Am 16.6. bin mit ich mit der #SPAG, der Schweizerischen Public Affairs Gesellschaft, in Bern unterwegs. Thema wird das Lobbying in Bundesbern sein. Die Tour ist ganz neu, ein eigentlicher Primeur erwartet die Teilnehmenden. Es kann sein, dass sie sich als Gäste und als Akteure wiederfinden werden …
Am 30.6. folgt dann gemeinsam mit dem Sekretariat der #KdK, der Konferenz der Kantone/ch Stiftung ein Rundgang durch Murten. Auch diese Tour ist ziemlich neu. Ich habe sie ja jüngst hier auf Facebook vorgestellt.
Die Corona-Verhaltensregeln, die dann gelten werden, werden eingehalten.
Weitere Wanderungen im Juli und August sind in fester Planung. Ich werde sie ankündigen. InteressentInnen können sich direkt bei mir melden. Bevorzugt werden Gruppen zwischen 8 und 20 Personen, die sich eine rund 1,5stündige Thementour wünschen.
Nie mehr kopflos durch eine Stadt gehen!

Wie soll man eine Führung durch Murten beenden? Ich denke, der Sprung der traditionsreichen Stadt in die Moderne ist angezeigt. An Ereignissen und Stationen bieten sich an:

 der Eisenbahnbau und der Bahnhof
 der Tourismus und der Hafen
 die Juragewässerkorrektion und Seesenkung.

Ich habe mich für letzteres entschieden. Und so stehen wir, mit wunderbarem Ausblick, vor dem Wasserstandsmelder.

Ohne die Juragewässerkorrektion wäre das Seeland immer noch das, was der Name sagt: ein Seengebiet bei steigendem Wasser, ein Sumpfgebiet bei sinkendem. Denn ohne tiefgreifende Eingriffen in die Natur waren trat die Aare immer wieder über das Flussbett hinaus in die Weite. Überschwemmungen waren die Regel. Hauptgrund war, dass die Aare zwischen Thun und Büren fast kein Gefälle hat. Deshalb wurde sie an vielen Orten schnell vom Fluss zum See. Betroffen waren auch verschiedene Zuflüsse: die Emme ab Burgdorf, die Schüss ab Biel/Bienne und die Broye bis fast ins Quellengebiet hinauf. Letzteres hatte zur Folge, dass auch der Murtensee wiederkehrend anschwoll.
Für die Betroffenen stellten die Überschwemmungen eine dauerhafte Gefahr dar. Eine Naturgewalt zeigte sich beispiellos. Und Seuchen breiteten sich aus. Es ist absolut verständlich, dass man das zu verhindern suchte.
Lange reichte die Technik nicht aus, um die Katastrophen zu bewältigen. Den nötigen Fortschritt brachte erst das 19. Jahrhundert. Doch es brauchte mehr: Es war auch ein Verbund nötig, um die Herausforderungen politisch zu meistern.

Die Geschichte des Juragewässerkorrektion ist eine Geschichte des frühen Schweizer Bundesstaates. Die Kantone, die vormals wie Kleinstaaten auftraten, waren nicht in der Lage, ein solches Grossprojekt zu stemmen. Planung, Finanzen und Durchführung waren eine exemplarisch nationale Aufgabe.
Die Initiative kam aus Nidau, genauer gesagt vom Arzt Rudolf Schneider. Dieser gründete 1833 in Murten eine private Aktiengesellschaft, die das Projekt vorantreiben sollte. 1840 kam der Bündner Ingenieur Richard La Nicca hinzu, Er hatte schon mehrere Grossprojekte in der Ostschweiz geleitet. Bereits nach zwei Jahren stand sein Plan: Die drei Seen – Murten-, Neuenburger- und Bielersee – sollten zusammen ein Ausgleichsbecken bilden, das Überschwemmungen vermeiden konnte. Dazu musste man deren Seespiegel im Schnitt jedoch um 2,5 Meter senken.
Ein Bauwerk von bisher unbekannter Grösse wurde nötig!
Es brauchte vier Kanäle, um die mäandernde Aare zwischen Aarberg und Büren still zulegen. Durch den Hageneck-Kanal sollte sie neu in den Bielersee fliessen und mit dem Nidau-Büren-Kanal wieder in das alte Flussbett zurückgeführt werden. Korrigiert werden sollte auch die Zihl mit einem Kanal zwischen dem Neuenburger- und Bielersee, ebenso die Broye zwischen dem Murten- und Bielersee.

1868, 20 Jahre nach der Gründung des Bundesstaates, legte man los. Nach 23 Jahren war die erste Phase vorbei. Die zweite begann 1935 und ging weitere 38 Jahre. Dabei erreichte man den heutigen Stand. 2018 leitete man eine dritte Phase ein, die nochmals 30 Jahre dauern und das Grosse Moos betreffen soll.
Der Murtensee wurde zwischen 1876 und 1880 gesenkt. Der Seespiegel verringerte sich von 433 auf 430 Metern. So entstand ein trockengelegter Streifen von 40 bis 60 Meter Breite, der den See von Murten wegrückte. Nötig wurde dadurch ein neuer Hafen, den man nach einigem hin und her 1895 eröffnen konnte.

2015 ergab eine Umfrage von economiesuisse, dem Dachverband der Schweizer Unternehmen, bei 13000 Menschen in der ganzen Schweiz, Murten sei die Stadt mit der höchsten zugeschriebenen Lebensqualität. Die Ordentlichkeit der Kleinstadt trägt dazu bei, aber auch die Schönheit der Landschaft war ausschlaggebend. Ohne Melioration des Sumpfgebietes wäre es nie so weit gekommen.
Wie wichtig die Bändigung des Seelandes ist, wissen wir aus Erfahrung. In guten Zeiten ist das Seeland unser nationaler Gemüsegarten. In schlechten können sich die Überschwemmungen der Aare bis tief in den Aargau hinunter auswirken. Das haben uns die grossen Unwetter im 21. Jahrhundert mehrfach gezeigt.
Heute nutzt man das neu entstandene Hafengebiet vor allem touristisch. Ein Teil der Expo.02 fand hier statt.

Nun ist die Pantschau, wie man das Flachgebiet zwischen dem Murtner Ryf und dem See nennt, nicht nur ein Ort von nationaler Bedeutung. Auch in meiner Biografie spielt sie eine Rolle.
Ich habe da 1977 meine ersten Drillübungen in der Rekrutenschule erlebt. Ich habe versprochen, auf meiner Führung ausser der Story rund um meine Fliege darüber nichts Genaues zu erzählen. Eine Ausnahme mache ich noch.
In den ersten RS-Tagen lernten wir auf der Pantschau das militärische Antreten:
«In Formation Sammlung!»
Das bedeutet, man solle in Reih und Glied antreten.
Der gesellschaftlich interessierte Rekrut, der ich damals schon war, verstand allerdings:
«Information Sammlung!».
Ich nahm das als Befehl, die Gäste am See zu befragen, was sie von der Armee hielten. Es war quasi meine erste Umfrage!
Mir gefiel das, meinen Vorgesetzten deutlich weniger.
Damals litt ich; heute lache ich!
Fertig.

1848 brach in halb Europa eine Revolution aus. Meist wurde sie vom Bürgertum getragen, teilweise auch von der Arbeiterschaft. Der Schweizer Bundesstaat entstand in diesem Umfeld. Er ist das einzige Projekt aus dieser Zeit, der Bestand hatte.
Der Bundesstaat brachte den Freisinn hervor, ein Zusammenschluss aus Liberalen und Radikalen. Sie übernahmen nach einem Bürgerkrieg die Macht im ganzen Land. Im Oktober 1848 bestätigten die ersten landesweiten Parlamentswahlen die neuen Verhältnisse.


Quelle: Wikipedia

Murten war Trendsetterin. Wie in allen anderen Städte hatten die Bürger 1798 unter Frankreich die wichtigsten Freiheiten gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Natur erhalten. Besonders wirkte hier aber die Kantonszuteilung. Denn 1803 kam das reformiert-liberale Murten ausschließlich zum katholisch-konservativen Kanton Freiburg. Da führten zumindest im Schulwesen erzkonservative Jesuiten das Szepter, protegiert von der patrizisch ausgerichtete Kantonsregierung.
1830 brach im Kanton Tessin, den seinerzeit Napoleon geschafften hatte, die bürgerliche Revolution aus. Rasch vermehrte sie sich auch nördlich der Alpen. Auch in Freiburg wurde die alte Regierung gestürzt.
Murten jubilierte!
Es sollte der Startschuss für den Aufstand der Stadt gegen die Kanton werden.

Das neue Selbstbewusstsein des Städtchens drückte sich am besten im frisch gebauten Schulhaus aus. Geplant wurde es im Auftrag der Stadt von Johann Jakob Weibel, der in München Architektur studiert hatte und die dortigen Bauten gut kannte. Von da übernahm der den biedermeierhaft wirkenden Stil – typisch für erwachende Bürgertum im ländlichen Umfeld.
Auffällig war auch der Ort. Waren die Schulen Murtens bisher bei den Kirchen und an der Schulgasse, verliess man nun die Altstadt. Das Schulhaus kam vor die Tore zu liegen, ein Zeichen der Offenheit und des weiten Blick auf das Land werden. 1839 war der Bau fertig, ab 1840 wurde hier unterrichtet.
Die Schule sollte eine neue Generation Murtner hervorbringen. Und sie setzte dafür auf neue Lehrer. Einer von ihnen war Johann Kaspar Sieber, ein richtiger Radikaler aus dem Kanton Zürich. Politisch warb er für einen Zentralstaat, ganz so, wie es seinerzeit die Franzosen wollten. Selbst die Bezeichnung als «Jakobiner» schreckte ihn nicht.
Lehrer Sieber unterrichtete mit Begeisterung Mädchenklassen. Es waren politische Lektionen. Doch übersah er in seinen engagierten Schulstunden, dass der Wind gekehrt hatte. Die Konservativen erstarkten in den 1840er Jahren zusehends.

Am 9. Juni 1846 ging der Grosse Rat in Freiburg in die Offensive. Er schloss den Kantons dem katholisch-konservativen Sonderbund an. Dieser hatte sich in aller Heimlichkeit in der Innerschweiz gebildet, um den unveränderbaren Bundesvertrag von 1815 zu verteidigen. Dafür hatten man die Unterstützung von Fürst Metternich in Wien erhalten.
Irrtümlicherweise publizierte Freiburg die Entscheidung. Was öffentlich bisher niemand kannte, wurde rasch Allgemeingut. Der schwelende Konflikt zwischen Modernisten und Traditionalisten eskalierte. 1847 kam es zum Sonderbundskrieg, in dem die Liberalen und Radikalen siegreich waren. Ihr Hauptmerkmal: Sie waren antiklerikale Freigeister!
In Murten löste schon der Beitritt zum Sonderbund einen Aufstand aus. Reformierte Bürger und Bauern versammelten sich in der Deutschen Kirche. Da beschloss man eine Resolution, die ans Eingemachte ging: Murten solle sich vom verhassten Kanton trennen!

Nun bliess auch die Murtner Lehrerschaft zum Angriff auf Freiburg. Allerdings waren die Revoluzzer schlecht gerüstet. Bereits im nahen Courtepin endete der Marsch. Hätte man die Hauptstadt erreicht, wäre es wohl zum grossen Gemenge gekommen. Denn aus Bulle und Estavayer hatten die Katholisch-Konservativen Verstärkung erhalten.
Murten wurde als Rädelsfrüher gegen die Obrigkeit verurteilt. Das brach den örtlichen Radikalismus. Als Lehrer Sieber zurückkehrte, war er seine Stelle bereits los.
Neu wandte sich der Ex-Lehrer der Publizistik zu. Er wurde Journalist und leitete die religionskritische Zeitung «Der Wächter». Mit Worten ging er nun auf die Kleriker und ihre Macht los.
1848, nur wenige Tage nach der Gründung des neuen Bundesstaates, wurde Sieber über die Kantonsgrenze spediert.
Just als in Europa die Revolution ausgebrochen war, beendete sie Murten förmlich.

Sieber machten seinen Weg trotzdem: In Uster wirkte er zuerst als Sekundarlehrer. Da machte er sich für den Uebergang von der repräsentativen zur direkten Demokratie stark.
1869 wählte ihn der Zürcher Souverän als Vertreter der Demokraten in den Regierungsrat. Da war er jahrelang Erziehungsdirektor des Kantons Zürich. 1878 verstarb er im Amt.
Die Gedenktafel in Uster ziert der Spruch: „Das Volk ist es wohl wert, dass man ihm die Wahrheit ganz und unverhüllt sage.“

Wer ist der bekannteste Sohn Murtens? Albert Bitzius, besser bekannt als Jeremias Gotthelf, wurde am 4. Oktober 1797 im reformierten Pfarrhaus in Murten geboren. Bei seinem Tod am 22. Oktober 1854 in Lützelflüh im Emmental kannten ihn alle als den bernischen Schriftsteller par excellence. Der Wegzug seiner Familie aus Murten ist symptomatisch für das Ende der Gnädigen Herren aus Bern in Murten.

Auf das Ancien Régime der 13 privilegierten Orte, welche bis 1798 die Eidgenossenschaft bildeten, folgte die Herrschaft der Franzosen. 1815 beendete der Wiener Kongress diese Epoche, und die darauffolgende Restauration stellte die alten Verhältnisse wieder weitgehend her. Erst die Regeneration von 1830 durch liberale Kräfte und die Gründung des Bundesstaates 1848 wiesen in die moderne Zukunft.
Die Gesellschaft verabschiedete sich in den 100 Jahren von 1750 bis 1850 von den vorherrschenden wirtschaftlich-religiösen Gemeinschaften. Dank der Aufklärung begann man, Religionskritik zu üben. Man lobte das Individuum. Der befreite (männliche)Bürger, wirtschaftlich erfolgreich und politisch mündig, wurde zum Leitbild.
Galt vormals, dass es für alle gut ist, wenn es dem Kollektiv gut geht, kam die Losung auf, dass es für alle gut ist, wenn es dem Einzelnen gut geht.


Quelle Historisches Lexikon der Schweiz

Wer unter den Gnädigen Herren in Freiburg und Bern in Murten etwas besondere sein wollte, war Burger gewesen. Das waren Einheimische, die vom Burgernutzen profitieren konnten. Sie konnten im Wald Holz beziehen, auf die Jagd gehen und im See fischen. Wenn sie heirateten oder ein Haus bauten, gab es einen Zustupf. Verarmten sie, gab es eine gemeinschaftliche Unterstützung. Schlechter gestellt waren die Frauen, die Knechte, Gesellen und, wo es sie noch gab, die Leibeigenen.
Nach dem Vorbild Berns und Freiburgs bildeten die Burger Murtens ab dem 17. Jahrhundert eine zunehmend geschlossene Gesellschaft. Sie kapselten sich ab, um den Burgernutzen nicht zu strapazieren. Wer zuwanderte, blieb Hintersasse. Das musste nicht mit Armut einhergehen, denn es gab durchaus Zuzüger, die durch ihre Tätigkeit reich geworden waren. Aber man war Einwohner zweiter Klasse. Vor allem hatte man keine politischen Rechte.
Auch unter den Burgern kam es zu einer Differenzierung: Denn zu Ämtern zugelassen wurden nur noch Burger mit besonderem, meist langem Stammbaum, Boden- und Hausbesitz.
Wer als Selbständiger ins Erwerbsleben trat, musste auch in Murten einer der handwerklich ausgerichteten Zünfte angehören. Auch hier wurde die Aufnahme erschwert, damit keine Berufsleute zugelassen wurden, welche die hiesigen konkurrenzieren konnten.
Über der Gemeinschaft der Privilegierten stand in Murten die reformierte Kirche. Sie kontrollierte minutiös das Sozialleben, die Fürsorge und die Schulen. Der oberste Kirchenvater war der Pfarrer.
Ende des 18. Jahrhunderts war dies Sigmund Bitzius. Er und seine dritte Ehefrau Elisabeth Bitzius-Kohler waren Alberts Eltern.

Wenige Wochen nach Alberts Geburt wurden die Murtner Behörden vor grosse Veränderungen gestellt. Französische Truppen, vom Geiste ihrer Revolution beseelt, griffen an. Sie wollten eine neue Republik nach dem revolutionären Vorbild schaffen: Die Prinzipien «liberté, fraternité et égalité» sollten nun auch in der Eidgenossenschaft gelten.
Am 12. April 1798 wurde die Helvetische Republik ausgerufen. Das war seit der Reformation das wichtigste Modernisierungsprojekt. Ein Staat nach französischem Vorbild sollte entstehen: zentralistisch, von oben nach unten geführt, aber mit Gewaltenteilung, wie es die Aufklärer gefordert hatten.
Erstmals gab es ein Parlament, eine Regierung und ein oberstes Gericht, die voneinander unabhängig tagten. Die alte Republik wusste nicht einmal, wie man Gewaltenteilung buchstabierte.
Auch in Murten war der Schultheiss, seit dem 13. Jahrhundert ein feste Institution, alles in einem gewesen.

Die Herrschaft der Franzosen spaltete die Gesellschaft. Die alten Familien mit traditionellen Vorrechten waren selbstredend gegen Frankreich. Unterstützt wurde die Revolution von allen, die zuvor diskriminiert waren. Das waren vor allem die Nicht-Burger. Nun profitierten sie, dass alle citoyens, nun Bürger geheissen, die gleichen Rechte bekamen, wenn auch nur unter den Haushaltsvorständen, sprich den Männern.
Aufgehoben waren nun die Unterschiede der Stände. Ausgerufen wurden Handels- und Gewerbefreiheiten. Abgeschafft waren nun die Zünfte. Einzig eine behördliche Bewilligung brauchte es noch, wenn man ein Geschäft eröffnen wurden.
Bald schon reihten sich unter den Lauben Murtens zahlreiche Wirtshäuser aneinander. Mit der Bürgergesellschaft kam auch der allgemeine Konsum auf.

Wer das 20. Altersjahr abgeschlossen hatte, bekam das Wahlrecht. Wer fünf Jahre am Ort gelebt hatte, konnte gewählt werden. Ausgeschlossen waren neben den Frauen nur die Pfarrherren, die eigentlichen Reaktionäre.
Für die Familie Bitzius, die vormals in Murten das Sagen hatte, war das eine riesige Schmach!
Auf der städtischen Ebene gab eine Munizipalität, von der Generalversammlung der Aktivbürger bestimmt. Sie trafen sich in der reformierten Kirche an der Deutschgasse, direkt neben dem Pfarrhaus. Neue Bürger und alte Burger waren gleich gestellt. Die Nicht-Burger stellten auf Anhieb vier der fünf Regierungsmitglieder.

Doch stand die Helvetische Republik unter keinem guten Stern. 1802 entglitt Napoleon die dossierte Erneuerung nach einer Verfassungsänderung. Ein Bürgerkrieg zwischen Modernisten und Traditionalisten brach aus. Murten geriet zwischen die Fronten. Der Munizipalrat empfahl, wie es in Murten üblich war, neutral zu bleiben.
Zuerst besetzten die Truppen der Altgesinnten Murten. Doch mussten sie nach einer Woche abziehen. Es kamen die Truppen der Neugesinnten. Sie machten dem Muniziplarat Vorwürfe, verlangten eine Entschädigung, die Murten nicht leisten konnte. Die Besatzer nahmen Geiseln aus der Murtner Bevölkerung..
Die militärische Entscheidung fiel am 3. Oktober 1802, als die Altgesinnten obsiegten.
Bonaparte erliess 1803 die Mediationsakte. Sie begründete die heutigen Kantone. 19 gab es damals davon, die 13 alten Orte und die sechs neuen Kantone. Alle waren sie gleichberechtigt. Das sollte sich bewähren.
Die Doppelherrschaft über Murten war zu Ende. Das Städtchen kam definitiv zu Freiburg.

Familie Bitzius gefiel das nicht mehr. Sie verliess Murten Richtung Emmental. Dort wuchs auch Klein-Albert in traditionellen Verhältnissen auf und es wurde Gross-Jeremias aus ihm. Als konservativer Kritiker des bürgerlich-liberalen Gesellschaft machte er sich im bäuerlichen Hinterland einen Namen, den man heute noch kennt.
Murten jedoch schritt voran. Die reformierte Minderheit im katholischen Kanton sollte das Provinzstädtchen gehörig aufmischen.

Sie hießen beispielsweise Magdalena, kamen häufig vom Land und waren meist Frauen. In Murten ging es Hexen nicht besser als anderswo. Der schrecklichste Teil meiner Führung.
Der italienische Schriftsteller Petrarca bezeichnete die Zeit nach den Römern bis ins 14. Jahrhundert, in dem er lebte, als «tenebrae» oder finster. Er nannte sie das Mittelalter, die undurchsichtige Zeit, die der Humanist überwinden müsse. Das Bild sass!
Das „Mittelalter“ als Begriff blieb, und sein Ruf ist heute noch zweifelhaft. Doch ist das, was in der Neuzeit geschah in Europa nicht minder finster. Denn zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert kamen bis zu 60000 Hexen ums Lebens. Vorgeworfen wurde ihnen in aller Regel ein Pakt mit dem Teufel oder ein heidnisches Vergehen gegen die Christenheit. Dafür brauchte es ursprünglich eine kirchliche Verurteilung. Später übernahm der Staat die Anklage, um gegen unangepasste Mitglieder der Gesellschaft vorgehen zu können.


Hexenprozess in der Westschweiz, 16. Jahrhundert (aus: Tagesanzeiger 2.11.2011)

Zentraler Punkt des Verfahrens war das Verhör, das in drei Phasen geschah: zuerst als gütliche Befragung, dann mit Vorzeigen von Folterinstrumenten wie Daumenschrauben oder Steckbank und schliesslich als peinliche Befragung mit angewandter Folter. Ziel war es, so ein Geständnis zu erpressen. Bisweilen wurden auch Proben eingesetzt. Bei der Wasserprobe beispielsweise musste man einen Stein aus einem Kessel mit kochendem Wasser holen. Wenn die Wunde nach Tagen nicht eiterte, war die Probe bestanden, – wenn doch, galt das als Gottesurteil. Lag das Geständnis vor, kam es zu Verurteilung und Hinrichtung. Der Feuertod bedeutete, dass man auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt wurde. Wurde man davor enthauptet oder erdrosselt, galt das als Gnade.
Zu den Eigenheiten der Hexenprozesse zählte, dass das Verhör und die Verurteilung unter Ausschluss der Oeffentlichkeit stattfand, die Hinrichtigung dagegen erfolgt mit Publikum. Denn sie sollte abschreckende Wirkung haben.
Heute ist alles umgekehrt: Die Verhandlungen vor dem Urteilsspruch sind mindestens teil-öffentlich. Der Vollzug hingegen ist nicht öffentlich. Todesstrafen wurden abgeschafft, wenn auch mit nicht unwesentlichen Ausnahmen. Das hat mit der Zivilisierung der Gesellschaften zu tun. Und mit der Demokratie, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegen dieses alte Strafrecht zu wenden begann.

Die Schweiz war in Sachen Hexenverbrennungen in Europa führend. Es sollen 6000 Menschen so den Tod gefunden haben. In der Eidgenossenschaft wiederum war Freiburg führend. Da wurden zwischen 1429 und 1731 rund 300 Hexen verurteilt und verbrannt. Die höchste Dichte findet man im Broyetal.
Auch in Murten kam es während rund 130 Jahren zu Hexenprozessen. Genaue Zahl sind nicht bekannt. Die Anklagen dreht um Formen des Bundes mit dem Satan.
Damit konnte einerseits der vermeintliche Beischlaf mit dem Teufel gemeint sein, andererseits fiel aber auch das unterstellte Verhexen von Kindern und Tieren darunter.
Die erste Hexe, die in Murten umkam, stammte aus Büchslen. Sie war die namentlich nicht bekannte Ehefrau von Bendicht Spack. Die letzte Hexe hiess Magdalena Fornalla und kam aus Sugiez. Zwar waren es zumeist Frauen aus den umliegenden Dörfern, die verdächtigt und verurteilt wurden, doch fanden sich unter den Leidtragenden bisweilen auch Männer und Städter.
Oberster Ankläger Murtens war der Schultheiss. Meist war es ein Auswärtiger, der die politische Macht in Freiburg oder Bern vertrat, und über Leben und Tod entscheiden konnte.
Die Verbrennungen selber sollen mitten in der Stadt stattgefunden haben.

Murten war wegen der politischen Herrschaft besonders exponiert. Denn Freiburg war beim alten Glauben geblieben, Bern zum neuen übergegangen. Die Reformation führte zu internen Kämpfen, die nur knapp entschieden wurden. Das Kirchenwesen in Murten wurde danach von Bern bestimmt. Doch blieb die Umgebung weitestgehend katholisch.
Die HistorikerInnen sehen heute auch einen zweiten Grund. Zentralistische Staaten hatten es einfacher, ihren politischen Willen auch gegen Abweichler durchzusetzen. Dezentral organisierte Staaten wie die katholischen Kantone Freiburg hatten da schon mehr Mühe.
Es war die Zeit der «Gnädigen Herren» aus Bern und Freiburg. Ihr Stil war paternalistisch: fürsorglich, solange man gehorchte, aber aufbrausend, falls man sich nicht anpasste.
Ich mache hier auch kurzen Prozess. So, wie es die Folterer damals taten.
Aber ich mache es nicht im Verborgenen. Denn diese finstere Zeit in Murten wird von HistorikerInnen immer mehr aufgearbeitet.

Es kommt nicht oft vor, dass die Schweiz globalgeschichtlicher Taktgeber war. Doch beim Calvinismus ist das so. Ihren Ursprung hatte die Reformation 1517 in Wittenberg. Martin Luther begründete da den neuen Glauben. Zürich folgte, Bern und Basel zogen nach. Derweil blieb die Reformation in der heutigen französischsprachigen Schweiz weitgehend aus. Erst 1530 änderte sich das. Während die Lehre Zwinglis stets im Schatten des Luthertums blieb, zog Guillaume Farel, Prediger in Murten, Calvin nach, der die Weltreligion begründete.
Man kann Murten durchaus als Scharnierstelle zwischen zwei grossen reformiatorischen Bewegeungen sehen, die je ihren sprachkulturellen Hintergrund hatten.

1526 beschloss Freiburg von oben herab, beim alten Glauben zu bleiben. Anders entschied sich Bern, wo man sich dem neuen Glauben anschloss. Was würde Murten tun, das seit 1484 unter der gemeinsamen Herrschaft der beiden Orte stand?
Freiburg bestand nach hergebrachtem Recht darauf, die Bevölkerung zu befragen. Bern willigte unter der Bedingung ein, einen Reformpredigers einzusetzen. Dieser sollte die neue Lehre auch in Murten bekannt machen.

Den Verkündern der neuen Botschaft fand man in der Person von Guillaume Farel, Gelehrter aus Paris, der bereits in Strasbourg, Metz und Lausanne gepredigt hatte. In Neuenburg hatte er 1530 erfolgreich die Reformation durchgesetzt.
Das sollte er nun auch in Murten erreichen!
Die entscheidende Volksversammlung sprach sich mit einer knappen Mehrheit für die neue Lehre aus. Bern hatte sich durchgesetzt, wenn auch mit etwas Glück: Denn von 1525 bis 1530 war Bern an der Reihe den Schultheissen zu stellen, der bei der Meinungsbildung kräftig nach half.

Reformator Farel blieb nicht in Murten. Er predigte ab 1532 in Genf und führte da 1536 gemeinsam mit Jean Calvin die neue Lehre ein. Gott sei allmächtig, der Mensch ein Nichts, predigte er. Nur ein absolut gottesfürchtiges Leben sollte belohnt werden.
Die moralische Strenge der Erneuerer teilten nicht alle. Bereits nach zwei Jahren wurden Calvin und Farel in Genf wieder ausgewiesen. Farel liess sich definitiv in Neuenburg nieder, Calvin kehrte nochmals zurück, um sein Lebenswerk doch noch zu vollbringen
Am Ende seines Lebens zerstritt sich Farel mit seinem Glaubensbruder. Wegen der beabsichtigten Heirat mit einem 18-jährigen Mädchen, was der sittenstrenge Calvin nicht billigte.

Mit der Reformation löste sich die Stadt Murten von ihrem katholischen Hintergrund. Das hatte auch mit der geteilten Herrschaft zu tun. Freiburg stand in der Folge Savoyens und es wurde für die zivile Verwaltung und das militärische Aufgebot zuständig. Bern wiederum pflegte die Kultur. Zuerst war das der reformierte Glauben, dann aber auch die deutsche Sprache.
In der Eidgenossenschaft pflegte Murten mit der mehrfachen Grenzlage die aufkommende Neutralität. An den Konfessionskriegen des 17. Jahrhunderts beteiligte man sich demonstrativ nicht.

Heute stellt sich die Frage, ob Murten ein Vorbild für die verfahrende Situation in Moutier sein könne. Könnte Murten gar Modell für Moutier werden, wie es der Genfer Politikwissenschafter Nenad Stojanović kürzlich vorgeschlagen hat?
Die vermittelnden Kultur hat zweifelsfrei was für sich. Mehr Respekt für anders Gesinnte würde auch Moutier gut anstehen.
Dennoch bleibe ich skeptisch. Die Herrschaftsteilung in Murten war die Folge einer gemeinsamen Eroberung. Zwar übernahm die Eidgenossenschaft das vormals savoyische Murten, doch zog sie sich schon wenige Jahre danach zurück. Sie überliess es den Eliten in Freiburg und Bern ziemlich autokratisch einen modus vivendi zu finden.
Das ist in Moutier undenkbar. Wenn schon müsste die Stadt ganz der Schweiz gehören, während die Kantone sich in die Verwaltung teilen würde.
Schliesslich lehrt uns Murten die unschöne Seite der Neutralität von oben kennen zu lernen. Sie besteht in der Kontrolle, ja Repression nach Innen.

Wir müssen dazu nochmals an den Platz, auf dem ich erklärt habe, warum Murten eine Zähringerstadt sei!

Es soll der 22. Juni 1476 zur Mittagsstunde gewesen sein. Und es soll fürchterlich geregnet haben.
Die versammelten Eidgenossen griffen Murten aus dem Wald oberhalb der Stadt her an. Direkt vor ihnen war der Grünhag. Dahinter befand sich der Hauptharst der burgundischen Kämpfer mit den Bogenschützen. Links war die Reiterei, und rechts stand die Artillerie.
Zur Ueberraschung der Burgunder überwanden die ersten beweglichen Eidgenossen den sog. Burggraben, ein Landschaftseinschnitt, der die Kanoniere schützen sollte. Plötzlich stand Feind nicht mehr nur vor ihnen, sondern auch hinter ihnen. Von da aus stiessen dies schnellsten Eidgenossen direkt bis zum belagerten Städtchen vor. Da spielte sich Gewohntes ab. Bern hielt Murten besetzt, die Burgunder und Savoyer belagerten es. Doch nun eilten eidgenössische Soldaten von hinter auf die Belagerer zu. Sie befanden sich im Zweifrontenkrieg.

Der überraschte Herzog Karl bliess zum Rückzug. Seinen Hauptharst trieben die Eidgenossen oberhalb Murtens vorbei Richtung Meyriez. Dort versenkten sie die Ueberlebenden Burgunder im See.
Die Schlacht war am Abend zu Ende. 25000 Eidgenossen und Verbündeten hatten 20000 Burgunder und Savoyer überwältigt. 10000 sollen an diesem Nachmittag den Tod gefunden haben.
Selbst das international ausgerichtete Handbuch «Schlachten, die unsere Welt veränderten», das mit der Gefecht von Marathon bei den alten Griechen beginnt und mit dem Desert Strom der Amerikaner im Irak endet, erwähnt die Murtenschlacht, – nicht zuletzt wegen des unerwarteten Ergebnisses – und seiner weitreichenden Folgen.

Im 15. Jahrhundert trat die mittelalterliche Welt aus ihren bisherigen Fesseln. Der Aufstieg des Herzogtum Burgunds gehörte dazu. Wir haben gesehen, dass das frühmittelalterliche Burgund im gesamten Rhonetal kein beständiges Königtum etablieren konnte. Im 10. und 11. Jahrhundert trennten sich die Wege. Der grössere Teil, darunter auch die Gebiete in der heutigen Schweiz, kamen zum Kaiserreich und zerfiel in Adelsherrschaften. Der kleinere Teil, Herzogtum Burgund genannt, schloss sich damals der französischen Krone und überlebte. Um diesen Teil von Burgund ging es nun.
Die Herzöge von Burgund aus der Valois-Dynastie emanzipierten sich im 15. Jahrhundert von ihrem König. Durch Erbschaft hatten sie grosse Gebietsgewinne in Flandern und Umgebung gemacht. Das Kernland um Beaune war jetzt die oberen Lande, während die neuen Gebiete die niederen Lande genannt wurden. Daraus entstand später die Niederlande.
Würde es gelingen, beide Teile Burgunds auch territorial zu vereinen, wäre ein wesentlicher Bestandteil des fränkischen Mittelreiches, in dem der Kaiser herrschte, wiederherzustellen. Zunächst fehlte Lothringen, dann das Schweizerische Mittelland, und schliesslich Italien.
Das wiederherzustellen war die tollkühne Idee von Herzog Karl. Bei uns heisst er Karl der Kühne, auf Französisch nennt man ihn «Charles le téméraire». Wörtliche übersetzt ist das eigentlich der Tollkühne.
Karl, vormals Graf von Charolais, wurde 1467 neuer Herzog von Burgund. Seine Pläne waren eine Kampfansage an den französischen König, einem Verwandten, dem er unterstand. Doch hatte er auch Kaiser Friedrich III., ein Habsburger, im Visier. Von ihm wollte er den Titel «rex romanorum», König der Römer, was dem Ticket entsprach, Kaiser werden zu können. Friedrich verlangte die Heirat seines Sohnes Maximilian mit Karls einziger Tochter Marie. Karl lehnte ab und führte Krieg gegen den Kaiser.
Auch die Eidgenossen, seit dem Ende des 14. Jahrhunderts in einem Bündnis aus Waldstätten, Zürich und Bern miteinander verbunden, bemerkten die Bedrohung. Sie einigten sich mit den Habsburgern. 1475 beschloss man die „Ewige Richtung“, der einem vorläufigen Friedensvertrag gleichkam. Das wiederum machte den Weg frei, den Burgundern die Stirn zu bieten.
Am 14. Oktober 1474 erklärten die versammelten Eidgenossen in Bern Burgund keck den Krieg. Es folgt ein Präventivschlag gegen das verbündete Savoyen. Unter anderem wurde auch Murten besetzt, wenn auch versehen mit dem Versprechen, die traditionellen Rechte unter den Savoyern bewahren zu können.
Herzog Karl griff von der anderen Seite des Juras an. Bern besetzte Grandson und weitere burgundische Städte im Savoyerland. Da belagerte der Herzog Grandson. Er gewährte den Bernern freies Geleit, würden sie sich zurückziehen. Das taten sie, nur hielt sich der Herzog nicht daran. Die vierhundert Besatzer wurden alle vor den Stadttoren an Bäumen aufgehängt.
Wenige Tage danach stürmten die Eidgenossen mit ihrem Gewalthaufen, einem Viereck aus Kriegern und Langspiessen, die wartenden Burgunder. Diese waren perplex, denn sie waren sich den edlen Kampf unter Rittern gewohnt, nicht aber, gegen grölende Bauernsöhne. Ohne nennenswerte Kriegshandlungen siegten die Eidgenossen und machten grosse Beute:Kanonen, Schmuck und Marketenderinnen nannten sie bald ihr Eigen.
In Morges rüstete Burgund mit Savoyen zum Gegenschlag. Ihr Weg nach Bern sollte sie durch das Savoyerstädtchen Murten führen. Die Burgunder belagerten es von Muntelier her. 14 Tage dauerte die Bedrohung. Die Versorgungslage wurde kritisch, die Mauern drohten angesichts der Katapultgeschosse einzustürzen.
Dann kam es zum Treffen oberhalb der Stadt, wie einleitend berichtet.

Der Schlachtensieg sollte die Tektonik Europas verändern. Die Niederlage in Murten läutete den Niedergang des Herzogtums Burgund ein. Nur ein halbes Jahre später starb Karl bei seinem Angriff auf Nancy. Dafür stieg Frankreich zur führenden Macht in unserem Westen auf. Im Osten waren es die Habsburger, welche die burgundischen Besitzung in den niederen Landen übernahmen. Im Frieden von Senlis 1493 regelt man die Verhältnissen nördlich der Alpen. Südlich ging der Wettlauf um die Macht in Italien erst richtig los.
Der Schlachtensieg katapultierte die Eidgenossen in die erste Reihe der gefragten Söldner. Das schnelle Geld lockte und bald verkaufte man die Jungs der Eidgenossen an den Vatikan, den Kaiser und die Franzosen. Wer dabei zu kurz kam, diente sich als Reisläufer an. 40 Jahre dauerte dies, bis die Reformation ihm ein vorläufiges Ende setzte.
Die politische Struktur der Eidgenossenschaft mit der Tagsatzung als einziger gemeinsamen Institution entsprach der Militärmacht, die man geworden war, nicht mehr. So kam es nach Murten zu keinen überragenden Gebietsgewinnen. Der französische König überliess den Eidgenossen die eroberten burgundischen Gebiete wie Grandson, Orbe und Echallens. Alles, was savoyisch war, mussten die Eidgenossen zurückgehen.
Behalten konnten die Eidgenossen nur Murten. Das ging zuerst an die Eidgenossenschaft, dann an Bern und Freiburg als gemeinsame Herrschaft. Alle fünf Jahre stellten sie abwechslungsweise den Schultheiss, der in ihrem Namen Murten regierte. Bis 1798 die Franzosen kam, und damit aufräumten.
Erinnert wird an die Schlacht mit dem jährlich durchgeführten Murtenlauf. 10000 rennen dabei wie es die Legende will nach Freiburg, um den Sieg gegen Burgund zu verkünden. Auch das folgt dem grossen Vorbild der Schlacht von Marathon, an die der Marathonlauf erinnert.

Der 4. April 1416 gilt als tiefer Einschnitt in der Geschichte Murtens. Die Stadt ging am Vorabend in Flammen auf. Grosse Teile brannten in einer Nacht nieder. Häuser mehrheitlich aus Holz, enge Gassen und ein kräftiger Wind trugen massgeblich zur Katastrophe bei.
Stadtbrände waren in mittelalterlichen Städten keine Seltenheit. Sie begannen aus entweder Unachtsamkeit oder wurden bewusst gelegt. Was davon in Murten der Fall war, ist bis heute nicht abschliessend bekannt.

Das Brandjahr wird zum Umbruchsjahr. Denn die Zeit der Savoyer im Murten kann man in drei Phasen teilen: Die ersten 84 Jahre, von 1291 bis 1377, waren ohne grossen Einfluss der Grafen; dann folgten, bis 1416 39 Jahre mit savoyischer Führung; und schliesslich kamen 59 Jahren mit zerfallendem Einfluss hinzu. 1475 war Schluss.
Als Murten 1377 das savoyische Stadtrecht bekam, war das ein Abstieg. Denn nun regierten Kastlane als savoyische Amtsträger in der Murtner Burg. Sie hatten weitreichende militärische, aber auch für wirtschaftliche, finanzielle und administrative Kompetenzen. Das alles diente Savoyen, einen straff geführten Staat aufzubauen.

Der Stadtbrand änderte zuerst das Stadtbild: Denn nun bekam Murten nach der Steinmauer, der Burg auch ein Rathaus. Es war der Vorläuferbau des jetzigen an der gleichen Stelle. Nun setzte man auch auf Stein als Baumaterial. Damit wurden die Fassaden der Holzhäuser gesichert. Die neue Bauweise erlaubte es, systematisch Arkaden zu bauen und so das Gewerbe zu fördern.
Zudem erliess der Stadtherr die Abgaben für 15 Jahre, neu konnte man auch eine Steuer auf exportierten Wein erheben.

Auffälligster Vertreter Savoyens in dieser Zeit war Amadeus VIII., genannt «der Friedfertige». 1391 wurde er Graf und 1416 Herzog von Savoyen. Nur zwei Jahre später war er auch Fürst von Piemont. Seine beachtenswerte Karriere als weltlicher Würdenträger legte er allerdings bereits 1434 ab, um sich gemeinsam mit sechs Rittern im Kloster Ripaille südlich des Genfersees der gelehrten Einsamkeit zu widmen.
1439 wählte ihn das Konzil von Basel zum Papst. Das überraschte, denn Amadeus war nicht nur ein kirchlicher Laie; er war auch Witwer und mehrfacher Familienvater. In sein Amt eingeführt wurden er als Felix V. in Basel. Ein wenig konnte sich Murten so rühmen, nun auch Papst zu sein!
Anerkennung fand Felix V. allerdings nur in den Bistümern Basel, Lausanne und Genf, also Teilen des ehemaligen Königreich Burgunds, sowie in den Kirchen von Aragon, Bayern und Ungarn. Nach nur zwei Jahren kehrte der unglückliche Felix nach Savoyen zurück und trat 1449 mit Privilegien ähnlich eines Kardinals vom Amt des Papstes ganz zurück. Sein «Papsttum» galt nun nur noch in seinem Herzogtum Savoyen!
Mit Felix V. begann allerdings eine unrühmliche Geschichte: erstmals kamen Hexentheoretiker zusammen, um sich zu beraten. Hintergrund war die Kirchenspaltung, das sog. abendländische Schisma, das 1378 mit rivalisierenden Päpsten begann und erst 1449 ganz bereinigt werden konnte.

Der Umbruch um Murten nach dem Stadtbrand spiegelte sich nicht nur im Stadtbild. Man merkte ihn auch in Kriegen: Zuerst weigerten sich 1442 die Guggisberger die savoyische Weinsteuer zu bezahlen. Sie belagerten Murten. Bern und Freiburg mussten ordnend eingreifen.
1448 ging es um einen richtige Regionalkrieg. Bern, traditionell mit Freiburg verbunden, wechselte an die Seite Savoyens. Gemeinsam griff man das Freiburg an – und gewann. Hintergrund war hier, dass die Eidgenossenschaft mit der Eroberung des Aargau zur führenden Macht im Mittelland aufgestiegen war. Das hatte Freiburg regelrecht von den habsburgischen Besitzungen abgeschnitten.
Geregelt wurde der Frieden in Murten. Alles, was Rang und Namen hatte, kam: Selbstredend die Savoyer und die Berner, aber auch der Bischof von Basel und der Herzog von Burgund schickten Garantien für den Frieden. Gastiert hatte man im Schwarzen Adler.
Doch der Friede war nicht von Dauer. Denn einer der Beteiligten sollte sich mit seinen tollkühnen Träumen nicht an die Abmachungen halten.
Mit Folgen für halb Europa!

Bild: Rathaus von Murten
Foto: Stadtwanderer

Gegen Mönch Guido de Pontellia aus dem Kloster Münchenwiler bei Murten fand ein kirchliches Verfahren statt. Er solle in Murten ein Bordell besucht haben, das er mit Geld vom Wucherer für entwendetes Kirchengut bezahlt habe. Wie das Verfahren ausging, wissen wir nicht. Sicher ist nur, dass es sehr unsichere Zeiten waren. Man schrieb das Jahr 1289 und notierte das erste „fait divers“ in Murten.


Das Kaiserreich am Ende der Staufer-Dynastie (ca. 1250)

Die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts wird in unseren Breitengraden von der französischsprachigen Literatur «anarchie féodale» oder Anarchie der Feudalherren bezeichnet. Das hat mit dem zerfallenden Kaiserreich zu tun. Murten war nach dem Aussterben der Zähringer eine Königsstadt und direkt betroffen.
Friedrich II. war der letzte grosse Kaiser. Er wuchs in Italien auf, wurde schon als Kind König von Sizilien, und er entwickelte eine unübliche Vorstellung vom Kaisertum. Denn er suchte die kulturelle Einheit des Mittelmeeres wiederherzustellen. Sein Kreuzzug war kein Kriegs-, vielmehr ein Friedensprojekt. Das weckte den Argwohn des Papstes. Dass Friedrich II. die heranrückenden Mongolen aus Asien lang gewähren liess, brachte das Fass zum überlaufen. Der Papst machte ihm den Prozess und liess ihn als Antichrist brandmarken: der Kaiser als Teufel! Damit zerfiel die Macht der Staufer Schritt für Schritt. Parallel dazu zerfiel das Kaiserreich in viele Einzelherrschaften.

Murten verdankt dieser Entwicklung sein ältestes Schriftstück. 1238 gewährte die Kanzlei des römischen Königs der Stadt eine Abgabenerleichterung. Dafür sollte man die Stadtmauer aus Stein bauen, um gewappnet zu sein.
Städten wie Murten, Bern oder Solothurn stand ein Schultheiss vor. Der hatte seinen Namen von «Schuld heischen» oder Steuereintreiber des Königs. Daneben hatte sich nur ein niederer Adel etabliert, häufig kirchlich geprägt.
Allerdings hatten sich im Osten und Westen zwei grosse Grafengeschlechter durchsetzen können: die Kyburger aus Winterthur und die Savoyer aus der Gegend des Genfersees.
Kaum war der letzte Staufer tot, brach eine Phase der Unruhe aus. Die Savoyer und Kyburger stritten sich um das Königsland. Das veränderte auch Murten äusserlich. Die Holzstadt der Zähringer, die in vielem einem germanischen Flecken glich, erhielt nun am westlichen Stadtrand ein Burgviertel aus Stein. Man wurde deutlicher noch als bisher zur mittelalterlichen Stadt.
Der mächtige Donjon steht heute noch. Zwar wurde er im 20. Jahrhundert renoviert, doch ist er bis heute unverändert eines der Wahrzeichen Murtens.

Protagonist der savoyischen Expansion war Pierre. Die Geschichte hat ihm den Beinamen «le petit Charlemagne», den kleinen Karl der Grosse, gegeben. Eigentlich war er ein Kirchmann mit überregionalem Einfluss. Doch quittierte er den Kirchendienst, um der grosse Förderer der Waadt zu werden. Ihm war es gelungen, das Vertrauen des englischen Königshauses zu gewinnen. Das sicherte Einnahmen, die er für den grosszügigen Städtebau von Yverdon bis Cudrefin brauchte. Der englische König wiederum erreichte so eine starke Stellung in den Alpen. Die hätte er gebraucht, wäre er, wie beabsichtigt, römischer König und Nachfolger der Staufer geworden.
Die Gegenspieler unseres famosen Pierre, der erst am Schluss Graf von Savoyen wurde, kamen zunächst aus dem Grafengeschlecht der Kyburger. Die beiden Adelsgeschlechter waren übers Kreuz verbunden. Das hatte seinen Grund in der Nachfolge der Zähringer. Denn die Savoyer beanspruchten das Königsgut der Zähringer, die Kyburger deren Eigengut. So kamen sie Savoyer bis Bern, und die Kyburger bis Freiburg. Um Ruhe zu bewahren, verheiratete Kaiser Friedrich die möglichen Kontrahenten.
Nach dem Aussterben der Kyburger in den 1260er Jahren traten die Habsburgern bei Brugg auf den Plan. Rasch stiegen sie in die Rolle der Kyburger auf, ohne mit den Savoyern verheiratet zu sein.
1265 brach der sog. Grafenkrieg zwischen ihnen um die Vorherrschaft im Mittelland aus. Er wütete vor allem im Voralpengebiet. Nach drei Jahren wurde er ohne Ergebnis eingestellt. Den Frieden schloss man in Löwenberg bei Murten.

1273 wurde Rudolf von Habsburg römischer König. Dank seinen beiden Söhnen legte Rudolf die Grundlage für die spätere Machtbasis seiner Familie. Sohn Albrecht wurde Herzog von Österreich und später ebenfalls König. Rudolf, der zweite Sohn, hätte neuer Herzog von Burgund werden sollen, welches man dies- und jenseits des Juras herstellen wollte. Dafür eroberte der König Bern und Besançon. Doch starb Sohn Rudolf frühzeitig. Zwei Jahre danach folgte ihm Vater Rudolf in den Tod.
Von der Herrschaft der Habsburger merkte man in Murten nicht viel, wie auch die einleitend zitierte Geschichte des Mönchs im Bordell nahelegt. Geblieben von der «anarchie féodale» ist das Durcheinander der Sprachen. Murten dürfte nämlich von Anbeginn an zweisprachig gewesen sein. Die Zähringer sprachen schwäbisch, haben ein mittelalterliches Deutsch mitgebracht. Die Savoyer wiederum redeten francoprovenzialisch, einem französischen Idiom. Später sollten die Berner und die Fribourger dieses Mischverhältnis fort. Seit Kurzem heisst der örtliche Bahnhof wieder «Murten/Morat».

Murten Stadtwanderung (Teil 2)

 Woran erkennt man eine Zähringerstadt?
 Klar doch, an den Lauben!
 Einspruch!


Quelle: Wikipedia

Arkaden, wie der Fachbegriff heisst, kennt man, seit es Städte aus Stein gibt. Im grossen Alpenraum findet man sie in Städten wie Innsbruck, Turin oder Bern. Sie bieten in erster Linie Schutz vor Unwetter. Das erlaubt es, Waren feil zu bieten, ohne Marktstände zu haben. Denn der Laden ging anfänglich nicht zur Seite auf, sondern nach unten. Unsere kleinen Geschäfte heute, Läden genannt, kamen so zu ihrem Namen.
Nur hat das nichts mit den Zähringern zu tun. Die bauten keine Städte aus Stein, was eine Voraussetzung für das Errichten von Arkaden war. Repräsentative Bauten wie Kirchen und Rathäuser aus Stein entstanden erst nach dem Aussterben der Zähringer

Ist Murten überhaupt eine Zähringerstadt?
Ich sage es so: Ja, auch wenn es keinen Beweis dafür gibt.
Nötig ist ein Indizienbeweis!
Mein Hauptgrund ist die Lage der Stadt. Mein zweites Argument ist der Grundriss.

Mittelalterliche Städte entstanden entweder als Bischofsstädte, oder Adelige resp. Händler gründeten sie. Bischofsstädte waren beispielsweise Chur, Konstanz und Basel im Rheintal sowie Sitten, Lausanne und Genf im Rhonetal. Für Handelsstädte wie Kiel, Venedig oder Genua fehlt bei uns der Meeresanschluss.
Also bleibt der Adel als Stadtgründer!

Alles beginnt 1122. Der Papst, die geistliche Macht im Reich, und der Kaiser, die weltliche, beendeten ihren epochalen Streit um die Einsetzung der Bischöfe. Im alten, fränkischen Teil des Kaiserreichs blieb das Recht beim Kaiser und im italienischen Teil beim Papst. Für das Rhonetal, Burgund genannt, brauchte es einen Kompromiss. Denn die Bischöfe waren da wie in Italien papsttreu, residierten aber häufig auf kaiserlichem Land. Der Kompromiss sah vor, dass die Einsetzung der Bischöfe durch den Papst im Beisein eines kaiserlichen Vertreters erfolgen sollte.
Die Rolle eines Gouverneurs sollten die Grafen von Zähringen bekommen. Dafür wurden sie zu Herzögen befördert, ohne eines der traditionellen Stammesherzogtümer zu bekommen. Vielmehr mussten sie sich ein eigenes Herzogtum durch Kolonisierung schaffen. Das musste im dünn besiedelten Gebiet zwischen zwischen Freiburg im Breisgau, ihrem Stammsitz, und Lausanne, der nördlichsten Stadt mit einer Wasserstrasse zum Mittelmeer entstehen.
Der Plan ging nicht auf. In Payerne verloren die Zähringer 1132 eine Schlacht gegen den burgundischen Adel. Die sahen in ihnen unnötige teutonische Kolonialisatoren.
Auch heiratete Kaiser Friedrich I. 1156 in zweiter Ehe Beatrix von Burgund und machte sich so zun Herrschers über das Rhonetal. Die Zähringer braucht es nicht mehr.
Sie begannen deshalb ihre erobertes Gebiet mit Städten zu sichern. Freiburg wurde 1157 Frontstadt. Den Weg dahin sicherten man mit einem System an neuen Städten, die alle etwa 30 Kilometer auseinander lagen. Das entsprach der damaligen Tagesstrecke mit dem Pferd. Hinterlassen haben die Zähringer so ein System von mittelalterlichen Städten im westlichen Mittelland. Bern und Burgdorf lassen sich so begründen!
Dazu gehörte aber auch Murte, exponiert im zähringischen Grenzgebiet zum verbliebenen Königreich Burgund. Ausser ihnen hätte das zu diesere Zeit niemand gekonnt. Denn sie waren die Pioniere im Städtebau. Die einzige Alternative wären die Grafen von Savoyen gewesen. Doch kamen sie erst 1255 in das Gebiet – als Murten urkundlich bezeugt bestand.
Wann genau Murten gebaut wurde, wissen wir nicht. Es muss in der zweiten Hälfte der 12. Jahrhunderts gewesen sein.

Mein zweites Argument betrifft den Grundriss der Stadt. Er ist einfach. Längsgasse, allenfalls Quergasse, Stadtring. Ursprünglich alles aus Holz.
Die Kolonien wurden da angebaut, wo man sie gut verteidigen konnte. Der Handel vor Ort war nicht entscheidend. Deshalb haben die Zähringerstädte in der Gründungszeit keinen festen Marktplatz.
Sehen Sie sich mit diesem Wissen Murtens gut erhaltener Grundriss nochmals an!
Sie verstehen mein zweites Argument sofort: dominante Hauptgasse. Stadtmauer. Kein Marktplatz. Genau Murten!

Dass es keine Urkunde gibt, die das bezeugen würden, hat mit den Umständen zu tun. Die Zähringer waren Macher. Sie eroberten und warteten nicht, bis man ihnen etwas schenkte. Sie nahmen, was sie brauchten. Und sie waren das Gesetz.
Ganz abgesehen davon, dass sie noch gar nicht schreiben konnten! Das galt unter ihresgleichen als minderwertig!

Vorbemerkung
Im September 2018 machte ich in Murten eine Führung für alt Bundesrat Kaspar Villiger. Organisiert hatte sie Daniel Eckmann und Annemarie Lehmann. Daraus ist eine amüsante und lehrreiche Geschichte des Städtchens geworden.
Hier die Premiere!

IRGENDWO IN MURTENS RATHAUSGASSE

An diesem Tag geschah ungeheuerliches in der Stadt Murten. Aufgeregte Menschen trieben durch die Gassen. Kanonendonner ertönte. Dann war es still.
Der Elefant war tot.

Ich beginne meine Führung durch Murten nicht mit der Schlacht von Murten 1476. Eine Historikerin aus Murten erzählte mir einmal, sie habe es satt, darauf reduziert zu werden. Also starte ich mit dem Jahr 1866 und der rührendsten Lokalgeschichte des Stedtlis 150 Jahre danach schrieben die Freiburger Nachrichten folgendes:
«1866 gastierte ein amerikanischer Zirkus in Murten und zeigte Kunststücke mit Elefanten. Einer der Elefanten tötete seinen Wärter und brach aus. Das Tier rannte unkontrolliert in der Altstadt umher, zerstörte Kutschen und Fenster und versetzte das Stedtli in Angst und Schrecken. Die Murtner konnten den Elefanten nicht unter Kontrolle bringen und sahen keinen anderen Ausweg, als das Tier zu erschiessen. Da herkömmliche Gewehre den Dickhäuter nur kitzelten, forderten die Murtner in Freiburg eine Kanone an und erschossen das Tier.»
Heute weiss man, dass Elefantenbullen aggressiv werden, wenn sie die Geschlechtsreife erlangen. Damals begnügte man sich damit, das erlegte Tier dem Metzger zu überstellen, denn Elefantenfleisch war in unseren Breitengraden ausgesprochen rar.

Es ist üblich geworden, zur Popularisierung der Historie kürzeste Geschichten zu schreiben. Stephen Hawkins, Einsteins Nachfolger unter den Physikern, hat die kürzeste Geschichte der Zeit verfasst. John Hirst schrieb die kürzeste Geschichte Europas.
Die allerkürzeste Geschichte Murtens lautet: «Murten: erstmals als Hof «Muratum» erwähnt, von Zähringern als Stadt gegründet, von den Savoyern beherrscht, von Karl dem Kühnen belagert, von Napoléon dem Kanton Freiburg zugeteilt.»
Das besser zu verstehen, ist die Absicht meiner Führung. Wir machen eine Wanderung im doppelten Sinne: durch Murten und durch die Zeit!
Hier das Programm: Muratum gehörte zum untergegangene Königreich Burgund. Murten wurde von den Zähringern gebaut. Es gehörte dem römischen Könign, bevor es für lange Zeit an Savoyen ging. Deren Nachfolger waren die Berner und Freiburger gemeinsam, die hielten sich Murten als Untertan. Heute gehört Murten zum Kanton Freiburg. Einmal wollte man sich vom ihm trennen und marschierte los. Erfolglos!
Murten war immer an der Grenze: zuerst zwischen deutscher und französischer Sprache, dann zwischen der Reformation im deutschen und im französischen Sprachraum. Die Grenzlage prägte das Städtchen. Es erlebte die schrecklichen Hexenverbrennungen – und den Krieg: 1476 mit der Schlacht von Murten, 1802 während dem Stecklikrieg. Genau 200 Jahre später ist Murten dank der Juragewässerkorrektion ein Ferienparadies mit ihrer wunderbaren Riviera.
Viel geholfen hat mir bei der Aufarbeitung der Geschichte Murtens das wunderbare Buch «Murten» von Markus F. Rubli und Heini Stucki. Ohne dieses Werk wäre die heutige Führung nicht möglich geworden. Allerdings ist mein Zugang anders. Ich werde nicht nur Lokalgeschichte, auch europäische und schweizerische Historie präsentieren. Und sie bekommen meine Biografie mit, soweit diese in Murten spielte.

In Murten habe ich 1977 meine Rekrutenschule absolviert. Das damalige Hotel Engel diente als Kantonement.
Die Schweizer Armee und ich wurden keine guten Freunde. Ich erspare ihn deshalb den Bericht zu den 17 Wochen hier. Nur so viel: Am Ende der Rekrutenschule schwor ich mir auf dem Schulhausplatz in Murten:
«Nie wieder Krieg. Nie wieder Krawatte!»
Das sollte Folgen haben!
Als mich 1992 das Schweizer Fernsehen auf Herz und Nieren prüfte, ob ich als TV-Kommentator für die eidgenössischen Abstimmungssonntage tauge, gewann ich den kleinen Wettbewerb gegen drei Kollegen. Werner Vetterli, damals in der Chefredaktion von SRF, später für die SVP im Nationalrat, hatte das Verfahren unbestechlich geleitet. Sein Gehilfe, Balz Hosang, teilte mir das Ergebnis sorgenvoll mit: Zwar sei mein Talent klar geworden, und man würde mich gerne engagieren. Doch der weisse Rollkragenpullover in der Probesendung gehe gar nicht. Das sehe aus wie #AndiGross im Parlament.
Mir schwante, ich würde eine Krawatte tragen müssen, um TV-Analytiker zu werden.
Ich wusste: niemals!
Nach längeren Verhandlungen einigten wir uns auf einen «Zischtigclub». Ich mit einer bunten Fliege. Ich bestand.
Geleitet wurde der Club damals von Ueli Heiniger, ein bunter Hund aus Murten.
Trotzdem lieb ich unschlüssig und ging nach der Sendung auf ein Bier. Im Niederdorf stellte ich, gerade mal 35 Jahre jung, fest, dass sich erstmals Frauen über 50 umdrehten. Nicht wegen mir, aber wegen der Fliege!
Am anderen Morgen telefonierte ich mit dem Studio Leutschenbach. Es sei ok, ich nähme den Job, sie bekämen die Fliege.
So entstand mein Markenzeichen für die 25 Jahre dauernde Kommentierung im Fernsehen. 7 Wahltage waren dabei, 77 Volksabstimmungen dazu. In einem Land mit sieben BundesrätInnen eine ganz runde Sache!
Doch bin nicht in Murten, um aus meinem Leben zu plaudern. Ich will die Stadtgeschichte erzählen. Wir machen 10 Mal halt, jedes Mal gibt es ein Häppchen Infotainment.
Am Ende wissen Sie trotzdem mehr: quasi «10vor10» für Murten-Interessierte.
Nun los!

Foto: Naturhistorisches Museum Bern

Vorwort zu meiner Stadtwanderung „Jugend&Politik“

Das Prinzip meiner Stadtwanderungen hat der römische Rhetorik-Professor Quintilianus erfunden. Er unterrichtete im 1. Jahrhundert den Nachwuchs des Kaisers in Rom. Dabei bemerkte er, dass diese wenig Gespür für Zeit und Geschichte hatten, wenn man sie damit «frontal» konfrontierte. Ging man jedoch durch die Zimmer einer Villa und erzählte man in jedem Raum eine Geschichte, konnten sie sich an den Weg und so auch an die Geschichten erinnern.
Wir machen hier das Gleiche: Sie sind die Kaiserkinder, ich ihr Erzieher. Ich erzähle Ihnen die Geschichte junger Menschen in Bern (und anderswo) im letzten halben Jahrtausend.
Zuammen gibt es ein Ganzes, eine „Kleine Geschichte der Jugend (in Bern)“

MEINE VILLA IST DIE STADT BERN UND MEINE ZIMMER SIND:

ZIMMER 1: Wir starten im beginnenden 16. Jahrhundert. Es geht um Söldner, junge Männer also.
ZIMMER 2: Wir sind mitten im 18. Jahrhundert. Es geht um das älteste Jugendparlament der Eidgenossenschaft und um eine Saloniere, eine gebildete Frauen, die im Jugendparlament nicht gefragt war.
ZIMMER 3: Wir sind in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es geht um die jungen Studenten, die als Burschenschaften Politik machen und eine Staat gründen.
ZIMMER 4: Wir sind an der Schwelle des 19. zum 20. Jahrhunderts. Wir erkunden den Jugendstil in der Architekturgeschichte und die Jugendstile in der Sozialgeschichte.
ZIMMER 5: Wir sind im Jahre 1968 angekommen. Wir schauen, was von der rebellischen Jugendbewegung geblieben ist.
ZIMMER 6: Wir sind in den 1980er Jahren. Die Reitschule wird eröffnet und trotz Protesten seither wird das Kulturzentrum nicht geschlossen.
ZIMMER 7: Wir sind im Jahre 1991. Es findet die erste Jugendsession statt, die vier Jahre später in das heutige Jugendparlament mündet.
ZIMMER 8: Wir sind in der Mitte des Generationenhauses, dem heutigen Zentrum der Berner Burgergemeinde. Und wir fragen, was Generationenkonflikte heute sind.

NUN LOS!

PS: Meine Damen und Herren, die Stadtwanderung zu „Jugend&Politik“ (in Bern) wäre so toll gewesen, wäre nicht die Corona-Krise dazwischengekommen. Deshalb gehen wir nicht tatsächlich durch Berns Gassen, nur virtuell.

Typisch für 2020!

Bild: Rhetorikschule des Quintilianus, Rom 1. Jahrhundert nach Christius
Quelle: wikipedia

Achter und letzter Teil meiner Stadtwanderung zu „Jugend&Politik“

Von Generationenkonflikten ist heute wieder vermehrt die Rede. Das ist Anlass genug, den Ausblick auf Ende der Stadtwanderung zur «Jugend&Politik» hierzu zu machen. In Bern wäre kein Ort geeigneter als das Generationenhaus, in dessen Innenhof wir hier stehen.

Wir haben mit dem «alten Bern» begonnen. Da haben wir unter anderem das erste, aber aufgelöste Jugendparlament kennen gelernt. Ueberdauert hat dafür in Bern die Burgergemeinde. Ihr gehört beispielsweise das «Burgerspital». Lange war es nur das Altersheim der Burgergemeinde, heute auch Sitz der Verwaltung. Zu den neuen Aufgaben zählt, dass man hier die Gemeinschaft über die Generation hinaus pflegen will.

Was versteht man unter Generationenkonflikten? Es gibt zwei verschiedenen Bedeutungen.
Zum einen meint man das, was wir in der Stadtwanderung vorwiegend kennen gelernt haben. Die Unterschiede zwischen jungen Menschen zu verschiedenen Epochen. Unsere Hauptfiguren waren immer gleich alt, in aller Regel jung oder mit weniger als 30 Jahren bereits wichtig. Sie hatten unterschiedliche Prägungen erhalten, ihre eigenen Kristallisationserlebnisse verarbeitet und können so als Angehörige einer Generation identifiziert werden. Die Unterschiede, die sich daraus ergeben, können zu Generationenkonflikten führen, etwas die Präferenz für ausserinstitutionelle oder institutionelle Politik.
Spricht man von Generationenkonflikten, kann man aber auch etwas anderes meinen: Nämlich die Konflikte zu einer bestimmten Zeit zwischen den verschiedenen Altersgruppen. Das kennt man aus der eigenen Familie, wenn die Ansichten zwischen Eltern und Jugendlichen auseinander gehen. Es gibt aber auch Generationenkonflikte in der Gesellschaft, die zwei verschiedene Hintergründe haben können: Zuerst genannt seine die Interessen, die sich aus dem Alter ergeben. Erwähnt seien aber auch Wertkonflikte erwähnt, wenn die Uebertragung von Werten von den Vor- auf die Nachfahren nicht geklappt hat und deshalb nachfolgender Generationen von einem anderen Weltbild ausgehen als vorangegangene.

Eine Untersuchung der Abstimmungsergebnisse nach Altersgruppen in den Jahren 2000 bis 2015 zeigt, dass in einem Viertel der Volksentscheidungen die Mehrheiten der unter 30jährigen und der über 70jährigen voneinander abweichen. Das ist deutlich weniger häufig als zwischen der SVP und den Grünen, aber auch weniger ausgeprägt als zwischen Stadt und Land oder hoher und tiefer Bildung.
Das heisst nicht, dass entlang des Alters alles in Minne sei. Vielmehr kann darüber hinaus gezeigt werden, wenn die Unterschiede entlang dem Alter statistisch signifikant sind, dass sich in zwei Drittel der Fälle die Aelteren durchsetzen in nur einem von drei Fällen die Jüngeren.
Durchgesetzt haben sich die Jüngeren etwas beim neuen Partnerschaftsgesetz. Demgegenüber verhinderten die Aelteren die Legalisierung von Hanf oder den Schutz vor der eigenen Waffe.
Die Autoren der Untersuchung kommen zum Schluss, dass die unterschiedlichen Werte der Generationen insgesamt wichtiger sind als die Interessen der Altersgruppen. Die zeigten sich bei Fragen der AHV, der IV oder beim Bausparen. Es sind also bestimmte Themen, die reizen; es gibt aber keinen eindeutigen Trends.

Für Lösungen braucht es in den neuralgischen Themen Ausgleichsmechanismus zwischen den Interessen, aber auch mehr Verständnis zwischen den Generationen.
Beides leidet heute, weil wir es heute auch mit einem Verschwinden der allgemeinen Oeffentlichkeit zu tun haben. So wie Kaufhäuser oder Volksparteien seltener werden, neigen sich auch Medien, auf die sich alle beziehen, ihrem Lebensende zu. Immer mehr entstehen zielgruppenspezifische Medien. Immer mehr sehen wir Szenen für bestimmte Gruppen. „20 Minuten“ will nur Junge ansprechen, SRF weiss, dass es nur von Alten geschaut wird.
Es gibt eine gut bekannte 1975er Schwelle. Demnach ist die Mediennutzung ziemlich unterschiedlich, je nach dem, ob man davor, wie ich, oder danach, wie sie geboren wurde.

Der Jugendbericht aus dem Jahre 2012 hielt fest, dass die Kommunikation zwischen den Generationen generell rückläufig ist. Namentlich ausserhalb der Kernfamilien mit Kindern, Jugendlichen und Eltern, allenfalls auch Grosseltern, kommt es immer weniger zum Gespräch zwischen den Generationen. Dafür grassieren Vorurteile über Junge und Alter wieder. Ageism als Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Alters macht heute die Runde.
Das erleben wir gerade heute während der Corona-Krise. Da wird bisweilen der Einsatz für Menschen im vierten Alter als sinnlos betrachtet, weil sie sowieso bald sterben. Da findet man, Menschen im dritten Alter sollten auf einen Teil ihrer AHV verzichten, weil dies die Jungen belastet. Da findet man schliesslich, dass man den Alten das Stimm- und Wahlrecht nehmen solle, weil dies die Weiterentwicklung der Gesellschaft blockiere. Selbstredend gibt es auch Vorwürfe an die Jungen, beispielsweise gab es solche 2019 gegen die Klimajugend gerichtet. Da meinte man vorwurfsvoll, man predige Wasser, sprich Verzicht, trinke aber gerne Wein, spricht man Fliege ohne Bedenken in die Ferien. Oder man dürfe erst dann politisch etwas fordern, wenn man der Gesellschaft schon etwas gebracht habe.

Systematisch Analysen hierzu kommen zu einem ähnlichen Schluss, wie wir es bei den Abstimmungen gesehen haben. Es gibt neuralgische Themen, aber nicht immer die gleichen NutzniesserInnen.
Aeltere Menschen sind beispielsweise im Schnitt vermögender, sie haben eher ein eigenes Haus als das bei jüngeren der Fall ist.
Jüngere Menschen haben im Schnitt exemplarisch die bessere Schulbildung, sie sind auf besser auf die Digitalisierung der Gesellschaft vorbereitet.
Weder junge noch alte Menschen sind bevorteilt, wenn es um die Arbeitswelt geht. Da sind Menschen im mittleren Alter, zwischen 40 und 60 bevorteilt ähnliches gilt in der Politik, die im Wesentlichen von Bürgern und Bürgerinnen zwischen 35 und 70 gemacht wird, nicht aber von den ganz Alten oder ganz Jungen.

Was tun? Das Generationenhaus gehört der Berner Burgergemeinde. Die hat sich entschieden, keine geschlossene Gesellschaft mehr zu sein, sondern sich zu öffnen, beispielsweise gegenüber nachfolgenden Generationen und Altersgruppen. Deshalb findet hier regelmässig ein Generationen-Talk statt, bei dem ein Thema bewusst von Menschen verschiedenen Alters beleuchtet wird. Die Idee dahinter ist bestechend: Es braucht mehr Dialog in unserer Gesellschaft, um sie zusammenzuhalten. Auch zwischen den Generationen.
Warum ich ihnen das zum Abschluss der Stadtwanderung zu Jugend und Politik erzähle? Ich habe eine Absicht. Sie, die Ehemaligen des Dachverbandes der Jugendparlamente hatten als Aktive eine allererste Aufgabe. Sie mussten die Stimme Ihrer Generation sein, und zwar in ihrer ganzen Breite. Sie mussten klar machen, wo Sie sich von früheren Generationen unterscheiden.
Heute sind Sie bereits ehemalige JugendparlamentarierInnen. Sie müssen nun verdeutlichen, warum Sie eine Generation sind, die andere Interessen und Werte vertritt als jene, die bei ihren Eltern oder Grosseltern vorherrschen. Das geht letztlich nur, wenn Sie, ausgehend von Ihrem Standpunkt mit anderen Gesellschaftsgruppen ins Gespräch kommen, respektive diese pflegen und vertiefen.

Fertig!

Teil 7 meiner Stadtwanderung „Jugend und Politik“

1991 – die Rückkehr zur institutionellen Politik

1991 bringt die Wende zum Stimmrecht 18, regelmässigen Jugendsessionen und dauerhaften Jugendparlamenten. Die neue Generation steht der institutionellen Politik wieder positiv gegenüber.

Mit der Volksabstimmung vom 3. März 1991 wurde das Stimm- und Wahlrechtsalter in der Schweiz von 20 auf 18 Jahre gesenkt. 72.7% stimmten dafür, nur die EDU hatte das Anliegen nicht unterstützt.
Vordergründung könnte man meinen, das sei eine Reaktion auf die 1980er Bewegung gewesen. Doch weit gefehlt! Denn die Spuren der erfolgreichen Volksabstimmung reichen bis tief in die 1970er Jahre zurück.

Ein wichtiger Schritt war eine parlamentarische Initiative des Genfer SP-Nationalrats Jean Ziegler. Das Parlament war dafür, der Bundesrat dagegen. Er sollte recht behalten, denn die 1979 angesetzte eidg. Volksabstimmung führte zu einer Ablehnung, wenn auch mit 50.8% Nein nur knapp. Bis es 1991 beim zweiten Anlauf klappte, hatten total 16 Kantone das Stimm- und Wahlrechtsalter auf 18 Jahre gesenkt. Damit hatte man den in der Schweiz erfolgreichen Weg der institutionellen Erneuerung via Gliedstaat begannen. Der geht zwar deutlich länger, ist aber zielführend.
Ein wenig Ironie ist schon dabei: Dass man 1991 zur institutionellen Jugendpolitik zurückkehrte, hat mit einem Viertel Jahrhundert ausserinstitutioneller Politik zu tun!

Hintergrund des Sinneswandels auf nationaler Ebene war die legendäre 700-Jahr-Feier der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Aehnlich wie 1939 mit der Jugendhaus-Initiative versuchte sich der Staat gegenüber der Jugend zu öffnen.
Dazu gehörte nun auch die Jugendsession von 1991 im Bundeshaus. Da konnten Jugendliche aus allen Landesteilen ihre Anliegen vorstellen und diese mit dem damaligen Bundespräsidenten, Flavio Cotti, diskutieren.
Was ursprünglich als einmaliger Anlass vorgesehen war, wurde 1993 wieder aufgenommen – jetzt als Serie.

Im Jahr 2000 forderten die Jugendlichen zusätzlich ein Forum, das auch politisch Einfluss nehmen sollte. Doch die Verwaltungsdelegation der Bundesversammlung, einer Art Vorstand des Parlaments, bockte.
Die Jugendsession reagierte politisch versiert, sammelte im Rahmen einer Petition 12’000 Unterschriften. Sie suchte Verbündete in der Öffentlichkeit. Und man lobbyierte bei entscheidenden Parlamentarier*innen. Nach drei Wochen knickte die Parlamentsadministration ein und gestattete die Jugendsessionen und Jugendforen.
2002 kam noch mehr Dynamik in die Sache: Parlamentarier*innen begleiteten nun Jugendgruppen, die gemeinsam Vorstösse erarbeiteten, und die VolksvertreterInnen reichten deren Anliegen danach im Plenum ein. Am bekanntesten wurde ein Vorstoss für ein Kompetenzzentrum zur Bekämpfung der Internetkriminalität, insbesondere der Kinderpornografie, stark machte.

Die Jugendsessionen standen immer wieder unter einem tyischen Motto: Europa, Gesundheit, Migration, Fan-Gewalt, Food Waste, queere Menschen und der Klimawandel waren typische Beispiele. Ins Leben gerufen wurde zuden das PolitBuskers, bei dem Jugendliche in der Bundesstadt ihre Anliegen direkt in die Öffentlichkeit tragen konnten. Und als das Bundeshaus renoviert wurde und entsprechend nicht genutzt werden konnte, hielt man die Jugendsession unkompliziert auf den Bundesplatz.

Grösser hätte der Gegensatz zur vorangegangenen Jugendgenerationen nicht sein können. Denn mit den Jugendsessionen entstand eine Jugend, die keine Gegenkultur mehr skizzieren wollte, dafür auf Dialog mit der etablierten Polit-Kultur der Schweiz setzte. Dabei scheute sie sich nicht, neue Themen in die Politik zu tragen. In der Mittelwahl war man dagegen konventioneller.

Die wichtigste Folge der Jugendsessionen sind die Jugendparlamente im ganzen Land. Zum nationalen Durchbruch kam es 1993 mit einer Petition und 6’000 Unterschriften. 1995 wurde der Dachverband Schweizer Jugendparlamente (DSJ) gegründet.
Es war der dritte Anlauf. Im 18. Jahrhundert repräsentierte der Aeussere Stand diese Institution, die die Franzosen beendeten. 1948 wurde erstmals wieder Jugendparlament gegründen. Diesmal waren die 68er gegen dies etablierte Form der Politik.

Seit 25 Jahren nun gibt es den DSJ. Das ist ja auch der Anlass unserer Führung.

Zunächst war man nicht mehr als ein kleiner Jugendverband mit beschränkten Mittel und ebenso beschränkten Aktivitäten. Das änderte sich zu Beginn der 2010er Jahre: Für die Zeit von 2011 bis 2013 entwickelte man erstmals ein Dreijahresprogramm. Der DSJ übernahm easyvote, das vom Jugendparlament Köniz ins Leben gerufen wurde und die Information vor Abstimmungen vereinfachen wollte. Neu hat man ein ausgedehnteres Budget, eine Geschäftsstelle, mehr Personal, womit man konstant aktiv sein kann. «Der DSJ hat sich zu einem professionellen Jugendverband entwickelt, der auf der Grundlage von betriebswirtschaftlichen Grundlagen wirkungsorientiert arbeitet.»

Zu den wichtigsten Schwerpunkten der Arbeit des Dachverbandes der Jugendparlamente gehört die Förderung der politischen Partizipation. Das hat eine theoretische und eine praktische Seite. Zur theoretischen gehört beispielsweise das easyvote-Politik-Monitoring. Demnach ist ein Fünftel der 15-25jährigen politisch stark engagiert. Gleich viele sind ganz apolitisch. Die anderen verteilen sich zwischen konventioneller und unkonventioneller Beteiligung. Letzteres ist bei Männern häufiger, ersteres bei Frauen. Dazwischen geschoben hat sich die digitale Partizipation, bei der diese Grenzziehung verschwindet.

Zur praktischen Seite erhört das Stimmrecht 16. Glarus führte als erster Kanton das aktive Stimm- und Wahlrecht auf Gemeinde- und Kantonsebene bereits 2008 ein.
Richtig losgetreten wurde die Debatte national darüber durch den Klimastreik der Schüler*innen, die sich namentlich 2019 dem Aufruf von Greta Thunberg angeschlossen und im Wahljahr 2019 zu einer mächtigen Bewegung entwickelt haben.
Im Parlament fordert ein breit abgestützter Vorschlag der Grünen Sibel Arslan die Möglichkeit, dass 16 und 17jährige wenigstens stimmen und wählen dürfen. In diversen Kantonen sind verwandte Bestrebungen im Gang.
Meinerseits füge ich bei: Das geringe Gewicht der jungen Menschen in der Politik ist nicht bloss eine Folge der unterschiedlichen politischen Beteiligung nach Alter. Das Problem verschärft sich laufend durch die Alterung der Gesellschaft. Jedes Jahr wird die Schweiz im Schnitt um 3 Monate älter. Von Wahl zu Wahl ergibt dies ein mittleres Alter, das um ein Jahr steigt.
Die Senkung des Stimm- und Wahlrechtsalter von 16 auf 18 Jahre ist demnach nur Klacks gegen die Alterung des Schweiz.

Nein, das war nicht das Schlusswort! Es folgt ein Ausblick auf Generationenkonflikte, im Berner Generationenhaus.

Teil 6 meiner Stadtwanderung „Jugend&Politik“

Kein Ort in Bern polarisiert so sehr wie die Reitschule. Für die einen ist sie der Platz der Selbstentfaltung, für andere ist sie der Schandfleck schlechthin.


Bild Keystone

„Kriegskinder, Konsumkinder, Krisenkinder“. Das sind drei Schlagworte zu Charakterisierung von Jugendgeneration nach dem Zweiten Weltkrieg. Die 1980er Jugendbewegung steht sichtbar am Uebergang von den Konsum- und den Krisenkindern – mindestens im Selbstverständnis der Bewegungsaktiven.

Mit Konsumgesellschaft bezeichnet man in aller Regel Gesellschaften, die möglichst viele Bedürfnisse durch Konsum gegen Bezahlung bedienen. Um nur eine Zahl zu nennen: Heute wächst der Konsum doppelt so stark wie die Bevölkerung.
Das führt periodisch zu Widerständen, speziell bei Gruppen, welche sich den Konsum nicht gewohnt sind resp. den entsprechenden Lebensstil nicht leisten können. Ein solcher Widerstand steht am Anfang der 1980er Jugendbewegung!

National ausgelöst wurden die neuerlichen Jugendunruhen im Sommer 1980 durch den Opernhauskrawall in Zürich. Jugendliche wandten sich gegen einen Kredit in der Höhe von 60 Mio. Franken, der den etablierten Kulturinstitutionen zu Gute kommen sollte, während die Forderung nach der Errichtung eines neuen „Autonomen Jugendzentrums (AJZ)“ von der Stadt abgelehnt wurde.
Erprobt wurden nun möglichst selbstbestimmte und selbstverwaltete Lebensformen. Mit der bürgerlichen Gesellschaft wurde abgerechnet: National berühmt wurden «Herr und Frau Müller», zwei bewegte Jugendliche aus Zürich, die in der TV-Sendung «Rundschau» mit den Stadtbehörden ironisierend diskutierten. Sie kamen ordentlich gekleidet daher und forderten ein drakonisches Durchgreifen der Polizei. So vorgeführt wussten die anwesenden Stadträt*innen kaum mehr, was sie beklagen wollten.
Ihren eigenen Sprachwitz entwickelte die Bewegung etwa mit „Macht Gurkensalat aus dem Staat“.

Berns Geschichtsschreibung meint, die Jugendbewegung der 1980er sei nirgends so heftig und andauernd gewesen wie in der Bundesstadt. Wohl holten Berns Jugendliche einen Teil der „verpassten“ Unruhen von 1968 so nach.
Es hat auch mit der spezifischen Ausbreitung in Bern Phasen zu tun: Die erste war von 1979 bis 1982, die zweite ab 1985. Letztlich ist diese unter etwas veränderten Umständen immer noch anhaltend.
In Bern waren zwei Ort und Themen entscheidend: die Schützenmatte mit der „Reitschule“ und die Hüttensiedlung „Zaffaraya“ im Nirgendwo.

In der ersten Phase ging es um ein nicht-kommerzielles und selbstverwaltetes Jugendzentrum. Favorisiert wurde die Reitschule. 1981 wurde sie mit einer behördlichen Bewilligung in Betrieb genommen, 1982 jedoch wieder geschlossen.
Die zweite Phase begann mit dem „Freien Land Zaffaraya“.

Eröffnet wurde auf dem Gaswerkareal ein Zelt- und Wagendorf.
Die Polizei räumte es.
Es kam zu einer grossen Protestaktionen. Schüler*innen traten in den Streik.
„Zaff, Zaff, Zaffaraya“ ertönte es in der Stadt.

Ein Jahr später wurde der Berner Hauptbahnhof durch die Zaffaraya-Leute besetzt. Nun vermittelten die Kirchen. Dies mündeten in der vorübergehenden Nutzung des Campings Eichholz, bevor man 1989 ins Neufeld umzog. Dort musste man 2006 dem Neufeld-Tunnel weichen, bekam aber in der Nähe ein neues Gelände zugesprochen bekam. Da fristet Zaffaraya sein Dasein als Kulturzentrum.

1987 kam es in der Stadt zu einem «Kulturstreik», für den Jugendliche und etalierte Kulturinstitutionen bis zu 10’000 Teilnehmende mobilisierten. Am 24. Oktober 1987 wurde die Reitschule erneut besetzt, wobei Bands wie „Züri West“ Eröffnungskonzerte gaben. Um den Druck auf die Behörden zu erhöhen, solidarisierten sich in kürzester Zeit auch andere Musiker, unter ihnen Stephan Eicher.
Organisiert wurde die neue Jugendbewegung nun durch die IKuR, die „Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule“. Ende Jahr 1987 stand das Betriebskonzept mitsamt einer teilweisen Finanzierung durch die Stadt.
In der Reitschule etablierte sich von da an ein reichhaltiges Kulturprogramm, etwa mit Konzerten oder Lesungen. Es gibt einen Barbetrieb und ein Frauenzimmer, wo Frauen ganz unter sich sein können.

Die politischen Grundsätze des Betriebs kann man am Eingang lesen: «Kein Rassismus, kein Sexismus, keine Homophobie, keine Selbstbereicherung, kein Konsumzwang». Plakativ werden hier die Vorwürfe gegen die etablierte Gesellschaft vorgebracht, welche diesen Grundsätzen nicht genüge.
Ein Buch das 30 Jahre danach fasste die Selbstsicht so zusammen: «Die Reitschule ist ein Freiraum, der den kritischen Blick auf Selbstverständliches, Normales und Unveränderliches zulässt. Sie ist der Ort, in dem verdrängte Fragen der patriarchal-kapitalistischen Ordnung aufs Tapet gebracht werden. Sie ist Widerstand und Revolte und Kunst und Kultur.»

Die Fremdsicht ist deutlich kritischer, denn die Öffentlichkeit nahm die Reitschule meist nur bei Problemen mit Gewalt oder Drogen wahr. Für viele in Bern gilt die Reitschule bis heute als «Schandfleck», dem man bei der Einfahrt in Bern nicht entgehen kann. Die Leserbriefspalten der Lokalpresse zeugen davon.
Mehrfach wurden alternative Nutzungen vorgeschlagen, doch nie realisiert. Dazu trug bei, dass trotz mehrfach angestrengter Volksentscheidung die Schliessung der Reitschule nie eine Mehrheit fand.
Festgefahren stehen sich Standpunkte zu Gewaltanwendung, Drogensucht und Wohnungsnot gegenüber. Darin spiegelt sich auch ein Teil des heutigen Generationenkonflikts.

War die Bewegung von 1968 durch das Buch als Medium geprägt, bestimmte 1980 das Video die Jugendunruhen. Das neue Medium gab den BewegungsaktivistInnen die Möglichkeit in die Hand, die Sicht der Dinge selber zu bestimmen. Das änderte die Herrschaftsverhältnisse im Moment der Auseinandersetzungen. Legendär wurde das Video «Züri brännt» des Zürcher Videoladens.
Berner Stadthistoriker*innen sehen es so: 1968 war eine politische Bewegung, und die Politik lernte zu reagieren. In den 1980er Jahren war das anders, denn da ging es in erster Linie um Kultur und Selbstentfaltung einer neuen Generation, die sich fortlaufend neu erfand.
Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die Szene bis heute existiert. Der Tagesanzeiger beschrieb das 2017 so: «Die Reitschule ist für viele zur Heimat geworden, die 1987 noch gar nicht geboren waren.».
Wohl ist die anhaltende Alternativkultur auch eine Ursache für das prekäre Verhältnis zwischen Stadt, Anwohnern und Jugendlichen. Die allerjüngsten Ereignisse um die Platznutzung vor der Reitschule bestätigen das.
Das Maximum, was die Stadt herausholen kann, ist ein Nebeneinander von vorherrschender und der Gegenkultur.

Foto: Keystone

Teil 5 meiner Stadtwanderung „Jugend&Politik“

Keine Generation wurde durch lange Haare, politische Bücher und Mundart Rock so stark geprägt als die 68er.


Foto Gaskessel

In den Protokollen der Stadtpolizei findet sich am 22. Juni 1968 eine Notiz zu einer „alpinistischen Meisterleistung“. Der Held war ein Jugendlicher, der die Flagge des Vietkongs auf der Spitze des Berner Münsters gehisst hatte. Gestartet wurde damit ein Aktionstag zugunsten der Befreiungsbewegung in Vietnam. Fast alles blieb ruhig.
Typisch für Bern!

Die 68er Jugend war eine weltumspannende Bewegung der Neuen Linken. Sie war politisch unruhig, in ihren Aktionen bisweilen auch gewalttätig, letztlich aber gesellschaftlich libertär. Gemeinsamer Nenner war die fundamentale Kritik von Machtstrukturen.
Angefangen hatte es mit Bürgerrechtsbewegung in den USA. Das politisierte die StudentInnen im Westen. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei gab nochmals Schub. Nachdem man «Ho, Ho, Hi Chi Minh» skandiert hatte, folgte nun «Dubcek, Swoboda, Dubcek, Swoboda»!

In der Schweiz brachen die Unruhen für die Oeffentlichkeit mit dem Globus-Krawall in Zürich aus. Das war der Urknall der neuen Jugendbewegung!
Das Experiment mit dem Autonomen Jugendzentrum hatte eine lange Vorgeschichte, aber nur eine kurze Geschichte. Sie dauerte letztlich nur wenige Wochen. Ende Oktober 1970 wurde das AJZ in einem Luftschutz-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg eröffnet. In der Silvesternacht erklärte es die Bunkerjugend zur «Autonomen Republik Bunker» und trat aus der Schweiz aus. Die Polizei griff ein, räumte den Bunker für alle Jugendlichen. Heute befindet sich da das Polizeimuseum der Stadt Zürich.
Politisch bleibender war die Gründung der Progressiven Organisationen der Schweiz, kurz POCH. Sie wirkte als Partei der Neuen Linken. Aus ihr entstand 1977 die OFRA, die feministische Organisation für die Sache der Frau. Erst in den 1990er Jahren löste sich die POCH auf, die meisten ihrer PolitikerInnen gingen zu den Grünen, einige zur SP.

In Bern verliefen die Jugendunruhen einiges ruhiger. Das hatte auch damit zu tun, dass die Stadtbehörden bald schon auf die Hauptforderung der Jugendlichen nach einem eigenen Jugendzentrum eintraten. 1971 wurde der #Gaskessel nahe der Aare als Jugendzentrum eröffnet, – anders als in Zürich wurde er zum dauerhaften Treffpunkt.
Anders war auch der Hintergrund der Berner Jugendbewegung. Wichtig waren hier Nonkonformisten. KünstlerInnen, LehrerInnen und Medienschaffende trafen sie sich seit langem in der «Chramere 37», dem Keller der Kramgasse 37, heute das Haus der Hanftheke. Da debattierte man, inspiriert von Volkskundler Sergius Golowin, späterer LdU-Grossrat, alles Mögliche, was die Gesellschaft verändern könnte.
Bisweilen waren auch prominente Redner zu Gast. Theodor W. Adorno, Professor für Soziologie in Frankfurt, war einer davon. Seine epochale Studie zum „Autoritären Charakter“ passte den Nonkonformisten ausgezeichnet. Denn nichts hassten sie da so wie den «sturen Grind der Vätergeneration».

Selber kam ich 1980 nach Bern. Die Chramere lernte ich nicht mehr kennen, dafür traf ich Sergius Golowin. Seine ausgedehnten Wanderungen unter Berns Lauben waren ein frühes Vorbild für den heutigen Stadtwanderer.
Als Hilfs-Assistent am Institut für Soziologie der Universität Bern hatte ich einen Bericht über die «Politische Mündigkeit Jugendlicher» zu schreiben. Dafür brauchte ich aktuellste Literatur, die ich mir in der «Buchhandlung für Soziologie» an der Münstergasse besorgte.
Da wehte noch der Geist der 68er. Ganz im Sinne der Linken, wonach Wissen Macht sei, hatte #UlrichRiklin eine spezialisierte Buchhandlung gegründet, die das politischen und kulturelle Wissen unter die Bevölkerung bringen sollte.
1978 trennte sich die Frauenbuchhandlung ab, betrieben von #IreneCandinas, der Partnerin von Ueli Riklin. Mit ihr bekam die feministische Literatur ihr Zentrum in Bern.
In den 1990er Jahre streifte man den Hintergrund ab, wurde jetzt zur Münstergass-Buchhandlung.

2012 erlebte ich da an einer Vernissage eine wache Erinnerung an die Berner 68er. Präsentiert wurde damals das Buch „Pluralistische Staatstheorie. Oder der Konsens zur Uneinigkeit“. Das war das Fragment der Habilitationsschrift von Hans Peter Matter, viel besser bekannt als Chansonnier Mani Matter. Er kam 1972 bei einem Autounfall tragisch ums Leben, ohne seine Qualifikationsschrift an der Uni vollenden zu können.
Doch pflanzte er mit dem Pluralismus eine Generation von Studierenden Ideen ein, die für Kontroversen sorgten.
Das war konträr zur dominierenden Konsenskultur der damaligen Schweiz! Aber es passte zum Wertewandel einer ganzen Generation, die nach mehr individuellen Entwicklungsmöglichkeiten dürstete.

Die 68er lehnten die Konkordanzdemokratie rundweg ab. Die Konkurrenzdemokratie der Pluralisten befürworteten sie nicht einhellig. Denn der radikale Teil war ausserinstitutionell ausgerichtet und favorisiert die Basisdemokratie. Der gemäßigtere Teil dagegen hing durchaus einem Politsystem mit Regierung und Opposition an und begann den langen Marsch durch die Institutionen.
Fast wäre der politische Systemwechsel gelungen. Nachdem Lilian Uchtenhagen 1983 bei der Wahl als erste Frau in den Bundesrat übergangen worden war, erwog die SP den Gang in die Opposition. «Zauberformel – fauler Zauber» lautete der Titel des Aktionsbuches von damals. Schliesslich blieb die SP eine Regierungspartei, und heute ist sie überwiegend reformistisch und auf der Linie der politischen Konkordanz.

Zu den radikaleren 68ern von damals zählten in Bern namentlich die «Härdlütli». 1971 kandidierten sie für das städtische Parlament. Auf ihrem Wahlplakat waren sie nur leicht bedeckt, letztlich nackt. Gewählt wurde nur Margrit Probst, die einzige Frau im Quartett.
Andere wie Polo Hofer scheiterten, feierten aber als Förderer des Schweizer Mundart Rocks große Erfolge. Keiner verbreitete das Lebensgefühl seiner Generation wie er. Sein Nachruf nach dem Tod 2017 nennt den 68er das «legendäre Nationalheiligtum».

Teil 4 meiner Berner Stadtwanderung zu „Jugend&Politik“.

Wir haben Söldner, eine Saloniere und Burschenschaften kennen gelernt. Sie standen exemplarisch für junge Menschen aus der Bauernschaft, der Aristokratie und dem werdenden Bürgertum. Doch erst jetzt geht es um die Jugend!

«Teenager» kommt im 19. Jahrhundert auf. Gemeint sind damit die 13-19jährigen. Im Deutschen setzt sich dafür „Jugend» durch. 1985 regelte das UNO-Jahr der Jugend, dass weltweit 14- bis 25jährige dazu gehören.
Mit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts kann man auch von einem «teen age», einem Zeitalter der Jugend als gesellschaftliches Phänomen, sprechen.

Parallel dazu entsteht der „Jugendstil“ in der Architekturgeschichte. Das bezeichnet den Baustil zwischen dem Historismus – in Bern dem Bundeshaus – und der Moderne – hier das dem SUVA-Gebäude – an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.
Der Jugendstil wandte sich gegen die Massenproduktion aus Grossbritannien. Populär wurde er in den Hauptstädten der kontinentaleuropäischen Monarchien. Da wehrte man sich gegen die Vermassung, betonte das Individuelle.
Am besten erkennt man den Jugendstil an der häufig verwendeten grünen Farbe, an den Blumenmotiven, an den runden Formen, an den verzierten Decken und an den Erkern an den Außenwänden. Selbstredend gibt es auch eine Schriftart, die unverkennbar zum Jugendstil passt.

In Bern findet man den Jugendstil weniger häufig als in Berlin, Wien, Budapest oder Prag. Wir waren damals schon eine Republik, keine Monarchie.
Wir müssten schon in die Länggasse gehen, um wirkliche Jugendstilbauten zu finden. Oder wir machen bei der grossen Ausnahme in der sonst so normierten Altstadt, dem Hotel «Belle Epoque», Halt.
Von der Strasse aus würde man das fast nicht erkennen. Unter den Lauben wird schon vieles klarer. Im Innern würde man sofort sagen: Jugendstil!

Typisch sind junge Frauen, nicht selten, wie sie die Natur geschaffen hat, anmutend, rein, begehrenswert. Geprägt wurde so das positive Bild von „Jugend als Zukunft“. Das passte zum Aufbruch der „Belle Epoque“ – der Zeit nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges von 1871 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
Nur wurde die «Schöne Epoche» der Oberschicht in der Unterschicht ganz anders gelesen. Denn die Mädchen aus den Arbeiterfamilien fand man häufig in den neuen Industriefabriken: ausgenutzt, schmutzig, übermüdet.
Erst das Fabrikgesetz von 1877 brachte das Verbot der Kinderarbeit für unter 14jährige. Wer älter war, wurde nicht geschont. Geprägt wurde so das Bild der „verwahrlosten Jugend“.

Jugendpolitik bekommt nun einen doppelten Sinn: Zuerst ist es die Politik für Jugendliche, erst dann der Jugendlichen selber. Ersteres ist bisweilen paternalistisch, gut gemeint, aber durch die Erwachsenen bestimmt. Zweiteres ist selbstbestimmt, schwankt aber zwischen konventionell und unkonventionell.

Den Anfang machten um die Jahrhundertwende meist karitative oder para-militärische Jugendverbände. Das waren Zusammenschlüsse Unverheirateter, die erste gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Die Pfadfinder sind das beste Beispiel dafür. Man war noch ganz konventionell. Dafür sorgte auch die neu gegründete Pro Juventute.
In der Zwischenkriegszeit kamen Jungparteien dazu. Sie umfassten die jüngeren Mitglieder einer politischen Partei: Zwar teilten sie die Ziele der Mutterpartei, wollten und wollen aber eine grössere Unabhängigkeit von ihr. Die sozialdemokratische Jugendorganisation der Schweiz machte den Anfang. Es folgten die Jungbauern, Jungliberale und Jungkonservative. Da begann das Eigenleben als Jugendliche. Das hält, mit Unterbrüchen zwar, bis heute an.
Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten sich mit den Jugendbewegungen eine dritte Form des gesellschaftlichen Jungseins. Ihr Hauptziel war und ist die Schaffung von Jugendhäusern. Das erste davon geht auch die Landesausstellung von 1939 zurück, und es hatte stark patriotische Absichten. Das löste sich nach dem Krieg, doch die Forderung nach Jugendhäusern oder Jugendzentren verbreitete sich übers ganze Land.

Mit den Jugendbewegungen kommen jugendliche Subkulturen auf. Der Begriff der „Jugendstile“ macht nun definitiv Sinn. Mit Mode, Musik und Medien grenzen sich Jugendliche jetzt von den Erwachsenen ab.
Jugendbewegungen sind seit den 1960er Jahren auch politisch. Jugendunruhen, ja Jugendkrawalle prägten lange die Szenen. Gegenentwürfe zur herrschenden Gesellschaft entstanden. Zurecht sprach man nicht mehr von jugendlicher Sub-, sondern von jugendlichen Gegenkulturen.

Mit jedem neuen Aufstand der Jugend entstand auch eine neue Jugendgeneration. Damit meint man nun nicht mehr den Unterschiede von Eltern und Kindern in einer Familie. Vielmehr geht es um die Abfolge von politisierten Jugendbewegungen, die sich untereinander unterscheiden. Jetzt gibt es eine Geschichte der Jugend(Bewegungen). Kriegs-, Konsum- und Krisenkinder ist eine typische hierzu.
Sie entstanden und entstehen jeweils durch ein gemeinsames Lebensgefühl, ausgelöst durch ein Kristallisationserlebnis, das grosse Teile Gleich- oder Aehnlichaltriger prägt.
«Woodstock» war ein gutes Beispiel dafür. «Klimajugend» gehört in die gleiche Kategorie.
Jetzt unterscheidet man die 68er Generation, die 80er, die 91er und neuerdings die 2019er.

Mehr davon im zweiten Teil meiner Stadtwanderung!

Teil 3 der Stadtwanderung „Jugend&Politik“

Die Regeneration brachte der Schweizerischen Eidgenossenschaft Universitäten. Die wurden durch Burschenschaften bevölkert, die Entscheidendes zur Gründung des Bundesstaates beitrugen.

Die erste grosse Wende in der Schweizer Politik des 19. Jahrhunderts ist die Regenerationsbewegung der 1830er Jahre. Kernstück mit bleibender Wirkung ist die Gründung von Universitäten in Zürich, Bern und Genf. Sie alle waren die ersten bürgerlichen Universitäten der Welt.

Selbstredend zogen die neuen Universitätsstädte Professoren an. Ludwig Snell, ein junger Gelehrter aus Nassau, kam via Basel nach Bern. Er wurde Professor für Staatsrecht. Empfohlen hatte er sich unter anderem durch seine leidenschaftliche Tätigkeit als Redaktor beim liberalradikalen „Schweizer Republikaner“. Wie viele andere auch, war er Flüchtling gewesen.
Österreich – eine der Garantiemächte des Bundesvertrags von 1815 – missfiel Snells Aktivitäten zugunsten starker Nationalstaaten gegen Monarchien. Fürst Metternich argumentierte, die Schweizerische Eidgenossenschaft sei nicht souverän und könne deshalb gar keine eigenen Flüchtlingspolitik betreiben. Auf ausländischen Druck hin wurde das Asylrecht eingeschränkt. Snell wurde weggewiesen.

Was in der Aarestadt blieb, war Snells radikaler Geist. Speziell im Restaurant Zimmermania, 1842 eröffnet, trafen sich mit den farbentragenden Studenten Gesinnungsfreunde zum Feierabendbier. Unter anderen waren sie Studenten der Helvetia.
Da konnte es schon mal laut und fröhlich werden, aber auch politisch!
Einer der herausragenden Figuren war der junge Jakob Stämpfli. Obwohl er keine gymnasiale Ausbildung vorweisen konnte, durfte er nach einer Lehre an der neuen Universität studieren. Denn man war auf tatkräftige Beamte mit Berufserfahrung angewiesen. Mit Snell war Stämpfli eng verbunden, so heiratete dessen Tochter Elsie.

Schon als Student hatte sich Jakob Stämpfli als Heisssporn ausgezeichnet. Bei den Freischaren-Zügen gegen die Katholisch-Konservativen wirkte er an vorderster Front mit.
Er entwarf auch die radikale Verfassung des Kantons von 1846.
Bei der ersten Wahl mit allgemeinem (Männer)Wahlrecht im gleichen Jahr wurde er Bernischer Regierungsrat.
1848, bei den ersten Nationalratswahlen, wurde er auf Anhieb gewählt. Kurzzeitig war er später auch Ständerat, bevor er Bundesrat wurde. Nach seinem Rücktritt aus der Regierung wurde er erneut in den Nationalrat gewählt. Dreimal präsidierte er ihn, zweimal war er Bundespräsident.
Danach war Stämpfli als Bankier und Friedensstifter in den USA unterwegs. Er war zweifelsfrei einer den großen freisinnigen Pioniere des jungen Bundesstaates.

In den Kantonen Waadt, Tessin, Graubünden, St. Gallen, Thurgau und Aargau, die seinerzeit Napoleon 1803 geschaffen hatte, war bereits länger eine neue Generation liberaler Politiker an die Macht. In den alten Orten wie Bern war dies erst seit den 1830er Jahren der Fall gewesen. Besonders hervorgetan haben sich da die Gebrüder Schnell aus Burgdorf. Sie standen am Anfang der liberalen Bewegung,
1848 gründeten Leute dieses Schlags den neuen Bundesstaat. Es war das Werk junger Männer.
Nie war das Durchschnittsalter der Parlamentarier so tief wie damals. Im Ständerat zählte man im Mittel 40 Jahre, im Nationalrat 43. Erst danach bildete sich das übliche Karrieremuster der Politiker mit Aemtern in Gemeinde, dann Kanton und schliesslich Bund heraus. Nie war das Parlament im Schnitt so alt, wie nach den Wahlen 1959.

Die zweite Eigenheit der Politikergeneration von 1848 war ihre verbreitete Zugehörigkeit zu einer Studentenverbindung. Die wuchsen im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts mit patriotischer Absicht wie frische Pilze aus dem Boden. Patriotisch meinte damals, Freund eines starken Nationalstaates!
Wie Jakob Stämpfli gehörte wie viele andere auch der «Helvetia» an. Damit erinnerte man sich der idealisierten Frauenfigur aus dem 17. Jahrhundert, die bei der Gründung des Bundesstaats zur eigentlichen nationalen Symbolfigur wurde.
Helvetia fand sich danach auf Marken, Münzen und Denkmälern. Meist war sie eine währschafte Frau. Mit dem Altern der Politiker nach der Staatsgründung verjüngte sich das idealisierte Frauenbild des Staates. Dank dem Goldvreneli kam man 1897 bei der weiblichen Jugend an.

Typisch, wie wir sehen werden!

Foto: Stadtwanderer (in guten Zeiten)

Teil 2 meiner Stadtwanderung „Jugend&Politik“

Berns «Innerer Stand» machte Politik. Der «Äußere Stand» tat nur so. Er versammelte die Söhne der Patrizier für Scheinpolitik und übersah glatt, dass die Zukunft des Staatswesens von einer Frau außerhalb verhandelt wurde.

Als Rathaus entstand der «Äussere Stand» 1732. Danach tagte hier das damalige «Jugendparlament» mit gleichem Namen.
Die Institution ist vielleicht älter; ihre Anfänge sind nicht belegt.
In den besten Zeiten versammelten sich so 150 Männer, alle über 18 Jahre alt und aus der Stadt. Sie hatten Titel wie die Grossen, denn sie waren Schultheiss, Ratsherren, Grossräte und Landvögte.
Doch war das alles nur Schein!
Regelmässig führten die Kleinen den sog. Schüsselikrieg durch, um die militärische Verteidigung der Vaterstadt zu üben – ein Scheingefecht. Dazwischen gab es auch etwas Scheinbildung. So referierte der erzkonservative Karl Ludwig von Haller über die dauerhafte göttliche Ordnung im alten Bern.
Jahreshöhepunkt in der Stadt Bern war jeweils der Ostermontag. Da zog das neu gewählte Regiment durch die Gassen. Und der Äussere Stand erwies ihm die Ehre.
Alle hofften auf ein gutes neues Politjahr. Doch galt auch das nur scheinbar.
Real war, dass sich 1794 ein Stück der Decke und direkt über dem vermeintlichen Schultheissen-Thron abstürzte. Das war fast schon symbolisch für das nahende Ende.

Im Frühling 1798 marschierte dann niemand mehr durch Bern.
Ausser den Franzosen. Die marschierten jedoch mit Truppen in die Stadt ein.
Eine Republik im Geiste der Revolution sollte jetzt entstehen. Die Franzosen brachten eine Trikolore, eine Hauptstadt und die Gewaltenteilung.
Alles zusammen war die „Helvetische Republik“.

Aufgehoben wurde dafür der Äussere Stand. Statt Politik zu üben, sollten die Jünglinge nun schwimmen lernen. «Jugend&Sport» für den neuen Staat!
Bis heute hat der Berner Aareschwumm seine Bedeutung. Allerdings ist er nun ein Teil der Freizeitgesellschaft.

An die Frauen im patriarchalen Bern und Paris dachte niemand. Das war ein fataler Fehler!
Julie Bondeli war die überragende Frauengestalt im Bern des 18. Jahrhunderts.
Geboren wurde sie 1732, als der Aeussere Stand aufging. Gestorben ist sie 1778, nur wenige Tage nach dem Aufklärer Rousseau.

Bereits in jungen Jahren interessierte sich Julie für Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften.
Samuel Henzi soll einer ihrer Hauslehrer gewesen sein. Der Berner Schriftsteller lehnte sich zweimal gegen das Berner Regiment auf. Das erste Mal landete er im neuenburgischen Exil, das zweite Mal, nach seine Begnadigung, endete er auf dem Richtstuhl im Berner Galgenfeld.
Davor hatte er das Theaterstück «Guillaume Tell ou l’ambition punie » verfasst. Darin bezichtigte er die herrschenden Patrizier des sexuellen Missbrauchs junger der Töchter der Stadt.
Das Drama wurde in Bern nie aufgeführt.

Julie Bondeli versuchte ein geordnetes Leben zu führen. Sie verliebte sich in Christoph Martin Wieland. Zeitweise lebte der Biberacher Schriftsteller in Bern. Zur Heirat kam es allerdings nie.
Nach dem Tod ihrer Mutter emigrierte Julie ins offenere Neuenburg. Das kannte sie aus ihren Kontakten mit Jean-Jacques Rousseau. Unterstützt von einer Freundin, unterhielt sie da bis zu ihrem frühen Tod einen gelehrten Salon.

Der Philosoph Jürgen Habermas deutet in seinem 1962 veröffentlichten Buch «Strukturwandel der Oeffentlichkeit» Clubs wie den von Julie als relevante Spur zur bürgerlichen Gesellschaft.
Die begann sich im 18. Jahrhundert vom autokratischen Staat abzugrenzen. Man versammelte sich privat, um nicht überwacht zu sein und vorbehaltlos über die Zukunft des Staates debattieren zu können. Was hier entstand, nährte später das bürgerliche Theater und die liberale Presse.
Die Schweizer Geschichtswissenschaft ortet in Clubdebatte. eine der vier Triebfedern zur modernen Demokratie. Die anderen waren die oft zitierten Landsgemeinden, die Petitionen der Untertanen und Gewaltandrohungen der Unzufriedenen. Die Clubs waren die zivilisierte all dieser Foren der Zukunft -entwickelt von aufgeklärten Frauen.

Bis das aristokratische Bern fiel, brauchte es jedoch die Bajonette der Franzosen.
Die Helvetische Republik mit ihrem Zentralismus ging bereits im Kindesalter von sechs Jahren unter. Die nachfolgende Mediationsverfassung mit den heutigen Kantone brachte es mit 12 Jahren ins Jugendalter. Ins Erwachsenenalter kam erst der Bundesvertrag des Wiener Kongress von 1815 erlassen hatte. Aufgehoben wurde er erst mit der Gründung des Bundesstaats 1848.

In Kanton Tessin ging man bereits 1830 nach einer lokalen Revolution zum bürgerlichen Staat mit einer repräsentativen Demokratie über. Das beflügelte das Bürgertum vieler Kantone zur Nachahmung. 1831 folgte auch Bern, als letzter deutschsprachiger Kanton notabene. Hier wirkte der reaktionäre Geist nach, den Karl Ludwig von Haller seinerzeit im «Äussere Stand» eingepflanzt hatte.
Beim Aufkommen der Demokratie verschanzten sich ihre Nachfolger im benachbarten Erlacherhof. Mit Gewehren und Munition versuchten sie die neue Zeit aufzuhalten. Vergebens: Julie Bondelis Vision der Aufklärung siegte über die Tradition des Äußeren Standes.

PS:
Ein Jugendparlament gab es nach der Auflösung des Äußeren Standes übrigens genau 150 Jahre nicht mehr. Davon jedoch später!

Foto: Stadtwanderer (in guten Zeiten)

Teil 1 meiner Stadtwanderung „Jugend&Politik“

„In Bern beginnt die Neuzeit mit einer veritablen Katastrophe! Ausgelöst wir sie durch junge Berner Männer, die krank aus Italien kamen. Eine Generation später plünderten frustrierte Reisläufer gar die Stadt.

Die Jungs der Eidgenossen waren nach ihrem Schlachtensieg 1476 bei Murten gegen die Burgunder überaus begehrt. Alle wollten sie haben: die Franzosen, die Mailänder, die Venezier, der Kaiser und gar der Papst.
Doch als die ersten Reisläufer aus Neapel zurückkamen, waren viele von ihnen krank.
Sie brachten die «italienische Krankheit» mit.
In Italien nannte man sie zwar die «französische Krankheit». Wäre man aus Polen gekommen, hätte man die «deutsche Krankheit» eingeführt, und im osmanischen Reich wäre man von der «christlichen Krankheit» befallen worden.

Heute weiss man, die Berner Jungs hatten Syphilis. Sie waren Teil einer Pandemie geworden! Ihre Ursprung hatte sie wohl mit der Rückfahrt der Mannen von Christoph Columbus. Vom Hafen von Neapel aus nahm das Schicksal seinen Lauf.
Weil man in unseren Breitengraden diese Geschlechtskrankheit nicht kannte, isolierte man die Kranken kurzerhand in einem Spital im Altenberg auf der gegenüber liegenden Seite der Aare. Dort lebten sie unter sich – meist ohne Hoffnung auf Genesung.

1513 wäre das militärisch mächtige Bern beinahe ein respektables Staatswesen mitten in Europa geworden. Mit den eidgenössischen Truppen stand man vor Mailand, alleine war man vor Dijon.
Vor Mailand gewann man die Schlacht bei Novara gegen Frankreich, in Dijon zog man unverrichteter Dinge wieder ab.
Warlords bestimmten das Geschehen, die politisch unkoordiniert auf eigene Faust handelten.

Aus dem neuen Staatswesen wurde jedoch wegen einem Aufstand der Könizer Jungs nichts!
Eben waren die Reisläufer aus Oberitalien zurück gekehrt, mit Wappen und Bär als Zeichen des Stolzes (Bild). Getroffen hatte man sich bei der Kirchweihe in Berns Nachbar.
Da machte ein schreckliches Gerücht die Runde. Berns Obrigkeit habe französische Pensionen erhalten, um keinen weiteren Krieg mehr gegen die Unterlegenen zu führen.
Schnell wurde klar, was das bedeutete: Geld für die Herren, HomeOffice für die Untertanen!
In der Nacht des 26. Juni 1513 machten sich 300 wütige junge Männer auf, um Stadt Bern zu plündern.

Alt-Schultheiss Wilhelm von Diesbach ging dazwischen und rief seine Treuen zu den Waffen.

Zu spät!

Vor den Stadtmauern standen am Morgen noch mehr Bauernsöhne, um sich zu erheben.

Bern blieb nichts anderes übrig, als die verbündeten Eidgenossen zur Hilfe zu rufen. Innert Wochefrist kam es zu einem Schiedsspruch.
Berns Stadtschreiber verkündete die Namen jener, die tatsächlich Gelder erhalten hatten. An erster Stelle stand Wilhelm von Diesbach. Allerdings war er nicht alleine: Eine Mehrheit der Klein- und Grossräte befand sich ebenfalls auf der Schwarzen Liste. Sie alle mussten die Pensionen abgeben und bekamen Geldstrafen aufgebrummt. Die Aufständischen blieben straflos.
Die Stadt musste den Untertanen ihre alten Rechte neu zusichern. Dazu gehörte deren Zustimmung bei Kriegseintritten und Kapitulationen. Das nannte man Ämterbefragung, eine Vorstufe des heutigen Referendums quasi.
Die Bauernsöhne waren zufrieden!

Weniger bekannt ist das Leben der Bauerntöchter zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Ihre Mütter kümmerten sich wohl um die Söhne, wenn sie als Krüppel auf die Höfe zurück kamen. Die jungen Frauen waren bisweilen als Marketenderinnen mit den Soldherren unterwegs waren. Gemeint waren damit Frauen, welche die Söldner mit Waren und Diensten versorgten. Noch war es nicht üblich, dass man dafür raubte.
Nicht selten waren die Marketendenrinnen jedoch in erster Linie Prostituierte.

Die grosse Wende kam mit der Reformation 1528. Wenigstens vorübergehend wurde das Soldwesen abgelöst, dann durch die eidg. Heere in fremden Diensten ersetzt.
In der Zwischenzeit wurden die Jungs im Landesausbau beispielsweise in der eroberten Waadt eingesetzt.
Wer im Gros de Vaud, der grossen Ebene über dem Genfersee, ein Stück des schlechten Sumpfs nutzbar machte, durfte es danach selber bebauen.

Nun heisst schlechter Sumpf im schlechtem Latein der damaligen Zeit „Malapalud“.
Das ist mein Heimatort.
Und die Longchamps waren jene, die das weite Feld ausserhalb von Echallens bebauten. So stamme ich aus einer Waadtländer Familie, die aus bescheidenen Verhältnissen aufsteigen konnte, damit meine Urvorfahren nicht mehr als Söldner ihren Lebensunterhalt verdienen mussten.“