gegenseitiges misstrauen in bern (napoléon in der schweiz teil 3)

teil 1 der serie: napoléon in der schweiz
teil 2 der serie: napoléon in der schweiz

1797 wurde bern von eine immer dünneren schicht von patrizischen familien regiert. 1643 hatte man beschlossen, den zugang zu dieser schicht erheblich zu erschweren. wer damals nicht berner war, wer sich nicht zum protestantismus bekannte, und wer nicht ein gewissen habliches leben führte, fand keinen zugang mehr zum hiesigen patriziat. die war aber nötig, um in den grossen rat, den senat der bernischen republik, aufgenommen zu werden. und wer nicht grossrat war, war vom politischen leben ausgeschlossen, hatte auch keine möglichkeit, landvogt oder kleinrat zu werden, das heisst, die republik im tagesgeschäft zu vertreten oder den staat auf dem land zu repräsentieren.


das damalige hotel “falken”, wo napoléons kutsche am 23. november 1797 halt machte, ging 1905 ein und dient heute als laden für c&a (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

der bernische senat vorkommt zur oligarchischen gerontokratie

der grosse rat zählte damals maximal 299 mitglieder; ernannt wurde man auf lebzeiten. wenn die zahl durch natürliche abgänge auf weniger als 200 sank, fanden neue wahlen statt. das war meist alle 10 jahre der fall. gewählt wurde aber nicht durch das volk, sondern in einem komplexenverfahren durch die bisherigen mandatsträger. wer zum grossen rat gehörte, versammelte sich in der regel einmal wöchentlich zur ratssitzung im heutigen rathaus. die führung der tagesgeschäft oblag dem kleinen rat, der jeden tag zusammentrat und vom schultheissen geführt wurde.

die zahl der familien, die sich für diese ämter rekrutierten, hatte vor allem im 18. jahrhundert kräftig abgenommen, sodass die regimentsfähigen familien teilweise durch mehrere grossräte vertreten waren. eine eigentliche blutauffrischung blieb jedoch auch, was sich auch politisch auswirkte: das berner patriziat begann sich zusehends abzuschotten: zunächst gegen unbotmässige untertanen, sei dies aus der bauernschaft oder dem bürgertum. dann aber vor allem gegen die französischsprachige minderheit in der waadt.

die gerontokratie, die herrschaft der alten, die der senat repräsentierte, bekam so immer mehr auch oligarchische züge.

der schwache ausfluss der französischenn revolution in bern

ökonomisch gesehen hing bern vor allem vom französischen königreich ab; senkundär war england von bedeutung. den revolutionären umschwung in frankreich hat man indessen wenig verstanden. man hat ihn vor allem als das ende der schweizer garde beim könig erinnert, während die erklärung der menschenrechte, die ausrufung der nation eher wenig wirkungen zeigte. bürgerliche bestrebungen nach gleichstellung in der politik wurden regelmässig abgelehnt und als verschwörungen verschrieben. selbst aufgeklärte patrizier – der universalgelehrt albrecht von haller war einer von ihnen – hatten es schwer, sich in bern gehör zu verschaffen.

einen bescheidensten reformversuch unternahm das bernische patriziat in den 1790er jahren, indem es an der berner akademie ein politisches institut eröffnet. philosophen sollten hier die söhne aus den verbliebenen patrizierfamilien erziehen. zu ihnen zählte insbesondere der theologe philipp albert stapfer, der als einer der drei professoren am institut wirkte. er war ein ausgesprochener anhänger von immanuel kant, und sein kantianismus galt als philosophische übertragung der französischen revolution ins geistesleben. stapfer war in bern denn auch einer der ersten, der positiv auf die umgestaltung der frankreichs im bürgerlichen sinne reagiert hatte, und der sich, als die helvetische revolution 1798 ausbrach, sie ihr als wortführer, politiker und minister auch zur verfügung stellte.

soweit war es an diesem 23. november 1797 aber noch nicht. in bern wartete man auf die ankunft von general napoléon bonaparte, der durch oberst wurstemberger von coppet aus angekündigt worden war. napoléon, seine kutsche und sein husaren befanden sich aber immer noch auf der anfahrt, die sie von lausanne aus auf das plateau der westschweiz und damit auf den harten boden der alten republik gebracht hatte. der empfang war durchwegs anders als noch im arc lémanique.

napoléon bonapartes kurzaufenthalt in der stadt bern

richard feller beschreibt das so:

“Moudon, die alte Hauptstadt der Waadt, blieb still, als Bonaparte eintraf. Vom Schloss Lucens her war Landvogt von Weiss herbeigeeilt, wurde aber nicht beachtet. Payerne rührte sich bei der Durchfahrt nicht. Im freiburgischen Domdidier hielt die Kutsche 8 Uhr morgens vor einer unsauberen Schenke an. Eilig wurde ein Frühstück aus Kaffee und gesottenen Eiern zusammengestellt.

Hier endlich konnten die Berner den General und sein Gefolge im Tageslicht betrachten. Der amtliche Bericht Wurstembergers ist verloren. Aber sein Sohn Johann Ludwig, der sich später als Offizier und Geschichtschreiber auszeichnete, spannte Auge und Gedächtnis und schrieb nachmals nieder, was sich ihm eingeprägt hatte. Bonapartes schlanke Gestalt war in einen blauen Waffenrock mit gesticktem Kragen gehüllt. Stark traten die Züge und der strenge Blick aus dem hageren Antlitz hervor. Die jungen Generale Junot und Marmont, die spätern Herzoge von Abrantes und Ragusa begleiteten ihn. Während er sich mit freundlicher Stimme an Wurstemberger wandte, waren sie wie vom Donner gerührt, wenn er sie anredete.

In Murten machte Bonaparte Halt, um das Beinhaus zu besehen. Er sagte zu seinen Begleitern: «Man wird den Platz mit 2000 Mann besetzen.» Wieder benötigte die Ausbesserung des Wagens Stunden; vielleicht sei es dem General gelegen gekommen, spät in Bern einzutreffen, deutet der junge Wurstemberger an. Er setzte sich zum Imbiss, den ihm Landvogt von Gottrau anbot. Über Tisch bemerkte er zu Wurstemberger, er sei von den Festlichkeiten seit Mailand so ermüdet, dass er sich in Bern nicht aufhalten werde. Die Stadt war ihm ersichtlich unangenehm. Da die französischen Husaren bis auf einen wegen Ermüdung der Pferde zurückgeblieben waren, begleiteten einige berittene Bürger von Murten im Waffenkleid den Wagen.

Ein Eilbote überbrachte am Morgen dieses Tages die Meldung nach Bern, Bonaparte werde im Nachmittag eintreffen. Darnach erfolgten die Vorbereitungen. Im Falken wurde ein Festessen, wurden die Zimmer für Nachtruhe gerüstet, die Begleitdragoner für .den folgenden Morgen aufgeboten. Wie Bonaparte die Höhe von Brünnen erreichte, wurde Geschütz auf der Grossen Schanze gelöst und begleitete ihn mit seinem Donner, als er bei sinkender Nacht durch das Tor fuhr. Das Volk drängte sich in den Gassen; aber keine Begeisterung beflügelte die Neugier, kein Ruf erscholl.

Der Wagen hielt vor dem Falken. Stadtmajor von Muralt anerbot dem General im Namen der Obrigkeit Gastlichkeit im Falken. Doch zu allgemeiner Überraschung lehnte Bonaparte ab; er wollte die Nacht zufahren, sandte Junot ab, dem Schultheissen von Steiger die Aufwartung zu machen, und wartete nur, bis Junot den Befehl vollzogen hatte. Am untern Tor schlossen sich die Berner Begleiter wieder an, die beiden Wurstemberger und statt Augsburger Emanuel Anton von Graffenried von Gerzensee und Geleitsherr Albrecht von Haller, der jüngste Sohn des grossen Gelehrten. Da die Dragonerdeckung erst auf den nächsten Morgen bestellt war, fuhr Bonaparte ohne Geleit ab, noch den letzten grünen Husaren an der Spitze.

Es war die zweite Nacht, dass sich Bonaparte den Schlaf versagte. Unheimliche Vorstellungen suchten seine Einbildungskraft heim. Wie er selber dem Land, das er durcheilte, das Kriegslos zudachte, so quälte ihn die Furcht vor einem englischen Hinterhalt. Bei Jegenstorf erreichte der Zug eine Schar Bauern, die dem Burgerspital in Bern den Zehnten entrichtet hatten und wie üblich bewirtet worden waren. Sie schrien dem General das landläufige Wort nach: «Es bleib’ ein jeder Schelm in seinem Land!» Kurz vor Fraubrunnen rannte Bonapartes Kutsche an einen Steinhaufen und wurde beschädigt. Zu Fuss ging er mit seinen Begleitern nach dem Gasthof Zum Brunnen und holte hier das Nachtmahl nach, das er in Bern verschmäht hatte.

Hier erschloss sich Bonaparte zum ersten Mal, gleichsam erlöst, Bern hinter sich zu haben. Er liess sich von Junot den Besuch beim Schultheissen von Steiger berichten. Dieser war von der ehrwürdigen Erscheinung des Greises, der ihn mit seiner erlesenen Höflichkeit fast in Verlegenheit gesetzt hatte, entzückt. Wie er erwähnte, der Schultheiss trage den schwarzen Adlerorden Preussens, warf Bonaparte ein, er bedaure diese Schwäche eines Mannes, für den er soviel Achtung hege; der Schultheiss einer freien Republik sollte nicht einen fremden Orden tragen, den er nicht mit seinem Blut erworben habe. Er verwickelte Haller in ein Gespräch über die Einrichtungen Berns, von denen er wenig Kenntnis habe, und liess über die Waadt die Bemerkung fallen, es vertrage sich nicht mit den neuen Grundsätzen, dass ein Land über ein anderes herrsche.

Über der Mahlzeit nahte Mitternacht. Bonaparte wurde unruhig, weil keine Dragonerbegleitung zur Stelle war. Der letzte Husar konnte wegen Erschöpfung nicht mehr folgen. Bonaparte aber wollte die Reise fortsetzen, und als ihn Wurstemberger zu beruhigen suchte, entgegnete er: «Ich weiss, dass man mir nach dem Leben trachtet; ich weiss, dass Wickham weder Geld noch Mühe scheut, mich aus der Welt zu schaffen.» Er fühlte sich auf bernischem Boden preisgegeben und fand nach den Berichten der Teilnehmer kein Wort der Anerkennung für Bern. Man brachte einige Bauern zusammen, die in Halblein und weissen Zipfelkappen den General zu Pferd begleiteten.

Um ein Uhr morgens erreichte er Solothurn, wo zu der unerwarteten Stunde nichts für seinen Empfang vorbereitet war. Er verabschiedete die bernischen Begleiter, besonders freundlich den Obersten Wurstemberger. Um zwei Uhr fuhr er weiter, einem grossen Tag entgegen, betrat er doch den Boden des befreundeten Basel. In Bern hinterliess er eine fahle Erinnerung. Er hatte die Stadt über seine Ankunft im Ungewissen gehalten, wie er Feinde irre zu führen pflegte, und wie ein Nachtschatten das Land durchstrichen.”

freunde war nicht gerade geworden. das gegenseitige misstrauen, das zwischen bern und napoléon herrschten hatte aber zu einer distanzierten respektierung geführt. wenigstens für den moment, denn in den ersten märztag des jahres 1798 kamen die französischen truppen in die stadt, um die unbezahlte rechnung napoléons im hotel falken auf ihre art zu begleichen.

stadtwanderer

teil 4 der serie: napoléon in der schweiz

begeisterter empfang in der welschen schweiz (napoléon in der schweiz, teil 2)

teil 1 der serie: napoléon in der schweiz

1797 war die schweiz noch kein mehrsprachiger staat. was heute so selbstverständlich erscheit, die viersprachige schweiz, ist die folge der intervention napoléons, die gleichberechtigung des französishen und italienischen als amtssprache, die anfangs des 19. jahrhunderts erfolgte und die aufnahme des rätoromanischen als landessprache 1937.


das konglomerat der alten eidgenossenschaft am vorabend der reise napoléons durch die schweiz

die konfessions- und die sprachenfrage in der schweiz

napoléon erwies sich als guter kenner der schweiz. seit jugendzeiten schwärmte der korse für das gebiet nördlich der schweiz, aber links des rheines. wie zu zeiten caesars sah er es aber als teil eines grossen galliens, das neu erstehen sollte.

politisch wusste er peter ochs, den basler bürgermeister auf seiner seite, der 1795 im 1. koalitionskrieg den separatfrieden zwischen frankreich und preussen vermittelt hatte. das hatte napoléon erlaubt, in seinem umfeld musterrepubliken entstehen lassen wie die batavische in den heutigen niederlanden. und genau das schwebte ihm auch für die schweiz vor, wo er sich 1797 eine helvetische republik auf revolutionärer basis wünschte..

napoléon hatte begriffen, dass die alte eidgenossensch ein sammelsurium von verschiedensten, gewachsenen staatsformen war: patrizische wie in bern, zünftische wie in zürich, und landsgemeindorte wie in der innerschweiz. seit 1499 war das gebiet autonom vom kaiserreich, seit 1648 von diesem unabhängig. doch es war keine einheit: 13 orte hatten das sagen, und zahlreiche verbündete und untertanen wurden von einer herrenschicht mit vorrechten geführt.

seit der staatswerdung im 16. jahrhundert kannte die alte eidgenossenschaft kannte vier dauerhafte konfliktlinien:

. der gegensatz zwischen flachland und bergland,
. der gegensatz zwischen stadt und land,
. der gegensatz zwischen reformierten und katholischen gebieten und
. der gegensätz zwischen protoindustrialisierten und bäuerlichen regionen.

die vier konfliktlinien verliefen indessen nicht immer gleich, was dauerhafte spaltungen vermied. dennoch war die konfessionelle spaltung die tiefgreifendste; der hauptgrund hierfür war, dass seit der gegenreformation orthodoxe glaubenbekenntnisse auf katholischer wie auch protestantischer seite vorherrschten, welche die konfessionszugehörigkeit der menschen an die der obrigkeit banden.

erst mit der aufklärung im 18. jahrhundert, in der welschen schweiz stärker rezipiert als in der deutschsprachigen, sind diese orthodoxen glaubenbekenntnisse aufgeweicht worden. vor allen auf reformierter seite setzten sich auch pluralistische religiöse vorstellungen, wie man heute sagen würde, durch, welche die basis für neue philosophien und politiken des bürgertums schafften.

napoléons kalkül mit den unterdrückten in der waadt

napoléon wusste, bevor er in die schweiz kam, dass er den religiösen konflikt noch weiter zurückdrängen müsste, sollte aus der schweiz eine nation, eine musterrepublik werden. die verbündeten in seinem plan sah und fand er unter den aufgeklärten protestanten der welschen schweiz; mit ihnen entwickelte er auch den plan, die konfessionsfrage als prägendes element der alten schweizer politik durch die sprachenfrage, die der neue staat auf der basis der gleichberechtigung lösen sollte, zu ersetzen.

angelpunkt hierzu war die waadt: seit 1536 bernisches untertanengebiet, dem orthodxen protestantismus, der bis weit ins 18. jahrhundert gerade in bern regierte, nicht zugetan, schwelte hier die sprachenfrage in besonderem masse. wollten waadtländer etwas werden, mussten sie deutsch können, denn die politik, fand ausschliesslich in dieser sprache statt.

von romandie kann man damals noch gar nicht sprechen: genf, wallis und neuenburg kamen erst 1815 fest zur schweiz, um das gewicht der sprachminderheit zu heben: und der einzige selbständige ort, freiburg, war 1481 nur unter der bedingungen in den bund aufgenommen worden, nachdem eine rabiate germanisierung der burgundischen und savoyischen wurzeln in der amtssprache vorgenommen worden war.

doch die romandie sollte mit napoléon entstehen, und in der musterrepublik das muster abgeben. die unterdrückte bürgerschaft von lausanne kam in frage, allenfalls die von genf; im notfall wäre auch eine kooperation über gemässigte aristokraten in freiburg oder gar in neuenburg in frage gekommen. und so wählte napoléon auch den weg durch ebendiese städte und landschaften, um im november 1797 in die eidgenossenschaft einzufahren, – wenn auch vorerst nur mit einer kutsche und eigenen husaren, um nach rastatt zu gelangen.

der bericht von richard feller

richard feller beschreibt das so:

“Am 22. November betrat Bonaparte bernisches Gebiet. Sein Selbstbewusstsein hatte sich an den Siegen furchtbar geschult; mit unverbrauchter jugendlicher Rücksichtslosigkeit dachte er nur in Eroberungen. Als er in die Schweiz kam, war er schon entschlossen, sie zu erobern, um sich ihrer Alpenpässe zu bemächtigen. Aber auf der Reise blieb das Drohende, Niederwerfende, das vor ihm her ging, blieb das Schauspielerische seiner Grösse stumm. Ihm bangte, auf bernischem Boden einem englischen Anschlag zum Opfer zu fallen; überreizt fuhr er durch das Land seiner Jugendschwärmerei.

In der Westschweiz erwartete man den General mit pochendem Herzen. Man pries den Feldherrn, den Befreier, den Friedenstifter. (…) Anders empfand Bern. Bonaparte hatte seinen spätern Schwager Murat vorausgesandt. Dieser traf am 14. November in Bern ein und zeigte dem Schultheissen von Steiger an, dass Bonaparte in ein paar Tagen durchkommen werde. Lustlos nahm Bern die Nachricht entgegen. Gefühle für den Gefeierten hielten sich im besten Fall die Waage.

Berns Geheimer Rat ernannte den Obersten Wurstemberger zum Reisebegleiter Bonapartes und beauftragte einen Ausschuss, das Nötige für den Empfang vorzukehren. (…) In Coppet, dem Grenzort, wartete Wurstemberger mit seinem Begleiter Augsburger und seinem fünfzehnjährigen Sohn nebst einer berittenen Ehrenwache, um den General im Namen seines Standes zu begrüssen. Doch der Kutscher jagte aus Bosheit gegen Bern, wie es hiess, ohne Halt durch das Städtchen. Die Standespersonen holten den General erst in Nyon ein, wo die Menge die Gasse füllte und Hochrufe ausbrachte. Wurstemberger stellte sich, und Bonaparte erkannte ihn augenblicklich.

Auf waadtländischem Boden begleiteten Pikette von Dragonern und Vasallenreitern, die sich ablösten, den Wagen. Auch Rolle war von Licht und Lust erfüllt; Morges dagegen blieb dunkel und stumm. Umso höher schwoll die Begeisterung in Lausanne, wo Bonaparte nachts 1 Uhr eintraf, von den Bewohnern mit wacher Spannung erwartet.

Der Landvogt Ludwig von Büren, ein alter Offizier aus französischen Diensten, rühmte sich, den jungen Leutnant Bonaparte gekannt und ihm eine Stelle in der Artillerie verschafft zu haben. Er bereitete mit dem Stadtrat einen prächtigen Empfang. Aus allen Fenstern strahlte Licht; das Volk füllte den Weg des Ersehnten. Auf der Höhe des Montbenon traten festliche Mädchen an den Kutschenschlag und überreichten beim Fackelschimmer im Namen der Patrioten dem Helden, der Italien befreite, das Cäsar unterjocht hatte, Blumen und Gedichte, die er huldvoll entgegennahm. Nur mit Mühe bahnte sich die Kutsche den Weg durch die gedrängten Gassen, wo die Rufe zum Jubel zusammenschlugen.

Bonapartes Spruch, dass kein Volk einem andern untertan sein dürfe, war am Genfersee innig beherzigt worden.

Vor dem Gasthof zum Goldenen Löwen hielt die Kutsche zum Pferdewechsel; Landvogt von Büren sprach den General an. «Wir erkannten einander sogleich wieder, und er erinnerte sich auf eine verbindliche Art, dass ich ihm ehemals in seiner Beförderung behilflich gewesen war», meldete er nach Bern.”

berns demonstrative gelassenheit …

man spürt es förmlich: ausser in morges wurde napoléon überall im arc lémanique als befreier empfangen. man ging auf die strassen, jubelte dem helden zu und warte nur darauf, dass er das alte regime in bern stürzen würde. diese nahm die bedohung zwar mit demonstrativer nonchallance auf. doch blieb man auf der hut, denn man wusste, dass kein sandstein auf dem andern stehen bleiben würde, wenn der korse, der es in der französischen armee bis an die spitze gebracht hatte, erst einmal zuschlagen würde.

vom geheimdokument im anhang des friedensvertrages von campo formio wusste man damals noch nicht, was die lage erträglicher machte, aber auch keine gelüste weckte. als man nämlich wusste, dass das österreichische fricktal zu haben war, spaltete sich die berner aristokratie in die abwehr- und kampfbereiten um den alten schultheiss, und die aufnahme- und verhandlungsbereiten um den säckelmeister frisching. die einen waren ganz altbernisch gegen jedwedes zugeständnis an den kleinen korsen, die anderen hoffte, dank zusammenarbeit jenen teil im heutigen kanton aargau zu bekommen, den sie 1415 bei der besetzung des damals noch habsburgischen aargaus nicht erobern konnten.

so wiedersprüchlich und falsch schätzen beide seiten, die sich am 4. märz 1798 im berner grossen rat zu tiefst stritten, die lage am im november davor noch ein.

bevor wir aber darauf eingehen, wollen wir zuerst hören, wie napoléons empfang auf dem plateau, in moudon und den anderen kleinstädten war, die noch ganz zu bern hielten. bis morgen …

stadtwamderer

teil 3 der serie: napoléon in der schweiz
teil 4 der serie: napoléon in der schweiz

von menschheitsrettern und menschenrettern am grossen st. bernhard

wer kennt ihn nicht, barry, den lawinenhund, der mehr als 40 menschen das leben gerettet hat und im berner naturhistorischen museum ausgestellt ist? und wer glaubt nicht, dass ein jeder bernhardiner, der ein kleines fässchen um den hals trägt, darin wärmenden schnaps hat, um verschütteten das leben zu retten? – eigentlich niemand!


postkarte mit dem legendären bernhardiner “barry”, menschenretter bei lawinen am grossen st. bernhard

eigentlich weiss aber auch fast niemand, wieso die zottigen hunde “bernhardiner” heissen, ausser dass sie seit dem 18. jahrhundert die lawinenhunde des hospizes auf dem grossen st. bernhard sind. warum jedoch der “grosse st. bernhard” so heisst, wie man ihn heute nennt, was das mit dem zweiten burgundischen königreich von berta und rudolf zu tun hat, welche rolle die sarazenischen händler und eroberer dabei spielten, und wie das alles mit der christianisierung des westschweizerischen mittellandes seit dem 10. jahrhundert zusammenhängt, weiss definitiv niemand. der stadtwanderer hat sich deshalb am trüben sonntagnachmittag auf die spurensuche von “barry” gemacht und erstaunliches gefunden!

der heilige bernard de menthon und die sarazenen-frage

ihren heutigen namen haben der grosse und der kleine st. bernhard vom heiligen bernard de menthon, der im 10. jahrhundert auf der höhe des grossen passübergangs ein christliches hospiz eröffnet hat. bernard selber stammte aus dem savoyischen adel, der im niederburgundischen königreich zu macht aufgestiegen war. geboren wurde er 923 in menthon bei annecy; verstorben ist er 1008 in novara. seiner bestimmung als adeliger krieger entzog er sich in der nacht vor der heirat durch flucht, die ihn zu den benediktiner-mönchen in oberitalien führte. in ihrem namen gründete auf der passhöhe ein hospiz, wurde 966 erzdiakon von aosta und widmete sich 40 jahre lang der bekehrung nicht-christlicher bevölkerungsteile in den alpentälern. dafür wurde er zum heiligen bernard von methon und zum namensgeber für die wichtigen alpenübergänge.


st. bernard de menthon, der missionar im aostatal zwischen 966 und 1008

dass im 10. jahrhundert in den alpentälern missioniert werden musste, hat eine bis heute scheinbar unbestrittene ursache: die sarazenen, – ein berberischer stamm, der 889 in der nähe des heutigen st. tropez auf dem europäischen festland fuss gefasst hatte, die kolonie fraxinetum gründete und sich von dort aus nach 906 im burgundischen königreich ausbreitete.

sarazenische expansion unter könig hugo

als der burgundische könig rudolf II., bertas mann, 937 starb, häuften sich sarazenischer besetzungen christlicher zentren. 936 war bereits das bistum chur durch die sarazenen erobert worden; für die jahre 937 und 939 sind analoge aktionen in st. maurice und payerne belegt.

eine spezielle rolle spielte damals könig hugo, der 905 für den erblindeten kiser ludwig die regentschaft im rhonetal übernommen hatte. 924 wurde er könig von niederburgund, 926 verdrängte er könig rudolf als lombardischen könig, und 937 heiratete er mit berta auch die witwe des hochburgundischen könighauses. unbestrittenermassen war er damals der wichtigste machthaber im südwestlichen alpengebiet. bis 946 regierte er in pavia und nannte sich flugs “könig von italien”. für den adel aus venetien war hugo jedoch stets ein usurpator geblieben, mit dem man in lebenslangem zwist stand, und dabei nach verbündeten suchte.

könig hugo, der gerne kaiser geworden wäre, suchte zunächst die nähe zu byzanz, und versprach fraxinetum zu stürmen, sollten die kaiserlichen schiffe den hafen angreifen. als diese das 942 auch taten, hatte der opportunistische hugo längst das feld gewechselt und sich mit den sarazenen verbündet, denn ihm drohte ungemach von seiten des markgrafen von verona, berenguar, der sich seinerseits die unterstützung der madyarischen reiterei gesichert hatte.

der christliche chronist luitprand von cremona, dem wichtigsten historiker seiner zeit, gab ob dieser kehrtwende von könig hugo seiner verwunderung über die bündnispolitik des provenzalen ausdruck. er richtete gar eine ode an den mont jovis, wie der grosse st. bernhard damals noch hiess: “unbegreiflich bis du, berg jupiter, der du die frömmsten sterben lässt und zuflucht schenkst den maurischen schurken. oh, möge doch der blitz dich treffen und in tausend stücke schlagen.”

doch es half kein blitz! vielmehr setzten sich die mauren mit hilfe hugo in den 940er jahren in den südlichen alpen fest, und betrieben von hier aus auch missionen nach norden. 950 sind sie als händler vor dem kloster st. gallen und im rheintal bezeugt. ein seltsames bild dürfte es gewesen sein: denn die sarazenen bewegten sich mit gebirgstüchtigen, haflingerartigen kleinpferde vorwärts und breiteten zum gebet ihre teppiche aus, um – für die klostermönche von st. gallen – unbegreifliche handlungen zu vollziehen.

doch der handel funktionierte, denn lebensmittel, neue stoffe, wärmende kleider und maulesel waren begehrt. selbst mädchenhandel soll vorgekommen und von der autochtonen bevölkerung nur zu gerne gegen die eroberten schätze der christlichen klöster eingetauscht worden sein.

rückeroberungen durch königin adelheid und könig konrad

die situation ändert sich erst, als die machtfrage in der lombardei geklärt wurde. 946 verstarb hugo, nicht ohne seinen sohn lothar mit seiner frau adelheid in der nachfolge plaziert zu haben. lothar musste indessen seinen konkurrenten berenguar als kanzler am hof akzeptieren, und bis heute hält sich der verdacht, der frühe tod des jungen königs 950 sei durch ihn verursacht worden. adelheid, die königswitwe und nach lombardischem recht einzige erbin, wehrte sich, den neuen machthaber zu heiraten, und wandte sich, in der gefangenschaft in como, in die von berenguar sie gesteckt wurde, an könig otto von franken und sachsen, der sie 951 befreite, 952 heiratete und demonstrativ von pavia aus über die lombardei regierte.

adelheids bruder, konrad, der dank ottos hilfe die nachfolge seines vaters als burgundischer könig angetreten hatte, wegen der sarazenen im westlichen mittelland aber von champery aus über burgund herrschte, versetzte den sarazenen den entscheidenden schlag: im elsass, wo sie überraschend auf ein vorkommando der madyaren gestossen waren, verwickelte beide seiten nach der razzia-technik in einen kleinkrieg, bis sie sich schliesslich gegenseitig niedermachten. er sicherte sich so die macht als burgundischer könig, und vertrieb mit provenzialischen adeligen die sarazenen nach süden.

975 eroberte man fraxinetum mit genuesischer hilfe zurück, dabei versprach man den kriegern auf burgundischer seite grosszügige verteilung der felder, höfe und gärten der sarazenen. grösster nutzniesser davon war gibellin grimaldi, ein vorfahr der heutigen fürsten von monaco, der so zu seinen ersten ländereien am port-grimaud an der cote d’azur gekommen waren. gleichzeitig setzte die herrschaftliche rückeroberung der alpenpässe durch die burgunder ein, deren strategisch wichtigster sattel, der heutige grosse st. bernhard, war.

die christianisierung der bevölkerung beidseits des grossen st. bernhard

der heilige bernard de menthon der den mont jovis in christlichen besitz nahm, eröffnete das hospiz mit einer benediktinerkolonie, das dem berg seinen neuen, bis heute gültigen namen gab.

wen er abeer bekehrte, ist bis heute gegenstand einer leidenschaftlichen debatte, die mit der bedeutung des begriffes “sarazenen” zusammen hängt.

früher sah man ihn als kämpfer gegen die ismailischen kohorten, wie man die “sarazenen” vor den kreuzzügen noch nannte. erst später verwendete man den namen für alle nicht-gläubigen im christlichen sinne. heute wiederum vertritt man die auffassung, in den alpentälern habe es im 10. jahrhundert noch erhebliche teile autochtoner bevölkerungsteile gegeben, die ihren traditionellen religiösen vorstellungen lebten, weder christlich, noch ismailitisch waren, aber mit den berberischen händlern gegen die christlichen herrscher paktiert hätten.

dafür spricht, dass die mission, die im 10. jahrhundert unter den burgundischen herrschern einsetzte, einen ganz anderen charakter bekam als noch in fränkischer zeit. damals war das christentum eine reine elitenreligion für die dünne, aber herrschende schichte gewesen, während die bauernbevölkerung in ihren traditionellen keltischen oder germanischen glaubensvorstellungen lebte. jetzt setzte die mission nicht nur oben, sondern auch unten an. die ausbreitung romanischer kirchen auch im mittelland, die im 10. jahrhundert einsetzt, ist ein untrügerisches zeichen dafür.

bernards bedeutung liegt darin, die bevölkerung in den abgelegenen alpentäler bekehrt zu haben. berta wiederum, die in payerne die gründung einer neuen probstei bis zu ihrem tod betrieb, löste diese bewegung nördlich der alpen aus. ihre kinder, adelheid und konrad, vollendeten ihr lebenswerk.

rettung der menschheit – rettung der menschen?

der name des grossen (und kleinen) st. bernhard erinnert somit unzweifelbar an die christliche rückeroberung des passes vom aosta- ins rhonetal. die christliche geschichtsschreibung stellt dies gerne als befreiung der menschheit vor ungläubigen herrschern dar.


hospiz von heute auf dem grossen st. bernhard, wo in den 960er jahren die christliche benediktiner die moslemischen sarazenen abgelöst haben

mit dem heutigen wissen wird man diese einschätzung relativieren müssen. sie entstand retrospektiv mit den kreuzzügen, als sich die die drei monotheistischen religionen, das christentum, das judentum und der islam, kriegerisch gegenüber standen. heute erkennt man eher die konkurrenz verschiedener eliten, namentlich um die vorherrschaft über raum und volk. vor den “sarazenen” interessierte man sich wenig für die religion der bauersleute. erst in der konkurrenzsituation konnte diese aber zum entscheidenden faktor in der unterstützung von herrschaft werden. “sarazenen” wurde damals zum kampfbegriff, der die anhänger der verjagten berberischen händler meinte, selbst wenn es isch nicht zum nachfahren dieser im sinne der blutsverwandtschaft handelte, sondern um nicht-christliche heiden aller art.


neue forschungen melden zweifel an der sarazenen-these an: missioniert wurden nicht die ismailistischen kohorten, sondern die heidnische bevölkerung, die zu den sarazenen hielt.

gerettet wurde damals nicht die menschheit, wie die christliche geschichtsschreibung behauptet! übrigens genauso wenig wie die nachfahren barrys heute noch menschen retten. er gilt in unserer vorstellung zwar unverändert als der menschenretter in der lawinennot. doch sind die heutigen berhardiner so plump geworden, dass vornehmlich belgische und deutsche schäferhunden den dienst am menschen verrichten, wenn unerwartete wellen über in die alpentäler stürzen.

der internationale kampf um die vorherrschaft am grossen st. bernhard geht damit weiter, – und erreicht ganz neue dimensionen!

stadtwanderer

ortsgeschichte von wohlen. ein exemplarischer fall bernischer modernisierung

wohlen bei bern: das sind 3630 hektaren äcker, wälder, siedlungen und gewässer, erschlossen durch 181 km strassen, aber kein meter eisenbahnen. das sind auch 9056 einwohnerInnen, davon 6753 stimmberechtigte, die in 3969 wohnungen leben, 240 landwirtschaftsbetriebe um sich wissen und 239 weitere arbeitsstätten in ihrer umgebung kennen. das sind schliesslich auch 4375 personenwagen und 3461 tägliche wegpendlerInnen, die allermeisten nach bern!


die politische gemeinde wohlen entsteht in den letzten 175 jahren und legt sich heute rechenschaft ab, über das was war und was daraus wurde (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

wohlen: berner umland ausgeleuchtet

so nüchtern ist das gemeindeporträt, wenn ein ehemaliger soziologe eckdaten der gemeinde zusammenstellt. so vielsagend sind sie aber, wenn man wohlen im jahre 2006 vorstellen will. denn mit dem traditionellen wohlen hat die heutige gemeinde nur noch den namen gemeinsam:

. seit den 60er jahren des 20. jahrhunderts ist die bevölkerung rapide angestiegen. siedlungen im kappelenring, der au- und schlossmatt haben dem ort einen modernes gepräge gegeben.
. und seit dem ersten weltkrieg gehört zu wohlen auch der wohlenersee, gestaut für das damals neu erbaute bkw-kraftwerk mühleberg. topografisch war das ein einschnitt, für die gemeindeentwicklung indessen auch ein wesentlicher teil des wohlstandes, der sich zu mehren begann.
. schliesslich ist wohlen seit der liberalen und radikalen reformen im 19. jahrhundert nicht mehr nur eine kirchgemeinde, die fromme christen erzog, sondern ein politische gemeinwesen mit gemeindeordnung, gemeindebehörden und gemeindeschulen, das kommende staatsbürgerInnen ausbildet und mit gelegentlich auch über sie hinweg politik betreibt.

wohlen, das war bis ins frühe 19. jahrhundert noch eine reine agrargemeinde, bestehend aus den dorfschaften wohlen, uettlingen, murzelen und säriswil. politisch gesehen war der ort damals von anderen abhängig: zollikofen auf der einen seite, laupen auf der anderen. deshalb dominiert bis heute das selbstverständnis, dass man in wohlen auf dem land lebe. würde man jedoch zeitgenössische geografen fragen, wie es damit stehe, würden die vom berner umland sprechen, darauf verweisen, dass die nahe gelegene stadt in tuchfühlung mit wohlen sei, dass die in wohlen rapide angewachsende bevölkerung – verdreifachung innert 40 jahren! – aus der stadt komme, und dass sie als pendlerInnen in die stadt zurückkehre. unser soziologe würde das wohl so zusammenfassen: primär traditionelle wurzeln, sekundär moderner vorort mit ausgesprochenem schlafstättencharakter!

wohlen: mein wohn- und spazierort

weshalb mich das so interessiert, und weshalb ich da so genau weiss? – ganz einfach: ich bin seit sieben jahren selber ein teil dieser suburbanen kultur in wohlen, schlafe in der aumatt, einer der frühesten siedlungen für verdichtetes bauen in der schweiz, und fahre mit dem poschi täglich zur arbeit nach bern und zurück. und ich bin der berner stadtwanderer, der vor allem über geschichte und alltag der stadt bern berichtet. das erklärt, weshalb ich mich – zunehmend – auch für vororte wie wohlen, und da speziell für hinterkappelen interessiere. dass ich es aber statistisch und historisch nun so genau weiss, hat nichts mit eigenen recherchen zu tun, vielmehr aber mit der gestern erschienenen neuen wohlener ortsgeschichte.

200’000 franken steuergelder hat die gemeinde in dieses projekt gesteckt. und ich sage: gut gemacht, mehr davon, dafür weniger von anderem! drei jahre hat eine projektgruppe unter der leitung des pensionierten wohlener soziologen franz haag gearbeitet, konzipiert, lektoriert und redigiert. und ich ziehe auch hier den hut: eine respektable leistung der wohlener zivilgesellschaft, die sich ihrer selbst vergewissert. zudem waren zwei historikerInnen am werk, erprobt aus der berner und worber stadt- und ortgeschichte, um professionelle texte zu erstellen: auch hier meine hochachtung für thomas brodbeck und andrea schüpbach, denn entstanden ist ein gesellschafts- und politikgeschichtlich anspruchsvolles werk, das schwergewichtig die zeit nach 1830 bis in die jüngste gegenwart vorstellt. und last but not least darf nicht unerwähnt bleiben, dass bernhard wyss, einheimischer kunstschaffender, die bildredaktion für den schmucken band übernommen hat und mit alten und neuen fotos, handzeichnungen, logos und wappen ein visuelles porträt wohlens geschaffen hat, das dem leser und der betrachterin des geschichtswerkes emotionale nähe zur eigenen erinnerung oder anschauung verschafft.


das moderne wohlen mit gestautem wohlensee, kappelenbrücke und vorortssiedlung und viel prominenz überlagert alles stück für stück (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

wohlen: eine berner gemeinde, die (lokal)geschichte schreibt

präsentiert wurde der 225seitige band gestern abend an einer buchvernissage in der wohlener gemeindebibliothek in hinterkappelen. gemeindevertreter waren anwesend, lehrer und lehrerinnen musizierten, die projektgruppe frohlockte, und die autorInnen gaben einige einblicke in ihr schaffen. auch die bevölkerung interessierte das neueste kind in wohlens gemeinschaftsproduktionen: gut 100 personen kamen vorbei, hörten und schauten, staunten ob der leistung und prostesteten sich und ihr zu. zahlreiche erwarben den druckfrischen band der marti media ag, gestaltet von der firma rub graf-lehmann in bern denn auch gleich. andere, so hofft man bei den herausgebern, werden eines der 2000 exemplare im buchhandel kaufen.

gemeindepräsident christian müller brachte die ziele der ortsgeschichte auf den punkt: “wer seine wurzeln kennt und versteht, versteht auch das weite und fremde.” er weckte die neugier seiner mitbewohnerInnen mit einer feurigen rede: die so zahlreichen neuzuzügerInnen müssten erfahren können, wo sie lebten, was da mal war, und was daraus heute entstanden ist. sie müssten nachvollziehen können, was modernisierung der wirtschaft, der gesellschaft und der infrastruktur in wohlen heisse, und sie müssten schonungslos erfahren, mit welchen politischen brüchen das bis in die 90er jahren des 20. jahrhunderts einher gegangen ist. er verhehlte mit blick auf die anwesenden journalistinnen und rezensenten auch nicht, dass die behörden sich mit dem investitionsprojekt profilieren und für “gute presse” sorgen wollten, um so die identifikation der einwohnerInnen mit dem ort zu fördern.

acht solcher ortsgeschichten sind im kanton bern in den 70er jahren des letzten jahrhunderts entstanden. 34 waren es bereits in den 80ern und 43 in den 90ern. seit der jahrtausendwende sind bereits wieder 24 hinzugekommen, und seit gestern bildete die wohlener geschichte die 25! ortsgeschichtsschreibung ist also im trend. sie ist aber nicht einfach trendig. sie ist seit dem boom, den ich als student der berner uni in seiner anfangsphase erlebt habe, klar besser geworden. es sind nicht mehr dorfchroniken dessen, was einmal war, die heute entstehen. es sind auch nicht mehr heimatkundebücher oder publizierte familienalben, die auf den buchmarkt kommen. vielmehr sind es historische werke, die sich an der zeitgenössischen geschichtsschreibung orientieren. ihre autorInnen kennen die übergeordneten entwicklungen der neuesten geschichte und suchen während ihren recherchen vor ort nach dem typischen und speziellen an eben diesem ort. so entsteht eine sicht von aussen, die nichts mit freundlicher hofberichterstattung, viel aber mit einer historischen informationsschrift zu tun hat.

das gilt auch für die wohlener ortsgeschichte von brodbeck und schüpach, die mit ihren gut gegliederten themenkapiteln zum schmökern, schauen und lesen anregt. der einstieg wird einheimischen leicht gemacht. der projektleiter franz haag nimmt sein publikum nicht nur durch den zitierten rundgang durch das bundesamt für statistik, er lässt es auch wohlen mit einem bebilderten und gut erzählten virutellen spaziergang sinnlich erleben. selbst den abschluss des buches macht jemand aus der gemeinde: marianne blankenhorn erzählt über die kulturproduktion in wohlen zwischen tradition und experiment.


das ländliche wohlen mit bauernbevölkerung, kirchgemeinde und gemeindeschule verschwindet stück für stück (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

wohlen: der neue überblick und die bleibenden nischen

ich habe in der letzten nacht, in der ich viel las, einiges hinzu gelernt: die politischen konflikte zwischen den alten machthabern der gemeindepolitik und der fdp, die tiefe krise der gemeindeverwaltung von 1991, und der aufstieg von offener liste und sp, heute zu sp-plus verbunden, zur wählerInnestärksten partei des ortes, wird in unparteiischer manier und besser als auf jeder hintergrundsseite der tagespresse dargestellt. mit spannung habe ich auch von den sozialen konflikten gelesen, die sich aus dem bau des stausees für die bevölkerung ergaben, die wegziehen musste, aber auch für die arbeiter, die staumauer und brücken bauen mussten. als sie gegen schlechte arbeitsbedingungen revoltierten, wurden sie vom schweizerischen militär umstellt und als bolschewiken abgestempelt. mit interesse habe ich ferner gelesen, wie in wohlen feudallasten abgestossen und dafür steuern eingeführt wurden, wie das wahlrecht in der gemeinden bis 1921 an den geleisteten steuerzensus gebunden war, und wie alle stimmberechtigten heute denken, wenn es um die förderung von biologischem landbau und öko-automobilen geht. bis zu letzt habe ich schliesslich geschmunzelt, als ich die stellen nachlas, wie das obligatorische schulwesen in wohlen gegen alle möglichen widerstände eingeführt werden musste, und wie autoritäre dorflehrer in konflikte gerieten, als sich die erziehungsideale zu wandeln begannen. am meisten gefreut hat mich aber, dass selbst in das religiöse leben der gemeinde ein anschaulicher blick gewagt wurde, der erheischen lässt, wie aus der einheitlichen reformierten kultur eine multikulturelle glaubens- und kulturgemeinschaft wurde.

ein spannendes buch ist entstanden, das der lektüre wert ist, eine auseinandersetzung mit seinem eigenen wohnort ermöglicht und wohl auch den zusammenhalt in wohlen erhöhen wird. denn was modernisierung ist, wird allen klar, die von bern nach wohlen gehen, den stägmattsteg überschreiten oder die kappelenbrücke überfahren und die skyline der hochhäuser und die konturen der neuen siedlungen an der aare erblicken. warum diese modernisierung entstanden ist und was sie für ein leben ermöglicht, erfährt man jedoch erst wenn man hierherzieht und/oder neugierig nachliesst.

etwas bedauern mag man einzig, dass das potenzial der oral history, der geschichtsschreibung aus mündlichen quellen, für diese ortsgeschichte nicht wirklich genutzt worden ist. zur lesbarkeit und zur popularität des buches hätte dies wohl noch einen drauf gesetzt. zunächst hat mich die diesbezügliche zurückhaltung der fachhistorikerInnen an der gestrigen präsentation angesichts der schwerpunktsetzung in der neuesten geschichte geärgert. dann habe ich es als chance genommen: denn das eröffnet dem stadtwanderer perspektiven, bei seinen wanderungen auch durch wohlen über noch unerzähltes vermehrt zu berichten!

den anfang hierzu hat an diesem abend fritz scheurer gemacht, der zwischen 1966 und 1988 als gemeindeschreiben das gemeindeleben massgeblich prägte, im buch selbstverständlich auch vorkommt und während den präsentationen an der buchvernissage neben mir sass. wir kamen bald auf prominente in der gemeinde wohlen zu sprechen, die er, als früherer zivilstandsbeamter, natürlich gut kannte. illustrativ für den sozialen wandel von wohlens bevölkerung war die geschichte über die erste heirat nach neuem eherecht 1988, die er mir erzählte. am ersten arbeitstag nach inkraft setzung kam punkt 8 uhr das bisher unverheiratete elternpaar samt kindern und trauzeugen vorbei, das unbedingt als erstes unter der rechtlichen neuerung in wohlen, vielleicht auch in der schweiz getraut werden wollte: nicht wenig “schweizer illustrierte” war da in der kleinen runde: franziska rogger, die uniarchivarin, beat kappeler, der bekannte publizist, kamen, um den bund fürs leben zu schliessen, und alfred defago, radiochefredaktor und später schweizer botschafter in washington, sowie gret haller, berner gemeinderätin und spätere nationalratspräsidentin, waren die trauzeugen! unter altem eherecht wäre das nicht möglich gewesen, wusste der zivilstandsbeamte mit etwas stolz über die erlebte modernisierung des gemeindelebens “in seiner zeit” beizufügen!

stadtwanderer

thomas brodbeck, andrea schüpbach: wohlen bei bern im 19. und 20. jahrhundert – eine gemeinde zwischen stadt und land, bern 2006

la bonne reine berthe – eine wahre spinnerin

payerne im herbst: die stadt wirkt verlassen. welsche provinz, kaum ökonomische prosperität und protestantische ordnung könnte man den eindruck zusammen fassen. nicht einmal fluglärm hat an diesem tag, und es gibt auch keinen rummel von soldaten. tote hose, wie wenn noch nie irgend etwas da geschehen wäre. – doch halt! einen lichtschimmer gibt es: la bonne reine berthe, – heute die hauptfigur in meiner erzählung.


die gute königin berta, spinnend reitet sie zu ihren bauernfamilien auf dem land (bild aus dem 19. jahrhundert, von karl jauslin)

königin des zweiten burgundischen königreichs

im 10. und 11. jahrhundert war das heutige payerne ein hart umkämpftes machtzentrum des burgundischen königreiches, und es war eine art kulturgrenze: die sarazenen waren hier, bis könig konrad und kaiserin adelheid payerne zu einer ihrer wichtigsten klösterlichen basen aufbauten. und die salischen kaiser des römischen reiches kamen von speyer bis nach payerne, das sie in peterlingen umtauften, um ihre oberhoheit über burgund zu demonstrieren.

der star dieser zeit ist aber königin berta, die mutter von konrad und adelheid und die frau des burgundischen königs rudolf II. ihre zeit als burgundische königin wird vor allem durch ihren mann vermittelt. er war zwischen 911 und 937 der zweite könig des zweiten (hoch)burgundischen königreiches. erstrangiges politisches und geistiges zentrum dieses reiches war das kloster st. maurice an der walliser rhone, das in den 850er jahren in die hände einer nebenlinie der welfenfamilie gekommen war und über die bistümer von sion, lausanne und genéve regierte. wer st. maurice hatte, hatte auch den pilgerweg von canterbury nach rom. das wusste auch könig rudolf II., sohn des laienabtes von st. maurice, der auch erster burgundischer könig war, denn er setzte auf genau diese route. er wurde 922 zum zweiten mal könig, diesmal in der lombardei und vereinigte damit erhebliche teile des fränkischen mittelreiches, das im 9. jahrhundert untergegangen war. ihm hat man bei seiner krönung in pavia denn auch die berühmtem, heilbringende lanze übergeben, die zu den wichtigsten insignien der römischen kaiser geworden war.

926 geriet rudolf aber in die defensive, denn die madyaren, ehemals kaiserliche reitertruppen, fühlten sich ebenfalls legitimiert, über das untergegangene fränkischen kaiserreich zu herrschen. rudolf schloss sich deshalb könig heinrich I. von sachsen und franken an, der den widerstand gegen die madyaren organisierte und sie auch effektiv militärisch besiegt. heinrich nutzte die gunst der stunde, riss die heilige lanze an sich und beanspruchte damit selber, italienpolitik zu betreiben. rudolf gewährte er als abfindung den zusammenschluss seines königreiches von hochburgund mit dem niederburgundischen, das von arles aus das rhonetal bis vienne umfasste. so war rudolf II. in seinen letzten jahren herrscher über ein gebiet, das vom mittelmeer die rhone hoch, über genf hinaus bis an die reuss reichte. doch er war hier nicht allein: beim zerfall des fränkischen kaiserreiches hatten sich auch sarazenen in fraxinetum, nahe dem heutige st. tropez, festgesetzt und betrieben von diesem stützpunkt aus handel im ganzen rhonetal, nahmen skalven und bedrängten in den 930er jahren den alten burgundischen könig beträchtlich. bei seinem tod besetzten sie sogar payerne als ihre nördlichste stadt!


schon immer eine kulturgrenze: seit dem 10. jahrhundert leben mohamendanische sarazenischen mauren in payerne, und auch heute heissen die händler des orts “mauri”.

königin der lombardei

was berta in all diesen jahren trieb, ist wenig bekannt. die quellen schweigen hier noch übr sie. das alles änderte aber schlagartig, als ihr mann starb, und sie zwei unmündige kinder hatte. so wurde sie eine sehr gefragte frau, und die adligen wie ihre chronisten begannen sich für sie zu interessieren.

könig hugo von der lombardei machte ihr umgehend den hof und erreichte ende 937 auch ihre heirat. seinen sohn lother verlobte er bei dieser gelegenheit gleich mit bertas tochter adelheid. damit signalisiert er, dass er, in pavia lebend, anspruch auf die herrschaft im zentrum des mittelfränkischen reiches hegte. von sich selber sprach er bereits vom kommenden kaiser.

bertas zeit als lombardische königin war wenig glücklich. sie dürfte eine strenge katholikin gewesen sein, die in der klosterreformbewegung von cluny gross geworden war. ihr herrschaftsgebiet war verkehrstechnisch wichtig, ökonomisch aber kaum bedeutsam. in pavia kam sie indessen an einen hof, der eher nach byzantinischen vorstellungen in saus und braus lebte.

könig hugo hielt auch nichts von den klösterreformer in der burgundischen provinz, die schon ganz auf die christliche familienbildung mit klar definierten eltern für die kinder und ehelicher monogamie setzten. er hatte nebst der königin vier konkubinen, und ihm stand auch ein harem am königshofe und in den untergebenen städten zur verfügung.

berta verliess ihren untreuen ehemann noch vor seinem tod, musste aber ihre tochter adelheid der verlobung wegen in pavia lassen. die unglückliche königin kehrte in ihre heimat im hochburgund zurück, und begann dort in den späten 950er jahren ihr lebenswerk zu vollenden. sie trieb die gründung eines neuen priorates, dasjenige von payerne, voran, verstarb jedoch wähhrend den aufbauarbeiten. ihre kinder, konrad, der neuer könig von burgund wurde, und adelheid, zwischenzeitlich auch sächsische königin, brachten ihr werk in payerne zu ende. ihre mutter setzten sie am 8. april 961 in ihrem kloster bei.


kloster payerne, von königin berta gestiften, von ihren kindern vollendet und von den salischen kaisern mit einer romanischen kirche ausgeweitet

schwäbische prinzessin

berta selber war keine burgunderin. sie stammte aus dem alemannischen adel, der, wie die welfen im rhonetal, im rheintal mächtig geworden war. sie waren denn auch die ersten herzöge von schwaben. herzogin ringelinde war bertas mutter, und ihr vater burchard II. war gleich wie rudolf II. von den madyaren angegriffen worden. selbst könig rudolf war nicht abgeneigt, sein burgunderreich auf kosten des schwäbischen herzogtums auszudehnen. so eroberte er 917 den aargau und den zürichgau. er stiess erst beim versuch, auch den thurgau für sich zu gewinnen, auf den widerstand der schwäbischen truppen.

922, als rudolf II. auch könig der lombardei wurde, einigten sich die beiden kontrahenten, teilten sich das mittelland entlang der reuss in zwei herrschaftsgebiete auf, sodass der aargau burgundisch wurde, der zürichgau aber schwäbisch blieb, und begannen gemeinsam ihre italienpolitik über den grossen st. bernhard und den lukmanier zu entwickeln. verbunden wurde diese kriegsallianz durch die verheiratung der schwäbnischen prinzessin berta mit dem burgundischen könig rudolf II.


heutiges grab von königin berta, als identifikationsfigur des kantons waadt im protestantischen tempel

legendäre frau

königin berta ist bis heute eine der sagenumworbensten figuren der schweizer vorgeschichte geblieben. übertroffen wird sie wohl nur noch durch wilhelm tell, der für den innerschweizer mythos und die befreiungsgeschichte von dem schwäbischen adel und den deutschen königen berichtet. berta steht jedoch für genau das gegenteil: den aufstieg des burgundischen adels aus dem 10. jahrhundert bis zur kaiserwürde, in eben diesem reich, von dem die innerschweizer bauern gerne beschützt, nicht aber regiert sein wollten.

berta war zweifelsfrei ein starke persönlichkeit. das war für eine frau im 10. jahrhundert noch alles andere als üblich. in fränkischer zeit wäre es ganz undenkbar gewesen, wie die tragische geschichte der kaiserin judith zeigte. nur schon dass berta zweimal einen kaiseraspiranten ehelichte, hebt sie hervor. dass sie dem zweiten auch den laufpass gab, spricht eine noch deutlicher sprache. und dass sie schliesslich mitten im broyetal ein kloster gründete, das st. maurice in seiner bedeutung konkurrenzieren sollte, zeugt der ihrer ungeheuren kraft dieser frau.

berta profitierte sicher vom wirtschaftlichen aufschwung ihrer zeit. 926 wurden die madyaren mit tributen beschwichtigt, 933 und 955 militärisch besiegt und ins heutige ungarn zurückgewiesen. 937 siegten die burgunder auch über die sarazennen, denen man den zugang zu den mittelmeerhäfen streitig machen konnte. das regelte die herrschaftsverhältnisse neu, und es erlaubte, den fern- und nahhandel vom rhone- zum rheintal von neuem erblühen zu lassen. das 10. jahrhundert war auch der beginn einer klimatischen wärmephase, die bis ans ende des 13. jahrhunderts dauerte, und eine der voraussetzungen war, das 962 das untergegangene kaiserreich der römer und der franken unter führung der ottonischen könig von sachen und der burgundischen frauen von neuem aufgebaut werden konnten. schliesslich war das 10. jahrhundert auch der beginn der zweiten christianisierung, in die breite wie man sagt; in dieser zeit richtete sich die kirche nicht mehr nur an den adel, sondern auch an die bauernbevölkerung.

für berta einmaliges wirken in ihrer zeit spricht jedoch am meisten, dass unzählige politische bewegungen, die ihr in der westschweiz folgten, immer wieder auf sie bezug nahmen:

. im 12. jahrhundert, als die klöster der zisterzienser auch im schweizerischen mittelland aufkamen und zur zivilisierung der landgegebenden viel beitrugen, erstellt man in einer der schreibstuben eben dieser klöster ein testament von berta. heute gilt es in der historischen forschung als fälschung, doch es beweist, dass selber 200 jahre nach ihrem tod, ihre bedeutung nicht erloschen gegangen war.

. speziell im 15. jahrhundert wurde es dann üblich, berta allerhand kirchengründungen im ganzen burgundland von genf bis amsoldingen und von solothurn bis st. immer zuzuschreiben. im einzelfall ist es nicht einfach, nachträglich herauszufinden, was war. wahr ist aber, dass in bertas zeit viele kirche, auch die von köniz entstehen, um die bevölkerung mit christlichen werten erfüllen.

. selbst die bernischen reformatoren des 16. jahrhunderts knüpften an die katholoin an. ihnen gefiel die überlieferung, dass berta eine vorbildliche haus- und ehefrau gewesen sei. berta wurde nun zur eigentlichen wirtschaftsförderin emporsitiliert, die das spinnen der frauen populär gemacht habe. historisch gesehen dürfte das mehr hand und fuss als das falsche testament haben, die überhöhung passte aber auch gut in die reformatorische legendebildung.

. da konnte auch der neu entstandene kanton waadt 1803 nicht nachstehen: berta wurde nebst graf peter von savoyen, der dem pays de vaud im 13. jahrhundert ein erstes staatliches gepräge gab, zur identifikationsfigur der jungen republik erhoben. selbst berta leiche fand sich damals wieder, sodass ihre überreste vom ehemaligen katholischen kloster in den protestantischen tempel gezügelt werden konnten.

. den absurdesten höhepunkt in der vereinnahmung der königin von burgund findet sich aber in den büchern der berner schulwarte der 30er jahre des 20. jahrhunderts. als es galt, die alemannenthese vor die burgunderthese zu rücken, um die herrschaft berns, der deutschsprachigen und des reichs über die waadt zu legitimieren, boten sich natürlich bertas churrätische wurzeln an. dabei schreckte man vor nichts zurück. 1000 jahre nach ihrem leben wurde sie des ehebruchs an könig rudolf bezichtigt, um eine burgundische verbindung der grafen von rheinfelden zu konstruieren, welche das land im investiturstreit besetzte und die regermanisierung einleiteten, die von den zähringern und ihren nachfolgern weitergeführt wurde.


la bonne reine berthe aujourd’hui: les aspects touristiques

payernes bleibender wert

wenn man auch diesen herbst ins verschlafene payerne kommt, ist berta der einzige wirkliche star des ortes. wo auch immer sie begraben wurde, was auch immer sie in ihrem ereignisreichen leben alles getan und erfahren hat, und wer auch immer sie nachträglich für seine weltanschauungen ge- und missbraucht hat, la bonne reine berthe ist unverändert die hoffnung payernes. vom grossen flughafen, der einst kommen sollte, träumt nicht manchen im kleinstädten. an berta erinnern sich aber viele gern. man wähnt sie noch heute unter den einwohnerInnen,denn man begegnet ihr auf schritt und tritt: beim stadtrundgang auf strassenschildern, bei bistrots, die wie sie heissen, und bei kelleranschriften für weindegustrationen.

vor allem um den place de concordance von payerne ist sie häufig anzutreffen, was fast schon symbolisch für ihre verbindende wirkung steht. verbunden hat sie auch die wolle der vielen schaffe im burgunderland, indem sie gesponnen wurde und zur kleidung der menschen wohltuend beitrug. das ist denn bis heute das stärkste bild, das neben den wenigen texten von ihr bekannt bleibt, – und bis in unser haus ausstrahlt, wo sich die spinnräder zunehmende türmen!

eine unglaubliche spinnerin, diese berta!

stadtwanderer

das verflixte siebte jahr

sieben jahre nun gibt es die wine-night in hotel bern. einmal im april, einmal im november trifft man sich an einem montag abend zu einer weindegustation mit üppigem essen, um eine region europas besser kennen zu lernen. doch damit ist nun fertig: die wine-night wird schweizerisch und reist ab dem kommenden frühling zu weinbauern in der näheren und weiteren umgebung.


wine-night vom 13. november 2006 im hotel bern: gastlich, festlich, informativ und verzaubernd (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

diesmal ist süditalien an der reihe: sizilien, natürlich, kalabrien, selbstverständlich, aber auch umbrien und apulien sind vertreten. die servierten weine gehören nicht zu den allseits bekannten marken. denn autochtone sorten sind angesagt.

mein star des abends ist der sagrantino di montefalco (DOCG2000). er ist von dichtem, intensivem, dunklem rubinrot. sein duft ist verlockend, wie von feinen holz-aromen und schwarzen beeren. der auftakt ist saftig, mit viel eleganz, während der abgang etwas zurückhaltend und trocken wirkt. getrunken wird es zu fleisch: gebratener kalbshohrücken “con funghi trifolatori”, arrangiert mit basilikumrisotto und einer gemüsegarnitur.

dass man an der berner wine-night so viel erfährt und so gut dokumentiert wird, verdanke man jürg utz, dem weineinkäufer von coop bern. immer freier und engagierterer stellte er jedes mal für eine wine-night aus seinem reichhaltigen sortiment, das nicht unbedingt im laden erhältlich ist, sechs weine zusammen, die den apéro versüssen, vorspeisen verdeutlichen, erste resp. zweite hauptgänge verstärken und desserts verköstigen. zu jedem wein, den er persönlich empfiehlt, erzählt er etwas über eigenschaften und gibt den meist 100 anwesenden einen kleinen, unaufdringlichen prospekt mit seinen den weinnamen, seinen ausführungen und den preise mit. an diesem abend war das stichwort “preiswert”: keiner der vorgeführten weine kostete mehr als 30 franken, mein favorit sogar noch einen fünfliber weniger.


silvia stoller-plüss (noch mit jürg utz) hat während 7 jahren die berner wine-night geleitet, und bricht jetzt zu neuen ufern auf, um schweizer weine bekannt zu machen! (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

die eigentliche seele der wine-nights ist seit jahren aber silvia stoller-plüss. sie bestimmt die weingegebend die vorgestellt wird, sie charakterisiert land und leute, die für diese region stehen, und sie stellt die menüvorschläge zusammen, die zu den weinen ideal passen. ihre ausführungen sind immer einfach und prägnant, lehr- und hilfreich, und manchmal, wenn sie von der küche überrascht wird, auch leicht ironisch. besonders wenn es um fisch geht, blüht die organisatorin der wine-nights auf. dann kann sie bis in letzte detail die sorte vorstellen, seine verbreitungsgebiete bekannt machen und die zubereitung besser erzählen, als jeder noch so tolle küchenchef.

seit mindestens fünf jahren nehme ich, auf spezielle einladung der organisatorin, an den berner wine-nights teil. zu den festen stammgästen zählt sie mich und meine stadtwandererin, und manchmal fügt sie bei: “bin froh, wenn du da bist. sollte ich einmal nicht weiter wissen, gebe ich einfach dir das wort.” mag sein, dass das stimmt, nötig war es in all den jahren jedoch nie! hast es immer bestens gemacht, in all den jahren!

besonderes geschick bewies die talentierte organisatorin der berner wine-night am gestrigen abend. sie kündigte keck das ende der bisherigen erfolgsformel an: man soll aufhören, wenn man auf dem höhepunkt ist, war die begründung. jürg utz von coop steigt aus dem gemeinsamen projekt aus. das verflixte siebte jahr – eben! silvia stoller nimmt den wechsel als häutung und; sie wird den part von utz übernehmen, und die weine gleich selber auslesen: ab 2007 wird der abend am mittag stattfinden, der montag durch den sonntag ersetzt, und europa auf die schweiz verkleinert. einheimisches schaffen, das in den bisherigen degustationen zu kurz kam, soll jetzt gefördert werden. das wallis soll den anfang machen. “fein und wein” wird die veranstaltung heissen. degustiert wird aber weiterhin in der kurierstube des hotel bern. herzlich ist der applaus mit rück- und ausblick der wie immer sehr zahlreich anwesenden nach der ankündigung!


bruno camenzind, vor einem jahr noch todkrank, hat wie durch ein wunder überlebt und will mit 76 noch blogger werden mit dem spezialgebiet “glasbrunnen von bern” (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

der glücklichste an diesem abend ist aber silvia stollers lebenspartner. 76 wird er heute, und ich sage, herzlichen glückwunsch zum geburtstag, bruno. maître camenzind war in seinen berufsjahren ein staranwalt in freiburg im üchtland; er hat viele prozesse gewonnen, bis hinauf nach strassburg. 1973 zog er nach hinterkappelen, und war mit silvia einige jahre unser nachbar. vor drei jahren erkrankte er ernsthaft, und heute vor einem jahr trauerten am stammtisch der wine-night alle schon ein wenig um ihn. wie durch ein wunder hat er seine krankheit durch geschickte operationen und viel willen überlebt und ist wieder der alte gersauer. seinen professor, kaspar zgraggen und dessen frau, hat er aus dank zur diesjährigen wine-night ganz spontan eingeladen. und wie der stadtwanderer mit einem fuss mitbekam, haben arzt und patient, anwalt und kunde nicht nur über operationen im menschen, sondern auch über künftige im gesundheitswesen disktuiert …

ich füge nur bei: lieber bruno, wir freuen uns, und du hast deine ganz persönliche stadtführung mit 10-16 gästen deiner wahl, die ich dir zum 75. geburtstag schenken wollte, auch ein jahre später noch zu gut. eine grosse wandererung wird es nicht werden, aber eine besondere, verspreche ich dir! mach mir bis dann aber schon mal konkurrenz mit deinem glasbrunnen-blog und trink dabei viel vom beschriebenen wasser!

stadtwanderer

hinterkappelen am martinstag

zwar bin ich der stadtwanderer von bern. seit 1999 lebe ich aber in hinterkappelen, – ausserhalb der stadt. schon oft habe ich mich gefragt, was es mit dem ortsnamen auf sich hat, – jetzt habe ich einen spannenden erklärungsversuch, den man unbedingt am martinstag erzählen muss.

hinterkappelen, hinder chappele, cappele

heute gehört hinterkappelen zur politischen fusionsgemeinde wohlen. seit 1803 waren wohlen und hinterkappelen teil des amtsbezirkes bern. davor wurden sie in schwerwiegenden fällen vom amtsgericht zollikofen verwaltet, in einfachen angelegenheiten von laupen aus. das war seit der reorganisation des bernischen staatswesens nach der schlacht von murten so. in dieser zeit, 1479 genau, wird der ort auch erstmals erwähnt, als “cappele”.


hinterkappelen bei bern, vormals einfach “cappele”

doch woher stammt dieser name? vom benachbarten frauenkappelen und seinem frauenkloster? oder von einer hofkappele?

“weder noch”, ist meine these.

um den eigentlichen wortsinn zu verstehen, muss man sich die reformation wegdenken; das christentum katholisch verstehen. man muss sich auch der savoyischen und burgundischen wurzeln klar werden, die es in diesem gebiet seit der völkerwanderung hat. und man muss sich des aufstiegs des frühen christentums zur staatsreligion im römischen reich bewusst werden, was uns auf das 4. jahrhundert nach christi geburt verweist.

nachfolger der römer waren herrschaftlichen gesprochen die franken in ganz westeuropa. um als machthaber anerkannt zu werden, brauchten sie nicht nur militärische kraft. sie waren auch auf die religion angewiesen. in den spätantiken städten war man um 500 christlich geworden, auf dem lande hing man aber dem alten glauben der kelten oder römer an.

ein vorbild aus der zeit der christianisierung des römischen reiches bot gelegenheit, auf beide traditionen zurückgreifen zu können. und genau dieses vorbild machten die merowingischen könige im frankenreich zu ihrem schutzherrn, – was uns endlich zum wortsinn von kapelle, nämlich kappelane führt.

der heilige martin und sein cappa

die rede ist vom heiligen martin. er war römischer offizier, quittierte den dienst und stieg in der katholischen kirche bis zum bischof von tours auf. er löste auch die klosterbewegung in gallien aus, und er gilt bis heute als einer der kirchenväter. er ist auch der archetyp des volksheiligen, der nicht wegen eines märtyriums in diese position gehoben wurde. vielmehr steht er am anfang einer grossen volksbewegung, mit der die christliche religion von den römischen städte auf das land getragen wurde.


frühre 100 franken(!)note der schweiz erinnerte an den heiligen martin und sein barmherziges wirken für die armen ausserhalb der stadt

in frankreich ist martin immer noch der nationalheilige, und martin ist in unserem nachbarland der häufigste knabenname bei christlichen taufen geblieben. doch auch in der schweiz ist martin kein unbekannter: bis vor wenigen jahrzehnten figurierte er auf den 100er noten des schweizer frankens.

um seine person ranken zahlreiche legenden. so, dass er nicht bischof von tours werden wollte und sich in einem stall versteckte, wo gänse lebten. deshalb würde heute noch im ganzen frankreich gansessen zum tage seiner beeerdigung stattfinden. das ist eine spur, die uns aber nicht zum ziel führt, weshalb ich sie auch wieder verlasse.

geboren wurde martin wahrscheinlich 316 nach christus in szombately, das im heutigen ungarn liegt. damals war es eine römische garnison. martins vater war ein verdienter kriegsveteran und amtete nach seiner pensionierung als volkstribun in der stadt. seinen sohn nannte er bewusst martin, um ihn dem alten römischen kriegsgott zu weihen, der bei den bauern-soldaten unvermindert hoch im kurs war.

martin kam zunächst nach pavia in die ausbildung, und er trat mit 15 ins heer ein, wo er, seiner aristokratischen herkunft wegen, wachtmeister der reiterei wurde. mit 22 lag seine truppe vor amiens, wo er die nächtlichen ronden zu überwachen hatte. da begegnete er in einer winternacht einem frierenden bettler. er teilte seinen mantel über der rüstung mit dem schwert und gab eine hälfte dem armen zum schutze. in der nacht darauf träumte er von christus, der ihm beschied: “was du einem meiner geringsten getan hast, hast du mir getan.” martin liess sich an den kommenden ostern christlich taufen.

354 wurde martin zum kriegsdienst gegen die alamannen eingezogen. kaiser julian führte gegen sie einen feldzug, obwohl sie römische verbündete geworden waren. sie begannen aber den rhein zu beherrschen, und deshalb wollte sie der kaiser von den linksrheinischen gebieten wieder zurückdrängen. die kampagne war erfolgreich; doch julian führte den krieg nicht im namen des christentums, wie es seit kaiser theodosius üblich war, sondern ganz bewusst als antichrist. martin kündigte nun seinen kriegsdienst, indem er dem kaiser sagte: “bis heute habe ich dir gedient; gestatte nun, dass jetzt gott diene.”

martin schloss sich dem prediger hilarius an, der in poitiers bischof geworden war, und das christentum über die stadt hinaus aus land bringen wollte. hilarius wollte martin zum diakon machen, doch der ehemalige krieger lehnte das ab; er übernahm aber einen posten als exorzisten, das heisst als gottesmann der sich auf dem felde bei den bauern bewähren musste. 360 gründete martin hierfür in einem verlassenen gutshof eine religiöse gemeinschaft. er leitete sie als eremit und sammelte wenige getreuen um sich, die mit ihm in askese lebten. genannt wurde die siedlung “moutier”, was man heute mit “kloster” (monastère) oder “münster” übersetzt.

371 wurde martin als bischof von tours vorgeschlagen. er lehnte zuerst ab, übernahm dann aber nach einem jahr den posten. als seinen sitz wählte er aber nicht die stadt, und er fühlte sich auch nicht als stadtherr. vielmehr gründete er vor den stadtmauern “marmoutier” (grossmüster/grosskloster) und wurde bischof der landleute. als er 25 jahre bischof gewesen war, verstarb er am 8. november 397; drei tage später wurde er in tours unter grosser anteilnahme der bevölkerung beerdigt, und sein begräbnis löste eine eigentliche volksbewegung zugunsten der christianisierung aus.

der martinskult der merowingischen könige

100 jahre danach war das römische reich nicht mehr. die germanischen franken hatte die macht in paris erobert, und reihum die alamannen, die burgunder und die westgoten besiegt. ihr könig, chlodwig, nahm als erster germanischer könig das christentum an, was ihm eine kaiserähnliche stellung in gallien beschied.


taufe des frankenkönig chlodwig in reims, das für die späteren germanenkönige mit ambitionen, die nachfolge der römischen kaiser zu sein, stilbildendes elemente wurde.

ganz bewusst griff der begründer der merowingischen dynastie im frankenreich auf den martinskult zurück. weil er bischof war, machte ihn das bei den christlichen gemeinschaften in den städte genehm, und weil er zum symbol für die christliche nächstenliebe bei den armen geworden war, war er auch für die galloromanischen und germanischen bauern-soldaten akzeptabel.

zentrales relikt der martinverehrung war sein mantel aus amiens geworden, der in den fränkischen königsschatz aufgenommen wurde. wenn chlodwigs nachfolger im frankenreich umherzogen, nahmen sich martins mantel immer mit. die cappa wurde von kappelanen in den königlichen pfalzen aufbewahrt, und diese kappelane amteten als schreiber und seelsorger im sinne des gottkönigs der franken. heute leben sie in zwei getrennten formen weiter: den fürsten der kirchenadministration einerseits und den staatskanzlern anderseits. ihre vorform auf dem land, ist vielleicht der siegrist oder der notar von heute, sicher aber die kappele oder das einfache gotteshaus, das der versammlung der gemeinde diente.

das leben des stadtwanderersin- und ausserhalb der stadt

ob es eine direkte linie von den merowingischen königen nach hinterkappelen gab, ist nicht bekannt. wahrscheinlicher ist, dass es hier im mittelalter einen gemeinschaftsort gab, den man der herrschaftlichen sitte kapelle nannte.

wie gesagt, mit der protestantischen brille versteht man den heiligenkult nicht mehr, und auch ohne das wissen um die einbindung der gebiete um bern ins gallische von keltischer bis burgundischer zeit bekommt man die kurve zu den entwicklung in der antike und im mittelalter kaum. die zeiten sind vergessen, denn ihnen haftet das odium der sklaverei in römischer zeit und der leibeigenschaft unter den feudalherren an. davon befreite sich die bauernschaft im 15. jahrhundert, und sie wollte von den alten verhältnissen nicht mehr viel wissen.

deshalb, könnte man auch folgern, sind wir unseren als wortbedeutungen nicht mehr bewusst. cappele wurde zu chappele, und das sah man in erster linie in beziehung zu frauenchappele, was aus dem ort “hinder chappelen” werden liess.


leben ausserhalb der stadt: hinterkappelen am morgen nach martini (foto: stadtwanderer,anclickbar)

doch damit ist der römisch-fränkische hintergrund von hinterkappelen nur ein mosaikstück in vielem, das wir nicht mehr wissen. auch der name glarus hat den gleichen ursprung. hilarius von potiers und seinen jüngern wird die klostergründung von stein-säckingen am rtein im 6. jahrhundert zugeschrieben. und von hier aus wurde das rätoromanische gebiet am oberen zürichsee besiedelt. daran erinnert bis heute das kantonswappen, und der kantonsname, selbst wenn der zusammenhang nicht selbstredend ist.

den stadtwanderer faszinieren solche zusammenhänge immer wieder. in diesem fall ganz besonders, denn auch er lebt nicht mehr in der stadt, sondern vor den toren, sprich vor der autobahn. intellektuell zehrt er von der urbanen auseinandersetzung, emotional zieht er sich gerne in sein refugium auf dem land zurück. dort liesst er gerne, und schreibt. zeitgemäss ist das nicht mehr die abschrift von christlichen manuskripten, sondern sind das die ergebnisse der recherchen für seinen blog.

und damit er hier nicht noch ausführlicher wird, hat ihm seine partnerin nicht einen mantel mit schaffell hingelegt, aber ein rezept vom wanderer von arlesheim, das er nun ausprobieren soll!

berner stadtwanderer, hinder c(h)appele

"g" wie gruner&gilg

am sonntag noch lass ich im band 5 des neuen “historischen lexikons der schweiz” und machte mir gedanken, ob und wie man das auf dem stadtwanderer besprechen könnte. fast alles, was mit der schweiz, ihrem territorium und ihrer geschichte zu tun hat, und mit “g” beginnt, ist da auf den aktuellen wissensstand zusammengefasst. aus aktuellem anlass bin ich bei “gruner” und “gilg” stehen geblieben.

der tod von peter gilg

“gundobad”, könig der burgunder, mit sitz in genf, der im späten 5. und zu beginn des 6. jahrhunderts lebte, oberster general des römisches heeres war und einen kaiser beseitigte, später zu seinem stamm in der sapaudia zurückkehrte und am aufbau der gallorömisch-germanischen gesellschaft im rhonetal wirkte, war mein erster ausgangspunkt für die besprechung. er ist seit langem ein fester bestandteil in meiner grossen stadtwanderung durch bern und durch die romandie, und er wird, für alle nicht-spezis von ihm, kurz und knapp im erwähnten lexikon erwähnt. überhaupt, das ist die stärke des neuen historischen meisterwerkes: es referiert über vieles, aber in einer sprache, in einer form und visualisierung, die auch für nicht-fachleute geeignet sind.


bundespräsident moritz leuenberger, bei seiner 1. august-rede 2006 vor dem historischen lexikon der schweiz

doch ich bin nicht beim alten burgunderkönig stehen geblieben. am dienstag nämlich entnahm ich der zeitung “drrr bund”, dass peter gilg vor einer woche 84jährig gestorben war. genauso wie sein vorgänger als direktor des damaligen forschungszentrums für schweizerische politik, erich gruner, ebenfalls verstorben, war er eine weile lang mein chef, sind beide mentoren von mir, leben beide nicht mehr, sind aber im historischen lexikon für ihre bleibenden verdienste als förderer der politikwissenschaft in der deutschsprachigen schweiz verewigt.

gewürdigt wird damit, dass erich gruner (1915-2001) und peter gilg (1922-2006), die frühere nähe der politikausbildung zu geschichte und staatsrecht aufgelöst haben und die gesellschaftlichen einflüsse auf die politische institutionen wie den föderalismus und die direkte demokratie untersucht haben, dem entstehen von politischen veränderungen in den 30er und 60er jahren nachgegangen sind, bewegungen als politische plattformen neben parteien und verbände gestellt und so die politikausübung als system, nicht als rein staatliches handeln interpretiert haben. beiden bekommen hierfür einen mittelgrossen artikel im schweizer lexikon, die sachlich-zurüchalten, informativ, aber unpersönlich sind. deshalb ergänze ich sie hier gerne ein wenig aus meiner optik.

meine erinnerung an erich gruner

erich gruner habe ich schon als student kennen gelernt. der sohn eines pfarrer und einer lehrerin war eine charismatische persönlichkeit, die mich von beginn weg stark fasziniert hat. er stammte aus einer alten, politisch aber nicht bedeutsamen bernburgerfamilie, hatte in bern und wien geschichte studiert, war zunächst gymnasiallehrer in basel, mit dem “daig” auch verbandelt, der ein liberalkonservatives bild der schweiz hatte. er kam als talentierter jungforscher nach bern, erhielt die unterstützung des nationalfonds, gründete die besagte forschungsstelle, unternahme erste forschungen zur soziologie der schweizerischen bundesversammlung und baute fächer wie wirtschafts- und sozialgeschichte an der uni bern auf. sein lebenswerk ist die monumentale geschichte der schweizerischen arbeiterbewegung.


der reformierte pfarrersohn erich gruner erhielt seine abdankung in der berner nydeggkirche (foto: stadtwanderer, anclickbar)

erich gruner nahm sich bald auch der ausbildung kommender eliten für die verwaltung an, etabliert politisch-philosophische wie auch politikwissenschaftliche lehrgänge. er war ein unermüdlicher schaffer, voll von reichhaltigen kenntnissen der schweizer- und lokalgeschichte. doch er blieb bei der faktenhuberei nicht stehen, denn er wollte ein zeitgemässes bild entwerfen, wie das schweizerische politische system begründet und strukturiert sei, und wie es funktioniert. er erkannte, dass man das allen nur verstehen kann, wenn man nicht nur von wahlen, sondern auch von abstimmungen kennt, weshalb er sich als einer der ersten mit der empirischen erforschung der direkten demokratie beschäftigte. so ist er zum vater der vox-analysen geworden, aber auch der politikberatung, indem er etwa die finanzgesinnung der schweizerInnen untersuchte, um abschätzen zu können, ob und wie die schweiz eine mehrwertsteuer akzeptieren würde.

in genau dieses forschungsfeld bin ich 1983 als mitarbeiter von erich gruner selber eingestiegen. ich habe bei ihm erfolgreich meine prüfungen absolviert (der historische teil bestand aus der frage: “was ist zeit”, der politologisch aus der kritik eines weltwoche-artikels über das damals neuen parteiprogramm der sp), und wurde ein jahr darauf angefragt, als assitent für ihn zu arbeiten, mit dem auftrag, die nationalratswahlen von 1983 zu untersuchen, und die vox-analysen eidgenössischer volksabstimmungen zu betreuen. so habe ich den weg zur empirischen analyse der schweizerischen politik, die mich bis heute nicht losgelassen hat, gefunden.

doch nur ein jahr später trat erich gruner altershalber zurück, regierte von zuhause aus aber noch weiter, und hatte ein kleines team, bestehend aus hans hirter, andreas balthasar und mir, die ihm seinen lehrstuhl bis zur wahl eines nachfolgers führte.

meine erinnerung an peter gilg

in dieser zeit erst lernte ich peter gilg kennen. auch er war ein pfarrerssohn, und auch er war von ausbildung aus historiker. er war jedoch weniger auffällig als gruner, stand weniger im zentrum als der institutsgründer, und wusste die studenten weniger für neues zu begeistern, als der gefragte professor gruner. aber er war ein genauer beobachter der gegenwart, geschärft mit historisch fundiertem wissen eines bibliothekars, gespitzt mit der feder eines praktisch tätigen journalisten.


zwischen 1971 und 1991 war peter gilg präsident der christkatholischen kirche berns (foto: stadtwanderer, anclickbar)

1965 gründete er mit gruner das jahrbuch “année politique”, das er leitet und zur zuverlässigsten chronik des politischen geschehens in der schweiz ausbaute. er hat 1983, als die aufkeimende grüne bewegung ins parlament einzog, als erster und mit grosser sicherheit von einem “rutschen unter der stabiler oberfläche” gesprochen, bemerkt, dass es im gebälk der regierungspartein kracht, selbst wenn man die öffentlichkeit noch nicht reif war, das zu verarbeiten. seine historischen werke hatten ihn jedoch sensibel gemacht, für die ursachen von bewegungen, für die formen und den sinn von jugendprotesten. keine hat mir so intuitiv, aber so verständlich beigebracht, dass jedes “sytem” auf einer politischen kultur verfasst ist, sie werte generiert, welche ein system prägen. und um diese politische kultur war er als aktives mitglied der neuen helvetischen gesellschaft stets auch aktiv bemüht.

mir ist vor allem seine einsicht geblieben, die er uns immer wieder vermittelt hat: wenn sich die gesellschaftlichen werte aber zu wandeln beginnen, dann führt das zu spannungen mit den institutionen, aus denen soziale bewegungen schöpfen, weil sie ihre neuen vorstellungen von politik, moral und ethik einführen. Nicht von ungefähr wandte er sich nach seiner pensionierung dem studium der christkatholischen theologie zu.

peter gilg war es auch, der mich 1984 und 1985 engagierte, nicht nur umfragen zu volksabstimmungen zu machen, sondern jedes jahr sechs monate in zeitungen zu wühlen, offizielle dokumente zu studieren, und meinungsbildende schriften zu konsultieren, um die folgen des wertewandels nicht nur für die grüne bewegung zu sehen, sondern auch für die energie- und verkehrspolitik, für das parteien- und verbandssystem. politische kultur im wandel, ein forschungsprojekt, das ich am ende der 80er jahre für den schweizerischen nationalfonds durchführen konnte, hat er, wie kein anderer, gedanklich reifen lassen.

meine erinnerung ans damalige fsp

die zusammenarbeit mit gruner und gilg war eigenartig. für gruner schrieb ich meinen politikwissenschaftlichen erstling, eine analyse der grossratswahlen im kanton aargau. besprochen hat er die arbeit kaum; zu peter gilg in seine studierstube im obstberg hat er mich verwiesen, wo ich eine gründlich kritik von inhalt, methode und sprache erhielt. gruner selber sagte mir nach der prüfung nur, er hätte die arbeit gelesen, bemerkt, dass sie sehr gut sei und noch völlig ungeschliffen sei. den fehlenden schliff musste ich mir bei peter gilg holen; bei erich gruner bekam ich dafür die assistenzstelle, die mein berufsleben entscheidend prägen sollte.


“vom galgenfeld zum henkerbrünnli und zurück”, beschrieb peter gilg seinen arbeitesweg kurz vor der pensionierung, der ihn vom berner obstgarten zum alten tierspital führte (foto: stadtwanderer, anclickbar)

die arbeit am damaligen forschungszentrum für schweizerische politik war indessen unsicher. die wirtschaftsfakultät, die über das zentrum wachte, wollte es bei der pensionierung von gruner in ein politoekonomisches institut umwandeln, oder abschaffen. dem damaligen direktor peter gilg hat das stark zugesetzt. europäisch-geisteswissenschaftlich wie er ausgebildet war, konnte er sich mit den aufkommenden amerikanischen theorie des rational czhoice nicht gross anfreunden, wurde immer mehr in die defensive gedrängt, und erkrankte schliesslich schwer.

rettungsanker in der schwierigen situation war schliesslich leni robert. die regierungsratswahlen 1986 bescherten dem bernischen regierungsrat erstmals eine rot-grüne mehrheit, und die abtrünnige freisinnige zog als vertreterin der freien liste ins berner regiment ein. sie übernahm zielstrebig den posten der erziehungsdirektorin und mischte sich direkt in die unipolitik. erich gruner, wie auch peter gilg, setzten ihr hoffnungen die grüne regierungsrätin, der es schliesslich auch gelang, die komplexe nachfolge zu regeln, sodass aus dem fsp, wie das zentrum damals noch hiess, heute das ipw, das institut für politikwissenschaft geworden ist.

zwei pioniere finden ihren platz im historischen lexikon

eigentlich wollte ich das historische lexikon der schweiz besprechen, band 5, schwerpunkt “g”. das werde ich so schnell nicht schaffen, was keine missachtung des hohen wertes ist, den dieser band wie alle anderen in dieser serie hat. aber ich bin abgeschweift, zu meinem gelebten historischen lexikon der schweiz, dem damaligen forschungszentrum für schweizerische politik, das mich dank den pionieren erich gruner und petr gilg gelehrt hat, politologie, soziologie und geschichte zu verbinden, um gegenwart aus sich und aus der vergangenheit zu verstehen. dafür sind erich gruner und peter gilg wie niemand anders mein lebender beweis, selbst wenn sie jetzt beide gestorben sind. sie haben mir und anderen etwas beigebracht, das aus der heutigen optik recht selbstverständlich erscheint. vor 20 jahren, als sie beide wirkten, was das aber noch bei weitem nicht der fall. es waren zwei forscher, zwei professoren von menschlichem und fachlichem format, wie man sie sich heute vermehrt wieder wünschen würde.

stadtwanderer

das historische lexikon der schweiz (hls) auf dem web

historisches lexikon der schweiz, hgg. von der stiftung historisches lexikon der schweiz (hls), band 5, basel 2006

bald alles für die füchse?

lieber thomas fuchs,

da sind sie aber bös erwischt worden.

es ist ja bekannt, dass sie gut sind in der besetzung von domain-namen in der eu. jetzt werden sie von einem noch schlaueren fuchs düpiert.

die ja-seite bei der volksabstimmung für das neuen berner “tram-west” wirbt auf internet rücksichtslos mit ihrem namen. wer sie als treffendsten gegner des tramausbaus sucht, und nur einen klitzekleinen bindestrich in ihrem namen vergisst, ist gleich bei der anderen seite! schauen sie selber nach!

da sollten sie unbedingt reagieren, sonst ist bald alles für die (stadt)füchse!

gruss

(aufmerksamer) stadtwanderer

und meine aufmerksamkeit entdeckte die berner mediengruppe alsbald:
artikel espace.ch

laika. hündin, weltraumfahrerin, weltenveränderin.

es ist der 3. november 1957. ich bin etwas mehr als ein halbes jahr alt. ich erinnere mich nicht mehr an diesen tag, – zu jung war ich damals. aber ich habe später gemerkt, weshalb dieser tag für mein leben so wichtig war; denn damals startete die sowjetische weltraumkapsel sputnik 2 mit der hündin laika zu ihrem berühmt gewordenen flug ins all. der schreck über den technologischen vorsprung der sowjets löste in der westlichen welt den schock aus, der einen beispielslosen aufbruch des bildungswesens brachte, von dem auch ich profitierte. ein rekonstruktionsversuch zum 49. todestag von laika.

sputnik 2 mit huendin laika als kommunistische propaganda

“moskau (tass). am 3. november 1957 startete das sowjetische weltraumprogramm sputnik 2 erstmals in der menschheitsgeschichte mit einem lebenwesen an bord erfolgreich zu einem weiteren weltraumflug. die hündin laika soll während 10 tagen die erde umkreisen und wissenschaftliche daten zu körperfunktionen unter schwerelosigkeit liefern. die sowjetunion beweist damit, dass sie in der technischen entwicklung der ganzen welt weit voraus ist.”

so und ähnlich vermeldet man vor knapp einem halben jahrhundert den start des weltraumfluges von sputnik und laika. die kommunistische welt war erfreut, die kapitalistische geschockt. nur einen monat nach dem ersten weltraumraumflug überhaupt setzte die sowjetunion mit dem ersten flug eines lebewesens im weltalt zum zweiten grossen schocker an. bis 1961 sollten 8 weitere sputniki folgen, bis dann am 25. märz dieses jahres juri gagrin als erster mensch in den weltraum startete.

der start des fluges von sputnik und laika war politisch gut plaziert. am 7. november 1957 würde man sich in der sowjetunion des 40. jahrestages der russischen revolution erinnern. nikita chrustshov, der generalsekretär der kpdsu, hatte den spektakulären start der hundekapsel als botschaft an die ganze welt ganz bewusst im vorfeld der feierlichkeiten gefordert.

der sputnik/schock im den usa und in europa

in der westlichen welt lösten die erfolge des sowjetichen weltraumprogramms den sogenannten sputnik-schock aus. 1955 noch hatte us-präsident dwight d. eisenhower das amerikanische weltraumprogramm voller optimismus lanciert, ohne dass aber sichtbare erfolge aufzuweisen waren, als 1957 die sputniks von der konkurrenz in den weltraum vorstiessen. sie machten vor allem der usa klar, dass sie mit interkontinentalraketen von sowjetischem boden aus anfreifbar waren, ohne dass die usa ein gegenstück hierzu vorzuweisen hatten. dieses phänomen führte zur umgehenden gündung der nasa, und leitete in den westlichen industrienationen vielfälitge aktivitäten zur förderung des hochschulwesens ein.

dem bildungsboom schloss sich auch die schweiz an. 1959 kam es zur zauberformel im bundesrat, mit der die alten gegensätze zwischen bürgerlichen und sozialdemokratie überwunden werden sollten. sichtbares zeichen dieser neuen ära waren der aufbau der ahv und der schweizerischen sozialwerke einerseits, des ausbau des hiesignen bildungswesens anderseits. technische hochschulen, aber auch universitäten und berufsschulen sollten von dieser wellte erfasst werden.

es formierte sich auch ein neues klima: wissen wurde als (gegen)macht empfunden und zur breiten abwehr des kommunismus demokratisiert. chancengleichheit über soziale schranken hinweg wurde zur formel, welche die gesellschaft bewegte. denn bildung wurde als bestandteil des kaltenkrieges für die politiker in der schweiz hochgehalten; bildung wurde aber auch als vehikel für den gesellschaftlichen aufstieg einfacher menschen hierzulande genutzt.

mein leben im licht und schatten des sputnikschock

davon profitierte ich ohne zweifel. meine eltern, beides nicht “studierte”, ermöglichten mir einen schulweg, den sie selber nicht kannten. ich bekam schon als kleines kind, das gerade mal lesen und schreiben konnte, ein lexikon geschenkt. das kam in form von wöchentlichen heften zu mir, die ich las, sammelte und dann zu büchern binden konnte. so entwickelte sich in zwei, drei jahren ein mehrbändiges werk in meinem buchbüchergestell, das eine halbe generation zuvor noch undenkbar gewesen wäre.

das blieb nicht ohne wirkung. der kleine stadtwanderer von heute wäre damals liebend gerne raumwanderer geworden. er verfolgte mit akribie das amerikanische weltraumprogramm “gemini”, später ebenso die “apollo”-missionen. ihren höhepunkt, die weltraummission von apollo 11 mit der ersten mondlandung am 20. juli 1969 verfolgte er in italien in den ferien am bildschirm. neil armstrong, der erste mensch auf dem mond, blieb ihm stets besonders verbunden, hatte er doch, wie albert einstein und der stadtwanderer auch am 14. märz geburtstag.

mein held von damals war bruno stanek; er kommentierte wie kein anderer die apollo mission am schweizer fernsehen, – unvergessen die stunden, die ich vor dem bildschirm verbrachte, als die mission 13 in havarie geriet und ohne kontrolle im weltraum gondelte.

in gewisser weise sollte er auch zu meinem vorbild werden. er war ein eth-wissenschafter neuen typs, der am fernsehen instant berichten konnte, was die fernsehnation aus den usa zu sehen bekam. beredet brachte er spannung in die bisweilen langfädigen übertragungen aus dem all, erklärte er uns die kleinsten details von astronautennahrung und apollo-koppelungen, die man grau/grau statt schwarz/weiss gar nicht identifizieren konnte, und machte er uns alle so mit einer gänzlich unvertrauten welt verbunden. stanek kaum aus prag in westen, von sputnik sprach er nie, auch wenn er als mathematiker kein ideologe war.

das vorgesehene studium der mathematik und physik, das ich als gymnasiast erwogen hatten, erschien zunächst nur folgerichtig. meinem phyisiklehrer ging der ruf voraus, er sei ein begnadeter forscher, hätte sogar an der atombombe geforscht, und er hätte, wenn er wollte, stets zur nasa wechseln können. ich war also schon nahe dran.

getan hat mein physiklehrer es aber nicht. genau so wenig übrigens, wie ich danach ein technisches studium ergriffen habe. denn bei allen vorteile, die uns aus dem sputnikschock in den 60er jahren erwachsen waren, mehrten sich allenthalben zweifel, ob diese nicht auch nachteile fuer die welt hatten.

mitte der 70er jahre entschied ich mich, kein naturwissenschafter zu werden. die gymnasialllehrer dieser fächer, allen voran mein mathematik- und mein biologielehrer, hatten mich mit ihrem kalten krieg, antikommunismus und mit ihren rassistische lehren im unterricht geschockt. zwischenzeitlich war ich für gewissen themen sensibilisiert, hatte gemerkt, in einem teil es kalten weltkrieges aufgewachsen zu sein, und begann mir meine eigenen gedanken zu machen. es waren auch politische wilde jahre, die zeit des ausbruchs aus der gesellschaft, die der kalte krieg geformt hatte.

so habe ich einstein und armstrong (vorübergehend) an den nagel gehängt und mit dem studium von geschichte und sozialwissenschaften begonnen, um besser zu verstehen, in welche zeit ich geboren wurde. einigermassen ist mir auch das geglückt. dank bildungsboom, der selbst diese fächer in der schweiz aufblühen liess, würde ich heute beifügen. denn ohne mein beschaeftigung mit geschichte und soziologie, politik in theorie und praxis gaebe es den stadtwanderer kaum.

laikas kurzer flug mit langer wirkung

am anfang dieser kette steht immer noch laika. die arme hündin wurde in moskau auf der strasse aufgegriffen und für das weltraumprogramm mit tödlichem ausgang vorbereitet. an eine rückkehr auf die erde dachte man damals noch nicht, denn dazu war man technisch noch gar nicht in der lage. sputnik 1 war nach 57 tagen der erdumkreisung beim wiedereintritt in die erdatmosphäre verglüht. anstatt der vorgesehenen 10 tage leben im weltall verstarb laika wohl schon am ersten tag nach dem start im gemisch aus gestank, lärm und hitze. ihr sei heute gedacht.

sputnik 2 umkreiste im 100minuten rhythmus die erde noch insgesamt 2250 mal, bevor der erdtrabant am 14. April 1958 im orbit verglühte. die auswirkungen des schocks, den der satellit damit vor allem in der westlichen welt auslöste, hielt deutlich länger an, und prägte mein leben, im licht und schatten von laika, deutlich.

stadtwanderer

mit meinen neuen favoriten unterwegs (november 06)

alle bisherige favoritenlisten ansehen

ich hatte einen strengen monat. bin nicht mehr so dazu gekommen, andere blogs aufzusuchen. aber ich habe mich ein paar mal umgesehen, wer was macht. es bleibt halt interessant, das blogen: man beobachtet, man überlegt, man nervt sich, man wird inspiriert, man kopiert, man kritisiert, man antwortet, – und man fabriziert so neue und alte favoriten.

es gilt immer noch die regel: wer einmal top war, bleibt für immer top, kommt aber in eine separat rubrik, ist sozusagen “für immer gut”.

“für jetzt gut” sind:

1. wanderer von arlesheim (erneut)

wanderer von arlesheim
ich habe den im vormonat schlicht vergessen, aufzulisten! und ich entschuldige mich dafür! das ist aber nicht der grund, weshalb ich diesen blog top setze: er gefällt durch vielseitige, interessante beiträge, die viel konsequenter als bei mir, sich mit einem ort, arlesheim beschäfitgen. das verdient anerkennung und viel lob: platz 1.

(foto: stadtwanderer, anclickbar)

2. münstergassblog (vormals 2)

mügablog
unverändert, meine lieblingsbuchhandlung in bern, und unverändert ein interessanter blog. spürt neue gesellschaftlicher interessen, die zum lesen führen auf, und berichtet über aktuelle angeböte aus der büchosphäre. kann ich nur weiter empfehlen, mit platz 2.

(foto: stadtwanderer, anclickbar)

3. auswandererblog (vormals 3)

auswanderer-blog
er ist der longseller in meiner favoritenliste. war noch nie ganz top, aber immer vorne dabei. ruedi baumann, der frührere präsident der grünen, und jetzt bauer im südwesten frankreichs, hat ein waches auge dafür bewahrt was in der schweiz geht, und berichtet unermüdlich darüber, was in der schweizerischen käseglocke aus europäischer sicht passiert. danke: platz 3.

(foto: stadtwanderer, anclickbar)

4. recherchenblog (vormals 6)

recherchenblog
andy litscher ist ein führenden informationsbrooker, und ein führendes mitglied von recherchenblog. achte die professionalität seiner dienstleistung recherchenblog sehr, habe ihn über sein fotoalbum (www.flickr.com/photos/litscher) auch noch von einer ganz anderen seite kennen gelernt, und erst so gemerkt, dass wir nur 200 meter von einander arbeiten. aufmerksamkeit eines bloggers soll man mit aufmerksamkeit für den blogger belohnen: platz 4.

(foto: stadtwanderer, anclickbar)

5. arlesheim reloadet(neu)

arlesheim reloaded
schreibt viel, mit spitzer feder, neigt etwaszu zynismus, ist aber wach und wachsam, was in der schweizerischen medien- und kommunikationsszene so geht. war mir anfänglich wenig sympathisch, ist zwischenzeitlich aber eine gültige referenz geworden. auch wenn arlesheim damit völlig übervertreten ist; verdientermassen: platz 5.

(foto: stadtwanderer, anclickbar)

6. bernet blog (vormals 4)

bernetblog
seit ich selber an einem firmenblog beteiligt bin, weiss ich, wie heavy schwer es ist, einen solchen, gerade auch im team zu führen. umso mehr weiss ich den bernetblog als den wohl besten in dieser kategorie zu schätzen, der stets neue trends in der schweizerischen e-kommunikationsbranche entdeckt (und so wohl auch setzt). belohnt mit: platz 6.

(foto: stadtwanderer, anclickbar)

7. züri-berlin(-züri)(erneut)

züri-berlin
berichtete den sommer hindurch mit den augen einer zürcher studentin spannend aus berlin, war dann vorübergehend weniger aktiv, und erzählt nun aus der erinnerung einer nach zürich zurückgekehrten studentin über das spannende berlin. ist immer ein gewinn, und einen besuch wert: platz 7.

(foto: stadtwanderer, anclickbar)

8. reklameblog (neu)

reklameblog
seit ich selber ein fotoalbum führer (www.flickr.com/photos/stadtwanderer) achte ich mich viel bewusster auf die werbung. eine quelle der inspiration in der blogsphäre hierzu ist der reklameblog. einfach gemacht, mit gutem auge für neues, zurückhaltend beschrieben, ist das ein zuverlässiger gradmesser, für das was in der plakatwelt so geht. mein dank: platz 8.

(foto: stadtwanderer, anclickbar)

9. un autre regard (neu)

un autre regard
von allen schweizerischer fotoblogs, die ich kenne, wohl der schönste. bilder von professioneller qualität, breit im angebotsfächer, und schlicht in der präsentation. stephan kindler scheint (wie ich) erst seit kurzem zu fötelen, ich ich bin erstaunt, was dabei rauskommt. kompliment und platz 9.

(foto: stadtwanderer, anclickbar)

10. der bildredakteur (neu)

bildredakteur
anregender fachblog, von fotografen, bildredaktoren und menshen mit aug und kopf. berichtet aus der schnell wahsenden bilderwelt, mit bild und text, erzählt über fotoprojekte, fotobranchen, fotowettbewerbe, fotogaphInnen, etc. mein schnappschuss hierzu: platz 10.

(foto: stadtwanderer, anclickbar)

und nun “für immer gut” …

meine top-empfehlung im monat oktober ’06

edemokratie
dieses blog ist seit ich bloge der aufmerksamste zuverlässigste informant zu fragen der politischen philosophie, kommunikation und aktualität

meine top-empfehlung im monat september ’06

apropos
einfach der schönste aller schönen blogs …

meine top-empfehlung im monat august ’06

today’s strip
es ist unser bevorzugter “bericht aus schweden”, ohne grosse worte zu verlieren, versprüht er viel hintergründige humor. lars mortimer ist der bekannteste schwedische karikaturist, der jeden tag seine website mit einem neuen “hälge”, dem träfen elch aus den schwedischen wäldern, ergänzt. so kann man ganzjahresstimmungen im norden minutiös mitverfolgen.

meine top-empfehlung in den montaten juni und juli ’06

weiachblog
unverändert unschlagbar das beste, was es für politisch-historisch interessierte stadt- und dorfwanderer gibt. ich bewundere die gabe, auf fast nichts, nichts weniger als eine täglich spannende kolumne schreiben zu können.

stadtwanderer

für sie – über sie!

der auswandererblog wollte wissen, wie es um die nutzung seines eigenen blogs, im vergleich zu anderen, steht. hier die umfassende übersicht über die masse des stadtwanderers.


quelle: www.flickr.com/photos/judge_mental

. den stadtwanderer gibt es seit dem 10. märz 2006 als blog. damals schrieb ich eine notiz über einstein in bern, kaum je beachtet. die nutzung ist seither, praktisch ungebrochen, steigend.
. bisher haben sich 10.718 verschiedene adressen eingeloggt. man kann auch etwas vereinfachend von sovielen besucherInnen sprechen.
. im ersten monat waren es eine ganze handvoll; im oktober sind es 3283 unterschiedliche zugänge gewesen, – ein steiler aufstieg also!
. jede adresse kommt im schnitt knapp 3 mal vor; besuche hatte ich bis ende oktober ganz genau genommen 27.443. in einem gewissen masse gibt es also schon so etwas wie eine stammkundschaft.
. die wirklichen topbesucher kenne ich zwischenzeitlich; sie bleiben aber mein geheimnis, ausser frau apropos, die kommt ja auch bei den kommentaren am meisten vor! merci übrigens, ich schätze feedbacks aller art.
. bisher wurden knapp 80’000 seiten oder auch beiträge konsultiert. die spitzenreiter sind in meiner rubrik “most popular” chronologisch zusammengefasst.
neu ist die rubrik “coming up”; da sind die 10 häufigst besuchten beiträge des letzten monats rubriziert.
. effektiv am meisten direkt angeschaut wird alles, was sich auf andere blogs bezieht, also meine favoritenlisten zum beispiel. wirklich populär sind auch buchbesprechungen aller. der am meisten einzeln angeklickte einzelbeitrag ist jedoch jener über “heiraten in bern (und anderswo)”. ausgerechnet: nicht wegen dem sympathischen hochzeitspaar rico und stefi, aber wegen der total verregneten stadtwanderung eines unverheirateten stadtwanderer für zwei neuzuzügerinnen in bern, that’s life!
. spam angriffe hatte ich bisher 2, der eine war rüde – 600 spams in wenigen tagen; ein spinner töggelte von hand tagelage fremde adressen ein, ich habe sie ebenso einzeln gelöscht, und glaubte auch bald zu spinnen! (hat sich übrigends für den titel heute gebührend bedankt, und ein geschenk hinterlassen).
. pro tag habe ich regelmässig zwischen 200 und 300 erwünschte besuche. die meisten kommen über den feedreeder, oder dann sind es links auf websiten und anderen blogs, die zu mir führen.
. beim verzeichnet-werden könnte ich mich sicher noch verbessern. momentan sind es in der blogosphäre 46 links, die den stadtwanderer empfehlen. bei technorati, das ja vor allem darauf abstellt, ergibt das weltweit ungefähr den 180.000 platz. in der schweiz bewege ich mich etwa auf rang 300.
. bezogen auf den server kommen die meisten nutzer von einem us-amerikanischen, gefolgt von einem europäischen und dann von einem schweizerischen. ob das viel über die besucherInnen aussagt, weiss ich nicht. wenn das der fall wäre, hätte noch einigermassen rückhalt in tschechien, deutschland und österreich!
. geguckt wird der stadtwanderer vor allem tagsüber von 7 bis 21 uhr lokalzeit. top ist die unmittelbar nach-mittagszeit! am wenigstens kontakte habe ich am morgen um 4. da schlafen auch meine fans. wie ich auch. ich schreibe übrigens die meisten texte in der nacht, wenn ich nicht schlafen kann …
. die meisten besuche sind unter 30 sekunden, also nur mal schauen, was da so ist; 20 prozent dauern aber über eine minute, und die hälfte davon gar über 30 minuten! herzliche gratualtion für die ausdauer!!!

der stadtwanderer

felix austria

gratulation dem glücklichen österreich! immer am 26. oktober zelebriert es seinen nationalfeiertag. erinnert wird damit an die aufnahme der österreichischen neutralität in die bundesverfassung, – just einen tag nachdem die besatzungsmächte des zweiten weltkrieges das land nach 10 jahren herrschaft auf friedlicher basis und vertraglich zugesichert verlassen hatten. der stadtwanderer hat, wie jedes jahr, zu diesem anlass die österreichische botschaft besucht, und sich ein wenig umgehört und umgeschaut. hier sein tatsachenbericht!

der östereichische nationalfeiertag in bern

2005 war die kolonne vor der botschaft deutlich länger. selbst nach zwei stunden stand man da noch bis weit auf die kirchenfeldstrasse hinaus an. doch auch zur 50. wiederholung eben dieses nationalfeiertags ging es bei botschafter doktor aurel saupe und seiner frau angelika zu und her. jedermann und jedefrau wird förmlich korrekt begrüsst, doch nur, wenn man sich vorher ins gästebuch der republik eingetragen hat. und dann ist man frei, sich an der party zu amüsieren.


zu viele leute, zu feine getränke, zu kleine häppchen!

wie immer, hat es zu viele leute, gibt es zu feine getränke, zu kleine häppchen, aber den unverwechselbaren ewiggrossen small talk. botschaftssekretär desser, der mit einer brasilianierin verheiratet ist, geht andern tag auf urlaub. o-ton: “über all wird gespart, doch beim urlaub getraut sich nicht einmal die sich abzeichnende grosse koalition in wien hand anzulegen.” und sein chef doppelt nach: “spannend ist im november nicht nur in der schweiz, mit der osthilfe. spannend wirds auch in wien, mit der der regierungsbildung. man lasse sich überraschen, in bern und in wien.” dass die osthilfe abgelehnt werde, hoffen man nicht, genauso wenig wie, dass aussenministerin plassnik die neue bundesregierung nicht mehr überragend werde: erstens mache sie gute arbeit, sagen sekretär und botschafter über ihre chefin; sie haben sich deshalb auch für eine weitere amtszeit empfohlen. und zweitens bleibt sie 1,91 m gross, denkt sich der stadtwanderer. der war, als frau plassnik noch botschafterin in bern war, mal bei ihr eingeladen. im garten hat sie ihn empfangen. ausgerechnet auf der mauer stehend, welche die treppe zum rasen abgrenzt: riesig kam sie dem kleinen schweizer vor, und erst noch von oben bis unten in knallorange gekleidet, war sie. nicht ohne dass auch die turnschube von dieser farbe gewesen wären!

der diplomatische empfang

die sitten am nationalfeiertag sind diplomatischer: die herren in schwarz gekleidet, die militärattachées in ausgangsvollmontur, und die damen meist elegant, von dezent bis extravagant ist aber alles zu sehen. enstprechend sind auch die kommentare zur schweiz. so der zweite sekretär der grand nation, wenn er berichtet, wie er über den türkeibesuch von justizminister blocher berichtete, als frankreich gerade unter dem eindruck einer gesetzgebung gegen den genozid an den armeniern stand. man habe vor allem la divergence des cultures politiques kommentiert, die in der behandlung der gleichen frage aufgeschimmert sei, und die schweiz sei in budapest, wo sie durch bundespräsident moritz … leuenberger vertreten war, schon mal direkt auf das thema und seine behandlung angesprochen worden. in bern zu arbeiten sei aber immer spannend, toujours les référendums, mit den erläuterungen des bundesrates an das volk, très pédagogique!, wird das gastland gelobt.


englischer rasen für europäische und fussballerische diplomatie!

erzählen liesse sich noch vieles, was an so einem abend alles gesagt, erwogen und verworfen wurde. der stadtwanderer hat aber nicht alles aufgeschnappt, und einiges davon auch gleich wieder vergessen. denn er hat sich im garten der residenz umgesehen: wunderbar, das gemäuer des hauses aus dem 16. jahrhundert, das dach noch ein wenig burgundisch, der garten stilvoll englisch, und der angrenzende wald bernisch, wie im tierparkquartier üblich. gut leben lässt sich hier, denkt er sich, und fragt sich schon mal, ob hier demnächst die eu-politik der schweiz gemacht werde, wenn die vertretung der europäischen union in bern eröffnet und mit einem österreichischen diplomaten besetzt sein wird. sicher, denkt er sich, das weiss man seit dem staatsbesuch von bundespräsident fischer, über den er ja auch bericht hat. doch dann leitet der grüne rasen nahtlos zum fussball über: der präsident vom schweizerischer fussballverband, ralph zloczower (was ich mir immer nur in anlehnung an game over merken kann), fast ebenso so lang wie frau plassnik, ist auch im garten, um die guten beziehungen zum fussballnachbar zu pflegen, mit dem man bald europameisterlich sein wird. ansonsten fällt jedoch auf, wie wenig schweizerinnen und schweizer am heutigen tag in der österreichischen botschaft anwesend sind.

das unverwechselbare wiener schnitzel

der stadtwanderer und seine stadtwandererin beschliessen zudem, denn österreichischen nationalfeiertag auf ihre art zu beende. sie verabschieden sich bei den gastgebern saupe, und machen sich zum soupe ins restaurant frohegg auf. da gibt zwei tolle wiener schnitzel, ganz frisch, ganz dünn und ganz fein gebacken. unvergessene erinnerung an die regelmässigen wien aufenthalte, mit dem obligaten abstrecher in die gösser bierklinik, tauchen da schon mal auf.


unvergessene erinnerung an die gösser bierklinik in wien!

in ihrem news-system sehen sie dann noch, dass es in österreich unvermindert keine regierung gibt, der bundespräsident aber die höchstwahrscheinlichkeit einer neuen grossen koalition ankündigt hat. damit überraschte er die medienschar nicht besonders heftig, aber gesagt ist gesagt. überraschen tut an diesem abend dafür ehepaar grasser-swarovski. er, noch-finanzminister der regierung schüssel, die kommissarisch bis zu ihrer ablöse regierung spielt, und seine fiona, die juwelen-erbin und unternehmerin, mit absteige in bern sind für das highlight besorgt: beide wären sie an diesem tag – beinahe! – entführt worden, von einer rumänischen kriminellenband, weiss der orf zu berichten. doch der staatsschutz war schneller, soko-innsbruck ermittelte wieder erfolgreich, und vereitelte den coup. dem strahlepaar aus wiener gereichte die meldung indessen im besten moment zu einer unverhofften schlagzeile.

“felix austria!”, sagt sich da der stadtwanderer, “das hat sich gut ausgelassen, heut abend”, und versinkt glücklich in in sein eigenes bett.

stadtwanderer

mein 1968

1968 – da war ich 11 jahr alt. und mega sportbegeistert. das hat mich politisiert. auf meine ganz bestimmte art und weise. daraus ist mein ’68 – und genau 38 jahre her!

der unverstandene protest

selber war ich ein mässig guter läufer, wenig ausdauernd, denn mein husten aus der kindheit plagte mich vor allem im winter. aber ich war einigermassen schnell. und reaktionsstark. das prädestinierte mich zum sprinter. für ein paar medaillen als junger leichtathlet sollte es in den folgenden jahren reichen.

im oktober 1968 hatte ich nur einen wunsch: mir meine ersten olympischen sommerspiele am fernsehen ansehen zu können. ich verfolgte schon vorher über zeitungen die die sprinter aus den usa, die hürdler aus cuba und die mittelstreckler aus kenia. sie waren meine ersten stars.

warum die studenten in mexico kurz vor der eröffnung der spiele demonstrierten, verstand ich nicht. umso mehr ärgerte ich mich über ihre gewalttätigkeiten. genauso wenig wie ich, duldete die polizei den aufstand der strasse nicht. sie schlug in tlatelolco brutal zu und erschoss zahlreiche studenten. wie der mexikanische präsident war ich froh, dass die spiele termingerecht am 12. oktober 1968 beginnen konnten.

das sportliche vorbild

ich wurde in diesem unvergesslichen oktober 1968 voll bedient: 100 m mit dem sieg von jim hines in der weltrekordzeit von 9,94; 400 m mit dem sieg von lee evans in der weltrekordzeit von 43,8; und dann die 200 m, meine strecke: sieg von tommie smith mit dem fabulösen weltrekord von genau 19,83. damit wurde er der schnelleste mensch auf allen strecken überhaupt.

die fakten, die zahlen, die sieger prägten mich: mit tommie smith hatte ich ein faszinierenden vorbild gewonnen. 1,91 war er gross, 84 kilo war er schwer, und 2,8 meter mass seine schrittlänge, wenn er in fahrt kam. das alles konnte ich auswendig, selbst wenn mir dabei auch bewusst wurde, nie ein solcher modellathlet zu werden!

der verstandene protest

doch dann kam der schock: gemeinsam mit john carlos, dem dritten im olypmischen 200 m final, erhob tommie smith die schwarz bandagierte faust zur us-amerikanischen nationalhymne. noch heute läuft es mir kalt den rücken hinunter, wenn ich mich an den 17. oktober 1968 zurück erinnere.

dann ging alles schnell: noch während der siegeszeremonie wurden die beiden us-sprinter aus der amerikanischen mannschaft ausgeschlossen! mein held, von bekloppten ami-sportfunktionären in die wüste geschickt! wie konnte man nur!, musste ich wissen.

aber ich bekam keine antwort. sicher hat mein amerika-bild damals schweren schaden genommen; sicher bin ich seither schlecht zu sprechen, wenn ich nur schon das wort “funktionär” höre.

aber ich weiss, dass ich in sekundenschnelle begriff, was soziale ungerechtigkeit ist, und wie nationalstolz und sozialer zorn zusammen hängen. denn diese siegerehrung hat mich politisiert. mit sympathien für benachteiligte gruppen. und der ausschluss hat mich scokciert, mit antipathie für sturheit, überlegenheit und rassismus. dass tommie smith am letzten tag der spiele – heute vor 38 jahren – auch noch auf lebzeiten für olympische spiele gesperrt wurde, gab mit den rest.

der sportsmann des jahrtausends

ein vorbild ist er geblieben, dieser tommie smith. mein 68er idol. gesehen habe ich ihn nie. verfolgt habe ich seinen werdegang schon. soziologie studierte er nach dem tiefen fall, um zu verstehen, was ihm angetan wurde. bis zum professor am santa monica college stieg er auf. das hat sogar mich bewegt. wie er, wollte ich soziologie studieren, um zu verstehen, was falsch gelaufen ist, wenn soziale proteste ausbrechen.

1978 begann die rehabilitierung von tommie mit der aufnahme in die amerikanische “hall of fame” der leichtathlektik, und 1999 erreichte sie mit der verleihung des titels “Sportsman of the Millennium Award” ihren höhepunkt erreichte.

eben, ein vorbild, nein, mein vorbild, seit den berüchtigten oktobertagen des jahres ’68.

stadtwanderer

Röschti-Brücke

tja, folgende zuschrift habe ich auf meinen artikel zum röschtigraben erhalten. von einer person, die unbedingt anonym bleiben will. der beitrag ist aber so stark, dass ich ihn nicht nur als “comment” bringen möchte, sondern gleich als eigenen “gastbeitrag”. die bilder sind von mir ergänzt.


alte Darstellung des Viaduktes von Grandfey, erbaut zwischen 1857 und 1862 (foto: museum für geschichte und kunst, freiburg i.ü.)

“Der Viadukt von Grandfey ist schon technisch ein Meisterwerk. Er wurde kurz nach der Gründung der Schweiz gebaut. Er erschliesst das Uechtland für den Zugverkehr, denn er verbindet Freiburg mit Bern. Ohne die gewaltige Bürcke würde es keine so direkte Verbindung vom Lac Léman an den Bodesee geben.
Die Brücke ist 333 Meter lang, und über 80er Meter hoch. Sie musste nur einmal ganz überholt werden. Sie bietet auch Fussgängern und Velofahrern einen geschützten Durchgang.
Davon sollte man mehr sprechen, statt immer vom Röschtigraben. Denn die Brücke verbindet über die Sprachgrenze. Sie ist eine richtige eidgenössische Tat.
Unbekannter Gesamtschweizer”


geschützer durchgang auch für den einfachen landverkehr über die röschtibrücke (foto: gemeinde düdingen)

da sag ich als ehemaliger freiburger nur noch: herzlichen dank, hätte schon längst selber auf die idee kommen können!
stadtwanderer

rideau de roesti – röschtigraben

fast kein abstimmungswochenende vergeht, ohne dass die frage nach den sprachkulturellen unterschieden in den abstimmungsergebnissen gestellt wird. eine ausstellung des bieler museums schwab geht nun den vielfältigen erscheinungsweisen, aber auch den tieferen ursachen des röschtigrabens nach, – bleibt aber auf halbem weg stehen. ein report von der vernissage.


hochgespielt: den “röschtgraben” kann man nicht mal übersetzen, den auf französisch sei er ein vorhang, le rideau de rösti, suggeriert die ausstellung

die problematik

die kultur der modernen direkten demokratie in der schweiz entwickelte sich in den letzten 175 jahren auf kantonaler und nationaler ebene schrittweise. sie ist historisch gesehen “jung”. die kultur des eidgenössischen bewusstseins entstand seit dem 14. jahrhundert mit dem starken hang zu regionaler autonomie. geschichtlich betrachtet ist sie von “mittlerem” alter. die grundlagen aber, die sich an einem abstimmungstag mit sprachregionalen gräben äussern, sind allesamt älter: sie stammen aus der konfrontation von gallo- resp. raetoromanischer und germanischer kultur, die im 5. bis 7. jahrhundert begann und bis heute dauert.

am ende der römischen herrschaft auf dem gebiet der heutigen schweiz, an der wende vom 4. zum 5. jahrhundert, wanderten nacheinander burgunder, alemannen und langobarden ein. sie integrierten sich sehr unterschiedlich in die vorherrschende römisch-keltisch resp. römisch-raetische kultur. bei den burgunden kam dies einem recht raschen aufgabe des germanentums zugunsten der römischen tradition gleich. bei den langobarden verlief der prozess viel langsamer, aber weitgehend vollständig. nur bei den alemannen versagte fast vollständig. sie entwickelten sich in opposition zur mediteran-lateinischen welt weiter.

doch genau diese alemannische kultur ist die basis, auf der die alte eidgenossenschaft im spätmittelalter entstand: als rechtsform, um den lokalen handel auf nicht-adelige art und weise zu sichern, als stadt- und landkultur, die es so nur in der reichsprovinz gab, als militärischer zweckverband, nicht als politischer staat und später als selbstverständnis der protestantischen zentrem gegen die katholischen umländer. doch die herrschaft der alten eidgenossenschaft beschränkte sich nicht nur auf die deutschsprachigen gebiete. sie erstreckte sich auch auf teile jener regionen, die sich in der französischen resp. italienischen kultur entwickelt hatten, hielt sie jedoch als untertanengebiete.

erst mit dem fall der alten eidgenossenschaft unter französisch revolutionärem druck entwickelte sich das selbtverständnis der mehrsprachigen schweiz, das ein produkt des frühen 19. jahrhundert ist und von der freisinnigen grossfamilie im modernen bundesstaat als eine der unverwechselbaren identitäten des sonderfall schweiz gepflegt wurde. mit dem zerfall der fdp seit den 90er jahren des 20. jahrhunderts wieder zum problem wurde.


relativiert: der röstigraben vor dem hintergrund der weltpolitik, karikatur aus der ausstellung

die einladung

ein perfekt zweisprachiges buch von laurent flütsch, das als katalog des musée romain de lausanne-vidy entstanden ist, und den titel „rideau de rösti – röschtigraben“ trägt, geht genau diesem problem mit vielfältigen zeugen ihrer zeit nach:

. zunächst mit karikaturen, die fast alle aus der gegenwart stammen, das heisst, die publizistische verarbeitung rideaus de rösti namentlich in der romandie vorführen,
. dann mit volkskundlichen übersichten, speziell aus den 50er jahren des 20. jahrhunderts, die eine bilanz der alltagskultur dies- und jenseits des saane/sarine ziehen,
. ferner mit ein paar exzerpten aus der zeit des jungen bundesstaates, die den aufbau und zerfall zeitgenössischer eidgenössischer kultur am beispiel des frankens positiv und des ersten weltkrieges negativ aufzeigen, und
. und schliesslich mit archäologischer funden aus der zeit vor der kartoffel, die sich speziell mit der regionalen verbreitung von töpferwaren, alltagskleidern und beschäftigen.

momentan zu sehen ist die wanderausstellung, die auf dem buch flütschs basiert, in der zweisprachigen stadt biel/bienne, genauer gesagt im dortigen museum schwab. sie wurde am wochenende eröffnet und bietet den interessierten verschiedene zugänge zum gleichlautenden polit-kulinarischen thema: einmal als quiz im eingang, das sich mit der entwicklung des bilinguaalismus in der uhrenmetropole beschäftigt, vor allem aber als führung durch den (engen) röschtigraben, sinnbildlich als furche in der landschaft dargestellt: links bekommt man jeweils die französischsprachige perspektive vorgeführt, und rechts kann man sich das gleiche aus deutschschweizericher optik ansehen. der trick der ausstellung dabei ist verblüffend: es beginnt nur vordergründig mit den verschiedenen sprachen, es endet am schluss einer jede erläuterung bei der sichtweise der anderen sprachregion. das verbindet, wo auch immer man anfängt!

selber habe ich mich als freiburger mehrfach in dieser ausstellung wieder gefunden. manchmal habe ich mit über meine eigenen unkenntnissen gewundert. so beim alemannischen grittibänz, den es bis in die frühe nachkriegszeit in der romandie nicht gab, und der als beleg für eine eher barbarische kultur der alemannen vorgeführt wird; so beim arbeitsverkehr, der in der lateinischen schweiz signifikant höher mit dem privatwagen geleistet wird, und als zeichen des materialistischen bewusstseins in der romandie gilt; und so bei der nusstorte und dem birewegge, die, wie mir nicht präsent war, ihre ursprünge in den verschiedenen sprachregionen haben. besonders angesprochen gefühlt habe ich mich als historiker aber, als es in der ausstellung die vorgeschichte der sprachregionen ging, den zahlreichen wanderbewegungen, aus denen im schweizerischen mittelland seit langem ein gemisch aus verbindenden und trennenden alltagskulturen entstanden sind.


perfekt bilingue: der ausstellungskatalog der edition infolio

die bewertung

trotz diesem lob für das spezielle projekt, sei mir eine enttäuschung am ende der ausstellung und der buchlektüre erlaubt: eine durchgehende geschichte der beziehungen zwischen den räumen, die heute zentral zur schweiz, europäisch gesehen aber immer zu den rändern verschiedener grosskulturen gehörten, bekommt man leider nicht. nur zu gerne hätte man am schluss der vorführung eine erläuternde übersicht über die 7500 jahren nachbarschaft, die in der ausstellung und im buch angesprochen werden, die einem die wechselhaften phasen des zusammenlebens mit höhen und tiefen sichtbar gemacht hätte.

sicher wäre es hierfür nötig gewesen, die zeit vom 8. bis 18. jahrhundert nach christus, die weitgehend ausgeblendet wird, mehr informationen und eindrücke vermittelt zu erhalten. denn genau in dieser zeit vollzieht sich die unterschiedliche ethnisierung der mittellandgesellschaft, beginnt die ausbildung der sprachgebiete und setzt ihre verfestigung durch kirchen, staat, schulen und medien ein, bis napoléon dem anachronimus der deutschschweizerischen herrschaft über „die lateiner“ ein jähes ende bereitete.

damit bleibt die zentrale frage offen, was denn, trotz des evidenten röschtigrabens, die schweiz bis heute zusammenhält? ist es die immerwährende herrschaft über die alpen? sind es die verdienstmöglichkeiten vom soldwesen von damals bis zum bankenplatz von heute? oder ist es die drohende marginalisierung der drei randregionen, wenn sie in ihren umliegenden sprachkulturen aufgehen würden?

vielleicht ergibt sich die antwort hierauf auch nicht intellektuell. dann wäre die ausstellung nur der magnet, um anschliessend in die stadt biel/bienne zu gehen, gleihc zwei restaurants zu besuchen, das eine mal eine rösti, angerührt mit öl, das andere mal eine röschti, gemacht mit butter, zu bestellen, und sich mit der jeweiligen bevölkerung in seiner und ihrer sprache über das zusammenleben am berühmten vorhang/graben zu unterhalten. denn auch das bildet!

stadtwanderer

biel/bienner ausstellung

ausstellungskatalog:
laurent flütsch: rideau de rösti – röschtigraben. infolio édition CH, gollion 2006, 2. auflage.

bestelladresse

ende formel ohne ende

ausgerechnet! ich, der nicht auto fährt, dafür fleissig den oev benutzt, fahre jeden tag auf einer ehemaligen formeleinsrennstrecke. aber ich mache mir immer noch hoffnung auf das definitive ende der formel ohne ende!

mein arbeitsweg führt von hinterkappelen über die aare durch den berner bremgartenwald, die eymatt hinauf bis zur autobahneinfahrt, dann auf der alten murtenstrasse richtung bern, an der zentralwäscherei vorbei, bis zum güterbahnhof, und von da an geht’s unwiederruflich in die stadt.


schnell wie damals fährt man auch heute durch den bremgartenwald, – achtlos, selbst an totengedenktafeln vorbei (fotos: stadtwanderer)

das alles war bis am 22. august 1954 teil des bremgartenrings, der rennstrecke, auf der der „grand prix suisse“, das schweizerische formeleinsrennen, ausgertragen wurde. 20 jahre kurvten hier die schnellsten vierräder der welt, in umgekehrter richtung als ich heute, durch das stadtberner naherholungsgebiet. start/ziel war bei der zentralwäscherei, und von da ging es mir vier grossen rechtskurven rund um den “bremer”, bis man auf pflastersteinen über die 1000 meter lange zielgerade flitzte.

am 11. juni 1955 kam das ende für die formel 1 in der schweiz. im französischen le mans raste ein rennfahren über die piste hinaus und in die zuschauer. schreckliche bilanz des unfalls: 85 tote und weit über 100 verletzte. aus gründen der pietät verzichtete der verein „grosser preis der automobile und motorräder bern“ auf die durchführung des rundstreckenrennens im gleichen jahr. 1956 war es dann der berner regierungsrat, der das treiben vorläufig beendete und die bewilligung für den grand prix aussetzte. das definitive ende besiegelten schliesslich der national- und ständerat 1957 resp. 1958 im strassenverkehrsgesetz. sie sahen kein nationales interesse an autorennen, „weil wir in der schweiz keine personenauto mehr herstellen“, auf dem bremgartenring also nur ausländische marken konkurrieren können.

der crash von le mans löste in der schweiz eine teifgreifende gesellschaftliche diskussion aus. eröffente hatt sie am sonntag nach dem unglück der berner heiliggeistpfarrer robert morgenthaler: „denn siehe, der herr kommt gewaltig, und sein arm wir herrschen“, predigte er. hans zbinden, der philosophieleherer in bern, doppelte nach: „wenn wir nicht den mut aufbringen, auf solche art wirtschaftlicher belebung zu verzichten, und zu einer entartung, in der die technik missbraucht wird, nein zu sagen, bleibt das ganze gehabe um verkehrsmoral und verkehrserziehung bare heuchelei.“ Selbst die nzz schonte in dieser debatte nicht mit kritik; der züricher pfarrer karl zimmermann forderte die schweizer auf, „sich der dämonie des motors zu entziehen“, und warnte vor dem abgrund, an dem die moderne menschheit unter der einwirkung einer entfesselten technik stehe.


einfach gedenktafel für verunfallten autorennfahrer achille varzi der im jahre 1948 auf dem bremgartenring verstarb

auch bern kennt seine grand-prix-toten: 9 rennfahrer haben zwischen 1947 und 1954, als die geschwindigkeit schneller als die wagentechnik fortschritte machte, ihr leben auf dem bremgartenring gelassen. 44 personen wurden zudem teils schwer verletzt. an achille varzi, dem stilisten unter den rennfahrer der nachkriegszeit, der bei einem trainigslauf 1948 tödlich verunfallte, erinnert noch heute eine kleine gedenktafel unmittelbar an der strasse. wie die meisten passanten bin auch ich einige jahre lang achtlos mit dem poschi daran vorbeigefahren. bis ich dann einmal die strecke abmarschierte und merkte, wie nahe unser “le mans” eigentlich ist.

eigentlich wäre ich heute, wo die formel wieder ihr selbstgewähltes, aber nur vorläufiges ende hat, gerne mit ulrich giezendanner rund um den bremer gewandert. denn der aargauer svp nationalrat war es, der am 2004 forderte, die formel 1 in der schweiz wieder zuzulassen. sauber sei der sport heute, sicher zudem und wirtschaftlich mit grossen entwicklungspotenzial verbunden, waren seine argumente. doch der spaziergang mit dem transporteur vom dienst war nicht möglich; giezendanner weilt ferienhalber in kuba!

„ende für die formel ohne ende!“, bleibt auch so meine hoffnung zum tag.

stadtwanderer

tierisch kommunikativ

es muss ja nicht immer tierisch ernst zu und her gehen in einem blog. die themen der letzten tage waren ein hartes brot, ich weiss: the devil wears-prada verriss, der berner modefrauen- resp. twingherrenstreit gehörten aber in diese kategorie. zur erholung dafür ein paar schnappschüsse, aufgenommen in der berner altstadt an einem rosenstand. ein bisschen berner alltag also!


(fotos: stadtwanderer)

der hundedialog hat sich so abgespielt:

– hej, schau mal was es da hat (1).
– rosen? futter wäre mir lieber (2).
– mal schnuppern, vielleicht sind rosen doch gut (3).
– lass uns gehen, das ist nichts für uns (4).

einen schönen tag für weitere schnappschüsse
wünscht der

stadtwanderer

der berner twingherrenstreit (1470)

ganz bewusst habe ich die vorhergehende geschichte den “berner modefrauenstreit” genannt und nicht den “berner twingherrenstreit”. unter diesem namen wäre das gleiche ereignis von 1470 jedoch viel bekannter gewesen. aber eben: es fasst nur die hälfte der geschichte im titel zusammen. deshalb habe ich mit den unbekannteren teil begonnen, und schiebe jetzt noch den bekannteren nach.


gesellschaft zum distelzwang: 1470 der sammelort der edlen twingherren, bis heute eine leicht geheimnisvoller treffpunkt

twingherren: die schwindende macht der feudalherren im spätmittelalter

in der feudalen gesellschaft waren twingherren jene adeligen, welche die untertanen zu verschiedenen leistungen aufbieten – und im falle einer widerhandlung eine busse kassieren – konnten. dabei ging es um steuerleistungen, gerichtstage, kriegsdienste, waffenschauen und transportleistungen.

normalerweise waren das weltliche oder kirchliche herren auf dem lande: landgrafen oder freiherren auf der einen seite, klöster mit ihren abten oder prioren auf der anderen seite. doch in bern war das anders: die twingherren sassen in der stadt. sie hiessen von bubenberg, von scharnachtal und von diesbach. und sie waren mächtig, denn sie dominierten die politik des kleinen rates, der täglich über stadt und land regierte. in der regel war einer von ihnen auch schultheiss.

doch ihre macht schwand im 15. jahrhundert. der grosse rat strebte danach, die adeligen twingherren in die schranken zu weisen. im prozess der bildung geschlossener territorien, in dem man sich befand, sollten die rechte nicht mehr an persönliche bindungen, sondern an staatliche zugehörigkeiten gebunden werden.

dass bei den osternwahlen 1470 peter kistler gewählt werden konnte, hatte mit einer der typischen uneinigkeit im stadtadel zu tun: gleich vier edle kandidaten bewarben sich um das amt des stadtherren und nahmen sich so wechselseitig die stimmen weg. so war kistler, ebenfalls kandidat, aber aus den reihen des gewerbes, am 23. april 1470 der lachende fünfte.

die folgen kennen wir: mit dem kleidermandat suchte der grosse rat, der die wahl kistlers vorgenommen hatten, dem stadtadel noch eins auszuwischen. doch im hintergrund ging es aber um mehr: um die macht der stadt über das land, und um die verteilung eben dieser macht in der stadt. es standen sich das bürgertum und der stadtadel gegenüber. dieser beharrte auf die hergebrachten rechte, jener bestand auf neuen. der unübersichtliche verband des feudalstaates sollte vereinfacht werden: die stadt, nicht der adel sollte herrschen!

der stadtadel nahm die herausforderung voll auf. nicht nur während der messe im münster liess man die situation eskalieren. auch politisch legte man ein paar holzscheit zu: zuerst boykottierte der adel die ratssitzungen. dann drohte er mit der aufgabe des bürgerrechtes und dem wegzug aus bern. ferner übte er wirtschaftliche pressionen auf das handwerk aus, und schliesslich mobilisierte der landadel seine untertanen in der bauernschaft gegen das bürgertum. kistlers mannen ihrerseits waren bestrebt, den kleinen rat zu schwächen und den grossen rat zu stärken, übten sich in disziplinierter teilnahme an den ratssitzungen und pochten auf die einhaltung des mehrheitsprinzips, das ihne im grossen rat knapp zu recht verhalf.

stadtbürgertum: die kommende macht im frühneuzeitlichen territorialstaat

wer im berner twingherrenstreit wirklich gewann, war lange umstritten. klar war nur, dass das kleidermandat zurückgenommen wurde. ebenso klar war auch, dass die twingherren auf einen teil ihrer rechte verzichteten. doch in der gewichtung neigte man zwischen adeliger und bürgerlicher parteinahme.

den zeitgenossen blieb vor allem der triumphale einzug der zurückgeholten ritter in die stadt. sie galten als die eigentlichen sieger im machtkampf mit peter kistler. doch sie sollten sich schon bald in allianzfragen zerstreiten. ab 1471 stellten sie erneut den schultheiss, peter kistler erleichterten sie den abgang als schultheiss durch die aufnahme in die edle gesellschaft “zum distelzwang”.

der zurückgekehrte adel fand aber nicht zu seiner alten stellung zurück, denn die alten eliten um adrian von bubenberg, anhänger der burgunderpartei, waren substanziell auf die einnahmen aus den twingherrschaften angewiesen, während die neue eliten im stadtadel um wilhelm und niklaus von diesbach, welche die franzosenpartei anführten, vor allem vom fernhandel lebten, und die abtretung von rechten an die stadt besser verkrafteten.

aus heutiger sicht fällt denn die würdigung des twingherrenstreites von 1470 eindeutiger aus: roland gerber, der die soziologie der berner gesellschaft im 15. jahrhundert erforscht hat, kommt zu folgendem schluss der umwälzungen: “obwohl es in bern im unterschied zu den meisten grössereen städten oberdeutschlands und der heutigen schweiz bis zum ende des mittelalters zu keiner in der stadtverfassung garantierten beteiligung der zünfte an den ratswahlen kam, entwickelten sich diese auch in der aarestadt zu den sozialen, ökonomischen und politischen grundeinheiten der stadtgemeinden. in den vier vennergesellschaften und der von den adeligen twingherren gegründeten herrenzunft zum distelzwang sassen im 15. jahrhundert zahlreiche vermmögende ratsherren, die die zunftmitgliedschaft als ausgangspunkt für eine ämterlaufbahn innerhalb des regiments nutzten.” und diese führte in den grossen und in den kleinen rat, und nach der reformation als landvögte berns in eine der alten twingherrschaften: nun aber als abgesandte des staates bern!

der twingherren und frauenmodestreit: beginn der politischen theoriebildung

der ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle konflikt in der stadt bern, der 1470 aufschimmerte, hinterliess in der im 15. jahrhundert entstehenden geschichtsschreibung in bern einen tiefe spur: stadtschreiber thüring fricker verfasste eine nach allen regeln der rhetorischen kunst aufgebaute, selbst literarisch bedeutsame darstellung, nahm aber einseitig für die twingherren stellung. bendicht tschachtlan, der als chronist auf fricker folgte, korrigierte das bild und hob die argumente des bürgertums stärker hervor. diebold schilling schliesslich, der im letzten viertel des 15. jahrhunderts die offizielle stadtgeschichte schrieb, nahm die kritiken am adel wieder um einiges zurück.

die geschichtsschreibung, die in bern mit der chronik von conrad justinger 1420 begonnen hatte, wurde so zum politischen instrument. das blieb nicht ohne folge: thüring fricker entwickelte in seiner darstellung eine erste theorie des regierens im spätmittelalter, die den exemplarischen konflikt zwischen stadtadel und bürgertum im süden des zerfallenden heiligen römischen reiches beleuchtete!

“schein und sein”, “haute couture und hohe politik” “laufsteg und karriereleiter” waren schon im 15. jahrhundert eine symbiotische beziehung eingegangen, die man erst versteht, wenn man sich mode und politik, glamour und macht in verbindung ansieht.

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der berner modefrauenstreit (1470)

bei den osternwahlen 1470 kam es in der stadt bern zum eklat: erstmals wurde mit peter kistler kein stadtadeliger, sondern ein bürgerlicher zum schultheissen gewählt, und eben dieser kistler schickte sich als erstes nach seiner wahl an, ein kleidermandat zu erlassen, dass schnabelschuhe und schleppen, modische distinktionsmerkmale des adels, kurzerhand verbot. doch der stadtadel holte zum gegenschlag aus, und demonstrierte im berner münster, mit langen schnabelschuhen und überbodenlangen schleppen, während der heiligen messe! der bericht zum berner modefrauenstreit von 1470.


1450er jahre: noch dominieren einfache frauenkleider das stadtbild

veränderungen der europapolitik

was nur war geschehen in der stadt bern? 1414 hatte der könig sigismund bern zum vollwertigen stand seines reiches gemacht, und nur ein jahr später forderte er diesen stand auf, gegen das verfeindete haus habsburg vorzugehen, und ihm die stammlande im aargau abzunehmen. erfolgreich, wie man weiss. bern war es auch, das nach der militärischen niederlage in st. jakob an der birs, gegen die französischen truppen der eidgenossenschaft 1452 einen freundschafts- und handelsvertrag mit frankreich schmackhaft machte, und so handel und soldwesen beförderte. 1467 vervollständigte die aufstrebende stadt ihr aussenpolitisches bündnissystem, indem sie mit freiburg, solothurn und zürich auch mit dem hause burgund einen solchen vertrag einging.

das alles passierte, weil im 15. jahrhundert die staatliche territorialisierung des unter adeligen verhältnissen zerstückelten landes eine neuorientierung erforderte, bei der es galt, europäische und lokale interessen in übereinstimmung zubringen. bern handelte in dieser zeit ausserordentlich geschickt, vergrösserte nicht nur ihr territorium, sondern auch ihr ansehen als europäisches zentrum.

doch handel und pensionen, die so aufblühten, hinterliessen gerade in den 1460er ihre teifen spuren in der stadt: man nun wer und zeigte dies auch! der stadtadel war zu reichtum gekommen, musste aber auch vermehrt und weitherum repräsentationspflichten wahrnehmen. es änderte sich nicht nur die ökonomische lage der führenden stadtfamilien, auch das auftreten unterlag einem markanten wandel. in anlehnung an die sitten, durch die renaissance gespiesen und namentlich am burgundischen hof vorgelebt, änderte sich auch die kleidung in bern.


burgundischer hof in dijon: trendsetter in sachen höfischer mode seit den 1460er jahren

veränderungen der berner mode

was für ein skandal war das! männer trugen nun kurze röcke und strümpfe als beinkleider, und frauen pflegten ausgeschnittene und taillerte kleider zu tragen und sich in überbodenlange schleppen zu hüllen. fertig war die zeit des einfachen sacks, dem graden stoffstück, mit einem loch in der mitte für den kopf, das über den körper gestülpt wurde, links und rechts notdürftig zusammengenäht war und einzig mit einer kordell um den bauch etwas geformt wurde. fertig waren auch die zeiten des simplen tuchs, das die frauen auf dem haupte trugen: elegente hüte mit feinem gefrense waren jetzt angesagt!

berner trendsetter in dieser mode war die familie von bubenberg, angestammt und angesehen, und seit der stadtgründung unzählige male mit dem amt des schultheissen betraut. mit ihrem jüngsten spross, adrian von bubenberg, kam das neue outfit en vogue. nicht nur der ritter, vor allem auch seine mutter, anne von rosenegg, und seine zweite frau, jeanne de la sarraz, liebten es, wie an ausländischen höfen durch berns strassen zu defilieren und promenieren.


das kleidergericht: prominente bernerinnen aus dem adel werden durch die sittenmandate des metzgermeisters kistlers angeklagt

bernische sittenmandate gegen europäische unsitten

doch das kam nicht gut! schon 1464 hatte die berner obrigkeit versucht, mit dem ersten kleidermandat der geschichte die äusseren modeeinflüsse abzuwehren. erfolglos war man geblieben, denn die selbstbewusste gesellschft an der junkern- und müstergasse liebte den laufsteg vor dem müster und kleidete sich unversehens weiter modisch, auffällig und extravant.

als peter kistler, der metzgermeister mit politschem ehrgeiz, der aufsteiger, der nicht aus den traditionellen oder nobilisierten familien des stadtadels stammte, 1470 überraschend genug zum schultheissen gewählt wurde, verblüffte er die öffentlichkeit gleich noch ein zweites mal: noch gleichentags mobilisiert er den grossen rat, in dem die handwerker die mehrheit besassen, gegen die junker und kaufleute, die im kleinen rat das sagen hatte. mit einem paukenschlag erneuerte er das kleidermandat von 1464. darin beharrte das aufstrebende bürgertum auf dem verbot von “schnabel und schwänzen”, wie man die männerschuhe und frauenschleppen nannte, löste aber eine öffentliche demonstration der adeligen gesellschaft aus, die in ostentativer übertretung des mandates mit schleppen und schnabelschuhen zur messe im berner münster erschien.

für diesen frechen auftritt im adelsornat wurde zahlreiche stadtadelige vor gericht gestellt, – und gebüsst! in der aufgewühlten stimmung nützten den edlen ihre argumente erstmals nichts mehr. ihr recht auf distinktion, das sich in kleidung, schuhen und schmuck äussere, wurde ihren glatt weg abgesprochen. inakzeptabel erschien es nun, selbst an werktagen, an dem die noble gesellschaft auf seidene und goldene kleider verzichtete, sich mit schnabelschuhe nund schleppen von normalen leuten abheben zu wollen.

22 edle damen und herren wurden nach diesem gerichtstag aus der stadt bern verwiesen. die von bubenbergs, die von scharnachtal und die von diesbach waren wegen ihrer mode in die verbannung gedrängt worden.


die rückkehr des europäisierten stadtadels aus der modeverbannung

die rebellion der europäisierten stadtadeligen

doch der gepeinigte stadtadel liess sich nicht lumpen! er organisierte seine hausmacht auf dem lande und setzten die stadt unter wirtschaftlichen druck. peter kistler sah sich schon nach einem monat gezwungen, die verbannten wieder herein zu bitten und die kleiderordnung zu ihren gunsten zu modifizieren. sie durften ihre statussymbole, welche den sozialen und politischen führungsanspruch der junker und kaufleute dokumentierten, behalten und gingen aus dem grossen modestreit in bern, den sie mit der bürgerschaft ausfochten, sozial voll rehabilitiert hervor.

ein jahr später wurde peter kistler als schultheiss nicht mehr wieder gewählt. sein versuch, die stadt zu reformieren, war gescheitert. vielmehr hatte man ihm mit spitzen schnabelschuhe das bein stellt, und war er über bodenlange schleppen politische ins abseits gestolpert.

the devil allways wears prada?

allerdings, wäre die geschichte unvollständig erzählt, wenn man sie nur aus der modesicht schildern würde. eine einfache “the devil wears prada”-story will ich ja nicht bieten. also lesen sie die nächste ausgabe in meiner kleinen berner modereihe aus dem spätmittelalter!

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