Die (Corona-bedingt kurze) Stadtwanderer-Saison 2020 nähert sich ihrem Höhepunkt. Das steht im Herbst noch auf dem Programm:

1.10.2020 Thema „Lobbying“, Team-Anlass gfs.bern
3.10.2020 Thema „Ochsenbein“, Offene Führung
10.10.2020 Thema „Demokratie“, privater Anlass
11.10.2020 Thema „Demokratie“, privater Anlass
12.10.2020 Thema „Niederlande in Bern“, SP-Anlass (1. Runde)
13.10.2020 Thema „Jugendpolitik in Bern“, Alumni DSJ
19.10.2020 Thema „Niederlande in Bern, SP-Anlass (2. Runde)
21.10.2020 Thema „Murten“, Parlamentsdienste

Weitere Termine für Interessenten sind bis Mitte November 2020 denkbar. Danach ist das Wetter normalerweise zu garstig!

Stadtwanderer

Es war mir eine Freude, eine so interessierte Gruppen Menschen mit verschiedenen Herkünften auf meine erste „Ochsentour“ zu nehmen. Doch nun sind wir am Ende, oder fast. Noch fehlt das Finale!


Das Grab von Ulrich Ochsenbein in Nidau
(Foto anclicken, um es zu vergrössern)

Ich sage es deutlich: Ulrich Ochsenbein muss aus der Vergessenheit geholt und mindestens als Vater der ersten Bundesverfassung geehrt werden!

Die moderne Schweiz ist aus einem Bürgerkrieg hervorgegangen. Das macht es bis heute schwierig, ihre Entstehung zu feiern. 1848 ist die eine Jahreszahl an der Front des Bundeshauses, 1291 die andere. Bis heute ist die populärer, wenn auch bloss von mythologischem Wert.
1848 hat nie den gleichen Stellenwert erlangt, weill es Sieger und Besiegte gab. Das trennt, bisweilen bis heute!
Die Verlierer von damals, die katholisch-konservativen Kantone, sind heue jedoch weitgehend in den Bundesstaat integriert. Sie sind im Ständerat gut vertreten, insgesamt sogar übervertreten. Ihre Beteiligung im Bundesrat wurde 1891 erstmals eingelöst und ist letztlich unbestritten. Bei Abstimmungen flackert da und dort die verstärkte Opposition wieder auf. Doch es heute bei weitem nicht die einzige oder grösste Minderheit in unserem Land. Das ist eine Leistung der CVP und ihren Vorläuferparteien, 1912 entstanden. Die CVP sieht ihre Mission heute als erfüllt an. Sie glaubt nicht mehr daran, die konservativen Katholiken in der Politik repräsentieren zu müssen. Vielmehr will sie die Schweiz zusammenhalten, und die politische Mitte einen.
Den Sieger von damals, den Freisinn, gibt es so wie in den Gründerjahren nicht mehr. Verschiedene politische Parteien können sich auf ihn berufen: Allen voran die FDP, national 1894 gegründet, aber auch Teile der SP, 1888 als Partei entstanden, und es gilt auch für die SVP und ihrer Vorläuferparteien, seit 1937 selbständig. Die historische Meisterleistung des Freisinns ist es, den nötigen nation building Prozess vorangetrieben zu haben. Im Kern war der Freisinn eine bürgerlichen Sammelbewegung, die sich, auf Druck des Referendums, aber auch der Volksinitiative, gewandelt hat. Die Inklusion der der Katholiken gelang vollständig, die der Arbeiter resp. Bauern überwiegend. Hierfür akzeptierte die FDP auch die Beteiligung der politischen Parteien, welche die neuen gesellschaftlichen Schichten unterstützten. Erst bei der Frauenfrage in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die FDP den Lead in der Inklusionspolitik nicht mehr inne.
Entstanden ist so die Konkordanzkultur der Schweiz. Sie hat die Macht politischer Parteien, die seit den 1890er Jahren stark zunahm, in eine staatliches Ganzes eingeordnet. Das hat Konflikte nicht verhindert, aber ihre kriegerische Note, die sie 1848 noch hatten relativiert. Heute ist der Systemwandel weitgehend mit friedlichen Mitten möglich.

Ulrich Ochsenbein war in jungen Jahren sicher ein radikaler Heisssporn. Aus heutiger Sicht ist sein Hang, den politischen Wandel mit militärischen Mittel vorantreiben zu wollen, sicherlich fragwürdig. Dabei darf man seine politische Leistung allerdings nicht übersehen. Sein Wille zum Staat war entscheidend, dass der heutige Bundesstaat überhaupt entstand. Mehr noch war auch sein Augenmass für das politisch Mögliche massgelich, dass es eine Erfolgsgeschichte wurde. Aus allen 1848er Revolutionen in Europa ist nämlich nur die Schweiz als dauerhafter Staat hervorgegangen!
So sicher, wie es im Nachhinein erscheinen mag, war der Weg vom Staatenbund, den der Wiener Kongress uns verordnet hatte, hin zum souveränen Bundesstaat nicht. Er hätte scheitern können, mit einer Intervention von Aussen, aber auch an der konservativen und radikalen Opposition von innen.
Ochsenbein zog hierfür den staatspolitischen Schluss, dass die Schweiz nicht zentralistisch, aber zentristisch regiert werden müsse! Deshalb warb er für eine Staatspartei aus der Mitte, zuerst im Kanton Bern, dann auch im Bund. Letztlich war es das, was ihn politisch in Ungnade fallen liess. Man könnte es auch so sehen. Er wagte einen wichtigen Schritt zur Konsenspolitik, als es für die politische Konkordanz noch keine tragfähige Basis gab.
Bei allem „Wenn und aber“ bliebt: Ochsenbein ist der eigentliche Verfassungsvater von 1848, dem Grundgesetz, das die selbstdefinitierte Souveränität erlaubte und nach Aussen Anerkennung fand. In vielem ist er, wenn auch mit anderen, der Begründer unsere Institutionen, die nicht auf Anhieb, eine entwickelte Demokratie brachten, den Weg dazu aber zu liessen.

Sich der Persönlichkeit und ihrer historischen Bedeutung differenziert anzunähern, war die Absicht meiner Stadtführung. Ich bedanke mich bei meinem Publikum für die kritisch Aufmerksamkeit.


Wir stehen erneut vor dem Erlacherhof. Es war von 1848 bis 1857 der Amtssitz des Bundesrats. Ueli Ochsenbein gehörte dem Gremium von 1848 bis 1854 zwei Legislaturperioden lang an, bevor er abgewählt wurde und ganz aus der Politik ausschied.

Die Verfassungskommission hatte es 1848 knapp abgelehnt, den Bundesrat durch das Volk wählen zu lassen. Beim Bi-Kameralismus folgte man dem damaligen Vorbild, nicht aber bei der Regierung. Vor allem wollte man keinen starken Präsidenten, vielmehr berief man sich auch das Prinzip der Kollegialregierung, wie es Napoleon Bonaparte 50 Jahre zuvor die Helvetische Republik eingeführt hatte.
Die Volkswahl des Bundesrats scheiterte in der Verfassungskommission knapp. Die Radikalen favorisierten die Parlamentswahl, die sich besser steuern konnte. Nach der ersten, dreijährigen Amtsperiode entwickelte man ohne Verfassungsgrundlage einen Kompromiss zwischen Volks- und Parlamentswahl, die man Komplimentswahl nannte. Erstes Opfer des eigenartigen Verfahrens war 1854 übrigens Ulrich Ochsenbein.
Mit der Komplimentswahl, die bis in die 1890er Jahre praktiziert wurde, mussten alle Bundesräte am Ende einer Legislaturperiode zurücktreten, sich in den Nationalrat wählen lassen und wurden erst dann von der Bundesversammlung im Amt bestätigt.
1851 gelang dies Ochsenbein noch, doch rutsche er vom Platz des Bestgewählten auf jenen des Letztgewählten. Es war selbst Stimmen der Konservativen nötig, damit er die Wiederwahl durch die Bundesversammlung überhaupt schaffte.
Drei Jahre später scheiterte er ganz. Denn bereits die Wahl in den Nationalrat misslang ihm. Er verstand die Lektion. Bei der Bundesratswahl war er nicht einmal mehr anwesend. An seine Stelle rückte sein ewiger Rivale Jakob Stämpfli als Berner Vertreter im Bundesrat auf.
Was war geschehen? – 1846, bei der ersten demokratischen Parlamentswahl im Kanton Bern, errangen die Radikalen eine überwältigende Mehrheit. Doch verloren sie diese im Verlaufe der Zeit. Um eine regierungsfähige Mehrheit zu bekommen, fusionierten im Vorfeld der kantonalen Wahlen von 1854 die Radikalen und Konservativen zu einer einzigen Staatspartei. Ochsenbein war einer der Förderer dieser Fusion gewesen. Zu gerne hätte er das 1850 auch auf Bundesebene so gemacht, und aus dem politische breit gefächterten «Freisinn» eine einheitliche Partei formiert.
Er kann erster Begründer einer Mitte-Partei in der Schweiz gelten. National misslang es, kantonal setzte er sich durch. Genau das trug ihm den definitiven Groll der Radikalen um Stämpfli ein, weshalb diese seine Wiederwahl vereitelten.
Wie wir heute wissen, ist das in der Schweiz sehr unüblich. Es kam erste viermal vor, letztmals bei der «Abwahl» von Christoph Blocher, der 2007 nach nur einer Amtszeit aus dem Bundesrat ausschied. Bei waren bei der Abwahl Vize-Präsidenten des Bundesrats und kurz davor, den absoluten Karriere-Höhepunkt zu erklimmen. Beiden blieb dies versagt.
Ochsenbein traf die Abwahl sehr hart. Sie warf ihn zunächst wirtschaftlich aus der Bahn, je länger, je mehr aber auch gesellschaftlich. Er war am 1. Januar 1855 der prominenteste Arbeitslose des Bundesstaates! Finanziell stand er vor dem Nichts, denn ein Ruhegehalt gab es nicht. Nicht einmal ein nachträgliches war damals möglich …
Ochsenbein versuchte, sich mit seinem wichtigsten Kapital das er hatte, durchbringen. Der abgewählte Vorsteher des Militärdepartements heuert bei der Armee des monarchistischen Frankreichs an. Für den Krimkrieg versuchte er eine Armee aufzustellen, die er als General befehligen wollte. Es war kein Erfolg, und er gab bald auf. 1871 trat er dann doch noch in den Dienst Frankreichs, nun als General für die republikanische Armee.
Dazwischen hatte er sich ins Seeland zurückgezogen. In Port hatte er das «Bellevue» erworben, wo er sich als Landwirt und Pferdehändler betätigte. Er wurde auch als Schriftstelle aktiv, so zu Juragewässerkorrektion, dem ersten grossen nationalen Bauprojekt des Bundesstaates.
Sein versuchter Wiedereinstieg in die kantonalen Politik für eine christliche Zentrumspartei misslang. Unglücklich kämpfte er vor Gericht auch gegen Anschuldigungen, die er als Verleumdungen klassiert. Zu guter Letzt löste sich ein Schuss aus seinem Jagdgewehr, als er sein Wohnhaus verlassen wollte und traf seine Frau tödlich.
1890 verstarb Ochsenbein vereinsamt in Port. Begraben liegt er auf dem Friedhof von Nidau, da wo ein halbes Jahrhundert davor sein Blickkarriere im werdenden Bundesstaat begonnen hatte.

Diesmal stehen wir vor einem Rätsel. Auf dieser Seite des Hauses heisst es «Du Theatre», auf der anderen ist es das „Hôtel de Musique». Sicher ist nur: Hier tagte das erste Parlament des jungen Bundesstaates und wählte Ochsenbein mit Spitzenergebnis zum Bundesrat. Es war das Highlight seiner Karriere.

Das erste Parlament tagte nur provisorisch in Bern. Als Erstes wählte es Ulrich Ochsenbein zum Nationalratspräsidenten und damit höchsten Schweizer!
Eine Hauptaufgabe war die definitive Festlegung des Sitzes von Parlament und Regierung. Der Entscheid fiel auf Bern; Zürich und Luzern hatten das Nachsehen.
Die Lage zwischen den Sprachregionen, die guten Verkehrswege mit Kutschen und die radikale Kantonsregierung sprachen für Bern. Eine Rolle spielte auch das Angebot, die Räume für Bundesangelegenheiten gratis zur Verfügung zu stellen. Nur hatte man die Räume noch nicht. Das Bundesratshaus, heute Bundeshaus West, mit Parlamentssälen war erst 1858 bezugsbereit.
Provisorisch war auch der erste Tagungsort der Bundesversammlung. Das änderte sich erst 1849, als der Ständerat vorübergehend in den «Aeusseren Stand» und der Nationalrat in die Akademie (heute Casino) zogen.
Da es noch kein Geschäftsverkehrsgesetz gab, welches das Zusammenwirken der beiden Kammern geregelt hätte, tagten im November 1848 die 111 Volks- und 44 Kantonsvertreter gemeinsam im «Hôtel de Musique» statt, oder eben dem «Du Theatre».
Die erste Session machte dem Theater durchaus Ehre. So gerieten Regierungsrat Benz aus Zürich und Stadtpräsident Luvini aus Lugano, in der Debatte so heftig aneinander, dass nur das Duell mit Säbel sie beruhigen konnte. Sieger wurde der Tessiner; der Zürcher blieb mit Verletzungen zurück.
Turbulent geendet hatten auch die vorangegangenen Wahlen in den Nationalrat. Nicht alle konnte validiert werden. Einzelne musste noch ein zweites Mal wählen.
Mit 58 Prozent vereinigten die Radikalen bei den ersten Nationalratswahlen am meisten Stimmen auf sich. Sie stellten 79 der 111 Volksvertreter. Mit grossem Rückstand folgten die Liberalen mit 11 Mandaten, die Katholisch-Konservativen mit 9 und Reformiert-Konservativen resp. die Demokraten mit je 6. Auch im Ständerat gab es eine radikale Mehrheit.
Heute hat sich eingebürgert, den Bundesrat von 1848 bis 1891 als rein «freisinnig» zu bezeichnen. Das stimmt, wenn man die Hauptausrichtung vor Augen hat. Es verdeckt aber, dass es erhebliche Nuancen in der Ausrichtung gab. Links waren die Demokraten, gefolgt von den Radikalen, den Liberalen und den Konservativen.
Nicht eindeutig ist die Zugehörigkeit der gewählten Bundesräte. Der Einfachheit halber zählt man heute alle zur FDP. Doch der reformierte Berner Historiker Erich Gruner sah je zwei Radikale, gemässigt Radikale und Liberale sowie einen freisinnigen im ersten Bundesrat. Der Solothurner Katholik und Bundesratshistoriker Urs Altermatt meinte, es seien fünf der sieben Links-Radikale gewesen, einer Radikal und einer Liberal. Roger Blum, selber ein Freisinniger aus dem Baselbiet, bezeichnete einen als Links-Radikale, 4 als Radikale, zwei als Zentristen.
Ochsenbein war gemäss Gruner schwer zu bestimmen, letztlich aber gemässigt-radikal und bei Blum erscheint er als Zentrist. Ich denke, das stimmt auch. Mit der Einleitung als „Links&Radikal“ wie bei Altermatt kann ich weniger anfangen.
Klarer waren die Regel derBundesratszusammensetzung. Je einer kam aus Bern, Zürich und der Waadt. 5 waren Deutschschweizer, je einer französisch- und italienischsprachig. Fünf waren auch reformierter Konfession, zwei katholisch.
Nur einer, der Tessiner, stammte aus einem Kanton, der die Bundesverfassung abgelehnt hatte. Stefano Fanscini war auch der einzige, der nicht schon der Verfassungskommission mitgearbeitet hatte.
Ochsenbein machte bei der ersten Bundesratswahl übrigens das beste Ergebnis. Mit 92 Stimmen wurde er bereits im ersten Wahlgang gewählt. Erster Bundespräsident wurde er aber nicht. Dieses Amt ging an den Winterthurer Jonas Furrer. Es war gleichbedeutend mit der Zuständigkeit für Aussen- und Sicherheitspolitik. Es rotierte aber jährlich. Ochsenbein wäre 1855 dran gewesen, aber eben …
Allen Turbulenzen zum Trotz: Am 19. November 1848 hatte die Schweizerische Eidgenossenschaft sowohl ein Parlament wie auch eine Regierung in Amt und Würden. Damit verstand sie sich erstmals als souveräner Staat.

Wir stehen vor dem «Restaurant zum Äusseren Stand». 1831 wurde hier die liberale Kantonsverfassung erarbeitet, und es war 1848 der formelle Tagungsort der Verfassungskommission. Am 12. September 1848 wurde hier die neue Bundesverfassung unterschrieben.

Die Entscheidung, das Volk über die neue Verfassung entscheiden zu lassen, war ein notwendiges Wagnis. Denn man stellte sie als Revision des Bundesvertrags von 1815 dar. Dieser sah jedoch gar keine Revisionen vor und postulierte die alleinige Souveränität der Kantone, vertreten von der Tagsatzung. Vom Volk war damals noch nirgends die Rede. Zudem war der Vertrag von Grossbritannien, Russland und Österreich verfügt worden, – ohne Schweizer Beteiligung. Jetzt wollte man die Verfassung eines souveränen Staates in Kraft setzen. Dafür braucht es die demokratische Legitimation.
Ganz so sicher, war sich die letzte Tagsatzung allerdings nicht. Die Vertretung der Kantone musste einstimmig entscheiden. Doch genau dies hatten die die Kantone nicht getan.
Wie entscheiden?
Hätte die Nation und der Bundesstaat schon bestanden, hätte die Mehrheit entschieden. Und die Minderheit hätte sich fügen müssen. Da würde sie das auch ohne die Voraussetzung machen?
Dreieinhalb unterlegene Kantone akzeptierten die mehrheitlich Entscheidung der Stände und der Völker. Drei blieben hart: Uri, Schwyz und Obwalden. Sie mussten zur Mitgliedschaft im Bundesstaat gezwungen werden.
Das war, staatsrechtlich ein Bruch, deshalb wird er auch als revolutionärer Einschnitt bezeichnet.
Am 12. September erklärte man die neue Verfassung für angenommen. Unterzeichnet wurde sie von den Spitzen der Tagsatzung. Das waren Alexander Funk, der letzte Präsident, und Johann Ulrich Schiess, der Eidgenössische Kanzler.
Allerdings beliess man den Bundesvertrag von 1815 vorerst in Kraft. Man hatte also ein doppeltes Grundgesetz. Aufheben wollte man den Vertrag erst nach der Schaffung der erforderlichen Institutionen. Das war am 6. November für das Parlament und am 16. November für die Regierung der Fall.
Die heutige Geschichtsschreibung geht denn auch eher von einem Prozess der Staatswerdung mit wichtigen Stufen aus. Es braucht zwei Anläufe, und es gab ebenso viele Rückschläge. Am Schluss wagte man den Schritt nach vorne. Heute weiss man: zurecht!
1848 flossen verschiedene Philosophien in unseren Staat ein:
. die doppelte Souveränität von Volk und Ständen mit Bund und Kantonen als eigene Leistung,
. der Bikameralismus aus der Vereinigten Staaten und
. die Bürger- und Menschenrechte aus der Französischen Revolution.
Letzteres wurde zumindest aus heutiger Sicht am wenigstens konsequent durchgesetzt. Das hatte mit dem freisinnigen Projekt zu tun: Über dem Binnenmarkt der sich etabliert hatte, sollte es ein staatliches Konstrukt geben. Individual- und Sozialrechte mussten erst noch vollständig ausgebildet werden.

Wir stehen vor dem Berner Rathaus. Es wurde 1418 eingeweiht, aber schon vorher benutzt. Es war Sitz des Bernischen Souveräns, des Grossen Rates. Dieser tagt heute noch hier, genauso wie der bernische Regierungsrat und die bernische Synode der reformierten Kirche. Hier fiel der Entscheid des Kantons Bern zugunsten der Bundesverfassungen nach einer Rede von Regierungspräsident Ochsenbein.

Den zeitgenössischen Berichterstattern war im Sommer 1848 nicht entgangen, dass es nicht nur in den katholisch-konservativen Kantonen Opposition gegen den Verfassungsentwurf gab. Auch in Bern regte sich Widerstand. Doch der kam von den Radikalen. Horror-Szenario der Verfassungsväter war eine unheilige Allianz aus den Innerschweizern, die weniger wollten, und Bern, dem bevölkerungsreichsten Kanton, der mehr wollte. Genauso, wie die Verfassungsrevision von 1832 gescheitert war.
Ochsenbein war sich im Klaren, dass die absolut entscheidende Stunde der Verfassungskämpfe nahte. Es sollte auch seine Stunde werden!
In der massgebenden Versammlung des bernischen Grossen Rates ergriff Ochsenbein als bernischer Regierungspräsident das Wort. Zuerst widerlegte er die radikalen Bedenken gegenüber dem Bundesstaat mit einem Zwei-Kammern-Parlament, dann pries er die Vorzüge des Kompromisses.
Der Coup gelang! Der bernische Grosse Rat folgte nicht dem radikalen Regierungsrat Jakob Stämpfli, der für Nein optierte, sondern Ulrich Ochsenbein. Letztlich hatte sich diese mit seiner Position von den radikalen Idealen verschiedet, und verteidigte er die obsiegende Zentrumsposition. Die gleich anschliessende Volksabstimmung war dann reine Formsache. Bern war für die neue Bundeverfassung.
Ochsenbein verteidigte so auch andere Prinzipien der Verfassungskommission mit Vehemenz:
Die Aussenpolitik war alleinige Sache des Bundes.
Eingeführt wurde ein Binnenmarkt ohne Zölle, mit einheitlichen Massen, Gewichten und nur einer Währung.
Alle Kantonsverfassungen auf der Basis einer demokratischen Republik mussten vom Bund gewährleistet werden.
Die Gewaltenteilung wurde in Ansätzen realisiert. Bundesrat und Bundesversammlung blieben aber verschränkt. Ein Bundesgericht gab es nur für strittige Fragen zwischen dem Bund und den Kantonen, die nicht staatsrechtlicher Natur waren.
Man könnte es auch so sagen: Die wichtigen Elemente, die einen schweizerischen Binnenmarkt ermöglichen sollten, gingen durch. Die Oberaufsicht des Bundes über die Kantone wurde ebenfalls eingeführt. Noch nicht wirklich ausgereift waren das Zusammenspiel der Behörden und die Grundrechte.
Entscheiden mussten alle Kantone, denn sie war der Souverän. Schliesslich votierten 15½ Kantone dafür, 6½ dagegen. Das waren die katholisch-konservativ geprägten Kantone in der Innerschweiz, im Wallis und im Tessin.
Luzern votierte nur mit Hilfe eines Tricks für die Bundesverfassung. Denn man zählte die Abwesenden zu den Zustimmenden. Das entsprach dem Vorgehen eines gescheiterten Vetos, nicht einer Volksabstimmung. Dreister noch ging der Kanton Freiburg vor. Die radikale Mehrheit im Parlament entschied souverän darüber, was das Volk denke.
Bis heute weiss man nicht, wie hoch die Stimmbeteiligung war. Das Bundesamt für Statistik schweigt sich konsequent aus. Beim Volksmehr stehen sich 145’584 Ja- und 54’320 Nein-Stimmen gegenüber. Das ergab eine Mehrheit von 73 Prozent dafür.
Ein Ruhmesblatt der Demokratie war das, wenigstens aus heutiger Sicht nicht! Das sollte bald allen klar werden!

Wir stehen vor dem Berner „Zunfthaus zu Schmieden“. Die Schmiede waren im Alten Bern eine der vier gewerblichen Gesellschaften, die sich die Quartierverwaltung teilten. 1913 wurde das Zunfthaus zum Warenhaus umgebaut, das heute eine Filiale der Manor-Kette beherbergt. 1848 schrieb es die Geschichte der modernen Schweiz.

Wir stehen vor dem Berner „Zunfthaus zu Schmieden“. Die Schmiede waren im Alten Bern eine der vier gewerblichen Gesellschaften, die sich die Quartierverwaltung teilten. 1913 wurde das Zunfthaus zum Warenhaus umgebaut, das heute eine Filiale der Manor-Kette beherbergt. 1848 schrieb es die Geschichte der Schweiz.
Formell tagte die Verfassungskommission im Äusseren Stand, eine Stresse weiter. Jeder Kanton hatte einen Vertreter. Ulrich Ochsenbein war der Präsident. Das Gremium sollte mit der ersten eigenen Verfassung die Zukunft der Schweiz gestalten.
Informell bildeten sich die Meinung allerdings anderswo. Denn die katholischen Freisinnigen, die Minderheit!, versammelten sich des des Nachts in den Räumen des Zunfthauses zu Schmieden. Deshalb wurden sie der „Clubb zu Schmieden“ genannt. An ihrer Spitze stand der Oltner Kaufmann Martin Munzinger.
Anfänglich dachten die Freisinnigen daran, die Tagsatzung als Parlament beizubehalten. Aus Überzeugung geschah dies nicht. Aber es war ein Entgegenkommen an die Kriegsverlierer, und es sollte die europäischen Garantiemächte beschwichtigen.
Doch dann brachen in Europa die 1848er-Revolutionen aus!
Zuerst in Frankreich, dann in Bayern, Österreich und Preussen. Der Ruf nach Republiken machte die Runde. Die Bürger verlangten politische Rechte. Paris, Baden, München, Wien, Budapest, Berlin, Mailand und Venedig standen in Flammen.
Fürst Metternicht, der mächtige Kanzler auf dem Wiener Kongress 1815 musste abdanken!
Die Umwälzungen liessen auch die Verfassungskommission kippen. Die Radikalen verlangten den Einheitsstaat, wie ihn seinerzeit Napoleon konzipiert hatte. Vorgesehen war, wie damals, ein Zwei-Kammern-Parlament; doch sollte nur separat beraten, dann gemeinsam abgestimmt werden.
Das hätte die Souveränität des Volkes gegenüber der der Kantone erhöht!
Unter den katholischen Freisinnigen regte sich Widerstand. Sie wussten um die konservative Opposition in ihren Kantonen, die auf ihre traditionelle Souveränität als Staaten pochten. In der Not rief der gemässigte Munzinger Paul I.V. Troxler, einen liberalen Katholiken, zur Hilfe. Der dozierte als Professor für Staatsrecht an der Berner Universität. Und er war Spezialist für die amerikanische Bundesverfassung.
In der Nacht vom 22. auf den 23. März sollte Troxler im Zunfthaus zu Schieden einen Bundesstaat mit zwei gleichberechtigten Kammern nach amerikanischem Vorbild entwerfen.
Der „Clubb“ war sofort begeistert. Anderntags setzte sich ihr Antrag im Plenum durch; die Idee von National- und Ständerat überzeugte. Die Volkskammer sollte in Volkswahlen geschehen, die Kantonskammer durch die Kantonsparlamente bestimmt werden. Der Bundesstaat war in Griffnähe.
Eine zweite Kontroverse betraf die Wahl der Regierung, des Bundesrats. Der Parlamentswahl stand auch hier die Volkswahl gegenüber. Mit knappem Mehr setzte sich ersteres durch. Wahlgremium sollte die Vereinigte Bundesversammlung sein. Da hatte der Nationalrat ein leichtes Uebergewicht.
Während sich in Europa die Revolutionen breitmachten, legte man in Bern bereits im April 1848 einen Bericht vor, der die kommende Bundesverfassung mit allen vorgesehenen Artikel beinhaltete. Der Entwurf ging an die Kantone. Entscheiden sollten sowohl die kantonalen Parlamente wie auch die kantonalen Stimmbürger.
Eine ausgemachte Sache war das nicht. Aus verschiedenen Gründen, wie wir sehen werden.

Wir stehen vor dem Restaurant Zimmermania. Eröffnet wurde es 1841. Schnell wurde es zum Treffpunkt für die politisierenden Studenten. Hier soll die Verfassung des Kantons Bern von 1846 entstanden sein, mit der Ulrich Ochsenbein Teil der ersten radikalen Regierungsrat wurde. Heute gehört es zu den nobleren Restaurants der Berner Altstadt mit gutbürgerlicher Küche.

Der Weg vom Wiener Kongress zum Bundesstaat war von Auseinandersetzungen zwischen Traditionalisten und Modernisten geprägt. Bis 1830 hatten die Traditionalisten das Sagen. Danach herrschte ein Patt mit schwankender Übermacht. 1848 setzten sich mit dem Bundesstaat die Modernisten durch.
Frühe Spuren der modernistischen Politik finden sich beispielsweise in den Studentenverbindungen, die nach deutschem Vorbild an den Schweizer Hochschulen entstanden. 1819 wurde die „Zofingia“ schweizerweit, aber auch in Bern, gegründet. Man gedachte gerne grosser Momente in der Geschichte wie der Schlacht von Laupen. Doch wollte man in der Gegenwart einen neuen Staat schaffen.
1830 gingen die Tessiner voran. Geschaffen wurde der Kanton von Napoleon. Doch der Wiener Kongress hatte ein konservatives Regime installiert. Nach einem Bauskandal wurde es von erbosten Bürgern gestürzt. Eine Kantonsverfassung mit Grundrechten, einem Parlament und einer Regierung wurde eingeführt. Die bürgerliche Presse entstand.
Volkstage, die in Weinfelden ihren Anfang und in Münsingen ihr Ende fanden, verlangten an der Jahreswende 1830/31 das Gleiche für ihren Kanton. Bald war die Mehrheit der Kantone regeneriert. Die Studenten mit ihren Zukunftsideen war zwar voraus gegangen, doch nun gab es auch eine populäre Basis für die politische Erneuerung.
Der ersehnte Durchbruch auf die nationale Ebene scheiterte. Ein Genfer hatte eine Verfassung für die moderne Schweiz geschrieben, ohne dass der Funke zündete. Schliesslich scheiterte das Projekt an eine Mehrheit aus Traditionalisten und Modernisten, die weiter gehen wollten. Das führte auch zur Spaltung der Modernisten in eine liberale und eine radikale Richtung.
Die Spaltung der Modernisten erreichte auch die Zofingia, damals noch eine lose Verbindung ohne Stamm. Die Radikalen gründeten die Helvetia. Ihr Treffpunkt war das neu eröffnete Restaurant Zimmermania. Wer beim Berner Staatsrechtler Ludwig Snell studiert hatte, traf sich hier, um beim Bier zu politisieren. Herausragender Kopf unter den jungen Studentengeneration war Jakob Stämpfli.
Ochsenbein war fast eine Generation älter und stand damals bereits im Erwerbsleben als Anwalt. Der Helvetia trat er nicht bei, er blieb, ohne Aktivitäten in der Zofingia. Dafür wurde er im Seeland Mitglied im Schweizerischen Nationalverein. Auch dieser wollte eine Nation schaffen. Doch trank er dafür kein Bier, vielmehr besuchte er die Schule für Generalstabsoffiziere.
Seine erste militärische Aktion im Rahmen der Freischarenzüge war allerdings ein Desaster. Ochsenbein wurde vorübergehend aus dem Generalstab entfernt, blieb aber dank seinem Mentor Friedrich Frey-Herosé aus Aarau politisch aktiv.
1845 stieg Ochsenbein in die etablierte Politik ein. Er wurde Grossrat im Kanton Bern. Nur ein Jahr später war er bereits Regierungsrat, nun gemeinsam mit dem erst 26-jährigen Jungspund Jakob Stämpfli. 1847 wurde Ochsenbein Regierungspräsident. Er war ganz oben im Staate Bern angekommen. Und er vertrat den Kanton im der Tagsatzung.
Während der Entscheidung zur Auflösung des Sonderbundskrieg war er Tagsatzungspräsident. Zwar wurde er nicht General, als Oberst der Reserve und Bindeglied zur Politik konnte er die Militäraktion aber gut überwachen.
Nach dem militärischen Sieg über die Kantone Freiburg und Luzern im November 1847 übernahmen die Freisinnigen in allen Kantonen die Macht. Gewählt wurde dafür nirgends, aber die wichtigste Voraussetzung für die Schaffung eines neuen Staates war nun gegeben: Aus dem Bürgerkrieg war eine politisch einheitliche Elite, konfessionsübergreifend entstanden, die einen Staat gründen wollte.
Eine ausformuliertes politisches Programm hatte man allerdings nicht. Welche Form der neue Staat bekommen sollte, blieb dementsprechend höchst umstritten.

Wir stehen vor dem Erlacherhof. Erbaut wurde er im 17. Jahrhundert. Es ist das repräsentativste Gebäude der Altstadt. Es diente der Reihe nach als Hauptquartier des französischen Generals Guillaume-Marie-Anne Brune, als Sitz des französischen Botschafter und als Sitz des Bundesrats. Heute ist es der Sitz des Berner Stadtpräsidenten und Tagungsort des Berner Gemeinderats. Es ist ein geeigneter Ort, um über Nationen etwas nachzudenken.


Der französische Schriftsteller Ernest Renan, ein Zeitgenosse Ochsenbeins, prägte den Satz: „Eine Nation muss täglich wollen.“ Sie ist eine vorgestellte Gemeinschaft, die das immer wieder zum Ausdruck bringen muss.
Renan unterschied Kulturnationen, Staatsnationen und Willensnationen. Kulturnationen sind Nationen mit meist gemeinsamer Sprache. In Staatsnationen sorgt ein zentraler Staat für den nationalen Zusammenhalt. Willensnationen liegen dann vor, wenn eine nationale Elite verschiedene Ethnien bewusst vereinigt.
Der Bundesstaat von 1848 entspricht einer Willensnation: Drei Sprachgruppen unterschied man damals und zwei verfeindete Konfessionen gab es. Zusammengehalten wurde alles vom «Freisinn», einer Bewegung aus liberalen, radikalen und demokratischen Strömungen, die sich als gesellschaftliche Elite verstand und einen für damalige Verhältnisse modernen Staat schuf.
Ihre erste Form neuzeitlicher Staatlichkeit erhielt die Schweiz mit dem Westfälischen Frieden von 1648. Die europäischen Grossmächte nannten uns „Corpus Helvetiorum“. Man könnte auch sagen «Staatenbund der Helvetier». Ihre wichtigste Gemeinsamkeit: die Sprache, die sich der Standardisierung seit der Reformation entzogen hatte. Die Eidgenossenschaft wurde auch vom kaiserlichen Recht ausgenommen. Traditionellerweise nennt man das Souveränität. Allerdings wurde längst nicht von allen respektiert.
Keine 20 Jahre nach dem Friedensvertrag von 1648 verstand Frankreich unseren Staatenbund als eigene Dépendence, die sie militärisch und wirtschaftlich abhängig machte. Der Bund lieferte Söldner, Frankreich Waren wie Korn und Salz resp. gewährte Zugang zu Märkten.
In den Worten Renans waren wir keine reine Kulturnation: Zwar wurden wir durch Nachbarschaft, gemeinsame Interessen und geteilte Werte zusammengehalten. Mit der Reformation waren jedoch Konfessionsräume entstanden, in denen sogar verschiedene Kalender galten und sich unterschiedliche Volkscharaktere entwickelten.
Gemeinsam war den Teilgebieten die Dominanz einer Aristokratie des Geldes: in Zürich herrschten gewerbliche Zünfte, in Bern die Patrizier mit Grundbesitz und in Schwyz die Landsgemeinde mit säbeltragenden Bauern.
Die Französische Revolution von 1789 begründete auch bei uns eine neue Nation mit einem anderen Staatsverständnis: Es entscheid der von oben geführte Staat mit zentralisierter Macht und Administration. Er war laizistisch, sprich überkonfessionell und überregional. Unsere Helvetische Republik, wie wir ab 1798 hiessen, führte Institutionen aufgrund der Gewaltenteilung ein. Erstmals gab es ein nationales Parlament aus zwei Kammern; die eine vertrat das Volk und machte Gesetze, die andere repräsentierte den Geldadel und entschied, was galt. Machtwechsel durch Wahlen waren weitgehend unbekannt; eine neue Regierung konnte nur durch einen Putsch zustande kommen. Viermal war dies der Fall, wobei der junge Staat letztlich in einem Bürgerkrieg versank. Zwar klärte Napoleon die Lage nochmals durch die Vermittlung zwischen Traditionalisten und Modernisten. Doch auch das hielt nicht an, denn mit der Niederlage Frankreichs auf den Schlachtfeldern verschwand die vermittelnde Macht. Der Staatsnation, die den Franzosen vorschwebte, fehlten die Grundlagen.
Der Wiener Kongress ordnete Europa im Sinne der Restauration neu. So wurde aus der heutigen Schweiz wieder ein Staatenbund, der durch innere Grenzen und aussenpolitische Neutralität bestach. Die aufgeklärten Institutionen der Helvetik überstanden die Restauration nicht. Die Zeit von 1815 bis 1848 kann als Suche nach einem Ausgleich zwischen der Kultur- und der Staatsnation auf der Basis der Willensnation gesehen werden.
Ein erster Versuch der Neubegründung scheiterte 1832 am beidseitigen Widerstand der konservativen und radikalen Kantone. Erst 1848 war der Schritt erfolgreich, als die Freisinnigen den ersehnten Bundesstaat durchsetzten.
Das war auch die Zeit, während der Ulrich Ochsenbeins Wille zu zählen begann.

Vorspann:
Am 12. September 2020 wird der Bundesstaat 172 Jahre alt. Anlass auf eine vergessen gegangene, aber zentrale Figur der Gründung Rückschau zu halten.

Wir stehen mitten in der Bundesstadt. Dass wir einen Bundesstaat haben und dass Bern dessen Bundesstadt wurde, verdanken wir mitunter Ulrich Ochsenbein. Er ist auch der massgebliche Staatsgründer. Er ist das Thema meiner neuen Stadtwanderung.
Einen symbolischen Ort für Ochsenbein gibt es in Bern nicht. Denn die einzige Büste, die ihn zeigt, steht in Nidau. Nicht einmal der Tag ist bekannt, an dem Ochsenbein geboren wurde. Immerhin weiss man, dass er in Schwarzenegg bei Thun das Licht der Welt erblickte. Man könnte ihn auch unseren Schwarzenegger nennen!
Die Historiker sind sehr unterschiedlich mit Ochsenbein verfahren. Die erste Biografie fiel kritisch aus; sie zeichnete das Bild eines prinzipienlosen Opportunisten. Die zweite ist wohlwollend und würdigt seine Rolle als vermittelnder Staatsmann bei der Gründung des Bundesstaats 1848.
Meine These lautet: Ochsenbein ist der erste Politiker der Schweiz, der vom Parteikämpfer zum Pragmatiker wurde, um in verschiedene politische Richtungen auszustrahlen. Er war ein früher Vertreter der Konkordanzpolitik, – allerdings zu einer Zeit, als es dieses Politikverständnis noch gar nicht gab. Deshalb fiel Ochsenbein schliesslich zwischen Stuhl und Bank.
Ochsenbein war noch ein Junge, als die Familie nach Moudon übersiedelte. 1825 ging es dann Nidau. Da und im benachbarten Port verbrachte Ulrich fast sein ganzes Leben. Nur während seiner Zeit als Bundesrat wohnte er in Bern.
1835 heiratete Ochsenbein die Arzttochter Emilie Sury aus Kirchberg, mit welcher er eine Wohnung an der Nidauer Hauptstrasse bezog.
In Nidau stieg Ochsenbein in die Politik ein. Er wurde Gemeindepräsident und kurz darauf auch Präsident der Burgergemeinde. Später wurde er bernischer Grossrat, Regierungsrat und Regierungspräsident. Er vertrat den Kanton Bern in der Tagsatzung, präsidierte diese im entscheidenden Moment und war auch Präsident der Verfassungskommission. Er überzeugte sein Kantonsparlament, den Entwurf zur ersten Bundesverfassung gutzuheissen. Den neu gegründeten Nationalrat präsidierte er als allererster. Schliesslich wurde er der erste Berner Bundesrat.
Eine Musterkarriere im jungen Bundesstaat!
Doch es gab auch Brüche in Ochsenbeins Leben. 1845 war er militärischer Anführer im zweiten Freischarenzug der radikalen Jugend gegen das konservative Luzern. Der Angriff endete mit einem Desaster für die Angreifer. Nur Dank seinen politischen Verbindungen konnte sich Ochsenbein halten. Im Sonderbundskrieg musste er sich mit dem Posten eines Obersten der Reserve begnügen. Schweizer General wurde er nie.
1854 verpasste er die Wiederwahl in den Nationalrat, die damals nötig war, um als Bundesrat bestätigt werden zu können Folgerichtig wurde er im Amt nicht bestätigt. Diese Demütigung markiert denn auch das Ende seiner politischen Karriere.
Nach dem überraschenden Ausscheiden aus der Schweizer Politik betätigte er sich als General in französischen Diensten, berichtete als Schriftsteller unter anderem über die Juragewässerkorrektion im Seeland und arbeitete als Landwirt und Pferdehändler. Am Ende seines Lebens klagte er zweimal erfolglos gegen Verleumdungen gegen seine Person. Er versuchte auch als Konservativer den Wiedereinstieg in die Politik – genauso erfolglos!
Zuletzt löste sich ein Schuss aus seinem Jagdgewehr und traf seine Frau tödlich.
Ulrich Ochsenbein starb 1890 vereinsamt auf seinem Landgut „Bellevue“ im seeländischen Port. In Nidau ehrt man den prominenten Bürger mit einer Büste im Schloss (Bild oben). Ein nationales Denkmal zugunsten des Staatsgründers gibt es nicht.
Machen wir uns also auf die Wanderung durch die Berner Altstadt, um zu ergründen, warum das so ist.

2014 entsteht um eine Berner Zunft eine hitzige Diskussion. Ihr Wappen, das im 19. Jahrhundert neu gestylt wurde, weist aus heutiger Erkenntnis rassistische Züge auf. Wie soll mit derartigen Darstellungen heute umgegangen werden?

Schon im 14. Jahrhundert gibt es die Zunft zum Mohren, die Gesellschaft der Schneider und Tuchscherer. Das Wappen und der Namen jedoch geben nichts über diese Berufe preis. Es zeigt auf der Gebäudeseite in der Rathausgasse das Gesicht eines Schwarzen Menschen. Auf der Vorderseite an der Kramgasse steht eine eher kriegerische Figur eines Mannes mit Speer.
«Der Mohr im Zunftwappen bezieht sich möglicherweise auf den Heiligen Mauritius, den katholischen Anführer der Thebäischen Legion aus Nordafrika», erklärt die Webseite der Zunft. Wegen seiner Herkunft aus Nordafrika werde er seit dem 12. Jahrhundert häufig als Schwarzer Mann dargestellt – doch die Heiligenlegende erzählt eigentlich, dass Mauritius aus Nubien (Oberägypten) stammt und nicht aus Nordafrika. Das Wort Mohr komme vom lateinischen «Mauritius» oder «maurus», welches schwarz, dunkel oder afrikanisch bedeute, erklärt die Zunft. Der Heilige Mauritius gelte als Schutzpatron der Handwerker, die mit Farbe umgehen – so käme er zu den Färbern und Tuchhandwerkern der Zunft.
Eine andere Erklärung meint, als Vorlage komme einer der Heiligen Drei Könige in Frage. Sie gelten als Schirmherren der Reisenden und möglicherweise sei das Haus der Zunft ursprünglich ein Gasthaus mit entsprechendem Namen gewesen.

Die Veränderung des Wappens
Das Wappenzeichen an der Rathausgasse-Fassade bildet nicht bereits seit den mittelalterlichen Anfängen das Logo der Zunft. Dieses verändert sich im Verlaufe der Jahrhunderte visuell. Die Stubenfahne der Zunft zeigt im 16. Jahrhundert einen stolzen Schwarzen Mann mit Krone, Bogen und Pfeil.


Stolzer Schwarzer königlicher Mann im 16. Jahrhundert – Stubenfahne der Zunft zum Mohren: König mit Krone, Bogen, Köcher, Pfeil und Lendentuch. Bernisches Historisches Museum, Depositum (Inv. 8778.1)

Eine gewisse Ähnlichkeit damit hat die Figur, die auf der Kramgasse-Seite des Zunfthauses steht. Sie stamm aus dem 17. Jahrhundert und zeigt ebenfalls eine eher kriegerische Figur mit Lanze und Schild, die eine Art Turban trägt. Diese Statue erinnert an die erste Darstellung auf der historischen Stubenfahne. Vor der ersten Demonstration der Bewegung Black Lives Matter im Juni 2020 in Bern wurde sie wohl aus Sicherheitsgründen in einen Bretterverschlag eingepackt und ist zurzeit nicht mehr sichtbar.
Der Berner Historiker Daniel V. Moser-Léchot weist in einem Beitrag für die Berner Zeitschrift für Geschichte auf die Popularität der Geschichte der Drei Könige in Bern hin. Diese wird im Berner Münster ausführlich im Dreikönigsfenster und im Wurzel­-Jesse-­Fenster erzählt. Die Glasfenster entstehen um 1450 – zu diesem Zeitpunkt hat sich die Darstellung des dritten und jüngsten Königs als Afrikaner nördlich der Alpen durchgesetzt. Im 15. Jahrhundert wird dem Münster auch ein Dreikönigsaltar gespendet. Etliche weitere Darstellungen in Bern deuten ebenfalls darauf hin, dass die Zunft am ehesten von dieser Geschichte zu ihrem Namen inspiriert worden ist.


Steinstatue aus dem 17. Jahrhundert am Gesellschaftshaus der Zunft zum Mohren auf Seite Kramgasse. Im Sommer 2020 wurde sie in eine Holzkiste eingepackt, wohl aus Angst vor einer Zerstörung.

Die aus heutiger Sicht problematischste Darstellung findet sich am Zunfthaus auf der Seite der Rathausgasse vis-à-vis der christkatholischen Kirche St. Peter und Paul. Dieses Wappen wird wohl erst Ende des 19. Jahrhunderts gestaltet. Das Gesicht ist mit den klischierten rassistischen Merkmalen für Schwarze Menschen gestaltet: Ohrringe, Stirnband und Federschmuck. Alles Merkmale, die zur damaligen Zeit als feminin und schwach gelten. Dazu rassistisch stereotypisiert: eine wulstige Nase, grosse rote Lippen und eine fliehende Stirn.
Die Zeit der Gestaltung dieses Wappens im 19. Jahrhundert ist die Blütezeit des so genannten wissenschaftlichen Rassismus. Schwarze Menschen werden an Völkerschauen und in Zoos ausgestellt, in Bern werden sie im Bierhübeli oder auf dem Waisenhausplatz vorgeführt. Nichtweisse Menschen werden anhand von willkürlich definierten Merkmalen erforscht und kategorisiert. Mit Wissenschaft hat dies nichts zu tun, sondern vielmehr mit der Rechtfertigung der europäischen Expansion und Ausbeutung nichtweisser Menschen. Durch die Form und Grösse der Schädel soll etwa belegt werden, dass Schwarze Menschen weniger intelligent und «unterentwickelt« seien. Dafür werden auch Messwerte gefälscht und manipuliert, was bereits 1885 der Schwarze haitianische Anthropologe Joseph-Anténor Firmin in seinem revolutionären Werk «De l’égalité des races humaines» nachweist und damit die Thesen der Kraniometrie widerlegt.


Wappenartige Darstellung der Zunft am Gesellschaftshaus Seite Rathausgasse. Die wohl um 1900 entstandene Abbildung zeigt die klassischen rassistischen Stereotype der damaligen Zeit, als mit dem so genannten wissenschaftlichen Rassismus versucht wurde, die Überlegenheit der weissen «Rasse» zu beweisen.

Nur noch von M-Zunft sprechen?
Tragischerweise wirkt diese Pseudowissenschaft Jahrzehnte lang weiter. Der Schweizer Gletscherforscher Louis Agassiz knüpft als Verfechter des Polygenismus daran an. Diese rassistische Theorie unterteilt die Menschen hierarchisch und in unterschiedliche Spezies. Später greift das Nazi-Regime die unmenschlichen Rassentheorien auf und nutzt sie für die Begründung der Shoa und des umfassenden Völkermords.
Nicht nur die Abbildung, sondern auch der Begriff «Mohr» hat eine rassistische und verletzende Bedeutung. Denn das Wort war nie nur eine Herkunftsbezeichnung für so genannte Mauren, also Menschen aus Mauretanien respektive Nordafrika. Das Wort beinhaltet als älteste deutsche Bezeichnung für Schwarze Menschen von Anfang an eine negative Wertung. Es stammt vom griechischen »moros« ab, das töricht, einfältig, dumm, aber auch gottlos bedeutet. Darin steckt zudem das lateinische »maurus«, welches für schwarz, dunkel bzw. afrikanisch steht. Daraus wird althochdeutsch »mor« und schliesslich der heute noch gebrauchte Begriff abgeleitet.
Bekannt ist allerdings auch eine einzelne eher positive Verwendung des Begriffs bei den Mohren-Apotheken in Deutschland – hier scheint das Wort eine Hommage zu sein an die einst weltweit führende Medizin im Morgenland, dem Land der Mauren.
Doch viele Schwarze Menschen erleben den Begriff im Alltag als diskriminierendes Stereotyp. Um die Reproduktion des als rassistisch eingeschätzten Namens und Logos zu vermeiden, verwenden Aktivist*innen den Begriff nicht mehr. Abgekürzt sprechen sie nur noch von der M-Zunft. Durch solchen Widerstand kommen immer mehr Produkte und Geschäfte mit entsprechenden Namen und Bezeichnungen unter Druck und werden umbenannt.

Die erniedrigende Historie des Blackfacing
Erniedrigende Darstellungen von Schwarzen Menschen stehen in enger Verbindung mit der in den 1830er-Jahren entstandenen rassistischen Unterhaltung des Publikums durch Blackfacing in den USA. Dabei «spielte» während den sogenannten Minstrel Shows ein weisser Schauspieler mit schwarz bemaltem Gesicht stereotype Figuren von versklavten Schwarzen Männern. Diese Performances dienten der Belustigung eines weissen Publikums und verharmlosten die Brutalität der Sklaverei.
Heutzutage findet Blackfacing immer noch statt. Wird es aufgedeckt, löst es meist hitzige Diskussionen aus, zum Beispiel wenn es um die Helfer des St. Nikolaus in der Weihnachtszeit geht: Der «Schmutzli» in der Schweiz oder der «Zwarte Piet» (Schwarzer Peter) in den Niederlanden treten in der Tradition des Blackfacing mit schwarz bemaltem Gesicht auf. Sie sind seit Generationen Teil einer hiesigen Identität, deshalb lösen kritische Fragen dazu grosse Emotionen aus. Aber die rassistische Herkunft und die verletzende Realität dieser Praxis werden kaum thematisiert und scheinen die weisse Gesellschaft nicht zu stören. Aufrufe von Schwarzen Menschen dies zu unterlassen, werden oft belächelt, als an den Haaren herangezogene Überempfindlichkeit bezeichnet.
Die Problematik setzt sich auf verschiedene Art und Weise fort. Eine davon ist das Blackfishing. Es handelt sich um den Vorgang, dass sich weisse Personen, sichtbare Eigenschaften von Schwarzen Menschen aneignen, zum Beispiel ein paar Hauttöne dunkler schminken oder das Tragen typisch afrikanischer Frisuren. Dies um interessanter oder «exotischer» zu wirken. Eines der Probleme dabei: Schwarze Menschen werden aufgrund eben dieser Eigenschaften seit Jahrhunderten unterdrückt, ermordet und diskriminiert. Sie haben nicht die Möglichkeit ihren rassifizierten Körper und die damit einhergehenden Diskriminierungen, Traumas etc. abzustreifen. Die weisse Person hingegen kann sich zum einen diese Eigenschaften aneignen ohne Diskriminierung zu erleben. Gewisse Frisuren werden gar erst, nachdem sie eine weisse Person getragen hat, gesellschaftlich akzeptiert und wertgeschätzt. Zum anderen hat diese die Wahl und kann solche Eigenschaften nach Belieben abstreifen, sich abschminken oder einfach die Frisur ändern.

Welcher Umgang mit historischem Rassismus?
2014 reichen die beiden SP-Stadträte Halua Pinto de Magalhães und Fuat Köcer im Parlament der Bundesstadt einen Vorstoss ein. Sie fordern eine Strategie im Umgang mit rassistischen Darstellungen im öffentlichen Raum. Als Beispiel kritisieren sie darin die «rassistische Symbolik» des Wappens der Schneider- und Tuchscherer-Zunft. Im Postulat fordern sie die Stadt auf, Lösungen für solche Fälle zu finden, allenfalls gar die Entfernung entsprechender Darstellungen zu prüfen. Damit eröffnen sie eine spannende und notwendige Debatte. Die Stadt Bern übernimmt es schliesslich, eine Art «Inventarisierung des Rassistischen» zu erstellen. Der vorliegende Online-Stadtplan www.bern-kolonial.ch ist ein Beitrag in diese Richtung.
Die betroffene Zunft setzt sich ebenfalls mit dem Inhalt des Vorstosses auseinander. In der Zwischenzeit bringt sie eine Plakette am Gebäude der Rathausgasse 9 an. Darauf erläutert sie aus eigener Sicht den historischen Hintergrund der abgebildeten Figur: Weder die Zunft noch das Wappen habe einen rassistischen Hintergrund. Die verwendete Symbolik müsse im Kontext der Zeit verstanden werden, in der das Wappen entstanden sei. Auf die immer wiederkehrenden Klischees und Stereotype aus der Zeit der kolonialen Unterdrückung und des sogenannten wissenschaftlichen Rassismus wird nicht eingegangen.

aus www.bern-colonial.ch

Was meine neue Wanderung zum Lobbying will. Eine kurze Erklärung.

Lobbying in der öffentlichen Diskussion
Lobbywatch.ch ist sehr skeptisch: «Lobbying ist knallharte Einflussnahme, die intransparent verläuft», formulierte man da jüngst. Gemässigter tönt es bei Transparency International Switzerland. Eine harte Transparenzkritik gibt es auch hier, und die Integrität der Lobbyisten in der Schweiz wird weder schlecht noch gut beurteilt. Am positivsten sind die Noten beim Zugang. Erstaunt ist man bei den professionellen Beobachtern ob dem Studienergebnis nicht: Denn Lobbying ist ein fester Bestandteil einer pluralistischen, liberalen Demokratie, geworden, das letztlich viele betreiben, schreiben sie in ihrem Länderbericht.
Selber sehe ich alles auch recht nüchtern. Ich habe 1995 begonnen, Lobbying am Verbandsmanagement der Uni Fribourg zu unterrichten. 22 Jahre lang habe ich das gemacht. Dabei habe ich hautnah den Wandel des Phänomens wie auch der Interessierten beobachten können. Immer noch doziere ich dazu an der Berner Fachhochschule. Mein Zugang ist stets der der angewandten Politikforschung: nahe bei der Praxis, aber systematisch in der Analyse und Bewertung.
Im Home-Office während der Corona-Krise ist daraus eine umfangreiche Stadtwanderung geworden: zuerst in meinem Kopf, dann mit meinen Füssen!

Lobbying im Wandel
Beim Konzipieren wurde mir auch klar, wie sich der Fokus im letzten Vierteljahrhundert geändert hat. Damals ging man systemtheoretisch vor: Institutionen und Akteure bildeten das Grundgerüst, die politischen Prozesse verbanden sie miteinander.
Ueberzeugt war anfänglich auch ich, dass Lobbying von Privaten betrieben wird, welche staatliche Entscheidungen zu ihren Gunsten beeinflussen wollen. Heute bin ich bin ich der Auffassung, dass die Unterscheidung zwischen Privat und Staat nicht mehr entscheidend ist.
Denn auch Behörden lobbyieren, wenn ihr Kompetenzen beschnitten werden sollen. Städte und Kantone nehmen Einfluss, wenn ihre Budgets gekürzt werden könnten. Aber auch DiplomatInnen, Vertreter globalere Institutionen versuchen Entscheidungen zu beeinflussen, wenn sie ein Produkt platzieren oder Privilegien erhalten wollen.
Um den Einfluss des Lobbyings zu bestimmen, muss man heute nur die formalen Abläufe kennen. Es ist nötig auch die meist informellen Beziehungsgeflechte zu kennen. Besonders effizient erweisen sich dabei Netzwerke in Behörden, mit ehemaligen Behördenmitgliedern, aber auch guten Verankerungen bei wichtigen Interessen der Wirtschaft und Gesellschaft.
Das gewandelte Lobbying ist heute ein Teil der Politikformulierung in der Informationsgesellschaft, ist meine These.
Die letzten Monate zeigten uns, dass Lobbying lebt – und kontrovers diskutiert wird! Bei den eidg. Wahlen war Lobbying ein Teil der Wahlkampf-Themen. Spitzenvertreter des Gewerbeverbandes, der Gewerkschaften und der Krankenkassen scheiterten an der Wiederwahl. Doch rutschten fast überall neue Volks- und KantonsvertreterInnen nach. Während der Corono-Krise sah man, wie das Lobbying der starken Verbände gegenüber der Exekutive gerade in Notsituationen wichtig ist und gut funktioniert. Demgegenüber glitt das Lobbying, das Interessenvertreter aller Art namentlich gegenüber der Legislative betreiben, ohne direkte Kontaktmöglichkeiten in eine echte Krise.

Eine aktuelle Standortbestimmung
Wo stehen wir heute? Meine neue Stadtwanderung «Lobbying in Bundesbern» entstand zunächst aus meinen langjährigen Beobachtungen und vielfältigen Analysen. Systematisiert habe ich die anhand der langsam erwachten Grundlagenforschung der Politik- und KommunikationswissenschaftInnen zu Phänomenen wie Public Affairs, Pluralisierung der Einflussnehmenden und politischen Netzwerken.
Daraus entstanden ist eine Tour durch das Berner Regierungsviertel von 1,5 bis 2 Stunden. Sie richtet sich an Gruppen, die sich für den bemerkenswerten Wandel der Politikgestaltung interessieren. Das können LobbyistInnen und Lobbyierte sein; es waren auch schon Hochschulstudierende und Medienschaffende dabei. Dieses Jahr werde ich meine neue Wanderung noch ein halbes Dutzend Mal durchführen.
Vorläufiger Höhepunkt wird im Februar 2021 der Kongress der Schweizer Politikwissenschaft sein, der die Führung ins offizielle Programm aufgenommen hat.
Weitere Interessierte können sich beim mir melden, am einfachsten per Mail via diese Webseite. Ideal sind Gruppen mit 8-15 Mitgliedern, die sich als Ganzes anmelden und teilnehmen.
Vorerst gelten während den Führungen Corona-Regeln wie in Restaurants.

Bern Colonial

August 9, 2020 | Leave a Comment

Wenn Karl Johannes Rechsteiner vor dem Berner Rathaus Leute für seine Stadtführung «Bern Colonial» versammelt, füllt er den Platz mit Leib und Seele. Kommunikationsbeauftragter für die Kirchen ist er, in Nebenamt Chocolatier im Emmental und Aktivist bei Cooperaxion.org. Für diese Organisation, die kritisch zum Kolonialismus steht, macht er auch seine Stadtwanderung.

Der Dreieckshandel der Moderne
«Dreieckshandel» ist sein übergeordnetes Thema. Im Gefolge der Entdeckung Amerikas durch den Genuesen Cristoforo Colombo entwickelten sich typische Handelsbeziehungen über den Atlantik: Von Europa nach Afrika wurden beispielsweise Waffen geliefert, von Afrika nach Amerika namentlich Sklaven verschifft und von Amerika nach Europa vorwiegend Baumwolle eingeführt. Alles mit dem gleichen Schiff!
Das weiss man höchstwahrscheinlich aus dem Geschichtsunterricht in der Schule noch. Doch Rechsteiner genügt es nicht: Ihn interessiert der «Kolonialismus ohne Kolonien».
Zum Beispiel denjenigen der Schweiz!
Rechsteiners These: Ueber Migration, Warenhandel, Finanzgeschäfte, militärische Hilfen, ideologische Rechtfertigungen war die Schweiz Teil eben eben diesems Kolonialismus. Natürlich gehört sie auch dazu, weil die Kritik an ihm mitunter aus der Schweiz kommt.

Die Stadtwanderung
Der Stadtwanderer erinnert zuerst an das Ende des Berner Bankenplatzes vor präzis 300 Jahren. In wenigen Wochen ging die führende Berner Bank Malacrida zu Grunde. Sie war über die Börse in Paris an der Mississippi-Gesellschaft Frankreich beteiligt, als diese in Louisiana mit der Sklavenwirtschaft für den Staat erwirtschaften sollte. Doch die Blase platzte im August 1720 und vernichtete Vermögen. Es war die erste grosse Spekulationsblase Europas, die sich im Nichts auflöste – und auch das patrizische Bern substanziell betraf. Die Bank selber musste in einem mühsamen Prozess aufgelöst werden und verschwand für immer.
Vor der Franzosenkirche ging es Rechsteiner wie erwartet um hugenottische Flüchtlinge, die hier ihr eigenes Gotteshaus hatten. Sie brachten neue Handwerkstechniken nach Bern, so die Indienne Stoffe aus Baumwolle in allen Farben. Dafür importierten sie die Rohstoffe. Mit dem neuen Erwerbszweig kam auch neues Denken nach Bern. Hieronymus Küpfer war ihr erster Fabrikant am Sulgenaubach und familiär eng mit Samuel Henzi, dem hingerichteten bürgerlichen Revolutionär verbandelt.
Kulturelle Spuren des Kolonialismus ortet der Stadtführer aus dem Emmental bei der «Zunft». «Zunft zum Mohren» mag er nicht mehr sagen. Aber man sieht auf seiner Wanderung das Zunftwappen an der Rathausgasse. Die Kritik an den stereotypen Darstellungen mit schwülstige Lippen, fliehender Stirn kommt sofort: Sie soll an ein grosses Maul mit kleinem Gehirn erinnern! Der Streit um die Symbolik ist in Bern schon vor Jahren entbrannt. Seit «Black Lives Matter» ist sie wieder hochgekommen. Rechsteiner hält nichts von den historischen Herleitungen zur Rechtfertigung. Das Wappen sei aus der Belle Epoque und spiegle typisch rassistische Vorstellungen, die man hier nicht so nenne.
Eindrücklich sind Rechsteiners Schilderungen der «Menschenschauen», beispielsweise auf dem Waisenhausplatz. Menschen aus Afrika, einzeln, in Familien oder Sippen wurden zur Belustigung der Einheimischen regelrecht ausgestellt und dienten der nationalen Selbstfindung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: Sie sagten, so wie in Afrika sind wir nicht. Uns geht es seit der Gründung der Schweiz gut. Wir können den Armen sogar helfen. Kombinierte Tier- und Menschenschauen fanden übrigens im Zirkus bis 1964 statt.
Kolonialwarenhändler wurden ab 1800 auch in Bern beliebt. Es gab sie beispielsweise als «Drogerie&Kolonialwaren Salzmann», direkt neben dem Holländerturm. Heute steht da eines der «Starbucks». Das passt! Denn Kaffee gehörte nebst Baumwolle und Takak zu den wichtigsten Importwaren im Dreieckshandel. Namentlich mit dem Tabak kam auch die Nikotin-Sucht nach Europa und Bern. Beispielsweise mit den Berner Offizieren in niederländischen Diensten, die sich nach dem 30jährigen Krieg von 1618 bis 1648 den Wehrturm kauften, um da in Abgeschiedenheit ungestört ihrem verbotenen Verlangen nachgehen zu können.

Lust auf mehr
Die Führung aus dem Hause Cooperaxion ist aus dem Leben gegriffen, anschaulich und lehrreich zugleich. Natürlich inspirierte sie mich zu weiteren gedanklichen Stationen. Etwa vor dem Haus an der Junkerngasse, wo einst der Universalgelehrte Albrecht Haller wohnte. Sein Sohn, verheiratet mit einer Niederländerin, eröffnete einen der ersten Kolonialwarenladen in Bern. Dessen Sohn wiederum, Karl Ludwig, wurde als Autodidakt der führende Staatstheoretiker der Anti-Aufklärer. Mit seinem «Patrimonialstaat» leugnet er das aufkommende Naturrecht vollständig, propagierte dafür den Erhalt der göttlichen Ordnung.
Die Abschaffung der Sklaverei, die während seiner Zeit in halb Europa heiss diskutiert wurde, war für ihn grundlegend falsch: Denn die Sklaverei verdanke ihren Ursprung der Menschlichkeit, indem man Feinde nicht töte, sondern ihnen die Gelegenheit gebe, «beständigen Dienst» zu leisten. Man verkaufe auch nicht Sklaven, sondern das Recht auf deren Arbeit, schrieb Haller 1818. Auch für die Versklavung von Kindern der Sklaven hatte er ein Argument bereit: Im Erwachsenenalter könnten sie die Kosten für Wohnung, Nahrung und Unterricht dank ihrer Erziehung durch Arbeit selber wettmachen.
Da gibt es nach Columbus auch in «BernColonial» noch viel mehr zu entdecken, als man sich bis vor kurzem ausmalte.

Die Niederlande in Bern (Teil 8)

Nimmt man den Index der Globalisierung zur Hand, den die Konjunkturforschungsstelle 2019 publizierte, ist die Schweiz das globalisierteste Land der Welt. An zweiter Stelle liegt übrigens die Niederlande. Beide Länder kommen auf 91 von 100 möglichen Punkten.
Die C&A Mode KG ist da ein typisches Beispiel für ein Unternehmen in Zeit der Globalisierung. Gegründet wurde das Unternehmen 1841 in der niederländischen Gemeinde Sneek (heute Zuidwest-Friesland). Heute ist C&A in 24 Ländern mit mehr als 2000 Filialen präsent und beschäftigt alleine in der Produktion knapp eine Million Mitarbeitende.
Der Firmenname leitet sich von den Namen der Firmengründer ab, die Clemens und August hiessen, abgekürzt C&A. Gerade mal 20-jährig hoben sie das Unternehmen aus der Taufe. Bis heute entspricht die Firmenstruktur nicht dem, wie man sich ein globalisiertes Unternehmen gemeinhin vorstellt.
C&A ist bis heute ein Familienunternehmen. Wer Eigner werden will, muss zur Sippe der Brenninkmeijers gehören, einen niederländischen Pass besitzen und streng entsprechend dem römisch-katholischen Glaubensbekenntnis leben.
Zahlreiche Mitglieder der Unternehmensleitung leben in der Schweiz, beispielsweise in ländlichen Gebieten am Aegerisee oder am Albis, aber auch in vornehmen Agglomerationsgemeinden von Zürich oder Basel.
In den 1990er Jahre geriet das Unternehmen in die Krise und wurde diversifiziert. Dabei ging C&A in die Cofra Holding AG über, mit Sitz im steuergünstigen Zug. Zur Holding gehören auch Immobilien-, Finanzdienstleistungs- und Private-Equity-Firmen.
Der Wert der Holding soll heute mindestens 25 Milliarden Euro betragen. Damit gehören die Brenninkmeijers zu den reichsten Europäern überhaupt. Manager müssen sich mit 55 Jahren zurückziehen und Firmeneigner ihre Anteile mit 65 verkaufen. Seit der Restrukturierung in den 1990ern dürfen übrigens auch Frauen FirmeneignerInnen werden.
Immer wieder wird in der Öffentlichkeit, angeheizt durch NGOs, zu skandalträchtigem Verhalten der Unternehmen spekuliert. Das gilt etwa für die Verwendung waschaktiver Substanzen, die die Abwasser belasten, aber auch für den Einsatz von Kinderarbeit zur kostengünstigen Produktion. Mehrfach wurden dem Unternehmen auch vorteilhafte Rankings attestiert.
Unabhängig vom Aktienbesitz sind die Stimmenanteile unter den Teilhabern gleichmässig verteilt. Für uns von besonderer Bedeutung ist, dass die Entscheidungen stets im Konsensverfahren gesucht werden. Ziel ist es, Aufspaltungen der begehrten Firma zu vermeiden. Sollte es dennoch zu Streitigkeiten kommen, hat man ein eigenes Familiengericht.
Der Sitz von C&A in Bern ist durchaus interessant. Denn hier, wo wir jetzt stehen, stand dereinst das Restaurant Falken. An diesem Ort residierte vor der Reformation der Bischof von Lausanne. Bern gehörte kirchlich seit dem 13. Jahrhundert zu seinem Bistum und während er in Bern seinen Geschäften nachging, hatte er im Vorläuferbau des Restaurants Falken seinen festen Amtssitz.
In meinem früheren Leben als Meinungsforscher rund um Abstimmungen bin ich nach der Volksentscheidung über die Aufhebung der Pauschalbesteuerung von Ausländern von der Cofra Holding AG eingeladen worden, eine Abstimmungsanalyse zu machen. Die Brenninkmeijers tagten in den Zuger Firmenräumen und interessierten sich vor allem für meine Einschätzungen zu Steuerregimes in der Schweiz.
Meinerseits interessierte mich, ob die Brenninkmeijers gewusst hätten, dass sich ihre Berner C&A-Filiale just im früheren Amtssitz des Bischofs von Lausanne befindet. Sie waren ganz schön amüsiert, verneinten aber ein Vorwissen.
Mein Ausstieg aus der Geschichte zu den Niederlanden in Bern basiert also auf Zufall. Mit der geraden Linie von der Reformation in der Schweiz, zum Calvinismus in den Niederlanden, der Religionsfreiheit im nachrevolutionären Europa hin zum ausserordentlichen Traditionsbewusstsein niederländischer Katholiken ist es also nicht allzu weit her. Es wäre ja zu schön gewesen…
Fertig!
Foto: Stadtwanderer

Die Niederlande in Bern (Teil 7)

Häufig werde ich gefragt, ob der «Holländerturm» in Bern eigentlich eine Windmühle ohne Windflügel sei. Gebäudenamen und -formen legten dies jedenfalls nahe.
Ich muss dies regelmässig verneinen!
Das Gebäude stammt aus dem 13. Jahrhundert und war ursprünglich ein Teil der Stadtbefestigung gegen den natürlichen Graben hin, jetzt als aufgefüllter Bärenplatz bekannt. Die Form dürfte von jener einer «Motte» herrühren, einem mittelalterlichen Wehrtürmen, die auch bei uns verbreitet war.
Der beste Beleg für den Irrtum der populären Namenskunde ist, dass der Name «Holländerturm» erstmals erst um 1896 nachgewiesen ist. Davor hiess er «Raucherturm».
Den anfänglichen Namen hatte er von den Offizieren in fremden Diensten während des 30jährigen Krieges. Als sie nach 1648 aus den Niederlanden nach Bern zurückkehrten, waren viele süchtig und suchten nach einen Ort, um ungestört paffen zu können. Dafür erwarben sie den leerstehenden Wehrturm, bauten die Dachkammer aus und nutzen sie quasi als erstes «Fixerstübli» der Stadt.
1891 feierte man Bern gleich mehreres: zuerst 700 Jahre Stadtgründung, dann 600 Jahre Eidgenossenschaft. Der Raucherturm wurde renoviert und verharmlosend in «Holländerturm“ umbenannt.
Nun kann man diese Namensänderung auch in einem anderen Kontext deuten. Bestehend bleibt der Bezug zur Niederlande!
1891 wird in der Schweiz der 1. August erstmals als Bundesfeiertag begannen. Freisinnige und Katholisch-Konservative schlossen politischen Burgfrieden. Letztere bekamen einen Sitz im bisher rein freisinnigen Bundesrat, eingeführt wurde die Volksinitiative.
Hintergrund dafür waren die Folgen des 1874 eingeführten Referendumsrechts. Die Freisinnigen, die bis dann alle Wahlen gewonnen hatten, verloren nun zahlreiche Volksabstimmung in Serie.
Das zwang sie, ihr Verhalten im Parlament zu ändern. Statt die Mehrheitsmeinung gegen Widerstände durchzudrücken, waren nun Verhandlungen zwischen Mehr- und Minderheit angesagt, um das Ergreifen des Referendums zu vermeiden.
Die Politikwissenschaft sieht darin den Uebergang zur Konsensdemokratie. Zu deren Eigenheiten gehört, dass die politischen Prozesse auf Kompromisse angelegt sind. Das wird der Wettbewerbsdemokratie gegenüber gestellt, bei der, wie beispielsweise in Grossbritannien oder den USA von Wahl zu Wahl die politische Macht neu verteilt und dann ungebrochen ausgeübt wird.
Nun ist der Erfinder dieser Typologie, Arend Lijphart, ein bekannter niederländischer Politologe. Er hat das alternativen Demokratiemuster anhand der niederländischen Demokratie entwickelt. Geprägt wurde sie durch die konfessionelle Spaltung und die vorrangige Vertretung städtischer Interessen im Staat. Beides hat die führende Rolle liberaler Parteien in der Politik geführt.
Das ist ja in der Schweiz ja nicht gross anders. Und, in beiden Staaten war man bemüht, Konsensregeln zu etablieren und den politischen Konflikt zu mindern: die Parität der Konfessionen und die Inklusion ganzer Gesellschaftsgruppen durch politische Vermittlung. Das Proporzwahlrecht steht sinnbildlich dafür, das eine Mehrparteiensystem, aber auch eine Mehrparteienregierung begründet hat.
Gelehrige AnhängerInnen fand Lijphart nicht ganz überraschend bei den PolitikwissenschafterInnen der Uni Bern. Allen voran hat Adrian Vatter eine schweizerische Version der Theorie der Konsensdemokratie entwickelt. Andere wie Alexander Arens und Rahel Freiburghaus stossen da nach. In ihrem jüngsten Beitrag schreiben sie, dass sich die Schweiz von einer idealtypischen Wettbewerbsdemokratie im 19. Jahrhundert (1848-1891) zu einem Extremfall der Konsensdemokratie (1946–92) entwickelt hat. Seit 1993 ist eine Re-Normalisierung zu beobachten. Dabei folgte man über die Zeit Vorbildern aus der USA „“SisterRepublic“), Deutschland („Sozialdemokratie“) und der Niederlande („Konfliktlösung“).
Lijphart bemerkte allerdings einmal, die neuerlich intensive Beschäftigung mit dem Konsensmodell sei eine Folge ihres schrittweisen Zerfalls. Das begann in der Niederlande früher ein als in der Schweiz, wird aber in beiden Staaten sichtbar.
Eine Ursache dafür ist der tiefgreifende Wandel der Religionslandschaft. So ist in den Niederlande seit 2015 die Mehrheit der EinwohnerInnen konfessionslos; in der Schweiz waren es bei der jüngsten Erhebung 25 Prozent, Tendenz steigend!
Dahinter stehen Entkirchlichung der Gesellschaften durch Säkularisierung. das erlaubt individualisierte Lebensläufe. Es trifft die reformierten Glaubensgemeinschaften stärker als die katholische. Ihre Zahl ist denn in beiden Ländern hinter die der Konfessionslosen, aber auch der Katholiken zurückgefallen.
Vielleicht sollte man vor dem Holländerturm über diese Tendenzen des sozialen und politischen mehr nachdenken, als nach den jederzeit inexistenten Windflügel zu suchen. Prominent hingewiesen wurden wir nämlich durch einen niederländischen Wissenschafter.

Die Niederlande in Bern (Teil 6):

In seinen Grundzügen entstand der heutige Bundesstaat 1848. Im globalen Vergleich war die Demokratie, die so entstand, fortschrittlich; heutigen Anforderungen an die Demokratie mag sie nun bedingt genügen.
Das Volk wählte den Nationalrat im Mehrheitsverfahren, die Kantone, in der Regel vertreten durch ihre Parlamente, bestimmten die Ständeräte. Die Bundesrat ging aus einer Wahl in der Vereinigten Bundesversammlung hervor. Ein parlamentarisches Regierungssystem, wie man vermuten könnte, ging daraus jedoch nicht hervor. Weder konnte das Parlament die Regierung vorzeitig entlassen, noch war es der Regierung erlaubt, das Parlament aufzulösen.
Beides regelte die erste Bundesverfassung mi festen, damals dreijährigen Amtszeiten. Die jungen Institutionen sollten so geschützt werden. Vorgesehen war nur ein vage formuliertes Vorgehen für eine Totalrevision, nicht für Partialrevisionen. Denn die damalige Bundesverfassung galt als wichtigste Garant für die Unabhängigkeit des Landes.
Trotzdem musste man die Bundesverfassung verbessern könnten. 1874 war dies mit der ersten zuerst geglückten Totalrevision der Fall. Dazwischen gab es Probleme. Denn man hatte die Menschenrechte, welche 1789 die Französische Revolution deklariert hatte, nur beschränkt umgesetzt. Namentlich fehlte eine Garantie der Religionsfreiheit. Sie galt nach schweizerischem Verständnis nur für beiden christlichen Konfessionen römisch-katholisch und evangelisch-reformiert.
Als sich der junge Bundesstaat anschickte, mit dem Ausland lebensnotwendige Freihandelsverträge abzuschliessen, sollte genau das eine diplomatische Krise auslösen.
Allen voran ging 1863 ausgerechnet das Königreich der Niederlande! Denn die Niederländer hatten mit die Religionsfreiheit bereits fest verankert. Mit dem Hinweis auf die fehlenden Grundrechte der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz verweigerte das Königreich die Ratifizierung des vorbereiteten Freihandelsvertrags. Das Kaiserreich Frankreich doppelte nach, indem es mit der gleichen Begründung auf Verhandlungen mit der Schweiz gar nicht eintrat. Das Veto des Nachbar hatte Gewicht!
Innert Jahresfrist akzeptierte das eidg. Parlament in der Bundesstadt Bern die Bedingung. Vorangegangen war allerdings eine hitzige Debatte zur Niederlassungsfreiheit der Juden resp. der Kantonssouveränität. Schließlich entschied man sich für Ersteres.
Mit der Ratifizierung der Handelsverträge mit Frankreich und der Niederlande begannen die innenpolitischen Probleme jedoch erst. Denn neuen Niederlassungsrechte galten nur für die Juden dieser Länder, nicht aber für alle anderen, auch nicht für die Schweizer Juden. Der Bundesrat lancierte darauf hin das erste eidgenössische Abstimmungswochenende. Entschieden wurden über neun einzelne Vorlagen.
Am 14. Januar 1866 war soweit: Angenommen wurden jedoch nur der neue Verfassungsartikel zur Niederlassungsfreiheit. Er stellte hierzu alle Schweizer Bürger, also auch die jüdischen. gleich. Alle anderen Neuerungen lehnte der Souverän jedoch mehrheitlich ab. Dazu zählte das Stimm- und Wahlrecht für alle Niedergelassene auf kommunaler und kantonaler Ebene, ihre Besteuerung und die generelle Glaubens- und Kultusfreiheit. Erst mit der Totalrevision der Bundesverfassung 1874 wurden diese Einschränkungen aus dem Weg geräumt und die Gleichstellung der Juden auch in politischer und religiöser Hinsicht gewährleistet.
Rückblickend kann man sagen, Wirtschaftsinteressen der Schweiz brachten Fortschritte bei den Menschenrechten, die man bis anhin verweigert hatte. Allerdings war es kein freier Wille, sondern Druck aus dem Ausland, den ausgerechnet zwei Monarchen, allen voran der König der Niederlande, vorbereitet hatte!

‪Niederlande in Bern (Teil 5):‬
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‪Mit der französischen Revolution ändern sich aber die Verhältnisse grundlegend: Aus den Niederlanden wird eine Monarchie, die Schweiz bleibt eine Republik.‬
‪Napoleon hatte ein unbekümmertes Verhältnis zu Grösse. Unterworfene Staaten nannte er nach ihren mythischen Ursprungsvölkern. Aus den Niederlanden wurde die Batavische Republik, aus der Eidgenossenschaft die Helvetische Republik. Beides erinnerte an keltisch-germanische Stämme, die nach der Eroberung durch die Römer in einer neuen fränkischen Gesellschaft aufgingen. ‬
‪Die Batavische Republik wurde allerdings nur 11jährig; sie dauerte von 1795 bis 1806. Am Anfang stand ein von Frankreich diktierter Friedenvertrag. Er auflegte den neuen «Bataviern» 100 Millionen Gulden Kriegsschulden, und sie mussten 25000 Soldaten für die französischen Armee stellen. Beide Staaten gingen dafür eine umfassende Militärallianz ein, vor allem gegen Grossbritannien, aber auch gegen Oesterreich gerichtet. ‬
‪Die Staatsform war nun eindeutig zentralistisch. Die frühere Konföderation mit der Provinz Holland als «Vorort» wurde überwunden. Realisiert wurden mit dem neuen Regime Ansätze der Menschenrechte und der Demokratie. Zu ersteren gehörte die neu eingeführte Religionsfreiheit. Um die demokratische Entwicklung zu beschleunigen, kam es 1798 zum ersten Staatsstreich; dessen Errungenschaften wurden jedoch 1801 im zweiten Staatstreich wieder zurückgenommen. ‬
‪1806 beendete er das republikanische Experiment ganz, indem er seinen Bruder Louis als neuen König von Holland einsetzte. Damit war auch die Spur hin zur bleibenden Monarchie gelegt, wie wir heute wissen. Der Wiener Kongress schuf 1815 einzige eine grössere Monarchie mit dem heutigen Belgien, das sich aber 1830 bereits wieder abtrennte.‬
‪1795 verfolgte das regierende Direktorium in Paris noch die Absicht, der modernen Republikform als Alternative zu den vorherrschenden Monarchien den Durchbruch zu verschaffen. Entstehen sollten revolutionäre Tochterrepubliken. Das wollte Napoleon auch, als er 1798 die Eidgenossenschaft besetzen liess. Wiederum sollte eine zentralistisch gesteuerte Tochterrepublik entstehen. Frankreich war auch auf der Siche nach militärischen Verbündete, diesmal allerdings mehr gegen Oesterreich und Russland gerichtet.‬
‪Mit der Helvetischen Republik gingen auch demokratische Neuerungen einher. Alle Erwachsenen Männer der Helevtischen Republik erhielten nun das Wahlrecht. Die Behörden konnten sie zwar nicht direkt wählen, aber Wahlmänner, die ihrerseits das Parlament wählten. ‬
‪Widerstand erfuhr Frankreich bei den «Helvetiern» bei der Realisierung der Religionsfreiheit. Das Parlament der Republik entschied sich, eine christliche Nation zu sein, was sich direkt gegen die Gleichstellung der Juden richtete. ‬
‪In der Helvetischen Republik wurde wie in der Batavischen „geputscht“, hier gleich vier Mal. Am Ende eskalierte alles in einen Bürgerkrieg. Der entzündete sich ausgerechnet an der ersten Verfassungsabstimmung in der Schweiz. Mit der wollte Napoleon einen Ausgleich zwischen Zentralismus und Regionalismus schaffen, erfolglos! Nötig wurde eine weitere Verfassung ohne demokratische Legitimation einzuführen. ‬
‪In der Schweiz wurde das revolutionäre Projekt bereits 1803 nach nur sechs Jahren beendet. Geschaffen wurde jetzt ein Bundesstaat mit ausgedehnten Kantonsrechten. Zu den 13 alten Orten kamen neu auch sechs «napoleonische» Kantone hinzu. Der Wiener Kongress fügte 1815 drei weitere Kantone hinzu und legte erstmals die Grenzen der «Schweizerischen Eidgenossenschaft» fest. ‬
‪Zwangsläufig war die so gefestigte republikanischen Grundstruktur allerdings nicht. 1806, als Frankreich das Königreich Holland schuf, spekulierte man auch damit, ein Königreich Baden aus dem Grossherzogtum Baden im heutigen Südwesten Deutschlands und der deutschsprachigen Schweiz zu schaffen. Diese wäre so in die zähringische Wiege zurückgelegt worden. ‬
‪Nicht auszudenken, was mit uns passiert wäre, wenn dieser Fusionsplan geschaffen worden wäre!‬

Die Niederlande in Bern (Teil 4)
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Ihre Heimat war das osmanische Reich, heute vereinfacht gesagt die Türkei. 1592 schrieb der niederländische Gelehrte Carolus Clusius ein Buch über sie, das sie über Nacht begehrt machte. Die Rede ist von den Tulpen aus Holland. Sie sollten Wirtschaftsgeschichte schreiben, und das bis nach Bern.
Angefangen hatte alles mit der Eröffnung der Amsterdamer Börse 1612. Gehandelt wurden da unter anderen Tulpeneinkäufe. Eine eigentliche Tulpenmanie entstand. Namentlich in den 1630er Jahren erreichte sie bisher unbekannte Ausmasse. Sie liess die Preise ins Unermessliche steigen. 1637 stürzten sie jedoch ebenso unermesslich ab.
Geplatzt war damals die erste Spekulationsblase der Geschichte. Nun war nur noch vom Tulpenschwindel die Rede. Selbst in Bern zeitigte er Auswirkungen. Denn auch hier hatte man sich fleissig an der neuen Einkommensmöglichkeit in Amsterdam beteiligt. Verdienen ohne zu arbeiten kannte das Berner Patriziat ja bereits bestens.
Oekonomisch wichtiger und politisch umstrittener waren im 17. und 18. Jahrhundert jedoch die fremden Dienste. Da man selber kein stehendes Heer hatte, könnte man reichlich Söldner liefern. Traditionellerweise war das für Frankreich der Fall. Allerdings gab es kein Monopol, nicht zuletzt, weil Frankreich katholisch war. Die calvinistische Niederlande bot da für reformierte Orte wie Bern eine willkommener Ausweg.
Tragischer Held meiner Ortsgeschichte ist Gabriel von May. Seine Familie war Ende des 15. Jahrhunderts als Zitronenhändler aus Norditalien nach Bern gekommen. Da steig sie wegen des unternehmerischen Talents rasch in die führenden Kreise auf. Das von Mayhaus mit dem prunkvollen Erker zeugt bis heute davon.
Gabriel wurde 1661 als Sohn eines Kleinrats und damit Regierungsmitglieds in Bern geboren. 32jährig trat er auf niederländischer Seite in das Berner Regiment von Müllinen ein. Als dessen Eigentümer avancierte er nach mehreren Feldzügen im Span. Erbfolgekrieg 1709 zum Brigadier.
Da führte er im gleichen Jahr in Malplaquet, heute in Belgien gelegen, sein Regiment in die Schlacht zwischen Frankreich und den Niederlanden. Und er traf am 11. September 1709 auf seinen Vetter Hans-Rudolf, ebenfalls Brigadier, aber für Frankreich arbeitend.
8000 Eidgenossen blieben an diesem Tag für das Königreich resp. die Republik auf dem Feld liegen.
Das Ereignis sorgte für beträchtlichen Wirbel in der europäischen wie auch eidgenössischen Oeffentlichkeit. Selbst die Tagsatzung musste sich mit dem ausserordentlichen Fall beschäftigen und erliess eine Weisung. Fast 100 Jahre kämpften danach Eidgenossen in einer Schlacht nicht mehr auf beiden Seiten.
Gabriels Aufstieg im aristokratischen Bern trug das Desaster jedoch keinen Abbruch. Er quittierte den Militärdienst nach der Schlacht, heiratete Juliana Effinger aus gutem Hause und politisierte als Grossrat. 6 Jahre lang war er zudem Landvogt in Moudon. 1735 wurde er, wie sein Vater es gewesen war, Kleinrat.
Eine richtige Katastrophe für das damals überaus reiche Berner Patriziat ereignete sich noch zu seinen Lebzeiten. Wiederum stand 1720 ein Börsencrash am Anfang, diesmal aber nicht in Amsterdam, sondern in Paris und London gleichzeitig. Das florierende Privatbankenwesen Berns wurde dabei arg in Mitleidenschaft gezogen. Es sollte sich nicht mehr wirklich erholen und ist seither keine führende Branche mehr, wenn es um Geschäfte in Bern geht.
Bild: Schlacht von Malplaquet, 11.9.1709 (Sammlung Online-Belvedere)

Niederlande in der Schweiz (Teil 3)
Zurück zu Teil 2: Wie die Reformation die frühe Niederlande begründete.

Wir stehen vor dem Gerechtigkeitsbrunnen aus dem Jahre 1543. Er steht in seiner ganzen Symbolik für die Reformation, versteckt auch für die Republik. Auf dem Postest steht Iustitia mit verbundenen Augen und der Waage in der Hand. Das meint, das Recht soll unabhängig von der Herkunft gelten. Die Frauenfigur überragt auch alle damaligen Herrscher: den Kaiser, den Papst, den Sultan und … ja, bei der vierten Männerfigur gehen die Deutungen auseinander: Die Geschichtsforscher sehen in ihm den deutschen König, die Lokalhistoriker den Berner Schultheiss. Warum?
1576 war ein einschneidendes Jahr für die damalige Staatstheorie. Zuerst veröffentlichte der Franzose Jean Bodin seine «Six livres de la République». Dann doppelte der Josias Simler mit «De Republica Helvetorium» aus der Eidgenossenschaft nach.
Bodins Werk begründete die neue Souveränitätslehre. Demnach war nicht nur der Kaiser souverän. Vielmehr plädierte er für eine wohlgeordnete Monarchie mit Gesetzen, Republik genannt.
Bodin behandelte auch die Eidgenossenschaft, die er als aristokratischen Staatenbund charakterisierte, entstanden aus einer Liga verbündeter Orte im Kaiserreich. Genau das führte der Theologe Simler mit der ältesten Landeskunde der Schweiz aus.
Traditionell geblieben seien Kantone wie Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus, Zug und Appenzell mit ihren Landesgemeinden. Bern, Freiburg, Solothurn und Luzern waren Patriziate mit Grundbesitzern in den Städten lebten. Zürich, Schaffhausen und Basel wiederum kannten Zunftregimes mit einer gewerblich ausgerichteten Führung der Stadt. Für ersteres verwendete er den Begriff der Demokratie, für letzteres den der Republik.
Simlers Landeskunde erschien, wie es sich noch gehörte, in Latein, wurde aber auch ins Deutsche und Französische übersetzt. Und, man staune,1613 auch ins Niederländische!
Denn nur drei Jahre nach Erscheinen des Buches in Zürich hatten die Niederländer ernst gemacht mit der neuen Staatsform. Wilhelm I. von Oranien, den wir bereits kennen gelernt haben, führte den Kampf gegen die herrschenden Habsburger aus Spanien an. Diese waren selbstredend Katholiken. Die niederländische Opposition hingegen war calvinistisch. Schriften eines reformierten Theologen aus der Schweiz interessierten da!
Die Geschichtsschreibung beschäftigt sich seither gerne mit dem Vergleich der Niederlande und der Schweiz. Denn nach den traditionellen Republiken in Venedig und Genua waren sie die ersten, die mit der neuen Staatsform experimentierten. Zu ihrer Zeit begingen sie also einen Sonderweg.
Die gemeinsamen Ursprünge der neuen Republiken von damals liegen im Unabhängigkeitskrieg gegen Habsburg. Die Eidgenossen fochten ihn von 1315 und 1477 in einem 160jährigen Prozess aus. Die Niederlande brauchte von 1568 bis 1648 halb solange 80 Jahren.
In den Niederlanden verliefen Reichstrennung und Reformation gleichzeitig. Das führte zum Bruch. Anders in der Eidgenossenschaft, wo beides nacheinander geschah. Die Reformation verstärkte nur die Entfremdung vom Reich in ihren Orten. Der westfälische Friede war ein Einschnitt, aber kein gänzlicher Bruch.
1648 entstand die Republik der sieben Provinzen als eigener Staat. Die Eidgenossenschaft bezeichnete der Friedenvertrag als „Corpus Helvetiorum“ als „Staatenbund der Helvetier“.
Das hatte auch Gründe im Innern. Die Reformation in den Niederlanden verlief uniformer. Holland war in der Konföderation immer das Machtzentrum. Und die Oranier sahen sich stets in der Rolle eines Quasi-Monarchen. In der Eidgenossenschaft blieben die lokalen Unterschiede, der Regionalismus und die Wachsamkeit, das keine Zürcher oder Bern zu stark werden konnte.
So haben die frühneuzeitliche Niederlande und Eidgenossenschaft durchaus Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede!

Niederlande in Bern (Teil 2)

Ohne es zu wollen, erschütterte Martin Luther 1517 nicht nur die Glaubenseinheit des christlichen Abendlandes. Er machte auch das christliche Bekenntnis in seinen verschiedenen Formen zu einem wirksamen Instrument im Kampf um Einfluss und Macht in Europa.
Alles begann mit seinem Thesenanschlag in Wittenberg. Am Ende setzte sich im Kaiserreich der Grundsatz «Cuius regio, eius religio» (Wessen Gebiet, dessen Religion.) durch.
Die Eidgenossenschaft war ein frühes Zentrum an Reformationen. Zuerst in Zürich, dann in Bern und schliesslich in Genf setzten sich die Ideen der Neugläubigen durch. Das blieb nicht ohne Gegenwehr. 1529 und 1531 fanden die ersten Religionskriege in Europa auf eidgenössischem Boden statt. Das spaltete die Kantone in konfessionelle Lager.
Erst mit den 1550er Jahren trennte man die verschiedenen reformatorischen Kirchen deutlicher. Das war ein Vorwirkung des Augsburger Religionsfriedens von 1555, der die Lutheraner im Kaiserreich anerkennen, die Calvinisten aber verbieten sollte. Dafür breiteten sich die Hugenotten in Frankreich aus, bis sie 1685 definitiv vertrieben wurden und als Flüchtlinge unter anderem in die Schweiz kamen.
In den Niederlanden wurden die Calvinisten zur vorherrschenden Konfession der Gegner der herrschenden habsburgischen Spanier. 80 lange Jahr lag man miteinander im Krieg. 1579 formierten die sieben nördlichen Provinzen den ersten republikanischen Staat der Niederlande. 1648 legalisierte der Westfälischen Friede diesen Status.
Der «30jährige Krieg» davor verwüstete halb Europa. Gleich zu Beginn des Krieges versammelten die niederländischen Calvinisten auf der Synode von Dordrecht Glaubensbrüder. Auch die Schweizer Reformierten waren dabei. Propagiert wurden eine strenge Lehre und ein gemeinsamer Buss- und Bettag.
Die Schweiz übernahm letzteres, entwickelte aber eine eigene Tradition. Denn man blieb von Krieg und der Pest weitgehend verschont. Selbst die hiesigen Katholiken dankten dankten , wenn auch an einem anderen Tag.
Die Niederlande und die Schweiz sind bis heute als konfessionell gemischte Staaten. Anders als in Belgien oder Oesterreich verlor die römisch-katholische Kirche ihre Vormachtstellung. Anders als in England, Schottland oder Schweden etablierten sich aber keine neuen Nationalkirchen.
Das sollte die politische Kultur der beiden Länder prägen. Davon wird noch die Rede sein.