Feb
5
das konzert als lebensform
Februar 5, 2010 | Leave a Comment
es war in den 70er jahren, als ich sie zum ersten mal an einem konzert sah. gestern kam es zum vorläufig letzten zusammentreffen mit den “Dubliners” im berner kursaal.
foto: stadtwanderer
unweigerlich kamen erinnerungen an meine jugendzeit auf. der subkulturelle protest gegen die bürgerliche lebensweise, die suche nach den unverfälschten wurzeln unserer zivilisation und der genuss der zeit ohne geld, aber mit vielen ideen wurden wach.
keltische musik bot in den 70er jahren hierfür viel raum. irish folk war hoch im kurs. “clannad”, “the chieftaines” und die legendären “dubliners” zählten zu den favoriten, denen man stundenlang auf dem plattenteller zuhörte. nach irland gings auch in den ferien, und in dublin besuchte man das guiness-pub, in dem die legendäre gruppe bei saufgelagen und seemannsliedern 1962 entstand.
barney mckenna ist der einzige, der von den vier gründungsmitgliedern noch lebt. seit 47jahren steht er ununterbrochen auf der bühne. genauer gesagt sitzt der heute 70jährige zwischenzeitlich mehr. doch wehe, wenn er ein banjo zwischen die finger bekommt. dann legt er unweigerlich los, spielt solo und zieht – wie gestern abend die vielleicht 1000 zuschauerInnen – samt und sondern in seinen bann.
mit den vier neubesetzungen haben sich die dubliners verändert. aus wuschelköpfen sind graumeliertes haare mit bart geworden. der stil ist weniger rau, weniger hart und weniger spontan. dafür sind die songs sinnlicher, verspielter und melodiöser geworden. wohl sind auch die umstände anders: der nordirlandkonkflikt lenkte ende der 60er jahre die aufmerksamkeit auf die entfernte insel, und die sympathien lagen dankt tagi-korrespondent samuel plattner eindeutig bei den iren. denn in ihrem keltentum vermutete man einen teil der vermissten anfänge von kultur, die durch herrschaft nicht überformt war. wenn nur die briten nicht gewesen wären.
gestern abend feierte ein bunt gemischtes publikum, das jung und alt, stadt und land verband, mit stehender ovation die gäste aus der irischen hauptstadt. die politische botschaft ist von der bühne gewichen, geblieben ist die faszination ihrer musik. denn die dubliners haben das konzert zur eigentlichen lebensform entwickelt – und werden wohl auch dann noch um die halbe welt ziehen, wenn barney mckenna einmal kein banjo mehr spielen und kein “whiskey in the jar” mehr singen kann.
stadtwanderer
Feb
3
das politikzentrum mehr schärfen.
Februar 3, 2010 | 1 Comment
“Die Hauptstadtregion Schweiz” will durch themen- und projektbezogene Zusammenarbeit die Interessen von Kantonen und Städten im Zusammenarbeitsraum rund um die Schweizer Hauptstadt bündeln.” das steht im schlussbericht von ad!vocate und und ecoplan zuhanden der behördendelegation, bestehend aus stadt und kanton bern.

ziel des berichtes zur hauptstadtregion schweiz ist es, die position als region auf der ebene von metropolitan- regionen zu stärken und dabei die spezifischen stärken des raumes einzubringen, um die drei metropolitanregionen zu verbinden.
der bericht selber, eben veröffentlicht, ist breit angelegt, sachbezogen erarbeitet und gibt eine gründliche übersicht über das bestehende. er listet auch auf, was zu tun ist.
unübersehbar ist aber, dass er grosse hoffnungen eher dämpft: in der schlussempfehlung steht: “Es ist wichtig, dass sich das Projekt als schlankes Netzwerk versteht und sich auf jene Aktivitäten beschränkt, die den beteiligten Partnern wirklich einen Mehrwert bringen.”
auch wenn das für ein amtliches papier richtig ist, füge ich bei, dass es wenig visionär wirkt: das eigentliche ziel der zusammenarbeit muss sein, bern als politikzentrum zu stärken. denn genau das ist es, was der schweiz gegenwärtig gründlich fehlt und was die metroregionen zürich, genf-lausanne und basel mit ihrer wirtschaftlichen oder kulturellen ausrichtung nicht besitzen.
hierzu würde man von der behördendelegation gerne noch mehr beispielhaftes erfahren. bern als politikzentrum schärfen ist der einzige wirkliche vorteil, den stadt und kanton als neu gestalteter raum mit anderen einbringen können. und licht in den nebel der politik zu bringen, ist das gebot der stunde!
stadtwanderer
Feb
2
das esch musig!
Februar 2, 2010 | Leave a Comment
bern am ende des 15. jahrhundert: das ist eine lebensfrohe stadt mit stolz über sieg im kampf gegen den herzog von burgund. das ist eine marktstadt für das lokale gewerbe wie für den fernhandel aus frankreich und italien. und das ist eine stadt der musik, der gaukler und der pfeifer. in der kirche ertönt die orgel, die chöre erfüllen ihren raum mit gesang, und in den bürgerhäusern horcht man den tönen der instrumente, welche die renaissance verkörpern.

doch in der stadt, die überschwängliche lebte, mehrten sich nach einer generation des überflusses die zeichen der umkehr: die reformation erfasste 1528 die politik und die kirche. die klöster wurden geschlossen, der staat wurde neu geordnet. das leben auf der strasse folgte strengen regeln, fast so wie im hochmittelalter. die künstler verschwanden mit samt ihren werken. singen, tanzen und musizieren wurden bis auf weiteres verboten. sitte und zucht waren wieder angesagt!
doch so ist die geschichte: sie bewahrt die erinnerung an das vergangene im stadtbild, in bibliotheken und in archivschachteln. die musik aus dem spätmittelalter ist zwar verstummt, aber sie ging nicht verloren. sie verbirgt sich immer noch in berns gassen, sie bleibt festgehalten in zahllosen notenbüchern, und sie inspiriert unentwegt die zeitgenössischen mediävistInnen.
zum beispiel in der könizer kirche, dem sakralster, herrschaftlichsten und geheimnisvollsten ort unserer gegend, wo seit diesen tagen eine ausstellung zu spätmittelalterlichen melodien gezeigt wird und ab nächsten sonntag eine serie von vorträgen zum thema mit musikalischen und kulinarischen genüssen.
stadtwanderer
Jan
31
bär beisst löwe
Januar 31, 2010 | 2 Comments
hund beisst katze ist eine schlechte geschichte. besser ist es, wenn die katze den hund kneift.
die heutige sonntagspresse vermeldet, dass der berner wirtschaftsförderung ein überraschungscoup gelingen könnte. die berner regierung will sich für den swiss innovation park bewerben. wie andreas rickenbacher, berner volkswirtschaftsdirektor vermeldete, ist biel/bienne als standort vorgesehen.
auf einer grossen, ungenutzten fläche soll der campus der fachhochschule entstehen, der gleichzeitig kern der forschungsparks werden soll. gehofft wird darauf, dass auch die swatch group ihre forschung in biel/bienne konzentriert.
das nachsehen hätte dübendorf. der militärflugplatz war ursprünglich hierfür vorgesehen. doch zeigt der kanton zürich bisher wenig interesse an der realisierung. und so will nun biel/bienne in die lücke springen.
der zürich fdp-nationalrat ruedi noser lobt: «Bern ist einmal mehr schneller als sein Ruf und überrascht positiv», lässt er sich zitieren. da freut sich der berner bär für das schnippchen, dass er dem zürcher löwens schlagen könnte.
stadtwanderer
Jan
29
paradoxe intervention
Januar 29, 2010 | 3 Comments
eins ist schon länger klar: der entscheidende part in einer fusionsbewegung in der agglomeration bern kommt der stadt köniz zu. jetzt wird köniz ausgerechnet durch bern angestachelt, aktiv zu werden.
köniz kann in sachen fusionen zuwarten und damit bremsen. die stadt risikiert aber, das bern aktiv wird, und die zweite stadt in der agglomeration aussen vor lässt.
köniz kann umgekehrt ausschliesslich mit bern verhandeln, damit das zentrum verstärken, und so den druck auf die aussengemeinden erhöhen.
und köniz kann die grossen nachbargemeinden berns auf ihre seite ziehen, um mit mehr gewicht bern gegenüber auftreten zu können.
letzteres ist für köniz am attraktivsten. 40000 einwohnerInnen bringt man selber ein. fast ebenso viele haben die grossen agglomerationsgemeinden zusammen. das gibt eine tolle verhandlungsmacht gegenüber der hauptstadt mit 130000 einwohnerInnen.
die idee, die köniz auch schon herumgeisterte, nimmt nun ausgerechnet stadtpräsident alexander tschäppät ein. mit einer paradoxen intervention schlägt er vor, köniz, ittigen, ostermundigen und muri sollten zuerst untereinander fusionieren, damit die kernstadt mit der neuen agglostadt kooperieren könnte. das würde in der zusammenarbeit vieles vereinfachen. und im fall einer grossfusion zwischen beiden städten entstünde im zweiten schritt eine neue stadt grossbern mit mehr 200000 einwohnerInnen. diese wäre dann die nummer 2 unter den schweizer städten.
eine gute idee, die da im erlacherhof geboren wurde? – reaktionen sind gefragt, denn jetzt wird’s eins konkreter als bisher!
stadtwanderer
Jan
26
der stadtnomade
Januar 26, 2010 | 7 Comments
1921 kam robert walser 43jährig nach bern. an 15 verschiedenen adressen der bundesstadt sollte er in den folgenden 5 jahren wohnen. das murifeld gehörte ebenso dazu wie die elfenau oder die thunstrasse. ja selbst an der gerechtigkeits-, kram- und junkerngasse hauste der in biel geborene schriftsteller vorübergehend. weil er nie nirgends sitzleder hatte, nannte man ihn auch den stadtnomaden.
robert walser, schweizer schriftsteller, in bern lebend, bevor er in die waldau eingeliefert werden musste
gelebt hatte der junge walser in vielen städten. gelernt hatte er das kaufmännische gewerbe. gereizt hätte es ihn, schauspieler zu werden. bei der probe durchgefallen, sattelte er um und begann zu schreiben. büroangestellte waren sein thema, die er der damaligen zeit folgend “commis” oder auch “gehülfe” nannte und die er als soziologische kategorie in die deutschsprachige literatur einführte.
in bern hatte walser in der person von joseph victor widmann, dem grossen literaturkritiker bei der zeitung “Der Bund”, eine gewichtige stütze, die sich wähnte, den wenig bekannten schriftsteller entdeckt und unter die grossen der deutschen literatur der zwischenkriegszeit eingeführt zu haben.
doch walser konnte davon nicht leben. sein versuch, im berner staatsarchiv ein geregeltes einkommen zu erzielen, scheiterte schnell. dazu schrieb er:
“Mein Bureauchef war neulich riesig artig zu mir, er sagte mir, ich könne nichts. Durft’ ich mir solches gefallen lassen? ‘Ei was’ erweiderte ich, ‘ich kann allerlei, ich kann zum Beispiel abdanken.’
und so war walser wieder auf der gasse, suchte nach dem romanfaden für “Die Räuber”, und verfasste daneben das, was man von ihm heute noch kennt: 1600 texte von literarischem gehalt. alles aus dem werk walsers ist das bei weitem nicht, denn vieles ging verloren, blieb in den anfängen liegen oder erschien irgendwo in einer zeitung, ohne dass jemand noch den überblick hatte.
robert walsers leben und wirken in bern beschreibt nun werner morlang in einem kleinen buch, das jüngst im zytglogge verlag erschienen ist. darin macht sich der ehemalige leiter des robert-walser-archivs auf die spuren des stadtnomaden. fotografien aus der berner zeit des schriftstellers hat er gesammelt, kontroverse zeugnisse über den eigenwilligen menschen hat er niederschreiben lassen, und ein einfühlsames tableau aus dem leben des dichters hat er selber verfasst.
wer das alles liesst, merkt, wie walser ende der 20er jahre litt. die wirtschaftskrise machte ihm zu schaffen, der zeitgeist änderte sich rasch und inspirierte den schriftsteller immer weniger. die strengen konturen der stadt, die walser anfänglich halt geboten hatten, lösten sich auf, der soziale kitt, den er mit kumpanen in den beizen hatte, verflüchtigt sich. und seine psyche erkrankte
von halluzinationen schwer geplagt, von angstzuständen mächtig getrieben, bricht er 1929 erschöpft in sich zusammen.
seine schwester rät ihm, in die waldau, die heilanstalt für nervenkranke, einzutreten. er folgt dem rat, und findet ein neues zuhause. kleinstgeschriebene texte, mikrogramme bezeichnet, verfasste er noch, bis er, 1933 nach herisau übersiedelt wird, wo er aufhörte zu schreiben.
nur noch wanderungen unternahm er am fusse des säntis, bis er 1956 auf einer seinem geliebten, unendlich langen spaziergänge starb.
stadtwanderer
Jan
16
obwohl gerüchte faszinieren, ist es besser, sie zu ignorieren
Januar 16, 2010 | 14 Comments
das plakat enthält leerstellen, die zu einer mehr oder weniger losen kommunikationskette verknüpft werden. was dabei herauskommt ist, das gerücht, das uns immer wieder von neuem fasziniert, das wir aber besser ignorieren sollten.
plakat zur ausstellung: wie ein gerücht entsteht, wovon es lebt, und warum es nichts taugt (foto: stadtwanderer)
eigentlich ist es ein museum. eines für kommunikation. unweigerlich verbinden wir damit eine gesamtschau grosser leistungen. des redens, hörens, schreibens, malens und sehens. die ausstellung “schon gewusst?” des berner museums für kommunikation geht aber nicht dem, sondern mit der fama den niederungen des alltagsgesprächs, den zeitungsenten und den filmsuggestionen nach.
wo menschen miteinander kommunizieren, taucht früher oder später das gerücht auf, heisst es in der ausschreibung zur ausstellung. das ist am familienfest genauso der fall wie im sportklub, im treppenhaus, am stammtisch, auf dem marktplatz, im büro, auf dem pausenhof, im coiffeursalon, am börsenring oder im parlamentssaal.
das gerücht ist weder richtig noch falsch, erfährt man am angang zur ausstellung. hauptsache ist, dass es durch seine flüchtige, vergängliche, unberechenbare form nur schwer kontrollierbar ist. denn genau eröffnet den für gerüchte nötigen raum für interpretationen. und das ist es, was das gerücht nicht wahrer macht, aber warm hält.
ein experte für verschwörungstheorien erklärt in der ausstellung via videobotschaft, warum dieser form des gerüchts nicht verschwindet. gott hat die welt geschaffen, behaupten die religionen. weshalb gibt es dann neben dem guten auch das schlechte in der welt, ist eine häufig gestellte frage. der antworten sind zwei: weil es gott nicht gibt, sagen die atheisten. oder weil es jemanden gibt, der den plan gottes durchkreuzen will, sagen die gläubigen. deshalb brauchen religionen die verheissung und den teufel, der zuschlägt, wenn es zu einem attentat auf würdenträger kommt oder wenn der mensch übergöttliche leistungen erbringt. und das ist die geburtsstunde der verschwörungstheorien.
es gibt auch profanere erklärungen von gerüchten: demnach wurzelt der ursprung des gerüchts in uns selber. denn kommunikation besteht immer aus einem sender und einem empfänger. dass dabei missverständnisse fast unvermeidlich sind, ist eine binsenwahreheit. denn die kommunikation kann die menschlichen empfänger überfordern. und die menschlichen sender können bewusst darauf setzen, falsch verstanden zu werden. je mehr sensation in der luft liegt, je mehr betroffen sein können und je prominenter der durch missverständnisse geschädigte ist, desto schneller verbreitet sich das gerücht, in unseren reden, aber auch in unseren medien, lehrt uns zwischenzeitlich die gerüchteforschung.
gerüchte sind denn auch das älteste medium, das die menschen geschaffen haben.
symbolisch für die absicht der gerüchte-präsentation in bern ist, dass das tragende gerüst der ausstellung aus einem gestell mit dünnen balken und viel luft besteht. es zieht sich durch den ganzen museumsraum wie eine wolke, die zuerst konturen zu haben scheint, doch je näher man kommt, aus lauter löchern besteht. nicht inhalte füllen die wolke im ausstellungsraum, über die man so oder so denken könnte und über deren richtigkeit man sich verständigen könnte. nein, es ist das zischen vieler stimmen auf tonbänder die einem beim rundgang begleiten, deren botschaften man über kopfhörer abhören könnte, ohne dazu wirklich motiviert zu sein.
denn wenigstens in der ausstellung weiss man, dass die verdichteten erzählungen nicht mehr als gerüchte sind.
stadtwanderer
Jan
15
die fortgesetzte geschichtsklitterung
Januar 15, 2010 | Leave a Comment
geschichte ist der bericht über vergangenes mit den augen der jeweiligen gegenwart. das vergisst die neueste publikation aus dem bernischen historischen museum, die der gründung der stadt bern gewidmet ist.
humbert mareschet ist den meisten meiner leserInnen wohl kein begrifft. historikerInnen dürften ihn schon kennen. denn der lyoner maler verfasste zwischen 1584 und 1586 im auftrag der stadt gemälde zur gründung der zähringersiedlung, die in der burgerstube des rathauses ausgestellt wurden. in den 1830er jahren wurden sie als zeugen des ancien régimes entfernt, und sind seither im bernischen historischen museum ausgestellt.
regula luginbühl wirz, kovervatorin an eben diesem museum, hat jüngst ein buch zu diesem zyklus herausgegeben. vorgestellt werden die grossen themen der lokal- und weltgeschichte: die stadtgründung, die rütlischwur, das urteil von könig salomon und anderes mehr. die kunsthistorikerin ist ganz in ihrem element, denn die lebensnahen und symbolträchtigen bilder von mareschet geben zu vielen interpretationen anlass.
und dennoch verfehlt das buch die wichtigste aufgabe der geschichte: zu zeigen, dass gewesene geschichte, die später festgehalten wurde, vor allem über die zeit des festhaltens etwas aussagt, weniger über die, aus dem das festgehaltene stammt. denn genau darin besteht eine der fundamentalen täuschungen ausgemalter geschichten.
so bekommen wir mit dieser puiblikation den ganzen bilderbogen zur gründungslegende noch einmal unkritisch kommentiert vorgeführt: der herzog berchtold von zähringen erteilt den auftrag zur gründung einer stadt an der aare. der erlegte bär gibt der stadt den namen. die zimmerleute richten das holz für die bevorstehenden bauarbeiten. der bau der stadt schreitet voran. die goldene handfeste des kaisers wird in einem feierlichen akt übergeben. seit 1218 hat bern dieses verfassung.
rainer schwinges, emeritierter professor für mittelalterliche geschichte an der uni bern, arbeitete jahrelang über genau diesen vorgang und die dokumente, die es dazu gibt. er zerzauste unsere zu bilder gefestigen vorstellungen von der stadtgründung stück für stück. der hauptpunkt seiner minutiösen sezierarbeit betrifft die handfeste.
denn kaiser friedrich ii. war nie in bern. sein sohn hat die stadt zwar geordnet, ihr einen schultheissen gegeben, die venner bestimmt, welche die steuern eintreiben mussten, und heinrich hat auch das stadtwappen mit dem bären eingeführt. von einer handfeste aber keine spur. vielmehr, sagt schwinges, sei diese, nach dem aussterben der staufer als herzöge von schwaben und römische könige 1254 im kloster frienisberg geschrieben und mit einem geklauten siegeln beglaubigt worden, ohne je einmal tinte der kaiserlichen familie gesehen zu haben. eine verunechtung wirklicher elemente, die zu einem fiktiven zeichen zusammengeführt wurden und so eine vorführung falscher tatsachen oder auch eine fälschung sind, nennt der historiker das.
regula luginbühl wirz zitiert professor schwinges im literaturverzeichnis zwar artig. mit seiner analyse setzt sie sich aber schon gar nicht auseinander. vielmehr erzählt sie die geschichte, wie man sie gerne hört, anhand der bilder mareschets ein weiteres mal nach. was quellenkritik meint, die man im proseminar des geschichtsstudiums lehrt, scheint sie ganz vergessen zu haben.
schade, schade, schade, sage ich da. denn die bilder des grossen künstlers im reformierten bern verlieren als zeugen ihrer zeit nicht an wert, auch wenn man sie ihrer geschichtsklitterung entkleidet!
stadtwanderer
Jan
13
viele haben den ball schon getreten. endlich nimmt ihn die uni auf. das magazin der berner hochschule, unipress genannt, widmet ihre nummer zum jahresübergang der politikforschung an der eigenen alma mater.
redaktoinsleiter marcus moser greift die wertschätzung von politik und wirtschaft auf. letztere blüht, wenn es den unternehmen gut geht. dann sind auch metropolen als zentren der ökonomischen wertschöpfung hip. kriselt dagegen die konjunktur, wendet man sich an die öffentlichen hand, hätschelt man den politikerInnen, und fragt man danach, was die verschiedenen metropolen zusammenhält.
an der berner uni bündelt der master of public administration seit einigen jahren die wechseldnen erwartungen an die politik und bildet künftige gestalterInnen in behörden aus. (der stadtwanderer führt sie übrigens meist in einer winternacht durch die gassen berns, und ziegt, wo die politik auf dem glatteis ausrutschte, pirouetten drehte oder souverän eine dreifache schraube stand). brigitte rindlisbacher, promovierte chemikerin, hat diese anspruchsvolle weiterbildung absolviert. sie ist seit knapp einem jahr die erste generalsekretärin des vbs. über ihren zweijährigen kurs sagt sie, grundlagen der modernen verwaltungsführung vermittelt bekommen und ein netz von kontakten zu mitstudierenden in ähnlichen positionen mitgenommen zu haben.
einer der leiter dieses kurses, reto steiner, professor für betriebswirtschaft, zeigt anhand einer erhebung bei 15′000 bürgerInnen mit exekutiverfahrung wie politik an der basis funktioniert. freude an der arbeit und politischer idealismus seien die hauptsächlichen treiber. denn der verdienst bleibt klar zurück. 29 franken in der stunde verdient ein mitglied eines gemeinderates im schnitt. in kleinen gemeinden ist weniger, in städten mehr. das habe mit der professionalisierung der politik zu tun, denn marktgerechte löhne seien wichtig, um gute leute für ein politisches amt gewinnen zu können.
der ethikprofessor wolfgang lienemann äussert sich kritich zum rudelverhalten im management von unternehmen, das jedes risiko des eigenen handlung vergessen lässt. gewinnaussichten lotsen die manager an, und der poker um die macht in der konkurrenz. erst wenn alle stränge durchschnitten seien, stützt man sich wieder auf die gemeinschaft – ohne zu lernen. doch muss sich leistung lohnen, für alle!, fordert er. allen vereinfachern von wirtschaft hält er entgegen: der gewinn basiert auf der wertschöpfung aller. besorgt zu sein, die exzesse in deren verteilung zu verhindern, sieht er als aufgabe der politik.
adrian vatter, professor für schweizer politik an der uni bern, fragt gemeinsam mit seinen mitarbeiterInnen, wie unsere kultur auf die unkontrollierten entwicklungen reagiert. dafür nimmt er sich der anerkennung von konfessionen in der öffentlichkeit an. im internationalen vergleich hält er zurückhaltung im kleinstaate schweiz fest. die römisch-katholische und die evangelisch-reformierte kirche sind, ausser in genf und neuenburg, in allen kantonen als landeskirchen anerkannt. die christkatholiken kennen diesen status in neun, die jüdische gemeinschaft in 6 gliedstaaten. muslime, genauso wie buddhisten, mormonen und zeugen jehovas werden dagegen nirgends privilegiert. denn konfessionen erhalten nur dann die anerkennung durch die mehrheit, wenn sie als genügend integriert gelten. das verlange nach gezielten vorleistungen beispielsweise in der integrationspolitik, denn die direkte demokratie begünstig den status quo, nicht veränderung.
die lektüre der broschüre bei einem heissen tee in kalter zeit fällt leicht und regt an. mehr davon wäre wünschenswert: mehr gute ausgebildete kader und mehr an der aktualität ausgerichtete forschungsprojekte, meine ich. denn so kann sich die uni bern als hauptstadt-universität profilieren. die bälle liegen schon mal bereit. jetzt braucht es noch viele torschützen und toschützinnen!
stadtwanderer
Jan
10
steuern zahlen in der stadt bern und den nachbargemeinden
Januar 10, 2010 | 5 Comments
steuern zahlen ist selten angenehm. und schon gar nicht im kanton bern, wo es steuersätze über dem nationalen mittel gibt. ein mittel dagegen ist die verringerung paralleler ausgaben – durch gemeindezusammenschlüsse.

steuerlich gesehen, lebt es sich in der region in muri bei bern am besten. der steuersatz liegt bei 0,99 einheiten. frauenkappelen kennt dagegen einen koeffizienten von 1,69. damit ist die gemeinde unter berns umittelbaren nachbarn die steuerlastigste.
grosse dynamiken hat das neu gestartete steuerjahr nicht gebracht. im zentrum konnten einzig köniz, ittigen und bremgarten ihren steuerfuss um einen halben zehntel senken. doch hat sich damit die lage der kernstadt in der unmittelbaren agglomeration eher verschlechtert, blieb doch der stadtbernische steuersatz dort, wo er schon länger ist. die 1,54 sind gleich hoch wie in wohlen und neuenegg, aber besser als in ostermundigen und frauenkappelen. alle anderen unmittelbaren nachbarn liegen etwas tiefer. konkret sind das bremgarten, zollikofen, kirchlindach, mühleberg, ittingen und muri.
nimmt man noch die wichtigen gemeinden in der agglomeration hinzu, auch wenn sie keine gemeinsame grenzen haben, verstärkt sich der eindruck, denn auch kehrsatz, stettlen und bolligen sind steuergünstiger als die hauptstadt.
steuersätze in bern und umgebung 2010 (kursiv: gemeinde der agglomeration ohne unmittelbar gemeinsame grenze)
0,99 muri
1,19 ittigen
1,25 mühleberg
1,30 kirchlindach
1,40 zollikofen, bolligen
1,45 bremgarten, kehrsatz, stettlen
1,49 köniz
1,54 bern, wohlen, neuenegg
1,65 ostermundigen
1,69 frauenkappelen
das ganze ist nicht nur ein zahlenspiel. es ist auch harte realität, vor allem mit blick auf gemeindezusammenschlüsse, wie sie von bern neu gründen angestrebt werden. bekanntlich sind diese unter drei bedingungen erschwert: beim mangel an gemeinsamen interessen, bei alten geschichten, welche die zusammenarbeit vor allem der behörden belasten – und bei unterschieden im steuerfuss.
zwar ist das kein rein-bernisches phänomen, denn die steuerfüsse sind hier generell hoch. doch ist eine hürde auf dem weg zu erfolg. der ist letztlich nur über einen umweg zu machen: dass die zusammenarbeit parallele ausgaben verringert und damit die belastungen generell senkt, sodass der künftige steuerfuss tiefer als im bisherigen mittel angesetzt werden kann.
stadtwanderer
Jan
10
köniz auf historischen wegen erwandert
Januar 10, 2010 | 1 Comment
recht hat der röschtigraber: das könizer-buch von peter mosimann (”auf historischen wegen. köniz und umgebung“) ist die lektüre wert.

Peter Mosimann auf einer Exkursion der ViaStoria in der Umgebung von Köniz (Quelle: emeidi)
eigentlich stammt peter mosimann aus burgdorf. beruflich gewirkt hat er aber in köniz. zuerst als lehrer, dann als forscher an der uni in bern, schliesslich als selbständiger buchautor mit köniz im mittelpiunkt. in den letzten sechs jahren hat der pensionierte ortskundler seine umgebung erwandert wie kein anderer. und genau darüber berichtet er in seinem soeben erschienen buch.
karten der gegend, die zwischen 1600 und 1900 gezeichnet wurden, waren mosimanns ausgangsmaterial. so erschloss er sich die welt von köniz, bevor die landgemeinden, die heute dazu zählen, mit der stadt bern zusammen wuchsen. doch dann ging es von der theorie in die praxis. räumlich aufgespürt wurden die 800 wege, die man in köniz annehmen konnte, egal ob sie heute überteert sind oder gras an ihrer stelle wächst.
mosimanns bericht ist ein einmaliges handbuch des weglesens. fein säuberlich listet der buchautor zuerst wegformen auf. dann beschreibt er wegbegleiter. ferner geht es ihm um fahrzeuge, die man heute kaum mehr sieht.
spannend fand ich vor allem das ausführliche kapitel über wegbegleiter: kirchen, burgruinen, gerichtsstätten bilden die grundstrukturen öffentlicher plätze im mittelalter, zwischen denen wege entstehen. tavernen, pinten und bäder säumen diese und dienen seit jeher dem gespräch wie dem geschäft. schmieden, mühlen, käsereien funktionieren nur, wenn es befahrbare wege gibt. genau gleiches gilt für steinbrüche und ziegeleien. und siechenhäuser sowie schulhäuser.
die gerade linie, abgegangene wege zu identifizieren, das tal ebenso, und gute kenntnisse von sümpfen und bergrücken sind unumgänglich, um sich verbindungen richtig vorzustellen, die es nicht mehr gibt. steine, mauern, bäume und brunnen werden da zu wegmarken, selbst wenn sie heute scheinbar sinnlos in der gegend rumstehen. peter mosimann hat das alles zu fuss erwandert. wer velo fährt, übersieht die details zu schnell, begründet er seine vorgehensweise.
der verkehrsforscher weiss, dass köniz von vier verbindungen lebt(e): zuerst vom jakobsweg zwischen thun und fribourg, der entweder über rüeggisberg oder dann über köniz ging. dann von der strasse, später von der eisenbahn zwischen bern und fribourg, die könizerboden durchqueren. schliesslich auch vom weg zwischen bern und thun, soweit man das links der aare bewältigte. ohne zweifel war für köniz aber entscheidend, dass man das hinterland, schwarzenburg!, mit einem weg erschloss. denn dieser ging und geht mitten durch den gemeindebann.
bis ins 18. jahrhundert, resümiert der verkehrsspezialist, seien die strassen schlecht und nicht von dauer gewesen. wenn es regnete oder schneite, waren sie kaum begeh- und befahrbar. doch dann kamen ingenieure, die meisten aus frankreich. sie vermassen das land, planten strassen dort, wo das gelände geeignet war, legte moore trocken, huben die hügelige erde aus, und schufen einen untergrund, um das wegtrassee zu sichern. die wegobefläche wurde leicht gewölbt, damit das wasser abfloss, links und rechts wurde es kanaliert und abgeführt.
bei meiner lektüre ist mir eines aufgefallen: wie siedlungen von wegen abhängigen, die nicht immer wieder zu natur werden. das erlebe ich jeden sommer in schweden eins zu eins. von da weiss ich auch, wie aufwendig der bau von strassen ist, die halten, was sie versprechen. und es ist mir auch klar, dass sich nur so eine wirkliche sesshafte zivilisation entwickeln kann, die leistungsfähiger ist, – und genau hierfür ihre sicheren wege braucht. genau diese historische entwicklung der könizersiedlung kann man mit dem buch “auf historischen wegen” sicheren fusses selber nachvollziehen.
stadtwanderer
Jan
7
das unsterbliche nachleben
Januar 7, 2010 | 11 Comments
eigentlich ist es ein trauriges buch, denn es handelt vom tod. doch ist es wunderbar gemacht, dass man sich darüber dafür interessiert. gerade weil es nicht nur eine dokumentation der ruhestätten auf schweizer friedhöfen ist, sondern auch eine fundgrube der kultur, wie wir mit prominenten umgehen, die uns verlassen haben.
hanspeter buholzer, 52, ist basler, der im emmental lebt. in seiner selbstbeschreibung hält er simpel fest, schneekugeln zu sammeln. und seit seiner jugendzeit gräber bekannter personen im in- und ausland aufzusuchen. die fotos, die dabei entstanden, hat er nun zu einem dezent-schönen buch zusammengestellt. tief schwarz, wie es sich in ehrfurcht vor den toten geziemt, sind die seiten. in unschuldigem weiss sind nur die knappen texte, die, soweit nötig, uns an die menschen erinnern, die uns verlassen haben, aber immer noch hier sind.
bei niklaus von der flüe, jean calvin und jürg jenatsch ist klar, dass sie tot sind. bei andern zuckte ich zuerst zusammen, denn ihr ableben war mir entgangen. zum beispiel bei peter brogle, dem schauspieler, monika morell, die sängerin, oder gianpietro zappa, den fussballspieler. klar war mir, dass der russische revolutionär michail bakunin in bern begraben liegt, der spanische schriftsteller jorge luis borges in genf ruht, und charlie chaplin am genfer see seinen frieden gefunden hat. beim deutschen naturwissenschafter und buchautor georg büchner war ich dagegen überrascht zu erfahren, dass sein grab in zürich liegt, ebenso dass das von coco chanel in lausanne ist oder das von audrey hepburn im beachbarten tolonchenaz.
einige gräber hätte der buholzer wohl gerne fotografiert, aber sie sind der allgemeinheit nicht zugänglich. das von friedrich dürrenmatt in neuenburg gehört dazu, ebenso wie das von germain de stael in coppet. niklaus meienberg wiederum lebte und starb in vollen zügen in der schweiz, seine asche jedoch schwimmt in der seine. und die von mäni weber reinigte die rütli wiese vor unkraut. brigadier jean-louis jeanmaires überreste nach der kremation sind verwehte der wind, der über den simplon pfieft.
von huldrich zwingli findet man gar nichts mehr. sein leichnam wurde nach der schlacht von kappel achtlos verbrannt. dällebach karis grab wiederum wurde ganz einfach aufgegeben, und wo adrian von bubenberg begraben liegt, hat nicht einmal der spezialist für solche fragen herausgefunden. dafür weiss man, dass getrud von hohenberg, die erste frau von könig rudolf von habsburg, in basel ihren grabstein liegen hat, selbst wenn sie, entgegen ihrem letzten willen, heute in st. paul in kärnten begraben ist.
auffällig ist der grabsteine von reynold tschäppät – in seiner form und grösse erinnert er an den legendären stadtpräsidenten von bern. wie der des individualisten jean tinguely in neyruz aussieht, kann man sich vorstellen, selbst wenn man ihn nicht gesehen hat. das gilt auch für den von robert lips, dem legendären zeichnet von globi. und albert hofmann, den erfinder von lsd, hat gar keinen. ein baum steht da, wo er ruht, und den grabstein dazu kann man sich in allen farben und formen selber vorstellen.
schrecklich ist das monument auf dem grab von general herni guisan, dem schweizer feldherr im zweiten weltkrieg. wunderbar dafür dafür die gedankliche und sichtbare erinnerung an willy ritschard, dem solothurner arbeiterbundesrat. und am traurigsten in diesem traurigen buch ist das von mileva einstein in zürich. die frau der berühmten nobelpreisträgers, die am schluss ihres lebens arm und einsam in zürich starb, hat gar kein grab mehr. es wurde ganz einfach eingeebnet. dem sonst so unsterblichen nachleben eines menschen in symbolischer form wurde damit ganz einfach ein ende gesetzt.
wer das gerne alles sehen möchte, dem empfehle ich ohne jede einschränkung das einzigartige kulturgeschichtliche werk “immortalis”. oder wanderungen auf den friedhöfen, die einem dadurch so ungewöhnlich nahe gebracht werden.
stadtwanderer
Jan
3
wie köniz und bern auseinander fielen
Januar 3, 2010 | 8 Comments
will man die historische bedeutung von köniz verstehen, muss man sich mit dem einheimischen augustiner chorherrenstift und dem päpstlichen deutschorden in unserer gegend beschäftigen. sie zeigen nachwirkungen auf die gemeindebildungen – bis heute.
wappen der gemeinde köniz: identisch mit dem des deutschordens, im kopfsteinpflaster vor dem (reformierten) pfarrhaus (foto: stadtwanderer)
die kolonierung des niemandslandes
mit der völkerwanderung kamen burgunden und alamannen ins gallorömische mittelland. sie vertrugen sich nicht. im 7. jahrhundert bildete sich ein grenzraum zwischen ihnen aus, ein no-mans-land vor allem links der aare, begrenzt durch die saane. doch mit dem landesausbau im 11. jahrhundert fiel diese neutralisierte begegnungszone. die sense, die mitten durch das hügelige wald- und moosgebiet floss, wurde zur neuen grenze.
die cluniazenser, ein burgundischer reformorden des papstes, gründeten in den 1070er jahren rechts der sense das kloster rüeggisberg. das war fast ein übergriff. im gegenzug entstanden verschiedene chorherrenstifte, welche die kleriker aus der region sammelten, ohne sie einer strengen regel und einem nach innen gerichteten klösterlichen leben unterzuordnen.
über die frühe geschichte des könizer chorherrenstiftes ist wenig bekannt. man weiss nicht einmal das gründungsdatum. das spricht, anders als in interlaken, gegen einen reichsschutz. vielmehr war der probst dem (burgundischen) bischof von lausanne unterstellt. gleich fünf kirchgemeinden stand der könizer vor: natürlich der von köniz, aber auch der von bümpliz, mühleberg, neuenegg und überstorf. damit war seine vormachtstellung im nördlichsten teil zwischen aare/gürbe und sense/saane unbestritten.
der konflikt zwischen köniz und bern
das änderte sich mit der zähringischen stadtgründung. denn bern war eine schwäbische gründungsstadt, die im kirchensprengel von köniz lag. deshalb war das erste gotteshaus in der stadt nur eine kapelle, und die gründungsbewohnerInnen mussten jahrelang nach köniz zur messe. daselbst wurden sie auch getauft und beerdigt.
mit dem aussterben der zähringer ordnete der deutsche könig die verhältnisse neu. friedrich ii. erhob bern 1218 zur reichsstadt; sie war jetzt weder burgundisch noch schwäbisch. das umland verteilte er auf die grafen von savoyen im burgundischen bereich und von kyburg im schwäbischen. im bernnahen köniz wählte er jedoch eine andere lösung. eben zum kaiser aufgestiegen, schickte er über seinen sohn heinrich, den neuen deutschen könig, ritter des deutschordens in die gegend und vermachte ihnen das könizer chorherrenstift.
zuerst wehrte man sich in köniz gegen die deutsche kolonisierung heftig. bis 1235 kam kein einziger ritter aus dem norden nach köniz. doch dann änderte sich alles schrittweise. 1243 verzichtete der bischof von lausanne auf seine rechte und entschied, das stift als kommende an die deutschen ritter zu geben. damit kümmerten sie sich nicht nur um das geistliche leben, auch die einkünfte aus den kirchgemeinden gingen an den orden. und die könizer kirche unterstand einem deutschritter-pfarrer und damit direkt dem papst.
die stadt bern reagierte geteilt. die bevölkerung sympathisierte mit den einheimischen, burgundisch geprägten chorherren. nach dem schiedsspruch weigerte sie sich 10 jahre lang, nach köniz in die deutschordenskirche zu gehen. sie feiert die messe in der eigenen kapelle. erst 1253 näherten sich die parteien unter schultheiss peter von bubenberg wieder an. 1256 jahre später ging die stadt mit dem deutschorden ein burgrecht ein. 1276 gewährte diese der stadt das recht, einen eigenen kirchensprengels und damit die kirchliche loslösung von köniz einzuleiten. damit waren die kirchen wieder im dorf, resp. in der stadt, wenn auch durch die stadtmauer getrennt.
der späte sieg der stadt in der reformation
der bau des berner münsters nach 1420 leitete die ablösung der stadt vom deutschorden ein. 1484 hatte man im neu gebauten münster ein eigenen chorherrenstift st. vinzenz eingerichtet, und beim papst die loslösung vom deutschorden erwirkt.
wie alle anderen kirchen auf berner boden, mussten sie 1528 der neuen glaubenslehre folgen, und wurde sie teil der bernischen staatskirche. bestehen blieben aber die getrennten kirchgemeinden von bern und köniz, die mit der armenfürsorge auch weltliche aufgaben übernahmen und die vorläuferorganisationen der politischen gemeinden im kanton bern sind, die zwei städte in einer agglomeration repräsentieren.
bis heute hat die stadt bern die herzogskrone des zähringer im wappen; köniz hat auf das emblem des deutschordens zurückgegriffen.
städtewanderer
Jan
2
die oft vergessene stadt
Januar 2, 2010 | 9 Comments
wer von der agglomeration bern spricht, übersieht gerne, dass sie gleich aus zwei städten besteht. zeit, das so oft übersehene köniz zu entdecken.

blick auf köniz (bild: ueli raz)
mit gut 38′000 einwohnerInnen ist köniz die grösste agglomerationsgemeinde der schweiz überhaupt. das ist in zahlen zwar nur gut ein viertel von bern, reicht aber in der schweizerischen städteparade problemlos für den 12. platz – gleich hinter biel/bienne und thun, aber vor la chaux-de-fonds und schafhausen.
das geheimnis des berner vorortes besteht darin, aus einem zusammenschluss zahlreicher siedlungen entstanden zu sein, von denen mehrere ähnlich stark waren: köniz, wabern, liebefeld, spiegel und schliern sind bis heute die fünf wichtigsten unter ihnen. mehr als 1000 bewohnerInnen haben noch niederscherli, nieder- und oberwangen sowie schwanden. hinzu kommen 13 weiler, wovon herzwil mit 55 bewohnerInnen der kleinste ist. für fusionsgemeinden hat köniz fast schon modellcharakter. die kerngemeinde gibt den namen, die 10 weiteren wichtigeren vormaligen dörfer bleiben als quartiere bestehen.
einen vorteil hatte man aus der geschichte mit auf den weg bekommen: hervorgegangen sind die gemeinden 1834 aus der gemeinsamen kirchgemeinde mit der berühmten kirche von köniz., die burgundischen ursprungs sein dürfte. zunächst war man in viertelsgemeinden organisiert, die 1878 zur jetzigen gemeinde zusammengefasst wurden. 1929 machte bern köniz ein angebot zu einer fusion. “gross-bern” hätte damals entstehen können, – und zusammen würde man heute gegen 180000 einwohnerInnen haben. doch anders als bümpliz, das aus purer not mit der stadt bern fusionierte, lehnte köniz die zusammenlegung mit der stadt ab.
durch den ausbau von infrastrukturen, wohnquartieren und arbeitsstellen in köniz sind die beiden städte heute weitgehend eins geworden. häufig kennen nur ortserfahrene die gemeindegrenze. die zahlreichen beamten des bundesamtes für gesundheit, vertrinärwesen, meteorologie oder landestopografie wissen wohl nicht alle, dass sie gar nicht in der so oft zitierten beamtenstadt bern arbeiten.
politisch gibt sich köniz bis heute auspgesprochen selbstbewusst; die stadt versteht sich als vorreiter gegenüber dem zentrum: bei den wahlen 2009 in die gemeindebehörden (!!!), gab es erstmals eine rotgrüne mehrheit. die sp ist mit zwei, die grünen mit einer vertretung in der fünfköpfigen stadtexekutive vertreten, und die bürgerlichen parteien sind in die minderheit versetzt worden.
die sozialdemokratInnen stellen mit luc mentha traditionellerweise den “stapi” von köniz. genauso wie in bern, möchte man sagen. doch anders als in grossen kernstadt senkte man in köniz kurz vor den jüngsten wahlen die steuern. nicht zuletzt um im standortwettbewerb zu bern attraktiv zu bleiben!
städtewanderer
Dez
31
alles wegen ostern!
Dezember 31, 2009 | 6 Comments
silvester ist wegen ostern jahresende, legte papst gregor xiii. 1582 für alle folgenden zeiten fest! ein erklärungsversuch zur richtigen zeit.

papst gregor xiii legte 1582 den heutigen kalender fest. damit bestimmte er auch silvester als jahresende.
klimaveränderungen, meeresschwank- ungen, vergetations- wandel und tierwan- derungen haben unser verständnis von zeit als zyklus geprägt. der mond, die sonne und die planeten dienten seit jeher, diese rhythmen vorherzusehen. nicht zuletzt, um das land kultivieren und für nahrungsmittel nutzbar zu machen.
kalender, die diesen zyklen folgen, sind überall eine göttliche sache – und ihrer stellvertreter auf erden. in der jüdischen und islamischen tradition folgen sie dem mond. 12 monde ergeben ein jahr, das 354 tage zählt. das sonnenjahr, das ausgehend von der ägyptischen welt via römern das mittelmeer eroberte und in der christlichen tradition bestimmend ist, rechnet mit 365 tagen.
beide systeme sind nicht perfekt. denn die mond- und sonnenjahre halten sich nicht an ganze tage. und damit beginnen die probleme!
beim mondjahr ist das nicht so schlimm. ein bestimmter tag wandert einmal alle 33 jahre durch die jahreszeiten. da der kalender vor allem in gegenden entstand, wo es frühling, sommer, herbst und winter nicht gab, beachtet man das gar nicht. beim sonnenjahre dürfte das aber nicht vorkommen. denn dieser kalender macht nur sinn, wenn er mit den jahreszeiten übereinstimmt.
ptolomäus iii., pharao in ägypten, war der erste, der diese unvollkommenheit beklagte. mit ihm begannen die schalttage, die periodisch eingeführt wurde. gaius julius caesar, von seiner frau cleopatra beeinflusst, übernahm diese astronomische technik. doch auch sein kalender wandert, wenn auch nur ganz langsam. etwa alle 200 jahre verschoben sich kalender- und naturzeit um einen tag.
für die christen wurde das an der wende zur neuzeit zum problem. denn die bestimmung der osterfestes, das an die kreuzigung jesu erinnert, wurde immer kurioser. festlegt worden war das vorgehen im jahr 325 auf dem ersten konzil aller christen. in nicäa hatte man sich, um unabhängig von der jüdischen tradition zu werden, auf den ersten sonntag nach dem ersten vollmond im frühling. und diesen liess man am 21. märz beginnen.
doch auch der wanderte mit dem julianischen kalender. die lösung bestimmten wiederum astronomen, diesmal für papst gregor xiii. 1582 war es soweit. der pontifex maximus bestimmt, das damalige kalenderjahr um 10 tage abzukürzen. auf den 4. oktober folgte unmittelbar der 15. damit stimmten jahreszeiten und kalenderjahr wieder überein. eine neue schalttagregel sorgt dafür, dass dem auch in zukunft so ist.
doch die probleme der katholischen kirche waren damit nicht vollständig gelöst. denn mit dem auslassen der 10 tage gerieten die gedenktage für die katholischen heiligen durcheinander. papst gregor regelte im anhang zu seinem kalender, wie man damit umzugehen habe. bis ende jahr sollte die feiertage wichtiger heiliger nachgeholt werden. deshalb verschob er das jahresende von weihnachten, der geburt christi, auf ende dezember.
und so feiern wir bis heute silvester, der tag des waldmenschen, der das licht der zeit erblickte, als jahresende. damit ostern an ostern bleibt …
prosit neujahr!
stadtwanderer
Dez
29
napoléons (fast) definitives ende in bern
Dezember 29, 2009 | 6 Comments
zwei revolutionen erschütterten die berner staatsstrukturen. die erste, laute, lösten napoléons statthalter in der helvetischen republik aus. für die zweite, leise, war der berner regierungsrat verantwortlich. in zwei tagen soll sie abgeschlossen sein.
die grosse revolution der vergangenheit
napoléons truppen, von 1798-1802 in bern, lösten die bisher grösste revolution aus. die stadtrepublik mit ihrem weitläufigen umland wurde gevierteilt. sie verlor den aargau und die waadt, und das oberland erhob man zum selbständigen canton. dann verlor das patriziat die vorrechte selbst im verbliebenen canton, und die landvögte mussten das feld räumen.
neu eingeführt wurden nach französischem vorbild “les districts”. 15 hatte der restkanton davon. 10 weitere gab es im oberland. ihnen stand ein oberamtmann vor, der gleichzeitig recht sprach und für die verwaltung besorgt war. das blieb auf dem land so, als 1815 die restauration bern und das oberland wieder vereinigten; nur die trennung von stadt und kanton wurde zurückgenommen, sodass das stadtbernische patriziat via seinen rat der 200 wieder über das ganze gebiet gebot.
1831 ging man zur staatsstruktur über, die man im wesentlichen heute noch kennt. der grosse rat wird demokratisch gewählt und vertritt den kanton, der eine separat bestellte regierung hat. die 26 regierungsstatthalter sind ihm unterstellt. das patriziat verzichtete damals auf die politische führung im kanton, behielt aber in der stadt die macht. überall wurden einwohnergemeinden eingeführt, mit einem gewählten gemeinderat an der spitze. in der stadt bern trennten sich die burger- und einwohnergemeinde schrittweise. jene behielt das geld, diese bekam die aufgaben.

die kleine revolution der gegenwart
die zweitgrösste revolution in der verwaltungsreorganisation wurde von innen ausgelöst. der mehrheitlich bürgerliche bernische regierungsrat lancierte sie zu beginn des 21. jahrhunderts: die 26 amtsbezirke und ihre statthalter, versteinerte restposten aus der helvetik, sollten abgeschafft und die verzettelte verwaltung zentralisiert werden.
für das anliegen machte sich die fdp stark, fand aber beim traditionellen bündnispartner, der svp, keinen zuspruch. so zog sie im das projekt gemeinsam mit sp und den grünen durch. am 24. september 2006 fiel die entscheidung: 58 prozent der stimmenden votierten dafür. die städte setzten sich durch, während das oberland von der reform nichts wissen wollte.
am 1. januar 2010 ist es nun soweit, bern wird neu zum kanton der regionen: dem berner jura, dem seeland, bern-mittelland, dem oberland und dem emmental-oberaargau. die regionen bern-mittelland und berner jura bleiben ungeteilt, die anderen zerfallen in 2 (emmental-oberaargau und seeland) resp. 4 kreise (oberland).
in drei bereichen hat das ganze sichtbare konsequenzen: künftig gibt es fünf regionale betreibungs- und konkursämter, je eines in bern, interlaken, langenthal, biel und moutier; die 23 dezentralen dienststellen verschwinden bis auf 4 in aarberg, burgdorf, thun und saanen. auch die 13 grundbuchämter werden auf fünf verringert. neu sind sie in bern, thun, nidau, courtelary und wangen. ableger davon gibt es noch in frutigen und interlaken. regierungsstatthalter wird es ab nächstem jahr noch 10 geben, in jedem kreis einen. das sind 16 weniger als bisher.
das (fast) definitive ende der napoléonischen districts
mit der bezirksreform zieht der kanton bern auch aus diversen schlössern aus. thun und schwarzenburg hat er den standortgemeinden bereits verkauft, weitere sollen folgen. nur in burgdorf, laupen, büren und trachselwald, den schlössern von nationaler bedeutung, will er mit den gemeinden für eine neue gemeinsame nutzung schauen.
gerade zwei kleine funktionen behalten die amtsbezirke – im französischsprachigen kantonsteil – noch: in la neuveville, courtelary und moutier wird der bernjurassische rat unverändert nach den districts bestimmt, und in biel/bienne bleiben die auflagen zur zweisprachigkeit.
ce sont les derniers rélicts des districts napoléoniens …
randonneur urbain
Dez
29
von berliner bären
Dezember 29, 2009 | 3 Comments
auch berlin hat einen bären im wappen. doch der bärenpark in der deutschen hauptstadt ist bei weitem nicht so populär wie der in bern. obwohl er ein ableger des berners ist und die ersten berliner bären aus bern stammten.
quelle: www.heimatsammlung.de
stadtgründer von berlin ist der brandenburgische markgraf albrecht, genannt der bär. als er 1237 den ort für sich einnahm, gab es längst keine bären mehr. sein übernahme folgte mehr der sitte unter den adligen, die eigene stärke durch die vorbildlicher tiere wie bären, eber oder ähnlichem zu symbolisieren.
der ethnobiologe wolf-dieter storl hält den auch fest: “Wenn man die Geschichte oder auch das Wesen der preussischen Berliner betrachtet, ist man geneigt zu sagen, dass der Wolf – Ehre wem Ehre gebührt – ein angemessenes Wappentier für die Stadt wäre.”
in der tat, haben bären in berlin (bärlein) historisch gesehen kaum tradition. erst zur 700-jahr-feier kam der gedanke auf, das wappentier in fleisch und blut in der stadt zu haben. ein bärenzwinger (nomen est omen) wurde im köllnischen park gebaut, und zwei jahre später zogen zwei bären ein: urs, natürlich, und verni, typisch, hiessen die ankömmlinge.
sie waren ein geschenk der stadt bern. an die reichshauptstadt berlin.
doch brachten weder sie der stadt, noch die stadt ihnen glück. den alliierten bombenhagel im zweiten weltkrieg überlebten sie nicht. es brauchte 1949 jutte und nante, ebenfalls berner bären, um den bärenpark neu eröffnen und beleben zu können. berühmt geworden ist der park nicht wirklich. in stadtführern durch die hauptstadt deutschlands muss man gut suchen, bis man ihn findet. und auch auf internet ist die präsenz zurückhaltend.
da können auch die 1000 buddy bären, von künstlern geschaffen und in der stadt verteilt, nicht wirklich abhelfen. und selbst der goldene bär, einmal jährlich für den besten spielfilm des jahres in berlin verliehen, ist vor allem ein filmpreis. um den bär in berlin populär zu machen, brauchte es schon knut, das eisbärenkind, das sein eltern verlor.
das berühmteste berliner stadttier ist und bleibt aber knautschke, ein flusspferd, das als eines der wenigen den weltkrieg und die hungersnot überlebte. wegen seiner grossen klappe und seiner dicken haut ist es zum symbol des überlebenswillens der hauptstädtler geworden, und fand es als erstes zootier überhaupt den weg auf eine briefmarke der deutschen bundespost.
so wenig der bär berlin von heute prägt, so wenig weiss man auch darüber, warum die schweiz den deutschen ausgerechnet zu hitlers zeiten ein symbol der stärke, aber auch der gemütlichkeit schenkten.
stadtwanderer
Dez
27
die grüne fee in der weihnachtsschokolade
Dezember 27, 2009 | 10 Comments
was für eine tolle weihnachtsüberraschung das war: pralinés mit absinthefüllung von chocolat frey, erstanden in der migros. deshalb mache ich hier ein wenig werbung, für die trouvaille aus dem dutti-laden, der sich zu seinem produkt in bände beredeten schweigens hüllt.
mystischer gehts nicht! der deckel der schachtel ist in verschiedenen grüntönen gehalten. das logo zeigt eine wohl nur leicht bekleidete frauengestalt im aufbruch und weckt assoziationen zur grünen fee. eine sternschnuppe aus dem dunkel einer gasse erhellt den punkt, bei dem man mit lesen beginnen soll: “absinthe” steht in schwungvoller schrift über allem. das kleingedruckte erläutert, gut schweizerisch in drei sprachen, was man in den händen hält: pralinés mit mystischer absinthefüllung.
in der tat schmecken die kleinen schoko-würfel mit grüner verzierung köstlich. es ist, als würde man in einem erlesenen kräutergarten wandern: der fenchel legt die basis, anis mischt sie auf, und wermut verfeinert den duft in der nase. genau das ist absinth, französisch absinthe, ein starkes alkoholisches getränk, seit den alten griechen umrankt von zahllosen geschichten.
fast macht es den eindruck, die migros wollte von diesen erzählungen am liebsten gar nichts wissen, als sie die spezialität ins gestellt reihte. denn via internet findet sie nicht einmal auf der produkteliste. und genau gleiches widerfährt einem, wenn man bei chocolat frey virtuell stöbern geht. mit gutem grund vielleicht: denn die hochprozentige spirituose in den schokolade passt gar nicht ins bild, das man sich vom dutti-laden mit leicht sozialem touch macht. gemeinhin dominiert da die vorstellung, dass kein alkohol über die schwelle einer filiale mit dem orangenen “m” geht.
und bei absinth ist das gleich doppelt anrüchig. denn der schnaps aus dem neuenburgischen val-de-travers ist erst seit dem 1. märz 2005 überhaupt wieder legal erhältlich. vorher war er fast ein jahrhundertlang verboten. eine volksabstimmung 1908 hatte das schicksal des populären kräutergetränks entschieden. der konsum des safts der grünen fee wurde mit dem willen von 64 prozent der stimmenden innerhalb der landesgrenzen verboten. per bundesverfassung! und mit klarem kopf …
das ergebnis des volksentscheides war durch einen tragischen mordfall in der waadtländer gemeinde commugny beeinflusst. weinbergarbeiter jean lanfray, ein starker alkoholier, hatte am tag, als er seine schwangere frau uns eine beiden kleinen töchter in einem wutanfall ermordete, neben wein und branntwein auch zwei glas absinth getrunken.
die geschichte löste vielerorts eine öffentliche debatte über die gefährlichkeit von absinth aus, die zu einem verkaufsverbot zuerst in belgien, dann in halb europa und schliesslich auch in den usa führte. pastis, ein absinthsubsititut, liess sich allerdings besonders in frankreich nie verhindern, mit wasser stark verdünnt getrunken, ist es auch harmlos. doch erst in den 90er jahren des 20. jahrhunderts zeigten medizinische versuche, dass alle vermutungen von damals in sachen absinthe aus dem neuenburger jura nicht haltbar waren, sodass der konsum nach 1998 auf der ganzen welt wieder zugelassen wurde.
und via chocolat frey und migros fand die köstlichkeit sogar den weg bis unter unseren weihnachtsbaum 2009. und: ich kann diese leckereien nur empfehlen, und mache deshalb statt dem produzenten oder vertreiber die nötige werbung für die “pralinés mit mystischer absinthefüllung”, – ohne mir von der grünen fee den kopf ganz verzaubern zu lassen.
stadtwanderer
Dez
26
mit arno borst die kulturgeschichte des bodenseeraums erwandern
Dezember 26, 2009 | 4 Comments
“mönche am bodensee” heisst das bemerkenswerte buch von arno borst, das ich in diesen weihnachtstagen lese. denn bald schon beginnt meine vorlesung an der uni st. gallen, nach der ich mich jeweils mit der lokalen kulturgeschichte der ostschweiz beschäftigen will.
arno borst war professor für mittelalterliche geschichte in konstanz, als er mit dem schreiben begann. 1976 hielt er öffentliche vorträge über die christianisierung des bodenseeraumes und stiess damit auf grosses öffentliches interesse. aus der bearbeitung all der fragen, die ihm gestellt wurden, entstand das fast 700seitige buch, das 1978 erstmals erschien, und ihm den Bodensee-Literaturpreis einbrachte. gerade rechtzeitig zu weihnachten 2009 ist es, zwei jahre nach dem tod von borst, im libelle-verlag neu editiert und hübsch bebildert in der vierten auflage erschienen.
borst war nicht irgend ein mediävist. vielmehr gilt er als einer der ganz grossen der mittelalterspezialisten in europa überhaupt. 1986 wurde er mit dem deutschen historikerpreis, 1996 gar mit dem balzan-preis geehrt, dem “nobelpreise” für geisteswissenschaften, geehrt. einer der greifbarsten gründe für seine herausragende stellung ist seine packende erzählkraft. seine bücher lesen sich wie krimis, sind aber nicht erfunden. doch kleben sie nicht wie die vieler anderer historiker an den quellen, sondern berichten vom leben. die erzählungen sind durchaus plastisch, und nur dort von nötig, setzen sie sich kritisch mit der fachdiskussion oder den quellen selber auseinandern. das erleichtert die lektüre ungemein.
das buch zur lokalen kulturgeschichte des bodenseeraum beginnt, wie könnte es anders sein, mit dem wandermönch kolumban. nur ein oder zwei jahre wirkte er am bodensee, doch löste der zeitgenossen von gregor dem grossen und mohammed die entscheidende wende zur missionierung der landbevölkerung aus. wohl 611 kam der akstisch-strenge ire über tuggen und arbon nach bregenz, um sich, wie schon zuvor in den vogesen, der christianisierung der heiden zu widmen. “Als die Einheimischen ihrem Gott Wodan ein Bieropfer bringen wollten, zerschlug ihnen Kolumban den Kessel. Sie reagierten unterschiedlich, die einen bewunderten den kräftigen Alten, die andern schimpften über die Beleidigung der Götter. Die Fronten verhärteten sich rasch”, fasst borst die begnung zusammen, um gleich zu den folgen überzugeben. kolumban verliess den bodenseeraum bald darauf, um nach rom zu gelangen. er kam bis bobbio in der po-ebene, wo er nochmals eine klostergemeinschaft gründete, in der er, ohne den papst je getroffen zu haben, auf seinem wanderweg von bangor nach rom verstarb.
hätte kolumban nicht irgendwann gallus getroffen, der die lokale bevölkerung am bodensee viel besser als der strenge eremit verstand, wäre, so borst, kolumbans anwesenheit am bodensee wohl nur episode geblieben. doch so wurde sie zum startschuss für die grosse kultivierung des urwaldes in der weiteren umgebung und die anhaltende zivilisierung der alemannischen bevölkerung. denn gallus entschied sich, 13 kilometer waldeinwärts, an der steinach, ein klösterliches leben zu führen, das für das mönch- und nonnentum am bodensee stilbildend wirken sollte, und ausdem mit fränkischer föderung das reichskloster st. gallen entstand.
den spannungsbogen von der ankunft kolumbans bis hin zur reformation behandelt das buch von borst in alles ausführlichkeit. dabei schimmert das anfängliche thema immer wieder auf: wie kolumban und gallus verhielten sich die landfremden kartäuser einerseits, die alemannischen bauern andernseits. “Die Heimatlosen wirkten in diesem Raum als radikale Weltverächter, die Einheimischen als engagierte Weltgestalter”. das mönchtum am bodensee, schliesst das buch, hatte wegen vier eigenschaften erfolg: wegen der geregelten grundform des soziallebens, des mönchsgelübdes zur wahrung der religiösen inhalte, dem kloster, das für konstanz in der gesellschaft sorgte, und der pilgerfahrt, die zur grundlage für die konfessionelle identifikation vieler menschen wurde. bis die reformation zu beginn der neuzeit genau dieses weltbild zerbrach. wer es mit beredeten worten nacherleben will, der oder die lese das grandiose buch über adels-, priester-, laien- und bürgerkirchen im bodensseeraum.
im februar 2010, füge ich bei, beginnt mein kurs an der uni st. gallen, auf dessen weg von bern ich das buch von borst jeweils dabei haben werde. denn die mönche und die universitäten, sagt arno borst, sind die zwei institutionen, in denen das mittelalter weiter lebt. auch im bodenseeraum.
stadtwanderer
Dez
24
in die fremde gegangen – und fremd geblieben
Dezember 24, 2009 | 5 Comments
im kommenden jahr feiert new bern in north carolina das 300jährige bestehen – und anderem mit einer ausstellung und einem video im berner historischen museum. wirklich näher bringt mir das die amerikanische stadt jedoch nicht.

logo zu den feierlichkeiten in new bern
die karriere von christoph von graffenried verlief zur wende vom 17. zum 18. jahrhundert genau so, wie man es von einem patriziersohn erwartete: heirat im angesehenen kreis der stadtadeligen, studium im ausland, eintritt in die politik, landvogt in yverdon. der nächste schritt wäre die aufnahme in den kleinrat, der berner stadtregierung, gewesen. hätte es nicht einen familienzwist gegeben, der vater und sohn trennte.
christoph beschloss auszuwandern. im frühling 1710 reiste über basel, rotterdam und london in die neue welt, nahm im namen des englischen königs land, um eine hafenstadt an den gestaden des atlantiks zu bauen. new bern nannte er sie – in erinnerung an die alte heimat.
auf der suche nach rohstoffen ausserhalb des stadtbodens geriet von graffenried mit den indianischen ureinwohnern in konflikt, wurde er gefangen genommen, und als er wieder frei war, konnte er nur konstatieren, dass new bern weitgehend zerstört worden war und sich die meisten neusiedler davon gemacht hatten.
auch der stadtgründer blieb nicht mehr lange im wilden amerika. 1713 kehrte er ohne jegliches geld nach bern zurück. die neue welt sah er nie mehr. vielmehr verfolgte er den weg der alten welt weiter, wurde schlossherr in worb, und verstarb er daselbst weitgehend vereinsamt.
viele der bernerInnen, die mit von graffenried emigriert waren, kehrten nicht zurück. vielmehr wanderten sie in der neuen welt weiter und liessen sich beispielsweise in new york nieder, um ein teil des american dreams zu werden.
das alles hat die beziehungen zwischen old and new bern nicht befördert. zwar erinnert das stadtwappen von new bern an den berner bär im berner wappen, und man findet auch einige strassenschilder in new bern, welche an die stadtgründernamen erinnern. doch sonst sind die beiden städte ihre eigenen wege gegangen.
darüber kann auch die jubiläums-ausstellung im berner historischen museum nicht hinweg täuschen. zu klassisch ist der aufbau, zu sparsam wird mit dem material umgegangen, um interessierte zu überraschen. die internet-seite dazu ist “nett”, aber nicht packend, sodass von einem neuanfang nicht die rede sein kann. kein einziges projekt wird vorgestellt, dass die menschlichen verbindungen zwischen den namensvetterstädten über die gründungsfamilie hinaus befördern würde.
so bleibt ein fazit nach dem ausstellungsbesuch: vor dreihundert jahren gingen einige berner in die fremde, wurden von den fremden nicht eben freundlich empfangen. die beiden bern verhalten sich seither wie fremde – und dürften es auch über die anstehenden feierlichkeiten hinaus so bleiben. schade!
stadtwanderer
