demokratie beprägt. trotz der vorherrschenden beschäftigung mit sich selber, ist die schweiz heute in vielem internationalen vernetzt. gerade ihre ökonomie gilt als leistungsstark, sodass die schwein in internationalen rankings zu innovation und standortwettbewerb regelmässig einen spitzenplatz einnimmt.

die zweite perle, das ancien régime, entstand aus der grosssen konfessionellen spaltung, welche die reformation der katholischen kirche im frühen 16. jahrhundert einleitete. die europäische bewegung hatte ihren ursprung in zwinglis zürich, breitete sich dann auf zahlreiche städte aus, um schliesslich in genf zum zentrum der globalen entwicklung hin zum calvinismus zu werden. die schweiz veränderte die reformation nachhaltig, wenn auch weniger radikal als schweden, aber nachhaltiger als etwas italien oder frankreich. die autonomie der starken kirche vom schwachen staat fand ihr ende, klöster wurden aufgehoben und ihre aufgaben flossen teilweise in jene des entstehenden staates ein. für die schweiz von eminenter bedeutung ist, dass ihre territoriale expanision mit den folgen der refomration endete. überlebt hat der staat von damals, das ancien régime der patriziate, aber auch der zunft- und landsgemeindeverfassungen. zerbrochen ist aber die gemeinsame innere kultur, denn die reformation führte zur ausbildung konfessionell getrennter und damit kulturell autonomer räume. zu den gründen hierzu zählte, dass die im schwabenkrieg erworbene autonomie vom reich und seinen reformen voraussetzungen der eigenen kirchenspaltung waren, aber auch, dass das ausland sein interesse bewahrte, mit der schweiz geregelte verhältnisse zu haben, wie sie spätestens im westfälischen frieden 1648 zum ausdruck kamen. bis heute, kann man sagen, wirkt die reformation nach, denn gerade in kulturellen, teilweise auch in staatlichen fragen unterscheiden sich die basalen ansichten der kantone, die mit der glaubensspaltung eines ihrer prägenden gesichter bekommen hat. hinzu kommt, dass alle grossen urbanen zentren von heute evangelisch-reformiert geprägt sind, während die katholischen gebiete durch landgegenden und maximal mittlere zentren geprägt werden.

ob man davor von der schweiz sprechen kann, ist umstritten. die traditionelle geschichtsschreibung hat das mit ihrem bedürfnis, die gegenwart in der tiefen vergangenheit zu erklären, befürwortetet dies. heute ist mancher historiker, ist manche historikerin skpetischer. was mittelalter im schweizerischen bewusstsein, wie auch im verhalten seiner leute geblieben ist, ist das denken in flexiblen bündnissen. entstanden sie sie aus allianzen reichsfreier städte und länderorte seit dem 13. jahrhundert. je mehr die herrschaft des kaiserreiches und seiner grossadeligen stellvertreter zerfiel, umso mehr setzten die bündnisse, die ihren mitgliedern mit ökonomischer absicht rechtssicherheit garantierten durch. das war in den heute deutschsprachigen landesteilen deutlicher stärker der fall, sodass sich hier drei eidgenossenschaften, jene berns, zürichs und der innerschweizer orte entwickeln und behaupten konnten. weiterentwickelt wurden sie gegen ende des 14. jahrhunderts, mit der gemeinsamen regelung kirchlicher und militärischer verhältnisse. der sieg der eidgenossen in murten leitet die phase der söldnerwesens der renaissance ein, die in der katastroph in obertalien endete. aus den allianzen entstand, die tagsatzsatzung, die ältesten eidgenössische institution, gleichzeitig auch dem frühesten netzwerk weit über die einzelnen orte hinaus. bis heute leben sie im regionalismus einerseits, der suche nach gemeinsamkeiten in konkordaten statt im zentralismus nach, selbst wenn sie ihren höhepunkt mit der neuordnung der schweiz in konfessionellen teilstaaten ihren höhepunkt überlebt haben.

bei der vierten perle, die es zu erwähnen gilt, ist der bezug zur schweiz von heute noch geringer. denn zuerst die klöster, aber auch die städte selber sind aus europäischen entwicklungen hervorgegangen. die völkerwanderung schuf seit dem 5. jahrhundert die gemeinschaften der mönche, die zu siedlungs- und kulturzentren wurden, aber alle nach nach regeln der irischen, vor allem auch der römischen missionare funktionierten. später kamen orden aus burgund und italien hinzu, die das ländlich wie auch städtische leben prägten. von direkter bedeutung sind sie in der reformierten schweiz nicht mehr, doch auch in der katholischen ist die säkularisierunng der gesellschaft soweit fortgeschritten, dass nicht mehr viel davon übrig geblieben ist. die städte, auf der anderen seite, sind mit dem klimawandel des mittelalters, der zwischen den dem 11.und 13. jahrhundert mediterane temparaturen in die gegend brachte und dem daraus folgenden bevölkerungswachstum entstanden. befördert haben sie der römisch-deutsche könig, aber auch verschiedene seiner vasallen im hochadel, die damit ihre herrschaft im raum sichern wollten, damit aber viel zu ihrer eigenen überwindung beigetragen haben. entsprechend sind auch die spuren der feudalgesellschaft in der schweiz von heute nur noch beschränkt sichtbar, abgesehen von den mittelalterlichen städten, welche die raumstruktur des landes bis heute prägen.

die fünfte und letzte perle, die schwierigste gleichzeit zeigt bis in die gegenwart eminente folgen. es ist die kulturelle segmentierung des mittellandes, indem zahlreiche charakteristiken der schweiz in gegenwart und geschichte entstanden sind. was die römer einheitlich mit ihren städten wie nyon und augst, aber auch mit ihren kolonien wie avenches und windisch einheitlich verwaltet hatten, zerfiel mit der völkerwanderung und ihren folgen. gespalten wurde das plateau durch die aare, welche zur wichtigsten siedlungsgrenze wurde. links davon war man burgundisch, rechts alemannisch geprägt, wie sich das in den sprachen bis heute äussert. die eine kultur lebte ganz in der römischen tradition, die andere entwickelte sich in opposition zu ihr, mit weitreichenden folgen für die mentalitäten bis in die heutige zeit. verfestigt hat sich die mit der übernahme der macht durch die fränkischen könige nach clovis, denn die zentralisierung des frankenreiches nicht mehr richtig gelang, sodass die gebiete links der aare ab 561 in aller regel zum burgundischen könig, jene rechts davon zum austrasischen gezählt wurden. auch die bistümer, die älteste organisationsform des raumes, die es (in stark gewandelter form) heute noch gibt, respektierten diese grenze, sodass das mittelland zwischen den diöszen von lausanne und konstanz aufgeteilt wruden.

wenn man die synoptischen tabellen der geschichte, die mir hier als vorlage dienten, überblickt, fällt einem vieles von dem, was man intuitiv spürt, kein geschichtsbuch aber so festhält, wie schuppen aus den haaren. es eröffnet sich den blick auf das wesentliche, spricht auf das, was anhaltend, wenn auch nicht unveränderlich ist. das gehört zur grossartigen leistung des falzprospektes, selbst wenn einzelne verwechslungen im text und illustationen ärgerlich sind. wirklich ärgerlich ist eigentlich nur, dass man den in französisch verfassten prospekt in den deutschsprachigen buchhandlungen, selbst in bern, nicht findet, während man ihn in fribourg, angepriesen von der französischenbuchkette fnac nur so auflesen kann. eigentlich jedem empfohlen, der oder die sich für das ganze der schweiz interessiert.

stadtwanderer

“Zu viele Junge wollen Historiker oder Psychologen werden”, zitiert der heutige tagesanzeiger jean-François rime. richtig oder falsch? die debatte ist eröffnet.

jürgen kocka, führender historiker der bielefelder schule, umschrieb die sozialen funktionen der geschichte folgendermassen:

“. Historische Erklärung gegenwärtiger Probleme durch Aufdeckung ihrer Ursachen und Entwicklung (Beispiel: Antisemitismus)
. Vermittlung von modellhaften Kategorien und Einsichten politischer Bildung zur Erkenntnis und Orientierung in der Gegenwart
. Legitimation und Stabilisierung sozialer und politischer Herrschaftsverhältnisse, Rechtfertigung politischer Entscheidungen (Bsp. Revolutionsfeiern der USA 1976 und Frankreichs 1989)
. Traditions- und Ideologiekritik, Kritik an historischen Mythen und Legenden (Bsp. Dolchstoßlegende)
. Schaffung eines Möglichkeitsbewusstseins durch Verflüssigung des Gegenwärtigen, Aufzeigen von Alternativen
. Orientierung von Individuen und Gruppen in ihrer Gegenwart, auch durch Aufzeigen des Verschütteten, Nichtaktuellen
. Erziehung zum konkreten und kritischen Denken gegen vorschnelle Absolutheitsformeln, Einsicht in die Relativität von historisch-politischen Perspektiven
. „zwecklose“ Freizeitbeschäftigung, Unterhaltung, Vergnügen
(gemäss wikipedia)

alles sinnlos oder nicht?

der geht es um etwas ganz anderes? junge menschen, die geschichte studieren oder eine baulehre machen gegeneinander auszuspielen? mehr staatsförderung für die berufslehre zu erhalten, statt für studiengänge?

gerne lese ich mehr dazu? kommentieren sie!

stadtwanderer

städter, genauso wie städterinnen, kennen das wort ruhe nur noch vom hören sagen. das ändert sich im wald schlagartig. mit überraschungen.

der vorherrschende lebenseindruck in der stadt ist der lärm. allen voran machen fahrzeuge lärm. die vorbeibrausenden autos überall, startende töffs in engen gassen, quitschende züge im bahnhof bern, wenn sie halten. der der maschienenlärm ist seit dem industriezeitalter das urbane grundgeräusch.
und fällt es einmal aus, kommen die menschen an die reihe. kinder, die sich schreiend wehren, junge, die sich laut unterhalten, ja selbst erwachsene, die gruppen unterwegs sind, erzeugen einen erheblichen pegel an geräuschen. ich behaupte, in einer stadt kann man keine 10 minuten sein, ohne dass man einen menschen zu hören.

im hohen norden angekommen, fällt einem das alles wie schuppen von den haaren. den das rurale grundgefühl ist die ruhe. klar, in den schwedischen wäldern gibt es scheppernde holzlastwagen – wenn’s hoch kommt zwei im tag. es gibt auch passantInnen, die zum fischen am nahe gelegenen see kommen, oder einige würste brättel wollen, geschützt von einer fischerhütte. doch auch die lassen sich je tag an einer hand abzählen.
die nachbarn selber leben beileibe nicht so nahe wie in einer stadt. die streusiedlungen selbst in dörfern garantieren, dass man sie sehen, aber nicht hören kann!

so ist man dem glück der ruhe in holzhausen ganz nahe.

doch es bleibt auch hier nicht einfach still. denn das ohr entdeckt, einmal befreit vom lärm, neue geräusche: die kreischende möve, die hoch oben über den bäumen segelt und hunger hat. die warnenden schwalben, die kollektiv eindringliche abhalten. und der specht, der seine würmer heraussucht, begegnen einem als erste. danach kommt das rascheln einer schlange, das schnappen eines fisches, das summen einer hummel.

ruhe ist also relativ. ganz ruhig wird es wohl nie. im vergleich zum bekannten lärmpegel ist es aber in der pampa schwedens aber kolossal ruhig.

(sodass man selbst den weichen widerstand der tastatur beim schreiben hört.)

stadtwanderer

“eine kleine philosophie des gehens”, heisst das buch, das ich gerade lese. geschrieben hat es frédéric gros, philosophieprofessor an verschiedenen pariser universitäten. seine spezialität: unterwegs philosophieren. ihm folge ich ein stück des weges, den ich gerade gehe.

unterwegsfreiheit ist eines der zentralen kapitel im handlichen buch, das gros auf 250 seiten ausbreiet. freiheit wird hier dreifach definiert: als loslösen, als aussteigen und als verzicht.

das gefühl loszulassen, kennen wohl die meisten. zum beispiel all jene, die, wie ich, über mittag spazieren gehen, um sich von der arbeit zu lösen, sich von schreibgeräten zu entfernen. auch wenn sie ausgesprochen nützlich sein mögen, sie kommen einem auch nah. denn sie nehmen einen mehr in beschlag als ein einfaches instrument, ein hammer beispielsweise. sie haben die eigenschaft, sich mit uns zu verbinden, ein teil des eigenen selbst zu werden. und sie stehen gerade zu sinnbildlich für die zwänge, die mit dem arbeiten verbunden sein können: die termine, die verpflichtungen, der erwartete input, der zum erhofften output führen soll.

wer vorübergehend loslässt, kennt die Vorteile des unterwegs seins. er oder sie hat auch die nachteile der reisenden nicht: das schwere gepäck, das man meist transportiert, aber auch die handtasche fällt weg, die das unmittelbare überleben an einem fremden ort sichern soll. denn wer einfach unterwegs ist, verfolgt kein festes ziel, ganz anders als reisende, die den ort der ankunft kennen, die distanz hierzu auswendig wissen und die vorher berechnete zeit der anreise sorgfältig kontrollieren.

der ausstieg, sagt philosoph gros, ist radikaler, denn er komme einem bruch gleich: man lässt einen ganz bestimmten ort ganz bewusst hinter sich. wer aussteigt, sucht das andere, das unbekannt, chaotische. es ist die wildnis, die man sucht, auch die energie, die einem von neuem stärken soll freiheit ist hier, an der nächsten kreuzung wählen zu können, ohne zu wissen, was kommt. weder hier durch, noch da durch. es braucht ein (über)mass an mut, um diese freiheit zu ergreifen. riskiert wird dabei ein (über)mass an müdigkeit, denn der weg, der einem ausbrecher bevorsteht, ist nicht kalkulierbar. eine neue identität kann so entstehen, aber auch der Sturz ins bodenlose.

wenn ich im sommer in den norden gehe, ist es jeweils mehr als (der versuch) loszulassen; es ist aber auch weniger als ein ausstieg. sicher, in schweden kenne ich aussteiger, die weg gingen, ohne zu wissen, ob sie oder ihre kinder je zurückkehren würden. natürlich kennen wir auch loslasser, die für ein paar tage kommen und dann auch gehen. einen monat weg zu sein, ist irgend etwas zwischen dem, was der philosoph uns “vorschreibt”. freiheit, würde ich meinen, ist es dennoch – die freiheit nämlich, frei von den vielen kontrollen, die einen in der dicht besiedelten schweiz umgeben, neu zu finden, ohne dass die gewonnene freiheit zur ganz grossen herausforderung wird, die alles bisherige in frage stellen würde.

in einem hat der alltagsphilosoph aus paris auf jeden fall recht: ein dauernder verzicht im philosophischen sinne ist das leben in den wäldern nicht. denn wenn der franzose gros vom verzicht redet, erinnert das ein wenig an hinduistische lebensweisheiten. der morgen des lebens ist mit dem lernen vom meister besetzt; der mittag wird durch den erwerb von einkommen und ansehen bestimmt; am nachmittag wird man zum eremiten, der im wald meditieren lernt. ganz am schluss, am abend, werde der lebenswanderer man zum Pilger, sagt gros. denn der weise verzichtet, wird zum namenlosen selbst, das im grossen herz der welt seinen ausgang sucht.

unser eremit in holzhausen ist dieses jahr zum ersten mal nicht dabei. schade. im kampf gegen einen dachs hat er sich aergerlich verletzt, sodass er operiert werden musste. ein vorbild ist er dennoch, seit jahren bewohnt er entbehrungsreich den wald, jedenfalls in den sommermonaten, und lebt abseits vom geschäftigen treiben, das wiederum uns die meiste zeit beherrscht. ob er je zum pilger wird, ist gegenwärtig offen, denn das gehen bereitet ihm mühe.

wandern, schliesse ich, ist also mehr als nur gehen. es ist loslassen, es kann zum aussteigen werden, ja zum eigentlichen sinn des lebens.

stadtwanderer.
(beim weiterlesen)

der security control hat mich gefilzt. wegen hüttenkäse gabs eine grundsatzdebatte. mit vorsichtiger annäherung. so bin ich doch kein cottage chees terrorist.

um jedes nur erdenklicge missverständnis gleich zu beginn zu vermeiden: ich bin für sicherheit im flugverkehr. indes, ich bin auch für verhältnismässigkeit von massnahmen hierzu.

zürich-flughafen: der flug geht in den norden, genau gesagt nach oslo. die ferienträume warten (seit langem).

wie immer vor dem boarding ist ein security check angesagt. nine/eleven und so weiter. doch diesmal verläuft er anders als sonst. denn mein handgepäck wird genauestens inspiziert. insbesondere meine esstasche. und genau da bleibe ich hängen.
nicht, weil ich mein mineralwasser nicht rechtzeitig ausgetrunken hätte. nein, weil ich eine ungeöffnete schachtel cottage cheese dabei hatte.
das sei flüssigkeit und während des fluges im handgepäck nicht erlaubt, werde ich eher unfreundlich geheissen.
häää? hüttenkäse sei käse, o.k.. aber keine flüssigkeit. niemals.
ich gebe meiner spontanen gefühlsmischung aus überraschung und unmut kontrolliert ausdruck.
ob man mir das genauer erklären könne, möchte ich wissen.
die antwort ist beamtenhaft: das gesetz mache nicht sie, die kontrolleurin; sie achte nur auf die einhaltung der vorgaben.
perplex wie ich bin, passiere ich den triumphbogen aller kontrolleure, der mich, gott sei dank, vom dringenden verdacht des terrorismus weiss wäscht.
hätte es an meinen inneren triumphbogen auch ein messgerät gehabt, hätte dieses bestimmt einen tiefen minuswert angegeben.

da machen uns die behörden auf die problematik von food waste aufmerksam. esswaren werfe man nicht einfach weg. ausgründen. und dann schmeissen die sicherheitsbeamtInnen vom flughafen genau das achtlos in den kübel, was nicht in ihr fahndungsraster passt. egal, ob es esswaren sind oder nicht, egal ob sie frisch sind oder nicht.
nachvollziehen kann ich das unter keinem titel! sicherheit ja – verhältnismässigkeit ebenso, ist meine devise.

am ende des rollbandes spreche ich, befeuert durch meine innere verfassung, aber auch gestärkt durch meine eben bezeugte harmlosigkeit, einen wachenden beamten an.
wo es stehe, dass hüttenkäse im handgepäcknicht erlaubt sei?, will ich wissen.
irritiert greift der zu einigen bereitliegenden prospekten, streckt einen in englisch hin und sagt: da!
doch da steht nichts davon. um einen unerfreulichen disput zu vermeiden, eilt er gleich zu seiner vorgesetzten. die soll die ärgerliche sache kraft autorität des amtes verbindlich klären.
nach einigem hin und her gibt die chefin zu, dass hüttenkäse nicht ausdrücklich verboten sei. er sei auch keine flüssigkeit; er sei aber streichbar, und sie hätten die anweisung, alles streichbare einzuziehen.

es sei aber möglich, sinniert die beamtin nun, nochmals einzuchecken, oder den hüttenkäse als spezialgepäck mitfliegen zu lassen.
ich merke, dass wir uns annähern. s
schalter 124 in der check-in halle sei dafür da. ein paket müsse ich dafür allerdings kaufen, die ganze welt werde es nicht kosten.

die ganze welt wäre nicht verloren gewesen, hätte ich meinen hüttenkäse nicht mitnehmen können. doch habe ich, ebenso wie die sicherheitsleute meine prinzipien. und meine begründungen, die gut legitimiert sind. angemessenheit war also angebracht.
und ich bin überzeugt, wenn normale passgiere normalen hüttenkäse in ihrem handgepäck haben, geht die welt auch nicht unter!

was das im zürcher flughafen geboten wurde, war ganz einfach käse!

stadtwanderer

regelmässig bekomme ich anfragen für führungen zu „bern im mittelalter“. diesen herbst werde ich hierzu eine neue stadtwanderung anbieten.

mittelalter:
das mittelalter ist die idee der humanisten im 16. jahrhundert. sie wähnen sich in einer neuen zeit, orientieren sich aber rückwärts gewandt am römischen reich, der klassik, und was dazwischen war, ist „mittelalter“ – vorbei und auch kein vorbild!
der begriff ist bis heute gebräuchlich, das tiefe mittelalter ist der inbegriff für rückständigkeit. die geschichtswissenschaft hat den begriff versachlicht und definitiert: als phase der europäischen geschichte mit der vorherrschaft der katholischen kirche über den kontinent, und dem kaiserreich, bestimmt durch feudale strukturen. also endet das mittelalter mit den entdeckungen der neuen welt(en) ab 1492 einerseits, der reformation der christlichen kirche ab 1517 anderseits. die grosse reichsreform von 1500 kann ebenfalls hinzu genommen werden.
übertragen auf bern beginnt die zeit der entdeckungen mit den italienfeldzügen der söldner ab 1494: südländische lebensweisen dringen an die aare vor, die zitrone wird zum lebensgefühl der frischen leichtigkeit, doch syphilis, die italienische krankheit, breitet sich aus. die reformation setzt in bern 1528 ein; sie wird schnell und gründlich durchgezogen. mit ihr kommt auch die territoriale expansion zum stehen, 1536 hat bern seine grösste ausdehnung erreicht. irgendwann zwischen 1494 und 1536 ging auch in bern das mittelalter zu ende.
einfacher ist es, den anfang berns im mittelalter zu bestimmen, denn die stadtgründung selber macht da eindeutig sinn. wenn auch nicht sicher belegt, hat sich das jahr 1191 als datum etabliert. herzog berchtold v. von zähringen besiegte damals den burgundischen kleinadel im berner oberland, und er hatte ein interesse, die verschiedenen wege in den süden via murten, freiburg und thun mit der gründung der zentralen stadt bern am strategisch wichtigen aareübergang zu sichern. das ist die geburtsstunde der stadt bern.

die stadt im mittelalter
bern im mittelalter ist zunächst die geschichte einer zähringerstadt, die nach dem aussterben des geschlechts des stadtherrn kurzfristig savoyisch und neu begründet wurde, letztlich aber zur königsstadt avancierte und stück für stück zur reichsstadt emporstieg, bis sie im südwesten des reiches der führende ort war. 1536, auf dem höhepunkt der territorialen ausdehnung, nannte sie sich grösster stadtstaat nördlich der alpen: zu recht, denn im normalfall blieben die städte ein eigener rechtsbezirk, der auf die stadtsiedlung und ein wenig umfeld darum herum erstreckte, während bern mit der vertreibung des umliegenden adels, zuerst die kyburger, dann die savoyer, am ende des mittelalters von brugg im wasserschloss bis coppet vor den toren genfs reichte.
die stadt als ort war seit der gründungszeit zweimal erheblich gewachsen: um die savoyerstadt im 13. Jahrhundert und um die stadterweiterung nach der schlacht von laupen. die savoyerstadt ist heute noch erkenntlich, als stadtteil zwischen zytgloggen und käfigturm, während die stadt im 14. Jahrhundert bis zum christoffelturm wuchs, der früher da stand wo heute der baldachin vor dem bahnhof ist. markanste neuerung in dieser zeit war die plattform vor dem heutigen münster, mit der man eine tolle aussicht auf voralpen und alpen bekam. auch das war programm, denn mit der schlacht von laupen expandierte die stadt bern ins oberland und machte der stadt freiburg, jetzt habsburgisch, gehörig konkurrenz.
mitte des 14. jahrhundert bracht die pest auch in bern aus. Wenn es auch nicht genau bekannt ist, wieviele tote es in der folge gab, das stadtwachstum war danach für über 100 jahren unterbrochen. ein wieterer einschnitt ins stadtbild brachte der grosse stadtbrand von 1405. ein drittel der holzstadt fackelte in einer nacht nieder. beim wiederaufbau setzte man auf vermehrten brandschutz: repräsentative gebäude wie das rathaus oder münster entstanden ganz aus stein, die häuser entlang der strassen bekamen einen steinvorbau, mit dem auch die lauben in bern einzug hielten. die strassen schliesslich wurden gepflästert, und diverse brünnen in der stadt begannen die wasserversorgung in den quartieren zu verbessern.
am meisten an die mittelalterliche stadt erinnert in bern von heute der grundriss der altstadt, denn er ist weitgehend identisch mit dem der zähringer- sesp. savoyerstadt. dafür hat bern in der neuesten zeit auch den titel unesco-weltkulturerbes erhalten. das die stadt nie kriegerisch zerstört wurde, trug das ihre zur konstanz im stadt- und strassenbild bei.

das leben in der mittelalterlichen stadt
die führende schicht in der stadt bern hatte sich rund um die gründungsfamilien gebildet – zum beispiel im gefolge der von bubenbergs, anfänglich ministeriale der zähringer, dann eine sippe innerhalb der tonangebenden junckerschaft, die mehrfach den schultheissen stellte. nach der pest sicherten sich die juncker die vorherrschaft in der stadt, indem sie die zünfte, die gewerbliche schichten rund um die bäcker, metzger, gerber und schmiede, aus der politik ausschlossen, sie dafür mit der verwaltung der stadtvierteln beschäftigte. das prägte charakter der obrigkeitlich ausgerichteten stadt ganz anders als etwas zürich oder schaffhausen, wo sich im 14. oder 15. jahrhundert ein zunftregime etablierte. in bern kamen kamen die kaufleute eher spät, gegen ende des 14. jahrhunderts hinzu, drangen aber in der zweiten hälfte des 15. jahrhunderts in die stadtpolitik vor. die familie diesbach ist die bekannteste unter ihnen, im tuchhandel mit den fürstenhöfen von halb europa reich geworden. darüber hinaus kannte die stadt stets eine unterschicht, aus menschen mit unehrbaren berufen bestückt.

das panorama der stadt bern im mittelalter wäre unvollständig, würde man die spezielle rolle der kirche nicht erwähnen. zuerst der deutschorden im auftrag des kaisers, dann die bettelorden der dominikaner und franziskaner mit dem segen des papstes, waren in der führung der stadt von hoher bedeutung. sie wachten nicht nur über die seelen der menschen, sie prägten auch ihre moral, und sie regelten verstöss gegen die sittlichkeit nicht selten selber. ursprünglich hing die berner kirche von köniz ab, dann entstand die leutkirche, an der stelle, an der heute das münster steht. weitere kirchen und klöster kam vor allem im 14. jahrhundert hinzu. die reformation änderte das aussehen des katholischen münsters. beseitigt wurde im innern der prunkt, der an die reichskirche erinnerte, derweil das jüngste gericht, bedeutensten kurnstwerk der jungen bernischen landeskirche aus den 1480er jahren, bestehen blieb. verschwunden sind mit der reformation die klöster in der stadt bern. mit den juden, seit der savoyerzeit in bern bern anwesend, verstand sich die christenheit mehr schlecht als recht, sodass sie nach der pest ein erstes mal, im frühen 15. jahrhundert ein zweites mal als sündenböcke aus der stadt ausgewiesen wurden. lombarden und kawertschen, aus dem süden kommend, ersetzten sie als geldhändler, indem sie christlich waren, das zinsverbot der katholiken aber nicht kannten.

von der burgundischen stadt zur eidgenössischen republik
eigentlich war bern ursprünglich auf imperial-burgundischem siedlungsgebiet gegründet worden, und noch im 14. Jahrhundert verstand sie sich als eingangspforte zu burgund, ja, als schönste stadt burgunds. der bezug zum burgundischen verlor sich aber stück für stück, einmal weil sich die eidgenossenschaft als wirkungsvolles gegenprojekt aus städte- und landbündnisse entwickelte, sodann auch weil könig sigismund auf dem weg zur kaiserkrönung bern zum vollwärtigen reichsstand erhob, der losgelöst von allen rund herum im kaiserreich seine eigene politik verfolgen konnte. im alten zürichkrieg, dem ersten bürgerkrieg unter eidgenossen, paktierte bern mit den innerschweizern gegen zürich, und mit ihrem sieg über die andere reichsstadt, stieg bern zum führenden ort in der eidgenossenschaft auf.
nun kam es, mit den eidgenossen, zur grossen wende gegen das benachbarte burgund, verbunden mit savoyen, kommen. 1474 erklärte bern dem herzog von burgund den krieg, den man mit der schlacht von murten auch gewann. herrschaftlich blieb der aufstieg in die oberste liga europas aus, militärisch fand er aber vorübergehend statt. denn die erfolgreichen jungs auf den schlachtfeldern wurden nun söldner beim französischen könig, beim papst und anderen würdenträgern.
1499 setzen man sich, im verbund mit den anderen eigenossen, selbst gegen den kaiser durch, womit man die reichsreform von 1500 nicht mitmachte und die wege des reichs und der eidgenossenschaft auseinerander gingen. in bern endet die feudalzeit spätestens mit dem aufstand von köniz. Mitten auf dem höhepunkt der machtentfaltung machte die jugend von köniz die reichhaltigen pensionsbezüge der politiker der stadt bekannt, sodass sie das viele geld, das sie so bezogen, der stadt abgeben mussten. krieg und frieden konnte bern nun nur noch mit zustimmung der ämter rund herum beschliessen. vorweg genommen wurde damit die reformation, in bern eine bewegung gegen die selbstherrlichkeit der katholischen kirche, namentlich als treiberin des spätmittelalterlichen soldwesens.

die neue stadtwanderung
bern im mittelalter, das wird im herbst meine neue wanderung. die zeit vom 13. bis 15. Jahrhundert in bern ist die mutige, aber auch die wilde, bevor die phase des mächtigen und geordnenten berns einsetzte. mit der entwicklung, die hier beschrieben wurde, entstand in bern auch das bewusstsein als geschichtlicher faktor. die ältesten chroniken zeugten noch klar vom wirken gottes in grossen ereignissen, während vor allem mit den burgunderkriegen das gefühl entstand, selber wer zu sein, der selber gott ein haus bieten könne. doch nicht nur das göttliche prägte das spätmittelalter – auch das weltliche. kleinrat tühring von ringoltdingen schrieb mit der „melusine“ eines der ersten bücher in bern überhaupt, welche den lange versteckten lustbarkeiten in der stadt einen textlichen und visuellen rahmen gab, der von den germanistInnen heute noch als teil der mittelalterlichen weltliteratur gefeiert wird.
im herbst geht’s los mit bern im mittelalter. wenn’s interessiert, stelle ein gruppe von mindestens 5, maximal 20 personen zusammen, und koordinieren mit mir einen termin. die führung selber dauert 2 stunden, und sie findet idealterweise an einem vorabend statt.
bis dann bin ich für einen ganzen monat in schweden, um mich aufzutanken!

stadtwanderer

nun bin ich definitiv ferienreif. wie seit vielen jahren fahre ich, um den schwedischen sommer zu geniessen, in den norden.

für twitterer ist es schwierig, in die ferien zu gehen. denn der 140-zeichen-kanal kennt keine ferien(ab)meldung. email-freunde haben es da einfacher: schalter zu, riegel rein – und schon wird jede(r), die/der mich kontaktiert, in kurzform über die abwesenheit informiert. blogger haben es am einfachsten: sie können sie gleich per post abmelden. die regelmässige leserschaft ist dann hinreichend ins bild gesetzt, wenn sie dringend was sucht.

meine tage in der schweiz sind gezählt. heute schaue ich in der nachbarschaft noch fussball. “argsui”, wie das in der kurzform des microblogging neudeutsch heisst. allzu patriotisch nehme ich das nicht; wenn es guten fussball gibt, freue ich mich über jeden, der dazu was beiträgt. egal in welchem team das der fall ist. ich weiss, starke fussball nationen sind nicht glücklicher, und wenn nur ganz kurz! am 1. august bin ich auch nicht in der schweiz. keine verweigerung! in kreuzlingen hätte ich gar die grosse 1. august-rede halten können. ein biz gereizt hätte mich die herausforderung schon. 800 bis 1000 angekündigte zuhörerInnen hat man als redner ja nicht immer.

allen chancen zum trotz: ich mache ferien. auf mich wartet holzhausen. irgendwo in den unendlichen wäldern mittelschwedens, am rande des langen klarälvtals. bin gegenwärtig an den letzten reisevorbereitungen, einen monat in in der pampa zu verbringen, will vorbereitet sein. mehr verrate ich, fast schon traditionsgemäss, nicht. denn es gehört dazu, dass das private private bleibt, und ferien sind nun mal privatsache.

öffentlichkeit, wie es die kommunikationswissenschaft heute benennt, gibt es in holzhausen nicht. am ehesten noch haben wir massenmedienzugang, seit in der nähe eine satellitenschüssel eingerichtet wurde. einen fernseher haben wir selber aber nicht. versammlungen mit rednern, zuschauern und so, der zweiten form von öffentlichkeit, bin ich in 15 jahren holzhausen noch nie begegnet. wenn es sowas ähnliches mal gab, dann nur, weil ein bauernhof eingangen war, und es eine versteigerung gab. das lockt regelmässig viele leute an, die für wenig geld viel hausrat kaufen wollen – oder auch ganz einfach mal andere menschen, mit kind und kegel, treffen möchten.

die dritte, einfachste form der öffentlichkeit, findet sich in holzhausen auch nicht wirklich. begegnung mit fremden menschen, sei es in restaurants, beim warten auf die fähre, oder beim wasserschöpfen an eine quellwasser, sind in schweden nicht angesagt. das hat nicht einaml mit der mentalität der leute zu tun. vielmehr hat es einfach zu wenig menschen: bewohnerInnen, arbeiterInnen oder auch gäste auf einem quadratkilometer sind 10 mal seltener als in der schweiz. als nachbarn bezeichnet man in holzhausen schnell einmal ein person, die 30 oder 50 kilometer entfernt wohnt. zu fuss eine tagesstrecke. mit dem fahrrad über schotterstrassen bisweilen nicht weniger. trifft man sich dennoch einmal zu tee oder kaffee, bleibt das eben privat. für den gezielten austausch an informationen über bären, niederländische auswanderer oder deutsche lamazüchter im umfeld einer tagesdisanz reicht das. auch ohne dass dritte, beobachter eben, dabei sein müssen oder können.

das öffentlichste an holzhausen ist wohl mein stadtwanderer blog, mit spezieller rubrik schweden. denn seit vielen jahren berichte ein wenig über das hüttenleben in schweden. wie die natur ist, wie der mensch sie zur kultur umgestaltet, und wie die die natur in form von wald wieder alles zurückerobert. manchmal gibt es auch erlebnisse von allgemeinen interesse. debatten unter uns über das unmittelbare hinaus, von dem man annehmen kann, dass es andere auch interessiert. das kann man das bloggen. oder ausflüge, die einen begeistern, weil es soviel unbekanntes zu sehen gibt im lebensraum wald. auch das kann mitteilenswert sein.

wenn der internetzugang es erlaubt, werde ich auch dieses jahr bloggen. wenn’s interessiert, der/die sei willkommen auf meiner grossen plattform der kleinen welten, die mein leben ausmachen. emailen lässt man im juli lieber sein, ich werde es nicht intensiv nutzen. und von twitter soll man in diesen tagen nicht allzu viel halten. denn was ich bis anfangs august stadt/landwandere, werde ich nicht vertwittern. in der hoffnung es bleibe mehr als halbprivat …

stand(land)wanderer (während den letzten reisevorbereitungen)

noch ist die poya-brücke über freiburg nicht eröffnet, gestern war ich dennoch mit prominenten gästen auf ihr stadtwandern.

fribourg

die zeitungen freiburgs waren gestern voll mit artikeln zu den kostenüberschreitungen bei bau der poya-brücke. je nach perspektive fällt der unterschied zwischen soll und ist etwas grösser oder kleiner aus.

um ehrlich zu sein, das interessierte mich wenig, als ich mit den regierungen der kantone freiburg und zug auf der noch uneröffneten brücke stand. denn das gefühl in luftiger höhe über der saane war unbeschreiblich.

ganz unten schlängelte sich der fluss durch den schroff abfallenden fels. rechts davon erblickte man das mittelalterliche freiburg von einer ungewohnten seite – mit der zähringerbrücke, dem burgquartier und dem murtentor auf einer linie, dem kollegium st. michel darüber. links dieses ausblicks hatte man den schönberg, rechts davon die landschaft stadtauswärts.

gesehen hat man das in der form bisher kaum. darüber waren sich alle teilnehmerInnen an der gestrigen stadtwanderung einig. im moment denke ich, ist das auch gut so, denn irgendwie vermisste ich nebst der strasse für autos, dem streifen für velos auch eine begrenzung, um als brückengängerIn nicht herunter stürzen zu können. auf jeden fall warnte man mich, als ich zu weit nach vorne trat, es könne gefährlich werden. gemeint war damit nicht der politische abgrund, sondern der topografische. 100 meter bis zur saane mögen es schon sein.

“fribourg – die brückenstadt”, bekommt mit der neuen poya-brücke, die am 11. oktober aufgeht, ein neues symbol: ein schwungvoller bau neben der stadt, welcher der altstadt hoffentlich eine merkliche entlastung vor durchgangsverkehr und luftverschmutzung bringt, und eine schnelle verbindung zwischen sprachräumen, welche die freiburger identität prägen. das ganze hat das potenzial, sich in kürze als neues wahrzeichen der stadt zu etablieren.

ich bin gespannt wie es weitergeht!

stadtwanderer

heute am frühen abend geht es mit dem tschutschu durch einen teil der stadt fribourg. meine gäste sind die regierungen der kantone freiburg und zug. meine leserinnen des “stadtwanderers” erhalten die Informationen zur stadtführung schon mal vorab!

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meine damen und herren staatsrätInnen von freiburg und regierungsrätInnen von zug, sehr geehrte staats- und landschreiberInnen der genannten kantone!

sie kennen mich wohl vom fernsehen her oder als institutsleiter von gfs.bern. der politologe ist meine berufliche seite. von ausbildung her bin ich historiker, seit vielen jahren auch stadtwanderer und geschichtenerzähler. in der stadt freiburg bin ich sogar geboren worden, mein vater ist von hier, und meine mutter kommt aus cham im kanton zug. dieser staatsempfang ist also wunderbar dafür geeignet, dass ausgerechnet ich ihnen etwas aus geschichte (und gegenwart) von stadt und kanton freiburg erzähle. nur wandern wir heute nicht, sondern fahren mit dem tschu-tschu durch freiburg.

fribourg auf französisch, freiburg auf deutsch, ist eine zähringer gründung. der ursprüngliche name lautete fribor, die freie festung. die zähringer kamen aus dem gebiet von breisach am rhein, gründeten mit freiburg im breisgau ihre erste stadt und haben im westlichen mittelland der heutigen schweiz städte wie bern und burgdorf aus dem boden gestampft – aber auch solche wie murten, thun oder moudon neu aufgebaut. ihr ziel war es, eine strasse von ihrem stammsitz bis lausanne zu erhalten und unterhalten, mit der sie den wasserverkehr zwischen rhein und rhone auf dem land verbunden hätten. damit wären sie zu herrschern europas geworden. ganz erreicht haben sie dieses ziel nicht, denn in murten, moudon und thun war fertig mit der schwäbischen kolonisation. wären die zähringer bis zum mittelmeer bei marseille gekommen, hätten sie die burgundische königskrone bekommen, die ihnen kaiser lothar III. versprochen hatte. kaiser friedrich I., bekannt als barbarossa, interessierte dies nicht. er heiratete 1156 eine burgundische prinzessin und erhob so anspruch auf die königskrone burgunds. die zähringer herzöge speiste er mit der weltlichen aufsicht über die bistümer genf, lausanne und sitten ab. dem verdankt freiburg aber seine gründung, denn die Stadt entstand, um den burgundisch geprägten lokaladel westlich des üchtlandes zu beherrschen. das ist den zähringern auch ganz passabel gelungen.
1218 starben die zähringer in der manneslinie aus. ihre erben werden die grafen von kyburg, mit dem stammsitz oberhalb von winterthur. doch auch den kyburgern gelang es nicht, sich dauerhaft zu etablieren und sie starben ihrerseits 1263 aus. ihre nachfolger waren die grafen von habsburg, die zwischenzeitlich zu römisch-deutschen königen aufgestiegen waren. 1277 erwarb rudolf von habsburg die stadt fribourg. während gut 200 jahren sollte sie habsburgisch bleiben und den westlichen aussenposten eines rasch anwachsenden herr-schaftsgebiets werden, das in wien sein weit entferntes zentrum hatte. die lage freiburgs als vorderösterreichische landstadt verschlechterte sich 1415, denn im gefolge der habsburgerkriege zwischen 1315 und 1474 entstand die eidgenossenschaft – um fremde herrschaften zu verdrängen und sich selber zu verwalten. 1370 übernahm man die leitung der eigenen kirchen; 1393 erhielt die eidgenossenschaft ein gemeinsames militärisches aufgebot. die tagsatzung bildete die zentrale institution der alten eidgenossenschaft. 1415 eroberten die städte bern, luzern und zürich die habsburgische stammlande im aargau, das so zum ersten untertanengebiet unter eidgenössischer führung wurde. für fribourg bedeutet dies, noch stärker vom habsburgischen gebiet abgesondert zu sein, denn nun bildete rapperswil den nächstgelegenen habsburgischen brückenkopf. 1448 kam die stadt unter savoyische führung. viel mehr an gemeinsamkeiten war da aber nicht, sodass der einfluss der eidgenossenschaft, inbesondere der stadt bern, auf fribourg wichtig wurde. 1475 besetzte man gemeinsam die savoyische waadt, insbesondere die stadt murten, was zum angriff des herzogs von burgund auf murten führte. am 22. juni 1476 gewannen die berner und freiburger, unterstützt von den eidgenossen, die schlacht gegen karl den kühnen. freiburg wurde nun reichsstadt, schloss sich schon 1481 aber der eidgenosschaft an und sollte da auch bleiben.

die stadt selber bestand ursprünglich aus dem zähringischen burgum auf dem felsen hoch über der saane. die kyburger erweiterten das burgum richtung saane durch die unterstadt. die habsburger vergrösserten freiburg ihrerseits richtung murtentor, richtung platz python und durch die neuenstadt diesseits der sprachgrenze. an der wende vom 14. zum 15. jahrhundert hatte die stadt ihre grundstruktur erreicht. sie wuchs am ende des 16. jahrhunderts durch die gründung des collège st. michel auf dem höchsten punkt des stadthügels. in der zweiten hälfte des 19. jahrhunderts kam das bahnhofsquartier hinzu, vor allem seit den 60er jahren des 20. jahrhunderts wächst fribourg immer mehr aufs land hinaus, denn die agglomeration fribourg gehört zu den gesamtschweizerisch am stärsten expandierenden urbanen gebieten.
ihr herrschaftsgebiet dehnte die stadt freiburg unter habsburgerzeiten auf die alte landschaft aus, dass heisst auf einen kreis von 3 marschstunden oder 20 kilometern radius. mit dem beitritt zur eidgenossenschaft dehnte man sich in verschiedene richtungen aus. 1536 eroberte man gemeinsam mit bern die waadt. freiburg verfolgte damals das ziel, einen direkten zugang zum lac léman zu erhalten, wurde aber von bernischem herrschaftsgebiet gänzlich umkreist. das galt damals auch für die grafschaft greyerz. der comte de gruyères gab seine eigenständigkeit 1555 auf und der grossteil seiner gebiete kam zu freiburg. seine heutige form bekam der kanton freiburg 1803 mit der integration des murtenbiets, das seit der schlacht bernisch-freiburgisches untertanengebiet gewesen war.

es gehört zum schicksal freiburgs, immer ein wenig eingeschlossen gewesen zu sein: zuerst als habsburgerstadt im savoyischen umfeld, dann als katholischer ort mit reformierten nachbarn. erst in jüngter zeit konnten sich stadt und kanton davon emanzipieren und sich als weltverbundene brückenstadt über der sprachgrenzen eine neue identität verschaffen.
mehr dazu an unserer nächsten station.

tschutschu

wir haben soeben das berntor freiburgs passiert und die bernbrücke überquert. jetzt sind wir im quartier klein st. johann, das zur kyburgischen stadterweiterung gehört. das gibt mir eine gute gelegenheit, etwas zum verhältnis von freiburg und bern zu erzählen. beide städte entstanden in der zweiten hälfte des 12. jahrhunderts, einer phase der klimaerwärmung, die um das jahr 1000 begann und zirka 1300 endete. mit der klimaerwärmung nahm die bevölkerungszahl zu, was die neuordnung des raumes ermöglichte. stadtluft stinkt heute bisweilen – damals machte sie frei. denn die landleute, die ein jahr und einen tag in einer stadt lebten, waren freie. fribor ist ja fast schon eine programmatische ansage.

bern erhielt beim aussterben der zähringer ein obrigkeitliches privileg, denn die stadt wurde von kaiser friedrich II. als eine der ersten städte im reich zur reichsstadt erhoben. damit war bern nur dem römisch-deutschen könig unter-stellt. das war in freiburg anders, denn der südschwäbische hochadel gab sich hier abwechslungsweise die hand. 1294 bekam bern von könig adolph von nassau gar das recht zugestanden, den stadtherrn oder schultheissen selber zu bestimmen. sein nachfolger, albrecht von österreich, dachte da anders; er übte vermehrt direkten einfluss auf seine städte aus, so auch auf freiburg. in bern misslang ihm das. dazu gehörte, dass ein kleiner freiherr in oberwangen vor bern mit der wahl von albrecht die stadt bern militärisch provozierte. im gefecht am dornbühl wurde er vernichtend geschlagen und seine burg wurde dem boden gleich gemacht. Überhaupt; bern expandierte damals inbesondere durch den kauf laupens, wo der erste bernische landvogt eingesetzt wurde. damit geriet man in einen direkten konflikt mit der stadt freiburg. im gümmenenkrieg 1333 wurde die stadt gleichen namens weitgehend zerstört und sie sollte sich nie mehr davon erholen. nur 6 jahre später entbrannte ein weiterer krieg um die herrschaft laupens. freiburg mobilisierte habsburg und den burgundischen adel und selbst der kaiser kam nach laupen. bern bot seinerseits die verbündeten der innerschweiz auf. erneut siegte die aarestadt. in der folge anerkannte das haus habsburg bern als gleichwertigen partner. mit freiburg dauerte der frie-densschluss länger. erst 1403 war man soweit. nur zwei jahre später beteiligten sich die freiburger aber wiederaufbau der abgebrannten stadt bern, was man dem nachbarn nie vergessen hat.
seit 1454 verwalteten bern und freiburg die grasburg im schwarzenburgerland gemeinsam. 1475 machte man definitiv gemeinsame sache, denn freiburg unterstützte bern in seinem krieg gegen karl den kühnen. hätte man in murten nicht gesiegt, wäre es nicht nur für bern, sondern auch für freiburg schwierig geworden. doch so eröffnet sich freiburg durch vermittlung berns an der seite solothurns der eintritt in den bund der eidgenossen. gemeinsame herrschaften über orbe, echallens und murten vertieften die herrschaftlichen verflechtungen zwischen den nachbarn bern und freiburg.

die frühen beziehungen zwischen freiburg und zug fallen deutlich geringer aus. trotz gemeinsamkeiten durch die herrschaft der kyburger und habsburger be-gegnete man einander bis 1477 nicht. an der zuger fasnacht dieses jahres ent-stand der sogenannte saubannerzug, mit dem sich die zuger jungmanschaft unkontrolliert von der obrigkeit in richtung genf bewegte, um eine kriegskontri-bution aus den burgunderkriegen einzutreiben. die landjugend wurde immer zahlreicher und kriegslustiger, indem sie auch städte unterwegs bedrängte. damit machten die eidgenossen 1481 schluss. mit dem stanser verkommnis wurden nicht nur freiburg und solothurn in den bund der eigenossen aufgenommen, es wurden auch angriffe von eidgenössischen orten auf andere eidgenössischen orte untersagt. geregelt wurde damals auch die beuteverteilung: neu eroberte gebiete sollten zu gleichen teilen an alle orte gehen, gemachte beute sollte zu gleichen teil an alle soldaten verteilt werden. gross und klein wurden damit bedient. ein wenig wird man an die spätere regelung von abstimmungen mit stände- und volksmehr erinnert. in der folge dominierten die gemeinsamkeiten zwischen freiburg und zug. beide orte entscheiden sich während der reformation aus zürich beim alten glauben zu bleiben. 1580 schlossen sich freiburg wie zug dem katholischen goldenen bund an, der im sinne der gegenreformation wirkte. 270 jahre später blieben die konfessionellen gemeinsamkeit bestimmend: zuerst zug, dann auch fribourg traten dem sonderbund gegen den werdenden bundesstaat bei, mussten aber die militärisch erzwungene auflösung im sonderbundskrieg 1847 hinnehmen. damit stand man auf der verliererseite. das wirkte sich auch auf die ersten volksabstimmungen aus: 1872 und 1874 verwarfen beiden kantone die revisionen der ersten bundesverfassung. 1848 hatte zug auch diese abgelehnt, freiburg ihr zugestimmt, aber nur, weil nicht die stimmbürger, sondern der grosse rat darüber entschied. der oppositionelle konservatismus in zug und freiburg mässigte sich mit der modernisierung von wirtschaft und gesellschaft in der zeit nach dem zweiten weltkrieg. davon zeugt das ja beider kantone zur heute gültigen bundesverfassung aus dem jahre 1999.

über den beitrag freiburgs zur eidgenossenschaft werden wir an der dritten und letzten station noch etwas mehr hören.

tschutschu

stadt und kanton freiburg haben vier wichtige beiträge zur eidgenossenschaft geliefert. davon will ich zum abschluss etwas erzählen.

der erste beitrag ist für viele der überraschendste. sie alle haben in der schule noch gelernt, die eidgenossenschaft sei 1291 durch den bund der innerschweizer orte begründet worden. die heutige geschichtswissenschaft sieht das anders, denn bundesbriefe analog jenem von 1291 fand man dutzendweise. und: der älteste davon wurde 1239 in freiburg verfasst. er regelt das bündnis zwischen dieser stadt und avenches. 1243 kam bern hinzu, 1245 murten. heute nennt man das die burgundische eidgenossenschaft, die älteste aller eidgenossenschafen, die bis zum ende des 14. jahrhunderts zu einem umfassenden bündnis von städten, bischöfen und grafen angewachsen war.

aus dem eher lockeren verband, der namentlich in zeiten der abwesenheit einer geregelten herrschaft auf königlicher ebene galt, entwickelte sich schrittweise eine organisation, die kirche und militär regelte und die den alpenquerenden verkehr kontrollierte. 1450 wurde die mitgliedschaft in der eidgenossenschaft exklusiv – umgekehrt anerkannten äussere mächte wie frankreich, burgund und habsburg dieses bündnissystem. 1499 erreichten die eidgenossen mit ihrem sieg im schwabenkrieg, vom kaiserreich ausgenommen zu werden. die reichsreform von 1500 machte man entsprechend nicht mehr mit. 1516 regelte man auch das verhältnis zu frankreich. man war unabhängig, erlaubte aber, regelmässig eine stattliche zahl an söldnern zu rekrutieren. genau dies eröffnete freiburg als mitglied der eidgenossenschaft die möglichkeit, einen zweiten, wichtigen beitrag zu leisten. denn der vertrag mit frankreich wurde in freiburg unterzeichnet, was zum eigentlichen programm wurde. hier etablierten sich mehrere söldnerführer-familien, die für frankreich, aber auch savoyen oder genua, junge männer rekrutierten und exportierten. mit den jungs, die etwas von europa gesehen hatten, kamen aber auch neue denk- und lebensweisen in die provinz zurück. vereinfachend fasst man das als renaissance zusammen. gemeint ist damit die wiedergeburt römischer sitten im alltag. in freiburg prägte die renaissance nicht nur das gesellschaftsleben des 16. jahrhunderts, sie wirkte sich auch auf die architektur und baukunst aus. denn bis heute zeugen einige paläste aus dieser zeit vom neuen geist. statt anspruchsvolle gotische kirchen zu bauen, war jetzt angesagt, schlossähnliche wohnungen zu erstellen. das heutige kunsthistorische museum, der ratzé-hof, ist ein solcher bau – finanziert mit dem einkommen vom söldnerführer jean ratzé, kommandant der schweizer garde in lyon.

gleichzeitig mit der ratzehof entstand in freiburg auch das collège st. michel. die lage auf dem höchsten punkt deutet an, dass es sich hier um ein neues herr-schaftszentrum handeln würde. denn die jesuiten, die das damalige collegium eröffneten, sollten bis ins 19. jahrhundert die stadt prägen und freiburg seine dritte grosse bestimmung in der schweiz geben: die realisierung der gegenre-formation und die formierung eines streng konservativen katholizismus. in frei-burg führte die gegenreformation zu einer zweiten welle neuer klöster, so jenen der kapuziner und ursulinen. die führende persönlichkeit dabei war der heilig gesprochene pater canisius – ein anti-luther, der die macht und kraft des wortes erkannte, vorbildlich predigte, aber auch eine bücherei mit druckereien eröffnete, welche die christen auf den richtigen weg führen oder auf diesem behalten sollten. es mag zufall sein, doch der letzte freiburger, der grosses kino in der schweiz spielte, passt gut in die freiburgische ambilvalenz zwischen renaissance und gegenreformation. daniel vasella, ein sohn freiburgs, in zug als steuerzahler gern gesehen, ist ein absolvent der freiburger eliteschule. und so blieb er bis in die heutigen tage hinein ein papsttreuer, allerdings einer, der die lebensfreude, angriffslust und prassucht der renaissance ebenso wie den katholizismus verinnerlicht hat.

der vierte beitrag freiburgs zur schweiz ergibt sich aus der rolle des kantons bei der durchsetzung der mediationsverfassung 1803. im vorjahr hierzu war die schweiz in einen bürgerkrieg verwickelt worden, den sogenannten stecklikrieg, von den konservativen bauern der innerschweiz nach der ersten volksabstim-mung unter der oberhoheit der franzosen angezettelt. die französischen besatzer flüchteten von bern zunächst nach murten, dann nach lausanne. napoléon bonaparte intervenierte nun nicht mehr militärisch, sondern diplomatisch. dabei spielte der vormalige freiburger schultheiss louis d’affry eine herausragende rolle. der aristokrat mit gemässigter gesinnung hatte sich in französischen sold-diensten ausgezeichnet und verfügte so über gute beziehungen nach paris. er war mitglied der helvetischen regierung von 1803, bestehend aus drei männern, die im jahresrhythmus den vorsitz einnahmen. d’affry war als erster dran und so wurde er zum ersten landammann der schweiz, einer mischung aus schweizer könig und bundespräsident. freiburg war so formell auch ein jahr hauptstadt der republik. verdient gemacht hat sich d’affry durch seine vermittelnde position zwischen konservativen und liberalen, die in der folge die politischen geschicke des 19. jahrhunderts prägen sollten und erst 1891 friedlich vereinigt werden konnten. in freiburg selber sollte es allerdings zu heftigen konfrontationen, vor allem um die schulfrage, kommen. denn mit der niederlage im sonderbundskrieg musste die konservative führung abdanken und sie wurde durch eine radikale regierung abgelöst. die machtverhältnisse verschoben sich von der kirche zum staat. nach wenigen jahren setzten sich die konservativen erneut durch und so entstand im kanton freiburg die katholisch-konservative partei, die den kanton bis zum zweiten weltkrieg als mehrheitspartei führen sollte. danach ging man auch bei der regierungsbildung freiburgs zum heute vorherrschenden pluralismus über – mit vertretern von fdp, sp, vorübergehend auch svp und neu mit einem mitglied der grünen. vor einem jahr kam es zur ersatzwahl für cvp-staatsrätin isabelle chassot, die an die spitze des bundesamtes für kultur befördert worden war. dabei standen sich ein cvpler und ein sozialdemokratischer kandidat gegenüber, und das ergebnis war bekanntermassen knapp zugunsten der rechten Mehrheit. bei den freiburger bundesräten ging es in die andere richtung: denn mit alain berset vertritt heute ein sp mitglied den kanton freiburg in der bundesregierung. vor ihm waren joseph deiss von der cvp dran, davor jean bourgknecht und noch mehr vorher jean-marie musy, beides vertreter der katholisch-konservativen.

brücken über schluchten und kulturen zu bauen, netzwerke unter eidgenossen zu schaffen, bewusstsein für den ausgleich von stadt und land herzustellen, aufmerksamkeit für regionale identitäten zu generieren, politische repräsentation der verschiedenen bevölkerungsteile in behörden zu ermöglichen und eine regierung, die mehr als nur 50 Prozent der wählenden integriert, waren in freiburgs geschichte nicht immer ein selbstverständlichkeit. doch all diese merkmale haben sich entwickelt und sie bilden wesentliche bestandteile der konkordanz, für die fribourg bei allem sendungsbewusstsein, das dem kanton geblieben ist, heute weitgehend steht. jenseits aller entgangener bundessubventionen, die gesamtschweizerisch auch ihr gutes haben!

stadtwanderer

mission ostfront

Juni 10, 2014 | 4 Comments

zwischen 1941 und 1943 sammelten 250 aerzte und krankenschwestern in der sowjetunion erfahrungen in kriegschirurgie. doch war es nur äusserlich ein einsatz des roten kreuzes. innerlich war es ein von nazi-sympathisanten und interessenvertretern der exportwirtschaft eingeleitet aktion. ich gehe noch ein wenig weiter: für mich war es ein teil der schweizer aussen(wirtschafts)politik in bedrängter lage, die mit dem angriff deutschlands auf die sowjetunion entstand.

Unbenanntmein samstag begann harmlos. ich war in der stadt, stöberte in einem buchladen und kaufte schliesslich eine dvd. „mission ostfront“ heisst sie. sie ist dem einsatz schweizer aerzte und krankenschwestern im 2. weltkrieg in der sowjetunion gewidmet. das mteressierte mich, denn dazu hatte ich 1982/3 meine lizentiatsarbeit in geschichte verfasst.
was man so zu sehen bekommt, ist alles andere als harmlos. kaum in sowjetischen smolensk vor moskau angekommen, war man im schwersten ernstfall. amputationen von verletzten beinen und armen standen im lazarett hinter der front in serie an. ein arzt berichtet, er habe als erstes eine operation vorgenommen, die er vorher noch nie gemacht hatte. assitiert wurde er von seinem fahrer, ohne jegliche medizinischen kenntnisse. als dieser das abgesägte bein in armen hielt, sei er gleich in ohnmacht gefallen.

die motivationen der aerzte, krankenschwestern und der organisatoren

erfahrungen sammeln in kriegschirurgie. das war das zentrale motto, mit dem das schweizerische rote kreuz meist junges medizinalpersonal im eigenen land für die mission an der Ostfront anwarb. 250 personen kamen so zwischen 1941 und 1943 während je drei monaten zu einem einsatz.
was anfänglich niemand wusste: ennet der grenze unterstand die schweizerischen aerztemission nicht dem roten kreuz, sondern der deutschen wehrmacht; juristisch war man dem deutschen kriegsrecht unterstellt. sowjetische gefangene zu behandeln, war strengstens verboten. ein srk-historiker von heute rüffelt dies im dokumentarflim als krassen verstoss gegen den humanitären auftrag des roten kreuzes.
frédéric gonseth, filmemacher aus lausanne, hat einen eindrücklichen film zu all dem gemacht, der die zeitgeschichte mit erlebnisberichten, tagebüchern und fotografien vergegenwärtigt. filmmaterial namentlich aus deutschen archiven veranschaulicht die historischen umstände. gezeigt wird so, was man damals wusste, und wie man mit der bis in die jüngsten zeit weitgehend verdrängten geschichte umgeht.
was dadurch authentisch wirkt, stösst jedoch auch auf grenzen. so wird eugen bircher als eigentlicher vater der mission dargestellt. der aarauer chirurg besass ausgezeichnete beziehung nach deutschland, vor allem zu fachkollegen, aber auch zu politikern. er war, wie viele bürgerliche seiner zeit, strikte antibolschewistisch eingestellt, was es ihm schwer machte, sich vom nationalsozialismus abzugrenzen. so legte er seinen divisionärshut nieder, als ihn general guisan vor die wahl stellte, entweder an die ostfront zu gehen, oder weiterhin für den grenzschutz am rhein zuständig zu sein. letztlich war das eine klare ansage, wo der hohe militärkopf stand. im film wird zitiert, was schon damals viele munkelten. bei einem deutschen sieg über die sowjetunion wäre das dritte reich definitiv führende kraft in Europa, und die schweiz wäre gänzlich isoliert, in einem deutschfreundlichen Regime würde er, bircher, eine führende rolle spielen.

meine these: ein teil der schweizer aussen(wirtschafts)Politik in bedrängter lage
bei den recherchen zu meiner lizentiatsarbeit vor dreissig jahren kam ich bezüglich der aerztemission zu einem anderen schluss. entscheidende person war hans fröhlicher, der schweizer botschafter in berlin. 1941 kam er in bedrängnis, als er einen wirtschaftsvertrag zwischen dem dritten reich und der schweiz verhandeln musste, mit dem sich deutschland die waffenproduktion hierzulande sicherte. finanziert wurde das ganze durch einen kredig der schweizerischen Nationalbank; abgegolten werden sollte die schuld in form von naturalien aus eroberungen in russland.
da kam ein memorial von eugen bircher im frühling 1941 gerade recht, das er nach einem besuch an der berliner charité verfasst hatte. professor sauerbruch, sein chirurgenkollege, hatte den schweizer divisionär in den streng geheim gehaltenen krieg gegen die sowjetunion eingeweiht, und der schweizer militär im Generalsrang kehrte mit einer auffällig genauen frontaufstellung in sein heimatland zurück. guisan klassierte das memorial sofort, informierte die behörden, die so bestens über den angriff hitlers auf stalin im bilde waren. das verschaffte zeit, um sich einzustellen.
auf die schweizer elite blieb die voraussichtlich definitive wende im krieg nicht ohne folgen. ein Vertreter der schweizerischen kreditanstalt stellte spenden aus namhaften industrieunternehmungen der schweiz zusammen, die an exporten nach russland interessiert waren. eugen birchen mobilisiert die mediziner, und das srk sammelte das nötig pflegepersonal.
die unterstellung der mission unter deutsches kriegsrecht sollte nicht nur die richtige rotkreuzarbeit vor ort verunmöglichen; sie wirkte sich auch nach der rückkehr der teilnehmerInnen fatal auf. denn die schweiz hatte sich verpflichtet dafür zu sorgen, dass keine details aus persönlichen erfahrungen der teilnehmenden in die Öffentlichkeit gelangten.
das verlangte schweigen durchbrach als erster der Luzerner arzt rudolf bucher, der spätere begründer der rega, der insgesamt 100 vorträge hielt, und auf diesem weg die leitung der mission wegen sympathien zu den nationalsozialisten attackierte, bis sich bundesrat von steiger, der chef des ejpd, auf deutschen druck veranlasst sah, amtich für ruhe und Ordnung zu sorgen.

kleine würdigung

schade, sage ich, das im höchst bemerkenswerten film von swissimage und tsr, gefördert von der pro helvetia und der der migros, die weiteren umstände der aerztemission weitgehend ausgeblendet bleiben, davon vor allem dem westschweizer publikum das erzählt wird, was seit dem rings-bericht ende der 60er jahre dem deutschschweizer publikum bereits einmal gezeigt wurde. stark ist die dokumentation vor allem da, wo sich überlebende teilnehmerInnen vor der kamera äussern. wertvoll ist der film, weil er auch russische gefangen sprechen lässt, die in deutschen lagern arbeiteten und in die schweiz flüchteten. für die nicht spezialistInnen ist so ein zeitdokument einer wenig bekannten episode der schweizerischen verhältnisses zum dritten reich entstanden, das aus fachsicht einer bessern historischen einordnung bedurft hätte.
denn erst so wird die widersprüchlichkeit des damaligen handelns zwischen menschlichkeit und verrat klar!

stadtwanderer

ps: geschrieben hatte ich die arbeit bei prof. walther hofer. korrigiert und preisgekrönt wurde sie von peter maurer, hofers assistent von damals heutiger präsident des ikrk.

mein stadtwandern bekommt einen neuen zweig. stadtwandern in fribourg – für regierungen.

seit dem letzten august zieht es mich immer wieder nach fribourg. denn da bin ich geboren worden, habe eine weil auch in der stadt gelebt, bin aber vor 50 jahren weggezogen.

meine rückkehr war bis jetzt ein wenig biografie-arbeit – zu erinnerungen aus der knabenzeit, zu besuchen versteckter winkel und auffälliger orte quer durch die Stadt hoch über der saane..

jetzt bekommt alle dies eine hochpolitische wende!

Unbenannt
der staatsrat des kts. fribourg auf der poya-brücke

eingeladen vom präsidenten des staatsrates, beat vonlanten, angefragt von der staatskanzlerin danielle gagnaux-morel, nehme ich kommenden donnerstag am abendlichen ausflug der freiburger und zuger kantonsregierung teil.

als stadtwanderer an einem staatsempfang!

erwartet wird eine kurze geschichte der stadt, von der gründung durch die zähringer bis hin zur eröffnung der neuen poya-brücke, mit viel lokalkolorit, das einheimische und fremde exekutiv-mitglieder gleichzeitig überraschen soll.

besser hätte es nicht starten können, denn meine mutter ist im Kanton zug aufgewachsen, mein vater in fribourg.

und so mache ich mich an Pfingsten fleissig auf die recherche nach spontanen eindrücken aus der altstadt und dem modernen fribourg, um die kentnisse Fribourgs zu bereichern. ich hoffe, es klappt …

stadtwanderer

ich denke, der einstieg mit stadtwanderungen in murten ist diese woche gelungen. besondere freude bereitete der abschliessende besuch der chesery, einer dauerbrocante mit restaurant in murtens altstadt.

bestellt habe ich für meine gäste “les meringues”. natürlich wusste ich, was uns erwartete, die teilnehmerInnen indessen waren schwer überrascht. der chef ging in die küche, und reichte aus dem oberen regal, was wir begehrten. sofort waren alle begeistert:

Koestlichkeiten-15
les meringues in der chesery von murten – einfach köstlich

zunächst wegen dem service: gereicht wurden die meringuen in einer grossen holzschale, sicher aus einer käserei. rund herum waren die spezialitäten aufgereiht – vielleicht fünzig an der zahl. in der mitte hatte es rahm, double cème aus dem greyezerland schätze ich.

dann wegen dem anrichten: die vorbereitung folgt einem ritual. man nimmt eine meringue in die eine, einen löffel in die andere hand. den löffel hält man stiel voran und bohrt diesen vorsichtig in die meringue, sodass ein schlitz entsteht. dann reicht man eine flasche kirsch und träufelt diesen durch die öffnung in die meringue – bis sie schön gefüllt ist.

schliesslich wegen dem geschmack: alle wissen wie meringuen mit rahm schmecken, auch wenn der rahm dickflüssig ist. die wenigsten aber wissen, wie das ist, wenn die meringue mit schnaps gefüllt. deshalb muss man das unbedingt ausprobieren!

da es von allem reichlich hat, ist man frei, die geschichte so oft wie man will zu wiederholen. meine gäste hatten im schnitt drei stück von den köstlichkeiten …

wenn’s interessiert: ich empfehle die chesery von murten gerne auch auf diesem weg!

stadtwanderer

„Murten in 10 Stationen“ heisst meine neue Stadtwanderer-Tour. Sie ist meiner grossen Liebe gewidmet, dem heute freiburgischen Städtchen Murten/Morat, am lauschigen See mit gleichem Namen, vormals eine Zähringerstadt im Einflussgebiet zwischen Savoyen und Bern, die auf einen mythologischen Ursprung im burgundischen Königreich verweisen kann. Hier das Programm, das ich am 2. Juni erstmals vorführe.

murten
Murten aus der Luft

Murten hat Ambiente, strahlt mediterane Lebensweise im germanischen Umfeld aus.
Ob die Römer hier waren, weiss man nicht. Das meiste spricht dagegen. Halbwegs sicher ist, dass die Burgunder, Einwanderer aus dem Norden, in Murten bauten – und zerstörten. Die schwäbischen Zähringer richten das Städtchen wieder auf, der römische König ummauerte es, die Savoyer bauten Turm den Turm und brachten urbanes Leben in die Gegend. Höhepunkte der Geschichte ist die Schlacht von 1476, der Sieg der Eidgenossen über die Burgunder, der Murten zu Bern und Freiburg brachte. Napoléon Bonaparte entschied schliesslich, dass sich der Seebezirk dem Kanton Freiburg anzuschliessen hatten, in den konservativer Umgebung sich das liberal gesinnte Bürgertum nie sonderlich wohl fühlte.
Wer mehr darüber wissen möchte, komme mit auf meine Tour durch Murtens Geschichte und Strassen!

1.Station “St. Mauritius Kirche”
Wo das alte Murten stand, weiss man nicht mit Sicherheit. Man nimmt an, der ursprüngliche Name “Moriodunum” leite sich von einer Holzfestung im sumpfigen Gebiet ab – an der heutigen Stelle oder einer benachbarten.
So viel man aus der nachträglichen Ueberlieferung weiss, gab es im frühen Murten einen burgundischen Königshof, der seit dem 6. Jahrhundert dem Kloster in St. Maurice gehörte. Dieses wurde 515 gegründet, ein Jahr danach übernahm König Sigismund die burgundische Königkrone und machte St. Maurice zum religiösen Zentrum seines Reiches. Murten war also mit dem der Macht der romanisierten Germanen, die für mehr als 500 Jahre im Gebiet der heutigen Westschweiz den Ton angeben sollten, direkt verbunden.
Bei der Einverleibung des burgundischen Königreiches ins römische Kaiserreich nach 1032 kam es zu einem kurzen, aber heftigen Erbfolgekrieg, während dem das alte Murten besetzt und zerstört wurde. Nichts davon ist den Archäologen wiederbegegnet, sodass alles ein wenig unsicher bleibt, wo was war.
An die engen Beziehungen zwischen Murten und St. Maurice erinnert seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die katholische Kirche mit diesem Namen, die allerdings ausserhalb der Mauern des heute reformierten Städtchens errichtet werden musste.

2.Station “Mitten in der Stadt”
Das heutige Murten ist unter den Herzögen von Zähringen entstanden. Sie wurden 1127 bei der Regelung des Investiturstreits zu den Rektoren Burgunds ernannt, den weltlichen Herrschern über Burgund bei Abwesenheit des Kaisers. Dazu bauten sie eine Strasse zwischen Rhein und Rhone, die sie von Rheinfelden bis Moudon mit mittelalterlichen Städten sicherten. Ganz ans Ziel kamen die Zähringer nicht, denn 1191 wurden sie bei Payerne von den Truppen des Bischof von Lausanne besiegt, sodass ihr Einflussgebiet auf das westliche Plateau des Mittellandes beschränkt blieb. 1208 verloren sie zudem in St. Ulrichen gegen die Herren von Raron, beim Versuch über Grimsel und Griespass, sodass ihr Ziel, an Mittelmeer zu gelangen, nie in Erfüllung ging. Das Rektorat über das weite Burgund erstreckte sich faktisch im Dreieck von Grimsel, Moudon und Solothurn, mit Murten an der westlichen Grenzlage.
Zähringisch sind am Stadtgrundriss Murtens die eindrückliche Längs- und sichtbare Quergasse sowie das Fehlen eines eigentlichen Marktplatzes. Bis heute prägt diese Ausgangslage den Grundriss der Altstadt Murtens. Wann genau die Stadt gegründet wurde, weiss man nicht, denn die älteste Quelle hierzu ist aus dem 13. Jahrhundert. Angenommen wird eine Stadtgründung in den 1160er oder 1170er Jahren, also nach Freiburg, aber vor Bern.
1218 stirbt das Herzogsgeschlecht aus, und Murten kommt als eine der frühen Reichsstädte in den Besitz des Königs. Dieser gibt 1238 den Auftrag, die Stadt mit einer Mauer zu befestigen und privilegiert Murten unter anderem bei den Steuern. Damit sichern sich die Staufer ihre schwindende Macht in der Region vorübergehend.

3.Station “Turm”
Mit dem Ende der Staufer-Dynastie 1254 beginnen unsichere Zeiten. Die Grafen von Savoyen, Vasallen des Kaiseraspiranten aus dem englischen Königshaus, nehmen 1255 Murten in ihren Schutz auf. Unter ihnen wird die Burg am Südende der Stadt errichtet, denn man steht mit den Habsburgern im Krieg. Diese werden kurzfristig auch Stadtherren über Murten, ohne bleibende Spuren zu hinterlassen. 1291 wird Murten wieder savoyisch, und die Stadt wird es bis 1475 bleiben, allerdings orientiert man sich nicht nur nach Süden, sondern auch nach Norden.
An der nördlichen Grenze Savoyens gelegen, sucht Murten nach weiterer Absicherung. Diese bestand in der damaligen Zeit meist aus Städtebündnissen, einer Art Eidgenossenschaft. 1318 geht Murten in Gümmenen erstmals eine solche Verbindung mit benachbarten Städten wie Bern ein. Die Pest mitte des 14. Jahrhunderts bildet die grösste Krise in dieser Zeit. Danach baut Murten seine Beziehungen zur Eidgenossenschaft weiter aus und wird ihr zugewandter Ort.
1377 organisieren die Grafen von Savoyen die Verhältnisse in Murten neu. Die Stadt wird wieder streng in den Herrschaftsverband eingeordnet. Mit dem neuen Stadtrecht verliert Murten das Vorrecht, den Schultheissen selber wählen zu können, und das Kirch- sowie Militärwesen werden neu gestaltet. Murten bekam zu diesem Zweck ein eigenes Rathaus, der der Herrschaft der Savoyer über die Stadt diente.
Bemerkenswertester Stadtherr im Mittelalter ist Amadeus VIII. aus dem Hause Savoyen, denn auf dem Konzil in Basel wird der erfolgreiche Herzog und Familienvater zum Papst gewählt. Seine Anerkennung bleibt allerdings aber auf Savoyen, die Eidgenossenschaft, Bayern, Ungarn und Aragonien beschränkt, sodass er schliesslich zurücktritt und als Eremit seinen Lebensabend beschliesst. Mit den religionswirren beginnt unter Papst Felix V. auch die Idee der Hexenverfolgung gerade in Savoyen Fuss zu fassen.
Im 16. Jahrhundert wird aus dem Wehrturm ein Schloss, das bis heute das Stadtbild prägt.

4.Station “Hotel Adler”
1416 brennt die Holzstadt Murten nieder, und sie muss neu aufgebaut werden. Jetzt entstehen Steinhäuser mit Arkaden; das Städtchen Murten wird zunehmend so, wie man es heute kennt. Um sich vom Stadtbrand zu erholen, erlassen die Savoyer Herzöge den Murtemer die Weinsteuer, sodass das Gewerbe aufblüht und zum wichtigsten Exportzweig wird.
Murten wird zum selbstbewussten Regionalzentrum., mit den Bauern in Guggisberg gerät man 1442 einen Weinkrieg, sodass Freiburg vermitteln muss. Die Habsburger, seit dem 13. Jahrhundert Herrscher über Freiburg, verlieren in diesen Zeiten an Einfluss, Bern und Savoyen etablieren sich als Machthaber über Freiburg. Freiburg und Murten werden in einen lokalen Krieg verwickelt. Das Kloster Münchenwiler vor den Toren Murtens wird arg zerstört.
Das Ende vermitteln die Grossen aus der weiten Umgebung: der französischen König, der burgundische Herzog, die Bischof von Basel und die erstarkte Eidgenossenschaft. Der Friedensvertrag wird im Hotel Adler geschlossen. Murten steht nun unter scharfer Beobachtung nicht nur der Savoyer und Berner, sondern durch alle, die damals Rang und Namen hatten. Das sollte zum spannungsreichen Gemisch werden, welches Murtens Schicksal die grosse Wende geben sollte.

5.Station “Ringmauer”
1474 erklärt die Eidgenossenschaft unter Führung Berns dem aufstrebenden Herzog Karl von Burgund den Krieg. Während eines Präventivschlags wird seitens der Berner und Freiburger die Waadt, Graf Jacques von Romont unterstellt, erobert. Murten kommt 1475 ebenfalls unter die Herrschaft der beiden Städte. Grandson wird in der Folge besetzt, sodass der Burgunder Herzog zurückschlägt. Das erste militärische Messen geht im Frühjahr 1476 ausserhalb Grandsons zugunsten der Eidgenossen aus.
Die Burgunder sammeln sich in Morges und greifen ein zweites Mal an, nun die Stadt Murten. Bern besetzt die Stadt. Die Burgunder belagern ihrerseits Murten, werden aber nach einem Ueberfall auf Laupen von den versammelten Eidgenossen, verstärkt durch eine Städtebündnis aus Basel und den Herzog von Lothringen, angegriffen. Am 22. Juni kommt es zur Schlacht ausserhalb der Stadtmauren, während der die Eidgenossen erneute siegen. Der Herzog zieht sich aus Savoyen zurück, um das lothringische Nancy zu erobern, verliert aber auch dort und lässt dabei sein Leben.
Einige Zahlen, um sich das Treiben vor Ort vorzustellen: Murten zählte weniger als 1000 EinwohnerInnen, Berner Besatzer waren 2000 anwesend, die burgundischen Belagerer zählten 25000 Personen, und die herbeieilenden Eidgenossen waren nochmals so viele.
Die Eidgenossen werden bei dieser Gelegenheit ausserordentlich reich, müssen aber innere Spannungen austragen. Murten wird 1484 bernisch-freiburgisches Untertanengebiet, während die Waadt dem savoyischen Grafen Jacques von Romont zurückgegeben werden muss. Einzig die burgundischen Gebiete um Echallens, Orbe und Grandson werden gemeine Herrschaften der Berner und Freiburger. Das sollte bis 1798 so bleiben.

6.Station “Französische Kirche”
Zur Verteidigung Murtens wurde die damalige Kirche der Stadt ausserhalb der Mauern abgerissen. 1480 entsteht sie neu innerhalb der Mauern. Guillaume Farel sollte 1530 ihr erster festbesoldeter Pfarrer werden. Gleichzeitig war er Reformator der Kirchen in der Gegend, der im Vorfeld einer Volksabstimmung kräftig für die Sache der Neugläubigen geworben hatte.
Murten geriet damit in ein heikles Verhältnis zwischen Bern und Freiburg, den letzteres blieb beim alten Glauben, ersteres wechselte zu neuen. Zur Stärkung der Reformierten beginnt die Einwanderung aus Bern, mit der die deutsche Sprache in Murten an Verbreitung gewinnt. Dem entsprach die Arbeitsteilung unter den Herrschaften, denn Freiburg blieb für das militärische Aufgebot zuständig, und Bern kümmerte sich um kulturelle Fragen wie Kirchen und Bildung.
Hart an der Grenze von Sprachen und Konfessionen wird Murten zu einem besonderen Ort der Hexenverfolgung, die vor Frauen und Männern, die der Ketzerei verdächtigt werden, nicht Halt macht. Die Hexenprozesse fand mitten in der Stadt auf dem Schafott ihr trauriges Ende. Bis heute erinnert man sich in Murten nicht gern an diese Zeit. Im 17. Jahrhundert ist die Mehrzahl der EinwohnerInnen deutschsprachig, sodass man die Kirche trennt, nun in eine französische und eine deutsche Kirche, beide selbstredend reformiert.

7.Station “Deutsche Kirche”
Der berühmteste Herr in der deutschsprachigen Kirche Murten, Pfarrer Bitzius, wirkte kurz vor der französischen Revolution. Im Pfarrhaus nebenan wurde 1797 sein Sohn Albert geboren, später bekannt als der grosse bernischen Schriftsteller Jeremias Gotthelf.
Die französische Revolution brachte 1798 nochmals den Krieg in die Stadt. Diese wurde zuerst von Freiburger Truppen besetzt, dann von helvetischen und schliesslich von konföderierten. Murtens Sympathien waren geteilt, die Auflagen der helvetischen Truppen wogen aber schwer, sodass sich Murten den schliesslich siegreichen konföderierten Herrschaft anschloss.
Am liebsten wäre man in Murten zu Bern gekommen, doch gegen ihren Willen kam die Stadt Murten 1803 zu Freiburg und sollte hinfort dort bleiben. Vermittelt wurde der Beitritt durch den gemässigten Freiburger Aristokraten Louis d’Affry, einem Vertrauten Napoléon Bonapartes, der gleichzeitig erster Landammann der Helvetischen Republik wurde; Berns Einfluss auf den Franzosen war nach Einnahme der Stadt durch die französischen Truppen dagegen geringer.
Die neue Gesetzgebung durch die Franzosen und die Befriedung durch die Mediationsakte 1803 brachte mit der Handels- und Gewerbefreiheit Schwung ins Wirtschaftsleben der Stadt; am meisten blühten Wirtshäuser auf, von denen es heute noch zahlreiche, einzelne sagen zahllose gibt.

8.Station “Schulhaus”
Im konservativen Kanton Freiburg bildete der Seebezirk rund um Murten eine sprachliche und konfessionelle Ausnahme. Auch politisch war man hier anders, denn Murten wandte sich spätestens in den 1830er Jahren ganz dem Liberalismus zu, der im klaren Gegensatz zum katholisch-klerikalen Regime in Fribourg stand.
Eine der Hauptstreitpunkte war damals die Schulfrage. Als typisches Zeichen für Murtens Position schuf man ein neues Schulhaus, bewusst ausserhalb der Stadtmauern, um die Offenheit gegenüber der neuen Welt zu demonstrieren. Hier wirkten Lehrer aus vielen Gegenden, darunter auch spätere Regierungsräte aus liberalen Kantonen.
Als Freiburg 1846 dem konservativen Sonderbund beitrat, versuchte man in Murten die Abspaltung vom Kanton, war aber nicht erfolgreich. Der 1847 in der Hauptstadt siegreiche jakobinische Radikalismus hatte in Murten eine seiner wesentlichen Stützen.
Die Gründung des Bundesstaates unter Führung der Freisinnigen 1848 wurde in Murten stark begrüsst. Teil der nationalen Mythenbildung wird Adrian von Bubenberg, ein Berner Junker und katholischer Adliger, der zum Held der Schlacht von Murten stilisiert wird, weil es ihm gelang, den Willen der Eidgenossen gegen die äussere Bedrohung zu bündeln und zu festigen. Als Held der Schlacht von Murten verkörperte er auch den entschlossenen Willen, die eigene Haltung militärisch zu verteidigen.
Die vorletzten Zuckungen davon habe ich 1977 erlebt, als ich in Murten die Rekrutenschule absolvierte und auf dem Schulhausplatz ziemlich erfolglos zum Funker der Infanterie ausgebildet wurde.


9.Station “Bahnhof”
Der Bau der Eisenbahn von Bern nach Lausanne über Freiburg benachteiligte Murten. Industrielle Betriebe gab und gibt es in Murten nur wenige. Die meisten waren und sind mit der Landwirtschaft verbunden. Das Eisenbahnwesen Murtens erschloss die Kleinstadt mit den anderen Kleinstädten, im Süden Payerne, im Norden Kerzers, dem eigentlichen Eisenbahnknotenpunkt der Region.
Grösser waren die Auswirkungen des Autobahnanschlusses im 20. Jahrhundert. Seither wächst Murten auch bevölkerungsmässig. Heute leben rund 5000 EinwohnerInnen in Murten, die Bevölkerung ist überaltert. Doch die Zahl der Arbeitsplätze Murtens übersteigt diejenige der Arbeitstätigen vor Ort, sodass es zu täglichen Zuströmen Werktätiger kommt. Doch gibt es auch Wegpendler vor allem nach Bern. Denn die Region entwickelt sich zur beliebten Wohnlage für Menschen aus der weiteren Region.
Wenn der Verkehr von aussen Murten bestimmt, ist man bemüht, den Verkehr in der Stadt einzudämmen. In den letzten Jahren hat Murten zahlreiche Strassencafés bekommen, sodass das Leben in der Stadt richtig gehend aufblüht. Berühmt sind die Meringuen in der Cheesery, gefüllt mit hartem Kirsch, übergossen mit weichem Rahm.

10.Station “Am See”
2002 wird Murten einer der 4 Standorte de Expo 02. Im See selber wird der Monolith, ein Gehäuse aus Eisen, errichtet. Er hätte gut und gerne neues Wahrzeichen von Murten werden können. Indes, nach der Landesausstellung wurde in Murten alles zurückgebaut. Eine nachhaltige Entwicklung Murtens wurde leider verpasst.
Dennoch, Murten lebt heute stark vom Tourismus. Riviera Freiburgs nennt man die Gegend rund um den Murtensee. Im Städtchen schwingt ein wenig Mittelmeeratmosphäre mit. Auf dem See gibt es im Sommer einen regen Schiffverkehr. Einmal im Jahr findet seit 1932 der Murtenlauf statt, der an die Schlacht von Murten erinnert. Gegenwärtig wird auch ein Freilufttheater zum gleichen Thema geboten. Murten hat sich der slow-up-Bewegung angeschlossen. Einmal im Jahr treffen sich hier die Langsamverkehrer. Rund um den Murtensee kann man sogar Stadtgolfwandern, hier mit dem Velo und nicht zu Fuss.
Nicht zuletzt kennt Murten Stadtführungen – seit heute ein mehr!

Stadtwanderer

Nicht irgendwo
Bern ist nicht einfach. Denn es sind die vielen Geschichten Berns, welche die Stadt ausmachen. Hier meine Auswahl von 8 interessanten Orten und ihrer Bedeutung – zusammengestellt für den neuen Stadtführer “Bärn isch eso!”

1. Rosengarten
Nirgends ist die Aussicht auf Bern so grossartig wie im Rosengarten.
Bern ist eine Zähringerstadt. Sie gründeten sie 1191 in der imposanten Aareschlaufe. Das schütze die Stadt gegen Osten. Der Westen war damals weitgehend menschenleer. Ein Spaziergang auf in den Rosengarten, östlich der Altstadt, lohnt sich immer. Denn die Stadt liegt einem auf der Anhöhe schlicht zu Füssen. Das Licht reflektiert sich in den Blättern der Bäume, und der Fluss umarmt das Gemeinwesen wie vor gut 800 Jahren.
Mein Lieblingsstandort Ende Oktober, wenn das fahle Herbstlicht die Stadt unvergleichlich aufscheinen lässt.

2. Bärenpark
Nirgends ist Berns Symbiose zwischen Mensch und Bär wie unter dem “Tanzenden Bären”.
Früher tanzte er beim Bahnhof. Jetzt ist der “tanzende Bär” beim Bärenpark zu Hause. Er symbolisiert die Leichtigkeit des Bärenlebens, auch der Berner und Bernerinnen, wenn man sie kennen gelernt hat. Ohne das mögen einem die Menschen in Bern etwas verschlossen vorkommen, bisweilen auch schwerfällig wie ein trauriger Bär. Davon hat es am Bärenpark drei. Finn, das Männchen, Björk, das Weibchen, und Ursina, ihre Tochter. Bisweilen sind auch die fröhlich!
Mein Lieblingsstandort über Mittag, wenn der tanzende Bär und dem Klein-Klein der Tageshektik steht.

3. Cafe Postgasse

Nirgends ist Bern so mediteran wie bei einer Bouillabesse “Cafe Postgasse”.
Bern ist eine Brückenstadt beidseits der Aare. Sie verbindet ehemals burgundisches und alemannisches Stammesgebiet. Noch heute ist vermittelt sie zwischen den Kulturen beidseits des mächtigsten Flusses im Mittelland. Beispielhaft dafür ist die beste Bouillabesse in Bern, die im Sommer unter Palmen, im Winter bei einem warmen Ofen ein wenig Marseille in die germanische geprägte Gesellschaft zaubert.
Mein Lieblingsstandort zu jeder Zeit, bei der sich allerlei Leute am Stammtisch treffen.

4. Erlacherhof

Nirgends ist Bern herrschaftlicher wie im Erlacherhof an bester Südlage in der Altstadt.
Die Parzelle gehörte den von Bubenbergs, den eigentlichen Stadterbauern, bevor sie die von Erlachs übernahmen und im 18. Jahrhundert das schönste Palais der Stadt errichten. Die französischen Stadthalter während der Helvetischen Republik residierten hier, genauso wie der erste Bundesrat vom Erlacherhof aus regierte. Heute ist es der repräsentative Sitz von Alexander Tschäppät, dem populären Stadtpräsidenten Berns.
Mein Lieblingsstandort immer dann, wenn der höchste Berner mit seinem Töff vorfährt.

5. Münster
Nirgends in Bern entschwindet der Stadthektik so einfach wie im Berner Münster.
Betörend ist das Orgelspiel, das den Raum füllt. Einnehmend sind die Farbfenster, die das Himmelslicht bündeln. Und des Nachts hört man die mystische Ruhe und sieht man die entspannende Dunkelheit des Berner Münster. Wer gestresst ist, muss einfach hierher kommen, um die Transzendenz Gottes zu erleben. Zwei göttliche Bern waren hier begraben: Adrian von Bubenberg, der Held von Murten, und Niklaus von Steiger, der letzte Schultheiss des Alten Berns.
Mein Lieblingsstandort, wenn ich meinen BegleiterInnen die Geschichte Berns im 15. und 16. Jahrhundert erzähle.

6. Bundesplatz
Nirgends ist Bern so schweizerisch wie auf dem Bundesplatz.
Er heisst nicht Place nationale wie in Paris. Den Bankenplatz wiederum findet man in Zürich. In Bern gibt es dafür aber den Bundesplatz. 26 Fontainen hat er, die Symbole der Kantone als Jungbrunnen der Schweiz. Und aus schwerem Granit besteht der Boden, damit sich begehrliche Staaten die Zähne ausbeissen, wenn sie sich des Schweizer Gold bemächtigen Wollen. Das Bundeshaus nebenan, ist der Sitz des Schweizer Parlamentes, meist der Gesetzgeber, ausser das Volk wolle es anders.
Mein Lieblingsstandort, wenn Bundesratswahlen sind, und Sieger und Verlierer vor die interessierten ZuschauerInnen treten.

7. Titanic
Nirgends ist Bern eine so moderne Verwaltungsstadt wie in der Titanic am Eigerplatz.
Die Glasfassaden glitzern, die Ecken spitzen den Raum zu. Von aussen ist die Titanic einer der markantesten Bauten der Stadt Bern. Im Innern arbeiten Staatsangestellte. Zum Beispiel die Vollstrecker der neuen Energiepolitik. Sie sollen die Energiewende voranbringen. Pessimisten munkeln, sie werde untergeben, wie seinerzeit das gleichnamige Schiff auf dem Atlantik. Optimisten sind sicher, dass das Programm mit der Gründlichkeit der Bundesverwaltung gelingen wird.
Mein Lieblingsstandort, wenn ich liebgewordene Stereotypen wiederlegen will.

8. Glasbrunnen
Nirgends bleibt Bern so geheimnisvoll wie am Glasbrunnen.
Aller protestantischer Ethik in Bern zum Trotz: Die Stadt kann man nicht nur rational erfassen, fleissig durchwandern, und streng analysieren. Denn ihre Geheimnisse entdeckt man so nicht. Zum Beispiel den Glasbrunnen, mitten im Bremgartenwald vor den Türen Berns. Die Legende will es, dass das Wasser, direkt von der Jungfrau in den Alpen hierher fliessen, bei Kranken Wunder bewirkt: Das Beste daran: Es stimmt!
Mein Lieblingsstandort, wenn ich mit dem Velo nach Hause fahre und mich erfrischen will.

Stadtwanderer

Die Schlacht von Murten – ab heute Abend wird sie, auf dem Schlachtfeld, in Theaterform aufgeführt. Ich wiederum erzähle, was damals war, und was die Folgen dieses welthistorischen Ereignisses vor den Toren Murtens waren.

Unbenannt
Wie muss man sich die Schweiz von 1476 vorstellen? Zuerst, die Schweiz von damals ist ein Bündnissystem, kein eigener Staat, sondern ein Teil des Kaiserreiches, der in Kirchen- und Militärfragen Autonomie beanspruchte. Die Ursprünge gehen aus das 13. Jahrhundert zurück, in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts nahmen sie festere Formen an. Uri, Schwyz und Unterwalden, aber auch Luzern, Zürich und Bern mit ihren jeweiligen Verbündeten gaben abwechslungsweise den Ton an. 1415 vertreiben die Städte Bern, Zürich und Luzern die Habsburger aus dem Wasserschloss, sodass die Eidgenossenschaft das deutschsprachige Mitteland beherrschte und ihren Einfluss in alle Richtungen auszudehnen begann. Seit 1450 war es Mitgliedern der Eidgenosschaft verboten, einem weiteren Bündnis anzugehören.
Die Nachbarn waren im Osten und Norden die Habsburger Herzöge, im Süden die Mailänder und Savoyer Herzöge und im Westen die Burgunder Herzöge. Seit 1438 stellten die Habsburger ununterbrochen den Kaiser und stiegen so zur mächtigsten Dynastie in Europa auf. Im 15. Jahrhundert waren die Herzöge von Burgund jedoch reicher. Es gelang ihnen, Flandern und Brabant, eines der Wirtschaftszentren Europas, zu ihren Untertanen zu machen, und ebenso kam die Franche-Comté in ihren Bann. Zudem eroberten sie unter Karl dem Kühnen das Herzogtum Lothringen, sodass sich eine neuer Feudalstaat zwischen Kaiserreich und Königreich Frankreich schob. Als sich die Burgunder mit den Herzögen von Savoyen verbündeten, um sich einen Weg nach Rom zu bahnen, wurde es für die Eidgenossenschaft ungemütlich. Aus dem früheren Verbündeten wurde ein Konkurrent um Territorien. Das führte letztlich zum Burgunderkrieg von 1474 bis 1477.

1474 verbünden sich die Eidgenossen, aus der Sicht des Kaisers, die “obere Vereinigung”, mit den Reichsstädten Basel, Colmar und Strassburg, die man “niederen Vereinigung” nannte. Gemeint waren damit Bündnisse südlich und nördlich von Basel. Gleichzeitig schlossen die Eidgenossen mit Habsburg einen unbegrenzten Frieden, mit dem die Habsburgerkriege, die seit 1315 gedauert hatten, beendeten. Vermittelt wurde dies alles durch den französischen König, dem erbittertsten Feind der Burgunder, der die Eidgenossen gegen seinen Gegner aufwiegelte. Vor diesem Hintergrund erklärten diese unter Führung der Reichsstadt Bern dem Herzog in Dijon den Krieg. Sie griffen sofort Richtung Elsass an und gewannen in Héricourt eine erste Schlacht. Dann erobern die Berner und Freiburger die savoyische Waadt, und die Berner stiessen gegen die burgundische Franche-Comté auf der anderen Seite des Juras vor.
Dagegen reagierte Herzog Karl von Burgund. Zuerst eroberte er das von Bernern besetzte Grandson zurück. In der nachfolgenden Schlacht ausserhalb des Städtchens verlor er aber gegen die heranstürmenden Eidgenossen. In Morges stellt er sich neu auf und griff nochmals an. Ziel war Bern, das Zentrum des Widerstands. Um den Angriff zu parieren, besetzten die Berner Murten, ihre Verbündeten, die Eidgenossen nahmen unter Zürcher Führung das savoyische Freiburg ein. Am 22. Juni 1476 kam es in oberhalb Murtens zur entscheidenden Schlacht. 45000 Mann kämpfen auf beiden Seiten. Die Eidgenossen wurden durch die Niedere Vereinigung, die Lothringer und Habsburger verstärkt. Auf Seiten der Burgunder waren die Savoyer und Söldner aus vielen Orten.
Wie durch ein Wunder gewannen die Eidgenossen die Schlacht. Karl musste fliehen, versuchte die Rückeroberung Lothringens in Nancy zu verhindern, wo es Mitten im Winter erneut zu einer Gefecht kam, bei der der Herzog sein Leben verlor.

In Vielem gleicht die Schlacht von Murten der typischen Vorgehensweise der damaligen Zeit. Ein zentraler Ort wird durch den Angreifer besetzt. In unserem Fall die Berner, die Murten einnehmen und militärisch aufrüsten. Dann kommt der Angegriffene und belagert die Besetzer. Hier die Burgunder und Savoyer, welche die Stadt mit Artillerie angreifen. Schliesslich eilen Verbündete der Besatzer herbei, und sie greifen die Angreifer von hinten an, sodass sie sich selber verteidigen müssen. Diesen Part spielen die Eidgenossen, die sich gegen die Burgunder stellen.
Die Eidgenossen provozierten die Burgunder mehrfach, die sich jedes mal aufstellten, ohne dass es je zum Gefecht kam. Schliessen attackierten die Eidgenossen nach 10 Tagen Vorspiel bei strömendem Regen in voller Wucht und düpierten die Gegner, die nur einen Viertel ihrer Mannschaft kurzfristig aufstellen konnten. Die Artillerie wurde von hinten angegriffen und erobert. Die Reiterei Burgunds unterlag. Es kam zum Rückzug der Truppen nach Meyriez und zur Flucht des Herzogs über alle Berge.
Man rechnet heute mit mindestens 10000 Toten. Viele erlagen ihren Verletzungen auf dem Schlachtfeld, andere davon wurden in der Flucht in den Murtensee getrieben und ertranken. Noch am gleichen Tag war alles vorbei.

Die nationale Geschichtsschreibung vor allem des 19. und 20. Jahrhunderts wies Adrian von Bubenberg die zentrale Rolle als Held von Murten zu. Wie immer bei solchen Legendenbildungen wurde dabei stark vereinfacht.
Die von Bubenbergs waren, unter den Zähringern, die eigentlichen Stadterbauer Berns. Sie gehörten in der Folge zur führenden Schicht der Stadt, die 1218 zur Reichstadt wurde, und ab 1298 ziemlich selbständig handelte. 1415 wurde Bern zum Reichstand erhoben, einem Stadtstadt, der im Reich selber Politik betreiben durfte. Mehrfach stellten die von Bubenbergs den Schultheiss, Berns Stadtherr. Sie lebten allerdings ganz in der junkerlichen Tradition des damaligen Landadels. Sie unterhielten gute Beziehungen zu den Innerschweizern, aber auch zu Burgund. In Bern und der Waadt waren sie begütert. Wirklich reich an Geld waren sie aber nie.
1470 kam es zu einem eigentlichen politischen Eklat in Bern. Adrian von Bubenberg, eben getrennt von seiner ersten Frau, ehelicht Jeanne de la Sarraz, eine savoyische Adelige, die den burgundischen Hofstils liebte. Im gleichen Jahr misslang die traditionelle Wahl des Schultheissen, erstmals wurde kein Landadeliger, dafür ein Metzger Schultheiss. Der regte sich enorm auf über das Verhalten der von Bubenbergs auf und stellte Adrians Frau wegen unsittlichem Verhalten vor Gericht. Die ehrwürdige Familie von Bubenberg wurde verurteilt, und sie zog sich aus Bern zurück, auf ihr Landgut in Spiez. In Bern übernahmen die Grosshändler der Diesbachs das Regime. Doch starb Niklaus von Diesbach in dem von ihm mitangezettelten Burgunderkrieg frühzeitig. Für Bern bedeutete das eine ausgesprochen missliche Lage. Der Kleinrat, Berns Regierung, pilgerte nach Spiez, und man bat den vertriebenen Adrian von Bubenberg zurück nach Bern zu kommen.
Dort fackelte der neue Schulheiss nicht lange und besetzte das savoyische Murten, im Wissen darum, Karl von Burgund, seinen Jugendfreund, zu provozieren. Der Schutz seiner Ländereien in Savoyen war mit ein Grund für sein Handeln. Den Rest kennen wir.
Die von Bubenbergs waren nach der Schlacht von Murten auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Diese zerfiel mit dem baldigen Tod Adrians jedoch schnell. Denn die Familie, ganz auf die Untertanen in den Ländereien angewiesen, gerieten in finanzielle Schwierigkeit, als der aufstrebende Geldadel den Untertanen anbot, sich freizukaufen. Eine Generation nach Adrian von Bubenberg verlieren sich die Spuren der berühmten Berner Familie in der Manneslinie. Selbst wo Adrian von Bubenberg begraben liegt, weiss heute niemand mehr.

In den Burgunderkriegen machten die Eidgenossen reiche Beute, vor allem in Grandson fiel ihnen der eigentliche Burgunderschatz zu. Zudem eroberten sie Teile der burgundischen Artillerie. Last but not least fielen ihnen die Marketenderin in die Hände, die Waschfrauen der burgundischen Söldner, gleichzeitig auch ihre Prostituierten.
Nach der Schlacht war die Eidgenossenschaft aufgewühlt. An der Fasnacht 1477 kam es in Zug zum sogenannten Saubannerzug. Die Innerschweizer Jugend brach zu einem ungeordneten Kriegszug nach Genf auf, wo man eine ausgebliebene Kriegskontribution eintreiben wollte. Dabei bedrohte man auch eidgenössischen Städte. Bern, Freiburg, Solothurn, Luzern und Zürich bildeten ein Sonderbündnis – gegen die Innerschweizer. Es brauchte Vermittlung, von Niklaus von der Flüh, einem Innerschweizer Eremiten, und einen neuen inneren Friedensschluss. 1481 unterzeichnete man das Stanser Verkommnis zwischen den Eidgenossen. Angriffe durch Eidgenossen auf Eidgenossen waren hinfort verboten. Das städtische Element wurde durch die Aufnahme von Solothurn und Freiburg in den Bund gegenüber dem ländlichen verstärkt.
Eingeführt wurde eine neue Beuteverteilregel. Eroberungen in Form von Geld sollten anteilsmässig unter den Soldaten verteilt werden. Eroberungen in Form von Land sollte gleichmässig unter den Fähnlein, die Orte oder Kantone, verteilt werden. Damit stellte man die grossen, bevölkerungsreichen, und die kleinen, bevölkerungsarmen Orte zufrieden. In gewissem Sinne erinnert das an das heutige Ständemehr bei Volksabstimmungen, wo ein Ausgleich zwischen Gross und Klein gesucht wird.
1499 gewannen die Eidgenossen den Schwabenkrieg gegen die Habsburger. Mit dem Friedenschluss wurde ihre Autonomie im Reich gestärkt. Die Reichsreform von 1500 und 1512 mussten sie nicht mitmachen.
Schliesslich stärkten die Burgunderkriege das Selbstbewusstsein der Eidgenossen mächtig. Sie wurden zu gefragten Söldnern, beim französischen König, beim Papst, beim Kaiser. 1494, wurden sie auf verschiedenen Seiten in den Krieg um Italien verwickelt. 1513 waren sie auf der Höhe ihrer Macht. Mailand fiel in ihre Hände. Sie erhielten ein Protektorat über das Herzogtum. Bern griff auch das burgundische Dijon an und erhielt ein Protektorat über die Freigrafschaft. Nie war die Eidgenossenschaft so mächtig wie damals.
Allerdings gab es kaum eine politische Führung. Die militärischen und wirtschaftlichen Interessen der einzelnen Orte bestimmten ihre Politik. So liessen sie sich auch leicht auseinander dividieren. Politisch obsiegten die Habsburger und Franzosen. Bern, Freiburg und Solothurn liessen sich vor allem von Frankreich beeinflussen, und zogen sich gegen Geldzahlungen aus den besetzten Gebieten zurück. Die verbliebenen Eidgenossen in Italien erlitten grosse Niederlagen, die das Ende der Grossmachtpolitik bedeuteten.

Die Herzöge von Burgund wiederum versuchten mit ihrer Expansionspolitik das fränkische Mittelreich, das unter den Nachfolgern von Kaiser Karl dem Grossen entstanden war, wieder herzustellen. Der Plan schritt unter den Valois-Herzögen schnell vor; man nennt die Zeit von 1360 bis 1477 das burgundische Jahrhundert. Denn die Burgunderherzöge waren zu ihren Lebzeiten die reichsten Fürsten, bestrebt, einen eigenen Königstitel zu führen, um auch auf den Kaisertitel aspirieren zu können.
Der Plan gelang beinahe. Mitten in den Burgunderkriegen heirateten der habsburgische Erzherzog Maximilian und die burgundische Prinzessin Maria. Durch den Tod von Herzog Karl und das frühe Ableben von Maria, kam es nicht zur Kaiserkrönung der Burgunder, sondern zum habsburgischen Erbe fast des ganzen Burgunderreiches. Nur das anfängliche Herzogtum ging an Frankreich zurück. Das bedeutete denn auch den Anfang des Gegensatzes zwischen Nachbarn, nämlich zwischen dem Kaiser und dem französischen König. Die Habsburger verbanden sich dabei mit Spanien und stiegen über der Entdeckung Amerikas zu einem Weltreich auf, während die französischen Könige sich mit den Osmanen verbanden und so das Kaiserreich regelmässig von West und Ost bedrohten. Die Konstellation sollte, in Variationen, dauern und erst am Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Vereinigung von Deutschland, Frankreich und den Beneluxstaaten überwunden werden.

Claude Longchamp

ein neuer clip auf youtube wirbt für die schweizerische form der direkten demokratie in der ganzen welt. mit dabei ist der stadtwanderer.

“You can’t learn to swinn when you never touch the water”, sagt europa- und nationalrat andreas gross im neuesten clip zur direkten demokratie der schweiz. das ist durchaus als aufforderung verstanden, überall auf der welt mehr volksabstimmungen zu wagen.

clip
video hier starten

der 5minütige film, konzipiert von der swiss democracy foundation und realisiert von swissinfo, richtet sich an gruppen im ausland, die an der funktionsweise der direktdemokratie interessiert sind. für sie gibt es jeweils rund um eidgenössische volksabstimmungen mehrtägige führungen durch die schweiz, mit erläuterungen zur praxis der volksrechte, aber auch mit viel anschauungsmaterial.

das erlebnis schweiz mit ihren bergen, ihren kulturen, aber auch ihren menschen darf dabei nicht fehlen. ein wenig pr auch nicht: so sind die schweizer reich, gesund und glücklich, heisst es im spot. präsentiert wird dabei auch der unermüdliche tourenleiter bruno kaufmann, schweizschwedischer politikwissenschafter aus dem luzernischen hinterland, heute in falun lebend, der auf dem halben globus für das politische system der schweiz wirbt. dabei geht es weniger um föderalismus, das die schweiz mit zahlreich anderen ländern teilt. vielmehr dreht sich alles um die speziellste eigenheit, die volksabstimmungen.

seit einigen jahren bin ich als stadtwanderer teil dieser führungen. meine tour geht einmal durch die berner altstadt – und einmal durch die geschichte der demokratisierung der schweiz. denn im ancien regime verstanden sich die eidgenossen als republik, mit männlichen oligarchien in patrizischen und zünftischen regierungen, aber auch in den traditionellen landsgemeindekantonen. mit dem etablierung des bundesstaates 1848 wurde die schweizerische eidgenossenschaft eine repräsentative demokratie. volksabstimmungen mussten sich erst noch ihren platz schaffen – zuerst in den kantonen, dann auf bundesebene. seit 1874 kennt die schweiz das gesetzesreferendums, seit 1891 volksinitiativen. mit ihnen setzte sich ein kerngedanke der französischen revolution durch, der regierung des volks durch das volk.

das alles änderte das repräsentative system fundamental, denn es funktioniert auf dauer nur, wenn es auf machtteilung ausgerichtet ist. denn ausgebaute direktdemokratie wirkt systemverändernd. das ist die grosse lehre aus wirtschaftskrisen in den 1880er und 1930er jahren. entsprechend entwickelte sich die zusammensetzung der regierung mit der etablierung von volksabstimmungen. aus dem rein freisinnigen bundesrat entstand 1891 eine liberal-konservative regierung, 1929 wurden bauernvertreter und 1943 die politiker der arbeiterschaft integriert. 1937 schlossen arbeitnehmer und arbeitgeber frieden und begründeten so die sozialpartnerschaft auch das eine indirekte folge der volksabstimmung über die linken krisenbewältigungsinititiven.. etwas länger dauerte es mit der beteiligung der frauen. erst seit 1971 haben sie von den männern das stimm- und wahlrecht erhalten, seit 1984 sind sie im bundesrat vertreten. 2009 hatten sie (vorübergehend) die mehrheit inne.

andi gross meint im video: wir schweizerInnen haben nicht eine religion, nicht eine sprache, nicht eine lebensart. aber wir kennen eine moderne form der integration – die direkte demokratie, basierend auf der idee der freiheit, ausgedrückt in grossen entscheidungsmöglichkeiten, die sich das volk selber erkämpft hat.

stadtwanderer

gerade rechtzeitig zur volksabstimmung “gegen masseneinwanderung”, welche die schweiz exemplarisch teilte, ist ein neues buch zu den politischen gräben des landes erschienen. meine bilanz; materialreich, weil ausführlich gebuddelt, leider mit etwas veraltetem grabungsplan.

_UG_Seitz_diggraben_UG_Demoraktiewer ein „kompaktwissen“ zur geschichte der politischen gräben in der schweiz in buchform anbietet, der hat meine aufmerksamkeit auf sicher. wenn der autor historiker und statistiker ist, garantiert das zudem zeitlich eingebettete erkenntnisse und präzise auskünfte. werner seitz, sektionleiter beim bundesamt für statistik in sachen wahlen und abstimmungen, erfüllt genau diese kritierien, und er ist auch der autor des buches, das ich hier kurz vorstellen möchte.

gesellschaften, schreibt er gleich zu beginn, bestünden nicht aus “dem volk”, sondern aus gräben, die bisweilen teilen, bisweilen überbrückt werden. in der schweiz identifiziert er drei übergeordnete teilungen:

. den konfessionellen,
. den sprachlichen und
. den stadt/land-graben.

letzterer sei der älteste, quasi mit der entstehung der eidgenossenschaft im 14. jahrhundert aus länder- und städteorten entstanden. der konfessionelle konflikt geht auf die reformation im 16. jahrhundert zurück, und er hat zu vier bürgerkriegen geführt. der sprachenkonflikt wiederum entstand mit der helvetischen republik an der schwelle vom 18. zum 19. jahrhundert, als aus dem weitgehend deutschsprachigen alte regime, die schweiz der gleichbereichtigten sprachen mit unterschiedlichem gewicht in der politik entstand.

entwickelt habe sich die politische bedeutung der gräben ganz unterschiedlich, bilanziert der autor:

erstens, aus dem stadt/land-konflikt sei der grosse bauernkrieg im 17. jahrhundert mit unterdrückten und unterdrückern entstanden; mit dem werdenden freihandel in agrarfragen in den 1830er jahren habe er erneut einen höhepunkt erlebt. aktuell zeigt er sich beispielhaft in fragen der verkehrs-, aber auch in der europapolitik.
zweitens, das werden des bundesstaates sei in den 1840er jahren durch die konfessionalisierung der politischen spaltungen geprägt worden, und dies habe bis in die 1960er jahre nachgewirkt. betroffen waren davon die familien-, die schul- und die religionspolitik, denn die katholische und die reformierte schweiz habe sich weitgehend in sondergesellschaften entwickelt. erst in der gegenwart ist diese teilung verschwunden.
drittens, nochmals anders ist der verlauf der sprachenteilung. letztlich mit der verfassungsrevision von 1871/4 ausgebrochen, seien fragen der zentralisierung ihr hauptthema gewesen, dem in der französischsprachige scwheiz der föderalismus oder in der italienischsprachige der regionalismus gegenüber gestanden sei. auf dem höhepunkt habe sich der sprachengraben nach dem ersten weltkrieg befunden, und auch die ewr-debatte 1992 habe die schweiz nochmals entlang dem rösti-graben geteilt.

das büchlein von werner seitz bietet eine schematisierte lektüre der schweizer geschichtean, die im kern auf den wahlen und volksabstimmungen und ihren regionalen ergebnissen seit 1848 basiert, wie sie der politologie wolf linder mit seinen mitarbeiterInnen bereits vor einigens jahren in buchform präsentiert hat. denn anhand dieser vermisst der statistiker neuartig die tiefe und dauer der gräben, und er bestimmt die phase des auf- und abstiegs von gesellschaftlichen teilungen.

nebst solchen stärken hat der band aber auch schwächen. das zeigt sich vor allem am (zu knappen) umgang mit dem stadt/land-gegensatz. mag man damit noch einverstanden gewesen sein, dass der autor die soziale spaltung der schweiz mit der begründung des mangels an aussagekräftigen daten aus den regionen wegliess, gibt es beim stadt/land-gegensatz kein pardon.

denn dieser wird in den sozialwissenschaften (und im bundesamt für statistik!) seit jahren nicht mehr so schematisiert gesehen, wie ihn seitz darstellt. einerseits sind die städte via pendlerströme und massenmdien in der ganzen nachkriegszeit weit ins land hinaus gewachsen, und sie haben ihre werte in die agglomerationen verbreitet. anderseits trennt die globale vernetzung seit den 90er jahren des 20. jahrhunderts immer mehr metropolitane zentren von peripheren agglomerationen, sei es in wirtschaftlicher oder kultureller hinsicht. wo die verschiedenartigen agglos letztlich stehen, weiss man heute allerdings nicht, doch ist genau das entscheidend. denn geht zum beispiel um gleichstellung der geschlechter, obsiegt regelmässig die urbane schweiz, derweil sich die rurale immer häufiger durchsetzt, stimmen wir über die kulturelle öffnung des landes ab. doch agglomerationen scheint der autor nicht zu kennen.

zudem, stein rokkan, auf dessen modernisierungstheorie sich seitz explizt beruft, hat seine thesen in den 60er jahren des 20. jahrhundert formuliert. mit seinem cleavage-konzept hat er bahnbrechende arbeiten geleistet. seine folgerung, mit der regelung der industriellen konfliktes zwischen arbeiter und kapital in den westlichen gesellschaften habe die entwicklung ihr ende genommen, hat sich allerdings als fataler fehler in der geschichte der konfliktlinien europäischer gesellschaften erwiesen. entsprechend arbeitet die politische soziologie heute nicht mehr damit, sondern versucht mit theoretischen weiterentwicklungen zur nachindustriellen gesellschaft innovationen im denken auszulösen. folgt man etwa dem st. galler politologen daniele caramani, beruhen die aktuelle spaltung auf dem nachmaterialismus in urbanen gegenden und oberen schichten einerseits, dem antiglobalismus ihrer widersacher in ruralen landesteilen und unteren schichten anderseits. simon bornschier und silja häusermann entwickeln seit einigen jahren an der uni zürich ganz neue konfliktanalysen, um zu verstehen, was in nachindustriellen gesellschaften vor sich geht, doch seitz umgeht sie grossräumig.

im vorwort schreibt werner seitz, seine idee, eine geschichte der gräben in der schweiz zu verfassen, sei vom rüegger-verlag sofort positiv aufgenommen worden. voller tatendrang sei er deshalb auf die insel groix in der bretagne gereist, doch sei er nicht mit einem druckfertigen manuskript nach hause gekommen. genau das denkt man sich auch nach der lektüre des buches. geliefert wird eine genese der konfliktlinien in der schweiz, verbunden mit einer materialreichen analyse von direktdemokratischen entscheidungen. die beiden kapitel über die kulturelle teilung des landes in konfessionen und sprachen in vergangenheit und gegenwart sind geglückt, derweil die strukturelle teilung in funktionale räume und soziale schichten bruchstückhaft bleiben.

entsprechend bleibt der anspruch, mit dem buch eine umfassende untersuchung zu den politsichen gräben in der schweiz in der hand zu halten, nur teilweise eingelöst.

stadtwanderer