Ich habe meine Demokratie-Tour durch die Stadt Bern neu gestaltet. Am kommenden Dienstag ist die erste Führung. Zu den Neuerungen zählt beispielsweise eine Station zum Zusammenhang zwischen Todesstrafe, Zivilisierung und Demokratie.

Die Forderung, die Todesstrafe abzuschaffen, geht auf die Aufklärung im 18. Jahrhundert zurück. Diese entwickelte den Gedanken der Würde des Menschen, die unantastbar sei. Ein aufgeklärter Staat müsse das respektieren.

In der Schweiz ist die Abschaffung der Todesstrafe eng mit der Entstehung des liberalen Bundesstaat verbunden. Allerdings nur schrittweise: Mit der ersten Bundesverfassung von 1848 wurde die Todesstrafe für politische Verbrechen verboten – 1874, mit der zweiten, dann generell.
Noch regte sich in katholisch-konservativen Kantonen Widerstand, sodass man nach 5 Jahren die Todesstrafe im kantonalen Strafrecht wieder zuliess. Die meisten ausgesprochenen Urteile wurde jedoch in Begnadigungen umgewandelt. Die letzten Hinrichtungen waren im Zweiten Weltkrieg.
1942 hält das erste Schweizerische Strafgesetzbuch fest, die Todesstrafe sei verboten. Seit 1992 steht das auch für das militärische Strafgesetz. Die geltende Bundesverfassung doppelte 1999 nach.

Im Bern gab es eine Reihe viel diskutierter Todesurteile. Beispielsweise 1749 das gegen Samuel Henzi, einem bürgerlichen Revolutionär, der sich der bernischen Obrigkeit widersetzte hatte und dafür um einen Kopf gekürzt wurde. Aber auch 1847, das gegen Anna Flückiger, der letzten Kindsmörderin, die mit der Todestrafe belegt wurde. Gegen das Urteil gab es zahlreiche Bittschriften für eine Begnadigung durch den Grossen Rat. Doch der belächelte dies als Sentimentalität. Zu den Wortführern der Scharfmacher gehörte auch der bernische Schriftsteller Jeremias Gotthelf.
Das Blatt wendete sich auch hier mit dem Bundesstaat. 1861 kommt es in der Nähe Langnau zu den letzten Hinrichtungen im Kanton Bern. Gleich vier Mörder wurden an einem Tag gerichtet. 15‘000 Zuschauer kamen dafür ins Emmental, was 3 Prozent der damaligen Kantonsbewohnern entsprach. 1866 bereitete der Kanton dem Treiben ein Ende und verbot die Todesstrafe definitiv.

Anders als vielfach behauptet, bedeutet mehr Demokratie nicht mehr Todesstrafen. Vielmehr zeigt die Entwicklung in der Schweiz des 19. Jahrhunderts, dass mit dem Entstehen einer aufgeklärten Oeffentlichkeit das archaische Volksempfinden hinterfragt und schliesslich auch verdrängt wurde.

Michel Foucault, der französische Philosoph meinte in seinem Buch “Ueberwachen und Strafen” 1975, man könne den Grad der Zivilisierung einer Gesellschaft am Umgang mit dem Strafrecht ablesen. Unzivilisiert sei es, ein Urteil öffentlich nicht zu begründen. Zivilisiert sei es, ein Urteil nicht in der Oeffentlichkeit zu vollstrecken.

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Während unserer Weltreise stiess ich in China auf Karten, welche die Ausbreitung der grossen Pest im 14. Jahrhundert zeigten. Für Europa kannte ich die zur Genüge. Bezogen auf Asien waren sie für mich neu. Und sie öffneten mir in vielem die Augen.

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Wirtschaftshistoriker wie William Bernstein behaupteten stets, der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert, der sich vom Schwarzen Meer aus über Europa ausbreitete, habe seinen Ursprung in Asien gehabt. Auf chinesischen Karten fand ich letzten Oktober gute Belege hierfür. Demnach breitete sich die Pest zu Beginn des 14. Jahrhunderts von Südost-Asien (1320) nach Zentralchina (1332) aus, und wütete sie in der Folge auf der Seidenstrasse durch das Herrschaftsgebiet der Mongolen (nach 1332 und vor 1346). Als diese die Goldene Horde die Krim zu eroberen versuchten, warfen die mongolischen Belagerer Kaffa (1346) mit der Pest infiszierte Leichen in die Stadt. Das löste bei den Belagerten Panik aus, und die Händler aus Genua, die für die Versorgung übers Meer zuständig waren, setzten sich in ihr Ursprungsgebiet ab.
Zu spät!, wie man heute weiss, denn auf ihrer Flucht nach Italien brachten die Händler, selbst schon angesteckt, die Pest direkt nach Europa (1347). Für unser Gebiet von Belang war, dass sie sich über Marseille-Lyon-Genf ins Mittelland ausbreitete und da 1348/49 zahllose Opfer forderte.

Ueber die Folgen der Post ist schon viel beschrieben worden: So die Anklage der Juden durch Christen, für die Pest verantwortlich zu sein, was vielerorts zu ihrer Verfolgung führte. So die Bestrafung der Ketzer, die man auspeitschte, weil man hoffte, sie so von ihrer Schuld zu reinigen. Und so die Absetzung weltlicher und kirchlicher Feudalherren, die man beschuldigte, Schutz versprochen zu haben, den sie im Ernstfall nicht einzulösen vermochten.

In der Geschichte Chinas gilt es als ausgemacht, dass die Pest den Niedergang der Yuan-Dynastie auslöste. Die Moral der Bauern sank angesichts der Pandemie, und der Unterhalt namentlich der Staudämme liess rasch nach. Das hatte Ueberschwemmung zur Folge, ebenso Missernten. 1368 war es soweit: Die einheimische Ming-Dynastie übernahm das Land von den mongolischen Herrschern und profilierte sich als Erstes durch den Bau neuer Stauwehr und -dämme, um das Land zu entwässern und es wieder fruchtbar zu machen. Hongwu, der erste Ming-Kaiser, gründete die chinesisch Hauptstadt Nanjing (Frieden des Südens); 1421 erhob einer seiner Nachfolger, Yongle, Beijing (Frieden des Nordens) zur Kaiserstadt und begann, die Chinesische Mauer gegen die Mongolen neu zu errichten.

Weniger geläufig sind die Zusammenhänge zwischen Pest und Herrschaft in Europa. Doch es gibt auch sie. Karl IV., dessen Krönung 1346 durch die Pest gestört worden war, ordnete, nun Kaiser, 1356 mit der Goldenen Bulle das zerfallene Reich neu. Und selbst die Entstehung der Eidgenossenschaft kann auf das geopolitische Grossereignis zurückgeführt werden.Zwar reichen deren Ursprünge im Mittelland bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurück. Ursache war das Nachlassen der kaiserlichen Macht, denn Kaiser Friedrich II. stand mit den Päpsten in einem Dauerstreit. Nicht zuletzt der Vorwurf der Kirche, sich als Kaiser zu wenig um die Abwehr der Mongolen gekümmert zu haben, hatten die Konflikt eskalieren lassen.

Namentlich die (Reichs)Städte im Mittelland und die Reichsländer im Voralpengebiete entwickelten in der Folge ein Freundschaftssystem, um sich bei abwesender Herrschaft von oben das lokale Recht zu garantieren und so den Handel zwischen fremden Orten selbständig zu ermöglichen. Daraus entstanden Bünde unter Nachbarn, die nach der Krise der grossen Pest auf eine neue Basis gestellt werden mussten. Nach 1350 begründeten die regionalen Bündnisse der Waldstädte, der Zürcher und der Berner das 8örtige Bündnissystem, mit dem man sich zu einem stärkeren Zusammenhalt im Bedrohungsfall verpflichtete. Bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts bildete dies die Grundlage, auf der sich die Eidgenossenschaft entwickeln konnte. Mit dem Frieden von Basel (1500) wurde man autonom im Kaiserreich, mit dem Westfälischen Frieden (1648) gar von diesem ausgenommen.

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Wer leichte Kost bevorzugt, wird das Buch überfordern. Wer hingegen Eingemachtes mag, wird satt werden. Denn das neue Buch zur Schweizer Migrationsgeschichte nährt Hungrige zum Thema in vorzüglicher Art und Weise.

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Auftakt
“Mulitkulturalität war im Raum der Schweiz schon lange Realität, bevor das Stichwort Gegner und Befürworter auf den Plan brachte”, fassen die Autorinnen André Holenstein, Patrick Kury und Kristina Schulz ihr neues Werk zur Schweizer Migrationsgeschichte zusammen. “Ueberfremdung” in der Jetztzeit sei zwar als indivduell emfundene Zumutung nachvollziehbar, vor dem Hintergrund kollektiver Erfahrungen über die lange Zeit aber unverhältnismässig, schieben die Historikerinnen aus Bern und Luzern nach. Und: “Eine Nation, die derart auf der Integration verschiedener Kulturgemeinschaften basiert, dass sie Mehrsprachigkeit und Kulturkontakt zu ihrer Raison d’Etre und zu einem konstitutiven Element ihrer Identitätsvorstellung erklärt hat, sollte den Herausforderungen der Migrationsgesellschaft relativ selbstbewusst und gelassen entgegenstehen.”

Zweifelsfrei, das ist eine Ansage, die ein Buch in der Gegenwart eindeutig positioniert. Doch geht es den AutorInnen nicht um einen politischen Kampf. Vielmehr streben sie nach Einsichten in die Verflechtungsgeschichte der Schweiz. Sie sind an der Ein- und Auswanderung in den Raum interessiert, der die Schweiz ausmachte, bevor er sie gab, aber auch bestimmt, seit es sie gibt. Damit nicht genug, sie wollen auch mehr über Binnenwanderung wissen, selbst über temporäre Migration, den ohne sie wäre das Bild der Schweiz in Bewegung unvollständig. Kurz, gesucht wird mit diesem Werk eine Art Totalgeschichte der Migration, aus der die Schweiz entsteht, die ein wichtiger Teil von ihr ist und der sie sich nicht entziehen kann.

Thesen und Befunde

Die Lehren aus dem neuartigen Buch fassen die Autorinnen in sieben Thesen zusammen, angereichert durch eine Vielzahl an Befunden, denen man in der knappen Form eines Buchhinweisen kaum gerecht werden kann. Dennoch sei der Versuch der Verdichtung der Verdichtung gewagt!

Erstens: Migration hat eine Geschichte, die weiter zurückreicht als bis in die Zeit der Industrialisierung. Das Bild einer sesshaften Vormoderne gegenüber einer mobilen Moderne ist widerlegt.
Insbesondere die Stadtgründungen und der Landesausbau im Hoch- und Spätmittelalter haben die Migration befördert. Stadt/Land-Bewegungen, saisonale Migration, Heirats- und Erbfolgewanderungen, das Söldnerwesen, Migration nach Missernten und protoindustrielle Wanderungen sind typische Formen der Schweizer Migrationsgeschichte. Was man dabei nicht übersehen sollte: Migration ist dabei kein Unterbruch der normalen Ordnung, sondern die historische Konstante.

Zweitens: Der Raum der Schweiz war zu allen Zeiten an bedeutsamen europäischen und globalen Wanderungssystemen beteiligt und so stets mit dem Rest der Welt verflochten.
Unsere Land war Teil der Siedlungsmigrationen während der ersten Agrarrevolution. Wanderungen begleiteten die Entstehung des Römischen Reich. Auch die Durchsetzung der christlichen Vorherrschaft brachte mit Verfolgungen Migration hervor. Kaufleute und Händler aus Genf oder Zürich liessen in der Neuzeit Europa expandieren. Transatlantische Wanderungssysteme boten verarmten Angehörigen der Unterschichten neue Chancen in Uebersee. Infrastrukturbauten des Verkehrs- und Transportwesens zogen Arbeitskräfte aus ganz Europa an. Seit Neuestem sind wir in die Nord-Süd-Migration mit einem sehr grossem Aktionsradius einbezogen.

Drittens: Migrationsregimes, die den Umgang mit Wanderungen massgeblich bestimmt haben, sind sowohl durch Kontinuitäten und Wandel geprägt.
Konstanz zeigt sich in den Motiven und Normen der Regulation von Migration. Nicht liberale Prinzipien wie in den urbanen Republiken Venedigs oder den Niederlanden waren entscheidend. Stets trieben kollektiv-egoistische Nützlichkeitserwartungen die Wanderungen in die Schweiz an. Verändert haben sich über Zeit die Instanzen, die Migration zuliessen oder abwehrten. Bevor die Schweiz zur Nation zusammen wuchs, waren das engmaschig Lokale massgeblich. Das änderte sich mit dem Bundesstaat. Seither ist die Regelung der Migration ein Tauziehen zwischen Bund und Kantonen. Der Erste Weltkrieg war dabei eine wichtigste Zäsur, welche die offene Ausländerpolitik der Scheiz durch eine restriktive einleitete. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das aufgegeben, um sich international neu zu orientieren.

Viertens: Die Schweiz war nicht immer Zuwanderungsland. Vielmehr drängten verschiedene Ursachen hiesige Menschen immer wieder dazu, das eigene Land zu verlassen.
Hauptgründe für die Auswanderungen waren Armen- und erbrechtliche Regelungen. Klimatische und ökonomische Begebenheiten kamen hinzu. Neuerdings dominiert die Arbeits-, Bildungs- und Karrieremigration die Auswanderung – und die neue soziale Lage, weil etwa das gesicherte Leben im Alter im Inland nicht mehr bezahlbarer ist. Umgekehrt, ohne die Investitionen von Zugewanderten in Wissen und Technik wären viele Entwicklungen im heute wohlhabenden Land kaum denkbar gewesen. Das Skifahren stammt aus Norwegen, die Ovomaltine, unser Nationalgetränk, wurde von einem Chemiker aus Hessen entwickelt, der in Bern zuerst werden heimisch musste.

Fünftens: Die lange Zeit vorherrschende Sichtweise auf Migration als one-way-Bewegungen ist unzureichend. Zahlreich sind die Formen einer räumlich und zeitlich ausdifferenzierten Migration.
Namentlich die zivile und militärische Karriere- und Arbeitsmigration war in aller Regel nicht einfach von Dauer. Doch auch in der Landwirtschaft bewältigte man saisonale Spitzen während der Ernte nur mit Hilfe von Zuwanderungen. Der Kleinhandel wiederum bestand weitgehend aus Hausierern, die im Innern der Schweiz wanderten, und Adelige waren stets auf Knechte und Mägde aus nah und fern angewiesen. Das begründete plurilokale Lebensformen – die es nicht erst seit Easyjet, Skype und Instagram gibt.

Sechstens: Geschlechtsspezifische Aspekte von Migration bleiben nach wie vor unterbeleuchtet – je weiter man in der Geschichte zurückgeht, umso deutlicher.
Wenig bekannt ist die Funktion der Frauen in den Phasen der Siedlungswanderung. Lücken schliessen konnte man bei der temporalen Arbeitsmigration, namentlich wenn Frauen während der berufs- oder kriegsbedingten Abwesenheit ihrer Männer Essenzielles zur Subsistenz der Familie beitragen mussten. Dafür legten sie, bei Eheschliessung oder Erbschaft schon mal grosse Distanzen zurück. Ihren Platz in der Geschichte gefunden haben Migrantinnen im 19. Jahrhundert, als Arbeiterinnen, Studentinnen und als Exilantinnen. Dazu gehört auch das berühmte Welschlandjahr, das zum Bewusstsein der Verschiedenheit der Schweiz Wesentliches beitrug.

Siebtens: Die Rede über die Ueberfremdung aus dem 20. Jahrhundert hat auch im ausländerpolitischen Diskurs des 21. Jahrhunderts an Prägekraft nichts eingebüsst, selbst wenn der Begriff neuerdings gemieden wird.
Bewegungen, Parteien, Initiativen, Kampagnen, behördliche und gesetzgeberische Massnahmen prägen das Migrationsbild der Gegenwart. Ihre Intensität verdeckt die grossen historischen Zusammenhänge bisweilen. Dazu zählen auch die oft verdeckten antijüdischen Ressentiments, die es seit dem Mittelalter gab, die aber bis in die jüngste Geschichte nachwirken.

Fazit
Das Fazit des Buches ist, für HistorikerInnen von heute typisch, unaufgeregt. Verschwunden ist das Klirren der Söldner in den Schlachten Oberitaliens. Versachlicht werden Erfolge und Misserfolge Ausgewanderter in ferne Länder. Und, dem martialischen Ruf der heutigen Politiker gegen Fremde weht der lange Atem der HistorikerInnen entgegen.
Dafür spürt man die Zuversicht der Autorinnen, welche die Herausforderungen der Migration als permanente Chance sehen. Sie schreiben,Gesellschaft und Politik hätten gelernt, Migration zu meistern. Gelungen sei dies durch Selbstbewusstsein und Kooperation. Zu erwarten sei, dass das auch in Zukunft nötig sein werde. Lösungen für anstehende globale Probleme werde man gemeinsam angehen müssen. Gelungene, wie auch misslungene Absprachen zwischen Staaten in der Vergangenheit zu kennen, werde mehr dazu beitragen, die Dynamik kommender Schlüsselmomente einschätzen zu können, als das Kleinklein, das sich am Tagesgeschehen und den Launen der parteipolitischen Wählerschaften ausrichte.
Dabei, so der Rat, solle man nicht vergessen, dass Kosten/Nutzen-Kalküle in der Schweizer Migrationsgeschichte stets die eine überragende Rolle gespielt hätten. Nichts spreche dafür, das aufzugeben. Denn es sei lohnenswert, ökonomische und politische Integration gemeinsam mit humanitärer Verantwortung und übergeordnete Solidarität zu denken. Das setze Identifikation mit dem Ganzen voraus, von dem man so viel profitiere.

Vor meiner Weltreise habe ich meiner Berner Migrationsgeschichte konzipiert und zu einer ganztägigen Tour durch die Stadt Bern ausgebaut. Einiges, was ich im Kleinen recherchiert habe, ist mit beim Lesen wieder begegnet; anderes war mir ganz neu. Damit nicht genug: Seit meiner Weltreise ist mir die Dimensionen der globalen Migration viel bewusster geworden. Genau da liefert das neue Geschichtsbuch neue Einsichten. Es fördert bisher unbekanntes Material aus der Forschungsliteratur zu Tage. Und es prägt mit einer sensationellen Dichte an Vernetzungen von Fakten und Interpretationen das Bild der Migrationsgeschichte der Schweiz neuartig. Ganz nach dem Motto, Migrationsgeschichte ist Verflechtungsgeschichte – Verflechtung von Geschichten, die man neu sehen und erzählen wird. Ein wahrer Wurf, zu dem der Hier&Jetzt-Verlag glücklicherweise Hand geboten hat!

Stadtwanderer

Schweizer Migrationsgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. André Holenstein, Patrick Kury und Kristina Schulz. Verlag Hier und Jetzt, Baden 2018.

Berner Migrationsgesschichte
https://www.stadtwanderer.net/?p=17097: Stadtgründung durch Einwanderer
https://www.stadtwanderer.net/?p=17103 Los der Juden
https://www.stadtwanderer.net/?p=17106: Kriegsdienste mit Folgen
https://www.stadtwanderer.net/?p=17112: Asyl der Hugenotten
https://www.stadtwanderer.net/?p=17118: Arbeitsmigration und soziale Spannungen
https://www.stadtwanderer.net/?p=17123: Das Zeitalter der Globalisierung

Das 20. Jahrhundert brachte der Menschheit zwei Weltkriege, die namentlich in Europa schreckliche Folgen hatten. Nach 1945 setzte sich der Zweite Weltkrieg in Form des Kalten Krieges zwischen Ost und West fort. Den europäischen Westen einigte die Europäische Union und ihre Vorläuferorganisationen schrittweise. Mit dem Ende des Kalten Krieges 1989 setzte die EU dazu an, die europäischen Nationalstaaten in einem grossen Binnenmarkt zu integrieren.

Die Schweiz ist bis heute nicht Mitglied der EU. Sie schaffte auch die Vorstufe dazu, den EWR-Beitritt, nicht. Regierung und Parlament wären vor 25 Jahren dafür gewesen. Das Vorhaben scheiterte jedoch in der Volksabstimmung am Ständemehr klar, am Volksmehr knapp. Um die gemeinsamen Interessen zu wahren, wurden im Jahr 2000 die Bilateralen ins Leben gerufen. Diese fanden die nötigen Zustimmungen beider Seiten.

Den wirtschaftlichen Vorteilen stehen gesellschaftliche Probleme mit der Arbeitsmigration namentlich bei Hochkonjunktur gegenüber. Die Schweiz nahm 2014 die Masseneinwanderungsinitiative der SVP in der Volksabstimmung an und setzte sie 2016 nicht ohne Nebengeräusche EU-kompatibel um. Ungelöst ist auch die Institutionalisierung der Rechtsentwicklung. Die Baustelle bleibt wie auch die Nähe der EU-Botschaft zum CH-Bundeshaus.

Der EU-Beitritt erscheint genauso wenig mehrheitsfähig, wie es die Kündigung der Bilateralen wäre. Es wird einen erneuerten Weg dazwischen brauchen, denn diese Geschichte kennt bisher keinen eindeutigen Sieger und damit auch kein eindeutiges Ende.

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Bern hat neuerdings ein Medienzentrum. Dank der Nähe zur Politik. Entstanden ist es als zentraler Ort für BundeshausjournalistInnen. Früher waren auch sie im Bundeshaus. Nahe bei den Politikerinnen – zu nahe, mahnten viele.
Gleichzeitig verliert Bern gegenwärtig die Hohheit über eigene Zeitungen. “Der Bund” für die Stadt, die “Bernerzeitung” für den Kanton werden gerade in den Tamedia-Mantel Deutschschweiz integriert, deren Chefs die Schweiz von Zürich aus sehen.

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Der Historiker und Medienwissenschafter Roger Blum beschreibt den aktuellen Uebergang als Transforamtion von einem Mediensystem, das auf PublicService-Leistungen wie in Grossbritannien ausgerichtet war, zu einem liberal geprägten, wie man es in den USA kennt. Massenmedien als öffentliche Institutionen verschwinden tendenziell, rein kommerzielle Produkte sind im Kommen.
Polarisierung ist die vorherrschende Darstellungsform. Schwarz-Weiss bestimmt, grau verschwindet. Das bringt auch eine Politisierung der Medien mit sich. Grenzen von Bericht und Kommentar tauen auf. Hinzu kommt die Vermischung von Journalismus und PublicRelation. Der Medienbesitz wird zunehmend privat. Das klassische Verlegertum eordiert, es bestimmt der Medienunternehmer, teils mit, teils ohne politische Absichten. Journalismus bleibt aber gefragt, ein willkommene Bereicherung werden Medien sein, die ganz von Journalistinnen geführt werden.
Entstehen wird ein hybrides oder gemischtes Mediensystem, ganz auf Digitalisierung ausgerichtet, das Unterhaltung und Information anbietet, Internationales und Lokales, Lineares und Unterbrochenes. Aber keine sicheren AbonnentInnen mehr, nur noch flexible NutzerInnen. Optimisten sehen das als Chance für die pluralistische Demokratie, Pessimisten neigen dazu, neue Herrschaftsformen zu betonen. Denn das Netz ist nicht ohne Macht.

Nicht wenig in der Medien-Branche meinen, in 5 Jahre werde man überhaupt kein Geld mehr mit Printjournalismus verdienen können. Wir werden sehen, ob es wirklich ein dead business ist.
In 5 Monaten stimmt die Schweiz über die NoBillg-Initiative ab. Wenn ich von meiner Weltreise zurück sein werde, kennen wir das Ergebnis bereits – und damit die Zukunft der SRG als Kern des ServicePublic-Angebotes!

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Im Berner Volkshaus entstand 1888 die Sozialdemokratische Partei der Schweiz. Sie war kein Dach über Kantonalparteien, sondern eine Sektion der sozialistischen Internationalen.

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Zu Beginn war sie eine reine Oppositionspartei, welche die bürgerliche Demokratie überwinden wollte. Nach dem ersten Weltkrieg entschied sie sich gegen die Revolution, für Reformen. Die Lage der Arbeiter war ihr zentrales Thema im Landesstreik von 1918, die Schaffung des Sozialstaates das vordringliche Ziel.
In der Stadt Bern wurde die SP 1895 erstmals Regierungspartei. Im Kanton Bern rückte sie 1937 in die Regierung auf. Den ersten Bundesrat stellte die SP 1943. Seit 1959 ist sie fest mit zwei von sieben BundesrätInnen in der Bundesregierung vertreten.

Ihre Leistung ist die Integration der schweizerischen Arbeiterschaft in den Bundesstaat. Nur will diese Arbeiterschaft heute kaum mehr SP wählen. Zu viel Gleichstellungspolitik, zu viel Umweltschutz und zu viel EU lautet die Kritik. Denn die SP hat sich zu einer Anti-Diskrimierungs-Partei gemausert, gegen Ausgrenzung von Frauen und Ausländern.

SP-Parteipräsident, Christian Levrat, taktiert hervorragend unter der Bundeskuppel. Die Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat war eine Meisterleistung. Mit den Wahlen 2015 setzte jedoch der bürgerliche Wideraufbau von rechts her ein. Die SP ist seither meist in der Defensive. Sie bestimmte 2016 ihre Politik neu: konstruktive Oppositionspolitik nennt sie das. Mit dem Referendum gegen die Unternehmenssteuerreform 3 zeigte sie, was sie damit meint. Die Rechte revanchierte sich und bodigte die Rentenreform von Mitte/Links in der Volksabstimmung.

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Das Bürgerhaus in Bern ist Sitz der FDP Schweiz. Der Freisinn war eine Volksbewegung, die ihre Ursprünge in den 1830er Jahre hatte, liberale und radikale Züge annahm und den Bundesstaat von 1848 schuf. Die FDP als politische Partei entstand erst 1894 als Zusammenschluss kantonaler Parteien mit verwandter Weltanschauung.

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Bis 1919 regierte die FDP die Schweiz fast nach Belieben. Die Mehrheit im Parlament sicherte man sich mit dem Majorzwahlrecht und der Festlegung von Wahlkreise von Fall zu Fall. Die Katholisch-Konservative Partei, heute CVP, hatte stets das Nachsehen. 1918 wich das Majorzwahlrecht für die Wahl des Nationalrates dem Proporzwahlrecht. Damit verlor die FDP die Mehrheit in der grossen Kammer. Auftrieb erhielten die BGB, heute SVP, und die SP.
Im Bundesrat sackte die FDP von anfänglich sieben Mitgliedern aus ihren Reihen auf heute zwei. Dennoch ist das Weltrekord! Denn keine andere Partei der Welt war 169 Jahre ununterbrochen in der Regierung – nicht einmal die schwedischen Sozialdemokraten oder die irischen Nationalisten schafften das!

Seit dem Ende der 70er Jahre verlor die FDP Parlamentswahl für Parlamentswahl. Die neuen Mittelschichten ziehen die SP, die Grünen und die Grünliberalen vor. Die Staatskritischen wiederum präferieren die SVP. Das hat die FDP namentlich in der deutschsprachigen Schweiz geschwächt.
2015 gewann die FDP erstmals wieder bei der Nationalratswahl. Seither ist die bei Abstimmungen die erfolgreichste Partei. Sie gewann am 24. September 2017 auch die Volksentscheidung um die Rentenreform. Allerdings aus der Opposition heraus!

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Das Bundesratshaus wurde nach der Gründung des Bundesstaates als Sitz des Bundesrates erstellt. Damals nahmen alle sieben Mitglieder des Bundesregierung darin Platz. Heute beherbergt es noch die Büros des Aussenministers und der Justizministerin und es heisst Bundeshaus West.

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Vor dem Bundeshaus West steht der mächtige Berna-Brunnen aus dem Jahre 1858. Im Grundriss hat er die Form eines Schweizer Kreuzes. Darüber sind vier Schwäne, die Wasser speien. Sie symbolisieren Rhein, Reuss, Rhone und Ticino, die um den Gotthard herum entspringen. Darüber sind die vier Jahreszeiten, die für eine regelmässige Erneuerung der Natur und Landwirtschaft sorgen. Schliesslich Berna, die Frauengestalt, die die Stadt Bern, die Gastgeberin des Bundes, darstellt.

Der Bau des Bundesratshauses in den 1850er Jahren veränderte das Stadtbild nachhaltig. Die alte Zähringerstadt im Osten war definitiv zu klein geworden. Für die neue Stadt mit dem Bahnhof musste Bern nach Westen erweitert werden. Dafür musste man die Stadtmauer schleifen, den Stadtgraben zuschütten und den Christoffel-Turm abtragen. In den 1860er Jahren wurde Eisenbahnverbindungen für den Personen- und Güterverkehr entscheidend. Die erste Linie, von Olten herkommend, endete noch im Wankdorf in einem Kartoffelacker. Denn man konnte die Aare nicht überqueren. Den Rest musste man zu Fuss oder mit der Kutsche gehen. Es brauchte Fortschritte im Brückenbau, bis man die Stadt effektiv ans Schienennetz anschliessen konnte.

Mit dem Eisenbahnbau verkürzten sich die Wegen von Ost nach West und von Nord nach Süd. Die Schweiz begann zusammen zu wachsen. Das Ganze war aber nicht ohne Probleme. Konservative Kreise stemmten sich gegen die technische Neuerung. Sie sammelten Unterschriften gegen die neuen Eisenbahnverbindungen. Doch die Petitionen nützten nichts. Es kam die Idee auf, über Parlamentsbeschlüsse Nachentscheidungen in Form von Volksabstimmungen treffen zu können. Das Referendum entstand. 1874 wird es als erstes Volksrecht auf nationaler Bühne eingeführt. Dem Eisenbahnbau hat es übrigens nicht geschadet. Es wird vorsichtiger geplant und einmal realisiert, sind wir Fans der neuen Eisenbahnlinien.
Das Referendum wirkt nicht nur als Opposition gegen ein Projekt, sondern auch als Auftrag, volksverträglich zu planen.

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Zwar entstand das Bundeshaus erst anfangs des 20.Jahrhunderts. Doch symbolisiert es wie kein anderes den Bundesstaat von 1848.
Dieser entstand aus den bürgerlichen Revolutionen Mitte des 19. Jahrhunderts. Er ist das einzige, dauerhaft erfolgreiche Projekt seiner Zeit. Die Schweiz befand sich in jungen Jahren mitten und Monarchien. Frankreich wurde 1870 eine Republik. Deutschland und Oesterreich erst 1918 und Italien wechselte nur 1947 zu dieser Staatsform.

Der Bundesstaat schuf fünf schweizerische Institutionen: Volk und Stände, die bei Wahlen und Abstimmungen wichtig sind, sowie Parlament mit zwei Kammern, Regierung mit sieben Bundesräten und ein Bundesgericht, die von einander geteilt arbeiten. Von den Bürgern gewählt wird nur das Parlament, die Regierung und die Richter bestimmen das Parlament.

Die Schweiz etablierte damit eine frühe Form der (Männer)Demokratie. Mit der Einführung der Volksrechte schuf sie auch als erster Staat die (halb)direkte Demokratie. Damit änderte sich der Charakter der repräsentativen Demokratie, wie sie heute vielerorts besteht. Denn mit ihr ist das Volk, sind die Kantone die Opposition in Sachfragen, während die grossen Parteien gemeinsam ein regierungsfähiges System sichern.

Man nennt es auch Konsensdemokratie, die auf Verhandlung unter Konfliktparteien basiert. Vom Ideal haben wir uns aber entfernt. Eigentlich sind wir einen Konkordanzdemokratie mit beschränktem Konsens.

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In diesem Haus lebten nacheinander die Universalgelehrten Albrecht von Haller und Georg Friedrich Hegel.

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Hegel kam als Doktorand nach Bern. Er war Hauslehrer bei der Familie von Steiger. Die hatte eine der besten Privatbibliotheken. Hier kam der studierte Theologe mit philosophischen Schriften in Berührung. Später entwickelte er das Entwicklungsgesetz der Moderne: These, Antithese und Synthese. Das erläuterte er beispielsweise so: Die Aufklärung sei die These, die französische Revolution die Antithese und der Liberalismus die Synthese. Er vereinige die idealistischen Ansichten der Aufklärer mit dem Bruch mit der Tradition durch die Revolution. Die schöpferische Kraft der Zerstörung nennen man das heute noch in liberalen Kreise.

Albrecht von Haller war der berühmteste Aufklärer Berns. Der Naturforscher hielt Adelsrepubliken für die beste Staatsform, wenn sie sich wie die Hirten an die guten Sitten halte. Jean-Jacques Rousseau, der Aufklärer aus Genf, kritisierte ebenso das selbstsüchtige Leben seiner Zeitgenossen. Anders als Haller suchte er aber das Paradies in kleinen Republiken mit Pädagogen an der Spitze. Sie sollten den Menschen schaffen, der sich am Gemeinwohl ausrichtete.

Nach der französischen Revolution kritisierte Karl Ludwig von Haller, der Enkel von Albrecht, die ganzen aufklärerischen Ansichten. Ihr Ja zu Menschenrechten und Verfassungsdenken widerspreche der göttlichen Ordnung. Nur die Souveränität des Monarchen, des Generals und des Gottesmannes zählten.
Den Meister zeigte dem Vordenker der Restauration kein geringerer als Hegel. In Berlin lehrte der Professor Philosophie und bildete er auch junge Schweizer aus. Beispielsweise Henry Druey, der als Waadtländer Regierungsrat die ersten Volksabstimmungen einführte, wie wir sie heute kennen, und Mitglied des ersten Bundesrats im jungen Bundesstaat von 1848 wurde.

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Der Kornhausplatz versteckt bis heute die Geheimnisse der Helvetischen Republik von 1798. Auf allen Strassenschildern rund um den Ort steht „Kornhausplatz“. Doch die Schilder haben verschiedene Farben. Diese wurden während der Franzosenzeit angefertigt. Man zeigte den nicht immer nüchternen Soldaten so, wo ungefähr ihr Quartier sein würde.

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Die Helvetische Republik dauerte nur sechs Jahre, und trotzdem markiert sie einen tiefen Einschnitte in der Stadtgeschichte. Sie zerstörte die gross und träge gewordene Republic Bernensis. Stadt und Kanton wurden getrennt. Der Kanton verlor die Waadt und den Aargau endgültig, das Oberland vorübergehend. Erste Hauptstadt der Helvetischen Republik wurde ausgerechnet das Munizipalstädtchen Aarau. Bern kämpfte sich erst nach und nach zurück an die Spitze des Staates. Dieser blieb ungeliebt. Eigentlich erinnert nichts an ihn.

Die Jahre Franzosenzeit teilt man in drei Teile. Die ersten zwei Jahre dienten der Revolutionierung der alten Republik. Die zweiten zwei Jahre waren durch innere Umstürze und Stagnation gekennzeichnet. Während den beiden letzten Jahren zerfiel die neue Republik.
Oft erinnert man sich nur an die Kriege während der Franzosenzeit Diese brachte uns aber auch Schulen, den Franken und den Bundeskanzler an der Spitze der Verwaltung. Die Revolutionierung scheiterte, weil der Zehnten nicht abgelöst wurde. So wandten sich die Bauern von den Franzosen und Republikanern ab, hin zu den früheren Herren.

Während der Helvetischen Republik wurde erstmals in der ganzen Schweiz angestimmt. 70000 Ja-Stimmen unterlagen 90000 Nein-Stimmen. Dennoch wurde die Verfassung angenommen. Denn die Franzosen kannten nur das Veto. Dabei zählten die 150000 Abwesenden als Helfer der Franzosen und sorgten so für die Mehrheit.
Der Bundesrat würde das bisweilen gerne auch so haben!

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Das Kornhaus symbolisiert wie kein anderes Gebäude das Ancien Régime des 18. Jahrhunderts, die Zeit nach den Konfessionskriegen und vor dem Franzoseneinmarsch. Gezeigt wird unter dem Dachgibel die Spitze der Bernischen Republik mit dem aufsteigenden Bären, nur noch Gott über sich. Im Kornhaus selber lagerte man Korn und Wein. Damit bezahlte man in guten Zeiten die Gehälter der Stadtangestellten.

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Im Ancien Regime entstand die Idee der Milizarmee. Sowohl Patrizier als Offiziere als auch Untertanen in der Uniform von Soldaten sollten einen Teil ihrer Zeit dem Staat zur Verfügung stellen, um ihn im Ernstfall zu beschützen. Das verband. Und so sparte man Geld, sodass man bis auf den Zehnten auf Steuern verzichten konnte. Die reichen Stadtgeschlechter wiederum investierten ihre Einnahmen aus den Ländereien an den Börsen in London und Amsterdam und half so, die neue Welt in Amerika aufzubauen. Wer sich nicht verspekulierte, wurde noch reicher – ohne zu arbeiten. Die Regierungsweise war der Berner Patrizier paternalistisch. Sie sagten den Untertanen, was für sie gut sei. Gehorchten sie, liessen sie väterliche Milde walten. Muckten sie wie im Bauernkrieg auf, mache man sie einen Kopf kürzer.

Die Historiker kritisieren heute die Gesellschaftsform des Ancien Régimes. Denn sie entwickelte kein unternehmerisches Bürgertum. Bern verpasste denn auch den Anschluss an die Industrialisierung weitgehend. Es brauchte die Franzosen, damit die Stadt den Anschluss an die politische Moderne schaffte.

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Gebaut wurde der Gerechtigkeitsbrunnen 1543. Er symbolisiert das Denken der Reformierten, obwohl man für den Bau einen katholischen Bildhauer aus Freiburg bestellen musste.

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Zuoberst auf dem Brunnen steht die Iustitia. Ihre Augen sind verbunden. Denn Gerechtigkeit ist nur, wenn man unabhängig von Konfession entscheidet. Unter ihr sind die Mächte der damaligen Zeit: der Kaiser in der Monarchie, der Papst in der Theokratie, der Sultan in der Despotie und der König, der über Bern gebietet. Sie alle sollen das Recht unabhängig von ihren konfessionellen Hintergründen sprechen. Das verlangten die Reformierten, denn sie waren in der Minderheit.

Die Intellektuellen von damals, die Humanisten, entdeckten fast gleichzeitig die Helvetier als unsere Vorfahren in keltischen Zeiten. 1578 erfand Josias Simler gar eine neue Staatsform: De Republica Helvetiorium – die Republik der Helvetier. Nur die katholische Kirche brauche die Monarchie. Die anderen Helvetier würden mit Vorteil von Stadtadeligen und Landdemokraten regiert, so Simlers Feststellung.

1648 machte der Westfälische Friede Ernst. Der Corpus Helvetiorum wurde aus dem Kaiserreich entlassen. Er bildete jetzt den Staat der Helvetier. Die Republic Bernensis war der mächtigste Teilstaat der Helvetier. Regiert wurde er von Burgern, den abgesonderten Bernern mit einem Stammbaum und langer Ortsansässigkeit.

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Das Rathaus ist bis heute Sitz von Parlament und Regierung des Kantons Bern. Erbaut wurde es zu Beginn des 15. Jahrhunderts aus den Trümmern des grossen Stadtbrandes. 1417 wurde es formell eingeweiht, deshalb ist es genau 600 Jahre alt.

Rathaus

Bern wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts ein mächtiger Stadtstaat. Er löste Kyburger und Savoyer als Landesherren im Osten und Westen ab. Nun war man ein Vorbild. Das zeigt die Fassade des Rathauses. Sie ist nach christlicher Vorstellungen in eine linke gute und eine rechte schlechte Seite geteilt. Ganz oben sind zwei Frauen, links die Wahrheit, rechts die Lüge. An den Treppengeländern hat es sechs Tugenden: Links die Unschuld, Demut und Keuschheit. Wer so lebt, kann Barmherzigkeit erwarten. Rechts die Verführung, der Hochmut und die Ungerechtigkeit, die allesamt in Feigheit enden.

Nur zwei der sechs Tugenden gelten heute noch: erstens die Demut oder Dienstbeflissenheit – in einer Beamtenstadt keine Ueberraschung, und zweitens die Ablehnung der Hochmut. Wer herausragt, bekommt hier eines an den Kopf.

Bis in die 1870er Jahre vollzog man in Bern die Todesstrafe. Wer hierzu verurteilt wurde, bekam im Erdgeschoss des Rathauses die Henkersmalzeit. Etwa dort, wo man diese früher einnahm, habe ich 1986 die erste Hochrechnung von Regierungsratswahlen vorgenommen. Die Bürgerlichen wollten hoch hinaus. Doch die beiden Freisinnigen wurden angewählt. Es kam die erste rotgrüne Regierung ans Ruder.
Hochmut kommt eben vor dem Fall.

Stadtwanderer

Berchtold V., Herzog von Zähringen, gründete die Stadt Bern der Legende nach 1191. Die Zähringer, ein süddeutsches Adelsgeschlecht, hatten vom Kaiser den Auftrag, das burgundische Königreich im Rhonetal an das Kaiserreich nördlich der Alpen zu binden. Dazu bauten sie eine Strasse von Freiburg im Breisgau nach Lausanne. Aus der Raststätte am Aareübergang entstand das mittelalterliche Bern.

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Nach dem Aussterben der Zähringer in der Manneslinie 1218 wurde Bern Königsstadt. Später verstand sie sich als Reichsstadt. 1415 wurde sie Reichsstand. Damit war man im Kaiserreich ganz oben angekommen. Das blieb Bern formell bis 1648, als die Eidgenossenschaft aus dem Kaiserreich ausgenommen wurde.

Drei Einschnitte prägen die Entwicklung der Stadt:
Zuerst die Pest Mitte des 14. Jahrhunderts; Bern profitierte von der gesellschaftlichen Krise und schwang sich zu der Territorialmacht im Aaretal auf.
Dann die Reformation von 1528; Bern brach die Macht der katholischen Kirche und regierte mit Landvögten und Pfarrherren das Umland. Doch Bern isolierte sich, den die Nachbarsstädte blieben katholisch.
Schliesslich die Helvetische Republik 1798; die Franzosen ordneten den riesigen Stadtstatt neu. Stadt und Kanton wurden getrennt. Der Kanton verlor seine Eroberungen in der Waadt und im Aargau.

Ihre heutige Bestimmung bekam die Stadt mit dem Bundesstaat von 1848. Bern wurde Sitz von Parlament, Regierung und Verwaltung. Der berühmtester Berner ist ein Beamter. Albert Einstein machte aus seinem Büro im Patentamt ein Studierstube für theoretische Physik. Für eine seiner herausragenden Leistungen bekam er den Nobelpreis. “Times Magazin” kürte ihn zum Mann des 20. Jahrhunderts.

Stadtwanderer

Der Start der lang ersehnten, wegen mehrfachem Unbill verschobenen Weltreise naht. Bald lasse ich Bern hinter mir, um ganz neue Städte in China, Vietman, Singapur, Australien, Neuseeland zu entdecken. 5 Monate soll die Reise dauern; Höhepunkt soll die Spurensuche der Südpolreisenden auf der Antarktis werden.

11s39Südpol Amundsen Scott Rieger PRSO

Der Einschnitt hat mich motiviert, eine kleine Serie von „Hinter mir …“ zu schreiben. Es sind Stationen meiner Stadtwanderungen zur Republik und Demokratie der Schweiz, die ich in jüngster Zeit entwickelt habe. Hinter mir ist immer ein geschichtsträchtiger Ort in Bern, dessen Symbolik ich zu entziffern versuche. Jedes Mal entsteht so eine in sich geschlossene Geschichte. Zusammen ergeben sie auch eine Geschichte!

Start der 10teiligen Serie ist morgen um 0900.

Ich freue mich, im Frühling 2018 meine Stadtwanderungen in Bern wieder aufnehmen zu können.

Stadtwanderer

Nein, Bundesrepublik Schweiz nennen wir uns nicht! Denn seit der Gründung des liberalen Bundesstaates ging die Republik als staatstragendes Konzept hierzulande weitgehend vergessen.
Und doch hat die Schweiz einen ausgesprochen republikanischen Grundzug. Historiker und Medienwissenschafter Roger Blum beispielsweise kennzeichnet unser Land als föderalistische, republikanische Demokratie. Genau dieser Idee geht meine ausnahmsweise offene Stadtwanderung Ende August nach.
Republik wird heute als Gegenstück zu Monarchie betrachtet. Vor der Französischen Revolution war das jedoch nicht der Fall. Republik war bei den Römern die öffentliche Sache, die im Gegensatz zur privaten stand. Zwischen der Königs- und Kaiserzeit war es der freie Staat der Stadt Rom. Im Mittelalter war die Republik ein Gemeinwesen im Dienste des Gemeinwohls. Mit der Neuzeit näherte sich der Begriff dem heutigen Verständnis an: Es ist die souveräne, durch Verfassung beschränkte, mittels Gewaltenteilung und Menschenrechten kontrollierte Machtausübung durch das Volk – zum Wohl des Volkes!
Meine Führung folgt den Orten Berns mit heute noch sichtbarer republikanischer Symbolik: dem Gerechtigkeits-Brunnen, dem Kornhaus, den Strassenschildern aus der Zeit der Helvetik und dem Bundeshaus. Eingeleitet wird sie durch einen Crash-Kurs in Berner Geschichte vor dem Stadtgründer Berchtold V. von Zähringen, umrahmt von einen Hauch Bildung aus der der Stadt- und Universitätsbibliothek und dem Blick auf das Medienzentrum. Denn auch das sind Republiken des Geistes und der Kommunikation.
Grundgedanke dabei ist, dass Republikaner seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts als politische Bewegung von rechts, als Künstlerstaaten aus der Alternativszene, als neuartige Medienprojekte und als Bundesratskandidaten aus Genf einfach nicht unterzukriegen sind.

Stadtwanderer

Je nach Teilnehmerzahl 1 oder 2 Führungen
25. resp. 29. August, jeweils 1815 bis 2000, Beginn beim Zähringerbrunnen in der Altstadt
Anmeldung erforderlich bis Sonntag, 18. August an stadtwanderer@stadtwanderer.net (mit Angabe des bevorzugten Termins)
(Gratis, da Teil meines Fitnessprogramms nach dem Fussbruch und vor der Weltreise …)

Hier das Programm
1. Station: Zähringerbrunnen: Crash-Kurs in Berner Geschichte
2. Station: Stadt- und Universitätsbibliothek: Republik: Was die Wissenschaft alles darunter subsummiert
3. Station: Haller-Haus Junkerngasse: Familie von Haller, zwischen Aufklärung und Restauration
4. Station: Gerechtigkeitsbrunnen: Reformierte Souveränität
5. Station: Kornhaus/Kornhausplatz: Souveräne Republik Bernensis
6. Station: Kornhausplatz: Helvetische SchwesterRepublik
7. Station: Bundeshaus: liberaler Bundesstaat, nicht Bundesrepublik
8. Station: Medienzentrum: Republikaner der Gegenwart: Konservative, Alternative, Utopisten …

Der Blick des Historikers resp. des Politikwissenschafters

Der Historiker in mir hatte Freude, als er das neue Buch zur schweizerischen Demokratiegeschichte von Rolf Graber las. Denn es macht deutlich, dass die frühe Demokratisierung der Schweiz nicht vom Himmel fiel, sondern die Folge einer Geschichte von Konflikten war. Letztlich war die Aenderung der Sozialstruktur massgeblich, welche die im späten Mittelalter herausgebildete, durch die Reformation kulturell divers geformte, in souveränen Ständen mit eigentümlicher Ausprägung geteilte Gesellschaft veränderte.

Der Politikwissenschafter in mir war nach der Lektüre dennoch etwas erstaunt, wie die Monografie ziemlich unbekümmert alternative Interpretationen der historischen Sozialwissenschaften auch im Ansatz auslässt. Eine erste Systematisierung der demokratischen Frühformen hat Grabers Historikerkollege Andreas Suter 2005 formuliert; sie findet sich im Historischen Lexikon der Schweiz einfach nachschlagbar. Aber auch die global ausgerichteten Arbeiten von Samuel P. Huntington und seinen zahlreichen Schülern zur Demokratisierung der Welt, wären der Ansatzpunkt einer Nachbetrachtung des reichhaltigen Materials gewesen.

Der politologische Interpretationsrahmen geht davon aus, dass sich Demokratien in mehreren Wellen über den Erdball ausgebreitet haben: Im 19. Jahrhundert von den Vereinigten Staaten von Amerika inspiriert, im 20. Jahrhundert von Europa angeführt, mit weitreichenden Folgen für Lateinamerika, Teilen Asien resp. Nordafrikas. Etabliert hat sich so ein liberales Demokratiemodell mit (sozialer) Marktwirtschaft und repräsentativer Demokratie. Voraussetzungen waren die wirtschaftliche Entwicklung, namentlich die Industrialisierung, aber auch die gesellschaftliche, mit der Etablierung der Bürgergesellschaft als Alternative zur ständischen Ordnung.

Das Spezifische und das Allgemeine an der Schweizer Demokratiegeschichte

Mit Huntington gesprochen, hätte Graber die ökonomische Basis der Demokratiebildung klarer herausarbeiten müssen. Die vom Autor skizzierte gesellschaftliche Symptomatik ist dafür auch typisch: Denn es waren in der Schweiz wie anderswo unzufriedene Mittelschichtler, welche neue Bewegungen zu organisieren begannen; meist hatten sie die nötige Ausbildung, um sich an der werdenden, medialen Oeffentlichkeit aktiv zu beteiligen. Sie machten das aber nicht nur für sich, sondern auch für Unterschichten, die ganz von der Politik ferngehalten worden waren.

Die Schweiz ist ein frühes Beispiel für Demokratisierung. Dafür gibt es mehrere Gründe. Anders als die USA musste sie sich nicht erst von einer mütterlichen Krone absetzen. Das hatten die Reformation und der Westfälische Frieden längst geleistet. Die Schweiz war in der frühen Neuzeit anders als Frankreich auch kein absolutistischer Staat. Wo es hierarchische Unterordnungen gab, bestimmte der Paternalismus die Herrschaft, weniger mächtig, denn ohne stehendes Heer und zentralisierter Verwaltung. Schliesslich etwas politische Kultur, denn die frühen Demokraten konnten sich auf politische Ausdrucksformen berufen, die auch ohne Demokratie funktionierten.

Die Politikwissenschaft betont darüber hinaus, dass die Demokratisierungswellen stets von einem überstaatlichen Rahmen mit führenden Ideen geprägt waren. Für die erste Welle, zu der die Schweiz gehört, war dies zweifelsfrei die USA. Sie beeinflusste die Staatsbildung der Schweiz mit ihrem antimonarchistischen, republikanischen und föderalistischen Institutionen. Für die Schweiz typisch war, dass sie mit der Gründung des liberalen Bundesstaates auf einen starken Präsidenten wie in den USA verzichtete, dafür eine Kollektivregierung nach französischem Vorbild schaffte.

Mit der Postulierung der allgemeinen Männerwahlrechts ging die Schweiz den damaligen Vorstellungen der Demokratisierung einen entscheidenden Schritt voraus. Sicher, in der reinen Form etablierte sich das universelle Männerwahlrecht auch hier nicht sofort, denn zahlreiche Ausschliessungsgründe verhinderten eine umfassende Beteiligung der Bürgerschaftik. Die Schweizer Demokratie ging aber auch in einem zweiten Punkt eigene Wege: Genannt sei die vom repräsentativ-demokratischen Muster klar abweichende Form der halbdirekten – oder wie man hierzulande meist sagt – direkten Demokratie.

Entstanden ist so eine eigene Mischung, die weder zum präsidentiellen noch zu parlamentarischen Demokratie im heutigen Sinne passt. Die historische Forschung hat hier schon vor Graber Wichtiges erhellt. Denn nach dem Wiener Kongress gab es auf der einen Seite die alten Kantone mit ihren konservativen Aristokratien, die sich bis zur Gründung des Bundesstaates gegen liberale Ideen wehrten. Auf der anderen Seite gab es die von Napoléon inspirierten, offenen, aber wenig etablierten Kantone. Sie werden in der Regenrationszeit zu den innovativen Laboratorien der Demokratisierung.

St. Gallen begründete 1831 mit dem Veto die Vorform der Volksrechte, blieb aber beim kollektiven Einspruch zu Parlamentsentscheidungen. Das Prinzip der Volksbeschlüssen mit individuellen Entscheidungen legte erst der Kanton Waadt mit seinen Gemeindeversammlungen von 1845, bei denen die wahlberechtigten Männer einzeln abstimmen konnten und ein kantonales Gesamtergebnis ermittelt wurde. In der deutschen Schweiz dominierte damit die demokratische Kritik an den Liberalen, in der Suisse romande entwickelten die Radikalen die liberale Demokratie weiter. Die Liberalen wiederum kritisierten wiederum die Konservativen mit ihren Landsgemeinden, welche die Wahl von Regierungen ursprünglich nicht vorsahen.

Man kann es auch so sagen: Revolutionäres und Traditionelles verschmelzen in der Schweizer Demokratieform zu ihrer unverkennbaren Eigentümlichkeit. Lange hat man das als Einzel- oder Sonderfall verschrien. Erst in den letzten 20 Jahren beginnt man die Vorteile der direkten Bürgerbeteiligung an Regierungsentscheidungen aus einer ganz anderen Warte zu schätzen. Denn sie verhindert in vielem die Spaltung in das Volk und einer politische Klasse – dem zentralen Vorwurf der Populisten an das liberale Demokratiemodell.


Meine Würdigung

Zu den Schwächen des Buches von Graber zählt, dass es sich weitgehend auf die kantonale Ebene beschränkt. Grund hierfür sind die zahlreichen, lokal bestimmten Initiativen, die zum heutigen Demokratiesystem führten. Folge davon ist allerdings, dass die nationale Dimension der Demokratiedurchsetzung zu stark ausgeblendet bleibt. So wurde die Abstimmungsdemokratie in der Schweiz nicht erst 1848 oder 1874 eingeführt, wie das die Lehre will. Mit ihr probte schon die Helvetische Republik 1802, vielleicht dem ersten nationalen Staatsakt, der die heute so wichtigen Institutionen der Confoederatio Helvetica in Vielem vorwegnahm. Das spricht eindeutig für den revolutionären Charakter von Volksentscheidungen, deren Ursprung in der Direktorialverfassung Frankreichs von 1795 liegt.

Wie die Demokratisierungswellen der Politologie, kennt auch die Schweiz keine lineare Entwicklung zur Demokratie. Vielmehr wechseln sich Phasen des Demokratieaufbaus mit solchen der –rückbildung ab. Daran erinnert auch die Klassierung von Huntington, denn die Jahre zwischen 1922 und 1943 bilden mit aufkommenden autoritären Regimes eine eigentliche Gegenbewegung zur Demokratisierung. Aber auch die Jahre zwischen 1962 und 1974 waren durch eine Stagnation in der Demokratisierung der Welt gekennzeichnet (und auch gegenwärtig kann von man ebenso einen Stilstand in der globalen Demokratieentwicklung postulieren). In der Schweiz findet sich ähnliches: Die liberale Demokratie von 1874 musste 1918 zur sozialen umgestaltet werden, um zu bestehen. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg erschütterten beide Demokratievorstellungen. Erst deren Verschmelzung zur Konkordanzdemokratie der Nachkriegszeit etablierte das erfolgreiche Modell und breiter Bürgerbeteiligung einerseits, eingeschränktem Wettbewerb unter den Parteien anderseits.

Grabers Buch ist hier vorbildlich. Es verschweigt nicht, dass die direkte Demokratie in Krisenzeiten schon mal arg gestutzt wurde. Ohne das Drängen konservativ gewordener Waadtländer Föderalisten wäre es vielleicht gar nicht zur Rückkehr gekommen. Graber verweist auch auf das lange Ausbleiben des Erwachsenenwahlrechts, um die Unvollkommenheit der Schweizer Demokratie aufzuzeigen. Und der Perfektionierung der Demokratie im heutigen Sinne widerspricht, dass das Stimm- und Wahlrecht eng an des kommunal ausgestaltete Bürgerrecht gebunden bleibt.

Die allgemeine Lehre aus dem neuen Geschichtsbuch lautet: Ausgeschlossensein in autokratisch geführten Regimes ist der wichtigste von Demokratisierungsforderung. Je grössere die Exklusion ist, desto heftiger fällt die Opposition aus, wenn sie einmal erwacht. Und desto stärker werden die Forderungen nach Inklusion, denn deren Sinn besteht darin, den Widerspruch zu mässigen. Politische Partizipation ist stets Forderung der Unterprivilegierten. Nach Graber wird diese umso klarer vertreten, wenn es auch um materielle Besserstellung und soziale Gerechtigkeit geht.

Genau das sollte man nicht vergessen, wenn man heutige Oppositionsbewegungen beurteilt, selbst wenn sie einem noch so fremd vorkommen. Revolten selber sind nicht demokratisch, doch die Rebellion die auf Partizipation und Emanzipation zielt, nimmt den Kern einer jeden Demokratisierung auf.

Rezension von Rolf Graber: Demokratie und Revolten. Die Entstehung der direkten Demokratie in der Schweiz. Chronos Verlag, Zürich 2017.

978-3-0340-1384-0

Im internationalen Vergleich führte die Schweiz Formen der demokratischen Mitbestimmung früh ein. Klare Vorbilder gab es noch nicht. Die Mitgestaltung durch das Volk entwickelte auf der Basis der vordemokratischer Traditionen, aber auch aufklärerischer Ideal, erweiterte diese mit der Verbindung von Demokratie und Gewaltenteilung resp. Grundrechten entscheidend. Ein neues Buch zeichnet die der Schweizer Demokratie Entwicklungslinien nach.


Das Veto: St. Gallen geht vor

Im Kanton St. Gallen brach, wie auch andernorts in der Deutschschweiz, ein Streit zwischen Anhängern der repräsentativen und der “reinen” Demokratie aus. Letztere nannten sich Demokraten und traten für Bürgerversammlungen als Organ der Gesetzgebung ein. Erstere hiess man Liberale, ihnen reichte es, wenn eine verantwortungsvoll handelnde Elite im Namen des Volks handeln könne.

Am 13. Januar 1831 hatte der St. Galler Grosse Rat über einen Antrag zu entscheiden. Dieser sah vor, dass ein vom Volk gewählter Bürgerausschuss verabschiedete Gesetze ablehnen konnte, wenn er diese als “volkswidrig” empfand. Auge in Auge mit 600 Landleuten, die mit Knütteln und Knebeln angerückt waren, sagte das Parlament Ja.

Es war dies die Geburtsstunde des Vetos – einer Vorstufe der Volksrechte. Das Veto war eine Einschränkung der Macht des Parlaments, die rasch die Runde machen sollte: Basel, Wallis, Luzern, Bern, Schaffhausen und Thurgau führten das Instrument in den folgenden Jahren nach dem St. Galler Vorbild ein.

Volksabstimmungen: Durchbruch in der Waadt

Volksrechte, wie wir sie heute kennen, erlebten ihre Feuertaufe im Kanton Waadt. 1845 entstand dort eine Volksbewegung, die sich gegen die Jesuiten richtete. Führend waren hier die von der Französischen Revolution inspirierten Radikalen. Zu ihren Forderungen gehörte die Einführung von Referendum und Initiative.

Demnach sollte die Mehrheit der Aktivbürger im ganzen Kanton über Gesetzvorschläge oder über einen Vorschlag, den 8000 Bürger machen konnten, abschliessend entscheiden. Am 10. August 1845 nahmen die Waadtländer das erste Volksrecht auf der Basis von Personenscheidungen mit deutlichem Mehr an.

Der Waadtländer Volksbewegung gelang es so, in Sachen Volksrechte alle Deutschschweizer Kantone zu überholen, ohne einen antiliberalen Preis zu bezahlen wie beim Veto. Massgeblich war die wache Erinnerung an die Helvetische Revolution von 1798. Damals führte man die eingeschlafenen Ständeversammlungen wieder ein, allerdings nicht mehr unter adeliger Führung, sondern als Gemeinde der Aktivbürger.

Zwischen Kontinuität und Diskontinuität

Die Debatte zur Geburt der direkten Demokratie in der Schweiz wird durch zwei gegensätzliche Auffassungen bestimmt.

Alfred Kölz, Zürcher Verfassungsrechtler, spricht von einem Bruch mit der Tradition. Denn trotz vordemokratischer Formen der Mitsprache fehlte allen Beispielen das Bewusstsein für Gewaltenteilung und Menschenrechte.

Der Berner Historiker Peter Blickle betont dagegen die Kontinuität. Demokratie habe sich in der Schweiz wegen des verbreiteten Kommunalismus früh durchgesetzt. Gemeint sind damit die Stadtrepubliken und Landsgemeinden, die es seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert gab.

Eine originelle Zwischenposition nimmt das neue Geschichtsbuch des Zürcher Historikers Rolf Graber “Demokratie und Revolte” ein. Der Untertitel lautet “Die Geschichte der direkten Demokratie in der Schweiz”. Zwar steht der Autor Kölz’ Bruch-These näher als Blickle und dessen These der Kontinuität. Die Regenerationspolitiker schafften etwas Neues. Doch griffen sie, so Graber, auf Traditionen und Mythen zurück, die eindeutig vorhelvetischer Natur waren.

Erste Spuren in den 1760er Jahren

Um zu verstehen, was geschah, muss nach Graber die Geschichte des Protests in der Schweiz neu geschrieben werden. Denn Demokratie, insbesondere direkte Demokratie, musste stets erstritten und erkämpft werden.

Frühe Spuren dieses Protests finden sich in den 1760er-Jahren; 70 Jahre bevor es zum Veto kam, 90 Jahre vor der ersten Volkabstimmung im Bundesstaat und ein ganzes Jahrhundert bevor sich die Abstimmungsdemokratie in den Kantonen und im Bund ausbreitete.

Um diese langsame Entwicklung nachvollziehbar zu machen, bedient sich Graber des Begriffs der “Sattelzeit”. Sie beschreibt den Übergang von der Stände- zur Bürgergesellschaft, speziell die Französische Revolution mit ihrer Vor- und Nachgeschichte.

Aufmüpfige Jugend als altes Phänomen

Zur Vorgeschichte des grossen Umbruchs am Ende des 18. Jahrhunderts in der Eidgenossenschaft gehören beispielsweise Jugendrevolten und Zunftkonflikte. Mit der Krise der alten Ordnung entstanden zahlreiche freie Gemeinden. Selbst die Geschlechterfrage wurde zum Thema, denn besonders die Fischweiber und Prügelknaben trieben die revolutionären Forderungen voran. Diese Politisierung hatte einen Zweck: den klassischen Republikanismus des Ancien Regimes zu dynamisieren.

Das alles ist für Graber der eidgenössische Beitrag zur Demokratiegeschichte. Den Impuls von aussen gaben aber Revolutionäre, die zu Beginn der Helvetischen Republik ganz im französischen Sinne handelten. Und sie waren es, die als allererste Volksrechte propagierten.

Autor Rolf Graber unterscheidet vier Formen des Protests : den legalen Protest des Bittens und Begehrens der Untertanen gegenüber der Obrigkeit; die Kommunen, mit denen sich speziell die Landbevölkerung traditionell verwaltete; den volkskulturellen Protest, der den Herrschenden bisweilen mit bäuerlicher Gewalt drohte; sowie die Geselligkeit aufgeklärter Clubs, die Probleme des Gemeinwesens im Sinne der Aufklärung verhandelten.

Mobilisiert wurden so vor allem die ländlichen Untertanen, aber auch städtische Einwohner, die von der politischen Mitsprache ausgeschlossen geblieben waren. Nicht selten stellten sich charismatischen Persönlichkeiten etwa aus dem Gastwirtschaftsgewerbe an die Spitze der Proteste. Legitimiert wurde dies bisweilen durch den Rückgriff auf traditionsreiche Figuren wie Wilhelm Tell, der sich als Manifestant gegen das Ausland, aber auch die eigenen Herrschaften eignete.


Ausschluss als eigentliche Triebfeder der Demokratisierung

In seiner Demokratie-Geschichte ergreift Graber Partei. Er nimmt zugunsten der unteren und mittleren Schichten Stellung im grossen Umbruch von der Stände- zur Bürgergesellschaft Stellung. Zahlreichen Deutungen der Zeitgenossen, aus der Bürgerherrschaft werde eine Pöbelherrschaft entstehen, widerspricht er klar.

Erkennen könne man die Logik des entstehenden Volkes nur, wenn man seinen Standpunkt teile. Denn dieser sei beseelt von der Forderung nach politischer Partizipation, um soziale Verbesserungen zu erreichen.

Der Historiker nennt den Ausschluss breiter Bevölkerungskreise von der politischen Macht als die Triebfeder aller Demokratisierungsbestrebungen. “Das Bewusstsein von politischer und sozialer Ausgrenzung erzeugt ein weiterführendes Emanzipationspotenzial und eine weiterreichende Dynamik. (…) Das Ausgeschlossensein wird zum Ausgangspunkt des Widerstands und zum zentralen Antriebsmoment der Demokratieentwicklung.”

Grabers These, im Schlusswort nachgerecht, ist deutlich: “Die Untersuchungen haben gezeigt, dass die Forderungen nach mehr Partizipation immer auch an soziale und materielle Anliegen gekoppelt sind, die von der Hoffnung auf eine menschenwürdige Existenz befeuert werden und eine beträchtliche Dynamik entfalten.”

Claude Longchamp

Etwas erweitert erstmals erschienen bei swissinfo.ch

Die männliche Fassung der Stadtlegende ist weit bekannter. Und undramatischer.
Sie geht so:
“Als Herzog Berchtold entschieden hatte, in der Aareschlaufe seine neue Stadt zu bauen, sandte er seine Dienstmann aus, in dem Eichenwälder ein Tier zu erlegen. Das erste, das man ihm bringen sollte, würde der Stadt der Namen geben. Als die Dienstmannen zurück kamen, hatten sie einen erlegten Bären dabei. Deshalb bekam die Stadt den Namen Bern.”

Bär im Eriz
Nach über 100 Jahren ist der Bär im Kanton Bern zurück. Er wurde im Eriz gesichtet.

Die weibliche Fassung ist viel dramatisch. Sie geht so:
“Unweit von der Stelle, an der der Herzog den Bären erlegt hatte, irrte eine junge Edelfrau, Mechtildis genannt, mit einem Töchterlein im Arm durch das dornige Dickicht des Waldes. Ein schwerer Schlag hatte sie heimatlos gemacht.
Plötzlich krachte es im Unterholz. Frau und Kind erschraken bis ins Mark, denn eine grosse Bärin tappte daher. Das Tier zog aber freundlich brummend an ihnen vorbei und tat ihnen nichts.
Kaum hatten sich die beiden erholt, stand ein zähnefletschender Wolf vor ihnen. Kein Zweifel, er würde sie verschlingen. Als sie vor Entsetzen schrieen, erschien die Bärin wieder.
Wer weiss, vielleicht hatte der Isegrim einmal eines ihrer Jungen gerissen, auf jeden Fall stürzte sich die Bärin auf den Wolf. Diese fügt ihr gefährliche Bisswunden zu. Schliesslich gelang es der Bärin, ihm mit einem Prankenschlag das Genick zu brechen.
Das Schreien, Knurren und Brüllen lockte die Jäger aus der Burg Nydeck herbei. Beim Anblick der noch lebenden Bärin legte einer der Schützen einen Pfeil in den Bogen. Doch Mechtildis sprang dazwischen.
“Schonet den Bären, meinen Retter!”, rief sie.
Die Bärin, aus vielen Wunden blutend, schleppt sich fort. Wiederholt blieb sie stehen, richteten den Blick auf Mechtildis und brummte. Endlich verstand die Edelfrau, Die Bärin wollte, dass man ihr folge. Bald darauf kamen sie an einer Bärenhöhle an. Zwei niedliche Junge, die die Heimkehr ihrer Mutter erwarteten, stürzten sich auf die Bärin. Sie konnten ihnen gerade nicht einmal das Gesicht lecken und Mechtildis zum aller letzten Mal in die Augen blicken. Dann verschied sie.
Die erstaunten Jäger fanden die beiden Bärchen und nahmen sie zusammen mit der Frau und ihrem Töchterlein mit zur Burg. Als Herzog Berchtold vernahm, was geschehen war, war er zutiefst besorgt. Sofort liess er sein Pferd satteln und ritt zur Höhle. Beim Anblick der tapferen Bärin, die da in einer Blutlache lag, hielt er einen Moment inne. Dann gelobt er: “Du stabst, weil du Wehrlose mit deinem Leben verteidigt hast. Ich will dein Erbe sein! Hier will ich eine Stadt bauen zur Zuflucht der Bedrängten. Bern soll sie heisst, und ein schwarzer Bär soll ihr Wappen sein!”
Der Bau der Stadt mit dem Bären auf dem Wappen ging zügig voran. Ueber der Bärenhöhle wurde das Rathaus gebaut. Die Höhle selber wurde zur Schatzkammer der neuen Stadt. Die beiden Bärenwelpen wurde in der Burg aufgezogen und immer gut behandelt. Die Stadtbäckerei wurde damit beauftragt, ihnen besonders schmackhaftes Brot zu backen. Junge Ritter machten es sich zum Vergnügen, mit ihnen zu ringen und ihre Kräfte und ihren Mut an ihnen zu messen.”

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There are many things that you must be keeping mind in order to help yourself getting things better and get the training you need, but the most important things you should never forget are:

You should never enroll or opt to enroll in courses which are wide apart as you will be stuck nowhere and may have to manage things that you are not familiar with. In case if you are likely to get more courses you may consider to have enrolled in courses that you like the most, you should consider having the ones which are related or have similar content in them as well as same level and area of training.

As for example if you are going to attend the Business Management Courses, you should be aware that instead of aged care course you must be looking forward to get to the Diploma Of Business Management.

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