Nein, Bundesrepublik Schweiz nennen wir uns nicht! Denn seit der Gründung des liberalen Bundesstaates ging die Republik als staatstragendes Konzept hierzulande weitgehend vergessen.
Und doch hat die Schweiz einen ausgesprochen republikanischen Grundzug. Historiker und Medienwissenschafter Roger Blum beispielsweise kennzeichnet unser Land als föderalistische, republikanische Demokratie. Genau dieser Idee geht meine ausnahmsweise offene Stadtwanderung Ende August nach.
Republik wird heute als Gegenstück zu Monarchie betrachtet. Vor der Französischen Revolution war das jedoch nicht der Fall. Republik war bei den Römern die öffentliche Sache, die im Gegensatz zur privaten stand. Zwischen der Königs- und Kaiserzeit war es der freie Staat der Stadt Rom. Im Mittelalter war die Republik ein Gemeinwesen im Dienste des Gemeinwohls. Mit der Neuzeit näherte sich der Begriff dem heutigen Verständnis an: Es ist die souveräne, durch Verfassung beschränkte, mittels Gewaltenteilung und Menschenrechten kontrollierte Machtausübung durch das Volk – zum Wohl des Volkes!
Meine Führung folgt den Orten Berns mit heute noch sichtbarer republikanischer Symbolik: dem Gerechtigkeits-Brunnen, dem Kornhaus, den Strassenschildern aus der Zeit der Helvetik und dem Bundeshaus. Eingeleitet wird sie durch einen Crash-Kurs in Berner Geschichte vor dem Stadtgründer Berchtold V. von Zähringen, umrahmt von einen Hauch Bildung aus der der Stadt- und Universitätsbibliothek und dem Blick auf das Medienzentrum. Denn auch das sind Republiken des Geistes und der Kommunikation.
Grundgedanke dabei ist, dass Republikaner seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts als politische Bewegung von rechts, als Künstlerstaaten aus der Alternativszene, als neuartige Medienprojekte und als Bundesratskandidaten aus Genf einfach nicht unterzukriegen sind.

Stadtwanderer

Je nach Teilnehmerzahl 1 oder 2 Führungen
25. resp. 29. August, jeweils 1815 bis 2000, Beginn beim Zähringerbrunnen in der Altstadt
Anmeldung erforderlich bis Sonntag, 18. August an stadtwanderer@stadtwanderer.net (mit Angabe des bevorzugten Termins)
(Gratis, da Teil meines Fitnessprogramms nach dem Fussbruch und vor der Weltreise …)

Hier das Programm
1. Station: Zähringerbrunnen: Crash-Kurs in Berner Geschichte
2. Station: Stadt- und Universitätsbibliothek: Republik: Was die Wissenschaft alles darunter subsummiert
3. Station: Haller-Haus Junkerngasse: Familie von Haller, zwischen Aufklärung und Restauration
4. Station: Gerechtigkeitsbrunnen: Reformierte Souveränität
5. Station: Kornhaus/Kornhausplatz: Souveräne Republik Bernensis
6. Station: Kornhausplatz: Helvetische SchwesterRepublik
7. Station: Bundeshaus: liberaler Bundesstaat, nicht Bundesrepublik
8. Station: Medienzentrum: Republikaner der Gegenwart: Konservative, Alternative, Utopisten …

Der Blick des Historikers resp. des Politikwissenschafters

Der Historiker in mir hatte Freude, als er das neue Buch zur schweizerischen Demokratiegeschichte von Rolf Graber las. Denn es macht deutlich, dass die frühe Demokratisierung der Schweiz nicht vom Himmel fiel, sondern die Folge einer Geschichte von Konflikten war. Letztlich war die Aenderung der Sozialstruktur massgeblich, welche die im späten Mittelalter herausgebildete, durch die Reformation kulturell divers geformte, in souveränen Ständen mit eigentümlicher Ausprägung geteilte Gesellschaft veränderte.

Der Politikwissenschafter in mir war nach der Lektüre dennoch etwas erstaunt, wie die Monografie ziemlich unbekümmert alternative Interpretationen der historischen Sozialwissenschaften auch im Ansatz auslässt. Eine erste Systematisierung der demokratischen Frühformen hat Grabers Historikerkollege Andreas Suter 2005 formuliert; sie findet sich im Historischen Lexikon der Schweiz einfach nachschlagbar. Aber auch die global ausgerichteten Arbeiten von Samuel P. Huntington und seinen zahlreichen Schülern zur Demokratisierung der Welt, wären der Ansatzpunkt einer Nachbetrachtung des reichhaltigen Materials gewesen.

Der politologische Interpretationsrahmen geht davon aus, dass sich Demokratien in mehreren Wellen über den Erdball ausgebreitet haben: Im 19. Jahrhundert von den Vereinigten Staaten von Amerika inspiriert, im 20. Jahrhundert von Europa angeführt, mit weitreichenden Folgen für Lateinamerika, Teilen Asien resp. Nordafrikas. Etabliert hat sich so ein liberales Demokratiemodell mit (sozialer) Marktwirtschaft und repräsentativer Demokratie. Voraussetzungen waren die wirtschaftliche Entwicklung, namentlich die Industrialisierung, aber auch die gesellschaftliche, mit der Etablierung der Bürgergesellschaft als Alternative zur ständischen Ordnung.

Das Spezifische und das Allgemeine an der Schweizer Demokratiegeschichte

Mit Huntington gesprochen, hätte Graber die ökonomische Basis der Demokratiebildung klarer herausarbeiten müssen. Die vom Autor skizzierte gesellschaftliche Symptomatik ist dafür auch typisch: Denn es waren in der Schweiz wie anderswo unzufriedene Mittelschichtler, welche neue Bewegungen zu organisieren begannen; meist hatten sie die nötige Ausbildung, um sich an der werdenden, medialen Oeffentlichkeit aktiv zu beteiligen. Sie machten das aber nicht nur für sich, sondern auch für Unterschichten, die ganz von der Politik ferngehalten worden waren.

Die Schweiz ist ein frühes Beispiel für Demokratisierung. Dafür gibt es mehrere Gründe. Anders als die USA musste sie sich nicht erst von einer mütterlichen Krone absetzen. Das hatten die Reformation und der Westfälische Frieden längst geleistet. Die Schweiz war in der frühen Neuzeit anders als Frankreich auch kein absolutistischer Staat. Wo es hierarchische Unterordnungen gab, bestimmte der Paternalismus die Herrschaft, weniger mächtig, denn ohne stehendes Heer und zentralisierter Verwaltung. Schliesslich etwas politische Kultur, denn die frühen Demokraten konnten sich auf politische Ausdrucksformen berufen, die auch ohne Demokratie funktionierten.

Die Politikwissenschaft betont darüber hinaus, dass die Demokratisierungswellen stets von einem überstaatlichen Rahmen mit führenden Ideen geprägt waren. Für die erste Welle, zu der die Schweiz gehört, war dies zweifelsfrei die USA. Sie beeinflusste die Staatsbildung der Schweiz mit ihrem antimonarchistischen, republikanischen und föderalistischen Institutionen. Für die Schweiz typisch war, dass sie mit der Gründung des liberalen Bundesstaates auf einen starken Präsidenten wie in den USA verzichtete, dafür eine Kollektivregierung nach französischem Vorbild schaffte.

Mit der Postulierung der allgemeinen Männerwahlrechts ging die Schweiz den damaligen Vorstellungen der Demokratisierung einen entscheidenden Schritt voraus. Sicher, in der reinen Form etablierte sich das universelle Männerwahlrecht auch hier nicht sofort, denn zahlreiche Ausschliessungsgründe verhinderten eine umfassende Beteiligung der Bürgerschaftik. Die Schweizer Demokratie ging aber auch in einem zweiten Punkt eigene Wege: Genannt sei die vom repräsentativ-demokratischen Muster klar abweichende Form der halbdirekten – oder wie man hierzulande meist sagt – direkten Demokratie.

Entstanden ist so eine eigene Mischung, die weder zum präsidentiellen noch zu parlamentarischen Demokratie im heutigen Sinne passt. Die historische Forschung hat hier schon vor Graber Wichtiges erhellt. Denn nach dem Wiener Kongress gab es auf der einen Seite die alten Kantone mit ihren konservativen Aristokratien, die sich bis zur Gründung des Bundesstaates gegen liberale Ideen wehrten. Auf der anderen Seite gab es die von Napoléon inspirierten, offenen, aber wenig etablierten Kantone. Sie werden in der Regenrationszeit zu den innovativen Laboratorien der Demokratisierung.

St. Gallen begründete 1831 mit dem Veto die Vorform der Volksrechte, blieb aber beim kollektiven Einspruch zu Parlamentsentscheidungen. Das Prinzip der Volksbeschlüssen mit individuellen Entscheidungen legte erst der Kanton Waadt mit seinen Gemeindeversammlungen von 1845, bei denen die wahlberechtigten Männer einzeln abstimmen konnten und ein kantonales Gesamtergebnis ermittelt wurde. In der deutschen Schweiz dominierte damit die demokratische Kritik an den Liberalen, in der Suisse romande entwickelten die Radikalen die liberale Demokratie weiter. Die Liberalen wiederum kritisierten wiederum die Konservativen mit ihren Landsgemeinden, welche die Wahl von Regierungen ursprünglich nicht vorsahen.

Man kann es auch so sagen: Revolutionäres und Traditionelles verschmelzen in der Schweizer Demokratieform zu ihrer unverkennbaren Eigentümlichkeit. Lange hat man das als Einzel- oder Sonderfall verschrien. Erst in den letzten 20 Jahren beginnt man die Vorteile der direkten Bürgerbeteiligung an Regierungsentscheidungen aus einer ganz anderen Warte zu schätzen. Denn sie verhindert in vielem die Spaltung in das Volk und einer politische Klasse – dem zentralen Vorwurf der Populisten an das liberale Demokratiemodell.


Meine Würdigung

Zu den Schwächen des Buches von Graber zählt, dass es sich weitgehend auf die kantonale Ebene beschränkt. Grund hierfür sind die zahlreichen, lokal bestimmten Initiativen, die zum heutigen Demokratiesystem führten. Folge davon ist allerdings, dass die nationale Dimension der Demokratiedurchsetzung zu stark ausgeblendet bleibt. So wurde die Abstimmungsdemokratie in der Schweiz nicht erst 1848 oder 1874 eingeführt, wie das die Lehre will. Mit ihr probte schon die Helvetische Republik 1802, vielleicht dem ersten nationalen Staatsakt, der die heute so wichtigen Institutionen der Confoederatio Helvetica in Vielem vorwegnahm. Das spricht eindeutig für den revolutionären Charakter von Volksentscheidungen, deren Ursprung in der Direktorialverfassung Frankreichs von 1795 liegt.

Wie die Demokratisierungswellen der Politologie, kennt auch die Schweiz keine lineare Entwicklung zur Demokratie. Vielmehr wechseln sich Phasen des Demokratieaufbaus mit solchen der –rückbildung ab. Daran erinnert auch die Klassierung von Huntington, denn die Jahre zwischen 1922 und 1943 bilden mit aufkommenden autoritären Regimes eine eigentliche Gegenbewegung zur Demokratisierung. Aber auch die Jahre zwischen 1962 und 1974 waren durch eine Stagnation in der Demokratisierung der Welt gekennzeichnet (und auch gegenwärtig kann von man ebenso einen Stilstand in der globalen Demokratieentwicklung postulieren). In der Schweiz findet sich ähnliches: Die liberale Demokratie von 1874 musste 1918 zur sozialen umgestaltet werden, um zu bestehen. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg erschütterten beide Demokratievorstellungen. Erst deren Verschmelzung zur Konkordanzdemokratie der Nachkriegszeit etablierte das erfolgreiche Modell und breiter Bürgerbeteiligung einerseits, eingeschränktem Wettbewerb unter den Parteien anderseits.

Grabers Buch ist hier vorbildlich. Es verschweigt nicht, dass die direkte Demokratie in Krisenzeiten schon mal arg gestutzt wurde. Ohne das Drängen konservativ gewordener Waadtländer Föderalisten wäre es vielleicht gar nicht zur Rückkehr gekommen. Graber verweist auch auf das lange Ausbleiben des Erwachsenenwahlrechts, um die Unvollkommenheit der Schweizer Demokratie aufzuzeigen. Und der Perfektionierung der Demokratie im heutigen Sinne widerspricht, dass das Stimm- und Wahlrecht eng an des kommunal ausgestaltete Bürgerrecht gebunden bleibt.

Die allgemeine Lehre aus dem neuen Geschichtsbuch lautet: Ausgeschlossensein in autokratisch geführten Regimes ist der wichtigste von Demokratisierungsforderung. Je grössere die Exklusion ist, desto heftiger fällt die Opposition aus, wenn sie einmal erwacht. Und desto stärker werden die Forderungen nach Inklusion, denn deren Sinn besteht darin, den Widerspruch zu mässigen. Politische Partizipation ist stets Forderung der Unterprivilegierten. Nach Graber wird diese umso klarer vertreten, wenn es auch um materielle Besserstellung und soziale Gerechtigkeit geht.

Genau das sollte man nicht vergessen, wenn man heutige Oppositionsbewegungen beurteilt, selbst wenn sie einem noch so fremd vorkommen. Revolten selber sind nicht demokratisch, doch die Rebellion die auf Partizipation und Emanzipation zielt, nimmt den Kern einer jeden Demokratisierung auf.

Rezension von Rolf Graber: Demokratie und Revolten. Die Entstehung der direkten Demokratie in der Schweiz. Chronos Verlag, Zürich 2017.

978-3-0340-1384-0

Im internationalen Vergleich führte die Schweiz Formen der demokratischen Mitbestimmung früh ein. Klare Vorbilder gab es noch nicht. Die Mitgestaltung durch das Volk entwickelte auf der Basis der vordemokratischer Traditionen, aber auch aufklärerischer Ideal, erweiterte diese mit der Verbindung von Demokratie und Gewaltenteilung resp. Grundrechten entscheidend. Ein neues Buch zeichnet die der Schweizer Demokratie Entwicklungslinien nach.


Das Veto: St. Gallen geht vor

Im Kanton St. Gallen brach, wie auch andernorts in der Deutschschweiz, ein Streit zwischen Anhängern der repräsentativen und der “reinen” Demokratie aus. Letztere nannten sich Demokraten und traten für Bürgerversammlungen als Organ der Gesetzgebung ein. Erstere hiess man Liberale, ihnen reichte es, wenn eine verantwortungsvoll handelnde Elite im Namen des Volks handeln könne.

Am 13. Januar 1831 hatte der St. Galler Grosse Rat über einen Antrag zu entscheiden. Dieser sah vor, dass ein vom Volk gewählter Bürgerausschuss verabschiedete Gesetze ablehnen konnte, wenn er diese als “volkswidrig” empfand. Auge in Auge mit 600 Landleuten, die mit Knütteln und Knebeln angerückt waren, sagte das Parlament Ja.

Es war dies die Geburtsstunde des Vetos – einer Vorstufe der Volksrechte. Das Veto war eine Einschränkung der Macht des Parlaments, die rasch die Runde machen sollte: Basel, Wallis, Luzern, Bern, Schaffhausen und Thurgau führten das Instrument in den folgenden Jahren nach dem St. Galler Vorbild ein.

Volksabstimmungen: Durchbruch in der Waadt

Volksrechte, wie wir sie heute kennen, erlebten ihre Feuertaufe im Kanton Waadt. 1845 entstand dort eine Volksbewegung, die sich gegen die Jesuiten richtete. Führend waren hier die von der Französischen Revolution inspirierten Radikalen. Zu ihren Forderungen gehörte die Einführung von Referendum und Initiative.

Demnach sollte die Mehrheit der Aktivbürger im ganzen Kanton über Gesetzvorschläge oder über einen Vorschlag, den 8000 Bürger machen konnten, abschliessend entscheiden. Am 10. August 1845 nahmen die Waadtländer das erste Volksrecht auf der Basis von Personenscheidungen mit deutlichem Mehr an.

Der Waadtländer Volksbewegung gelang es so, in Sachen Volksrechte alle Deutschschweizer Kantone zu überholen, ohne einen antiliberalen Preis zu bezahlen wie beim Veto. Massgeblich war die wache Erinnerung an die Helvetische Revolution von 1798. Damals führte man die eingeschlafenen Ständeversammlungen wieder ein, allerdings nicht mehr unter adeliger Führung, sondern als Gemeinde der Aktivbürger.

Zwischen Kontinuität und Diskontinuität

Die Debatte zur Geburt der direkten Demokratie in der Schweiz wird durch zwei gegensätzliche Auffassungen bestimmt.

Alfred Kölz, Zürcher Verfassungsrechtler, spricht von einem Bruch mit der Tradition. Denn trotz vordemokratischer Formen der Mitsprache fehlte allen Beispielen das Bewusstsein für Gewaltenteilung und Menschenrechte.

Der Berner Historiker Peter Blickle betont dagegen die Kontinuität. Demokratie habe sich in der Schweiz wegen des verbreiteten Kommunalismus früh durchgesetzt. Gemeint sind damit die Stadtrepubliken und Landsgemeinden, die es seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert gab.

Eine originelle Zwischenposition nimmt das neue Geschichtsbuch des Zürcher Historikers Rolf Graber “Demokratie und Revolte” ein. Der Untertitel lautet “Die Geschichte der direkten Demokratie in der Schweiz”. Zwar steht der Autor Kölz’ Bruch-These näher als Blickle und dessen These der Kontinuität. Die Regenerationspolitiker schafften etwas Neues. Doch griffen sie, so Graber, auf Traditionen und Mythen zurück, die eindeutig vorhelvetischer Natur waren.

Erste Spuren in den 1760er Jahren

Um zu verstehen, was geschah, muss nach Graber die Geschichte des Protests in der Schweiz neu geschrieben werden. Denn Demokratie, insbesondere direkte Demokratie, musste stets erstritten und erkämpft werden.

Frühe Spuren dieses Protests finden sich in den 1760er-Jahren; 70 Jahre bevor es zum Veto kam, 90 Jahre vor der ersten Volkabstimmung im Bundesstaat und ein ganzes Jahrhundert bevor sich die Abstimmungsdemokratie in den Kantonen und im Bund ausbreitete.

Um diese langsame Entwicklung nachvollziehbar zu machen, bedient sich Graber des Begriffs der “Sattelzeit”. Sie beschreibt den Übergang von der Stände- zur Bürgergesellschaft, speziell die Französische Revolution mit ihrer Vor- und Nachgeschichte.

Aufmüpfige Jugend als altes Phänomen

Zur Vorgeschichte des grossen Umbruchs am Ende des 18. Jahrhunderts in der Eidgenossenschaft gehören beispielsweise Jugendrevolten und Zunftkonflikte. Mit der Krise der alten Ordnung entstanden zahlreiche freie Gemeinden. Selbst die Geschlechterfrage wurde zum Thema, denn besonders die Fischweiber und Prügelknaben trieben die revolutionären Forderungen voran. Diese Politisierung hatte einen Zweck: den klassischen Republikanismus des Ancien Regimes zu dynamisieren.

Das alles ist für Graber der eidgenössische Beitrag zur Demokratiegeschichte. Den Impuls von aussen gaben aber Revolutionäre, die zu Beginn der Helvetischen Republik ganz im französischen Sinne handelten. Und sie waren es, die als allererste Volksrechte propagierten.

Autor Rolf Graber unterscheidet vier Formen des Protests : den legalen Protest des Bittens und Begehrens der Untertanen gegenüber der Obrigkeit; die Kommunen, mit denen sich speziell die Landbevölkerung traditionell verwaltete; den volkskulturellen Protest, der den Herrschenden bisweilen mit bäuerlicher Gewalt drohte; sowie die Geselligkeit aufgeklärter Clubs, die Probleme des Gemeinwesens im Sinne der Aufklärung verhandelten.

Mobilisiert wurden so vor allem die ländlichen Untertanen, aber auch städtische Einwohner, die von der politischen Mitsprache ausgeschlossen geblieben waren. Nicht selten stellten sich charismatischen Persönlichkeiten etwa aus dem Gastwirtschaftsgewerbe an die Spitze der Proteste. Legitimiert wurde dies bisweilen durch den Rückgriff auf traditionsreiche Figuren wie Wilhelm Tell, der sich als Manifestant gegen das Ausland, aber auch die eigenen Herrschaften eignete.


Ausschluss als eigentliche Triebfeder der Demokratisierung

In seiner Demokratie-Geschichte ergreift Graber Partei. Er nimmt zugunsten der unteren und mittleren Schichten Stellung im grossen Umbruch von der Stände- zur Bürgergesellschaft Stellung. Zahlreichen Deutungen der Zeitgenossen, aus der Bürgerherrschaft werde eine Pöbelherrschaft entstehen, widerspricht er klar.

Erkennen könne man die Logik des entstehenden Volkes nur, wenn man seinen Standpunkt teile. Denn dieser sei beseelt von der Forderung nach politischer Partizipation, um soziale Verbesserungen zu erreichen.

Der Historiker nennt den Ausschluss breiter Bevölkerungskreise von der politischen Macht als die Triebfeder aller Demokratisierungsbestrebungen. “Das Bewusstsein von politischer und sozialer Ausgrenzung erzeugt ein weiterführendes Emanzipationspotenzial und eine weiterreichende Dynamik. (…) Das Ausgeschlossensein wird zum Ausgangspunkt des Widerstands und zum zentralen Antriebsmoment der Demokratieentwicklung.”

Grabers These, im Schlusswort nachgerecht, ist deutlich: “Die Untersuchungen haben gezeigt, dass die Forderungen nach mehr Partizipation immer auch an soziale und materielle Anliegen gekoppelt sind, die von der Hoffnung auf eine menschenwürdige Existenz befeuert werden und eine beträchtliche Dynamik entfalten.”

Claude Longchamp

Etwas erweitert erstmals erschienen bei swissinfo.ch

Die männliche Fassung der Stadtlegende ist weit bekannter. Und undramatischer.
Sie geht so:
“Als Herzog Berchtold entschieden hatte, in der Aareschlaufe seine neue Stadt zu bauen, sandte er seine Dienstmann aus, in dem Eichenwälder ein Tier zu erlegen. Das erste, das man ihm bringen sollte, würde der Stadt der Namen geben. Als die Dienstmannen zurück kamen, hatten sie einen erlegten Bären dabei. Deshalb bekam die Stadt den Namen Bern.”

Bär im Eriz
Nach über 100 Jahren ist der Bär im Kanton Bern zurück. Er wurde im Eriz gesichtet.

Die weibliche Fassung ist viel dramatisch. Sie geht so:
“Unweit von der Stelle, an der der Herzog den Bären erlegt hatte, irrte eine junge Edelfrau, Mechtildis genannt, mit einem Töchterlein im Arm durch das dornige Dickicht des Waldes. Ein schwerer Schlag hatte sie heimatlos gemacht.
Plötzlich krachte es im Unterholz. Frau und Kind erschraken bis ins Mark, denn eine grosse Bärin tappte daher. Das Tier zog aber freundlich brummend an ihnen vorbei und tat ihnen nichts.
Kaum hatten sich die beiden erholt, stand ein zähnefletschender Wolf vor ihnen. Kein Zweifel, er würde sie verschlingen. Als sie vor Entsetzen schrieen, erschien die Bärin wieder.
Wer weiss, vielleicht hatte der Isegrim einmal eines ihrer Jungen gerissen, auf jeden Fall stürzte sich die Bärin auf den Wolf. Diese fügt ihr gefährliche Bisswunden zu. Schliesslich gelang es der Bärin, ihm mit einem Prankenschlag das Genick zu brechen.
Das Schreien, Knurren und Brüllen lockte die Jäger aus der Burg Nydeck herbei. Beim Anblick der noch lebenden Bärin legte einer der Schützen einen Pfeil in den Bogen. Doch Mechtildis sprang dazwischen.
“Schonet den Bären, meinen Retter!”, rief sie.
Die Bärin, aus vielen Wunden blutend, schleppt sich fort. Wiederholt blieb sie stehen, richteten den Blick auf Mechtildis und brummte. Endlich verstand die Edelfrau, Die Bärin wollte, dass man ihr folge. Bald darauf kamen sie an einer Bärenhöhle an. Zwei niedliche Junge, die die Heimkehr ihrer Mutter erwarteten, stürzten sich auf die Bärin. Sie konnten ihnen gerade nicht einmal das Gesicht lecken und Mechtildis zum aller letzten Mal in die Augen blicken. Dann verschied sie.
Die erstaunten Jäger fanden die beiden Bärchen und nahmen sie zusammen mit der Frau und ihrem Töchterlein mit zur Burg. Als Herzog Berchtold vernahm, was geschehen war, war er zutiefst besorgt. Sofort liess er sein Pferd satteln und ritt zur Höhle. Beim Anblick der tapferen Bärin, die da in einer Blutlache lag, hielt er einen Moment inne. Dann gelobt er: “Du stabst, weil du Wehrlose mit deinem Leben verteidigt hast. Ich will dein Erbe sein! Hier will ich eine Stadt bauen zur Zuflucht der Bedrängten. Bern soll sie heisst, und ein schwarzer Bär soll ihr Wappen sein!”
Der Bau der Stadt mit dem Bären auf dem Wappen ging zügig voran. Ueber der Bärenhöhle wurde das Rathaus gebaut. Die Höhle selber wurde zur Schatzkammer der neuen Stadt. Die beiden Bärenwelpen wurde in der Burg aufgezogen und immer gut behandelt. Die Stadtbäckerei wurde damit beauftragt, ihnen besonders schmackhaftes Brot zu backen. Junge Ritter machten es sich zum Vergnügen, mit ihnen zu ringen und ihre Kräfte und ihren Mut an ihnen zu messen.”

Stadtwanderer

Republikanische Rede zur Taufe der «Republik», dem möglicherweise nächsten Kind in der Schweizer Medienlandschaft
PROGR, Bern 12. April 2017

Meine sehr verehrten Damen und Herren Neugierige!
Am Morgen des 12. April 1798, heute vor 219 Jahren, erklärte der Basler Oberzunftmeister Peter Ochs vor dem Aarauer Rathaus, «Es lebe die Helvetische Republik!». Gleichentags wurde die Verfassung des jungen Staates in Kraft gesetzt, das erste nationale Schriftstück dieser Art.
Vorangegangen war eine Revolution in Europa. 9 Jahre zuvor riefen die Franzosen «Liberté, Egalité et Fraternité» aus, mit dem sie die französische Revolution proklamierten. 3 Jahre später köpften sie den König und liessen die République francaise hochleben. Das provoziert den Kaiser von Österreich so, dass er mit dem König von Preussen das republikanische Frankreich militärisch angriff. Unser Peter Ochs vermittelte 3 Jahre danach einen Separatfrieden mit Preussen, während Frankreich 1797 den Frieden mit Österreich mit Truppensiegen erzwang. Im Vertrag von Campo Formio wurde im wesentlichen das Gebiet der damaligen Eidgenossenschaft vereinbart, denn in den rechtsrheinischen Gebieten sollten die Österreicher das Sagen haben, in den linksrheinischen, also bei uns, Frankreich frei walten können.
Das republikanische Frankreich begann sofort mit der Revolutionierung der Schweiz. Schwierig war das nicht, denn seit 1513 regierten 13 Orte aufgrund ihrer Vorrechte die Eidgenossenschaft. Alles andere waren Untertanengebiete oder Untertanen der privilegierten Herren. Sie alle stellten die Verbündeten der Franzosen dar und wurden Patrioten genannt, was gleich viel bedeutete wie Franzosen. Am 5. März 1798 besetzten die Franzosen Bern, den wichtigsten Ort der damaligen Eidgenossenschaft. Bald merkten sie, dass ihre Aufnahme sehr unterschiedlich ausfiel. General Brune zeichnete schon Pläne für die Dreiteilung der Eidgenossenschaft in Rhodanien, der heutigen Romandie, mit vielen Patrioten, in Helvetien, weiten Teilen der heutigen Deutschschweiz, mit einer Art unrevolutionären Republikanern und dem Tellgau, der heutigen Innerschweiz, mit ganz viel eigensinnigen Föderalisten.
In Paris hatte man für solchen Firlefanz keine Geduld. Vielmehr erliess man die Losung, das ganze Gebiete der vormaligen Eidgenossenschaft heisse ab nun die eine und unteilbare Helvetische Republik. Diese Geschicke dieser Republik sollten knapp 6 Jahre dauern. Gemeinhin wird sie in drei Phasen eingeteilt: In die patriotische Revolutionierung der alten Eidgenossenschaft, in die eigentliche Republik mit einer etablierten Führungsschicht und in die Rebellion mit Aufständischen aus der Bauernschaft. Letzteres mündete in einen Bürgerkrieg, bei dem sich moderne Revolutionäre und konservative Bewahrer gegenüberstanden und durch den das republikanische Zentrum förmlich unterging. Napoléon Bonaparte, nun Consul der französischen Republik, intervenierte noch einmal, diesmal als Vermittler. Die Mediationsakte oktroyiert er den Helvetiern auf. Auf diesem Weg gelang es im, ihren Staat vor dem Chaos zu retten.
Wir wissen, wie die Geschichte weiterging. Der zum Kaiser aufgestiegene Napoléon I. scheiterte schliesslich auf den europäischen Schlachtfeldern. Die Verhältnisse, die er geschaffen hatte, wurden unter Fürst Metternich restauriert. Das System des Wiener Kongresses sollte bis 1848 halten. Dann brachen europaweit neue Revolutionen aus, die einzige dauerhafte Verwirklichung war der Schweizerische Bundesstaat, der bis heute seine Gültigkeit hat. Allerdings, man nannte ihn nie mit viel Pathos Bundesrepublik, sondern profan Bundesstaat. Denn er war nicht mehr von republikanischem Geiste, sondern von liberalem.

Meine Damen und Herren Republikaner und Republikanerinnen!
Was nun ist eine Republik? Die antike Staatstheorie kennt zwei Bedeutungen: das Gemeinwohl, das über dem Privaten steht und welches es zu mehren gilt, und die Abwehr einer übergeordneten Herrschaft, welche eben diese Gemeinschaft in Frage stellt.
Der berühmteste Redner in der Antike war der Römer Cicero, der in seinen republikanischen Reden vor der aufkommenden Macht von Gaius Iulius Caesar warnte. Der aufstrebende Militärherrscher sah sich als Gott, riss die politische Macht an sich und leitete so zur Monarchie unter Augustus über. Die Republik ging unter. Die griechischen Philosophen dachten noch nicht so weit. Für sie war die Republik, deren Begrifflichkeit sie noch nicht verwendeten, das Gemeinwohl. Platon meinte, es könne zum Guten wie zum Schlechten verwaltet werden. Sein Schüler Aristoteles entwickelte auf dieser Basis seine Staatsformenlehre: Wenn einer regiert, ist es eine Monarchie, wenn wenige das Tun eine Aristokratie, und wenn es viele sind, eine Demokratie. Das alles sind die guten Staatsformen. Die schlechten sind die Tyrannis, die Oligarchie und die Ochlokratie, die Pöbelherrschaft. Auch da gilt, der Tyrann ist alleine, die Oligarchie schmal und die Pöbelherrschaft so zahlreich wie die Kommentatoren im Netz.
1870 ging Frankreich definitiv zur Republik über. Deutschland und Österreich machten den Schritt 1918, Italien 1946. Im heutigen Sinne ist die Republik das Gegenstück zur Monarchie. Die ehemaligen Monarchien zeigen ihren Stolz, dass sie sie diese Phase überwunden haben, mit einem Platz der Republik. Paris hat ihn, Berlin auch, Wien ebenso und auch in Rom gibt es ihn.
Die Schweiz hat keinen Platz der Republik! Die Schweiz kennt diese Ortsbezeichnung nicht, weil sie sich längst von der Monarchie verabschiedet hat. Vor der Helvetischen Republik kannte sie Landsgemeinden in der Innerschweiz, Zunftregimes wie in Zürich, Schaffhausen, St. Gallen und Basel, wo die städtischen Gewerbler und Händler das politische Sagen hatten, und die Patriziate, wo ein städtisch gewordener Landadel wie in Bern, Freiburg, Solothurn oder Luzern regierte. Vor der Helvetischen Revolution war jede Politik konfessionell gebunden. Zuerst christlich, dann mit der Reformation aufgeteilt in Katholische und Reformierte. Wegen der konfessionellen Teilung stagnierte die aufstrebende Eidgenossenschaft ab den 1530er Jahren territorial. Bis 1648 gehörten wir mindestens formell alle dem Kaiserreich an, das katholisch war. Der Begriff der Republik taucht hierzulande in diesem Zusammenhang auf. Der Zürcher Theologe Josias Simler veröffentlich 1576 ein Buch unter dem Titel «Respublica Helvetiorum», die Republik der Helvetier. In der französischen Übersetzung hiess die Landeskunde «République des Suisses» im Plural. In der deutschen Fassung nannte man das Werk simpel «Eidgenössisches Regiment». Entscheidend war, dass sich die reformierten Eidgenossen als erste als Republikaner verstanden, während die katholischen Brüder sich als autonomer Teil der Monarchie sahen. Republik meinte, dass man auf dem Wege war, einen eigenen souveränen Staats zu schaffen, auf die konfessionsneutrale Gerechtigkeit anspielte. Leitbild der reformierten Orte wurde der Justitia-Brunnen, der Brunnen der Gerechtigkeit, des Rechts der Republik, das über den religiösen Bekenntnissen stehen sollte.
Der Berner Albrecht von Haller wird den Faden aufnehmen und weiterspinnen, denn er wird als Freund des Aufklärers Montesquieu darüber nachdenken, wie der Geist des Gesetzes am besten zum Ausdruck kommt. Die Teilung der Gewalten wird er zum staatstheoretischen Prinzip erheben und damit in seiner Vaterstadt Bern, die dieses Prinzip nicht kannte und auch nicht realisieren wollte, in Opposition geraten. Von Haller war auch in Opposition zu Jean-Jacques Rousseau, dem anderen Theoretiker der Republik aus unseren Bereitengraden. Dieser sinnierte über die Verwerflichkeit der Gesellschaft und forderte keinen Rechtsstaat, sondern die Rückkehr zum Urzustand in der Natur. Statt aufgeklärten Adelsrepubliken propagierte er eine frühe Art von Öko-Oasen, kleinen Kommunen unter der Führung eines Reformpädagogen, in denen die Arbeitsteilung und damit die Herrschaft aufgehoben werden sollte. Das hat ihm bis heute den Vorwurf eingebracht, eine Art totalitärer Herrschaft vorausgedacht zu haben. Auch Rousseau erhielt einen Gegenspieler. Das Gegenkonzept zur alten Republik wird in der neuen Republik entstehen: Der Franzose Alexis de Tocqueville wird die amerikanischen Verfassung studieren und an ihr herausfinden, wie die demokratische Republik in den USA funktionieren konnte. Denn diese waren ein Zusammenschluss als Bundesstaat, der nach dem Prinzip des Rechts, der Gewaltenteilung und des Wettbewerbs funktionieren sollte. Checks & Balances im Staat sollten hier die Herrschaft überwinden.
Kantone wie Genf verstehen sich bis heute als Republiken im Geiste Rousseaus. Die Schweiz imitierte 1848 jedoch den amerikanischen Bundesstaat. Stärker noch als dieser betonte man damals aber die liberale Seite der Republik. Die Stärke, die daraus entstand, zeigt sich in der bürgerlichen Befreiung der Männer von tradierten Zwängen der Kirchen, sie findet sich im grandiosen Aufstieg der Wirtschaft und sie hat den demokratischen Charakter der hiesigen Politik gestärkt. Aber sie hat einen fundamentalen Mangel: Es ist der Verlust der Gemeinschaft. Sie brauchte die sozialen Kräfte, welche eben diese verloren gegangene Gemeinschaft wiederentdeckten, die Solidarität und die Gleichheit pflegten. Die Schwäche der Republikaner und der Liberalen ist nämlich, dass sie die Rechte an Herkunft oder an die Nationalität banden. Ihre Referenzen sind die Gemeinschaften und Nationalstaaten. Doch genau das gilt es im Digitalzeitalter zu überwinden. Es braucht Rechte, die kosmopolitisch egalitär sind.
Die Geschichte lehrt: Der Liberalismus hat einen Pferdefuss. Es ist der Verlust des Strebens nach Gemeinwohl in der Gemeinschaft. Das merkten die zeitgenössischen Republikaner in den 70er Jahren. James Schwarzenbach schuf die erste antiliberale Gegenbewegung, die heute in verwandelter Form weiterlebt und von den Vorrechten der Herkunft, insbesondere der Männer, träumt. Man kann dem auch ein Gegenmodell gegenübersetzen: Zeitgemässer Republikanismus unterschätzt die Stärke der Gemeinschaften nicht. Er arbeitet am Gemeinwohl. Er ist kosmopolitisch und egalitär. Die Politologin Ulrike Guérot propagiert unerschütterlich ein neues Europa, eine Republik ohne Nationalstaaten – offen, sozial und gemeinschaftlich.

Meine Damen und Herren Medien-NutzerInnen!
Was nun ist die Rolle der Medien in dieser kleinen Staatstheorie? Der Baselbieter Medienwissenschafter Roger Blum hat vor zwei Jahren sein eigentliches Lebenswerk unter dem Titel «Lautsprecher und Widersprecher» veröffentlicht. Dabei hat er eine Typologie von nationalen Mediensystemen entwickelt. Er unterscheidet sechs charakteristische Erscheinungsformen. Drei müssen wir hier nicht behandeln, denn sie gehen von staatlichen oder staatlich kontrollierten Medien aus. Mit typischen Formen für freiheitliche Mediensysteme müssen wir uns aber beschäftigen. Nach Blum gleicht das Mediensystem der Schweiz am stärksten dem in Grossbritannien. Unterschieden wird zwischen Qualitätsmedien und Boulevardpresse. Typisch ist aber, dass alle Medien einen ausgesprochenen öffentlichen Auftrag für sich reklamieren. Den Typ nennt Blum «Public Service», vorbildlich ist für ihn die BBC. Vereinfachend will mir scheinen, dass dieser Typ vor allem in der Suisse Romandie vorherrscht. In der italienischsprachigen Schweiz gibt es laut Blum eher ein Klientelmediensystem. Die Medien gehören einem Padrone aus Gesellschaft oder Wirtschaft, der letztlich bestimmt, was veröffentlicht wird. Alles, was der Klientel des Padrone nützt, gilt als gut, alles andere als schlecht. In der Deutschsprachigen Schweiz tendieren wir stark zu dem, was Blum das liberale Mediensystem nennt. Die Medien sind zum reinen Geschäft geworden, das betrieben wird, solange es rentiert und sonst auch aufgegeben werden kann. Die Verlegerinteressen sind gewahrt, der Padrone hat (noch) nichts zu sagen, aber der öffentliche Auftrag verflacht.
Was heisst das für die neue «Republik»? Zuerst muss sie unabhängig sein, unabhängig von der grossen Einflussnahme, genauso wie es Cicero in seinen republikanischen Reden beschrieb. Der Padrone ist der natürliche Feind der Unabhängigkeit. Dann muss sie der Gemeinschaft verpflichtet sein, dem öffentlichen Wohl, nicht den privaten Interessen. Genauso, wie es die antiken Griechen nannten. In der heutigen Zeit müssen sie aber auch ökonomischen Erfolg haben, ohne in die Macht von Verlagen oder Oligarchen zu geraten. Das ist die grösste Herausforderung!
Die Helvetische Republik ging nach weniger als sechs Jahren ein. Hoffen wir, das geschehe mit der neuen Republik nicht genau so! Die Helvetische Republik hat aber auch Bleibendes geschaffen, von dem wir heute noch profitieren: Allem voran hat sie den Staat von der Kirche getrennt. Und sie hat die Menschen- und Grundrechte eingeführt. Personenunabhängige Gesetze, die im ganzen Land gleich gelten, gehen auf sie zurück. Gemischt ist die Bilanz, wenn es um die Gewaltenteilung, das Schulwesen und den Schweizer Franken geht. Sie alle haben ihren Ursprung in der Helvetischen Republik. Sie alle gingen mit ihr auch unter, um in gewandelter Form mit der liberalen und sozialen Revolution in diesem Land neu zu erstehen.
Wenn ich ein Bild verwenden darf, das zu unserer Stadt passt. Die Helvetischen Republikaner kamen vom Land und aus den Kleinstädten. Sie waren Burgdorfer. Als sie in die Stadt Bern kamen, merkten sie, wie klein sie waren. Letztlich Ameisen! Als sie bleiben wollten, wurden sie brutal vom tonnenschweren Tram überfahren.
Was meine ich damit? Gescheitert ist die Helvetische Republik europapolitisch am grossen Krieg. Auch das muss den heutigen Republikanern eine Lehre sein. Gescheitert ist sie aber auch am Geld. Das ist die wichtigste Lehre für unsere Neu-Republikaner zwischen Freiheitskampf, Unternehmertum und Journalismus.

Claude Longchamp

21. Jahrhundert
2017 Alec von Graffenried (GFL) wird neuer Stadtpräsident. Seine unterlegene Herausfordererin, Ursula Wyss wäre die erste Stadtpräsidentin aller Zeiten gewesen.

20. Jahrhundert
1992 Rotgrüne Mehrheit im Berner Gemeinderat, Stadtpräsidium geht an SP
1986 Wahl von Leni Robert, erste Frau im Regierungsrat
1979 Jura wird eigener Kanton, Berner Jura bleibt
1971 Einführung des Frauenstimm- und –wahlrechts auf Bundesebene
1970 Einführung des Frauenstimm- und –wahlrechts auf Kantonsebene
1937 Wahl von Robert Grimm, erstem Sozialdemokratien im Regierungsrat
1920 Proporzwahlrecht für den Berner Gemeinderat
1918 Landesstreik, Robert Grimm als Streikführer
1916/7 Lenin in Bern, internationale sozialistische Konferenzen in Zimmerwald und Kiental
1905 Albert Einstein, Einwohner Berns, schreibt seine berühmten 5 Abhandlungen zur theoretischen Physik in Bern

19. Jahrhundert
1895 erster Sozialdemokrat in Berner Stadtregierung
1894 Gründung der Freisinnig-demokratischen Partei in Bern
1893 Käfigturmkrawall gegen Verhaftung Schweizer Arbeiter, die gegen ausländische Lohndrücker protestierten, Militärbesetzung Berns
1888 Gründung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz in Bern
1874 Revision der Bundesverfassung, Einführung des Referendums
1869 Einführung des obligatorischen Referendums auf Kantonseben
1848 Bern wird Bundesstadt, Sitz von Regierung und Parlament der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Repräsentative Demokratie, Gewaltenteilung der Behörden, der Berner Ueli Ochsenbein wird erster Berner Bundesrat
1846/7 Erste Volkswahl des bernischen Grossen Rates, radikale Mehrheit, Sonderbund des katholisch-konservativen Orte militärisch beendet
1834 Gründung der (liberalen) Berner Universität
1831 Liberale Revolution und Bern, Patriziat dankt ab, repräsentative Demokratie
1815 Die Schweizerische Eidgenossenschaft findet auf dem Wiener Kongress ihre völkerrechtliche Anerkennung mit den heutigen Grenzen, Bern verliert Waadt und Aargau definitiv, bekommt dafür Jura
1803 Mediationsverfassung, Trennung von Stadt und Kanton Bern, Regierungspräsident des Kantons als Nachfolger des Berner Schultheissen

18. Jahrhundert
1798 Besetzung durch französischen Truppen, Ende des Ancien Régimes, Ausrufung der Helvetischen Republik, Säkularisierung der Kirchengüter, bürgerlichen Freiheiten
1792 Sturz der Monarchie in Frankreich, Radikalisierung der französischen Revolution
1777 Albrecht von Haller, Berner Universalgelehrter, Verfechter der Adelsrepublik, aber Kritiker der Berner Verhältnisse, stirbt
1712 2. Toggenburgerkrieg, Sieg mit Zürich in der 2. Schlacht von Villmergen, Friede von Aarau bringt voll Parität der Konfessionen
1702 (verspätete) Einführung des gregorianischen (katholischen) Kalenders

17. Jahrhundert
1682 Allegorische Darstellung der Berner Republik durch Maler Jan Werner
1668 Staatsvertrag mit Frankreich wird erneuert
1654 Beginn der Abkapselung der Berner Burgergemeinde, Bildung des regimentsfähigen Patriziates
1653 Bauernkrieg, Aufstand der Untertanen wird militärisch beendet
1648 Mit dem westfälischen Frieden wird die Eidgenossenschaft unabhängig von Kaiserreich

16. Jahrhundert

1576 Der Theologe Josias Simler veröffentlicht “Republica Helvetiorum” und begründet die Staatslehre der Schweizer Reformierten
1537 Erster Buchdruck in Bern, Mandate der Regierung werden gedruckt
1536 Eroberung der Waadt, Jean Calvin mit Berner Hilfe nach Genf, calvinistische Reformation mit Ausstrahlung in die neue Welt
1528 Reformation in Bern, inspiriert von Huldrich Zwingli, militärische Durchsetzung im Oberland, Beginn der Berner Akademie
1516 Bern unterzeichnet mit allen anderen eidgenössischen Orten den Staatsvertrag ersten Staatsvertrag mit Frankreich, erhält Wirtschaftsleistungen, gibt Söldner
1513 Sieg in der Schlacht von Novara (Oberitalien), Bern bringt den Bären als Trophäe mit nach Hause

15. Jahrhundert
1499 Schwabenkrieg, Sieg über den Kaiseranwärter Maximilian, Autonomie im Kaiserreich im Frieden von Basel bestätigt
1484 Chorherrenstift für das Münster, Beginn der bernischen Staatskirche
1481 Stanser Verkommnis regelt die Eidgenossenschaft neu
1476 Burgunderkrieg, Eidgenossen siegen in der Schlacht von Murten
1470 Wahl des Metzgermeisters Peter Kistler zum Schultheissen, erster Bürgerlicher
1450 Zürichkrieg, erste Aufstände auf dem Land, Krieg endet mit dem Sieg Berns, mit dem Frieden von Einsiedeln wird Mitgliedschaft in der Eidgenossenschaft exklusiv
1415 Bern wird Reichsstand im Heiligen Römischen Reich, Bau des Rathauses, Eroberung des Aargaus
1405 Grosses Stadtbrand, 550 Häuser brennen in einer Nacht ab

14. Jahrhundert
1393 Bern unterzeichnet den Sempacherbrief der Eidgenossenschaft, vermutlicher Beginn der Tagsatzung
1384 Burgdorferkrieg als des Städtekrieges gegen den Adel , Bern kauft den Grafen von Kyburg Burgdorf und Thun ab
1379 Privileg des Kaufs und Verkaufs von kaiserlicher Lehen
1365 Kaiserbesuch, Rückkehr der Junker, kaiserliches Handelsprivileg
1353 Bündnis Berns mit der Innerschweizer Eidgenossenschaft
1348/9 Grosse Pest in Bern, Vertreibung der Junker

13. Jahrhundert
1298 Bern wählt wie eine Reichsstadt den Schultheissen selbständig
1295 Bündnis Berns mit Solothurn, Beginn der «Burgundischen Eidgenossenschaft»
1292/4 Stadtverfassung, durch König Adolf von Nassau anerkannt, Einführung des Grossen Rates
1254 Ende der Staufferdynastie, vermutliches Datum der Handfeste, Savoyischer Schutz

12. Jahrhundert und vorher
1191 Legendäre Stadtgründung durch Herzog Berchtold IV. von Zähringen
962/1032 ganzes Gebiet der heutigen Schweiz kommt zum Kaiserreich
843 Aare als Grenze bei der karolingischen Reichsteilung
617 Sieg der Alemannen über Burgunder
497 Einwanderung der Alemannen im Aaretal bis Burgdorf
443 Eiwanderung der Burgunder links der Aare

77 Stunden hat er die letzte Woche gearbeitet; im Schnitt sind es 55, verteilt auf 6 Tage und Abende. Das ist mehr als das Mittel der Berner. Dafür verdient er auch mehr, und er macht auch etwas mehr Ferien als der Schnitt. Der Berner Justizminister Christoph Neuhaus hat heute Ferien. Im lockeren Outfit spricht er vor einer Gruppe junger Asylsuchenden. Eine Lektion in Berner Staatskunde soll es werden.

neuhaus
Regierungsrat Neuhaus und die Bibel im Regierungszimmer

Der Berner Politiker begrüsst die Interessierten aus vielen Ländern auf der linken Treppe vor dem Berner Rathaus. Eine Stunde lang wird er ihnen zeigen, wo das Gesetz des Kantons und der Stadt entsteht, und wo die Berner Synode tagt. Politik wird er nicht betreiben, aber so gut wie möglich erklären. Der Empfangssaal im Untergeschoss, die Wandelhalle oben, der Tagungssaal des Parlaments resp. der Regierung und die Kapelle sind die Stationen.

Das Parlament
Im grossen Saal des Parlaments geht es um die politischen Parteien.
Die FDP, die liberal ist und wenig Gesetze will.
Die SVP, eine konservative Partei, die wenig Flüchtlinge will.
Die BDP, für die die SVP unanständig ist.
Die religiösen Parteien, christlich und/oder sozial.
Die GLP und die Grünen, beide für die Umwelt.
Und die Sozialisten, für die Gleichheit der Menschen.
Das Wandbild, auf das derweil alle schauen, stammt aus dem letzten Krieg. Links ist das Nationale, sagt der Referent, der Zeit als die Schweiz sich angesichts des Krieges zwischen den Nachbar eingeigelt hat; rechts geht es um die damalige Gesellschaft, noch klar aufgeteilt in arbeitende Männer und fürsorgliche Frauen. Wenig später wird der Politiker erklären, es sei nicht gut, wenn Männer oder Frauen nur unter sich politisieren. Alle sind Menschen, und sie alle haben gute Ideen. Man müsse sie nur zusammenbringen.
Als fast alle aus dem Saal sind, postiert sich eine der Frauen vor dem Rednerpult. Ihre Haarbedeckung verweist auf die Tradition in ihrem Land. Doch Augen funkeln, als sie den Blick in den Rat wirft, als wollte sie zeigen, wie gerne sie Politikerin wäre.

Die Regierung

Die Sitzordnung im Regierungsrat ist hierarchisch: vorne der Präsident, daneben die Stabschefs für das Juristische resp. für die Kommunikation. Dann der Stellvertreter des Präsidenten, und dessen Stellvertreter. Nach einem Jahr wird automatisch gewechselt. Das amtsälteste Mitglied sitzt dem Präsidium nahe, denn es bringt am meisten Erfahrung ein, dann geht es dem Amtsalter nach. Die Novizen haben die hintersten Ränge
Wie lange man regieren könne, will ein Junge wissen. Ein Regierungsrat der SP oder der SVP könne maximal 16 Jahre in der Exekutive bleiben. Das bestimmt seine Partei. Die Vertreter der andern können unbeschränkt bleiben.
Nach 10 bis 12 Jahre habe man anstrengenden Job jedoch meist satt, sagt Neuhaus. Medien und Handy haben die Gangart der Politik beschleunigt, was mehr anstrengt als früher.
Parlamentarierinnen haben vier Möglichkeiten beim Abstimmen: Ja, Nein, weiss nicht. Oder man verlasse noch rechtzeitig der Raum, um ein scheinbar dringendes Telefonat zu machen. Die Gruppe kichert. In der Regierung muss man Farbe bekennen. Da gibt es nur Ja oder Nein. Man kommt, selbst wenn man krank ist. Denn die Mehrheitsverhältnisse sind 4 zu 3 so oder anders herum.
Bevor man abstimmt, wird diskutiert. Untereinander sprechen sich die Regierungsmitglieder mit ihrem Titel an: “Frau Regierungspräsidentin”, “Herr Justizminister”. Das verschafft Respekt – gerade wenn es einmal hitzig zu und her gehen sollte.

Politische Kulturen
Für Sittlichkeit sorgt im karg ausgestatteten Raum auch eine Bibel. Einmal, weiss der Kirchendirektor zu berichten, habe ein Pfarrer etwas gepredigt, das der Regierung nicht gepasst habe. Die Rüge, die man ihm erteilt wollte, quittierte der Gottesmann mit dem Hinweis, er zitiere nur die Bibel. Das habe man nachprüfen wollen, ohne jedoch das geschriebene Wort Gottes im Haus zu finden. Seither gibt es in Bern immer eine Bibel, wenn regiert wird.
Die Begrüssung hatte der Regierungsmann so begonnen: “Gott ist Burger zu Bern”, und wer will schon gegen Gott Krieg führen. Der Stolz der Berner hat lange genützt, bis die moderne Zeit und die französische Besatzung kamen. Die Staatskirche gibt es heute nicht mehr, aber drei Landeskirchen hat der Kanton Bern. Keine kann heute für sich beanspruchen, alleine die Wahrheit zu vertreten. Ein Viertel der Einwohnerinnen ist in keiner Kirche. Es sei es angezeigt, religiöse Neutralität zu wahren. Bald werde man auch in Bern die Kirche und den Staat besser trennen – so wie man es im Schulbuch gelernt habe.
7 Prozent im Kanton Bern sprechen französisch. Die anderen reden in ihre Dialekt, aus dem Seeland, dem Emmital, dem Oberland oder aus der Stadt. Im Grossen Rat wird übersetzt. Die Uebersetzung der Politikersprache für die Bevölkerung machen Zeitungen und Radio. Seit 1831 sind die Verhandlungen der VolksvertreterInnen öffentlich. Das ist Demokratie.

Generationen über Generationen
Am Anfang der Führung hatte Neuhaus einen Sprachtest gemacht. Das Rathaus sei vor 600 Jahren gebaut worden. Wie alt es sei, wollte er bald danach wissen. Die Antworten waren durchwegs richtig. Er müsse zugeben, er könne schlechter arabisch als die Asylsuchenden deutsch, war der ehrliche Kommentar.
Am Schluss lobt der sympathische Justizminister die jungen Leute. Für Menscehn wie sie würde man heute Gesetze machen. Wenn sie sich anstrengen würden, könnten auch sie ins Parlament gewählt werden, und die Gesetze für die nächste Generation beschliessen. Einige sind gerührt. An dieses Politikerwort erinnern sie sich bestimmt lange.
Als alle gegangen sind und wir zu zweit vor der Rathaus stehen, frage ich den Regierungsmann, ob er auch die Symbolik der Fassade kenne. Er verneint, sodass ich nachhelfe. Ueber Treppe geht es um Wahrheit und Lüge, der guten und der schlechten Seite der Politik. Darunter finden sich Samson, der Löwenbändiger, und Diogenes, der Hund. Das sind die guten und schlechten Menschen. Schlecht seien Tugenden wie die Feigheit, die Ungerechtigkeit, der Hochmut und die Verführung. Das zeigt die Treppe rechts. Das Gute aus den Generationen, als das Rathaus gebaut wurde, steht auf der linken Treppenseite: die Unschuld, die Demut, die Keuschheit und die Wohltat.
Letztere Figur befindet sich genau dort. wo der Regierungsrat eine Stunde zuvor seine Schützlinge begrüsst hatte.

Stadtwanderer

Hier der Hinweis auf meine republikanische Stadtwanderung, der ersten dieser Art, extra am 12. April, dem Jahrestag der Verfassung der Helvetischen Republik!

Am Mittwoch um 17 Uhr 15 startet meine neueste und gleichzeitig letzte Stadtwanderung, speziell für das Projekt R.. 2018 will diese Gruppe von Journalisten, Unternehmerinnen und Technikerinnen eine neue Online-Zeitung herausgeben.

Warum hat Bern (noch) keinen Platz der Republik?

Vor-Station 1: (für gar Nicht-Ortskundige): Zähringer-Denkmal: Craskurs in Berner Geschichte (speziell für Zürcher)
Vor-Station 2: (für gar Nicht-Kenner der Republiken): Gerechtigkeitsbrunnen: Politische Philosophie: Was uns die Denkväter und -mütter der Republiken von Aristoteles, Cicero, Niccolo Machiavelli, Baron de Montesquieu, Jean-Jacques Rousseau, Alexis de Tocqueville bis Ulrike Guerot zu sagen haben!

1. Station: Junkerngasse (gleichzeitig Vorschlag 1 für den Platz der Republik): Republikaner vs. Liberale oder Albrecht von Haller vs. Georg F. Hegel in einem Haus
2. Station: Station: Rathaus (gleichzeitig Vorschlag 2): Gemeindebildung als Basis des Republikanismus – Variante Bern
3. Station: Kornhaus (gleichzeitig Vorschlag 3): Respublica Bernensis – die traditionsbewusste Stadtelite
4. Station: Tramschienen vor dem Zytgloggeturm (gleichzeitig Vorschlag 4): Helvetische Republik – vom Scheitern der modernen republikanischen Revolution
5. Station: Bundeshaus (gleichzeitig Vorschlag 5): Der liberale Bundesstaat als ideologischer Gegner des Republikanismus
6. Station: Medienzentrum (gleichzeitig Vorschlag 6): Republikanische Oeffentlichkeit gegen die Dominanz der click-Medien

Abstimmung über den neuen Platz der Republik in der Stadt Bern

Ich bin gespannt,

Stadtwanderer

Morgen ist Start meiner neuen und (vorerst) letzten Saison als Berner Stadtwanderer. Neu ist auch mein ausführlicher Halt im Berner Regierungsviertel, um den Uebergang Bern von der burgundisch-kaiserlichen zur bernisch-eidgenössischen Position zu beschreiben.

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Berner Rathaus, zirka 600 Jahre das Zentrum der Berner Politik

Wir befinden uns hier im Regierungsviertel von Bern, nicht der Bundesstadt, sondern der Stadt Bern. Bis 1803 waren Stadt und Kanton nicht getrennt. «Stadt und Republik» sagte man nach der Reformation, davor war es einfach «Stadt».
Nach dem Tod der Zähringer wurde Bern eine Königstadt. Der König besass die Stadt, in der er einen Verwalter einsetze, um die Steuern einzutreiben. Aus dieser Funktion erwuchs der Schultheiss, eigentlich der Schuld-Heisscher oder Steuereintreiber.
Seit 1298 verstand sich Bern als Reichsstadt. Den König, jetzt ein Habsburger, anerkannte man nicht mehr, die Zugehörigkeit zum Kaiserreich blieb jedoch unangetastet.
1415 erhob König Sigismund von Ungarn, auf dem Weg Kaiser zu werden, Bern zum Reichsstand. Damit war man ganz oben angekommen, besass das Gericht über Leben und Tod, und man konnte selber entscheiden, mit wem man gegen wen Krieg führte.
Doch ist das nur die Hälfte der Geschichte. Die andere handelt von den Beziehung der Stadt zu den Eidgenossen. Diese formierten sich angesichts der Reichskrisen im 13. und 14. Jahrhundert. Bern mit ihren Verbündeten von Solothurn bis Sion hatten eine solches Bündnis, Zürich auch, und rund um den Vierwaldstättersee gab es eine Eidgenossenschaft.
Das erste Bündnis von Bern mit der Innerschweiz datiert von 1323. 1353 wurde es erneuert. Diese Datum gilt gemeinhin als Beitritt Berns zur Eidgenossenschaft. Das ist eine nachträgliche Uebertreibung, denn mit Zürich verbündete sich Bern erst 1421.
Diese Eidgenossenschaft erkämpfte sich 1499 einen autonomen Status im Kaiserreich. 1648 wurde die Eidgenossenschaft unabhängig vom Reich.

Vor der Bar «Karl»
1292 ordnete die Stadt ihre inneren Verhältnisse neu. Dem Schultheiss, damals meist ein von Bubenberg, umgeben von einem (kleinen) Rat, wurde ein grosser Rat beigestellt. Der kleine Rat erledigte die täglichen Geschäfte, der grosse war, würde man heute sagen, sein «sounding board».
1294 anerkannte König Adolf von Nassau den Grossen Rat. Vor allem legte er fest, dass Bern bei Abwesenheit eines Königs, den Schultheissen selber bestellen konnte. Nur 4 Jahre später machte Bern damit ernst. Mit der Wahl von König von Albrecht I. von Oesterreich wandte man sich vom Königtum ab. Den Schultheissen bestimmte man in der Folge meist selber.
1324 erwarb man mit Laupen erstmals ein Reichspfand. Das führte mit Freiburg, der Stadt im Besitz der Habsburger, zum Lokalkrieg. Die drei Schlachten gewann Bern 3:0. Damit war man im Aaretal topgesetzt.
Die Stärke nutzte Bern nach der grossen Pest. Schnelle expandierte die Stadt zum Stadtstadt. Der Kaiser liess 1365 offiziell zu, dass die Stadt Bern Reichslehen erwerben, später auch verkaufen, konnte. Man war jetzt eine Art Herzog.
1384 eroberten die Berner die kyburgischen Besitzungen und kaufen sie Burgdorf und Thun. 1388 annektierten man Nidau. Damit war der Landadel verdrängt. Von nun an verwaltete der Stadtadel die Landbesitzungen.
An die Privilegierungen Berns durch Kaiser Karl IV. erinnert seit neuestem die Trend-Bar «Karl». Sie steht dafür, dass die Reichsstadt nur eine Stadt war, welche die Landgrafen links und rechts der Aare verdrängt hatten.

Vor dem Rathaus
Im 15. Jahrhundert war die katholische Kirche in der Krise. Es gab drei rivalisierende Päpste: in Avignon, in Rom und in Pisa. König Sigismund von Ungarn versammelte die wichtigen Kirchenleute in Konstanz. Die bisherigen Päpste wurde abgesetzt, und einer neuer Papst wurde bestimmt.
Zuvor hatten sich die Habsburger verspekuliert. Sie hatten auf einen bisherigen Päpste gesetzt, diesen sogar entführt, damit man ihn nicht absetzen konnte. Doch fand man ihn in Freiburg im Breisgau in einem Kloster, beschützt von Habsburgern. Jetzt wurde die Reichsacht über sie verhängt. Bern wurde angehalten, die habsburgischen Besitzungen in Brugg zu erobern. Das geschah in einem kurzen Feldzug 1415. Die Zürcher nahmen Baden, und die Luzerner die freien Aemter. Die verschiedenen Eidgenossenschaften im Westen, Osten und Süden wuchsen jetzt erstmals zusammen.
Symbolisch für die mächtige Stadt Bern weihte König Sigismund das Rathaus ein. Es ist der wichtigste Zeuge aus dem Spätmittelalter. Es ist quasi der in Sandstein gehauene Repräsentant des Stadtstaates des 15. Jahrhunderts.
Das Bündnis mit Zürich war nicht konfliktfrei, schliesslich kam es zum ersten Krieg unter Eidgenossen. Bern und die Innerschweizer waren auf der siegreichen Seite, Zürich verlor. Doch in Bern opponierten die Oberländer; die Märsche beispielsweise nach Regenburg waren ihnen zu weit. Es war das erste Mal, dass es einen Stadt/Land-Konflikt in Bern gab.
1450 wurde die Eidgenossenschaft neu geordnet. Die Mitgliedschaft war jetzt exklusiv. Manche Historiker sagen, dass sei der eigentliche Beginn der Eidgenossenschaft.
Die geeinten Eidgenossen expandierten schnell. Zuerst im Osten bis Konstanz, dann im Westen gegen Dijon, und schliesslich im Süden gegen Mailand. Keine dieser Städte konnte jedoch dauerhaft eingenommen werden. Doch die Eidgenossenschaft wuchs. Der Rhein bildete die natürliche Grenze nach Norden und Osten. Der Kaiser gewährte nach dem Schwabenkrieg der Eidgenossenschaft Reichsautonomie und der französische König bezahlt viel Geld, dass man ihn in Italien nicht mehr störte.

Vor dem Vennerbrunnen
Die Pest führte zu einer sozialen Neuordnung. Alle, die Schutz versprochen hatten, kamen in Bedrängnis. Der Stadtadel musste Bern verlassen. Nun bestimmten Händler und Handwerker die Geschicke der Stadt. Es brauchte die Intervention von Kaiser Karl, dass der Stadtadel nach 15 Jahren zurückkehren durfte. Die Rivalitäten zwischen Stadtadel und Bürgern blieben jedoch.
Als erstes schlug der erstarkte Stadtadel zu. Er verbot 1373 die Zünfte, wie das wohl seit 1292 der Fall gewesen war. Erlaubt waren nur Gesellschaften, wo alle Burger Zwangsmitglieder waren. Das bewährte sich um die Handwerker wirtschaftlich und gesellschaftlich zu kontrollieren. Anders als in Zürich blieben sie in Bern von der Politik ausgeschlossen. Ihre Aufgabe blieb auf das Steuer- und Polizeiwesen beschränkt.
Politisieren konnten einzig die Venner. Sie waren die Quartiermeister in den Stadtvierteln. Uns sie stammten aus je einer der privilegierten Gesellschaften, den Bäckern, Metzgern, Gerbern und Schmieden. Und sie nominierten die Kandidaten für die Räte. Die Grossräte wählten sie auch, nur die Kleinräte wurde von den Grossräten bestimmt.
Einmal gelang den Stadtadeligen vor vorgängige Regelung der Wahl nicht. 1470 wurde Metzgermeister Peter Kistler Berner Schultheiss.
Die Stadt war im Umbruch. Dank höfischer Kleidung unterschieden sich die Stadtadeligen von den Burgern. Peter Kistler untersagte das als erstes.
Keine Schnabelschuhe, keine Schleppen und keine Pumphosen war mehr erlaubt. Der Stadtadel revoltierte. Demonstrativ marschierte er in den verbotenen Kleidern des Sonntags ins Bern Münster ein. Vor das Sittengericht wurden die Herrschaften gestellt, das sie für einen Monat aus der Stadt verbannte.
Die Umwälzung am Ende des 15. Jahrhunderts liess sich nicht vermeiden. Doch siegten nicht die Handwerker, vielmehr der Geldadel, der sich über den Landadel in der Stadt erhob!

Vor der Staatskanzlei

Der Durchgriff der Stadt aufs Land gelang mit der Reformation 1528. Diese entmachtete die katholische Kirche, immer noch dem Bischof von Lausanne unterstellt. Jetzt griffen die Städter nach den Pfründen, denn die Pfarrstellen auf dem Land waren den Berner vorenthalten. Parallel hierzu etablierten sich die Landvögte als städtische Führungsschichte auf dem Land. Auch in diese Aemter kamen nur Städter, genauer nur Grossräte.
Bern entwickelte sich so zum politisch-religiös-administrativen Zentrum der Region. Der Bedarf an Führungskräften war viel grösser als in einer Stadt wie Schaffhausen. Da reichten die Zünfte um die Stadt zu führen, in Bern musste man die Kunst der Staatsführung beherrschen.
Eeinzig die Bündner sind seither mit Bern vergleichbar. 1534 nannten sie sich als erste Republik oder Freistaat. Damit imitierten sie das benachbarte Venedig. Und sie zeigten an, eine entfeudalisierte Gesellschaft geworden zu sein. Bern ging nicht ganz soweit. Von einer Republik sprach man hier erst Ende des 16. Jahrhunderts, Damit zeigte man an, anders als ein Fürstenstaat zu sein. Gleichzeitig verknüpfte man den Gedanken der Republik mit dem der Souveränität. Man war zum eigenständigen Gemeinwesen geworden.
Bis heute gibt es die Mischung aus bernischem Selbstbewusstsein und anpassungsfähigem Stadtadel. Seit diesem Jahr regiert der Grüne Alec von Grafenried die Stadt. Er ist der fünfte Schultheiss, pardon, jetzt Stadtpräsident, seiner Familie.

Stadtwanderer

Republik Bern

März 14, 2017 | 2 Comments

Auf der Spur meiner letzten Stadtwanderung vor der Weltreise.

larepu

In der allgemeinsten Form wird der Begriff der Republik mit “Staat” gleichgesetzt, allenfalls dem modernen Staat wie ihn die Französische Revolution resp. die Reformation hervorgebracht habe. Anders als im benachbarten Ausland der Schweiz ist der Begriff weitgehend unüblich geworden. Seit 1848 spricht man vom Bundesstaat, nicht von der Bundesrepublik. Unser dieser Staat heisst auch nicht mehr Helvetische Republik, sondern Confoederatio Helvetica. Nur in einigen Kantonen, direkt an Frankreich angrenzend, ist es üblich geblieben “du canton et république” zu sprechen.

Wolf Linder, emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bern, ist meines Wissens der letzte, der versucht hat, die Lage der Schweiz als Zustand der Repubblik zu analysieren. Ausgangspunkte sind die Globalisierung und Europäisierung. Sein zentraler Befund ist, dass internationales Recht immer mehr das schweizerische bestimme. Das führe zu einer Verlagerung der Gewichte in Richtung Exekutive, und es schwäche die Legislative, das Parlament und die Volksrechte. Globalisierung sei zudem gemeinschaftsfeindlich, produziere soziale Gegensätze, verändere die Parteienlandschaft und polarisiere das Konkordanzsystem. Zwischen Globalisierung, Nationalstaat und Demokratie herrsche es ein fragiles Gleichgewicht, alles aufs Mal bekomme man nicht.
Geht es Linder fundamental um den zeitgenössischen schweizerischen Staat, vertritt der Historiker Thomas Maissen einen ganz anderen Begriff der Republik. Den Spezialist für die frühe Neuzeit interessierte seinem Buch über die “Entstehung der Republic” namentlich das Werden des Staatsverständnisses rund um den Souveränitätsbegriff. Er stellt das als Prozess dar, an dessen Anfang Theoretiker der Souveränität ausserhalb des Kaisertums standen. Reichsteile wie die Schweiz hätten den Verband schrittweise verlassen und sich nach 1648 zunehmend unabhängig definiert. Sprache, Titel und Symbole, wie sie im 17. Jahrhundert üblich geworden seien, würden diesen Emanzipation aufzeigen. Denn so haben man sich zunehmend als souveräne Republik verstanden, geschützt durch Staatrecht und Völkerrecht.
Maissens Gegenspieler ist der kürzlich verstorbene Berner Historiker Peter Blickle. Denn für ihn ist Republik kein souveräner Staat, sondern der “Superlativ des Kommunalismus”. Diesen versteht als Gegensatz zum Feudalismus, der von Monarchie und Adel geprägt sei und durch Privilegierung von Ständen und Ländern praktiziert worden sei. Kommunalismus definiert er als bewusste Absetzung hiervon, als Entfeudalisierung, dank dem Gemeindestrukturen in Städten, aber auch auf dem Land entstanden seien. Das sei kein Phänomen der neuesten Zeit, sondern des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Früher Ausdruck dieser Entwicklung sein die Republik Graubünden im 16. Jahrhundert, dem Höhepunkt des Kommunalismus. Es finde aber auch in den reformierten Städte der Neuzeit. Angefangen hat der Prozess mit der Zurückdrängung des Reichsadels, aber auch der Reichskirche, die Inbegriffe feudaler Herrschaft gewesen seien.
Nicht vergessen werden darf, dass das alles auf dem römischen Gedanken der Republik basiert, dem Gemeinwohl von Cicero. Untergegangen ist es im Kaisertum der Antike und des Mittelalters. Wiedergeboren wurde es von Macchiavelli an der Wende zur Neuzeit. In den italienischen Städten hat es noch besten überdauert. Nicht zuletzt deshalb strahlte die repubblica von Venedig über Chur bis in unsere Gegenden.

Ich bin dabei meine wohl letzte Berner Stadtwanderungen vor der Weltreise durch Monarchien und Republiken der Gegenwart zu konzipieren. Lanciert wird sie am 12. April 2017. Der Anlass ist klar: Es ist die Ausrufung der Helvetischen Republik im Jahre 1798 in Aarau, verknüpft mit der Einführung der ersten gesamtschweizerischen Verfassung, die alte Republik Bern stützte und in die neue überleitete.
Noch ist es mein Geheimnis, für welche Neo-Republikaner ich diese Tour mache.
Soviel sei einen Monat im Voraus schon gesagt. Es wird ein Streifzug durch die Teile der Berner Geschichte mit republikanischem Charakter sein. Der Startpunkt wird auf dem 16. Jahrhundert liegen, und das Ende zeichnet sich Mitte des 19. Jahrhunderts ab. Denn das republikanische Bern ist mehr als das mittelalterliche, aber weniger als das demokratische. Es ist geläutert vom katholischen Feudalismus, aber nicht aufgeklärt durch den demokratischen Liberalismus und Sozialismus.
Ich werde berichten.

Stadtwanderer

Befragt von Entertainer Philipp Tingler trat der niederländische Schriftsteller Ces Nooteboom gestern im Berner Stadttheater im Rahmen der «BernerReden» auf. Was als Debatte über europäische Werte angekündigt wurde, endete in einer eher oberflächlichen Unterhaltung mit Trump als Antihelden.

stadttheater
Noch leere Bühne, vor vollem Saal. Leider auch eine gewissen Leere nach Gespräch, gerade weil ich voll von Fragen war.

Das Gute zuerst: Das Berner Stadttheater war bis auf dem letzten Platz gefüllt. Das Schlechte aber auch: Die Technik versagte. Die Mikrophone liessen die Moderatoren-Stimme überschlagen, derweil die des Gastes kaum verstärkt wurden.
Die Veranstaltung zum absolut wichtigen Thema der «europäischen Werte» wurde via Bund gross angekündigt. Die Schlagzeile lautete: «Der Brexit könnte sich schrecklicher Fehler erweisen.» Belege hierfür gab es an diesem Abend keine, obwohl die Frage richtig gestellt ist. Auch zentrale europäische Werte wie Menschenrechte, Friedenssicherung und Solidarität kamen kaum zur Sprache.
Hauptgrund meiner Unzufriedenheit war die offensichtliche Dominanz von Donald Trump in unserem Gegenwartsbewusstsein. Ab der zweiten Antwort war er omnipräsent, obwohl abwesend und auch nicht angekündigt. Klar, die Anlässe zum Lästern sind zahlreich und offensichtlich genug. Ich glaube aber nicht, dass jemand im Haus den gemachten Aussagen ernsthaft widersprochen hätte, wäre es zu einer Diskussion gekommen.
Zu gerne hätte ich mehr zum Modell der liberalen Demokratie mit Volksparteien rechts und links gehört, das angesichts der heutigen Polarisierungen durch Zuwanderung, Wirtschaftskrise und Terrorismus in Bedrängnis geraten ist. Zu gerne hätte ich auch mehr erfahren, ob das Aktuelle in Ungarn oder Polen, aber auch in Frankreich oder den Niederlanden neu ist resp. eine systematische Wende hin zu illiberalen, sprich autoritären Demokratie darstellt, die Rechtsstaat, unabhängige Gerichte und freie Medien nicht mehr dulden will.
Ohne Antwort blieb auch die Frage, ob die aktuell offensichtlichen Entwicklungen durch Ereignisse wie die europäische Flüchtlingskrise 2015 ausgelöst wurden, ob sie eine Folge der vielerorts erschütterten Vertrauens im Gefolge der globalen Finanzmarktkrise sind, oder ob sie sich wie ein roter Faden sein den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts als Kritik an neuen, globalen Eliten entwickelt hat, die zwischen wirtschaftlich neoliberal, gesellschaftlich linksliberal und politisch jenseits von Nationalstaaten agieren.
Mein ganz persönlicher Eindruck von diesem Abend war: Der Gast aus den Niederlande war ganz spannend. In seinen Büchern ist er jedoch konziserer und tiefgründiger als auf der Bühne. Sein Befrager wirkte dagegen uninspiriert, auch zu wenig fordernd, um ein mehr als unterhaltsames Gespräch entstehen zu lassen. Viel über das, was man mit aufmerksamer Zeitungslektüre weiss, erhob mich der Abend nicht.
Schade!

Stadtwanderer

Besuch in der oberen Sakristei des Berner Münsters, wo die Eidgenossen den Burgundern den Krieg erklärten

Seit Jahren erzähle ich auf meinen Stadtwanderungen vor dem Berner Münster folgende Geschichte: Den berühmtesten aller Kriege Berns, den Burgunderkrieg, erklärten die Eidgenossen 1474 in der oberen Sakristei des grossen Gotteshauses. Damit provozierten sie die Nachbarn, was zu Schlachten in Grandson, in Murten und schliesslich in Nancy führte, über die das burgundische Herzogtum unter Karl dem Kühnen unterging. Ein wahres Stück spätmittelalterlicher Geschichte Europas!
Felix Gerber, der Sigrist des Berner Münsters, der früher einmal bei mir Politikwissenschaft studiert hatte, erzählte mir gestern, warum man für den einmaligen Akt in der Geschichte der Eidgenossenschaft die ehrwürdige Sakristei gewählt habe: Dem neu erbauten Rathaus traute man nicht, dass es abhörsicher genug sei. Die dicken Wände des Münsters boten hier mehr Sicherheit vor burgundischen Spitzeln. Sein Gymnasiallehrer, Urs Zahnd, ein Spezialist für den Münsterbau, habe ihm das vor langer Zeit erzählt. Sicher ist, dass sich die Vertreter der damals 10 eidgenössischen Orte im Obergeschoss der Sakristei zusammenfanden, um den Entscheid zu fällen. Den Brief, den sie am 16. Oktober 1474 verfassten, sandten sie an den Burgundischen Hof – und das Schicksal nahm seinen Lauf. Burgund gibt es nur noch als Teil Frankreichs, derweil aus der Eidgenossenschaft von damals die Confoederatio Helvetice wurde.
Wir standen gestern in einem weitgehend leeren und kahlen Raum. Das Schmuckvollste was das Bild des Berner Reformators Berchtold Haller, das in der hinteren Ecke hing. Das Zimmer beherbergte zudem einen kleinen Holztisch und einen grossen Kasten. Der ist neuerdings Programm, denn in den historisch so bedeutsamen Räumen befindet sich während den Messen im Münster der Kindergarten, und der Schrank ist voller Spielsachen! Bei Konzerten diene der Raum zudem dem Einsingen der Gäste, erklärte der Sigrist; denn Dank dicken Mauern höre man in der Kirche nichts davon. Gerber zeigte auch den Boden aus Ziegeln, die man seinerzeit in den Lauben zum Trocknen ausgelegt hatte. Hunde und Kinder seien darüber gelaufen bevor alles hart war, und so findet man bis heute Spuren von früheren Füssen und Tatzen m Boden der oberen Sakristei.
Einen kleinen Moment machte ich mir Gedanken, mich als Hilfssheriff in der Sakristei zu bewerben. Denn das Geheimnis rund um die Kriegserklärung an Karl ist nur eines der Mysterien, die das riesige Gebäude beherbergt. Man könnte wohl noch Jahre lang darin stadtwandern, um Neues zu entdecken und neue Geschichten zu erzählen.
Aber das ist eine andere Geschichte …
Stadtwanderer

PolitologInnen sind sich weitgehend einig:Der Schweiz ist aufgrund ihrer politisch-kulturellen Voraussetzungen ein Konkordanzsystem angemessen. Die Einschätzungen variieren indessen, wie eng resp. wie weit Konkordanz gefasst werden soll und was die genauen Konsequenzen daraus sind. Jetzt setze ich das Thema stadtwandernd um.

Eine eigentliche Systematik der Konsensdemokratie hat der Berner Politologe Adrian Vatter erarbeitet. Im einer Interpretation des Grundlagenwerkes von Arend Lijphart nennt er sechs Kriterien, die sinnvollerweise in eine Konsensdemokratie münden: eine gesellschaftliche Segmentierung, das Vorhandensein informeller Netzwerke, ein ausgeprägter Minderheitenschutz, kulturell autonome Räume und das Proporzdenken für Behörden. Sie führen zusammen zu einem kooperativen Eliteverhalten, was zu Regierungen mit einer überparteilichen Zusammensetzung führt.
Adrian Vatter sieht diese Kriterien für Schweiz gegeben. Entsprechend hält er Konkordanz unverändert für die richtige Regierungsform. Allerdings, verschiedene der Kriterien haben in seiner Einschätzung an Virulenz verloren. So sei die Segmentierung in Teilgesellschaft rückläufig, und die Elitekooperation leide ebenso. Entsprechend spricht er nicht mehr vom Musterfall einer Konsensdemokratie, sondern von einem einem Normalfall. Die institutionellen Zwänge bestehen, auch wenn sich die Eliten vom Ideal der Konsenssuche durch Verhandlungen abgewendet haben. Manchmal nennt er das ausgehölte Konsensdemokratie, manchmal zentrifugales System.
Diese These hat mich inspiriert, meine bestehende Stadtwanderung zu «Konkordanz woher? Konkordanz wohin?» neu zu gestalten. In der aktuellen Form hat sie die folgenden Stationen resp. die nachstehenden Themen:

1. Bärengraben: Einführung «Konkordanz woher, Konkordanz wohin?
2. Untertorbrücke: die dauerhafte gesellschaftliche Spaltung durch die Völkerwanderung (5. Bis 12. Jahrhundert)
3. Zähringer-Denkmal: Stadtgründung, Städtenetzwerke, Eidgenossenschaften (1191-1415)
4. Rathaus: Herrschaftliche Machtpolitik, der Stadt/Land-Konflikt und der Minderheitenschutz (1415-1513)
5. Münster: Reformation, Kleinräumigkeit und Kalenderfrage (1528-1798)
6. Erlacherhof: Französische Revolution – Unitarier vs. Föderalisten und der Bundesstaat (1798-1848)
7. Restaurant Aesserer Stand/Hotel Bern: Dialektik der Moderne – das Staatsverständnis von Freisinn und Sozialdemokratie (1874-1945(
8. Bundesplatz: Entscheiden im Globalisierungskonflikt: Elitekooperation im Zweiten Weltkrieg und neue Polarisierung durch Europa-Frage (seit 1945 bis heute) – Ausblick: Was uns erwartet!

Dauer der Wanderung: knapp 2 Stunden, am besten am Vorabend ab 17 Uhr 30

Interessenten für eine solche Stadtwanderung melden sich unter stadtwanderer@standwanderer.net. Es werden nur Führungen mit Gruppen gemacht, am besten mit 6 bis 20 Personen.

Stadtwanderer

Meine neueste Stadtwanderung hat am Freitag Premiere – als Spezialführung für Ursula Wyss, möglicherweise die erste Stapi Berns.

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Angefangen hat die Moderne der Schweiz am 12. April 1798, dem amtlichen Beginn der Helvetischen Republik. Für die Liberalen feierte sie den Durchbruch am 12. September 1848, der Geburt des Bundesstaates. Die Demokraten gedenken dem 18. Mai 1874, als das Referendumsrecht in der revidierten Bundesverfassung verankert wurde. Den Linken wiederum ist der Landesstreik vom 11. bis 14. November 1918 die bleibende Erinnerung. Und für Feministinnen war vor dem 7. Februar 1971, als die Frauen das Stimm- und Wahlrecht erhielten, wenig erwähnenswert.

Ohne Zweifel, die Geburt der Moderne war (und ist) in der Schweiz eine Zangengeburt. Mit der Etablierung einer Republik, umgeben von lauter Monarchien, war man 1848 in Europa ganz vorne dabei. Bei der Einführung des Erwachsenenwahlrechts 1971 bildete man jedoch das Schlusslicht. Den Vorsprung auf die europäische Moderne im 19. Jahrhundert verspielte man im 20. Jahrhundert kläglich. Offen ist die Frage, wem das 21. Jahrhundert Stillstand oder Wende bringt?

Diesen Fragen gehe in meiner neuesten Stadtwanderung nach. Premiere hat sie am kommenden Freitag.

Geführt wird sie speziell für Ursula Wyss, möglicherweise die erste Stapi von Bern, und ihrem Team.

Das Programm lautet:

1. Station Zähringer Brunnen: Crash-Kurs in Berner (und Schweizer) Geschichte
2. Station Rathaus: Der Schock der Moderne oder die Helvetische Republik während der es zu vier Staatsstreichen kam
3. Station Untertorbrücke: Das Plebiszit oder der Bürgerkrieg zwischen Modernisten und Traditionalisten, den Napoléon vermitteln musste
4. Station Erlacherhof: Die Restauration oder die Rückkehr des Ancien Regimes nach Bern
5. Station Casino Restaurants: Der liberale Bundesstaat oder der Durchbruch zu Parlamentarismus und direkter Demokratie
6. Station Aeusserer Stand/Volkshaus: Das Hegelsche Gesetz der Moderne oder der alte soziale Konflikt und seine Befriedung
7. Station Bundesplatz: Männermehrheiten/Frauenmehrheiten oder der neue soziale Konflikt mit etwas offenem Ausgang

Ich freue mich, einen kleinen Beitrag zur politischen Bildung im laufenden Berner Wahlkampf leisten zu dürften!

Stadtwanderer

Das ist meine neue grosse Migrationstour als Stadtwanderung durch Bern.

Anders als die meisten meiner Touren findet sie nicht nur in der Altstadt statt, vielmehr erstreckt sie sich auch auf das Bahnhofsquartier, die Länggasse, den Bremgartenfriedhof und das Inselspital. Sie endet auf dem Europa-Platz vor dem Haus der Religionen.
Klar ist, dass das anspruchsvolle Programm nicht in 2 Stunden geht, weshalb Interessenten mit einem ganzen (Sams)Tag rechnen sollten. (In der Tat gibt es eine Kurzversion von 2 Stunden, an einem Vorabend machbar).
A propos Interessenten: Meine Führungen mache ich für Gruppen von 8-20 Personen. Eine Vorbesprechung mit mir ist sehr erwünscht!


Stadtwanderung zum Thema “Migration in Bern”


Treffen ab 0900 beim Alten Tramdepot

0915 Einleitung: Die (Migrations)Geschichte einer Stadt (Bärenpark, Hinfahrt vom HB mit 12er Bus)
0940 1191: Die Berner Stadtgründung: Klimawandel und Kolonisation (Zähringerbrunnen)
1005 1289-1427: Migrationsprobleme im Mittelalter: die Juden als Geldverleiher, ihr Tod und ihre Ausweisung (Bundeshaus West)

1030 Pause

1050 1685-1699: Migrationsprobleme in der frühen Neuzeit: die Hugenotten – Asyl, Ausweisung und Aufschwung in der Waadt (Franzosenkirche)
1115 Ab 1700: Exkurs Auswanderung aus Bern (vor dem Kornhaus)
1140 1894: Migrationsprobleme der Moderne: die Fremdarbeiter aus Italien, der grosse Krawall und das Proporzsystem im Gemeinderat (beim Käfigturm)

1215 Mittagessen (Generationenhaus, altes Burgerspital)

1330 Bern im Zeitalter der unvollständigen Globalisierung (gemäss KOF-Globalisierungsbarometer): Internationale Organisationen in Bern (Autour du monde/Weltpost)
1350 Pull-Faktor 1: Der Bahnhof und die grosse Bevölkerungsentwicklung 1880-1960 (Bahnhofplatz)
1410 Pull-Faktor 2: Die Universität und gesellschaftliche Modernisierung durch Ausländerinnen (Hallerdenkmal vor der Universität)
Busfahrt ans Ende der Länggasse
1440 Exkurs Länggasse: Lenin, Zimmerwald und die Russische Revolution (Distelweg)

1500 Pause Gartenwirtschaft “tusli” (asiatisch)

1520 Exkurs: Prominente Migranten, die in Bern ihre Ruhe fanden (Bremgartenfriedhof)
1540 Pull-Faktor III: Das Inselspital – heute der multikulturellste Ort der Stadt (Inselspital)
Tramfahrt an den Europaplatz
1610 Das Zusammenleben der Religionen: die Herausforderung der Zukunft (Europaplatz)

Ende zirka 1630, Rückfahrt mit S-Bahn an HB

Stadtwanderer

Im Dachstock des Berner Historischen Museums gedenkt man seit geraumer Zeit dem Berner Pioniergeist. Heute war eine Führung speziell zu den Frauen im 20. Jahrhunderts, die ihrer Zeit voraus waren.

zeitgeschichte
Die 90er Jahre in Bern: Claire-Lise Vatter, Ruth Dreifuss und Gret Haller als Pionierinnen, die in Bern wirkten

Die SAFFA als Beispiel
1928 fand in Bern der erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit statt. Verschiedene Frauenorganisationen hatten dazu aufgerufen. Ziel war es, den Wert der Frauenarbeit, inbesondere in Haus- und Familienwirtschaft, besser sichtbar zu machen. Man versprach sich auf diesem Weg eine bessere Basis zu schaffen, um Forderungen zu politischen Rechten stellen zu können.
Auf das Stimm- und Wahlrecht mussten die Schweizer Frauen noch 43 Jahre warten. Die erste SAFFA im Berner Viererfeld war ihrer Zeit (“Schneckentempo”) weit voraus, aber sofort von einem unmittelbaren Erfolg gekrönt. 800000 Besuche wurden registriert – ein Viertel der erwachsenen Schweizer Bevölkerung von damals. Das war ein untrügerisches Zeichen des Aufbruchs!
Rosa Neuenschwander, die Frau an der Spitze der SAFFA, war heute eine der markanten Personen in der Führung zu Berner Pionierinnen im 20. Jahrhundert. Das Berner Historischen Museum ehrt damit Frauen, die mit ihrer Leistung Vorbildliches geleistet haben. Die verleihen quasi einen Nobelpreis für Berner Prionierleistungen!

Generationen von Prionierinnen
Eine systematischen Frauengeschichte für den Kanton Bern ist mir nicht bekannt. Doch kann man erwarten, dass generelle Tendenzen der Wirtschafts-, Gesellschafts- und Politikgeschichte, wie sie etwa Jakob Tanner jüngst vorgelegt hat, auch hier Gültigkeit haben. Das lange 20. Jahrhundert, das etwa 1880 begann und bis in die Gegenwart reicht, unterteilt er in “Prosperität” (bis 1925), “offene Volkswirtschaft und bedrohter Staat” (bis 1965) und “widerwillige Bewegung” (bis heute mit Bankenpolitik, Aufarbeitung von Opfer von Zwangsmassnahmen und Politik gegen Masseneinwanderung).
Der Rundgang durch die Ausstellung machte mit wenigen Stationen klar, wie sich auf dieser Folie Generationen von Pionierinnen ablösten: die frühen Kämpferinnen für die Sache der Frauen und der Benachteiligten bis zur Weltwirtschaftskries (vor allem Helene von Mülinen, wohl bis Gertrud Kurz), die Künstlerinnen der goldenen Nachkriegszeit (von Lisa Della Casa, über Lilo Pulver zu Ursula Andres, vielleicht auch Elisabeth Müller als früher und nachhaltig wirksamen Vertreterin) und die Frauen der Gegenwart, welche Gesellschaftspolitik angesichts ihrer Defizite, welche die 70er Jahre offen legten, neu definierten (von Mariella Mehr bis Ruth Dreifuss). Auffällig ist, wie WirtschaftspionierInnen auch bei Frauen weitgehend fehlen (abgesehen von Thomas und Claire-Lise Vatter mit dem ersten Bio-Supermarkt 1992).
Im Einzelfall fragte man sich, warum erwartete Persönlichkeiten fehlten – so Anna Tumarkin, die Philosophin an der Uni Bern, die als erste Frau Europas Professorin mit vollen Prüfungsrechten wurde, so auch Leni Robert, die als erste Frau den Durchbruch in die Berner Kantonsregierung schaffte. Persönlich hätte ich auch Gertrud Walker, die herausragende Biochemikerin und Friedensfrau erwartet, genauso wie Anne-Marie Rey, die Kämpferin für Abtreibung und „Mutter“ des heutigen Rechts auf Schwangerschaftsabbruch als Berner Persönlichkeit mit sozialliberaler Weitsicht in einem konservativen Umfeld.

Mehr Geschichte, weniger Chronik erwünscht
Die Führung durch Isabell Brunner war zwar sehr informativ; es fehlte ihr aber der erzählerische Schwung. Bei allem Faktischen, das in der Ausstellung steckt, sollte man nie vergessen, dass Geschichte letztlich Narration ist. Grosse, wie sie Historiker entwickeln sollen, aber auch kleine, wie sie jeder aus seiner Lebenswelt kennt. Ich bin sicher, viele der vorwiegend weiblichen TeilnehmerInnen am Rundgang hätten aus ihren eigenen Erfahrungen mit der Zeit, den Ereignissen und Person viel Interessantes beitragen können.
Mir jedenfalls erging es spätestens ab den Stationen zu den 80er Jahren so, dass ich mir meines Lebens in Bern schrittweise (wieder) bewusst(er) wurde. Eigentlich bekam ich sogar Lust, selber eine Führung zu planen, denn man merkt beim Streifzug durch die Geschichte schnell, was man noch weiss, woran man sich vage erinnert, was man vom Hören-Sagen kennt, was man spürt, dass es einmal da gewesen sein muss … und wovon man noch gar keine Ahnung hatte.Den Chronisten und Historikerinnen seis gedankt.
Denn genau das ist der Vorteil der Zeitgeschichte, die immer noch ist, obwohl sie nicht mehr ist!

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Jegenstorf, Schlosspark. Lauer Samstagabend. Die örtlichen Schlossparkspiele führen das Stück “Der General” vor. Eine gelungene Veranstaltung, wie ich meine.

0_86872400_1467652573 Bild:Schlossspiele Jegenstorf 2016

Ehrlich gesagt, als ich eingeladen wurde, zögerte ich innerlich einen kleinen Moment. Nicht des Schlosses wegen. Ich mag es sehr, habe schon Strategieretraiten in seinen Sälen durchgeführt. Den Zweiten Weltkrieg in der Schweiz aufleben zu lassen, war mit allerdings ein wenig suspekt. Vielleicht wegen der Biografie von Henri Guisan, verfasst von Markus Somm. Zu gerne hätte ich mit ihm über Geschichtsschreibung, Kritik und Verklärung gestritten. Und das im Schloss Jegenstorf. Der Historiker, Verleger und Journalist in Basel sagte leider ab. Seine Ortskenntnisse seien ungenügend.
Als uns ein wunderbarer Sommerabend nach Jegenstorf lud, waren meine Bedenken sowieso verflogen. Die Sonne erwärmte den lauschigen Park, das Abendlicht spielte mit dem mächtigen Schlossturm. Und ein Lüftchen um die Ohren sorgte für angenehme Atmosphäre. So richtig in Stimmung brachte uns die die Küche. Zwar erinnerte sie mich ein wenig an die Rekrutenschule in Murten. Suppe. Käseschnitte. Burehamme. Zu meiner Freude schmeckte alles jedoch viel besser, als es in meiner Erinnerung geblieben war.
“Der General” hätte nirgends besser aufgeführt werden können. 1944 bezog Henri Guisan, Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, das Schloss, um seinen neuen Kommandoposten hier zu errichten. Das war eine Ansage. 1941 hatte er seinen Plan für das Reduit verkündet und Interlaken zu seinem Standort gemacht. Die Diskussionen fielen alles andere als einhellig aus, denn im Kriegsfall hätte man das bevölkerungsreiche Mittelland aufgegeben und die alleine die Alpen verteidigt. Mit der Wahl von Jegenstorf als neuem Sitz des Generalstabs signalisierte der General, von einer möglichen militärischen Herrschaft über das Gebiet zwischen Alpen und Jura auszugehen. Das alleine war schon eine halbe Friedenbotschaft.
Das Stück selber kreist um den realen Absturz eines US-Bombers in Jegenstorf. Die Geschichte darum herum ist aber ausgeschmückt. So wurde der Pilot beim Bauern in Schlossnähe interniert, ist aber flüchtig. Im Hauptquartier sorgt das für mächtige Unruhe – nicht zuletzt, weil der Oberbefehlshaber im Jura an der Grenze weilt, an der eine Bombe nieder gegangen sei und das Schicksal des Generals im Ungewissen liegt. Im Schloss hat es unter der Leitung des Generalstabschefs allerei Gäste: Zuerst die Gruppe Schwertfeger mit 5 FHD-Frauen, die den General unterstützen soll. Dann den Zürcher Oberkorpskommandant Brülhart, der konstant gegen die Romands an der Armeespitze lästert. Schliesslich ein paar Soldaten, die in ihrer Tollpatschigkeit stark an den legendären HD Läppli erinnern. Nicht übersehen sei, dass auch der Frauenchor von Jegenstorf unter der chächen Kreuz-Wirtin im Schlossgarten probt, denn der 70. Geburtstag des Generals steht an.
Das ganze ist gutes Theater: Der flüchtige Pilot erweist sich bald als Liebhaber der jungen Bauersfrau von nebenan, der schnellstmöglich nach Frankreich zu seiner Truppe zurück möchte. Die FHDlerinnen verkleiden ihn in einen Zivilisten, doch aus Versehen nimmt er die Aktentasche von Oberstkorpskommandant Brülhart mit. In der sind geheime Unterlagen für die gewünschte Truppenaufstellung im Osten, die im Hauptquartier von Major Pfander heimlich fotografiert worden waren. Das wiederum weiss der General, der im dritten Bild überraschend nach ins Hauptquartier zurückkommt, um den Spionageverdacht zu regeln. Der Rest ergibt sich: Bösewicht Brülhart wird zuerst des Landesverrats verdächtigt, vom General aber gestützt. Dem Piloten vergibt der oberste Militär – alles sei eine harmlose “une historie d’amour”. So fällt der Verdacht zurecht auf Major, erst seit kurzem in Jegenstorf. In Handschellen wird er abgeführt, sodass die Szenerie für den singende Frauenchor und die belebte Geburtstagsparty frei wird.
Das Stück von Daniel Ludwig, aufgeführt von Reto Lang, hat Fluss, Schalk und Charme. Die zweistündige Spielzeit ist im Nu vorbei. Die gebotene Spielleistung überzeugt, diverse Anspielungen auf die Gegenwart nehmen dem historischen Stoff seine mögliche Schwere. So hauen die FHDlerinnen kräftig auf den Putz, als die Männergesellschaft frauenfeindlich lästert, und sie sind in der Flugzeugerkennung besser als alle andern im Hauptquartier. Klar doch, die ambitioniertes unter ihnen will Flugzeugmechanikerin werden, ja Pilotin. Am Ende wollen sie noch das Stimmrecht lästert die Männerrunde, aber auch der Frauenchor mag sich ob den Mannsfrauen nicht erwärmen. 70 Jahre nach dem Geschehen mag man ob dieser Prophetie nur schmunzeln.
Ein Gefühl von reenactment – inszenierter Geschichte – kommt vor allem mit dem Soundeffekt auf, der überfliegende Kampfbomber so echt simuliert, dass man sich sitzend unweigerlich umdrehen möchte, um nach dem Geschehen hinter einem zu schauen. Dennoch, um Geschichte als gesicherte und gedeutete Vergangenheit, geht es in diesem Theater nicht. Dafür hätte man sich kritischer mit dem Stoff auseinander setzen müssen. Das ist auch diesmal nicht geschehen, kann man Somm nachsagen. An einem Sommerabend wie diesem wäre es kaum gut aufgenommen worden. Denn man dürstete nach guter Unterhalten und frischem Getränk. Beides bekommt reichlich geboten. (M)eine Empfehlung!

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Karl&Co.

Juli 7, 2016 | Leave a Comment

Nein, es geht es nicht um Karl den Grossen und seine Enkel. Vielmehr dreht sich diese Geschichte um Kaiser Karl IV. und seine Dynastie. Denn Karl&Co in der Berner Altstadt ist ihm direkt gewidmet.

Die Stadt Bern ist älter als die Eidgenossenschaft. Zu Zeiten der Stadtgründung, 1191 also, gehörte das ganze Gebiet der heutigen Schweiz zum Kaiserreich, für das in der damaligen Zeit der Titel “HRR”, “Heiliges Römisches Reich”, aufkam. Gebaut wurde Bern auf imperialem Boden, weshalb die Stadt nach dem Tod des letzten Zähringers Königsstadt wurde. Des Königs Stellvertreter war der Schultheiss, was sich von Schuldheischer oder Steuereintreiber ableitete. Denn als Königsstadt zahlte man ausschliesslich der Krone Steuern, keinem Adeligen aus der Umgebung. Spätestens 1298 verhielt sich Bern als Reichsstadt, das heisst als Teil des Reichs, ohne dem jeweiligen König speziell zu huldigen. Hintergrund dieser Auslegung war die Rivalität der führenden Adelhäuser im Reich. Könige aus der Dynastie der “Luxemburger” waren der Stadt traditionell gut gesinnt, was man von Vertretern der Habsburgern und Wittelsbacher weniger sagen konnte.
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Der erste “Luxemburger” (genau “Luxemburg-Böhmen”), der Bern förderte, war König Heinrich VII. Er verpfändete 1310 der Stadt und nicht den Kyburgern Laupen, sodass Bern hier bald schon den ersten Landvogt einsetzen konnte. Der letzte Förderer in dieser Reihe war Sigismund, König von Ungarn. Er weilt 1414 in Bern, wo er das neu erbaute Rathaus einweihte und die Stadt in den Reichsstand erhob.
Dazwischen war Karl IV. Der Enkel von Heinrich und Vater von Sigismund begann seinen Aufstieg unter widrigen Umständen. Denn 1346 wurde er bloss zum Gegenkönig gekrönt, musste sich also erst gegen andere durchsetzen. Sein Gegenspieler war König Ludwig der Baier, der in Laupen mit den Freiburgern und gegen die Berner gekämpft und verloren hatte – mitunter auch wegen der Allianz der Berner mit den Innerschweizern.
Mit Karl, der von Prag aus regierte, sollte sich das Blatt definitiv wenden. Sein Durchbruch kam mit der Goldenen Bulle von 1356. Mit dieser ordnete er das Reichsrecht nach dem Durcheinander durch die grosse Pest neu. Dabei kaum seine vorläufige Skepsis gegen Eidgenossenschaften mit Reichstädten mit gewöhnlichen Städten und Ländern noch zum Ausdruck
Seine neue Bern-Politik setze 1360 ein. Nur fünf Jahre später weilte der Kaiser gar in Bern. Er bahnte sich einen Weg von Prag nach Avignon, dem damaligen Papstsitz. Sein Berner Zuhause war das Hotel Adler. Mit dem wichtigste Dokument aus dieser Zeit privilegierte er die Stadt Bern. Von nun an sollte sie Reichslehen erwerben können. Damit wurde die Stadt dem Landadel gleichgestellt, denn normalerweise wäre das nur den Grafen von Kyburg oder von Savoyen in unserer Gegend zugestanden. Hinzu kam das Recht, in der Stadt ein Kaufhaus zu führen, was dem Handel in Bern einen Aufschwung verschaffte. Voraussetzung hierfür war allerdings, dass die Familie von Bubenberg, nach der Grossen Pest ins Könizer Exil verbannt, wieder zurück kommen und das Amt des Schultheissen erneut übernehmen durfte. Dies geschah zum internen Preis, dass die Matte, ein Dorf ausserhalb der Stadt, von den Bubenbergs an die Stadt überging.

Betrachtet man die Privilegien Karls für Bern, sind sie ein gewichtiger Meilenstein im Aufstieg der Stadt vom der Königs- und Reichsstadt hin zum vollwertigen Reichsstand. Ein zentraler Grund hierfür war, dass Bern ein weitreichendes Territorium rund um die Stadt zu beherrschen begann. Das prägt Städte wie Bern, Luzern und Zürich bis heute. Denn im Mittelalter war es unüblich, das Städte grosse Landbesitzer waren. Schaffhausen weiss das bestens. Letztlich ist das ein Phänomen des Schweizer Mittellandes – als Folge der Krise, die den Landadel im 14. Jahrhundert erfasst hatte. Im Osten drängte Bern so den kyburgischen Einfluss zurück, im Westen wurde man Erbin des zerfallenden burgundischen Königreichs.
Nagelprobe der bernischen Expansionspolitik war der sogenannte Burgdorfer-Krieg von 1382 bis 1384. Er reihte sich in die grossen Auseinandersetzungen zwischen aufstrebenden Städten niedergehendem Adel ein. Auf der anderen Seite des Rheins setzte sich dabei der Adel gegen die Städte durch. Auf unserer Seite war es umgekehrt. Denn Zürich gewann gegen Habsburg und übernahm Zug und Glarus.
Während dem “Burgdorfer” belagerte Bern die Kyburgerstädte Burgdorf und Thun. Das war die Rache dafür, dass die Kyburger das befreundete Solothurn angegriffen hatten. Erstmals setzten die Berner dabei Kanonen ein, eine willkommene Verstärkung der bisherigen Wurfmaschinen. Ein grosser Erfolg war dem Angriff auf die Nachbarstädte allerdings nicht beschieden. Denn beide Attacken endeten militärisch im Patt. Schliesslich musste die Bern die beiden Städte gegen viel Bares kaufen. Die Kyburger kam so zu ersehnten Geld und Bern zu wichtigen Märkten in Ober- und ist Mittelland. Bern legte damit nicht nur den Grundstein zur Herrschaftsstruktur, aus der zuerst die Republik, dann der Kanton hervorgehen sollte. Die Stadt schuf so auch eine wichtige Voraussetzung, um vorherrschende Macht im Aaretal zu werden. 1415, bei der Eroberung des Aargaus, sollte sich der Burgdorfer ausbezahlen. Das versetzte im übrigen den Kyburgern den definitiven Schlag. Denn nur kurze Zeit später verschwanden sie in der Bedeutungslosigkeit. Karl hat die Voraussetzung für das alles geschaffen. Letztlich begründete er trotz Bedenken den Aufstieg von Städten wie Zürich und Bern, die miteinander verbunden, nebst den Waldstätten den mittelalterlichen Kern der Eidgenossenschaft bilden sollten.
Bis vor kurzer Zeit gab es gar nichts, das in Bern an Karl erinnert hätte. Jetzt ist es Karl&Co. Versehen mit dem Zusatz “1383”, dem Datum des Angriffs auf die Kyburger Städte.

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Jetzt weiss man, wo Kim Jong Un in jungen Jahren im Berner Liebefeld lebte – und leidenschaftlich Basketball spielte.

Ein Artikel in der Washington Post brachte es ins Rollen. Beschrieben wurde, wie der heutige Diktator Nordkoreas Kim Jong Un bei seiner Tante Ko Yong Suk in Bern lebte. Begonnen habe alles vor 2 Dezennien, hiess es da, und gedauert habe es etwas mehr als zwei Jahre. Kim war 12, als er in die Schweiz kam, und 14, als er sie wieder verliess.
Auf Twitter habe ich damals den Artikel verlinkt und bemerkt, wenn ich nur wüsste, wo Kim gewohnt hätte, würde ich ihn auf meinen Standwanderungen gerne mit einbeziehen. Lenin habe ich ja schon, Mussolini kommt bald, sodass sich der Sprung zum nordkoreanischen Leader anbot.
Es vergingen keine 10 Minuten, da hatte ich die erste Reaktion auf meinen Tweet. Es meldete sich ein früherer Nachbar von Kim. Wenn ich wolle, würde er mir zeigen, wo das alles war.
Der Twitter-Kollege war kein geringer als Victor Schmid, einst persönlicher Mitarbeiter von Aussenminister Falvio Cotti und späterer Teilhaber der Kommunikationsagentur bei Hirzel, Neff & Schmid. Mit ihm habe ich mich jüngst getroffen.

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Wo einst die Tante Kims mit seinem Bruder im Berner Liebefeld wohnte

Ortstermin war im Liebefeld, genau genommen an der Kirchstrasse 10. Schmid zeigte mir, wo die Jungs Basketball gespielt hatten. Die Wand steht noch, doch leider hängt der Korb nicht mehr. Gewichen ist er der Werbung für die Berner Münsterkellerei, die heute noch ihr Lager im nahegelegenen Hügel hat. Der Platz steht noch, und man kann sich gut vorstellen, dass man hier den Ball gerne hoch hinaus warf.
Gewusst habe man, dass es Nordkoreaner seien, erzählt mein Gewährsmann. Angenommen habe man, es handle sich um Botschaftsangestellte. Meist seien es ein paar Buben gewesen, die draussen stundenlang gespielt hätten. Der Jüngste sei immer etwas herausgestochen. Nie seien sie unbegleitet draussen gewesen. Stets hätten sie vier erwachsene Männer umgeben. Im Bus seien sie jeweils mit einer gedrungenen Frau unterwegs gewesen.

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Wand gegen die Kim leidenschaftlich Basketball spielte

Die Nachbar sprachen damals viel über die etwas sonderbaren Zeitgenossen. Direkte Kontakte hatten sie aber kaum. Selbst unter Alterskollegen sei das nicht üblich gewesen. Erwachsene hätten die Nordkoreaner wie Luft behandelt, durch die man hindurch geschaut habe. Emotionen hätten sie nie gezeigt.
Bisweilen habe es Klagen wegen des anhaltenden Basketball-Spiels gegeben. Sanktionen seien aber nie ausgesprochen worden. Distanzierter Respekt habe das Verhältnis zu den Leute aus dem fernen Osten geprägt.
Die Schmids hatten damals in der Tiefgarage der Siedlung zwei Parkplätze. Unmittelbar daneben stand ein neuer VW-Bus, ganz in schwarz, mit eingefärbten Scheiben. Der habe den Nordkoreanern gehört, erläutert mit der Kommunikationsprofi. Kim habe man die in der Garage gesehen. Ein Chauffeur holte sie stets vor dem Haus ab. Für die Legende vom protzigen Mercedes, mit dem die Nordkoreaner unterwegs gewesen sei, kenne er keinen einzigen Hinweise. Das hätte auch nicht zu ihrem eher diskreten Auftreten gepasst.

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“Berner Zweig” der Familie von Kim Jong Un

Die Nummer 10 an der Kirchstrasse war das Zentrum der Nordkoreaner, erzählt Schmid, als wir wieder im Freien sind. Er nehme an, dass die jungen Nordkoreaner Kontakte zum Haus Nummer 8 gelebt hätten. Jedenfalls sah man sie da häufig dort aus dem Garten kommen.
Als erstmals bekannt wurde, dass Kim, seit Ende 2011 Nordkoreas Chef, in den 90ern des 20. Jahrhunderts irgendwo in Bern gelebt habe, war man sich in der Familie Schmid schnell einig. Das musste die früherer Nachbar gewesen sein.
Jetzt weiss man mehr!
Der Ort selber hat durchaus einen Bezug zur globalisierten Welt. Vormals stand das Headquarter der Brauerei Hess am Ort. Dann wurde diese abgerissen, und die CS machte sich im Viertel breit. Wo einst das Zentrum des Hess Family Estates stand, ist heute Verwaltungszentrum der Münsterkellerei vor Ort, auch das ein Teil des Hess-Imperiums.
Auf deren Parkplatz spielte einst der Jungdiktator sein berühmt gewordenes Basketball.

Stadtwanderer


Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diese starken Worte der Französischen Revolution stehen über dem Freilufttheater in Murten, das von der Helvetischen Revolution vor gut 200 Jahren erzählt. Mein Bericht nach dem Besuch.

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Bühnenbild oberhalb Murtens, kurz vor der Vorstellung “Helvetische Revolution”.

Gut gefallen hat mir zum Beispiel das Bühnenbild. Es ist schlicht gehalten. Ohne umgebaut zu werden, taugte es für die verschiedenartigsten Szenen. Weniger überzeugend war jedenfalls bei meinem Besuch der Einstieg ins Stück. Wegen des drohenden Regens (?) schien die Spiellust zu fehlen. Und auch der Schluss mit dem Ausblick der Hauptdarsteller auf den Murtensee wirkte für ein Revolutionsstück reichlich unpolitisch.

Was ich dazwischen sah, war jedoch echt toll!

Gezeigt wurden das ausgehende Ancien Regime und die Jahre der Revolution. Bestrichen wurden die Jahre zwischen 1768 und 1803. Protagonisten der damaligen Zeit im Theater sind beispielsweise die liberale NZZ, deren Redaktor von Daphné, einer revolutionär gesinnten Journalistin, bedrängt wird, Heinrich Pestalozzi, dessen Frau Anna unter seinen praktischen Misserfolgen leidet, aber auch der Berner Schultheiss Niklaus von Steiger, der sich im Berner Rat nur knapp halten kann, denn Säckelmeister von Frisching paktiert offen mit den Franzosenfreunden.

Das dramatische Ende des Ancien Régimes fand in der Schlacht am Grauholz seinen effektiven und theatralischen Höhepunkt kurz vor der Pause. Die war präzise dann, als es regnete. Wer glaubte, danach sei es vorbei mit dem wilden Krieg, sah sich jäh getäuscht. Denn die zweite Spielzeit beginnt mit dem Massaker der Franzosen an den aufständischen Nidwaldnern, welches die neue Helvetische Regierung in arge Verlegenheit bringt. Schliesslich ist es Pestalozzi, der in Stans ein Waisenheim aufbauen soll, um die akute Not zu lindern. Gefördert wird er von Philipp A. Stapfer, dem Bildungsminister der neuen Republik, der wissen will, was die viel gelobten Erziehungsmethoden des Pädagogen taugen. Doch auch dieses Duo verkracht sich. Denn Peter Ochs, der starke Mann in der Helvetischen Regierung, verlangt Berichte über Erfolge, welche die Geldzahlungen rechtfertigen sollen. Das wiederum interessiert den Waisenvater nicht im geringsten, bis er schliesslich abgesetzt wird.

Ueberhaupt hat man den Eindruck, die Helvetische Revolution misslinge Stück für Stück, denn die Volksabstimmung über die neue Verfassung ist manipuliert, die Presseberichte der jungen Journalistin werden zensuriert, und schliesslich zerbricht auch das Verhältnis von Pestalozzi zu seiner Frau. Am Ende der Vorstellung fragt man sich ernsthaft, ob da Revolutionäres geschaffen wurde!

Vielleicht ist es genau das, was ich an der nacherzählten Helvetischen Revolution in Murten vermisst habe. So kläglich die Revolution von 1798 bis 1083 in ihren Teilschritten scheiterte, so grossartig wirkte sie auf die Befreiung von der Tradition der alten Eidgenossenschaft aus. Ohne sie hätte die Zukunft anders ausgesehen. Typisch für die Schweiz ist, dass nicht alles in fünf Jahren auf den Kopf gestellt wurde. Schrittweise entsteht der Bundesstaat von 1848, der in seinem Grundfesten noch Gültigkeit hat. Ebenso entwickelt sich nach 1830 das Gerüst des Parteiensystems mit den liberalen Kräften im Zentrum, den konservativen und sozialen Stimmen an den Flügeln. Zudem gilt 1815 als Moment in der Schweizer Geschichte, an dem sich völkerrechtliche Anerkennung durch Schweizerischen Eidgenossenschaft unwiderruflich durchsetzte. Das alles wäre nicht möglich gewesen, wären die alten Schichten mit ihrem Geflecht an Beziehungen der Ungleicheit 1798 nicht gestürzt worden, hätte nicht der Geist der Französischen Revolution mit der Gleichheit der Kantone, der Sprachen und der Konfessionen jene Grundlage geschaffen, auf der ein modernen Staat überhaupt erst entstehen konnte.

So ist die Helvetische Revolution mehr als nur französische Besatzungszeit, die viel Elend ins Land brachte. Sie ist auch der Anfang des Bildungsbürgertums, das Hoch-, Gewerbe- und Volksschulen gründen wird, wohlwissend dass Demokratie ohne Bildung nicht funktioniert. Es ist auch der Startschuss der Unternehmer, die ihren Erfindungsreichtum einsetzen, um die wirtschaftliche Entwicklung zu verbessern, weil allen klar ist, dass sie die wichtigste materielle Basis einer jeden modernen Staatsform darstellt. Und es ist der Beginn der Politiker und Medien, die sich an das heran tasten, was man heute öffentliche Meinung nennt, deren Vorteil es ist, den Informationsfluss an den Patrizierhöfen, in den Zunftshäusern und auf den Landgemeinden zum freien Medium des raisonierenden Geistes über das Gute gemacht zu haben.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind die Grundsätze, welche nicht nur die Französische, vielmehr auch die Helvetische Revolution vorangetrieben haben. Gerne hätte man im Theaterstück mehr hierzu erfahren. Denn das ist es, was bis heute von den kriegerischen Tagen bleibt, die nach den Umwälzungen der Reformation und vor den Umstürzten der Klassenkampfes die wichtigste Phase der Schweizer Geschichte sind.

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