Mitten in der Stadt

Die zähringische Stadtgründung
Bern wurde der Legende nach 1191 gegründet. Stadtherren waren anfangs die Herzöge von Zähringen. Ihr Zentrum lag nahe bei Freiburg im Breisgau, im damalige Herzogtum Schwaben. Ihr Ziel war es, Rhein und Rohne mit einer Strasse zu verbinden, um so den Verkehr von Norden nach Süden durch Europa zu kontrollieren. Der Kaiser hatte das Adelsgeschlecht zu Rektoren von Burgund gemacht, damit war sie Vize-König und hatten Anspruch auf das Gebiet der Rhone, der Saone und des Doubs. Um dahin zu gelangen, brauchte es jedoch eine Verbindung über Land, die sie ausgehend von Rheinfelden über Herzogenbuchsee, Burgdorf, Bern, Fribourg und Moudon bis nach Lausanne mit Stadtgründungen suchten. Fast wäre der Plan aufgegangen, doch vor Lausanne stellte sich ihnen ein mächtiger Bischof entgegen und stoppte die Expansion. Geblieben sind im westlichen Mittelland zähringische Kleinstädte. Zu Beginn hatten die meisten von ihnen 500, vielleicht 1000 Einwohner. Voneinander entfernt waren sie jeweils rund 30 km, die damalige Wegstrecke, die man an einem Tag mit dem Pferd bewältigen konnte.

Die strategische Bedeutung des gesicherten Aareübergangs
Bern hatte auf diesem Weg stets eine besondere Stellung, denn sie war die Stadt an der Aare. Der Fluss galt als eigentlicher Einschnitt in die Landschaft. Ihn zu passieren, war eine Herausforderung. Deshalb war die von zwei Felsbrocken gesicherte Stelle an der Aare, wo heute die Untertorbrücke steht, strategisch bedeutsam. Seit Menschengedenken hatte es da eine Fähre gegeben. Die Berner bauten diese im 13. Jahrhundert zu einer Holzbrücke aus, und im 15. folgte die heutige Steinbrücke unten am Fluss. Die Zähringer waren damals schon längst ausgestorben. Da sie die Stadt auf königlichem Land gebaut hatten, erbte der Monarch die Stadt 1218. 1293 wurde man zur Königstadt, ausgestattet mit einem Grossen Rat, der die Gründungsfamilien mit Land in der Umgebung und Haus in der Stadt, versammelte. In Zeiten ohne König sollte man den Schultheiss, den königlichen Steuereintreiber, selber wählen können. Die Berner interpretierten diese Klausel auf eigene Art und Weise. Sie anerkannten die Habsburger Könige nicht und fühlten sich so frei, ihren Stadtherrn selber bestimmen zu können.
Die Stadt griff im 13. Jahrhundert auf das Land aus, was damals unüblich war. In Laupen stellte erstmals einen Vogt aus den eigenen Reihen. Das brachte Bern in Konflikt mit Fribourg, das zwischenzeitlich habsburgisch geworden war. Die Schlacht um Laupen gewannen die Berner, was ihnen Respekt auch bei den Habsburgern verlieh. Ausgerückt wurde das durch eine eigene Fahne mit rotem Hintergrund, der für das Reich stand, gelbem Balken, der Befreiung signalisierte, und aufmarschierendem Bär, dem Symbol für eigene Stärke.

Die drei Einschnitte in der Stadtgeschichte
Die Geschichte der aufstrebenden Stadt Bern ist dreimal jäh eingeschnitten worden: 1348/9 durch die grosse Pest, 1528 durch die Reformation und 1798 durch den Einmarsch der Franzosen. Jedes Mal änderte sich die Entwicklung:
. auf die Pestkrise folgte die Ausrichtung an der Eidgenossenschaft, die sich in der Zentralschweiz und rund um Zürich auszubilden begann;
. mit der Reformation begann die Orientierung der Stadtaristokratie am republikanischen Gedankengut, das sich in der städtisch geprägten Niederlanden auszubilden begonnen hatte, und
. die französischen Besatzung brachte zuerst die kurzlebige französische Republik hervor, dann die Schweizerische Eidgenossenschaft mit den 19, dann 22 und heute 23 gleichberechtigten Kantone hervor.
Die heutige Bestimmung erhielt die Stadt Bern 1848 als sie Bundesstadt wurde. Seit 1798 hatte die Schweiz eine Hauptstadt, zuerst war es Aarau, dann Luzern und schliesslich Bern. 1803 fiel Aarau weg, dafür kamen Freiburg, Solothurn, Basel und Zürich hinzu, die sich abwechselten. 1815 kehrte man zum alten System ohne Hauptstadt zurück, einzig mit einem Vorort, der zur Tagsatzung einlud. Den Kompromiss zwischen Alles und Nicht fand man 1848 mit der Bundesstadt. Bern wurde so Sitz von Parlament, Regierung und Verwaltung. Zürich, das ebenfalls aspiriert hatte, erhielt die Technische Hochschule, die heutige ETH, und Luzern sollte mit einer weiteren Bundesanstalt bedient werden, hielt man damals ausgleichend fest.

“Bern Bundesstadt” – nun auch als virtuelle Stadtführung!
Nun beginnt meine Stadtführung „Bern. Bundesstadt“! Sie hat, wie der Titel nahe legt, zwei grosse Themen: das Werden der Stadt Bern als herausragendem Regionalzentrum, und die Bundesstadt, als Zentrum der schweizerischen Politik. Der erste Teil ist mehr historisch ausgelegt, der zweite politologisch. Dabei verbinde ich stets einen symbolträchtigen Ort in Bern mit einer Geschichte, die für das ausgesuchte Thema steht. Die Themen zusammen genommen, ergeben den Sinn der Stadtwanderung. Stadtwandern ist zuerst ein gedankliches Wandern im Kopf, dann ein physisches Denken mit den gemachten Schritten.
Der römische Rhetorik-Professor Quintilianus hat dieses pädagogische Prinzip erfunden. Der Erzieher von Kaisersöhnen stellte im ersten Jahrhundert nach Christus fest, dass das räumliche Erinnerungsvermögen bei den meisten Menschen besser ausgebildet sei als etwa das zeitlich oder sachliche. Menschen erinnern sich, wo sie einmal waren und was sie dabei erfuhren. Wenn sie sich auch an den Weg erinnern, können sie die Geschichten, die sie Stück für Stück lernten, zur Geschichte zusammenfügen. Genau das will mein Stadtwandern auch!
Normalerweise mache ich das als authentischer Stadtwanderer eben. Hier beginnt die Erzählung im Internet, etwas weniger spontan, dafür dem individuellen Rhythmus der Aneignung zugänglich!

Stadtwanderer

Heute jährt sich der Todestag des Berner Revolutionärs Samuel Henzi zum 269. Mal. Ein Rückblick.

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Das Theater
Es ist der 17. Juli 1749. Der mächtige Schultheiss thront hoch über der Berner Gerechtigkeitsgasse. Vor ihm steht der Angeklagte. Nicht weniger als den Umsturz der gottgewollten Ordnung wird ihm vorgeworfen. Alle wissen: Darauf steht der Tod. Der Schultheiss hat das Recht, die Hinrichtung anzuordnen. Und er sollte nicht zögern! Vollstreckt wird die Hinrichtung von Samuel Henzi ausserhalb der Stadt.
Die Kunde über den Tod des Schriftstellers verbreitete sich schnell, denn Henzi war weitherum bekannt. Der junge Gotthold Ephraim Lessing konzipierte umgehend ein Drama, das er später als Theater-Fragment veröffentlicht.
Auch von Henzi wird posthum ein Drama erscheinen: „Grisler. L’Ambition Punie“ wird 1762 gedruckt. Es handelte von Wilhelm Tell und Wilhelm Tell. Es ging um den Mord an einem Tyrannen. Geschrieben hatte es Henzi während seiner Zeit in der Verbannung. 1744 wurde er aus seiner Vaterstadt ausgewiesen, weil er sich in Schriften aufgelehnt hatte. 1748 wurde er begnadigt. Danach strebte er eine untergeordnete Stelle an der Berner Burgerbibliothek, die ihm jedoch verweigert wurde. Henzi verbündete sich in der Folge mit bürgerlichen Gesinnungsgenossen. Doch er wurde verraten, eingekerkert, gefoltert und vor den Schultheiss gestellt.

Die Pax Helvetica galt nur für die Oligarchen
Die Zeit nach dem Frieden von Aarau im Jahre 1712 gilt in der Schweizer Geschichte als „Pax Helvetica“, denn der Landfrieden beendete die fast zweihundert Jahre dauernden, bisweilen kriegerischen Spannungen zwischen Katholiken und Reformierten. Nach anfänglichen Niederlagen gewannen die reformierten Orte Zürich und Bern. Die beiden Konfessionen waren seither gleichwertig.
Es folgte das friedliche Zusammenleben der vormals verfeindeten Oligarchen: Wechselseitig achtete man die Herrschaftsrechte, Entscheidungen wurden partitätisch beraten und Lösungen im friedlichen Einvernehmen gesucht. Hierfür wurde man im 18. Jahrhundert mit einem wirtschaftlichen Aufstieg belohnt. Deshalb kapselte man sich zusehends ab. “Freiheit und Gleichheit”, hiess es auf dem Berner Schultheissen-Stuhl. Doch es sollte die Freiheit der Freien, und die Gleichheit der Gleichen bleiben. Teilen mochte man die Privilegien mit den Ewigen Einsassen und Hintersassen nicht. Und schon gar nicht mit solchen, die nichts von der gottgewollten Herrschaft hielten.

Die Erinnerung bleibt
Henzis geschriebenes Drama ist bis heute in Bern nie aufgeführt worden. 1991 sendete es Radio DRS wenigstens als Hörspiel. Henzis erlittenes Drama kehrt jedoch immer wieder in unsere Erinnerung zurück.
Dem Theater, das in seiner Zeit so anrüchig war, ebneten die revolutionären Franzosen 1798 den Weg. Guillaume Tell wurde von ihnen gar zum Symbol der Helvetische Republik gegen die alte Eidgenossenschaft erhoben.
Besser noch hätten sie Samuel Henzi dazu bestimmt. Denn er ist ein frühes Zeichen für die Auflehnung der Berner Bürger gegen die Berner Patrizier. Deren Herrschaft basierte wie in allen Ständegesellschaften auf lang gepflegten Familienbanden, kaum nachvollziehbaren Wahlen und einer Oeffentlichkeit, die auf Sparflamme gehalten wurde. Das war das Gegenteil der kommenden Gesellschaft, mit freien Bürgern, demokratischen Wahlen und freier Presse.
Der heutige 17. Juli, der Tag seiner Hinrichtung, sei deshalb Samuel Henzi gewidmet.

Stadtwanderer

Am kommenden Freitag geht es los! Meine neue Stadtwanderung zu Bern Bundesstadt geht in ihre Probezeit. Für eine kleine Gruppe versierter Kennerinnen der Bundespolitik teste ich erstmals meine Führung zum Thema “Wie Schweizer Politik funktioniert, wie sie entstand, und was aus ihr wird?” Die ersten Reaktionen werde ich in den Sommerferien auswerten, und ab September 2018 kann dann diese Vorabend-Stadtwanderung beim mir (stadtwanderer@stadtwanderer.net) gebucht werden.
Speziell geeignet für Freund (&Feind) der Schweizer Bundespolitik!

PARLAMENT, PARLAMENTSGEBAEUDE,

Bern Bundesstadt:
Wie Schweizer Politik funktioniert, wie sie entstand, und was aus ihr wird!

Probe-Führung von Freitag, 13. Juli 2018, 17 30

Begrüssung (Kreuzgassbrunnen)

Vergangenheit
1. Bern, zwischen Reichsstand und eidgenössischem Bündnis (Rathaus)
2. Die 13örige Eidgenossenschaft, Spaltung durch Reformation und Einheit in der Vielfalt (Gerechtigkeitsbrunnen)
3. Vom halbsouveräne Corpus Helveticum zur souveränen Schweizerischen Eidgenossenschaft (Erlacherhof)

Gegenwart I:
4. Demokratisierung der Kantone durch Dezentralisierung, parlamentarische Demokratie und Volksgesetzgebung (Gemeindedirektion des Kanton Bern)
5. Demokratie auf Bundesebene: National- und Ständerat, Bundesrat und Bundesgericht entstehen (Restaurant zum Aeusseren Stand/Zunftgesellschaft zu Schmieden)
6. Die bürgerliche Oeffentlichkeit: Literatur, Massenmedien, Interessengruppen und politische Parteien (Hotel de Musique/Du Theatre)

Gegenwart II:
7. Weder eine präsidentielle, noch ein parlamentarische Demokratie, aber durch Volksrechte gebändigte Regierung (Bundeshaus Ost)
8. Bund und Kantone: das Profane und das Sakrale an der Schweizer Politik (rund ums Bundeshaus)
9. Fachleute in der Politik: Politikverflechtung dank rationalem Verwaltungshandeln (Parkanlage Bundeshaus West)

Zukunft
10. Was wird? Bern und die Schweiz im Zeitalter der Globalisierung (Weltpostdenkmal)

Ende zirka 19 30

Die entscheidende Nacht war vom 22. auf den 23. März 1848 im Berner “Clubb zu den Schmieden”, schreibt der Journalist Rolf Holenstein in seinem neuen Buch “Stunde Null” (Echtzeitverlag).

Neu ausgeleuchtet hat Holenstein insbesondere die Rolle Melchior Diethelm (1800-1873), dem liberalen, katholischen Schwyzer Politiker der Geburtsstunde des Bundesstaates, von Beruf Arzt, Gastwirt und Journalist. Diethelm sei eine „tragische historische Figur mit grossen Verdiensten“, folgert Holenstein nach Auswertung von aller privater Tagebücher der Mitglieder der Verfassungskommission. Denn Diethelm, nicht wie bisher gemeint der Solothurner Katholik Joseph Munzinger, habe dem heute noch bestehenden Zwei-Kammern-Modell mit National- und Ständerat zum politischen Durchbruch verholfen. Doch dann habe er wegen der Opposition in seinem Kanton Schwyz alle Spuren verwischt, lautet das Fazit.

nzzgeschichte

Hier die massgeblich Chronologie:

16. August 1847 Die Tagsatzung beauftragt eine Kommission, die Revision des Bundesvertrags vom 16. August 1815 auszuarbeiten. Vorsitzender: Ulrich Ochenbein, Vertreter des Kantons Bern

17. Februar 1848: Beginn der Beratungen im Rathaus zum Aeusseren Stand: Eine Mehrheit befürwortet anfänglich den Status Quo für Staatsform (Staatenbund) und Behördenarchitektur (Tagsatzung als oberstes Staatsorgan mit einer Stimme je Kanton, befürwortet von allen kleinere und mittleren Kantonen und Zürich)

7. März 1848: Erste formelle Abstimmung versetzt die Konservativen in die Minderheit, weil Zürich abspringt und Zug, Graubünden und Baselland mitreist.

19. März 1848: Neues Modell, mit zwei Kammern (Repräsentantenrat, 100 Abgeordnete des Schweizer Volkes und 22 Abgeordnete der Kantone, gemeinsame Verhandlungen, bei massgeblichen Entscheidungen wird gemeinsam gestimmt, Opposition der Kantone)

Gleichzeitig im Kanton Schwyz: Melchior Diethelm wird in seinem Kanton ganz entmachtet, bleibt aber von der Tagsatzung gewählter Kantonsvertreter in der Verfassungskommission.

22. März 1848 Melchior Diethelm hält in der Verfassungskommission einen flammende Rede zugunsten des nordamerikanischen Zwei-Kammern-Modells mit zwei getrennten Räten.

22./23. März 1848: Iganz Troxler, Professor für Philosophie an der Universität Bern, Verfasser einer Schrift über „Die Verfassung der Vereinigten Staaten Nordamerikas als Musterbild der Schweizer Bundesreform“ erhält Besuch von Diethelm, anschliessend berät der „Clubb zu den Schmieden“, eine Vereinigung katholischer Kommissionsmitglieder unter Josef Munzinger, informell das Verhalten bei der Abstimmung am folgenden Tag.

23. März 1848: Abstimmung in der Verfassungskommission ergibt eine Mehrheit von 18:5 für das Zwei-Kammern-Modells mit getrennter Abstimmung und notwendiger Zustimmung in beiden Räten. 10 der 18 Ja-Stimmen stammen von katholischen Kommissionsmitgliedern, dagegen sind die Jonas Furrer (ZH), Friedrich Frey-Herosé (AG), Caspar Jenny (GL), Johann Georg Böschenstein (SH) und Alois Michel (OW).

6. April 1848: Melchior Diethelm wendet sich aus Furcht vor der Reaktion im Kanton Schwyz am Ende gegen das Zwei-Kammern-Modell ab, unterliegt aber mit nur 2 Nein-Stimmen.

8. April 1848 Der Verfassungsentwurf wird auf die lange Reise durch Kantonalinstanzen und Tagsatzung geschickt.

12. September 1848: Die neue Bundesverfassung wird mit nur geringfügigen Verbesserungen in Kraft gesetzt.

Quelle: Rolf Holenstein: Wie die Schweiz 1848 den Stein des Weisen fand, in: NZZ Geschichte: Die Geburt der Schweiz. Wie die Verfassung von 1848 zustande kam, pp. 28-49.

Startetappe meiner neuen Stadtführung zum “Politischen System der Schweiz”, irgendwo in deer Altstadt

Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts veröffentlichte der tschechoslowakisch-amerikanische Politikwissenschafter Karl W. Deutsch ein Buch unter dem Titel «Die Schweiz als paradigmatischer Fall politischer Integration». Gemeint war, dass der Verbund der Eidgenossenschaft schrittweise aus einem Bündnis von Städten und Ländern hervorgegangen sei, die sich frühzeitig vom Feudalismus gelöst hatten. Nicht der hohe Adel wie in halb Europa war die Grundlage unserer Staatsbildung. Es waren Gemeinwesen, weshalb man unser Staatswesen als «kommunalistisch» gewachsen bezeichnet.

paradigmatisch

Souveränität von aussen: das recht auf Unabhängigkeit
Aus der Sicht des souveränen Staates gibt es die Schweiz erst seit der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1815. Damals wurden die Grenzen der Schweizerischen Eidgenossenschaft verbindlich festgelegt, der Staatenbund aus 22 Kantonen als innere Struktur definiert und dem Bund die Neutralität auferlegt.
1648 wurden wir der «Corpus Helveticum» aus dem Kaiserreich ausgenommen, wir mussten uns keinem Schiedsgericht des Kaisers mehr stellen. 1500 war eine Vorstufe hierzu beschlossen worden. Corpus Helveticum ist jedoch keine Bezeichnung für einen vollsouveränen Staat, eher für ein Konglomerat, das berechtigt war, als Ganzes mit souveränen Mächten zu verhandeln.
Doch ist das nur die Sicht von aussen.

Souveränität von innen: das Recht auf eigene Gesetzgebung
Die Sicht von innen ist, dass wir aus Kantonen bestehen, vor der französischen Revolution Orte genannt. In unserem Verständnis souverän, sprich Gesetzgeber, waren 13 Orte in einer Tagsatzung miteinander verbunden; einige weitere waren zugewandt Orte und ganze Landstriche galten als nicht-souveräne Untertanengebiete.
Zu den 13 souveränen Orte gehörten seit 1513 sechs Orte mit Landsgemeinden. Konkret waren dies Uri, Schwyz, Unterwalten, Zug, Glarus und Appenzell. Sieben Orte beständen aus Städten mit eigenen Untertanen. Zürich, Schaffhausen und Basel hatten eine Zunftverfassung. Bern, Luzern, Solothurn und Freiburg wurden von Patriziern geführt. In den Zunftstädten regierten Gewerbetreibende und Händler, in den patrizisch geführten Orten waren es reiche Landbesitzer, die meist bei fremden Herren militärischer Karriere gemacht hatten.
Bern gehörte zu den typisch patrizischen Ort mit einer ausgeprägt republikanischen Staatsauffassung. Flächenmässig war er der grösste Orte, wenn es um den Einfluss in der alten Eidgenossenschaft ging, stand er oft mit Zürich in der Konkurrenz. Die wirklichen Gegner waren aber die katholischen Orte.

Bedrohungen der Souveränität durch kulturelle Spaltungen
Die grösste Bedrohung der eidgenössischen Einheit war lange die konfessionelle Spaltung. 1529, 1531, 1653 und 1712 kam es zu vier Religionskriegen unter Eidgenossen. Zuerst waren die Katholiken aus der Innerschweiz siegreich, schliessen die Reformierten, von Zürich und Bern angeführt. Damit wurden beide Glaubensbekenntnisse einander gleichgestellt.
Die Franzosen 1803, die Oesterreicher und die Russen 1815 haben bewusst versucht, diesen Grundkonflikt der alten Eidgenossenschaft in den Hintergrund zu rücken. Sie hatte die Schweizer Eidgenossenschaften um insgesamt 9 Kantone erweitert, davon 5 mit französisch- oder italienischsprachiger Bevölkerung. Stets war die Absicht, die Deutschsprachigen zu zwingen, sich mit Französischsprachigen zusammenzufinden.
Heute wissen wir, die politische Führung einer kulturell gespaltenen Gesellschaft ist anspruchsvoll. Hierzu haben wir eigene Herrschaftstechniken entwickelt: kulturelle Minderheiten müssen in den Regierungen vertreten sein; die Bevölkerung wird nicht mehrheitlich, sondern proportional in Behörden repräsentiert; kulturelle Minderheiten haben mit eigenen Kantonen ihre autonomen Räume bewahren können, ohne Parallelgesellschaften zu werden. Generell haben wir ein recht feines Sensorium für den Minderheitenschutz stark entwickelt – formell wie informell.

Die Schweiz: eine Staatsnation, keine Kulturnation
«Paradigmatischer Fall politischer Integration» heisst auf gut schweizerisch «Einheit in der Vielfalt» wie es die Helvetische Gesellschaft im 18. Jahrhundert nannte oder «Willensnation», was die Liberalen seit dem 19. Jahrhundert bevorzugten. Gemeint ist, dass es einen Willen geben muss, über konfessionelle und sprachliche Grenzen hinweg einen weltlichen Staat zu führen, dessen vornehmste Aufgabe es ist, die Freiheit auf der Basis des Rechtsstaates zu verteidigen. Wir sind eben anders als Frankreich, Deutschland, Italien oder Oesterreich eben keine Kulturnation. Wir sind eine Staatsnation, die gelernt hat, verschiedenen Kulturen in sich zu vereinigen.
«Eine Willensnation muss wollen», meinte Kaspar Villiger, der als bisher letzter ein Buch zu diesem Thema geschrieben hat. Was damit gemeint war resp. bis heute damit gemeint ist, werden wir nun auf dieser Stadtführung kennen lernen.

Stadtwanderer

Seit Tagen arbeite ich fieberhaft an einer neuen Standwanderung. Ihr Thema ist “Das politische System der Schweiz”. Während dreissig Jahren habe ich es als Politikwissenschafter von Innen her kennen gelernt. Nun betrachte ich es (mit meinem ganzen Insiderwissen) von Aussen – und als Historiker. Hier schon mal ein Einstiegstext zum Rahmen der neuen Führung, die ich am September 2018 im Programm habe.

Weltpostdenkmal_Bern
Weltpostdenkmal in Bern – Erinnerung daran, das Bern die Weltstadt der Briefmarken-Zeitalter war, und heute kein globales Zentrum, sondern ein nationales ist.

Die nachindustrielle Gesellschaft
Den Begriff der «nachindustriellen Gesellschaft» hörte ich zu Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts erstmals. Gemeint war, dass eine Bildungsrevolution die fortgeschrittenen Industriegesellschaften grundlegend ändern werde. Bildung werde zur wichtigsten Ressource für das gesellschaftliche Fortkommen werden. Ich merkte damals, dass ich selber ein Teil davon sein würde.
Die damals optimistische Sichtweise auf die nachindustrielle Zukunft ist heute einer pessimistischen gewichen. Das nicht zuletzt mit der politischen Entwicklung in der westlichen Welt zu tun. Die Wahlen 2016 in den USA waren eine Art Wende: Hillary Clinton, die Vertreterin der gesellschaftsliberal gesinnten «Nach-Industriellen» verlor. Es siegt Donald Trump, der versprach, das nationalkonservative Gegenteil zu sein. Seither schwindet der Multilateralismus, es regiert der Protektionismus.

Der Globalisierungskonflikt
Heute ist viel von Globalisierungskonflikt die Rede. Nützen würde die Globalisierung den asiatischen Mittelschichten, schaden der Arbeiterschaft in den westlichen Gesellschaften, analysieren viele. Gewinnen würden zukunftsweisend ausgebildete und global ausgerichtete Eliten, gegen die sich zunehmend mehr Nationen stellten, um ihre nationalen wirtschaftlichen Interessen und ihre kulturelle Identität zu bewahren. Denn mit der Globalisierung verringere sich das Wohlstandsgefälle zwischen den Nationen, es wachse aber in der Nationen, meint etwa die Harvard Politikwissenschafterin Pippa Norris.
Wenn Historiker von Globalisierung reden, weiten sie den Blickwinkel aus. Die erste Welle fand demnach im 16. Jahrhundert mit der sog. Entdeckung der neuen Welt und der Integration des Gewürzhandels in den europäischen Markt statt. Die zweite begann im 19. Jahrhundert mit der Industriellen Revolution, und die dritte habe mit dem Ende des kalten Krieges in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts eingesetzt – und dauere an.

Bern und die zweite Globalisierungswelle
Die Bundesstaat Bern war in der zweiten Phase der Globalisierung sehr wohl eine internationale Stadt. Das Weltpostdenkmal erinnert an die Pionierrolle im internationalen Briefverkehr ab 1870. Ihr Ende fand die globale Phase der Stadt nach dem Ersten Weltkrieg. Die politischen Organisationen gingen mit dem Völkerbund nach Genf, die multinationalen Gesellschaften gedeihen heute in Zürich besser.
selbst wohlwollende Kritiker des politischen Systems der Schweiz, wie etwa die Bundespräsidenten Deutschlands, meinen, das Berner Schicksal könnte dereinst die ganze Schweiz ereilen. Denn wegen der direkten Demokratie würden wir wirtschaftlich bald ins Hintertreffen gelangen.

Die Schweiz und die dritte Globalisierungswelle
Der Globalisierungsindex des KOFs an der ETH Zürich widerspricht: Wir sind weltweit ziemlich stabil auf Platz 5, wenn es um die Globalisierung resp. Standortwettbeerb geht. Hoch ist die gesellschaftliche Globalisierung mit internationalen Firmen, ausländischer Bevölkerung und globaler Werbung. Hoch ist auch die wirtschaftliche Globalisierung – etwa im Finanzwesen. Selbst die Politik sieht das KOF dank vieler diplomatischer Beziehungen und Staatsverträge international hoch vernetzt.
Als ich mit meinem Studium in den 80er Jahren fertig war, machte das Buch des Politologen Peter Katzenstein die Runde. Es ging um die Frage, wie kleine Staaten in der globalen Welt bestehen können. Katzenstein gab uns zwei Botschaften mit auf den Weg: den Arbeitsmarkt offen und flexibel zu halten und die eigenen Probleme mit einer «korporatistischen Demokratie» selber zu regeln. Der wirtschaftliche Wettbewerb würde gut gerüsteten Staaten wie die Schweiz, die Niederlande oder Norwegen nicht überfordern, der politische dagegen schon.

Das Gleichgewicht bewahren zwischen Wirtschaft, Staat und Demokratie
Eine Neuauflage der Gedanken von Katzenstein für die heutige Zeit hat Dani Rodrik, Oekonomie-Professor an der Harvard Universität. formuliert. Er meint, dass Globalisierung, Nationalstaat und Demokratie in einem fragilen Verhältnis zueinander stünden. Wer die Oekonomie verabsolutiere, vernachlässige entweder den Nationalstaat oder die Demokratie.
Rodrik lobt die Schweiz ausdrücklich als Beispiel, die ein Gleichgewicht suche zwischen wirtschaftlichen Erfordernissen, staatlicher Eigenständigkeit und Sorge zur demokratischen Entwicklung. Damit grenzt er sich deutlich von jenen ab, welche Politik nur als reine Fortsetzung des Marktes sehen. Denn dabei vergisst man gerne, das gerade demokratische Politik ein Forum ist, auf dem nach dem besten Argument gerungen wird und die Bürgerschaft entscheidet, wer dieses Privileg vorgetragen hat.
Demokratie Wettbewerb hat ein Problem, Demokratie ohne Partizipation ist nichts.

Stadtwanderer

Soeben hat Italien eine neue Regierung bekommen. Gebildet wird sie aus zwei Parteien, M5S und der Lega Nord. Beide nennt man populistisch, denn sie sind kritisch gegenüber dem europäischen Establishment, seinen Institutionen und dem Euro. Erstmals hat eine nationale Regierung auch einen Minister für direkte Demokratie erhalten. Natürlich sind wir stolz, dass wir immer mehr Nachahmer der halbdirekten Demokratie finden. Ich will allerdings nicht verschweigen, dass Volksrechte in den Händen einer Regierung Plebiszite sind. Volksrechte gehören dem Volk, nicht der Regierung.

Bundesplatz
Bern Bundesplatz, täglicher Treffpunkt für Einheimische, Touristen und PolitikerInnen

Nach dem Zweiten Weltkrieg löste der Uebergang Italiens von einem Königreich zur ersten Republik eine Demokratisierungswelle in Europa aus. 1973 geschah mit Portugal gleiches noch einmal, wenn auch mit Blick auf Lateinamerika. 1989 kam es mit dem Untergang der Sowjetunion zu bisher letzten Schub an neuen Demokratien.
Es hat sich eingebürgert, von liberaler Demokratie als Kombination von Wettbewerb in Wirtschaft und Politik zu sprechen. Liberale Demokratien kennen ein pluralistisches Parteiensystem, wobei sich die grössten Parteien in Regierung und Opposition abwechseln.
Es ist unübersehbar, dass dieses Modell in jüngster in die Krise geraten ist. Die Migrationskrise im Mittelmeer, der Staatskollaps in Griechenland und die globale Finanzmarktkrise wirken nach.
Populisten sind weltweit im Kommen – als Macho, als Grobian, als Machtmensch! Teils wollen sie zum Patrimonialstaat mit möglichst wenig demokratischen Institutionen zurück, teils bevorzugen sie eine Klientelherrschaft mit privilegierten Anhängern. Vor allem aber wollen sie keine Auflagen und Kontrollen der internationalen Staatengemeinschaft mehr. Argumentiert wird, das hänge von der Hyperglobalisierung ab. Denn Nationalstaaten, Demokratien und globale Wirtschaft würden nicht mehr zusammen gehen.

Auch die Schweiz ist von solchen Erscheinungen nicht gefeit, selbst wenn die Konsensdemokratie weniger ausgeschlossene Politiker und Parteien produziert, weil die Volksrechte auch Kritikern des parlamentarischen Systems Aktionsmöglichkeiten gibt. Anderseits ist namentlich die Volksinitiative eine Plattform für Populisten.
Unsere Nationalkonservativen würden liebend gerne auf die Europäisierung der Schweiz verzichten. Ein Teil der hiesigen Linken findet Demokratie zuhause bringe nichts, solange sie europäisch nicht existiere. Und einige Libertäre träumen davon, man könne auf den Nationalstaat verzichten, sich weltweit vernetzen und lokal mit Zweckverbänden das Nötige regeln.

In der Schweiz halte ich das für ein Ueberflussproblem. Uns geht es gut, aber es kommt schlechter, ist eine verbreitete Vorstellung. Ein Teil von uns hat Angst vor dem grossen clash, vor dem Versagen des Staates angesichts Herausforderungen wie Terrorismus, Zuwanderung und Chaos.
An anderen Orten, wie etwa in Russland, herrscht Enttäuschung vor. Denn Demokratie habe Unordnung, aber keinen Wohlstand gebracht. China wiederum strotzt vor Wirtschaftspotenz und denkt nicht daran, das mit individuellen Freiheiten zu verbinden.
Yuval Noah Harari, der Historiker der Zukunft, sieht für die Freiheit schwarz. Die Zeit der Demokratie sei vorbei. Lange war sie überlegen, weil sie Informationen in der Gesellschaft dezentral sammelte. Heute gehe es darum, ob man via Internet zu Informationen der Bürgerinnen komme. Das sei in zentral gelenkten Herrschaftssystem einfacher zu bewerkstelligen.

Angesichts solcher Herausforderungen ringen Demokratiespezialisten um eine neue Definition von Demokratie. Eine, die mir gefällt, hält drei Anforderungen für wichtig: Gleichheit, Partizipation und Deliberation. Demokratie baue auf sozialer Gerechtigkeit, sie entstehe aus der Bürgerbeteiligung, und sie brauche Räume für den steten Austausch an unterschiedlichen Ideen. Das verleiht einer Gesellschaft Kraft.
Ich freue mich, wenn Sie ein Teil davon sind oder werden wollen.

Soeben ist in der Schweiz das Frauenstimm- und Wahlrecht eingeführt worden. Die Männer haben dem in einer Volksabstimmung zugestimmt. 1959 waren sie noch dagegen. 1971 war auch aus ihrer Sicht die Zeit reif.

Oppenheimbrunnen
Der Brunnen von Meret Oppenheim, einer der wenigen Plätze in Bern, von einer modernen Frau geprägt.

Der US-Politologe Robert Dahl formulierte in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Theorie der Demokratie. Dahl sagte, Demokratie sei das Gegenteil der Monarchie, also Polyarchie. Die hat nicht nur ein Machtzentrum, mindestens zwei. Die Polyarchen stehen in einem Wettbewerb um die Macht zueinander, und über die Verteilung der Macht entscheiden partizipierende BürgerInnen.
Demokratisierung beginnt nach Dahl mit dem Aufbrechen geschlossener Oligarchien. Betont man dabei vor allem auf den Wettbewerb setzen, sodass wettbewerbsorientierte Oligarchien im Kampf um Macht entstehen. Betont man dagegen die Partizipation ohne viel Wettbewerb, entwickeln sich inklusive Hegemonien. Es gibt Beteiligung, aber unter Ausgewählten.

Unser Rundgang durch die Demokratiegeschichte zeigte, dass die Eidgenossenschaft zwischen 1648 und 1798 aus geschlossenen Oligarchien bestand. Die die Helvetische Republik brach dies mit dem Kampf zwischen Aristokraten und Bürgertum auf. Entwickelt hat sich eine schwach wettbewerbsorientierte Oligarchie zwischen Konservativen und Liberalen. Angesichts des Zensuswahlrechts konnte sich eine breite Partizipation jedoch nicht durchsetzen. Das gelang erst mit der Volkswahl des Parlaments resp. den Volksabstimmungen in Sachfragen, ab den 1830er Jahren in den Kantonen, ab 1848 auf Bundesebene.

Der Sprung zur Polyarchie war mit der Einführung des Proporzwahlrechts vorgezeichnet, denn jetzt standen sind 3 bis 4 Parteien im Wettbewerb um die politische Macht gegenüber. Ganz vollzogen wurde er aber wegen der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg nicht. Schrittweise herausgebildet hat sich die Proporzdemokratie mit vier Parteien, die fast auf sicher in der Regierung vertreten sind. Der Föderalismus, die Volksabstimmungen und das nur unvollständig ausgebildete parlamentarische Regierungssystem haben das bewirkt.

In der Perspektive Dahls sind zwei Ansätze zu Hegemonien geblieben. Zuerst die Vorrangstellung der FDP, 170 Jahr ununterbrochen in der Regierung, was es weltweit sonst nirgends gibt. Immerhin kann man argumentieren, dass die FDP spätestens seit 1959 keine hegemoniale Stellung mehr habe.
Länger gedauert hat jedoch die hegemoniale Stellung der Männer im Regierungssystem der Schweiz. Es gelang, liberales Bürgertum, konservative Katholiken, Bauersleute, Gewerbetreibende und Arbeiter mit dem Bundesstaat zu versöhnen. Doch die Integration der Frauen war beschwerlich. 1959 misslang die Erteilung der politischen Rechte an die Frauen. Es brauchte auch hier einen zweiten Anlauf, vorbereitet von Gemeinden und Kantonen. Erst 1971 war es soweit!
Als erste Frau im Bundesrat schaffte es die Freisinnige Elisabeth Kopp 1984, vor ihr war die SP-Bewerberin Lilian Uchtenhagen gescheitert. Der Einstand blieb vorerst ein unrühmliches Zwischenspiel, musste Kopp doch auf Druck der Oeffentlichkeit anfangs 1989 zurücktreten. So richtig durchbrochen wurde die Männer-Hegemonie erst 2010/11, als die Frauen, wenigstens vorübergehend, eine Mehrheit im Bundesrat hatten.

Ich vermute, das hat viel mit der Armee zu tun. Seit dem Ancien Regime basiert sie auf dem Milizprinzip. Wir sind Berufsleute im Haupt-, Soldaten und Politiker im Nebenamt. Der Ausbau der Volksarmee im 19. und 20. Jahrhundert verlief parallel zur Erweiterung des Wahlrechts. In den Landsgemeinden argumentierte man stets, nur Wehrhafte dürften politisieren. Und bis anfangs der 70 Jahre galt, Frauen, die keine Militärdienst leisten müssen, sollten auch nicht wählen und stimmen können.

Neuseeland war als erstes Land 1893 zum Erwachsenenwahlrecht übergegangen. Die Schweiz folgte fast 80 Jahre später. Doch hat sich in der Schweiz seither viel entwickelt. Die Frauenbeteiligung an Wahlen ist immer noch etwas geringer als die der Männer; die Parteien sind für Frauen eine schwer zu überwindende Hürde. Bei Abstimmungen haben sich die Unterschiede dagegen weitgehend aufgehoben. Es gibt Studien, wonach Frauen heute sogar häufiger die Mehrheit ausmachen als Männer.
Weniger schnell als die Repräsentation änderte sich der Alltag. 1991, 20 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts, kam es zum Frauenstreik. Es war die grösste Protestaktion der Schweizer Frauen, die in einer Linie mit dem Landesstreik von 1918 steht. Für 2019 ist ein neuerlicher Frauenstreik angesagt worden.

Wenn ich sage, unsere Polyarchie kenne hegemoniale Züge, meine ich, dass es in der Schweiz viel braucht, bis man privilegiert wird. Und bevor man dazu gehört, riskiert man Diskriminierung. Das wissen in der Schweiz von heute vor allem die Ausländer. Ihre politische Inklusion steht noch weitgehend an. Zu den Herausforderungen unserer Demokratie gehört, dass es Städte gibt, wo mehr als 40 Prozent der Einwohnerinnen keine politischen Rechte haben.

Stadtwanderer

Soeben ist der grösste Streik in der Schweizer Geschichte zu Ende gegangen. Angeführt hat ihn die Arbeiterbewegung, die angesichts der sozialen Zustände am Ende des Ersten Weltkrieges eine grundlegende Reform des lberalen Staates verlangt hatte. Doch unter dem Druck des Schweizer Militärs geben die Streikenden nach drei Tagen auf, politisch erringen sie aber einen Teilsieg, Denn er liberale Bundesstaat wird auf eine neue Basis gestellt.

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Hotel Bern, wieder Volkshaus genannt, war der Gründungsort der Sozialdemokratischen Partei.

1919 wurde mittels Volksinitiative das Proporzsystem für die Wahl des Nationalrats eingeführt. Damit verteilten sich die Sitze in der Volksvertretung erstmals verhältnismassig zur Parteistärke. Die FDP verlor sofort ihre Mehrheit im Nationalrat. Das Parteiensystem entwickelte sich vom Zwei- zum Mehrparteiensystem. Die SP stieg in kurzer Zeit zur grössten Partei auf und vertrat die Arbeiterbewegung im Staat. Später kam die BGB hinzu, welche die Bauern und Gewerbler repräsentierte. Im neuen Parteiensystem sind damit nicht nur regionale und kulturelle Auffassung organisiert wie noch im 19. Jahrhundert, sondern auch gesellschaftliche Interessen.
Doch sind wir kein wirklicher Parteienstaat wie in anderen Demokratien geworden. Die Macht der Bürger bleibt dank Volksrechten und einer besonderen Form des Proporzwahlrechts. Wir wählen nicht nur eine Partei. Vielmehr bestimmen wir auch die Politiker, indem wie missliebige Vorschläge streichen resp. bevorzugte Bewerber doppelt aufschreiben können. Wir können sogar Parteifremde auf die Liste nehmen. Das hat das Definitionsmonopol der Parteien geknackt.

Bei der Gründung des Bundesstaates sind wir dem amerikanischem Vorbild gefolgt. Wir haben ein Regierungs/Oppositionssystem eingeführt. Nie haben wir jedoch den Bundesrat in einer Direktwahl bestimmt. Deshalb sind wir auf Bundesebene auch kein präsidentielles Regierungssystem wie die USA. Wir haben aber auch kein parlamentarisches Regierungssystem wie Grossbritannien. Dafür fehlt bei uns die Möglichkeit, dass das Parlament die Regierung abberufen kann. Und wir haben auch keine Möglichkeit der Parlamentsauflösung durch die Regierung.
Die Politikwissenschaft klassiert die Schweiz als Regierungssystem mit einer versammlungsabhängigen Exekutive, die als Kollektivbehörde funktioniert. Das alles verweist darauf, dass es auf die Ideen der französischen Revolution beruht. Individuell wirken können unsere BundesrätInnen nur in ihrem Departement und bei untergeordneten Entscheidungen. So sind sie halb Direktoren wie in Frankreich 1795 und halb Minister, wie das die meisten Regierungen kennen.
Weltweit ist das Modell ein Sonderling.

Kontrolliert wird unsere Regierung namentlich durch die Volksabstimmungen. Die haben nicht nur eine unmittelbare Wirkung, auch eine mittelbare. Kurz: Demokratie wird bei uns nicht durch den Wettbewerb um die Macht getrieben, sondern durch Verhandlungen zwischen relevanten Minderheiten.
Das entstand in zwei Schritten: zuerst 1874, weil die Freisinnigen zwar die Mehrheit im Parlament hatten, aber mit dem Veto der Minderheit, dem Referendum rechnen mussten; dann nach 1919, weil sie mit dem Proporzwahlrecht die auch die Parlamentsmehrheit verloren.
Seither verhandelt man nicht nur in der Sache, sondern auch über die Machtverteilung. Entscheidend ist die Parteienstärke. Man nennt das auch Proporzdemokratie. So hat die Politik eine bemerkenswerte Integration sozialer Gruppen geschafft. Begründet von reformierten, liberal gesinnten Bürgertum, kam die die Katholiken, Bauern, Gewerbler und Arbeiter hinzu.
Am besten zum Ausdruck kommt unser Proporzdenken bei der Wahl des Bundesrats, auch wenn es weitgehend ungeschriebene Regeln sind. Seit 1848 waren stets 2 Sitze für die Sprachminderheiten reserviert. Lange gab es auch eine Konfessionsklausel, denn sie Katholiken hatten ebenfalls zwei garantierte Sitze. Die Sprachminderheiten haben aktuell 3 von 7 Sitzen, die Katholiken ebenso.
Die SP stellt seit 1959 stets 2 von 7 BundesrätInnen. Nicht akzeptiert haben, für Bundesratswahlen eine Frauenquote einzuführen.

Am wenigsten ins Konsenssystem integriert ist die Volksinitiative. Sie ist das Gegenteil. Denn neben der Konsensfindung tut es der Schweiz gut, auch Dissens zuzulassen. Die Annahmechancen der meist radikal formulierten Initiativen sind aber gering. 9 von 10 werden in der Volksabstimmung abgelehnt. Bei Referenden ist die Bilanz rund 50:50. Referenden sind eine Bremse geblieben, Volksinitiativen sind aber der Motor.

Volksabstimmungen sind zwar Kampfplätze auch in der Konsens-, Verhandlungs- oder Proporzdemokratie. Aber sie sind auch Momente des institutionellen Lernens. Parteien verhandeln, damit es kein Referendum gibt, Behörden können Initiativen auch einen Gegenvorschlag gegenüberstellen. Und 4 von 10 Initiativen zeigen, auch wenn sie abgelehnt werden, Folgen in der Gesetzgebung.

Stadtwanderer
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Soeben hat sich in Bern die Tagsatzung aufgelöst. Seit dem späten 14. Jahrhundert war sie, mit einem Unterbruch während der Helvetischen Republik, die einige gemeinsame Institution der Eidgenossenschaft. Nach 50 Jahren mit grossen Wirren findet die Schweiz nun zu einer gültigen und stabilen Staatsform, dem liberalen Bundesstaat gegründet.

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Blick auf die Berner Altstadt, vom Platz aus, wo die letzten Todesurteile im Kanton Bern ausgesprochen wurden.

Der Bundesstaat hat neu fünf Organe: das nationale Volk mit dem Nationalrat als Volksvertretung, der Gesamtheit der gleichberechtigten Kantone mit dem Ständerat als Kantonsvertretung, dem Bundesrat als Regierung, gewählt von beiden Parlamentskammern, und dem Bundesgericht, das ebenfalls vom Parlament gewählt wird. Bis heute ist das die institutionelle Grundstruktur der Schweizer Eidgenossenschaft. Etabliert haben sich so die zentralen Institutionen, welche die Aufklärer gefordert hatten, die während der Helvetischen Republik ein erstes Mal eingeführt wurden, sich aber nicht bewährt hatten-

1848 gab es in Europa zahlreiche liberale und soziale Revolutionen. Ueberall setzten sich früher oder später monarchistischen Kräfte durch, ausser in der Schweizerische Eidgenossenschaft. Hier siegte erneut die Republik. Unser Gemeinsames ist aber nicht die Kultur, die trennt uns, wegen den Sprachen und den Konfessionen. Wir sind, was die Staatsrechtler und Politologe heute nennen, eine Staatsnation, zusammengehalten von einem Verfassungspatriotismus. Doch musste sich der erst noch entwickeln.

Ueber die erste Bundesverfassung wurde in der ganzen Schweiz abgestimmt. Das Stimmrecht hatten die erwachsenen Männer. Eine klare Mehrheit der Stimmenden war dafür, auch eine der Kantone. Man hatte aber darauf verzichtet, dass alle Kantone zustimmen mussten.
Nach der Abstimmung standen die ablehnenden Kantone vor einer schwierigen Frage. Sollten sie die Verfassung anerkennen, wie es die Demokratie verlangte, oder sollten sie sie ablehnen, weil sie souverän nein gesagt hatten?
Diese Frage spaltete die Opposition. Uri, Schwyz und Unterwalden verharrten in ihrer souveränen Ablehnung. Die Mehrheit musste sie zwingen, Teil der heutigen Schweiz zu werden, was einer Revolution gleich kam. Die Genötigten bockten ein halbes Jahrhundert lang; sie bildeten den Kern des katholisch-konservativen Ghettos.

Demokratie bemisst sich aber nicht nur an neuen Institutionen. Sie wird auch von geteilten Werten getragen. Beispielsweise von der Abschaffung der Todesstrafe. Begründet wurde diese Forderung von den Aufklärern, welche die Würde des Menschen erfanden und verlangten, auch der Staat dürfe sie nicht einschränken.
Die erste Bundesverfassung untersagte die Todesstrafe erst für politische Vergehen, die zweite von 1874 verbot sie dann generell. 1879 liess man auf Druck der konservativen Kantone Abweichung im kantonalen Strafrecht nochmals zu. Die meisten ausgesrochenen Todesstrafen wurden aber nicht mehr vollzogen, vielmehr begnadigte man die Verurteilten. Die letzte zivile Hinrichtung fand 1940 ausgerechnet in Sarnen statt, dem Zentrum der konservativen Opposition gegen die liberale Demokratie.

1872 drängte sich eine erste Totalrevision der Verfassung von 1848. Im ersten Anlauf scheiterte sie an der Opposition von Konservativen und den Sprachminderheiten. Im zweiten Anlauf 1874 passierte eine modifizierte Fassung, es verschwand die Opposition der Sprachminderheiten weitgehend.
Die neue Verfassung brachte demokratiepolitisch zwei wichtige Neuerung mit sich. Zuerst wurden die Branchenorganisationen der Wirtschaft als Gesprächspartner der Staates anerkannt. Der erste Schritt zum Korporatismus mit Kooperation der Wirtschaftsvertretungen wurde so gelegt. Dann wurde das Verfassungsreferendum eingeführt, Die Kantone kannte es schon länger, und sie hatten damit gute Erfahrungen gemacht.
1891 kam die Verfassungsinitiative dazu. Damit war das Set an Volksrechten, wie wir sie heute noch haben, komplett. Eine Gesetzesinitiative haben wir auf Bundesebene bis heute nicht.
Den Stimmberechtigten kommt via Volksinitiative sehr wohl eine Initiativfunktion zu. Gegenüber der direkten Volksgesetzgebung haben wir uns nicht geöffnet. Es bleibt, bei der Veto-Funktion des Referendums.

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Soeben hat Paris die “Glorreichen Drei” erlebt. Gemeint sind damit die drei Tage Ende Juli 1830, während denen die wiederhergestellte französische Monarchie erneut gestürzt wurde. Man nennt das auch die zweite französische Revolution oder die bürgerliche Revolution, denn revolutionär gesinnt war nun das Pariser Grossbürgertum, das Frankreich drängte, die Industrielle Revolution wie in Grossbritannien anzugehen.

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Blick auf die Kirchen- und Gemeindedirektion des Kantons Bern – symbolisch für die Dezentralisierung der alten Republik als Voraussetzung der Demokratisierung

Schon im Juni 1830r hatten die Tessiner Liberalen ihre Revolution durchgeführt. Gegen das restaurative Regime von 1815 verlangten sie das Oeffentlichkeitsprinzip, die Volkswahl des Parlaments, das Verfassungsreferendum und die Pressefreiheit.
Diesmal sprang der Funke auch im Mittelland. Es bildete sich der 7er Bundes der fortschrittlichen Kantone, die ebenfalls nach einer Erneuerung ihrer Verfassungen im liberalen Sinne drängten. Bis Mitte 1831 war man soweit. Doch bildete sich mit dem Sarner-Bund ein konservatives Gegenstück in den Innerschweizer Orten.
Die angestrebte Revision des Bundesvertrags von 1815 misslang angesichts der inneren Polarisierung. In der Tagsatzung stimmten die Konservativen dagegen, weil sie nichts wollten, und viele Liberale waren im Nein, weil sie weiter reichende Reformen verlangten.

Die Liberalen setzten in den regenerierten Kantonen erstmals systematisch die repräsentative Demokratie durch. Um das zu ermöglichen, braucht es zusätzlich eine Dezentralisierung des republikanischen Staatskörpers. Erfunden wurde jetzt die Gemeinden, und die Städte, vormals mit Vorrechten ausgestattet wurden auch zu Gemeinden degradiert.

Gegen die Demokratisierung durch die Liberalen gab es Kritik aus zwei Richtungen:
Im Kanton St. Gallen verlangten 1831 die Konservativen das Veto mit der Begründung, man müsse Parlamentsentscheidungen hinsichtlich des Volkswillens überprüfen können. Dieses Veto übte einen Kommission, die nur ja oder nein zu Parlamentsentscheidung konnte. Massgebliche Basis war das Volksempfinden, das allerdings auf Interpretation basierte. Man erkennt darin eine Vorstufe des heutigen Referendums. Doch wurde es nicht von Bürgern ausgeübt, sondern von einem Gremium.
Umgekehrt motiviert war die Kritik der Radikalen in der Waadt. Sie argumentierten, die Bürger sollten selber Gesetze machen dürfen. So wurde 1845 die Initiative geboren, mit denen erstmals auch Bürger Verfassungs- und Gesetzesvorschläge machen konnten. Erfinder war Henry Druey, ein Jurist, der bei Hegel in Berlin studiert hatte, danach Regierungsrat in der Waadt und schliesslich Mitglied des ersten Bundesrates wurde.

Die Regeneration, wie man die liberale Bewegung gegen die Restauration in der Schweiz nennt, wäre ohne die Kantone, die Napoleon 1803 geschaffen hatte, kaum möglich gewesen. Zu denen gehörten die Prioniere der repräsentativen wie auch der direkten Demokratie, namentlich das Tessin, der Kanton St. Gallen und die Waadt. Sie beflügelten die Liberalen in den alten Stadtkantonen, die grösstenteils den demokratischen Neuerung anschlossen. Nur die Kantone Landsgemeinden widersetzen sich. Die bildeten 1846 den Kern eines Sonderbundes. Gegen den intervenierten die Liberalen militärisch. Sie gewannen nach einen dreiwöchigen Bürgerkrieg die Oberhand im ganzen Land. Jetzt war der Weg für den liberalen Bundesstaat. Die Verfassung war schnell gemacht, denn sie basierte auf den Ideen der Regeneration, die sich anfangs der 1830er Jahre noch nicht durchgesetzt hatten.
Die Oeffentlichkeit, die diesem grossen Schritt in der Demokratiegeschichte führte, war noch weitgehend kantonal. Basis bildeten die Wirtshäuser, in denen konfessionell geschieden politisiert wurde. Ansätze einer nationalen Oeffentlichkeit bildete sich über Vereine und Feste, so die Schützen und Turnfeste, im Freien ausgetragen und von viel Volk besucht. Erneut war es das vormals franzosenfreundliche, jetzt bürgerliche Aarau, das da vorausging.

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Soeben ist der Wiener Kongress zu Ende gegangen. Dabei wurde Europa für die Zeit nach Napoleon neu geordnet. Die Schweizerische Eidgenossenschaft bekam neu Genf, Wallis und Neuenburg sowie das Fürstbistum Basel, dem Jura. Im Westen grenzen wir nun an Frankreich, im Süden an Piemont, im Norden und Osten an den Deutschen Bund. Alle waren Monarchien, wir blieben eine Republik, vorzugsweise Freistaat genannt, um nicht mehr der revolutionären Republik im Banne Frankreichs verwechselt zu werden.

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Haus der Philosophen. Hier wohnte unter anderen Georg Hegel, Hauslehrer der Familie von Steiger, um an seiner philosophischen Doktorarbeit zu schreiben.

Die europäische Epoche von 1815 bis 1848 heisst “Restauration” – Wiederherstellung. Das grosse Thema war die legitime Herrschaft.
Der Begriff stammte vom Berner Staatsdenker Karl Ludwig von Haller. Er galt als Reaktionär, einer, der auf die Aktionäre, die Veränderer, reagierte.
1817 veröffentlichte er ein Buch unter dem vielsagenden Titel “Restauration der Staatswissenschaft oder Theorie der des natürlich-geselligen Zustands dem künstlich-bürgerlichen entgegengesetzt”. Das war auch sein Programm: eine gründliche Abrechnung mit der bürgerlichen Gesellschaft, welche die französischen Revolution befürwortet und den traditionellen Staat zerstört hatte.
Bei von Haller blieb nur noch der souveräne Herrscher bestehen, den die göttliche Ordnung ausersehen hatte. Naturrecht, Volkssouveränität, Verfassungsdenken und Menschenrechte schickte er dagegen ins Pfefferland. Sein Staat war keine moderne Republik, dafür ein Patrimonialstaat, basierend auf Tradition, geführt von Aristokraten, die sich militärisch bewährt hatten und so zum Staatsdienst in der Verwaltung gefähigt waren. Parlamente und unabhängige Gerichte brauchte es in seinem Weltbild nicht.

Auch in Bern herrschten die Patrizier wieder, allerdings umgeben von neuen Institutionen. Stadt und Kanton waren mit der Mediationsakte getrennt worden. Der Kanton verlor die Waadt und den Aargau. Dafür bekam man das Fürstbistum Basel. Darauf hätte man gerne verzichtet, denn die Menschen waren katholisch, gewohnt, von einem absolutistischen Bischof durchs Leben geführt zu werden. Der Wiener Kongress hatte das mit Absicht gemacht, denn er wollte eine Herrschaft jenseits von Konfessionen etablieren. Soviel Aufklärung war trotz Restauration geblieben.

Grosser Gegenspieler von Hallers unter den Staatswissenschaftern von damals war der deutsche Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel. Auch er hatte in Bern gelebt, sogar im früheren Hause des Grossvaters von Hallers. Nicht mehr das Streben nach Gott solle die Politik leiten, denn der Fortschritt entstehe aus dem Kampf zwischen These, Antithese hin zu einer Synthese, war seine bahnbrechende Erkenntnis. Die Aufklärung war für ihn eine These, die Revolution eine Antithese. Im Liberalismus sah er eine Synthese, denn der verband das idealistische Menschenbild der Aufklärer mit der Zerstörung überkommender Strukturen, wie es die Revolutionäre gemach hatten Das war fundamental gegen von Hallers göttlicher Legitimationslehre gewendet.
In Berlin wurde Hegel Professor für Philosophie an der neuen Humbolt-Universität. Er glaubte, der preussische Staat sei die Vervollkommnung des Weltgeistes resp. des Fortschrittes, quasi das Ende der Geschichte. Die Idee übernahm sein gedanklicher Nachfolger Karl Marx, für den der Kommunismus das Ende der Geschichte darstellte. Und in der Gegenwart hat Hegel im Politologen Francis Fukuyama einen Nachahmer gefunden, der nach dem Fall der Sowjetunion erneut das Ende der Geschichte ausrief, nun, mit der liberalen Demokratie als unübertrefflicher Regierungsweise.

Hegel sagte von sich, seine wesentliche Gedankengänge hätte er bereits 1796 in den Berner Alpen entwickelt. Zu Lebzeiten faszinierte er in Berlin Studenten aus halb Europa, auch in der Schweiz. Dies sollten für unsere frühe Demokratie-Entwicklung entscheidend werden.

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Soeben haben französische Truppen die Eidgenossenschaft erobert. Die Franzosen nennen uns jetzt die Helvetische Republik. Erinnert wurde so an ein gallisches Volk in vorrömischen Zeiten. Zusammen mit der und der Batavischen Republik in Holland wollte Napoleon Bonaparte da moderne Musterrepubliken für Europa formen. Der Start war verheissungsvoll, doch dann geriet das Projekt ins Stocken, und es endete im Desaster.

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Das Berner Rathaus, und Ort wo die revolutionären Truppen Frankreichs demonstrativ den Freiheitsbaum aufpflanzen.

Die Helvetische Republik bekam 1798 eine Hauptstadt: Aarau, eine ehemalige Untertanenstadt Berns, die sich besonders franzosenfreundliche verhalten hatte. Sie erhielt auch eine Flagge, eine Trikolore aus Gelb, Grün und Rot. Und es entstanden Institutionen, wie sie die Aufklärer in Frankreich gefordert hatten, das Ancien Regime aber nie eingeführt hatte.

In Urgemeinden wählte man nun die Wählmänner der Kantone. Die wählten das Parlament, das aus zwei Kammern bestand: dem Grossen Rat, der Gesetze erarbeiten sollte, und dem Senat, der sie beschlossen sollte. Gemeinsam wählten beide Parlamentskammern ein Direktorium. Das Parlament wählte auch den Obersten Gerichtshof, das erste gemeinsame Gericht der Eidgenossen.
Aus der Franzosen waren wir jetzt kein Sammelsurium der 13 alten Orte mehr, nein, wir waren eine Nation!
Doch das funktionierte nur 2 Jahre. Dann stürzte General Bonaparte nach dem verlorenen Aegyptenkrieg das Direktorium, machte sich zum Konsul und rief aus: “La révolution est finie”. Nun begann die Entwicklung hin zu einer Diktatur Napoleons, die im neuen Empire endete.
Auch in Bern wurde die franzosenfreundliche Regierung, patriotisch genannt, weil begeistert von der “patrie”, mit einem ersten Staatsstreich abgesetzt. Nun kamen Republikaner an die Macht. Sie wollten den Einheitsstaat, aber unabhängig von Frankreich. Zudem sollte das Wahlrecht revidiert: die in Ansätzen demokratischen Rechte, erteilt von den Franzosen, sollten auf vermögende Städte reduziert werden. Angedacht war ein Zensuswahlrecht. Wer zahlt, befiehlt!

Eine Einigung in der Verfassungsfrage gab es nicht, nicht zuletzt weil die nun aufbegehrenden Föderalisten der alten Orte den Einheitsstaat ganz abschaffen wollten. Napoleon intervenierte, er liess über eine Verfassungen mit einem Kompromiss abstimmen. Es war die erste landesweite Volksabstimmung: 72000 stimmberechtigte Männer waren dafür, 92000 dagegen. Die Franzosen sagten: “La constitution est acceptée.” Sie verstanden die Abstimmung als Veto. Es zählte nur, wer gegen sie war. Alle die nicht gestimmt hatten waren wie die Befürworter dafür. “Il semble qu’il sont en concensus avec Nous” hält das Protokoll fest.
Es brach ein Bürgerkrieg aus. Die Föderalisten verdrängten die Franzosen bis nach Lausanne. Napoleon intervenierte nochmals und erliess die Mediationsverfassung, mit der er den Föderalisten nochmals entgegenkam. Abstimmen liess er diesmal nicht mehr.

Das neue Parlament bestand aus der Tagsatzung, welche die Kantone bestimmten, wie das schon vor der Revolution gewesen war. Die Regierung war kein Direktorium mehr. Es bestand aus einem Landammann und zwei Stellvertreter, die sich jedes Jahr in der Leitung abwechselten. Rotiert wurde auch die Hauptstadt, die immer da war, wo der Landammann herkam. Dahinter etablierten die Franzosen einen Kanzler, die Spitze der Einheitsverwaltung. Der Kanzler war fix und nahm die Verwaltungsakten stets mit, wenn der Landammann wechselte.
Neu war aber, dass die Kantone nun gleichgestellt. Zu den 13 alten Orten kamen jetzt 6 Kantone vom Geist der Revolution geprägte neue Kantone.
Die Schweizerische Eidgenossenschaft, wie wir seither heissen, mussten dem Franzosen Söldner liefern. Mit Napoleon gewannen wir Schlachten, wie ihm verloren wir sie auch. 1813 ist die Franzosenherrschaft vorbei. 1815 sollte der Wiener Kongress alles neu ordnen.

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Soeben sind die Konfessionskriege nach fast 200 Jahren zu Ende gegangen. Es herrscht Parität. Führend sind aber zwei reformierte Orte, Bern und Zürich. Was jetzt kommt, nennt man das Ancien Regime. Es könnte auch das gesellige Jahrhundert heissen. Jedenfalls wenn man in Bern zum streng reformiert eingestellten Patriziat gehört. Für Gewöhnliche kann es unangenehm werden.

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Ecke Kreuzgasse/Gerechtigkeitsgasse, wo während Jahrhunderten vom Schultheiss über Leben und Tod geurteilt wurde.

An der Spitze des bernischen Republik stand ein starker Schultheiss. Er regierte die Stadt und ihrer Untertanen paternalistisch. Man war gütig, solange die Bauern schwiegen, man konnte herrisch werden, wenn sie aufmuckten.
Gewählt wurde der Schultheiss vom Kleinen Rat. Den wiederum wählte der Grosse Rat. Und den bestimmt zum einen der Kleine Rat, zum andern 16 Wahlmänner, die aus der vier Stadtquartieren ausgelost werden.
Das war eine sich selber regierende Oligarchie, seit der Unabhängigkeit vom Kaiserreich Reich als Burgergemeinde organisiert und gegen Migraten hermetisch abgeschlossen. Nur wer einen Stammbaum hatte, gehörte zu den Bürgern, und die unterschieden sich nach feinen Distinktionsmerkmalen in zahlreiche Schichten.
Der Schultheiss wechselte jedes Jahr. Der Grosse Rat wurde ungefähr alle 10 Jahre ergänzt, wenn zu viele der Patriarchen gestorben waren. Effektiv regierte der Schultheiss nur mit einem Teil der Kleinräte, dem Geheimrat.

Das Oeffentlichste im Stadtleben waren Hinrichtungen von Mördern und Räubern. Verurteilt wurde man von Schultheissen mitten in der Stadt. Gerichtet wurde dann ausserhalb – entweder durch Köpfen, durch Hängen oder Ertränken. Am schlimmsten war das Rädern. Die Toten blieben danach eine Weile ausgestellt, als Abschreckung für Zuwanderer, die gegen das Gesetz verstossen sollten.
Samuel Henzi war einer sogenannten Delinquenten. Er gehörte nicht zu einer regierungsfähigen Familie, aber er schrieb Theaterstücke im Geist der aufgeklärten Franzosen. Zum Beispiel eines über Wilhelm Tell, einem Freiheitshelden in der Innerschweizer Legende. Doch formte er ihn um. Er wird zum Ankläger der zerfallenden Moral, namentlich im zwischengeschlechtlichen Verhalten. Das war zu viel. Er wurde zum Tod verurteilt und hingerichtet. Die Intellektuellen in halb Europa waren entsetzt, über die Rückständigkeit der Berner Aristokraten.

Oekonomisch ging es der Eidgenossenschaft gut. Sie hatte kein stehendes Herr, verkaufte aber Söldner beispielsweise an die Frankreich. Das so gemachte Geld investierte man an der Börse in Amsterdam oder in Ländereien in den neuen Kolonien. Historiker nennen das den unternehmerischen Domänenstaat. Sein Vorteil: keine Steuern, nur Abgaben auf Landwirtschaftsprodukten, die man verkauft hatte. Davon lebten die Patrizier. Sein Nachteil: binnenbezogen und selbstgenügsam.

Doch dann brach 1789 in Paris 1789 die Revolution aus. Aus der absolutistischen Monarchie wurde eine konstitutionelle. Aus der ging bald eine Republik hervor und die gleitete in das gefürchtete Regime der Jakobiner. Erst 1795 normalisierte sich die Lage mit einem bürgerlich geprägten Direktorium.
Von dem sollte die alte Eidgenossenschaft lernen. So viel sei jetzt schon gesagt: Institutionell werden die Ansätze für unsere Institutionen gelegt, die heute die Demokratie repräsentieren. Demokratisch war die Franzosenzeit im heutigen Sinne nicht.

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Soeben ist Bern als Stadt gegründet worden. Damit wollten die Herzöge von Zähringen den Aareübergang sichern. Der war für die geplante Strasse durch das westliche Mittelland wichtig. Mit der wollten sie zwischen Rheinfelden und Lausanne Rhein und Rhone verbinden. Der Plan war für damalige Verhältnisse grossartig, aber er scheiterte am Wiederstand des Bischofs in Lausanne. Geblieben sind aber die zahlreichen Raststädten auf dem Weg aus denen mittelalterliche Städte werden.

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Zähringerbrunnen in Bern, an den Stadtgründer Ende des 12. Jarhrunderts erinnernd

Mit dem Aussterben der Zähringer 1218 wird Bern Königsstadt. 1415 wird sie Reichsstadt im Kaiserreich. Man wurde damit ein Stand, der selber entscheiden durfte, ob, für oder gegen wen man Krieg führen solle. Formal blieb das bis 1648 so.
Die Stadt Bern steigt im Mittelalter zu einem der führenden Stadtstaaten im Kaiserreich auf. Das war ausser in den Hansestädten und in Venedig unüblich Denn eine mittelalterliche Stadt ist ein Rechtsbezirk, der die Stadtbewohner vor dem Landadel rund herum schützte.

Die spezielle Geschichte kam so:
Erster wichtiger Einschnitt war die Pest. Sie erreichte Bern 1348/9. Viele Menschen starben. Bern entfremdete sich vom König und entwickelte einen Plan B. Man schloss sich anderen Städten in der Innerschweiz an, die sich zu einer Schwurgemeinschaft zusammengeschlossen hatten. Damit wollte man sich in unsicheren Zeit gemeinsam des Recht sichern.
Noch einmal versuchte der Kaiser Bern an sich zu binden. 1365 bekam Bern herzögliche Rechte und wurde eigentlicher Landesherr im Aaretal. Die Entscheidung fielt Ende des 15. Jahrhunderts. Die Eidgenossenschaft, gleitet von einer Tagsatzung, führte Krieg gegen die Nachbarn, siegte, bekam vom Kaiseraspiranten Autonomie zugesichert. Sie mischte sich in Italien in den Krieg der Venezier und Frankreichs gegen den Papst ein – und verlor. Damit brach die Einbindung in Kaiserreich zusehends auf.

Die Reformation brachte den zweiten Einschnitt. Die Spaltung zwischen Neu- und Altgläubigen lähmte das Land. Selbst die Tagsatzung traf sich zwischen Katholiken und Reformierten getrennt. Die Expansion stoppte Mitte des 16. Jahrhunderts.
Im grossen europäischen Krieg von 1616 bis 1648 verhielt sich die Eidgenossenschaft neutral. Am Ende nahm uns der Westfälische Friede vom Kaiserreich aus. Wir waren nun einen eigene Republik, wenn auch im Schatten Frankreichs.
Der Corpus Helveticum bestand aus 13 souveränen, lose miteinander verbundenen Orte und eine Reihe von Untertanenorten. Souverän waren 7 Stadtaristokratien und 6 Landsgemeindeorte. Von den Stadtaristokratien wurden 4 patrizisch geführt, sprich von reichen Landbesitzern, drei zünftisch, mit reichen Gewerblern an der Spitze.
Nach vier Konfessionskriegen schloss man 1712 Frieden. Die Reformierten sahen sich aber an der Spitze der Entwicklung. Das war die Republik. Demokratie war für sie etwas Hergebrachtes, abgeleitet aus den mittelalterlichen Volksversammlungen in den Länderorten.

Die Französische Revolution sorgte für den dritten Einschnitt. Sie brachte das moderne Staatsdenken in die Eidgenossenschaft, die so wenig dafür vorbereitet war. Deshalb hatte Napoléon zuerst ein leichtes Spiel. Halb Europa hat er neu geordnet, die katholische Kirche dazu. Gescheitert ist er aber am föderalen Denken, der ältesten Staatstradition der Eidgenossen.
Dennoch hat die nachfolgende Staatenbildung bis hin zum Bundesstaat stark beeinflusst. Geändert hat sie auch das Verständnis von Demokratie. Denn die Demokratie des 19. Jahrhunderts basiert im wesentlichen auf den Ideen der Aufklärung, der Revolution und des Liberalismus. Ihre Realisierung wurde zur Basis für den heutigen Bundesstaat.

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Weiter zu Teil 2.
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Ich habe meine Demokratie-Tour durch die Stadt Bern neu gestaltet. Am kommenden Dienstag ist die erste Führung. Zu den Neuerungen zählt beispielsweise eine Station zum Zusammenhang zwischen Todesstrafe, Zivilisierung und Demokratie.

Die Forderung, die Todesstrafe abzuschaffen, geht auf die Aufklärung im 18. Jahrhundert zurück. Diese entwickelte den Gedanken der Würde des Menschen, die unantastbar sei. Ein aufgeklärter Staat müsse das respektieren.

In der Schweiz ist die Abschaffung der Todesstrafe eng mit der Entstehung des liberalen Bundesstaat verbunden. Allerdings nur schrittweise: Mit der ersten Bundesverfassung von 1848 wurde die Todesstrafe für politische Verbrechen verboten – 1874, mit der zweiten, dann generell.
Noch regte sich in katholisch-konservativen Kantonen Widerstand, sodass man nach 5 Jahren die Todesstrafe im kantonalen Strafrecht wieder zuliess. Die meisten ausgesprochenen Urteile wurde jedoch in Begnadigungen umgewandelt. Die letzten Hinrichtungen waren im Zweiten Weltkrieg.
1942 hält das erste Schweizerische Strafgesetzbuch fest, die Todesstrafe sei verboten. Seit 1992 steht das auch für das militärische Strafgesetz. Die geltende Bundesverfassung doppelte 1999 nach.

Im Bern gab es eine Reihe viel diskutierter Todesurteile. Beispielsweise 1749 das gegen Samuel Henzi, einem bürgerlichen Revolutionär, der sich der bernischen Obrigkeit widersetzte hatte und dafür um einen Kopf gekürzt wurde. Aber auch 1847, das gegen Anna Flückiger, der letzten Kindsmörderin, die mit der Todestrafe belegt wurde. Gegen das Urteil gab es zahlreiche Bittschriften für eine Begnadigung durch den Grossen Rat. Doch der belächelte dies als Sentimentalität. Zu den Wortführern der Scharfmacher gehörte auch der bernische Schriftsteller Jeremias Gotthelf.
Das Blatt wendete sich auch hier mit dem Bundesstaat. 1861 kommt es in der Nähe Langnau zu den letzten Hinrichtungen im Kanton Bern. Gleich vier Mörder wurden an einem Tag gerichtet. 15‘000 Zuschauer kamen dafür ins Emmental, was 3 Prozent der damaligen Kantonsbewohnern entsprach. 1866 bereitete der Kanton dem Treiben ein Ende und verbot die Todesstrafe definitiv.

Anders als vielfach behauptet, bedeutet mehr Demokratie nicht mehr Todesstrafen. Vielmehr zeigt die Entwicklung in der Schweiz des 19. Jahrhunderts, dass mit dem Entstehen einer aufgeklärten Oeffentlichkeit das archaische Volksempfinden hinterfragt und schliesslich auch verdrängt wurde.

Michel Foucault, der französische Philosoph meinte in seinem Buch “Ueberwachen und Strafen” 1975, man könne den Grad der Zivilisierung einer Gesellschaft am Umgang mit dem Strafrecht ablesen. Unzivilisiert sei es, ein Urteil öffentlich nicht zu begründen. Zivilisiert sei es, ein Urteil nicht in der Oeffentlichkeit zu vollstrecken.

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Während unserer Weltreise stiess ich in China auf Karten, welche die Ausbreitung der grossen Pest im 14. Jahrhundert zeigten. Für Europa kannte ich die zur Genüge. Bezogen auf Asien waren sie für mich neu. Und sie öffneten mir in vielem die Augen.

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Wirtschaftshistoriker wie William Bernstein behaupteten stets, der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert, der sich vom Schwarzen Meer aus über Europa ausbreitete, habe seinen Ursprung in Asien gehabt. Auf chinesischen Karten fand ich letzten Oktober gute Belege hierfür. Demnach breitete sich die Pest zu Beginn des 14. Jahrhunderts von Südost-Asien (1320) nach Zentralchina (1332) aus, und wütete sie in der Folge auf der Seidenstrasse durch das Herrschaftsgebiet der Mongolen (nach 1332 und vor 1346). Als diese die Goldene Horde die Krim zu eroberen versuchten, warfen die mongolischen Belagerer Kaffa (1346) mit der Pest infiszierte Leichen in die Stadt. Das löste bei den Belagerten Panik aus, und die Händler aus Genua, die für die Versorgung übers Meer zuständig waren, setzten sich in ihr Ursprungsgebiet ab.
Zu spät!, wie man heute weiss, denn auf ihrer Flucht nach Italien brachten die Händler, selbst schon angesteckt, die Pest direkt nach Europa (1347). Für unser Gebiet von Belang war, dass sie sich über Marseille-Lyon-Genf ins Mittelland ausbreitete und da 1348/49 zahllose Opfer forderte.

Ueber die Folgen der Post ist schon viel beschrieben worden: So die Anklage der Juden durch Christen, für die Pest verantwortlich zu sein, was vielerorts zu ihrer Verfolgung führte. So die Bestrafung der Ketzer, die man auspeitschte, weil man hoffte, sie so von ihrer Schuld zu reinigen. Und so die Absetzung weltlicher und kirchlicher Feudalherren, die man beschuldigte, Schutz versprochen zu haben, den sie im Ernstfall nicht einzulösen vermochten.

In der Geschichte Chinas gilt es als ausgemacht, dass die Pest den Niedergang der Yuan-Dynastie auslöste. Die Moral der Bauern sank angesichts der Pandemie, und der Unterhalt namentlich der Staudämme liess rasch nach. Das hatte Ueberschwemmung zur Folge, ebenso Missernten. 1368 war es soweit: Die einheimische Ming-Dynastie übernahm das Land von den mongolischen Herrschern und profilierte sich als Erstes durch den Bau neuer Stauwehr und -dämme, um das Land zu entwässern und es wieder fruchtbar zu machen. Hongwu, der erste Ming-Kaiser, gründete die chinesisch Hauptstadt Nanjing (Frieden des Südens); 1421 erhob einer seiner Nachfolger, Yongle, Beijing (Frieden des Nordens) zur Kaiserstadt und begann, die Chinesische Mauer gegen die Mongolen neu zu errichten.

Weniger geläufig sind die Zusammenhänge zwischen Pest und Herrschaft in Europa. Doch es gibt auch sie. Karl IV., dessen Krönung 1346 durch die Pest gestört worden war, ordnete, nun Kaiser, 1356 mit der Goldenen Bulle das zerfallene Reich neu. Und selbst die Entstehung der Eidgenossenschaft kann auf das geopolitische Grossereignis zurückgeführt werden.Zwar reichen deren Ursprünge im Mittelland bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurück. Ursache war das Nachlassen der kaiserlichen Macht, denn Kaiser Friedrich II. stand mit den Päpsten in einem Dauerstreit. Nicht zuletzt der Vorwurf der Kirche, sich als Kaiser zu wenig um die Abwehr der Mongolen gekümmert zu haben, hatten die Konflikt eskalieren lassen.

Namentlich die (Reichs)Städte im Mittelland und die Reichsländer im Voralpengebiete entwickelten in der Folge ein Freundschaftssystem, um sich bei abwesender Herrschaft von oben das lokale Recht zu garantieren und so den Handel zwischen fremden Orten selbständig zu ermöglichen. Daraus entstanden Bünde unter Nachbarn, die nach der Krise der grossen Pest auf eine neue Basis gestellt werden mussten. Nach 1350 begründeten die regionalen Bündnisse der Waldstädte, der Zürcher und der Berner das 8örtige Bündnissystem, mit dem man sich zu einem stärkeren Zusammenhalt im Bedrohungsfall verpflichtete. Bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts bildete dies die Grundlage, auf der sich die Eidgenossenschaft entwickeln konnte. Mit dem Frieden von Basel (1500) wurde man autonom im Kaiserreich, mit dem Westfälischen Frieden (1648) gar von diesem ausgenommen.

Stadtwanderer

Wer leichte Kost bevorzugt, wird das Buch überfordern. Wer hingegen Eingemachtes mag, wird satt werden. Denn das neue Buch zur Schweizer Migrationsgeschichte nährt Hungrige zum Thema in vorzüglicher Art und Weise.

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Auftakt
“Mulitkulturalität war im Raum der Schweiz schon lange Realität, bevor das Stichwort Gegner und Befürworter auf den Plan brachte”, fassen die Autorinnen André Holenstein, Patrick Kury und Kristina Schulz ihr neues Werk zur Schweizer Migrationsgeschichte zusammen. “Ueberfremdung” in der Jetztzeit sei zwar als indivduell emfundene Zumutung nachvollziehbar, vor dem Hintergrund kollektiver Erfahrungen über die lange Zeit aber unverhältnismässig, schieben die Historikerinnen aus Bern und Luzern nach. Und: “Eine Nation, die derart auf der Integration verschiedener Kulturgemeinschaften basiert, dass sie Mehrsprachigkeit und Kulturkontakt zu ihrer Raison d’Etre und zu einem konstitutiven Element ihrer Identitätsvorstellung erklärt hat, sollte den Herausforderungen der Migrationsgesellschaft relativ selbstbewusst und gelassen entgegenstehen.”

Zweifelsfrei, das ist eine Ansage, die ein Buch in der Gegenwart eindeutig positioniert. Doch geht es den AutorInnen nicht um einen politischen Kampf. Vielmehr streben sie nach Einsichten in die Verflechtungsgeschichte der Schweiz. Sie sind an der Ein- und Auswanderung in den Raum interessiert, der die Schweiz ausmachte, bevor er sie gab, aber auch bestimmt, seit es sie gibt. Damit nicht genug, sie wollen auch mehr über Binnenwanderung wissen, selbst über temporäre Migration, den ohne sie wäre das Bild der Schweiz in Bewegung unvollständig. Kurz, gesucht wird mit diesem Werk eine Art Totalgeschichte der Migration, aus der die Schweiz entsteht, die ein wichtiger Teil von ihr ist und der sie sich nicht entziehen kann.

Thesen und Befunde

Die Lehren aus dem neuartigen Buch fassen die Autorinnen in sieben Thesen zusammen, angereichert durch eine Vielzahl an Befunden, denen man in der knappen Form eines Buchhinweisen kaum gerecht werden kann. Dennoch sei der Versuch der Verdichtung der Verdichtung gewagt!

Erstens: Migration hat eine Geschichte, die weiter zurückreicht als bis in die Zeit der Industrialisierung. Das Bild einer sesshaften Vormoderne gegenüber einer mobilen Moderne ist widerlegt.
Insbesondere die Stadtgründungen und der Landesausbau im Hoch- und Spätmittelalter haben die Migration befördert. Stadt/Land-Bewegungen, saisonale Migration, Heirats- und Erbfolgewanderungen, das Söldnerwesen, Migration nach Missernten und protoindustrielle Wanderungen sind typische Formen der Schweizer Migrationsgeschichte. Was man dabei nicht übersehen sollte: Migration ist dabei kein Unterbruch der normalen Ordnung, sondern die historische Konstante.

Zweitens: Der Raum der Schweiz war zu allen Zeiten an bedeutsamen europäischen und globalen Wanderungssystemen beteiligt und so stets mit dem Rest der Welt verflochten.
Unsere Land war Teil der Siedlungsmigrationen während der ersten Agrarrevolution. Wanderungen begleiteten die Entstehung des Römischen Reich. Auch die Durchsetzung der christlichen Vorherrschaft brachte mit Verfolgungen Migration hervor. Kaufleute und Händler aus Genf oder Zürich liessen in der Neuzeit Europa expandieren. Transatlantische Wanderungssysteme boten verarmten Angehörigen der Unterschichten neue Chancen in Uebersee. Infrastrukturbauten des Verkehrs- und Transportwesens zogen Arbeitskräfte aus ganz Europa an. Seit Neuestem sind wir in die Nord-Süd-Migration mit einem sehr grossem Aktionsradius einbezogen.

Drittens: Migrationsregimes, die den Umgang mit Wanderungen massgeblich bestimmt haben, sind sowohl durch Kontinuitäten und Wandel geprägt.
Konstanz zeigt sich in den Motiven und Normen der Regulation von Migration. Nicht liberale Prinzipien wie in den urbanen Republiken Venedigs oder den Niederlanden waren entscheidend. Stets trieben kollektiv-egoistische Nützlichkeitserwartungen die Wanderungen in die Schweiz an. Verändert haben sich über Zeit die Instanzen, die Migration zuliessen oder abwehrten. Bevor die Schweiz zur Nation zusammen wuchs, waren das engmaschig Lokale massgeblich. Das änderte sich mit dem Bundesstaat. Seither ist die Regelung der Migration ein Tauziehen zwischen Bund und Kantonen. Der Erste Weltkrieg war dabei eine wichtigste Zäsur, welche die offene Ausländerpolitik der Scheiz durch eine restriktive einleitete. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das aufgegeben, um sich international neu zu orientieren.

Viertens: Die Schweiz war nicht immer Zuwanderungsland. Vielmehr drängten verschiedene Ursachen hiesige Menschen immer wieder dazu, das eigene Land zu verlassen.
Hauptgründe für die Auswanderungen waren Armen- und erbrechtliche Regelungen. Klimatische und ökonomische Begebenheiten kamen hinzu. Neuerdings dominiert die Arbeits-, Bildungs- und Karrieremigration die Auswanderung – und die neue soziale Lage, weil etwa das gesicherte Leben im Alter im Inland nicht mehr bezahlbarer ist. Umgekehrt, ohne die Investitionen von Zugewanderten in Wissen und Technik wären viele Entwicklungen im heute wohlhabenden Land kaum denkbar gewesen. Das Skifahren stammt aus Norwegen, die Ovomaltine, unser Nationalgetränk, wurde von einem Chemiker aus Hessen entwickelt, der in Bern zuerst werden heimisch musste.

Fünftens: Die lange Zeit vorherrschende Sichtweise auf Migration als one-way-Bewegungen ist unzureichend. Zahlreich sind die Formen einer räumlich und zeitlich ausdifferenzierten Migration.
Namentlich die zivile und militärische Karriere- und Arbeitsmigration war in aller Regel nicht einfach von Dauer. Doch auch in der Landwirtschaft bewältigte man saisonale Spitzen während der Ernte nur mit Hilfe von Zuwanderungen. Der Kleinhandel wiederum bestand weitgehend aus Hausierern, die im Innern der Schweiz wanderten, und Adelige waren stets auf Knechte und Mägde aus nah und fern angewiesen. Das begründete plurilokale Lebensformen – die es nicht erst seit Easyjet, Skype und Instagram gibt.

Sechstens: Geschlechtsspezifische Aspekte von Migration bleiben nach wie vor unterbeleuchtet – je weiter man in der Geschichte zurückgeht, umso deutlicher.
Wenig bekannt ist die Funktion der Frauen in den Phasen der Siedlungswanderung. Lücken schliessen konnte man bei der temporalen Arbeitsmigration, namentlich wenn Frauen während der berufs- oder kriegsbedingten Abwesenheit ihrer Männer Essenzielles zur Subsistenz der Familie beitragen mussten. Dafür legten sie, bei Eheschliessung oder Erbschaft schon mal grosse Distanzen zurück. Ihren Platz in der Geschichte gefunden haben Migrantinnen im 19. Jahrhundert, als Arbeiterinnen, Studentinnen und als Exilantinnen. Dazu gehört auch das berühmte Welschlandjahr, das zum Bewusstsein der Verschiedenheit der Schweiz Wesentliches beitrug.

Siebtens: Die Rede über die Ueberfremdung aus dem 20. Jahrhundert hat auch im ausländerpolitischen Diskurs des 21. Jahrhunderts an Prägekraft nichts eingebüsst, selbst wenn der Begriff neuerdings gemieden wird.
Bewegungen, Parteien, Initiativen, Kampagnen, behördliche und gesetzgeberische Massnahmen prägen das Migrationsbild der Gegenwart. Ihre Intensität verdeckt die grossen historischen Zusammenhänge bisweilen. Dazu zählen auch die oft verdeckten antijüdischen Ressentiments, die es seit dem Mittelalter gab, die aber bis in die jüngste Geschichte nachwirken.

Fazit
Das Fazit des Buches ist, für HistorikerInnen von heute typisch, unaufgeregt. Verschwunden ist das Klirren der Söldner in den Schlachten Oberitaliens. Versachlicht werden Erfolge und Misserfolge Ausgewanderter in ferne Länder. Und, dem martialischen Ruf der heutigen Politiker gegen Fremde weht der lange Atem der HistorikerInnen entgegen.
Dafür spürt man die Zuversicht der Autorinnen, welche die Herausforderungen der Migration als permanente Chance sehen. Sie schreiben,Gesellschaft und Politik hätten gelernt, Migration zu meistern. Gelungen sei dies durch Selbstbewusstsein und Kooperation. Zu erwarten sei, dass das auch in Zukunft nötig sein werde. Lösungen für anstehende globale Probleme werde man gemeinsam angehen müssen. Gelungene, wie auch misslungene Absprachen zwischen Staaten in der Vergangenheit zu kennen, werde mehr dazu beitragen, die Dynamik kommender Schlüsselmomente einschätzen zu können, als das Kleinklein, das sich am Tagesgeschehen und den Launen der parteipolitischen Wählerschaften ausrichte.
Dabei, so der Rat, solle man nicht vergessen, dass Kosten/Nutzen-Kalküle in der Schweizer Migrationsgeschichte stets die eine überragende Rolle gespielt hätten. Nichts spreche dafür, das aufzugeben. Denn es sei lohnenswert, ökonomische und politische Integration gemeinsam mit humanitärer Verantwortung und übergeordnete Solidarität zu denken. Das setze Identifikation mit dem Ganzen voraus, von dem man so viel profitiere.

Vor meiner Weltreise habe ich meiner Berner Migrationsgeschichte konzipiert und zu einer ganztägigen Tour durch die Stadt Bern ausgebaut. Einiges, was ich im Kleinen recherchiert habe, ist mit beim Lesen wieder begegnet; anderes war mir ganz neu. Damit nicht genug: Seit meiner Weltreise ist mir die Dimensionen der globalen Migration viel bewusster geworden. Genau da liefert das neue Geschichtsbuch neue Einsichten. Es fördert bisher unbekanntes Material aus der Forschungsliteratur zu Tage. Und es prägt mit einer sensationellen Dichte an Vernetzungen von Fakten und Interpretationen das Bild der Migrationsgeschichte der Schweiz neuartig. Ganz nach dem Motto, Migrationsgeschichte ist Verflechtungsgeschichte – Verflechtung von Geschichten, die man neu sehen und erzählen wird. Ein wahrer Wurf, zu dem der Hier&Jetzt-Verlag glücklicherweise Hand geboten hat!

Stadtwanderer

Schweizer Migrationsgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. André Holenstein, Patrick Kury und Kristina Schulz. Verlag Hier und Jetzt, Baden 2018.

Berner Migrationsgesschichte
https://www.stadtwanderer.net/?p=17097: Stadtgründung durch Einwanderer
https://www.stadtwanderer.net/?p=17103 Los der Juden
https://www.stadtwanderer.net/?p=17106: Kriegsdienste mit Folgen
https://www.stadtwanderer.net/?p=17112: Asyl der Hugenotten
https://www.stadtwanderer.net/?p=17118: Arbeitsmigration und soziale Spannungen
https://www.stadtwanderer.net/?p=17123: Das Zeitalter der Globalisierung

Das 20. Jahrhundert brachte der Menschheit zwei Weltkriege, die namentlich in Europa schreckliche Folgen hatten. Nach 1945 setzte sich der Zweite Weltkrieg in Form des Kalten Krieges zwischen Ost und West fort. Den europäischen Westen einigte die Europäische Union und ihre Vorläuferorganisationen schrittweise. Mit dem Ende des Kalten Krieges 1989 setzte die EU dazu an, die europäischen Nationalstaaten in einem grossen Binnenmarkt zu integrieren.

Die Schweiz ist bis heute nicht Mitglied der EU. Sie schaffte auch die Vorstufe dazu, den EWR-Beitritt, nicht. Regierung und Parlament wären vor 25 Jahren dafür gewesen. Das Vorhaben scheiterte jedoch in der Volksabstimmung am Ständemehr klar, am Volksmehr knapp. Um die gemeinsamen Interessen zu wahren, wurden im Jahr 2000 die Bilateralen ins Leben gerufen. Diese fanden die nötigen Zustimmungen beider Seiten.

Den wirtschaftlichen Vorteilen stehen gesellschaftliche Probleme mit der Arbeitsmigration namentlich bei Hochkonjunktur gegenüber. Die Schweiz nahm 2014 die Masseneinwanderungsinitiative der SVP in der Volksabstimmung an und setzte sie 2016 nicht ohne Nebengeräusche EU-kompatibel um. Ungelöst ist auch die Institutionalisierung der Rechtsentwicklung. Die Baustelle bleibt wie auch die Nähe der EU-Botschaft zum CH-Bundeshaus.

Der EU-Beitritt erscheint genauso wenig mehrheitsfähig, wie es die Kündigung der Bilateralen wäre. Es wird einen erneuerten Weg dazwischen brauchen, denn diese Geschichte kennt bisher keinen eindeutigen Sieger und damit auch kein eindeutiges Ende.

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Bern hat neuerdings ein Medienzentrum. Dank der Nähe zur Politik. Entstanden ist es als zentraler Ort für BundeshausjournalistInnen. Früher waren auch sie im Bundeshaus. Nahe bei den Politikerinnen – zu nahe, mahnten viele.
Gleichzeitig verliert Bern gegenwärtig die Hohheit über eigene Zeitungen. “Der Bund” für die Stadt, die “Bernerzeitung” für den Kanton werden gerade in den Tamedia-Mantel Deutschschweiz integriert, deren Chefs die Schweiz von Zürich aus sehen.

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Der Historiker und Medienwissenschafter Roger Blum beschreibt den aktuellen Uebergang als Transforamtion von einem Mediensystem, das auf PublicService-Leistungen wie in Grossbritannien ausgerichtet war, zu einem liberal geprägten, wie man es in den USA kennt. Massenmedien als öffentliche Institutionen verschwinden tendenziell, rein kommerzielle Produkte sind im Kommen.
Polarisierung ist die vorherrschende Darstellungsform. Schwarz-Weiss bestimmt, grau verschwindet. Das bringt auch eine Politisierung der Medien mit sich. Grenzen von Bericht und Kommentar tauen auf. Hinzu kommt die Vermischung von Journalismus und PublicRelation. Der Medienbesitz wird zunehmend privat. Das klassische Verlegertum eordiert, es bestimmt der Medienunternehmer, teils mit, teils ohne politische Absichten. Journalismus bleibt aber gefragt, ein willkommene Bereicherung werden Medien sein, die ganz von Journalistinnen geführt werden.
Entstehen wird ein hybrides oder gemischtes Mediensystem, ganz auf Digitalisierung ausgerichtet, das Unterhaltung und Information anbietet, Internationales und Lokales, Lineares und Unterbrochenes. Aber keine sicheren AbonnentInnen mehr, nur noch flexible NutzerInnen. Optimisten sehen das als Chance für die pluralistische Demokratie, Pessimisten neigen dazu, neue Herrschaftsformen zu betonen. Denn das Netz ist nicht ohne Macht.

Nicht wenig in der Medien-Branche meinen, in 5 Jahre werde man überhaupt kein Geld mehr mit Printjournalismus verdienen können. Wir werden sehen, ob es wirklich ein dead business ist.
In 5 Monaten stimmt die Schweiz über die NoBillg-Initiative ab. Wenn ich von meiner Weltreise zurück sein werde, kennen wir das Ergebnis bereits – und damit die Zukunft der SRG als Kern des ServicePublic-Angebotes!

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Things to remember when getting an admission to the training school

Training schools and colleges worth a lot as they provide all the various kinds of training ns material that professional need in order to get ahead of their profession ad contribute at their best. In Australia, people can surely find lots of schools and colleges that offer high quality training options for the students as well as for the professional who looking to enhance their skill for better capabilities.

There are courses like Diploma of Community Services, Certificate III in Information Digital Media and Technology, Diploma of Work Health and Safety, Certificate II in Business and Retail Management Courses as well as the Advanced Diploma of Leadership and Management and Aged Care Training schools offering professional diplomas and courses that offer higher level training.

There are many things that you must be keeping mind in order to help yourself getting things better and get the training you need, but the most important things you should never forget are:

You should never enroll or opt to enroll in courses which are wide apart as you will be stuck nowhere and may have to manage things that you are not familiar with. In case if you are likely to get more courses you may consider to have enrolled in courses that you like the most, you should consider having the ones which are related or have similar content in them as well as same level and area of training.

As for example if you are going to attend the Business Management Courses, you should be aware that instead of aged care course you must be looking forward to get to the Diploma Of Business Management.

Further you should know that if you have to get to the top level courses you should not hesitate to enroll in the preliminary courses as they would help you learn things better.

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