Jegenstorf, Schlosspark. Lauer Samstagabend. Die örtlichen Schlossparkspiele führen das Stück “Der General” vor. Eine gelungene Veranstaltung, wie ich meine.

0_86872400_1467652573 Bild:Schlossspiele Jegenstorf 2016

Ehrlich gesagt, als ich eingeladen wurde, zögerte ich innerlich einen kleinen Moment. Nicht des Schlosses wegen. Ich mag es sehr, habe schon Strategieretraiten in seinen Sälen durchgeführt. Den Zweiten Weltkrieg in der Schweiz aufleben zu lassen, war mit allerdings ein wenig suspekt. Vielleicht wegen der Biografie von Henri Guisan, verfasst von Markus Somm. Zu gerne hätte ich mit ihm über Geschichtsschreibung, Kritik und Verklärung gestritten. Und das im Schloss Jegenstorf. Der Historiker, Verleger und Journalist in Basel sagte leider ab. Seine Ortskenntnisse seien ungenügend.
Als uns ein wunderbarer Sommerabend nach Jegenstorf lud, waren meine Bedenken sowieso verflogen. Die Sonne erwärmte den lauschigen Park, das Abendlicht spielte mit dem mächtigen Schlossturm. Und ein Lüftchen um die Ohren sorgte für angenehme Atmosphäre. So richtig in Stimmung brachte uns die die Küche. Zwar erinnerte sie mich ein wenig an die Rekrutenschule in Murten. Suppe. Käseschnitte. Burehamme. Zu meiner Freude schmeckte alles jedoch viel besser, als es in meiner Erinnerung geblieben war.
“Der General” hätte nirgends besser aufgeführt werden können. 1944 bezog Henri Guisan, Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, das Schloss, um seinen neuen Kommandoposten hier zu errichten. Das war eine Ansage. 1941 hatte er seinen Plan für das Reduit verkündet und Interlaken zu seinem Standort gemacht. Die Diskussionen fielen alles andere als einhellig aus, denn im Kriegsfall hätte man das bevölkerungsreiche Mittelland aufgegeben und die alleine die Alpen verteidigt. Mit der Wahl von Jegenstorf als neuem Sitz des Generalstabs signalisierte der General, von einer möglichen militärischen Herrschaft über das Gebiet zwischen Alpen und Jura auszugehen. Das alleine war schon eine halbe Friedenbotschaft.
Das Stück selber kreist um den realen Absturz eines US-Bombers in Jegenstorf. Die Geschichte darum herum ist aber ausgeschmückt. So wurde der Pilot beim Bauern in Schlossnähe interniert, ist aber flüchtig. Im Hauptquartier sorgt das für mächtige Unruhe – nicht zuletzt, weil der Oberbefehlshaber im Jura an der Grenze weilt, an der eine Bombe nieder gegangen sei und das Schicksal des Generals im Ungewissen liegt. Im Schloss hat es unter der Leitung des Generalstabschefs allerei Gäste: Zuerst die Gruppe Schwertfeger mit 5 FHD-Frauen, die den General unterstützen soll. Dann den Zürcher Oberkorpskommandant Brülhart, der konstant gegen die Romands an der Armeespitze lästert. Schliesslich ein paar Soldaten, die in ihrer Tollpatschigkeit stark an den legendären HD Läppli erinnern. Nicht übersehen sei, dass auch der Frauenchor von Jegenstorf unter der chächen Kreuz-Wirtin im Schlossgarten probt, denn der 70. Geburtstag des Generals steht an.
Das ganze ist gutes Theater: Der flüchtige Pilot erweist sich bald als Liebhaber der jungen Bauersfrau von nebenan, der schnellstmöglich nach Frankreich zu seiner Truppe zurück möchte. Die FHDlerinnen verkleiden ihn in einen Zivilisten, doch aus Versehen nimmt er die Aktentasche von Oberstkorpskommandant Brülhart mit. In der sind geheime Unterlagen für die gewünschte Truppenaufstellung im Osten, die im Hauptquartier von Major Pfander heimlich fotografiert worden waren. Das wiederum weiss der General, der im dritten Bild überraschend nach ins Hauptquartier zurückkommt, um den Spionageverdacht zu regeln. Der Rest ergibt sich: Bösewicht Brülhart wird zuerst des Landesverrats verdächtigt, vom General aber gestützt. Dem Piloten vergibt der oberste Militär – alles sei eine harmlose “une historie d’amour”. So fällt der Verdacht zurecht auf Major, erst seit kurzem in Jegenstorf. In Handschellen wird er abgeführt, sodass die Szenerie für den singende Frauenchor und die belebte Geburtstagsparty frei wird.
Das Stück von Daniel Ludwig, aufgeführt von Reto Lang, hat Fluss, Schalk und Charme. Die zweistündige Spielzeit ist im Nu vorbei. Die gebotene Spielleistung überzeugt, diverse Anspielungen auf die Gegenwart nehmen dem historischen Stoff seine mögliche Schwere. So hauen die FHDlerinnen kräftig auf den Putz, als die Männergesellschaft frauenfeindlich lästert, und sie sind in der Flugzeugerkennung besser als alle andern im Hauptquartier. Klar doch, die ambitioniertes unter ihnen will Flugzeugmechanikerin werden, ja Pilotin. Am Ende wollen sie noch das Stimmrecht lästert die Männerrunde, aber auch der Frauenchor mag sich ob den Mannsfrauen nicht erwärmen. 70 Jahre nach dem Geschehen mag man ob dieser Prophetie nur schmunzeln.
Ein Gefühl von reenactment – inszenierter Geschichte – kommt vor allem mit dem Soundeffekt auf, der überfliegende Kampfbomber so echt simuliert, dass man sich sitzend unweigerlich umdrehen möchte, um nach dem Geschehen hinter einem zu schauen. Dennoch, um Geschichte als gesicherte und gedeutete Vergangenheit, geht es in diesem Theater nicht. Dafür hätte man sich kritischer mit dem Stoff auseinander setzen müssen. Das ist auch diesmal nicht geschehen, kann man Somm nachsagen. An einem Sommerabend wie diesem wäre es kaum gut aufgenommen worden. Denn man dürstete nach guter Unterhalten und frischem Getränk. Beides bekommt reichlich geboten. (M)eine Empfehlung!

Stadtwanderer

Karl&Co.

Juli 7, 2016 | Leave a Comment

Nein, es geht es nicht um Karl den Grossen und seine Enkel. Vielmehr dreht sich diese Geschichte um Kaiser Karl IV. und seine Dynastie. Denn Karl&Co in der Berner Altstadt ist ihm direkt gewidmet.

Die Stadt Bern ist älter als die Eidgenossenschaft. Zu Zeiten der Stadtgründung, 1191 also, gehörte das ganze Gebiet der heutigen Schweiz zum Kaiserreich, für das in der damaligen Zeit der Titel “HRR”, “Heiliges Römisches Reich”, aufkam. Gebaut wurde Bern auf imperialem Boden, weshalb die Stadt nach dem Tod des letzten Zähringers Königsstadt wurde. Des Königs Stellvertreter war der Schultheiss, was sich von Schuldheischer oder Steuereintreiber ableitete. Denn als Königsstadt zahlte man ausschliesslich der Krone Steuern, keinem Adeligen aus der Umgebung. Spätestens 1298 verhielt sich Bern als Reichsstadt, das heisst als Teil des Reichs, ohne dem jeweiligen König speziell zu huldigen. Hintergrund dieser Auslegung war die Rivalität der führenden Adelhäuser im Reich. Könige aus der Dynastie der “Luxemburger” waren der Stadt traditionell gut gesinnt, was man von Vertretern der Habsburgern und Wittelsbacher weniger sagen konnte.
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Historische_Karte_CH_1416

Der erste “Luxemburger” (genau “Luxemburg-Böhmen”), der Bern förderte, war König Heinrich VII. Er verpfändete 1310 der Stadt und nicht den Kyburgern Laupen, sodass Bern hier bald schon den ersten Landvogt einsetzen konnte. Der letzte Förderer in dieser Reihe war Sigismund, König von Ungarn. Er weilt 1414 in Bern, wo er das neu erbaute Rathaus einweihte und die Stadt in den Reichsstand erhob.
Dazwischen war Karl IV. Der Enkel von Heinrich und Vater von Sigismund begann seinen Aufstieg unter widrigen Umständen. Denn 1346 wurde er bloss zum Gegenkönig gekrönt, musste sich also erst gegen andere durchsetzen. Sein Gegenspieler war König Ludwig der Baier, der in Laupen mit den Freiburgern und gegen die Berner gekämpft und verloren hatte – mitunter auch wegen der Allianz der Berner mit den Innerschweizern.
Mit Karl, der von Prag aus regierte, sollte sich das Blatt definitiv wenden. Sein Durchbruch kam mit der Goldenen Bulle von 1356. Mit dieser ordnete er das Reichsrecht nach dem Durcheinander durch die grosse Pest neu. Dabei kaum seine vorläufige Skepsis gegen Eidgenossenschaften mit Reichstädten mit gewöhnlichen Städten und Ländern noch zum Ausdruck
Seine neue Bern-Politik setze 1360 ein. Nur fünf Jahre später weilte der Kaiser gar in Bern. Er bahnte sich einen Weg von Prag nach Avignon, dem damaligen Papstsitz. Sein Berner Zuhause war das Hotel Adler. Mit dem wichtigste Dokument aus dieser Zeit privilegierte er die Stadt Bern. Von nun an sollte sie Reichslehen erwerben können. Damit wurde die Stadt dem Landadel gleichgestellt, denn normalerweise wäre das nur den Grafen von Kyburg oder von Savoyen in unserer Gegend zugestanden. Hinzu kam das Recht, in der Stadt ein Kaufhaus zu führen, was dem Handel in Bern einen Aufschwung verschaffte. Voraussetzung hierfür war allerdings, dass die Familie von Bubenberg, nach der Grossen Pest ins Könizer Exil verbannt, wieder zurück kommen und das Amt des Schultheissen erneut übernehmen durfte. Dies geschah zum internen Preis, dass die Matte, ein Dorf ausserhalb der Stadt, von den Bubenbergs an die Stadt überging.

Betrachtet man die Privilegien Karls für Bern, sind sie ein gewichtiger Meilenstein im Aufstieg der Stadt vom der Königs- und Reichsstadt hin zum vollwertigen Reichsstand. Ein zentraler Grund hierfür war, dass Bern ein weitreichendes Territorium rund um die Stadt zu beherrschen begann. Das prägt Städte wie Bern, Luzern und Zürich bis heute. Denn im Mittelalter war es unüblich, das Städte grosse Landbesitzer waren. Schaffhausen weiss das bestens. Letztlich ist das ein Phänomen des Schweizer Mittellandes – als Folge der Krise, die den Landadel im 14. Jahrhundert erfasst hatte. Im Osten drängte Bern so den kyburgischen Einfluss zurück, im Westen wurde man Erbin des zerfallenden burgundischen Königreichs.
Nagelprobe der bernischen Expansionspolitik war der sogenannte Burgdorfer-Krieg von 1382 bis 1384. Er reihte sich in die grossen Auseinandersetzungen zwischen aufstrebenden Städten niedergehendem Adel ein. Auf der anderen Seite des Rheins setzte sich dabei der Adel gegen die Städte durch. Auf unserer Seite war es umgekehrt. Denn Zürich gewann gegen Habsburg und übernahm Zug und Glarus.
Während dem “Burgdorfer” belagerte Bern die Kyburgerstädte Burgdorf und Thun. Das war die Rache dafür, dass die Kyburger das befreundete Solothurn angegriffen hatten. Erstmals setzten die Berner dabei Kanonen ein, eine willkommene Verstärkung der bisherigen Wurfmaschinen. Ein grosser Erfolg war dem Angriff auf die Nachbarstädte allerdings nicht beschieden. Denn beide Attacken endeten militärisch im Patt. Schliesslich musste die Bern die beiden Städte gegen viel Bares kaufen. Die Kyburger kam so zu ersehnten Geld und Bern zu wichtigen Märkten in Ober- und ist Mittelland. Bern legte damit nicht nur den Grundstein zur Herrschaftsstruktur, aus der zuerst die Republik, dann der Kanton hervorgehen sollte. Die Stadt schuf so auch eine wichtige Voraussetzung, um vorherrschende Macht im Aaretal zu werden. 1415, bei der Eroberung des Aargaus, sollte sich der Burgdorfer ausbezahlen. Das versetzte im übrigen den Kyburgern den definitiven Schlag. Denn nur kurze Zeit später verschwanden sie in der Bedeutungslosigkeit. Karl hat die Voraussetzung für das alles geschaffen. Letztlich begründete er trotz Bedenken den Aufstieg von Städten wie Zürich und Bern, die miteinander verbunden, nebst den Waldstätten den mittelalterlichen Kern der Eidgenossenschaft bilden sollten.
Bis vor kurzer Zeit gab es gar nichts, das in Bern an Karl erinnert hätte. Jetzt ist es Karl&Co. Versehen mit dem Zusatz “1383”, dem Datum des Angriffs auf die Kyburger Städte.

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Jetzt weiss man, wo Kim Jong Un in jungen Jahren im Berner Liebefeld lebte – und leidenschaftlich Basketball spielte.

Ein Artikel in der Washington Post brachte es ins Rollen. Beschrieben wurde, wie der heutige Diktator Nordkoreas Kim Jong Un bei seiner Tante Ko Yong Suk in Bern lebte. Begonnen habe alles vor 2 Dezennien, hiess es da, und gedauert habe es etwas mehr als zwei Jahre. Kim war 12, als er in die Schweiz kam, und 14, als er sie wieder verliess.
Auf Twitter habe ich damals den Artikel verlinkt und bemerkt, wenn ich nur wüsste, wo Kim gewohnt hätte, würde ich ihn auf meinen Standwanderungen gerne mit einbeziehen. Lenin habe ich ja schon, Mussolini kommt bald, sodass sich der Sprung zum nordkoreanischen Leader anbot.
Es vergingen keine 10 Minuten, da hatte ich die erste Reaktion auf meinen Tweet. Es meldete sich ein früherer Nachbar von Kim. Wenn ich wolle, würde er mir zeigen, wo das alles war.
Der Twitter-Kollege war kein geringer als Victor Schmid, einst persönlicher Mitarbeiter von Aussenminister Falvio Cotti und späterer Teilhaber der Kommunikationsagentur bei Hirzel, Neff & Schmid. Mit ihm habe ich mich jüngst getroffen.

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Wo einst die Tante Kims mit seinem Bruder im Berner Liebefeld wohnte

Ortstermin war im Liebefeld, genau genommen an der Kirchstrasse 10. Schmid zeigte mir, wo die Jungs Basketball gespielt hatten. Die Wand steht noch, doch leider hängt der Korb nicht mehr. Gewichen ist er der Werbung für die Berner Münsterkellerei, die heute noch ihr Lager im nahegelegenen Hügel hat. Der Platz steht noch, und man kann sich gut vorstellen, dass man hier den Ball gerne hoch hinaus warf.
Gewusst habe man, dass es Nordkoreaner seien, erzählt mein Gewährsmann. Angenommen habe man, es handle sich um Botschaftsangestellte. Meist seien es ein paar Buben gewesen, die draussen stundenlang gespielt hätten. Der Jüngste sei immer etwas herausgestochen. Nie seien sie unbegleitet draussen gewesen. Stets hätten sie vier erwachsene Männer umgeben. Im Bus seien sie jeweils mit einer gedrungenen Frau unterwegs gewesen.

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Wand gegen die Kim leidenschaftlich Basketball spielte

Die Nachbar sprachen damals viel über die etwas sonderbaren Zeitgenossen. Direkte Kontakte hatten sie aber kaum. Selbst unter Alterskollegen sei das nicht üblich gewesen. Erwachsene hätten die Nordkoreaner wie Luft behandelt, durch die man hindurch geschaut habe. Emotionen hätten sie nie gezeigt.
Bisweilen habe es Klagen wegen des anhaltenden Basketball-Spiels gegeben. Sanktionen seien aber nie ausgesprochen worden. Distanzierter Respekt habe das Verhältnis zu den Leute aus dem fernen Osten geprägt.
Die Schmids hatten damals in der Tiefgarage der Siedlung zwei Parkplätze. Unmittelbar daneben stand ein neuer VW-Bus, ganz in schwarz, mit eingefärbten Scheiben. Der habe den Nordkoreanern gehört, erläutert mit der Kommunikationsprofi. Kim habe man die in der Garage gesehen. Ein Chauffeur holte sie stets vor dem Haus ab. Für die Legende vom protzigen Mercedes, mit dem die Nordkoreaner unterwegs gewesen sei, kenne er keinen einzigen Hinweise. Das hätte auch nicht zu ihrem eher diskreten Auftreten gepasst.

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“Berner Zweig” der Familie von Kim Jong Un

Die Nummer 10 an der Kirchstrasse war das Zentrum der Nordkoreaner, erzählt Schmid, als wir wieder im Freien sind. Er nehme an, dass die jungen Nordkoreaner Kontakte zum Haus Nummer 8 gelebt hätten. Jedenfalls sah man sie da häufig dort aus dem Garten kommen.
Als erstmals bekannt wurde, dass Kim, seit Ende 2011 Nordkoreas Chef, in den 90ern des 20. Jahrhunderts irgendwo in Bern gelebt habe, war man sich in der Familie Schmid schnell einig. Das musste die früherer Nachbar gewesen sein.
Jetzt weiss man mehr!
Der Ort selber hat durchaus einen Bezug zur globalisierten Welt. Vormals stand das Headquarter der Brauerei Hess am Ort. Dann wurde diese abgerissen, und die CS machte sich im Viertel breit. Wo einst das Zentrum des Hess Family Estates stand, ist heute Verwaltungszentrum der Münsterkellerei vor Ort, auch das ein Teil des Hess-Imperiums.
Auf deren Parkplatz spielte einst der Jungdiktator sein berühmt gewordenes Basketball.

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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diese starken Worte der Französischen Revolution stehen über dem Freilufttheater in Murten, das von der Helvetischen Revolution vor gut 200 Jahren erzählt. Mein Bericht nach dem Besuch.

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Bühnenbild oberhalb Murtens, kurz vor der Vorstellung “Helvetische Revolution”.

Gut gefallen hat mir zum Beispiel das Bühnenbild. Es ist schlicht gehalten. Ohne umgebaut zu werden, taugte es für die verschiedenartigsten Szenen. Weniger überzeugend war jedenfalls bei meinem Besuch der Einstieg ins Stück. Wegen des drohenden Regens (?) schien die Spiellust zu fehlen. Und auch der Schluss mit dem Ausblick der Hauptdarsteller auf den Murtensee wirkte für ein Revolutionsstück reichlich unpolitisch.

Was ich dazwischen sah, war jedoch echt toll!

Gezeigt wurden das ausgehende Ancien Regime und die Jahre der Revolution. Bestrichen wurden die Jahre zwischen 1768 und 1803. Protagonisten der damaligen Zeit im Theater sind beispielsweise die liberale NZZ, deren Redaktor von Daphné, einer revolutionär gesinnten Journalistin, bedrängt wird, Heinrich Pestalozzi, dessen Frau Anna unter seinen praktischen Misserfolgen leidet, aber auch der Berner Schultheiss Niklaus von Steiger, der sich im Berner Rat nur knapp halten kann, denn Säckelmeister von Frisching paktiert offen mit den Franzosenfreunden.

Das dramatische Ende des Ancien Régimes fand in der Schlacht am Grauholz seinen effektiven und theatralischen Höhepunkt kurz vor der Pause. Die war präzise dann, als es regnete. Wer glaubte, danach sei es vorbei mit dem wilden Krieg, sah sich jäh getäuscht. Denn die zweite Spielzeit beginnt mit dem Massaker der Franzosen an den aufständischen Nidwaldnern, welches die neue Helvetische Regierung in arge Verlegenheit bringt. Schliesslich ist es Pestalozzi, der in Stans ein Waisenheim aufbauen soll, um die akute Not zu lindern. Gefördert wird er von Philipp A. Stapfer, dem Bildungsminister der neuen Republik, der wissen will, was die viel gelobten Erziehungsmethoden des Pädagogen taugen. Doch auch dieses Duo verkracht sich. Denn Peter Ochs, der starke Mann in der Helvetischen Regierung, verlangt Berichte über Erfolge, welche die Geldzahlungen rechtfertigen sollen. Das wiederum interessiert den Waisenvater nicht im geringsten, bis er schliesslich abgesetzt wird.

Ueberhaupt hat man den Eindruck, die Helvetische Revolution misslinge Stück für Stück, denn die Volksabstimmung über die neue Verfassung ist manipuliert, die Presseberichte der jungen Journalistin werden zensuriert, und schliesslich zerbricht auch das Verhältnis von Pestalozzi zu seiner Frau. Am Ende der Vorstellung fragt man sich ernsthaft, ob da Revolutionäres geschaffen wurde!

Vielleicht ist es genau das, was ich an der nacherzählten Helvetischen Revolution in Murten vermisst habe. So kläglich die Revolution von 1798 bis 1083 in ihren Teilschritten scheiterte, so grossartig wirkte sie auf die Befreiung von der Tradition der alten Eidgenossenschaft aus. Ohne sie hätte die Zukunft anders ausgesehen. Typisch für die Schweiz ist, dass nicht alles in fünf Jahren auf den Kopf gestellt wurde. Schrittweise entsteht der Bundesstaat von 1848, der in seinem Grundfesten noch Gültigkeit hat. Ebenso entwickelt sich nach 1830 das Gerüst des Parteiensystems mit den liberalen Kräften im Zentrum, den konservativen und sozialen Stimmen an den Flügeln. Zudem gilt 1815 als Moment in der Schweizer Geschichte, an dem sich völkerrechtliche Anerkennung durch Schweizerischen Eidgenossenschaft unwiderruflich durchsetzte. Das alles wäre nicht möglich gewesen, wären die alten Schichten mit ihrem Geflecht an Beziehungen der Ungleicheit 1798 nicht gestürzt worden, hätte nicht der Geist der Französischen Revolution mit der Gleichheit der Kantone, der Sprachen und der Konfessionen jene Grundlage geschaffen, auf der ein modernen Staat überhaupt erst entstehen konnte.

So ist die Helvetische Revolution mehr als nur französische Besatzungszeit, die viel Elend ins Land brachte. Sie ist auch der Anfang des Bildungsbürgertums, das Hoch-, Gewerbe- und Volksschulen gründen wird, wohlwissend dass Demokratie ohne Bildung nicht funktioniert. Es ist auch der Startschuss der Unternehmer, die ihren Erfindungsreichtum einsetzen, um die wirtschaftliche Entwicklung zu verbessern, weil allen klar ist, dass sie die wichtigste materielle Basis einer jeden modernen Staatsform darstellt. Und es ist der Beginn der Politiker und Medien, die sich an das heran tasten, was man heute öffentliche Meinung nennt, deren Vorteil es ist, den Informationsfluss an den Patrizierhöfen, in den Zunftshäusern und auf den Landgemeinden zum freien Medium des raisonierenden Geistes über das Gute gemacht zu haben.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind die Grundsätze, welche nicht nur die Französische, vielmehr auch die Helvetische Revolution vorangetrieben haben. Gerne hätte man im Theaterstück mehr hierzu erfahren. Denn das ist es, was bis heute von den kriegerischen Tagen bleibt, die nach den Umwälzungen der Reformation und vor den Umstürzten der Klassenkampfes die wichtigste Phase der Schweizer Geschichte sind.

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Im September 2017 lanciere ich meine neue eintägige Tour durch Bern. Sie wird ganz dem Thema “Migration” gewidmet sein.

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Wie gewohnt soll sie einmal Bern als Stadt zeigen, sodann Bern als Geschichte erlebbar machen. Dafür braucht es Orte mit hoher Symbolik, die der Zeit entrissen sind, sprich bis heute von Vergangenem berichten: Berns Brunnen, Kirchen, Türme, Denkmäler, Friedhöfe aber auch grossen Infrastrukturprojekte eigenen sich hierfür besondern.

Momentan arbeite ich an 13 Stationen der Berner Migrationsgeschichte, nachstehend kurz aufgezählt. Das Ganze ist chronologisch zu verstehen, von der Stadtgründung bis in die Gegenwart, wo beidie angesprochenen Themen vom thematischen Ausgangspunkt in der Vergangenheit mit Ausführungen im grossen Bogen bis in die Jetzt-Zeit erzählt werden.

Der Ansatz ist in erster Linie struktur- und kulturgeschichtlich – mit Anspielungen zur Politik in Vergangenheit und Gegenwart.

Konkret als Stationen ausgewählt habe ich:

. Das Bundeshaus: zur Migrationssymbolik der Fassade
. Der Zähringerbrunnen: Adelige auf dem Breisgau gründen Bern
. Der Chindlifresserbrunnen: Juden bringen Geld und Schulden, werden aufgenommen und vertrieben
. Das Münster: die Burgunderkriege, die Tapisserien, die Kanonen, der Schmuck und die burgundischen Waschfrauen
. Die Franzosenkirche: Hugenotten – Glaubensflüchtlinge zwischen Kulturbereicherung und Kulturschock im alten Bern
. Der Käfigturm: Arbeitslosigkeit, Dumpinglöhne, Gewerkschaften und politische Regulierungen
. Das Weltpostdenkmal: Bern, die vergessene Alternative zu Genf als Sitz internationaler Organisation
. Der Bahnhof: Brennpunkt des städtischen Bevölkerungswachstums, bis das Auto die Agglos anwachsen lässt
. Die Universität: Mediziner und Medizinerinnen aus Russland als Teil der sozialen Entwicklung
. Die Länggasse: wo Lenin seine Ideen der Weltrevolution entwickelte
. Der Bremgartenfriedhof: lokale, nationale und internationale Prominenz in Bern
. Das Inselspital: der multikulturellste Ort der Stadt
. Das Haus der Religionen: Vorbild für das Leben im 21. Jahrhundert?

Die Führungen sind jeweils am Samstag, von 0930 bis zirka 1600, mit einem Unterbruch zum gemeinsamen Mittagessen. Gedacht sind sie für Gruppen von 10-25 Personen. Interessenten können sich direkt bei mir melden. Der grösste Teil findet zu Fuss statt, einzelne Stationen werden mit Bernmobil zurückgelegt.

Stadtwanderer

Globalisierung bezeichnet die Entwicklung vor allem der modernsten Welt über nationale Grenzen hinaus. Sinnbild dafür ist das Denkmal des Weltpostvereins.

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Autour du Monde, Denkmal des Weltpostvereins in Bern

Der Globalisierungsindex der ETH unterscheidet drei Dimensionen: die wirtschaftliche, die gesellschaftlichen und die politische Globalisierung. Die Schweiz zählt zu den Ländern, die am meisten globalisiert sind. Bei der wirtschaftlichen Globalisierung figurieren wir regelmässig unter den ersten 30 Nationen. Bei der politischen sind wir meist unter den ersten 20. Bei der Globalisierung der Gesellschaft rangieren wir immer wieder unter den ersten 10 – gegenwärtig sogar an erster Stelle. Wir sind die globalste Gesellschaft. Das hat natürlich auch mit der Definition der KOF-Oekonomen zu tun. Ueber den Grad der wirtschaftlichen Globalisierung entscheiden ausländische Firmen und Investitionen. Botschaften und Friedensmission kennzeichnen die politische Globalisierung. Von sozialer Globalisierung spricht man vor allem angesichts von Tourismus und Migration.

Das Inselspital ist der multinationalste Ort der Stadt Bern. 2015 liessen sich Menschen aus 159 Nationen im führenden Universitätsspital operieren. Menschen aus 86 Nationen leisteten die hierfür nötigen medizinischen Behandlungen. Viele Leute, auch viele Bernerinnen!, haben vergessen, dass Bern schon zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein Zentrum der Medizin war. Am Anfang dieser Entwicklung steht die Verleihung des ersten Nobelpreises für Medizin überhaupt. Er ging an den Berner Chirurgen Theodor Kocher. Seinetwegen kamen viele Leute nach Bern, so auch Wladimir Iljitsch Uljanov, besser bekannt als Lenin. Auch seine kranke Frau, Nadeschda Konstantinowna Krupskaja, die spätere sowjetischen Bildungskommissarin, wurde von Kocher behandelt. Beide genossen sie während ihrer Berner Zeit die Weisheiten, die sie in den Büchern der Universitätsbibliothek fanden. Meist hielten sie sich jedoch unter russischen Emigranten auf. Daselbst schmiedeten sie Pläne, wie das russische Zarenreich gestürzt werden könnte. Was in Mansarden in Berner Länggassquartier entstand, sollte ab 1917 von St. Petersburg aus Weltgeschichte schreiben.

Zahlreich sind berühmt gewordene Russinnen. Anna Tumarkin, genau genommen aus dem heutigen Moldawien, studierte in Bern Medizin. Sie wurde hier zur Jahrhundertwende die erste Professorin Europas überhaupt, die an einer Universität Prüfungen und Arbeiten abnehmen durfte. Seinen Anfang nahm das Medizinstudium der Russinnen bereits im 19. Jahrhundert. Um 1900 zählte die medizinische Fakultät rund 600 Studierende. 400 davon waren AusländerInnen, die meisten Frauen aus Russland. Ihr Förderer war der Bernische Erziehungsdirektor Charles-Albert Gobat, ein freisinniger aus dem Jura von altem Schrot und Korn. Für seine frühe Zulassung von Frauen zum Medizinstudium wurde er von der Berner Bevölkerung gar nicht belohnt. 1906 kam es zu einem Aufstand gegen die selbstbewussten Russinnen. Gobat wurde in der Folge aus der Erziehungsdirektion spediert. Den politischen Dienst quittierte er, um sich ganz seiner eigentlichen Leidenschaft, der Friedenförderung im internationalen Friedensbüro, zu widmen. Hierfür erhielt er den Friedensnobelpreis – übrigens bis heute als einziger Schweizer Politiker.

Berühmte Migranten in Bern waren zudem Albert Einstein und Hermann Hesse. Beide lebten und wirkten hier, und auch sie zwei erhielten einen Nobelpreis, der eine für Physik, der andere für Literatur. Getrud Kurz, die Flüchtlingsmutter im zweiten Weltkrieg war mehrfach für den Friedensnobelpreis nominiert. Leider hat sie ihn nie erhalten.

Warum dieser Rundgang durch illustre MigrantInnen an dieser Stelle? Das Geheimnis will ich als Letztes lüften. Hinter uns ist das Denkmal des Weltpostvereins. Genannt wird es “Autour du Monde”; symbolisiert sind die fünf Kontinente durch Frauen, die sich rund um den Erdball die Hand reichen. Der Verein selber entstand in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts auf Initiative der Deutschen Post, um den Briefverkehr, der mit den Wanderungen durch die Industrialisierung zugenommen hatte, zuerst in Europa, dann weltweit zu vereinheitlich. Sitz der Organisation wurde Bern. Das ist bis heute so. Zwischenzeitlich ist es eine Unterorganisation der UNO. Seine Rolle als Stadt für internationale Organisationen, die mit dem Weltpostverein begann, hat Bern nach dem 1. Weltkrieg nach Genf verloren, als der Völkerbund in der Rhonestadt ihre Tore öffnete. Seither ist Bern “nur” Bundesstadt. Wirtschaftlich macht das Sinn, denn namentlich die Post, die SBB und die Swisscom als grösste Arbeitgeber sind klar national ausgerichtet. International ist Bern speziell wegen den zahlreichen Botschaften. Früher kam die bürgerliche Friedensbewegung hinzu. Erheblich globalisiert ist dafür die heutige Berner Gesellschaft. Menschen fast aller Nationen machen hier Ferien, kommen, um zu arbeiten. Oder flüchten, weil sie sich ein besseres Leben erhoffen.

Im Migrationsprodukt der Zähringer zu Zeiten des modernen Klimawandels.

Stadtwanderer

Fremdenfeindliche Uebergriffe im modernen Sinne kennt man in Berns Geschichte seit dem Ende der Industrialisierung.Typisch ist, dass sich dabei soziale und nationale Problemlagen mischen.

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Käfigturmkrawall 1893

“Chäfig” meint im Berndeutschen Gefängnis. Der Chäfigturm ist jener Turm, der damals das Untersuchungsgefängnis der Berner Polizei herbergte. Im Sommer 1893 kam es hier, wo wir jetzt stehen, zu einem fürchterlichen Krawall, der einem kleinen Bürgerkrieg glich.

Ausgangspunkt war eine Demonstration von Berner Handlangern, die meisten von ihnen arbeitslos. Die Gruppe von rund 50 Mann bewegte sich vom Bahnhof Richtung Kirchenfeld, wo man mit englischem Kapital und italienischen Arbeitern ein neues Stadtquartier baute. Grund der Demonstration waren die Dumpinglöhne, zu denen die Fremdarbeiter hier schufteten. Um ihrer Wut Auslauf zu geben, demolierten die Randalierer die Baugerüste, und verklopften sie die Fremdländischen. Es schritt die Berner Polizei ein, gegen die Handlanger, die zur Aufnahme der Personalien in den Käfigturm gesperrt wurden. Das machte in der Stadt rasch die Runde, was zu einer Solidaritätskundgebung zugunsten der Eingesperrten führte. Die Polizei griff drei Mal in die gewerkschaftliche Kundgebung ein, stets erfolglos. Schliesslich befahl der freisinnige Stadtpräsident Eduard Müller Berns zwei Kompanien Militär auf den Platz. Thuner Artilleristen stoppten den Auflauf; die Stadt blieb in der Folge aber unruhig und musste vier ganze Wochen militärisch besetzt bleiben.

Nun wurde Niklaus Wassilieff, der die organisierte Arbeiterschaft vertrat, wegen Anstiftung zur Aufruhr ins Gefängnis gesteckt. Beim Bürgertum der russische Migrant verhasst. In ihrer Erinnerung ist er bis heute der “WaschliSepp”. Dennoch profitierte die junge Arbeiterbewegung vom Käfigturmkrawall. Er ist der Startschuss zur Arbeiterbewegung Bern. Nur zwei Jahre später wurde erstmals ein Sozialdemokrat in die Berner Stadtregierung gewählt.

Möglich geworden war der Krawall durch die Umstände. 1888 wurde mit der SP die erste linke Partei der Schweiz gegründet, die mit dem 1. Mai den internationalen Tag der Arbeit feierte. Das Bürgertum reagierte mit einem Schulterschluss. Am 1. August 1891 feierten Freisinnige und Katholisch-Konservative die legendäre Gründung der Eidgenossenschaft von 1291. Das polarisierte die angespannte Situation in Bern. Den Anfang der Spannungen machte die Gründung der Arbeiterunion 1890. Zwei Jahre später entstand der bürgerliche Einwohnerverein als Gegenstück. Dieser reagierte scharf auf Arbeiterproteste, die ihren Ursprung in der wirtschaftlichen und sozialen Lage der einheimischen wie ausländischen Unterschichten, mit dem bürgerlichen Leben in Bern jedoch nichts gemeinsam hatten.

Belle epoque nennt man diese Zeit in der bürgerlichen Rückschau. Linke Historiker ziehen den Begriff des Klassenkampfes vor. Beiden Sichtweisen geht es um das industrielle Bern, seine neue soziale Spaltung. Politisch sollte sich der Ende des 19. Jahrhunderts eingeschlagene Weg der Demokratisierung von Institutionen ein geeignetes Mittel der Mässigung erweisen. Die Berner SP schwor nach der Weltwirtschaftskrise dem Klassenkampf ab, befürwortete die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, um die soziale Lage der Arbeiter zu verbessern. Das Bürgertum verzichtete dafür Vergeltungsmassnahmen. Belohnt wurde die SP mit der Aufnahme in die Kantonsregierung 1937. 1943 folgte der erste sozialdemokratische Bundesrat. Die Zauberformel mit je 2 FDP, CVP, SP und 1 SVP Vertreter galt von 1959 bis 2003.

Die 80er Jahre brachten der Linke eine vorübergehende Krise. Das Dogma des Fortschritts durch Wirtschaftswachstum wurde aufgebrochen. Die Verheissungen der nachindustriellen Gesellschaft brachten die Grünen mit ihrer Wachstumskritik auf den Plan, Sie politisieren seither vor allem in den Parlamenten, in Kantonen und Städte auch in zahlreichen Regierungen. Dank ihnen wurde der Umweltschutz populär. Wie die SP brachten auch sie viele Frauen in die Politik.

Seit 24 Jahren ist die Linke in Stadt Bern in der Mehrheit. RGM heisst das Zauberwort, das SP, linke und moderate Grüne zusammenfasst. Nötig war es hierfür, die Fixierung der Gewerkschaften auf benachteiligte Schweizer aufzugeben und von Diskriminierung aufgrund verschiedenster nationaler Herkünfte auszugehen. Das hat einen Teil der klassisch ausgerichteten Arbeiterschaft in die Hände der Rechtsparteien getrieben. Zu den offensichtlichen Leistungen des rotgrünen Bündnisses in Bern zählt jedoch, die Stadtfinanzen in Ordnung gebracht zu haben. Gefördert wurde in der Folge das urbane Leben für junge Familien, umweltbewusste Velofahrer und kulturell interessierte Zeitgenossen.

Sinnigerweise ist das alles am 6. Dezember 1992 entstanden. Seither bildet Bern die Antithese zum Rechtsrutsch der Schweiz unter Führung der SVP. Migrationspolitik bildet bis heute einen der Zankapfel zwischen links und rechts. geblieben. So lehnte die Stadt die Masseneinwanderungsinitiative mit 72.3 Prozent ab, derweil sie landesweit mit 50.3 Prozent angenommen wurde. Ueberhaupt zeigen statistische Analysen, dass Bern heute bei Abstimmungen die linkste Stadt der deutschsprachigen Schweiz ist. Das erklärt auch, dass sich den Luxus leisten kann, gleich mit drei linken KandidatInnen zu den Stadtpräsidentenwahlen Ende Jahr anzutreten.

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Die Hugenotten waren zwar auch reformiert, aber eben anders als die orthodoxen Berner. Nach 8 Jahren der Gastfreundschaft werden viele von ihnen ausgewiesen. Zum Teil zum Vorteil der Untertanen, die sie aufnehmen mussten.

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Franzosenkirche Bern

Der Gebäudeteil, in dem wir uns befinden, ist der älteste noch bestehende Steinbau Berns. Er stammt aus dem beginnenden 14. Jahrhundert. Ursprünglich war das die Kirche des Dominikanerklosters, gestiftet zu Zeiten der savoyischen Stadtherrschaft. Heute heisst die Kirche Franzosenkirche, denn sie wurden nach einer Umnutzung im Gefolge der Reformation ab dem 17. Jahrhundert zur Kirche der Hugenotten.

Ohne die Definition staatlicher Herrschaft im modernen Sinnen, gibt es auch keine Grenzen. Deshalb gibt es auch fast kein örtlich gebundenes Recht. Dieses etablierte sich ausgehend von den Städten und löste das mittelalterliche Feudalrecht ab, wonach man einem Herrn gehörte, wo auch immer man war. Der Begriff des Flüchtlings hängt eng damit zusammen. Denn erst mit der Flucht aus einem Gebiet mit eigenem Recht in das Gebiet mit anderem Recht macht die Bezeichnung überhaupt Sinn.

Ihre rechtliche Autonomie erreichte die Stadt Bern 1499, jene der Eidgenossenschaft wurde 1648 im westfälischen Frieden definitiv gewährleistet. Die erste grosse Flüchtlingsbewegung, welche die Eidgenossenschaft erreicht, datiert aus dem Jahr 1685. Ausgelöst wurde sie durch die Kündigung des Edikts von Nantes, das die Reformierten in Frankreich den Katholiken gleichstellt hatte. In der Folge bewegten sie die Hugenotten über Genf auf das Gebiet der Eidgenossenschaft zu. 150’000 Personen durchquerten das Land. 60’000 liessen sich hier wenigstens vorübergehend nieder. Nötig war hierfür ein gemeinsamer Plan der Eidgenossenschaft. Die katholischen Orte weigerten sich, Flüchtlinge einer anderen Konfession aufzunehmen. So teilten sich Bern, Zürich, Basel und Schaffhausen in die Aufgabe. Bern gab dabei die Merkel und übernahm die Hälfte der Flüchtlinge.

Für die Stadt bedeutete dies zuerst eine Kulturbereicherungen. Jetzt lernten die Berner französisch; später sollte dies gar zum Abgrenzungsmerkmal werden, denn die Patrizier zeichneten sich im 18. Jahrhundert unter anderem dadurch aus, dass sie untereinander französisch parlierten, was das gemeine Volks nicht verstand. Bei der religiösen Kulturbegegnung scheiterte man dagegen. Denn die Berner waren ausgesprochen orthodox- reformiert, ganz anders als die Hugenotten. Deshalb bekamen sie ein eigenes Kirchengebäude. Ueberhaupt, der Habitus blieb verschieden. Die Berner Patrizier zelebrierten auf ihren Campagnen ihre Landlust, derweil die Hugenotten zu geschäftstüchtigen Fabrikanten waren.

Nach nur 8 Jahren kam die Aufnahmebereitschaft in der reformierten Eidgenossenschaft zum erliegen. Zwei Drittel der Hugenotten wurden bis 1699 ausgeschafft – entweder in den Norden nach Preussen oder Skandinavien, oder aber in die Untertanengebiete. Viele der Berner Hugenotten gingen damals in die Waadt, wo sie sich als Gewerbetreibende und Industrielle hervortaten, und so eine Basis dafür schafften, dass sich nach der französischen Revolution die Untertanengebiete gegen das alte Bern erhob.

Heute sind die Hugenotten in der Schweiz kaum mehr von den reformierten unterscheidbar. Fast niemand nahm Notiz, dass mit Adolph Ogi erstmals ein Bundesrat aus einer hugenottischen Familie in die Landesregierung gewählt wurde. Hätte er es mir nicht selber erzählt, wäre es mir auch entgangen.

Der Einwanderung im 17. Jahrhundert steht 18. Jahrhundert auch eine Auswanderung gegenüber. Amerika wurde zum grossen Ziel. New Berne entsteht in North Carolina. Pepsi-Cola sollte daselbst begründet werden. Und Laura Bush ist eine späte Nachfahrin der ausgewanderten von Graffenrieds. Viele der Berner Auswanderer waren sind nicht nur politisch konservativ, sie blieben es auch kulturell. Denn unter den Migranten die Bern verliessen befanden sich viele mit streng orthodoxem protestantischem Glaube, der in der Heimat zusehends kritisiert wurde. Um weitere Auswanderer aus Not zu verhindern, schafft man nun Kornhäuser, Vorratskammer für Getreide, das man den Treuen ganz im paternalistischen Stil abgab.

Stadtwanderer

Die Migrationsgeschichte im Spätmittelalter ist fast deckungsgleich mit Kriegsgeschichte. Bern bringt dieser bis heute geltende Zusammenhang Reichtum – und eine unerwartete Blutauffrischung.

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Im Berner Münster

Im 15. Jahrhundert etabliert sich das Soldwesen in der werdenden Eidgenossenschaft. Begehrt wurden die Jungs der Bauern durch den Sieg der Eidgenossen in den Burgunderkriegen zwischen 1474 und 1777. Angefangen haben sie mit der Kriegserklärung der Eidgenossen an den burgundischen Herzog Karl den Tollkühnen. Denn am 16. Oktober 1474 unterzeichnete man in der Sakristei der Kirche, in der wir jetzt sind, den berühmten Brief, der das Ende des mittelalterlichen Burgunds einleiten sollte.

Herzog Karl griff die feindlichen Eidgenossen über Pontarlier und Grandson an, wo es zum ersten Kräftemessen kam. Das zweite war in Murten. Beide mal siegten die Berner militärisch, in Murten von erstmals von den gemeinsam kämpfenden Eidgenossen unterstützt. Zu den grossen Fehlern des Burgunder gehörte, dass sie noch ganz in der Tradition der burgundischen Wanderkönige ihren ganzen Reichtum mitschleppten, wohin sie gingen. In Grandson, aber auch Murten verloren sie wesentliche Teile davon. So eroberten die Eidgenossen die berühmten Tapisserien mit einer Darstellung der damals bekannten Weltgeschichte. Noch heute sind sie im historischen Museum zu Bern zu besichtigen. Erobert wurde auch die Artillerie der Burgunder. Vor allem aber kam man zu viel Geld und Schmuck, der wiederum zu Geld gemacht wurden.

Die wichtigste Eroberung der Eidgenossen. betraf jedoch die Marketenderinnen, offiziell die Waschfrauen der burgundischen Söldner, faktisch ihre Prostituierten. 3000 Frauen übernahm die Eidgenossen, die wichtigste Blutauffrischung in unseren Landen. Auf jeden Fall war dies die wichtigste Migrationsbewegung im Spätmittelalter. Nicht auszuschliessen, dass in uns allen ein wenig burgundisches Blut fliesst.

Tapeten, Kanonen, Schmuck und Marketenderinnen machten die Eidgenossen schlagartig reich. Sie veränderten auch die Lebensweisen, auf die sie gar nicht vorbereitet waren. Nötig wurde ein Beuteverteilplan. Erst 5 Jahre nach der Schlacht einigte man sich im Stanser Verkommnis. Die Beute wurde entlang der Zahl Soldaten verteilt, Eroberungen an Land sollten gleichmässig an die beteiligten Orte gehen. Man erkennt mindestens eine Vorstufe der Entscheidungsfindung zwischen National- und Ständerat in diesem frühen Verfassungswerk.

Begründet wurde in dieser Zeit auch die Geschichtsschreibung sowie der Mythos von Wilhelm Tell. Je nationalistischer diese ist, desto eher glaubt man, dass sich die Schweiz durch Abgrenzung von Ausland konstituiert hat. Viele Historiker sehen das heute anders. Sie sehen die Schweiz eher als Teil in einem sich vernetzenden Europa, mit Schweizer Eigenheiten, auch europäischen Kennzeichen. Migration im Gefolge von Krieg ist dabei ein verbindendes Element.

Stadtwanderer

Die Juden in Bern boten den ersten Anlass für Kulturkonflikte in unserer Stadt. Dreimal wurden sie ausgewiesen. Heute leben sie unauffällig in Bern.

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Berner Chindlifresserbrunnen

Ich weiss, die Symbolik des Chindlifresser-Brunnens ist umstritten. Unbestritten hat er erzieherische Wirkung für Kinder, die nicht gehorchen wollen. Denn sie werden vom bösen Mann gefressen. Umstritten ist, ob der böse Mann ein Jude ist oder nicht. Unbestritten ist wiederum, dass man die Juden in Bern des rituellen Knabenmordes bezichtigt hat.

1254 zerfällt die Herrschaft der kaiserlichen Staufer-Dynastie. In Bern übernehmen die Savoyer, bis heute bekannt für das Schloss Chillon, die Stadtherrschaft. Orientiert waren sie am Stadtverständnis im Süden: Städte sind Orte mit einer Stadtmauer, mit Klöstern und mit Juden als Geldgeber. Die Zähringerstädte hatten nichts davon. Eher waren sie Flecken in der Landschaft. Nicht einmal eine historischen Marktplatz haben die Zähringerstädte.

Die kulturelle Integration der Juden ins zähringische Bern missriet. Die Juden waren als Bankiers akzeptiert, mehr indessen nicht. 1289 eroberte König Rudolf von Habsburg Bern von den Savoyern zurück. Bern wurde erneut Reichsstadt, muss jedoch eine hohe Kriegskontribution bezahlen. Das Geld dafür leiht sich die Stadt bei den Juden. Kaum war es dem König überwiesen worden, bezichtigten die Berner die Juden, Bruno, einen Berner Jungen, des Nachts rituell geopfert zu haben. Zur Strafe wurden sie aus der Stadt verwiesen. Die Berner verbrannten danach die Schuldschein. Man kann auch von der mittelalterlichen Art des Schuldenschnitts sprechen. Bezahlt haben die Kriegskontribution die Juden, nicht die Berner.

Die Juden durften nochmals zurückkommen, wurden 1349, nach der grossen Pest, aber erneut vertrieben. Jetzt galten sie als Brunnenvergifter, dem typischen Sündenbocksyndrom der damaligen Zeit. Auch ihre Zweite Rückkehr war nicht von Dauer. 1415 eroberten die Berner, gemeinsam mit den Zürchern und Luzernern den habsburgischen Aargau, 1422 regelte man die Eroberung vertraglich, und nur fünf Jahre danach wurden die Juden ins neue Untertanengebiet ausgeschafft. Angesiedelt wurden sie vor allem im Surbtal südlich von Zurzach. Erst 1866 bekamen sie die minimalen Grundrechte, die der junge Bundestaat nur den christlichen Glaubensbrüdern gewähren wollte, zu gestanden. Möglich wurde dies nur, weil der französischen Kaiser Napoléon III. der Schweiz mit einem Handelskrieg droht. Deshalb führten wir die erstmals eine Volksabstimmung für eine Verfassungsänderung durch. Die Niederlassungsrechte wurde so auch auf Juden übertragen. Politische Rechte blieben ihnen genau so wie Religionsfreiheit vorerst verwehrt.

In der Folge siedelten sich wieder Juden in Bern an. Diesmal gelang ihre Integration besser, nicht zuletzt, weil sie wirtschaftlich aktiv werden konnten. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts kam es jedoch erneut zu einer Krise. Es brauchte die Vermittlung des grossen Berner Schriftstellers Karl Albert Loosli, dass die Situation nach einem Gerichtsprozess nicht eskalierte. Erst nach dem zweiten Weltkrieg verringerten sich die Spannungen. Heute sind die Berner Juden eher liberal, gesellschaftlich gut integriert; ihre konfessionellen Ueberzeugungen leben sie vor allem im Privaten. In der Bundesstadt dienen sie regelmässig als Ansprechspersonen für den Bundesrat, der sich heute um ihre diskriminierungsfreie Gleichberechtigung kümmert.

Antisemitismus ist zwar nicht ganz verschwunden, aber auch kein dominantes Phänomen mehr. Zirka 10 Prozent der Bevölkerung zeigen entsprechende Einstellungen, sagt der Rassismusmonitor. Politisch funktioniert die Abwehr allfälliger Strömungen in diesem Sinne ganz gut. Ohne politischen und sozialen Willen, gegen Diskriminierungen einzuschreiten, funktioniert das Zusammenleben religiös oder kulturell verschiedenartiger Gruppen nicht.

Dennoch, ohne Probleme ist die Geschichte der Berner Juden bis heute nicht geblieben. Im 15. Jahrhundert verschwand der erste jüdische Friedhof in Bern. Der zweite steht seit dem 19. Jahrhundert am heutigen Stadtrand. Berühmtheiten wie der deutsche Sozialphilosoph Max Horkheimer, der Begründer der Frankfurter Schule, ruhe daselbst. Vom ersten Friedhof sieht man gar nichts mehr. Denn das Bundeshaus Ost steht an seiner Stelle.

Stadtwanderer

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Bern ist in höchstem Masse ein Migrationsprodukt. Und Migration ist eine Folge des Klimawandels. Viele der ersten Zuwanderer waren gekommen um zu bleiben. Teils bis heute.

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Zähringerbrunnen in Bern

Meine Damen und Herren, Sie kennen mich wohl aus dem Fernsehen, und sie glauben zu wissen, ich sei Politologe, befasse mich nur mit Volksabstimmungen und rechne gelegentlich falsch hoch.
Weit gefehlt! Von meiner Ausbildung her bin ich Historiker, mit Schwerpunkten bei der Schweizer und der europäischen Geschichte. Seit über 10 Jahren beschäftige ich mich zudem intensiv mit Lokalgeschichte oder der/den Geschichte(n) des Ortes. In Bern kennt man mich als Stadtwanderer, der fast täglich auf der Pirsch nach neuen Entdeckungen ist. Davon will ich Ihnen heute unter dem Titel “Berns Migrationsgeschichte(n)” erzählen.

Um zu verstehen, wie es zu Bern kam, muss man kurz ins fünfte und sechste Jahrhundert zurück, der Zeit der Völkerwanderung. Ausgelöst wurde sie, als durch die Wanderungen der Goten aus der heutigen Ukraine nach Westen einsetze. Das römische Kaiserreich war ihr Ziel. Diese verteidigte den Osten um Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, überliess den Wanderungsvölkern aber grosse Teil des Westens. Nur Rom verteidigten die Römer vorerst mit allen Mitteln, weshalb sie nördlich der Alpen ihre Truppen zurückzogen. Das machte Platz für Zuwanderer.

Das erste Einwanderungsvolk in unserem Gebiet nannte man die “Burgunden”. Sie kaum aus dem heutigen Thüringen und wollten nach Trier, der römischen Kaiserstadt im Norden. Die Römer mochten sie nicht, schlugen sie kurz und klein. 20’000 sollen überlebt haben, die als Föderaten zur Bewachung der Grenzen eingesetzt wurden. Genf war damals der heikelste Punkt auf der Nord-Süd-Achse. Denn wer da durch kam, war schnell in Lyon und Marseille, und von aus war der Weg nach Rom einfach. So bekamen die Burgunden den Auftrag, das Dreieck zwischen Jura, Aare und Alpenkamm nördlich von Genf zu beschützen. Sie passten sich der spätrömischen Kultur weitgehend an. Sie übernahmen deren Sprache und Religion, und sie lebten gerne in den römischen Städten. Genf erhoben sie bald schon zu ihrer Königsstadt. Auch ihre Essen und Trinken mit wenig gebratenem Fleisch und Wein passten sie der neuen Umgebung an. Als sich die Römer zurückzogen, dehnten sich die Burgunden aus, bevölkerten das Rhone-, Saone- und Doubstal, wie sie ein Königreich gründeten, das zuletzt als Herzogtum Burgund existierte, wie wir es kennen.

Ganz anders verhielten sich die Alemannen, das zweite Wanderungsvolk. Sie kam, etwas später, als die Römer schon weg waren. Die römischen Zentren hassten sie. Was noch stand, zerstörten sie. Sie adaptierten sich weder in Sprache noch in Religion der Römer. Am liebsten lebten sie in Wäldern, wo sie ein wenig rodeten, um ein Haus für sich und ihre Schweine zu bauen. Deren Fleisch verzehrten sie einmal jährlich reichlich, mit Met oder Bier als bevorzugtem Getränk. Ein Königtum entstand daraus nicht, höchstens ein Herzogtum, das schliesslich im Herzogtum Schwaben dies- und jenseits des Oberrheins aufging.

Zwischen beiden Volksgruppen auf beiden Seiten Berns blieb ein unbewohnter Streifen. Erst im 12. Jahrhundert begann man den Zwischenraum, der vor unliebsamen Zusammenstössen geschützt hatte, zu erschliessen. Ursache hierfür war die mittelalterliche Klimaerwärmung zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert. Die landwirtschaftliche Produktion stieg an, weshalb man mehr Menschen ernähren konnte. Die wachsende Bevölkerung migrierte in die jungen Städte, die ab Mitte des 12. Jahrhunderts im auch Mittelland zwischen Jura und Alpen wie Pilze aus dem Boden spriessten. Gross waren die mittelalterlichen Städte nicht. Vielleicht 1000 Einwohnerinnen hatte Bern, als es sich als Ort über der Aare verfestigte. Fast alle waren sie Zugewanderte. Gekommen mit den Zähringern, oder angezogen von den Möglichkeiten einer Stadt. Viele von ihnen mit der Absicht zu bleiben.

In unserem Gebiet waren die Herzöge von Zähringen führende Stadtgründer. Genau genommen waren sie Strassenbauer, die etwa alle dreissig Kilometer eine Raststätte bauten. Aus diesen mittelalterliche Städte wie Burgdorf, Bern, Freiburg, Milden (Moudon), Murten und Thun. Die Strasse legten sie an, weil sie zu Gouverneuren Burgunds ernannte wurde. Um von ihrem Hauptsitz bei Freiburg im Breisgau nach Genf, Lyon und Marseille zu gelangen, war die Herrschaft über die Wegstrecke zwischen Rhein und Rhone unerlässlich. Ihr grossartiger Plan missriet jedoch. Denn am Bischof von Lausanne, einem mächtigen Herrn über Seelen und Körper seiner Untertanen kamen die Zähringer nicht vorbei. So blieb ihnen der Weg in den Süden versperrt. Geblieben ist jedoch ein System von mittelalterlichen Städten, die bis heute die westliche Hälfte des Mittellandes prägt. In dessen Mitte war Bern, die wichtigste Stadt, denn sie sicherte den Uebergang über die Aare, dem mächtigsten Fluss im Mittelland.

1218 sterben die Zähringer in der Manneslinie aus. Der Kaiser legt Hand auf die Stadt, die auf seinem Gebiet stand. Auch das zeichnete Bern im westlichen Mittelland aus. Das sollte bleiben!

Stadtwanderer

wer kennt sie nicht, die biblische geschichte vom turmbau zu babel, mit dem die menschheit versuchte, gott gleichzukommen? sicher geläufig bleibt einem, dass der versuch scheitert, an der babylonischen sprachverwirrung, welche das grossprojekt mit sich gebracht hatte.

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zwei bilingue aus fribourg: kulturminister alain berset und der stadtwanderer

olivier suter, künstler aus bern, der in biel/bienne lebt, hat im auftrag des forum du bilinguisme kulturminister alain berset gebeten, einen text zur mehrsprachigkeit der schweiz zu verfassen. den hat er anschliessend der reihe nach in die 25 meist gesprochenen sprachen in der schweiz übersetzen lassen, nicht von profis, sondern von laien. genauso wie es im alltag geschieht, wenn angehörige verschiedener sprachen aufeinander treffen.
das ergebnis kommentiert alain berset gestern so: uebersetzen sei, fast das gleiche in einer anderen sprache auszudrücken. wobei er “fast” betonte. bestes anschauungsmaterial hierfür bot sein eigener text, der in der 23. sprache, dem schwedischen, zwar über das gleiche berichte, bisweilen jedoch im umgekehrten sinn.
nationalratspräsidentin christa markwalder betonte an der gestrigen vernissage halbernst, die stärke der schweiz sei das missverständnis. sie fragte, ob sie die menschen der verschiedenen sprachregionen verstehen würden, wenn sie sich verstehen würden.
der anwesende botschafter luxemburgs meinte anschliessend zu mir, wenigstens humor hätten schweizer spitzenpolitikerInnen in der durchaus ernsthaften sache.
meinerseits weiss ich, wovon die rede ist. in fribourg geboren, war unsere familiensprache französisch. meine mutter sprach aber auch deutsch mit uns kindern. das schätzte ich spätestens dann, als wir von fribourg wegzogen. denn ohne die kulturell bereichernde voraussetzung wäre ich in der deutschsprachigen schweiz effektiv nicht sonderlich gut angekommen.
frei von missverständnissen ist das leben rund um die sprachgrenze nicht. mein göttibued meinte später einmal, als ich mich mit seinen ältern auf französisch unterhielt, immer wenn es um ihn gehe, würden wir katholisch reden.
göttlich, die verwirrungen, die uns die sprachen erlauben. oder, es ist unwahrscheinlich, dass kommunikation gelingt, meinte der soziologe niklas luhmann ohne jeden gram!

stadtwanderer

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ich schaue auf die uhr. denn ich will genau eine minute hinhören. während der peepst, schrillt und tuutet es nicht weniger als acht mal. einmal ist es der mikrogrill, dann die kasse, schliesslich ein handy.
bei der vielzahl störender geräusche verwundert es nicht, dass es im neuen mcdonalds beim berner postpark fast keine gäste hat. doch verwundert es, wie das möglich ist, auch wenn kaum jemand da ist.
stimmung kann so nicht aufkommen. das innere ist steril, tausendfach bekannt aus aller welt. auch das angebot an essbarem ist vereinheitlicht, ganz so wie man es in den usa vermutet.
jüngsten medienberichten zur folge funktioniert das allerdings selbst in nordamerika immer weniger gut. den die effiziente bedienung des hungers im urbanen stösst an ihre offensichtliche grenzen. hauptgrund ist das wieder erwachte gesundheitsbewusstsein.

trotzdem: mcdonalds ist rasch zu einem der weltweit grössten arbeitgeber entstanden. in den 90er jahren des letzten jahrhunderts an der westküste der usa gegründet, kam das unternehmen zu beginn dieses jahrhunderts in der schweiz an. in bern betreibt es zwischenzeitlich gleich mehrere filialen.
auch wenn es zu früh ist, den erfolg des jüngsten ablegers zu beurteilen, wird man den eindruck nicht los, das neue geschäft im postpark floriere nicht. die wichtigsten gäste sind zwei alleinstehende ältere damen, die je für sich stumm an einem sechsertisch sitzen. vielleicht erwarteten auch sie ein zahlreiches und junges publikum, wie man es aus amerikanischen serienfilmen im tv kennt. doch davon sieht man in berns zentrum wenig. ein frau in den 20ern, offensichtlich eine travellerin, kommt zwar herein, bringt aber kein rambazamba mit. vielmehr starrt sie fortfährend auf ihr handy. bisweilen drückt sie darauf ein wenig herum. gesprochene worte, die wärme in den grossen raum bringen würden, fallen nicht.
international ist der service – jedenfalls hinter der theke. hautfrabe und sprache deuten unmissverständlich auf migrantInnen hin. an der kasse ist eine junge bernerin, jedenfalls dem dialekt nach. dafür ist ihre kleidung global.

auch wenn es happert mit dem grossen neuen internationalen trend in bern: mcdonalisierung hat es als begriff in den 90ern bis in die sozialwissenschaften gebracht. verantwortlich dafür ist der soziologe george ritzer aus maryland. gemeint ist die gesellschaftliche übernahme der eigenschaften eines fastfood-restaurants. fortgeschrieben wird damit der wandel vom traditionalen zum rationalen. bei max weber stand dabei die staatliche bürokratie im zentrum. in bern weiss man darum. ritzer geht es um mehr. er dehnte das phänomen auf das (betriebs)wissenschaftlich fundierte management in privaten unternehmen aus. typische stichworte sind effizienz, berechenbarkeit, prognosefähigkeit und kontolle. gemeint ist damit, aufgaben optimiert zu lösen, ziele quantifiziert zu bestimmen, dienstleistungen zu vereinheitlichen und mitarbeiter gleichförmig auszugestalten.
das alles verspreche erfolg, würde man meinen. in der grossen wirtschaft ist das wohl auch so. in der kleinen kommen jedoch zweifel auf. denn sie bleibt gastwirtschaft. im wahren treffpunkt um die ecke bleibt der normale mensch könig, der in seiner lokalen identität ernst genommen wird. modernen orten des eintönigen foodens entgeht genau dieser kulturelle eigensinn.
kulturkritiker ritzer schreibt in diesem zusammenhang bildstark von der globalisierung des nichts. ich füge bei: menschen aus fleisch und blut, geschichten und bindungen können auf das unaufhörliche peepsen, schrillen und tuuten nach globalem massstab problemlos verzichten kann.

stadtwanderer

ich habe eine weile geschwiegen. der winter bot anlass zum nachdenken. dabei habe ich gemerkt, dass ich das stadtwandern vermissen würde, hätte ich es gar nicht mehr. also lanciere ich meine kleine leidenschaft neu.

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mein spektrum als stadtwanderer: bern von der mittelalterlichen stadtgründung bis zur zeitgenössischen globalisierung

meine saison 2016 habe ich klammheimlich in fribourg eröffnet. für mein “göttimeitli” angelina mazzocco, erziehungswissenschafterin an der uni fribourg, habe ich eine ganztätige führung durch die “andere” zähringerstadt gemacht, in der ich selber geboren wurde und in der sie nun lebt. war toll!

für die zeit bis ende jahr ist folgendes geplant:

18.5.2016
stadtwanderung in bern mit dem kongress der internationalen behörden für nanotechnologie; thema “ein streifzug durch berns stadtgeschichte”

1.6.2016
stadtwanderung in murten mit sonja rosenberg, neumurtenerin: “murten – ein mille-feuille. die (ge)schichten der stadtgeschichte bis zur einbürgerung von salvenach”

7.6.2016
stadtwanderung in bern (gemeinsam mit regula rytz) für die fraktion der grünen; thema “migration in bern”

6.7.2016
stadtwanderung in bern für stadtführerInnen von bern tourismus; thema: “berns stadtgeschichte jenseits der touristischen musts”

21.9.2016
stadtwanderung in bern mit der finanzkommission der gemeinde unterseen an ihrer jahresretraite; thema “finanzen – berns stärke”

19.11.2016
stadtwanderung in bern mit der geschäftsleitung von möbel pfister ag; thema “was man von der geschichte der bundesstadt eigentlich wissen müsste”

sofern es unter den blog-leserinnen weitere interessentinnen hat: ich mache führungen für gruppen, immer zu einem abgestimmten thema. die meisten gehen 1,5-2 stunden, in aller regel am vorabend. im august und oktober hat es noch platz.

stadtwanderer

ich habe ein neues thema: migration in bern. anfangs juni mache ich hierzu eine neuartige stadtwanderung. mein erster gast auf dem rundgang: die grüne fraktion unter der bundeskuppel.

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seit einigen tagen spaziere ich wieder durch bern. und sehe, was ich noch nie gesehen habe. genau das macht das stadtwandern so einmalig!
heute war es das caffemobil. emma&paul kündigen sich unter diesem titel an. emma steht für die umgebaute ape aus dem jahre 1966, paul für die nimmermüde caffemaschine faema e61.
hinter hausgemachten dolci, frischgepressten säften und rassigem espresso steht tele, ein netter mann mit tiefscharzem bart und feundlichem gesicht. er macht meinen cappucciono für heute – mit kunstvollem herzen.
im morgendliche gewussel auf dem trottoir wirkt er trotz “caffemobil” wie ein fixer ort – heute vor dem ital fuit an der laupenstrasse. “halt mal an”, ist die botschaft, die man in den morgenstunden gerne aufnimmt.
“jöö”, entgleitet den beiden frau, die vor mir anstehen. ein stück italianita, mitten in berna!
das verdankt die bundesstaat ihrer zweitgrössten immigrantengruppe ever, den italienern, geht mir durch den kopf. früher waren sie namenlose handlanger auf dem bau. heute begegnet man ihnen als barista. ihres vertrauens, schiebt tele nach.
der kaffee schmeckt ausgezeichnet, und so ist der tag gut gestartet, was auch immer noch folgt. ein wenig glück ist schon in mir!

stadtwanderer

ich bin tief beeindruckt. nicole mathys macht stadtwanderungen durch bern und bringt einem architektur und geschichte der berner brücken nahe, die sie selber noch nie mit ihren augen eigenen gesehen hat. denn die aussergewöhnlichste stadtwandererin, der ich je begegnet bin, ist blind.

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nicole mathys begrüsst ihre die gäste zur premiere von “berner brücken”

“berner brücken” heisst das neue thema von stattland, der organisation, die versucht, interessierten mit ausgewählten themenführungen die stadt so zu zeigen, wie man sie normalerweise übersieht.
berns brücken: das sind 8 über die aare, die für den durchgangsverkehr, den handel und die stadterweiterungen essentiell sind. weitere 84 kleinere brücken auf berner stadtboden kommen hinzu, um die verschiedenen stadtteile miteinander zu verbinden. und das ist auch das tiefbauamt der stadtverwaltung, das die stadtwanderung ermöglicht hat.

was nicht alle wissen, jede brücke hat ihre geschichte:
die untertorbrücke, weil sie die erste brücke aus stein war und das zeitalter der holzbrücken enden liess.
die nydeggbrücke, weil sie der versuch des patriziats war, die stadt mit ihrem umland besser zu erschliessen, um es nicht den liberalen zu überlassen.
die kirchenfeldbrücke, weil sie die erste aus eisen war, konzipiert vom erbauer des eiffelturms in paris, nicht ohne einen schalen Beigeschmack zu hinterlassen.
die kornhausbrücke, weil sie die erster brücke war, um die man in der stadt bern abstimmte.
und die lorrainebrücke, weil sie schon kurz nach der fertigstellung durch unterspühlung einzustürzen drohte.

das speziellste an der führung ist jedoch ohne jeden zweifel nicole mathys.
denn die studierte ethnologin ist blind. dennoch führte sie an der heutigen premiere ihr zahlreich aufmarschiertes publikum mit seltener souveränität durch die gassen berns, marschierte sie mit ihnen den aarewegen entlang, und zog sie leichten schrittes über die brücken der stadt. fast ganz nebenbei erzählte sie berners brückengeschichte aus dem effeff.
“sind alle da?”, frage sie, wenn sie allen voraus einen neuen standort erreicht hatte und bilder der nahestehenden brücke aus der grossen tasche zog, um vergangenes wieder aufleben zulassen. “wir gehen jetzt weiter”, sagte sie ohne umschweife, wenn die geschichte fertig erzählt war. und machte sie wieder auf wanderschaft.
unterstützt wird nicole mathys bei diesem rundgang von einem schauspieler, der den aaregeist spielt, den unglücklichen brückenbauer wurstemberger gibt, einen studenten aus paris mimt, den politisierenden arbeiter im abstimmungskampf zeigt und ein aufgeschrecktes pferd durch die das eisenross über die eisenbahnbrücke gekonnt imitiert.
doch auch ohne das wären die 90 minuten unterhaltsam und lehrreich. vor allem aber sind sie beeindruckend. denn die stadtwandererin bringt einem die Geschichten mit wenigen worten so plastisch nahe, als hätte sie sie selber erlebt. sie kennt die namen, die mit jeder brücke in verbindung stehen, aber auch die entwicklung der stadt, welche die brücken erlaubt oder von den brücken ausgelöst wurden, ohne je in einem buch nachzuschlagen.
bewundernswert ist, wie die sympathische stadtführerin das alles vermittelt, obwohl sie keine der brücken selber je gesehen, keinem der menschen, über die sie berichtet, je begegnet ist, und kein bild von ihren objekten und subjekten der erzählung betrachten kann, wenn sie es ausführlich beschreibt.

ein tief bewegtes “danke schön!” meinerseits für die aussergewöhnlichste führung von stattland, die ich bisher erleben durfte.
werde sofort vereinsmitglied und hoffe, alle meine leserInnen machen sich bald auf die spuren von nicole mathys.

stadtwanderer

der zufall wollte es, dass ich am letzten samstag in luzern war. tags zuvor hatte ich von ebikon gehört, der gemeinde in der lozärner agglo, die fast immer so stimme wie die schweiz. meine erkundigung vor ort.

ganz neu war mit das nicht. das projekt „predikon“ (vorhersagen mit ebikon) kannte ich schon. denn die forscher der eth lausanne hatten mit unserem institut kontakt aufgenommen. angerufen hatte mich am freitag auch der „tagi“, der wissen wollte, ob die neue erkenntnis die umfrageforschung revolutionieren werde. ich winkte ab. denn die idee, eine region statt der ganzen schweiz zu befragen, stamme aus den 60er jahren des 20. jahrhunderts. damals sei der mythos entstanden, der aargau sei das kleine abbild der schweiz. die wahlforschung zu den nationalratswahlen 1963 konzentrierte sich deshalb auf eine vertiefte analyse dieses durchschnittskantons, um über alle und alles eine aussage zu machen. bewährt hat sich das vorgehen nicht, weshalb man in der folge darauf verzichtet, und zu einer statistischen zufallsauswahl der orte und der personen überging, um repräsentative umfragen zu erstellen. immerhin, ich begann mich für ebikon zu interessieren – mehr als kaledoskop, das die vielfalt der schweiz auf den punkt bringen könnte. also nutze ich die freien stunden in luzern, um die vorortsgemeinde als stadtwanderer zu besuchen.

das erste, das einem an äbike, wie es auf mundart heisst, auffällt, ist die langgezogene hauptstrasse. sie bändigt den autoverkehr zwischen luzern und zug. und sie teilt, vereinfacht gesagt, ebikon in ein traditionelles dorf und eine moderne stadt.
in alt-ebikon ist die kirche das auffälligste. auf einem hügelkamm gebaut, ist sie gut sichtbar. wenige holztreppen führen zu „unserer lieben frau“ hinauf, wie man das gotteshaus nennt. gehalten ist es im baroken stil, gebaut worden dürfte es im 17. oder 18. Jahrhundert sein. auf jeden fall schafft sie sofort identität im ortsbild. der besuch des inneren machte jedoch klar, dass wohl nur noch der chor aus früheren zeiten stammt. denn der rest nüchtern gehalten und erinnert einem an eine renovation in den 70er jahren des 20. jahrhunderts.
wer in ebikons geschichte gräbt, findet erstaunliches. so war der ostfränkische könig lothar II., genannt der deutsche, 853 in der marcha abinchova, um die unterstellung seiner güter unter das fraumüsterkloster in zürich zu regeln. gemeinhin gilt das als die ältestes urkunden über ebikon, denn aus dem lateinischen abinchova wurde im deutschen ebinkofen und im schweizerdeutschen ebikon.
damit nicht genug an ausländischer prominenz vor ort! denn auch könig sigismund von ungarn, der disgnierte kaiser zu seiner zeit, machte 1417 in ebikon halt, um die unterordnung der gegend unter die aufstrebende stadt luzern zu regeln, die zu den eidgenossen hielt. das hatte hand und fuss, denn dort blieb man bis 1848. seither ist ebikon eine eigenen politische gemeinde, die seit neuestem zum wahlkreis luzern-land gehört.

wer heute nach ebikon kommt, merkt von der vergangenheit aber nicht mehr viel. es dominiert die gegenwart. denn neu-ebikon wirkt in vielem, als wäre es es in der retorte entstanden.
verändert hat sich ebikon vor allem nach dem zweiten weltkrieg. mit dem einzug der firma schindler, die aufzüge produziert, setzte die rasche industrialisierung des ortes ein. aus dem stattlichen bauerndorf mit gut 2000 einwohnern wurde in kurzer zeit eine stadt mit 12000 bewohnern. geändert hat sich auch ihre zusammensetzung. gut 20 prozent sind ausländer. die serben stellen die grösste gemeinde. die römisch-katholiken sind immer noch in der mehrheit; an die zweite stelle haben sich aber die gläubigen nicht-christlicher konfessionen geschoben. evangelisch-reformierte gabe es hier immer nur wenige, heute sind jedoch sie noch seltener als die konfessionslosen.
grosser einschnitt in der jungen stadtgeschichte war die verlagerung des autoverkehrs auf die autobahn. 100 millionen schweizer franken investierte der kanton in das projekt. 2011 wurde der tunnel in betrieb genommen, der die zu- und abfahrt regelt. verschwunden sind damit die chronischen verstopfungen der hauptstrasse; geblieben ist aber eine luft, die mir alles andere als frisch erschien.
ohne den pulsierenden verkehr in der mitte fällt einem rechte stadtteil umso mehr auf. ganz anders als das dorF ebikon mit in seinem unverwechselbaren luzerner landstil, wird er durch moderne, funktionale gebäude geprägt. geschäfte aller art finden sich hier, auch restaurants und hotels gibt es. eine identität hat dieses quartier allerdings nicht. denn die häuser erinnert einem an eine irgendwo, nicht an eine hier.

müsste ich ein grösseres porträt ebikons schreiben, hätte es die folgenden kapitel: unbekannte anfänge, der verkehr, die bauern-, industrie- und dienstleistungsgesellschaft, das bevölkerungswachstum – und die prominenten und den anonymen ausländer. der titel hiesse vermutlich. vom dorf zur stadt in der agglo luzern. denn der soziologe in mir erkennt sofort das typische an ebikon für die schweiz – wenn auch die grosse sprung mit der veränderung zur moderne später, dafür schneller einsetzte.
das alles blieb übrigens nicht ohne folgen für die politik. bis zur wachstumsphase eine stammlande der katholisch-konservativen, der vorläuferpartei der cvp. sie ist bis heute die grösste partei vor ort und stellt den gemeindepräsidenten. doch der gemeinderat ist pluralistisch zusammengesetzt. cvp, fdp, sp und svp haben je eine vertretung, parteilose ebenso. polarisierung hätte das politische kapitel in meinem fiktiven buch geheissen. damit wäre in der durschschnittsschweiz weiterhin aus der spur geblieben. doch wäre die spannende fährte hier möglicherweise zu ende gewesen. denn anders als die schweiz als ganzen nahm ich ebikon nicht wirklich politisiert war.
aktuell diskutiert man vor ort die einführung eines gemeindeparlamentes, wie es andere vorortsgemeinden von luzern auch kennen. alle parteien sind dafür, nur nicht die cvp. sie zieht es vor, auf die herkömmliche art und weise die fäden zu ziehen, sprich via kommissionen meinungen zu bilden und dann zu entscheiden. „direkte demokratie“ nennt sie das auf ihren plakaten, denn der bürger habe bei allen entscheidungen stets das letzte wort. die erneuerer sehen das ganz anders. in leserbriefen rufen sie auf, öffentlichkeit zu schaffen, damit man wisse, was komme und mitreden könne. sie beklagen, mit der abschaffung der gemeindeversammlung sei das politische leben in ebikon weitgehend zum erliegen gekommen, sodass es heute mit einem parlament geweckt und demokratisiert werden müsse.

wäre ich nach ebikon gegangen, um mich über die eidgenössische politik zu informieren, wäre ich ziemlich ratlos geblieben. plakate zu ecopop, pauschalbesteuerung und nationalbankgold habe ich während meines kurzes aufenthaltes nämlich keine gesehen. national war ich nicht im abbild der schweiz, eher im niemandsland. das politischste, das ich in der lokalzeitung fand, war der bericht über die gut besuchte versammlung der svp vom vorabend, die über die anstehenden regierungsratswahlen diskutierte und an der christoph blocher referierte. seine partei lobt er als eine mit sinn für finanzen, was im kanton luzern heute am wichtigsten sei. nationale themen sind, gemäss luzerner zeitung, nicht diskutiert worden. schade, denke ich, denn zu gerne hätte ich gewusst, wie die lokale svp zu gold und ecopop steht.
auch in meinen gesprächen in restaurants wurde ich nicht schlüssig. die zwei jungen frauen am ersten tisch büffelten für die lehrabschlussprüfung, die eine stellte fragen, die anderen versuchte zu antworten. politik interessierte sie nicht wirklich. das älteres ehepaar am zweiten tisch meinte, man habe sich seine meinung gebildet, behalte es aber gerne für sich. So liess ich es rasch bleiben. erst am dritten tisch bekamm ich auskunft. ecopop müsse abgelehnt werden, sagte mir ein mann im mittleren alter. die ausländer hätten ebikon stark verändert, ohne sie würde aber hier wie überhaupt in der schweiz vieles nicht mehr funktionieren.
somit blieb mir nur der kurze hinweis des gemeindeammanns auf tagesanzeiger online, der sich ebenfalls in ebikon umgehört hatte. er rechne mit drei nein, so wie es die umfragen auf nationaler ebene auch sagen würde. bingo!

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seit einigen tagen beherbergt das vindonissa museum eine sonderausstellung zu alten kulturellen grenzen in der schweiz. damit soll das wissen über den “rösti-graben” vertieft werden. das museum möchte, dass dieser als immaterielles kulturerbe der unesco aufgenommen wird.

BKSVM_Ausstellungen_Roestigraeben_Plakat_TeaserImageInpage_25letzte woche referiert gleich zwei spezialisten zum röstigraben in brugg. laurent flütsch erhellte den langen zeitraum des themas, mir oblag es die mittlere und kurze dauer zu beleuchten. der lausanner archäologe hatte 5000 jahre vor augen, ich 500 jahre. beide erkannten wir, dass das mittelland ein durchgangsgebiet war und ist, das man von zwei seiten begehen kann. entsprechend finden sich seit menschengedenken und weit darüber hinaus grenzen im mittelland. sie verliefen nicht immer am gleichen ort, kulturell war die gegen über vielfach geteilt. Namentlich die römer entwickelten darüber hinaus eine herrschaft. ganz einheitlich war auch die nicht. denn das gebiet der heutigen schweiz gehörte damals zu vier verschiedenen provinzen. mit dem rückgang der römischen herrschaft entwickelten sich auch die kulturellen gegensätze neu.

der wiener kongress, der 1815 die grenzen der modernen schweiz festlegte, griff auf den gedanken der herrschaft über den kulturen zurück, und ordnete das mittelland neu. die heutigen kantone entstanden, die 1848 im neuen bundesstaat zusammengefasst wurden. namentlich bei volksabstimmungen von grundsätzlicher bedeutung zeigen sich die unterschiedliche befindlichkeiten und eigenheiten aber mit schöner regelmässigkeit.

mit meinem vortrag bin ich der wortgeschichte der gräben in der schweiz, aber auch des röstigrabens nachgegangen. heute wird immer klarer, dass es ein thema aus der zeit des ersten weltkriegs ist. zu den neuen erkenntnissen gehört, dass die verteidigungslinie, auf die sich die schweizer armee im kriegsfall von westen her zurückgezogen hätte, ziemlich genau der sprachgrenzen verlief.
mich interessiert aber nicht nur, wie der graben zwischen romanen und germanen entstand. ich habe mich auch damit beschäftigt, wie er immer wieder überwunden wird. dazu habe ich drei thesen entwickelt: der verdienst vereint, die periphere lage in den sprachregionen ebenso, und auch die geschichte des raumes, die man sich immer wieder erzählt, bildet ein amalgam zwischen den völkerschaften, die sich zur schweiz zählen.

das vindonissa Museum zeigt zu diesen Themen eine neu konzipierte Ausstellung. es wagt beispielsweise den versuch, die vier gaue der kelten, die caesar so ungenau beschrieb, anhand kultureller spuren zu fassen und in die theorie der spaltungen des mittellandes einzuordnen. es zeigt aber auch, dass selbst die “nationalhymne” der schweiz, auf deutsch und französisch, nach der gleichen melodie gesungen wird, typischer aber nicht nach dem gleichen text. dabei handelt es sich nicht einmal um ein übersetzungsproblem, sondern um unterschiedliche Vorstellungswelten.

auf jeden fall ist ein besuch empfehlenswert.

stadtwanderer

besuch im “landessender beromünster”, der bis vor wenigen jahren die botschaften von radio drs verbreitete, seither ein überraschendes programm mit neuer message hat.

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am morgen unterrichtete ich an der uni zürich. thema der letzten stunde in meinem kurs zur „medialen relevanz sozialwissenschaftlicher forschung“ war das storytelling. eine master-studentin erläuterte das prinzip: geschichten entstehen dort und dann, wo und wenn sich etwas ändert. die story brauche einen protagonisten, eine sprecherin oder einen kommunikator, die/der berichte, was passiert sei, was man dabei für gefühle habe und welche gedanken man sich während oder nach der handlung mache. danach ging’s in die innerschweiz, genauer gesagt nach beromünster, zum ehemaligen landessender. der jährliche mitarbeiterInnen-anlass meines instituts war der grund für den ausflug ins luzernische.

empfangen wurden wir in malerischer landschaft vom neuen chef selber, kurz und bündig “wetz” gerufen. wirklich vorgestellt hat sich der hausherr nicht; lakonisch meinte er mit blick zu mir, er sei bekannt, aus dem fernsehen, mehr in deutschland und österreich als in der schweiz. gefragt werde er zu zeitgenössischer kunst und kultur, genau dazu, was war er im landessender beromünster mache. gekauft habe er die anlage 2010 für fünf franken. räumen liess er die alten anlagen, mit denen man radiosendungen in die deutschschweiz ausgestrahlt habe. dadurch sei platz für kreatives schaffen entstanden, mehr als etwa in der fondation beyeler. seit dem ersten tag halte er die anlage offen. besuche habe er jede woche, in vielen sprachen zeige er das gebäude und kunst von sich und seinen freunden.

beim begrüssungskaffee im “kunst und kultur landessender beromünster” erobert wetz geradewegs unsere herzen. er erläutert, warum der mensch unordentliche ordnung brauche. warum wir im spital körperlich gesund werden wollen, zur ästhetik des lebens aber auch kunst brauchen. warum man den chef loben solle. warum man schliesslich blau feiern dürfe, aber nur wenn man frisch verliebt sei.

bei all der schnellen rede fällt mir auf, ich hätte den künstler aus wolhusen, der in luzern und berlin studiert hat und heute teilzeitprofessor im deutschen ist, am morgen einladen sollen. denn er erzählt story um story. der aufbau seiner geschichten ist nicht logisch, aber assoziativ. die übergänge sind wie im traum, und je länger man zuhört, umso mehr fühlt man sich wie in einem langen traum.

im keller des landessenders geht es dann hart zur sache. denn da hat wetz seine kleine aula eingerichtet, mit einer präsentationswand, einem labtop, den tv-beiträgen über ihn und sein kklb. moritz leuenberger, ein hobbyhistoriker, sei auch schon in den ansteigenden sitzreihen gesessen. der medienminister habe den landessender schliessen müssen. denn nachdem die riesige power des senders mit einem kunstwerk von roman signer sinnlich erfahrbar gemacht worden sei, hätten alle in der umgebung kopf bekommen. schuld an allem sei eine einfache neonröhre, die an einem ballon hing und in der nähe des sendeturms des nachts wegen der strahlung hell leuchtete, auch ohne angeschlossen gewesen zu sein.

das war 2008. gesendet wurde damals schon 77 jahre. die anfänge standen ganz im zeichen der geistigen landesverteidigung. legendär wurde die wochenchronik des historikers jean-rudolph von salis, der jeweils am freitag abend halb europa die lage der welt erklärte. von hitler gehasst, galt die stimme beromüsters als die stimme der freiheit. 1972 sei diese ernsthaft bedroht gewesen, erzählt wetz. abgefallene bauern aus der umgebung hätten algerischen widerstandskämpfern die möglichkeit gegeben, ihre botschaften zu ihrem befreiungskampf von hier aus in die welt zu verbreiten. der bundesrat habe schnell handeln müssen; seitdem habe man in beromüster die sendungen mit der 10fachen kraft von vorher ausgestrahlt – bis das bittere ende kam.

wetz erkannte die chance der schmerzlichen schliessung sofort! er war eine marke, und der landessender beromüster war es auch. zusammen musste das funktionieren! „ein betrieb, wie den, den er hier aufgebaut hat, würde im normalfall 2 millionen franken defizit im jahr einfahren“, sagt wetz. er sei stolz, dass das kklb, gestützt von sponsorengelder aus der region, ende jahr schwarze zahlen schreibe. dazu beitragen würden auch seine bilder, sehr teuer, gar überbezahlt, die seine assistenten ebenso gut malen würden wie er. das gebe ihm die freiheit, dauernd auf sendung zu sein, um neue freunde für seine kunst und sein zentrum zu finden.

mit besonderer verve zeigt wetz uns beispielsweise das werk von sipho madona. am anfang lag bloss ein papier von 15 mal 15 meter grösse im geräumten senderaum. durch unermüdliches falten sei daraus ein weisser elefant in lebensgrösse entstanden. ganz anders sind die bilder von ursula stalder, die strandgut in italien sammelt, sichtet und aus den überresten filigrane kleinstausstellung im setzkastenformat fabriziert. von stolz erfüllt ist der hausherr, dass auch albert merz einen dunklen und einen hellen raum beigesteuert hat, mit denen er maskenhaft seinen pessimismus zum zeitgeschehen zum ausdruck bringt.

offensichtlich am wohlsten ist es wetz, wenn er im „zihlenfeldlöchli“ angekommt. die übergrosse scheune neben dem sender beherbergt zahlreiche seiner kindheitserinnerungen – der raum ist sozusagen seine nachgereichte biografie. so zeigt er den föhn der grossmutter, der am seidenen faden hängt und durch den luftzug pirouetten im freien raum dreht. so sieht man das erste fernsehgerät der familie zihlmann, das mangels geeignetem anschluss kaum brauchbares sendete. und so erblickt man den wohnwagen ohne räder, indem sie sich die sieben jungs zurückzogen, um wenigstens in gedanken nach italien in die ferien zu fahren.

am morgen, als ich aufstand, und von meinem glück noch nichts wusste, lass ich auf einem kalenderzettel: “wer nie aus dem rahmen gefallen ist, war auch nie im bild.” das kann man von neuen landesvater im landessender wahrlich nicht sagen. mit seiner sinnlosen ausstellung (wetz über wetz) stiftet wetz, eine gelungene mischung aus pfarrherr, geschäftsmann und netzwerker, in einer welt, die voll von geschichten ist, sinn, indem er sie unaufhörlich erzählt. jedenfalls mir ist es so ergangen, denn ich habe mehr als ein bild von „beromüster 1931“ mit nach hause genommen, ja eine ganze sendung von eindrücken, die in der vergangenheit wurzeln und in der gegenwart leben.

gelungenes storytelling!

stadtwanderer

ich weiss, es ist ein heikles thema. gerade heute, wo der kanton thurgau das frühfranzösisch strich. aber sie muss erzählt werden, die geschichte, wie der röstigraben entstand!

fortifikation
grafik bernerzeitung; anclicken, um sie zu vergrössern

die gestrige “bernerzeitung” berichtete im rahmen der reihe zur “festung schweiz” über die westliche verteidigungslinie der schweiz im ersten weltkrieg. eigentlich sollte sie das land einigen. der titel über dem artikel machte aber schnell klar, dass dem nicht so war: “Als die Schweiz ihre Sprachgrenze bebfestigte”, lautete er. und es ging um spaltung der schweiz in Landesteile.

jon mettler erzählte darin die geschichte der fortifikation murten. gemeint ist damit ein eine kilometer lange verteidigungslinie, von der saane zum murtensee, über den mont vuilly an den neuenburgersee und dem zihlkanal entlang an den bielersee. begonnen wurde mit dem bau damit 1914, auf geheiss der schweizer armee. beendet wurde das bauwerk 1917.

zielsetzung des verteidigungsbaus war es, einen angriff der franzosen auf die bundesstadt bern aufzuhalten. brisanz erhielt er wegen seinem der verlauf – genau entlang der sprachgrenze. zwar würden historiker bestreiten, die kulturelle grenze hätte bei der planung den ausschlag gegeben; vielmehr sei die topografie massgeblich gewesen.

die spannungen, durch die umsetzung des plans erzeugt wurden, wirken bis heute nach. denn aus diesem kontext sei der begriff des “röschtigrabens” entstanden, dem gefühl der romands, von dem alemaniques vernachlässigt zu werden, schreibt die bernerzeitung. und genau dieses gefühl prägt in zyklischen schüben das zusammenleben in der schweiz. nach abstimmungen, bei grossinvesititionen. beim umgang mit relevanten Symbolen.

nun ist bekannt, dass der erste weltkrieg einen tiefen graben in den beziehungen zwischen den landesteilen riss. soziale divergenzen zwischen reich und arm spalteten die gesellschaft. sprache wurde zum konstituierenden merkmal der kulturellen identitäten. und der freisinn, die staatsgründer-bewegung von 1848, verlor die alleinherrschaft über das land.

um die sozialen spannungen zu beseitigen, setzte der bundesrat militär ein. der kulturelle graben verdichtete sich, weil in der folge immer mehr organisationen entstanden, die nicht kantonal, sondern sprachregional konstituiert wurden. und der politische stil änderte sich hin zur parteiübergreifenden Konkordanz. letzteres bröckelt, und die polarisierungen gerade zwischen den landesteilen werden wieder heikler.

bis heute ist das ende der ersten weltkrieges das sinnbild der schweizer spaltung geblieben. zwar konnte sie dank weisen leute und Staatskunst verhindert werden, aber die hinweise darauf flackern immer wieder auf. was mir gestern abend beim fischessen im la sauge, genau auf der sprachgrenze, bei der lektüre des artikels in der bernerzeitung erstmals richtig aufgegangen ist, will ich nicht verheimlichen: der verteidigungsplan der schweiz im ersten weltkrieg, für den die fortifikation murten bis heute steht, nützte zwar Bern, der bundesstadt und damit der schweiz. er richtete sich aber gegen die sprachminderheit im westen, die bei einem angriff frankreichs oder england wohl kampflos abgegeben worden wäre. denn murten war der befestigte hauptort.

das war, wie man weiss, 438 jahre früher, schon in den burgunderkriegen so. und auch im stäcklikrieg 1802 spielte murten einen entscheidende rolle. 1914/18 kam es gottseidank nicht dazu. den anders als früher, griffen im ersten Weltkrieg weder die burgunder noch die franzosen die schweiz an. dass man in diesem krieg die deutsch-, nicht aber die französischsprachige schweiz verteidigt hätte, entbehrt nicht der Ironie der geschichte. denn der moderne Bundesstaat von 1848, den man 1914 verteidigen wollte, wäre nie so geworden, wie er war, ohne dass es die helvetische republik von frankreichs gnaden gegeben hätte.

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